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Erläuterung der anthropologischen Voraussetzungen des Glaubens. Ist jeder Mensch ein Glaubender?

Essay 2013 8 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Im Umfang der folgenden Seiten möchte ich mich mit den anthropologischen Voraussetzungen für den Glauben beschäftigen, wobei der Fokus auf dem Menschen und seiner Fähigkeit zum Glauben liegt. Es stellt sich die Frage, ob jeder Mensch schlussendlich somit ein Glaubender ist bzw. sein muss.

Jeder Mensch hat sich schon einmal mit der Frage nach Gott, oder ob es etwas Überirdisches gibt, auseinandergesetzt. Die Anthropologie blickt auf diese Frage mit der Ausrichtung, warum es den „Glauben“ gibt und woraus er entstanden ist, sowie ob jeder Mensch zum Glauben fähig ist. Denn das ständige Bedürfnis nach Erklärungen für die sie umgebende Umwelt und die sich ereignenden Phänomene ist ein Charakteristikum des Menschen. Deshalb stellen sich mir vier zentrale Fragen: Warum kann der Mensch glauben? Warum muss der Mensch glauben? Welche Auswirkungen hat der Glaube auf den Menschen? Ist demnach jeder Mensch zwangsweise ein Glaubender? Diese Fragen gedenke ich in der folgenden Erläuterung zu beleuchten, sowie ein persönliches Fazit zu formulieren.

Zuerst soll also geklärt werden, ob der Mensch glauben kann und warum er es kann. Folglich muss man sich verdeutlichen, welchen Eigenschaften es bedarf, damit der Mensch glauben kann.

Eine der wichtigsten Eigenschaften besteht unbestritten darin, dass der Mensch durch sein höher entwickeltes Gehirn komplexere Denkmuster entwickeln kann, wodurch es ihm möglich ist die Erkenntnis zu erlangen, dass es einen überirdischen Ursprung gegeben haben muss. Denn dies verschafft ihm einen Zugang zur Wirklichkeit, indem dieser überirdische Ursprung einen unanzweifelbaren Ausgangspunkt für das weitere Denken und Handeln bietet. Weiter kann dies als Voraussetzung dafür gelten, die Selbstmitteilung Gottes oder eines übernatürlichen Wesens erfassen zu können. Einige Forscher gehen sogar von einer neuronalen Disposition zum Glauben aus[1]. Allerdings müsste man dabei nach Rahner davon ausgehen, dass die Schöpfung auf der Gnade dieses Wesens beruht[2] . Darüber hinaus hat der Glaube den Anspruch nicht nur eine subjektive, sondern auch eine objektive Gültigkeit zu besitzen. Die subjektivierende Innenperspektive und die objektivierende Außenperspektive können beide vom Menschen eingenommen werden sowie ineinander transferiert und miteinander verbunden werden[3] . Deshalb ist es möglich dem Glauben eine rationale Basis zu gewährleisten, welche von allen Menschen kognitiv hergestellt werden kann.

Sprache befähigt ebenso zum Glauben. Denn durch sie können sich die Menschen über die Welt und ihre Phänomene diskurshaft austauschen, wodurch Fragen und Ungeklärtes offengelegt werden. Diese wiederum können einen Ansatzpunkt für einen Glaubensprozess darstellen. Darüber hinaus kann der Mensch durch die Kommunikation seinen Glauben besser und genauer definieren, was essentiell für die Findung von Glaubensgemeinschaften ist. Innerhalb dieser Gemeinschaften kann eine weitere Auseinandersetzung mit den Themen stattfinden.

Zudem benötigt der Mensch zusätzlich die Ratio - sprich die Vernunft, welche die Denkprozesse leiten soll, auf welchen die Erkenntnis beruhen soll, dass es einen Gott geben muss[4]. Evolutiv musste sich der Mensch so der Realität anpassen, dass er überleben konnte. Dazu musste sich der Mensch in seiner Realität zurechtfinden, weshalb er die Innen- und Außenperspektive auf die Realität einnehmen und verarbeiten können musste. Die Fokussierung auf lediglich eine der beiden Perspektiven, würde keine adäquate Repräsentation der Realität ermöglichen. Folglich könnten auch keine adäquaten Handlungsmuster aufgebaut werden, was evolutiv nachteilig wäre. Auch hier waren die vernunftgeleiteten Denkprozesse von Nöten, um situativ sein Handeln besser abschätzen zu können.

