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Medikotechnische Rekonstruktion und kulturelle Konstruktion. Therapeutik und Symbolik von Versehrten während des Ersten Weltkriegs

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 30 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Medizin der Vorkriegszeit im Deutsches Reich und in der französischen Republik
2.2 Krieg und Medizin: Versuch der medikotechnischen Rekonstruktion
2.2.1 Die Herausforderungen an die deutsch-französische Medizin durch den Krieg
2.2.2 Die Reaktionen der deutschen und französischen Medizin auf den Krieg am Beispiel der Prothetik
2.3 Krieg und rekonstruierter Körper: Versuch der kulturellen Konstruktion
2.3.1 Die kulturell konstruierte Prothese
2.3.2 Der kulturell konstruierte Prothesen-Körper

3 Schlussbetrachtung
3.1 Rückblick
3.2 Ausblick

4 Bibliographie
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

5 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Mitte April 1914 fand in New York der vierte Internationale Chirurgenkongress statt. Einer der Themenschwerpunkte war die Frage nach Amputationstechniken. Nachdem der Düsseldorfer Chirurg Witzel über die vermeintliche Notwendigkeit von Amputationen referiert hatte und bevor der Arzt Durand aus Lyon über die Amputationstechniken des Fußes und der Beine vortragen sollte, war J. F. Binnie, ein Mediziner aus Kansas-City, an der Reihe. Dieser hielt seinen Vortrag jedoch nicht alleine, sondern zusammen mit drei Veteranen aus dem Spanisch-Amerikanischem Krieg von 1898 – und sorgte damit, wie ein Augenzeuge festhielt, für „grosses Aufsehen unter den Kongressteilnehmern“: Zwar waren alle drei mit Prothesen nach Armamputationen versehen, dennoch „war die Gebrauchsfähigkeit der Finger und Hand ganz erstaunlich. Sie konnten schreiben, Gegenstände ganz fest halten, Münzen aufheben, ein Streichholz anzünden etc.“[1]

Die Episode fand wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs statt und wurde vom Berichterstatter des Publikationsorgans Münchener Medizinische Wochenschrift aufgezeichnet. Mit dem Verweis auf die drei Veteranen spielt er auf eine entscheidende Tatsache an: Kriege generell, im Falle Binnies speziell Kriege der Moderne mit ihrer Tendenz zur Eskalation, sorgten (und sorgen) aufgrund der großen Quantität an Verwundeten für einen mitunter millionenfachen Ansturm auf Praxen und Behandlungsstationen der Ärzte. Kriege wiesen Ärzten damit eine Rolle zu, die sich nicht mehr nur auf das individuelle Arzt-Patienten-Verhältnis beschränkte, sondern die sich auch auf den Dienst am ‚Volkskörper‘ bezog.[2]

Eine ärztliche Behandlung, das macht J. F. Binnies Vortrag zudem deutlich, beinhaltete im Zusammenhang mit einem Krieg mehr als einzig den Versuch, die physischen Schäden der drei Veteranen zu ‚beheben‘, sie mittels chirurgischer, orthopädischer und technischer Eingriffe zu rekonstruieren. Binnie therapierte seine Patienten nicht nur, er inszenierte sie auch: als lebender Beweis für die Leistungskraft der US-amerikanischen Prothetik und für die damit verbundene medizinische Suprematie.[3] Die rekonstruierten Invalidenkörper wurden gewissermaßen zum kulturellen Konstrukt, das sich sowohl in bereits existierende Narrative einschreiben als auch Deutungsangebote liefern sollte. Binnies Rolle beschränkte sich dementsprechend nicht nur auf den behandelnden Mediziner; er gab sich auch als experimentierfreudiger Techniker (in Bezug auf seine Prothesen), ebenso als geschickter Referent (dank der quasi interaktiven Einbeziehung seiner Patienten). Es ist dieses komplexe Verhältnis zwischen Krieg, medikotechnischer[4] Rekonstruktion und der damit verbundenen kulturellen Konstruktion, das in dieser Arbeit anhand von Amputationstechnik und Prothetik analysiert wird.

Eine Untersuchung dieses Umfangs bedarf eines entsprechenden inhaltlichen Rahmens. Eine temporäre Eingrenzung erfährt die Arbeit deshalb mit dem ausschließlichen Blick auf den Zeitraum 1914 bis 1918, eine räumlich-geographische durch die Konzentration auf zwei (Kriegs-)Gesellschaften: Im Fokus stehen das Deutsche Reich und die französische Republik. Ferner soll lediglich auf die medikotechnische Rekonstruktion und die kulturelle Konstruktion jenseits der militärischen Fronten eingegangen werden: auf jene an den Heimatfronten. So präzisiert, wirft die Episode vom Internationalen Chirurgenkongress Fragen auf: Wieso sorgte Binnies Vortrag überhaupt für solch „grosses Aufsehen“ bei den deutschen und französischen Ärzten? Und bezogen auf die wenig später einsetzende „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“[5]: Wie wurde Binnies Prothetik im Umfeld der Ärzte rezipiert? Inwiefern gestaltete sich bei den beiden Gesellschaften das Wechselspiel zwischen der medikotechnischen Rekonstruktion und der kulturellen Konstruktion? Kam es zu einem vergleichbaren Suprematiedenken bei prothetischen (Weiter-)Entwicklungen oder auch zu alternativen Bedeutungszuschreibungen? Und überhaupt: Welche Meinungen und Deutungen verknüpften sich mit der Amputation – also mit jenem Verfahren, das das Tragen einer Prothese erst ermöglichte?

