Lade Inhalt...

Die Vater-Sohn-Beziehung in Marie von Ebner-Eschenbachs "Der Vorzugsschüler"

Hausarbeit 2014 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Zur Erzählung

Die Figur des Sohnes Georg

Die Figur des Vaters Offizial Pfänner

Zur Beziehung von Vater und Sohn

Die Figuren als Funktionsträger für Gesellschaftskritik

Schlussbemerkung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert beschäftigten sich viele namhafte Schriftsteller in ihren Werken mit dem Schülerselbstmord. Dazu gehören unter anderem Marie von Ebner-Eschenbachs (1830 - 1916) "Der Vorzugsschüler" (1898)1, "Frühlings Erwachen" (1891) von Frank Wedekind, "Die Turnstunde" (1902) von Rainer Maua Rilke, "Freund Hein" (1902) von Emil Strauß und "Unterm Rad" (1906) von Hennann Hesse.

Thematisiert wird der von Schule und Elternhaus ausgeübte Leistungsdruck, der in der Zerstörung der Kinder bis Irin zum Selbstmord gipfelt. Angeprangert wuiden Missstände, die sich aus emer Umstruktunenmg des Bildimgssystems unter Kaiser Wilhelm II. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ergaben: Bildung diente der Aufzucht wertvoller Staatsbürger, wobei eine an nationalen Werten imd industriellem Fortschritt orientierte Linie verfolgt winde, die vor allem sozialdemokratische Einflüsse der Arbeiterbewegung ablehnte. Es galt die Bildung in den Dienst des Staates zu stellen.2Dem Unterricht mangelte es an Einheit und der ihn auszeichnende Rationalismus war auf ein Spezialistentum ausgerichtet34, das sich von vielen Schülern nicht erreichen ließ und zu Überforderung fühlen musste. Tatsächlich gab es im Zeitraum von 1883 bis 1905 etwa 53 Schülerselbstmorde jährlich in Preußen, wovon circa die Hälfte auf eine zu hohe Schulbelastung Zurückzufuhren waren.'1Die Besonderheit im Zusammenhang von Schülerselbstmord in der Literatur der Jahrhundertwende im Falle von Marie Ebner-Eschenbachs "Der Vorzugsschüler" ist nun, dass gerade mcht das Schulsystem angeklagt wird, ein junges Leben zu zerstören, sondern dass als Quelle des Leistungsdrucks einzig der Vater beschrieben wird. Diese Tatsache und dass dieses Werk im Seminar nicht behandelt wuide und noch einmal ein anderes Licht auf das Thema Schülerselbstmord werfen kann, war Auslöser, mich mit dem Text eingehender zu beschäftigen. Meines Erachtens ist es mcht zutreffend, wenn Noob Ebner-Eschenbachs "Der Vörzugsschüler" in einem Atemzug ìmt Hesses, Strauß1, Wedekinds und Rilkes obengenannten Werken aufzählt, weil sich der Text gerade nicht mit den schulischen Verhältnissen der Zeit auseinandersetzt und weder Missstände des Bildungssystems artikuliert noch nach einer Neugestaltung verlangt.5Obwohl auch Ebner-Eschenbach dies zum Zentrum liner Kn tik hätte machen können, beachtet man, dass das Bildungssystems Österreichs eine harte Umstmkturienmg im Sinne des Wilhelmimschen erfuhr, da man das Bildungssystem der k.u.k. Monarchie als Grand für das Versagen im Krieg ansah:

Der Sieg Preußens über Österreich im Jahre 1866 hatte nicht nur das Ausscheiden des Habsbuigerreiches aus dem deutschen Bund imd damit den Verlust des Rückhalts der deutschsprachigen Bevölkerung Östeneichs im nationalen Hinterland und einen tiefgreifenden Umbau des Staates zur Folge, sondern trieb die in den Revolutionsjahren begonnenen Schulreformen von neuem voran. Die Niederlage wurde nämlich auf die schlechtere schulische Ausbildung der österreichischen Soldaten zurückgeführt.6

Doch dies ist nicht der Fall und einzig der Selbstmord eines Schülers verbindet diese Werke thematisch. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Vater und Solin und die Überforderang des Sohnes durch die Anforderungen des Vaters, die sich einzig am sozialen Aufstiegsgedanken des Kleinbürgertums orientieren. Dem ist alles unterzuordnen.