Doch die zentrale Fähigkeit, welche den Menschen befähigt glauben zu können, ist die Transzendenzfähigkeit des Menschen[5] . Diese beschreibt das Überschreiten der Grenzen der Erfahrung und des Bewusstseins[6] . Dadurch sind die Menschen fähig über etwas nachzudenken, was nicht bewiesen oder nicht fassbar ist. Bezogen auf den Glauben bedeutet dies, dass es für das glaubende Subjekt möglich ist, an etwas Überirdisches und somit nicht fassbares und unbewiesenes zu glauben sowie diese Glaubensinhalte zu verstehen[7] . Aber auch bezogen auf den Alltag ist es ihnen möglich Hypothesen aufzustellen oder abstrakte Sachinhalte zu diskutieren. Somit stellt sich der Mensch die Frage nach dem Gegenstand der Erkenntnis, was gleichzeitig die Frage nach dem Subjekt selbst impliziert[8] . Dieses stellt damit den Grund und auch den Horizont der möglichen Erkenntnis dar. Der Selbstvollzug führt damit unweigerlich zum Daseinsvollzug[9] .

Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Grundvoraussetzungen für den Glaubensprozess darin liegen, dass der Mensch durch Sprache, Vernunft, Transzendenz und seine komplexen Denkmuster sich mit seiner Umwelt produktiv auseinandersetzen kann.

Im Folgenden wäre nun zu definieren, warum der Mensch glauben muss. Folglich muss man nun herausfinden, wo die zuvor erläuterten Fähigkeiten für den Menschen elementar sind.

Eine der Hauptanwendungsgebiete des Glaubens, liegt in der Möglichkeit einen Weltdeutungsansatz für die Menschen zu liefern[10]. Schließlich werden über den Glauben bestimmte Blickwinkel auf die Wirklichkeit transportiert. Daraus folgend ergibt sich innerhalb der oben angenommenen Glaubensgemeinschaften ein jeweils anderer Interpretationsansatzpunkt für die Realität und ihre Bedeutung für den Menschen. Somit erschließt sich eine Vielfalt von Wahrnehmungsmöglichkeiten der Realität, was wiederum den Diskurs über die Interpretation der Umwelt und ihrer Phänomene anregen und strukturieren kann. Diese verschiedenen Weltdeutungen können den Menschen Sicherheit und eine Lebensausrichtung bieten, was das Leben dieser vereinfacht, da sie sich nach feststehenden Grundsätzen, welche die Glaubensgemeinschaften festgelegt haben, richten können.

Aus dieser Erklärungsbedürftigkeit der den Menschen umgebenden Umwelt leitet sich der nächste Aspekt ab. Denn die Wissenschaft, welche die Phänomene innerhalb der wahrgenommenen Realität und unseres Daseins versucht aufzuklären, kann nicht alle Aspekte unserer Wirklichkeit erfassen. Doch benötigt der Mensch eine gewisse Informationsbasis, um seine Handlungsfähigkeit zu festigen.

Darüber hinaus lässt sich grundlegend festlegen, dass der Mensch mindestens an die Wahrheitsfähigkeit des Denkens glauben muss, damit er nicht in Unsicherheit und die daraus resultierende Handlungsunfähigkeit verfällt. Denn es wird generell vorausgesetzt, dass es keine letzte Gewissheit gibt und wir uns in einem unendlichen Ozean des Unwissens befinden, was durch das Trilemmata der Erkenntnis nach Hans Albert verdeutlicht wird[11]. Gibt es folglich keine letzte Gewissheit, dass das angesammelte Wissen durch die Wissenschaft bestand hat, muss der Mensch an die Wissenschaft und deren Fähigkeit zur Wahrheitsfindung glauben.

Doch auch die Antizipation einer humanen Welt kann nicht ohne den Glauben vom Menschen vollzogen werden. Dazu benötigt er die Gewissheit, dass es grundsätzlich möglich ist die Welt zu begreifen, um einer verfrühten Frustration und Resignation gegenüber der Humanität und dem möglichen Zusammenleben im Sozialverband präventiv entgegen zu wirken. Ebenso der Glaube an einen allgemeinen Sinn sowie an Humanität und Güte befähigen den Menschen ein soziales Leben anzustreben und zu führen. Schon Nietzsche sagte: „Wer ein ‚Warum‘ zum Leben hat, erträgt fast jedes ‚Wie‘“[12].