Im Folgenden möchte ich auf die beiden Figuren von Vater und Sohn eingehen und ihre Beziehung zueinander darstellen. Als nächstes werde ich zeigen, wie das Verhalten des Vaters aus den Idealen des Kleinbürgertums erklärt wird, um dann die Frage nach den Figuren als Funktionsträger der Gesellschaftskritik zu klären. Handelt es sich um Charaktere oder um Gefäße stereotyper Merkmale, mit deren Hilfe Probleme der kleinbürgerlichen Familie thematisiert werden sollen?

Zur Erzählung

Maiie von Ebner-Eschenbachs Erzählung schildert einige Wochen im Leben der Familie Pfänner, eine in einer imgenannt bleibenden österreichischen Stadt lebende kleinbürgerliche Familie, deren ganzes Leben sich um den unbändigen Aufstiegswillen des Vaters, Herrn Offizial Pfänner, dreht. Zu Beginn der

Handlung befinden wir uns in der Stube, wo der Sohn Georg über eurer Rechenaufgabe grübelt. Bereits am Anfang macht der auktoriale Er-Erzälrler, der eine Innensicht aller beteiligten Figuren gibt, unmissverständlich klar, wie ernst die Lage ist:

Es war Ende März, und in wenigen Monaten mußte Georg Pfänner aus der dritten Klasse, wie aus jeder früheren Voibereitungs- und Gymnasialklasse, als Vorzugsschüler hervorgegangen sein. Mußte! Wohl und Weh des Hauses hing davon ab, der - wenigstens relative - Frieden seiner Mutter, der Schlaf ihrer Nächte...7

Der Erzähler lässt kaum Freiraum für Interpretationen des Lesers, (da die Erzählweise stark weitend ist). Schnörkellos und klar, mit einigen wenigen Rückblicken werden die Ereignisse von März bis Mai, wie ich spekuliere, beschrieben. Dafür' werden sowohl innere Monologe als auch direkte Figurenrede eingesetzt. Für die Beschreibung des ersten und letzten Tages nimmt sich der Erzähler besonders viel Zeit, sie machen circa ein Viertel des gesamten Textes aus. Wieviel Zeit wählend der Handlung vergeht, bleibt unklar.

Wie bereits oben angedeutet, ist bei Ebner-Eschenbach, anders als bei Wedekind, Hesse, Strauß und Rilke, nicht die Schule der Verursacher oder Beförderer des Leistungsdrucks, sondern das Gegenteil ist der Fall. Am letzten Tag der Erzählung begibt sich der Vater in die Schule, um den Direktor trotz Georgs nachlassendem Fleiß um einen Abschluss als Vorzugsschüler, also einen der vier besten des Jahres, zu bitten. Der Direktor teilt ihm mit, dass vom nachlassenden Fleiß keine Rede sein kann und dass Georg in dieser Hinsicht beispielhaft ist, dass jedoch sein Leistungsmaximum erreicht scheint und Pfänner den Jungen wohl über seine Fähigkeiten hinaus über fordert.8 Wie nun werden die Figuren Georg und Offizial Pfänner entwickelt?

Die Figur des Sohnes Georg

Zu Beginn der Handlung ist Georg dreizehn Jahre alt, von seinem vierzehnten Geburtstag wird man lesen. In den vergangenen zwei Jahren liat er als erstbester und zweitbester Schiller abgeschlossen. In seinem dritten Jahr auf dem Gymnasium besteht die Gefahr, dass er die letzte Primus-Position, der viertbeste des Jahrgangs, verfehlt, wobei der Erzähler keinen Zweifel an Georgs übennäßigem Fleiß lässt. Das Lernen fällt ihm zunehmend schwerer und sein einziger Anhieb den Fordeiungen des Vater nach übenagenden Schulleistungen nachzukommen, besteht in der Liebe zu seiner Mutter, Frau Agnes Pfänner. Nur um ihr Kummer zu ersparen und ihr das Leben nicht zusätzlich zu erschweren, be­wältigt er die Anforderungen des Vaters. Denn wenn Georgs Leistungen nicht den Ansprüchen des Vaters genügen, wird auch die Mutter zur Verantwortung gezogen, denn sie befördert das Absinken des Sohnes ins Mittelmaß.