Dieser Gedanke leitet zu der angestrebten Abgrenzung des Menschen von den Tieren über. Denn ethisches Verhalten gilt als führendes distinktives Abgrenzungsmerkmal gegenüber dem Animalischen. Wie eben festgestellt ist der Glaube eine Basis für ethisches Verhalten, was darauf hindeutet, dass sich dieser, wie auch das ethische und soziale Verhalten, phylogenetisch im Laufe der Evolution durchgesetzt hat. Folglich könnte man von einem phylogenetischen Drift zum Glauben sprechen, welcher ebenfalls als distinktives Merkmal innerhalb der Hominisation und Humanisation festzuhalten ist[13]. Damit hat der Mensch durch den Glauben das Animalische transzendiert ohne sich davon loszulösen. Daraus wiederum ergeben sich für den Menschen mehr Verhaltensmöglichkeiten als es ihm bei einer Reduktion auf seine animalischen Anlagen möglich wäre. Dies befähigt ihn zu komplexeren Handlungsmustern, welche jeweils auf fundierten moralischen Grundsätzen beruhen, die wiederum aus der Interpretation der Umwelt und des Daseins des Menschen abgeleitet worden sind. Schlussendlich kann man festhalten, dass der Glaube an etwas starken Einfluss auf das Handeln des Menschen hat, da er seine Entscheidungen nach der gedanklichen Ausrichtung auf seine Umwelt stützt.

Festhalten kann man nun, dass die Erklärungsbedürftigkeit der uns umgebenden Umwelt und die essentiell nötige Handlungsfähigkeit vom Glauben abhängig sind. Denn erst durch ihn erhalten wir eine fundierte Sicht auf die Realität und die Möglichkeit Wissen zu erlangen, auf welches wir unser Handeln stützen bzw. richten können. Soziales bzw. ethisches Verhalten und die angestrebte Abgrenzung zum Animalischen finden ebenfalls ihren Ursprung bzw. ihre Begründung im Glauben, da es sich zum einen um ein distinktives Merkmal handelt sowie um eine Fundierte Basis für das Handeln. Folglich wirkt sich der Glaube insofern auf den Menschen aus, dass er ihn zur Humanität als auch zum Fortschritt und zur Weiterentwicklung befähigt.

[...]


[1] Vgl.: Kraft, Ulrich: Wo Gott wohnt, In: ders.: Gehirn und Geist Dossier 1/2003, S.6-8.

[2] Peter, Anton: Rahners Transzendentaler Ansatz beim Ich. In: Befreiungstheologie und Transzendentaltheologie. Enrique Dussel Und Karl Ahner im Vergleich, Hg. Von Remigius Bäumer U. A., unter Mitwirkung der Professoren der Theologischen Fakultät Freiburg. Freiburger Theologische Studien Band 137. Freiburg im Breisgau, Basel, Wien: Herder 1988, S. 412-414; S.460. Im Folgenden: Rahner Transzendentaltheologie.

[3] Ebd.

[4] Vgl.: Papa Johannes Paul II.: Enzyklika Fides Et Ratio Von Johannes Paul II. An die Bischöfe der katholischen Kirche über das Verhältnis von Glaube und Vernunft. Band 135 Von Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls. 1998.

[5] Vgl. Rahner Transzendentaltheologie .

[6] Reader’s Digest: Transzendenz. In: Ders.: Fremdsprachliche Begriffe Verstehen und richtig anwenden. Hg. Von Reader’s Digest. Autorisierte Sonderausgabe für Reader’s Digest – Deutschland, Schweiz, Österreich. Stuttgart, München: Verlag Das Beste 2006, S. 482.

[7] Vgl. Rahner Transzendentaltheologie.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Vgl.: Rahner Transzendentaltheologie.

[11] Lüke, Ulrich: Mensch – Natur – Gott: Naturwissenschaftliche Beiträge und theologische Erträge. Band 1 Von Theologie: Forschung und Wissenschaft. Münster: Lit 2002, S.35f. Im Folgenden: Lüke: Mensch – Natur – Gott.

[12] www.Jahrdesglaubens.At/Jdg/Tageslosung/Article/105260.Html; Diözesanseite der Katholische Kirche Österreich; Eingesehen 03.12.2013.

[13] Vgl.: Lüke: Mensch – Natur – Gott, S.46.

Details

Seiten
8
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783956876202
ISBN (Buch)
9783668004160
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300589
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,7
Schlagworte
Rahner Anthropologie Glaube Transzendentaltheologie

Autor

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