Wie Hemer in Emil Strauß' "Freund Hem"9, so zeigt auch Georg Talent zur Musikalität10. Für eine kurze Weile hatte er ein Flöte besessen und für einige Tage kann er eme Nachtigall11vor den Eltern geheimhalten. Doch zum Broterwerb mit Musik scheint es auch hier nur die Möglichkeiten zu geben, als Hausierer mit dem Leierkasten von Haus zu Haus zu ziehen und milde Gaben zu erbitten. Es ist keine standesgemäße Anstellung. Als richtiger Berufswunsch wird es von Georg jedoch nicht genannt, so wie vieles im Unklaren bleibt, was Georg als Person, außer des verhassten Lernens und der innigen Beziehung zur Mutter, ausmacht.

Von Schulfreunden Georgs erfährt der Leser nichts. Einzig der fünfzehnjährige jüdische Hausierer Salomon Levi, der Kleinigkeiten aus einem Handwagen auf Georgs Schulweg verkauft, scheint ein guter Bekannter zu sein. Man redet und klagt sich einander das Leid.12Salomon würde gern mit Georg tauschen und zur Schule gehen. Er glaubt auch, dass seine geistigen Fälligkeiten dazu ausreichend sind. Georg scheint dagegen nichts sehnlicher zu wünschen, als der Schule den Rücken kein en zu dürfen, denn er selbst zweifelt an seinem Talent.13Und so könn­te es mein als Trotz sein, wenn er dem Vater entgegnet, dass er nichts dagegen hätte in die Lein e zu gehen.

"Du bleibst Vorzugsschüler, oder ichgeb dich zu einem Schuster in die Lehr."

[...]


1Die in Klammem angegebenen Jahreszahlen nennen das Erscheinungsjahr.

2Vgl. Noob, Joachim (1998): Der Schülerselbstmord in der deutschen Literatur um die Jahrhundertwende. Heidelberg (Beiträge zur neueren Literaturgeschichte Folge 3, Bd. 158), S. 99.

3Vgl. ebd.,S. lOOf.

4Selter, Hugo (Hg.) (1914): Handbuch dei' deutschen Schulhygiene. Dresden, Leipzig, S. 487.

5Vgl. Noob 1998, S. 117.

6Engelbrecht, Helmut (1986): Geschichte des österreichischen Bildungswesens. Erziehung und Unterricht auf dem Boden Östeneichs. Bd. 4. Von 1848 bis zum Ende der Monarchie. Wien, S. 13.

Ebner-Eschenbach, Marie von: Der Vorzugsschüler. (1898) Der Hofrat. (1912) Zwei Erzählungen. Vollständiger, durchgesehener Neusatz, herausgegeben von Michael Holzinger. Berlin 2013, S.l.

8Ebd, S. 30.

9Vgl. Strauß, Emil: Freund Hein. Eine Lebensgeschichte (1902). Stuttgart 1995 (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 9367), S. 12.

10Vgl. Ebner-Eschenbach 1898, S. 9.

11Vgl. ebd., S. 7f. Die 'Nachtigall' ist ein kleines Gaumeninstniment zum Imitieren von Vogel­stimmen.

12Vgl. ebd., S. 8.

13Vgl. ebd., S. 15.

Details

Seiten
16
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656967705
ISBN (Buch)
9783656967712
Dateigröße
3.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300541
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Germanistisches Institut
Note
1.0
Schlagworte
Schülerselbstmord Ebner-Eschenbach Kleinbürgertum

Autor

Zurück

Titel: Die Vater-Sohn-Beziehung in Marie von Ebner-Eschenbachs "Der Vorzugsschüler"