Als analytische Grundlage verwendet werden soll die Methode des historischen Vergleichs, genauer gesagt: die des individualisierenden Spezialvergleichs[6] – auch verbunden mit dem Anspruch, Gemeinsamkeiten wie Unterschiede ursächlich zu erklären und in einem übergeordneten Kontext zu sehen. Der Vergleich soll sich nicht darauf beschränken, die Gesellschaften miteinander zu kontrastieren. Etwaige Gemeinsamkeiten zu unterschlagen, würde ja bedeuten, Teile der historischen Realität auszublenden. Ebenso sollen die Beziehungen und eventuelle gegenseitige Beeinflussungen zwischen den beiden Kriegsgesellschaften hervorgehoben werden. So soll gezeigt werden, ob der militärische Gegner auch in medizinischer Hinsicht als Feindbild wahrgenommen oder ob er unter Umständen auch als Vorbild gesehen wurde, beispielsweise bei der transnationalen Übernahme von medikotechnischen Trends.

Seit Jahrzehnten wird Kritik am komparatistischen Vorgehen geübt – und hierbei u. a. an einer Grundsatzfrage, die sich aus den Prinzipien des Vergleichs ergibt: Lassen sich die verschiedenen Untersuchungsgegenstände vergleichen?[7] In besonderem Maße betrifft diese Frage die Quellen, die in der historischen Realität nicht spiegelgleich vorhanden sind. Um dieses Problem zumindest einzuhegen, wurden die Quellentexte gezielt und restriktiv ausgesucht. Der Untersuchung liegen alle zwischen 1914 und 1918 erschienene Ausgaben zweier führender medizinischer Fachzeitschriften zugrunde: für den deutschen Fall die der wöchentlich publizierten Münchener Medizinische Wochenschrift (im Folgenden MMW), für den französischen die des monatlich veröffentlichten Progrès médical (Pm).[8] Als (mit-)führende medizinische Publikationsorgane hatten sie vergleichbare Produzenten wie Rezipienten, sie sind also repräsentativ für die zeitgenössischen medizinischen Diskurse.

Herausforderung wie Ziel ist, anhand weniger Auszüge ein überschaubares, gleichzeitig repräsentatives Bild hinsichtlich jener Diskurse und Kontroversen zu entwerfen, die sich im Kriegsverlauf in beiden Gesellschaften abspielten und mit Amputation bzw. Prothetik verknüpft waren. Zu betonen ist dabei jedoch die Vielfältigkeit der zeitgenössischen Debatten, die in einer Untersuchung von diesem Umfang unmöglich in ihrer Gänze zu integrieren ist. Eingegangen werden soll deshalb nur auf jene Schnittmenge, die sich beim ‚Übereinanderlegen‘ der Primär- und Sekundärliteratur ergibt. Geht es dabei um medizinische Diskurse, so befindet sich die vorliegende Arbeit am Übergang zwischen Medizingeschichte und Kulturgeschichte. Stehen die beiden Disziplinen für sich und im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg, so eröffnet sich ein fruchtbarer Forschungsstand. Geht es jedoch darum, die beiden Disziplinen miteinander zu kombinieren, möglichst in Form einer Vergleichsstudie, so zeigt sich der Grundstock an Sekundärliteratur weit weniger ertragreich.[9] Die vorliegende Untersuchung hat sich deshalb auch zum Ziel gesetzt, diese Lücke (zumindest in Ansätzen) zu füllen.

In einem ersten Schritt soll ein kurzer Abriss zur französischen und deutschen Medizin erfolgen (2.1). Bevor auf die kulturelle Konstruktion mittels der Prothesen eingegangen werden kann (2.3), sollen als Grundlage hierfür zunächst die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der medikotechnischen Rekonstruktion während des Krieges verdeutlicht werden (2.2). Abschließend werden die eingangs gestellten Fragen in einer Schlussbetrachtung beantwortet.

2 Hauptteil

2.1 Medizin der Vorkriegszeit im Deutsches Reich und in der französischen Republik

Bei einer ersten Durchschau der MMW und des Pm wird bereits augenfällig, inwiefern der Erste Weltkrieg eine neuartige Quantität an Kriegsopfern schuf und eine ebenso neuartige Qualität an Verletzungsbildern hervorbrachte. Das Neue des Ersten Weltkriegs entsprach dabei der qualitativen wie quantitativen Steigerung der eingesetzten Waffen[10] und war zeitgleich der unzureichenden taktischen Ausrichtung darauf geschuldet. Technische Innovationen und die verheerenden Fehlkalkulationen zwangen die Medizin, neue Behandlungsmethoden auszuarbeiten und zu erproben. An diese sollten sich, wie gezeigt wird, wiederum kulturelle Deutungen anschließen. Um diese Neuartigkeit sowie das zugrundeliegende Veränderungspotential zu verstehen, muss zunächst auf die medizinische Situation vor dem Ersten Weltkrieg eingegangen werden – zwar nicht mit dem Anspruch auf Vollständigkeit, jedoch mit dem Verweis auf jene Themengebiete, die sich im Zusammenhang mit der Prothetik im Krieg zu Charakteristika und Problemfeldern in den beiden (Kriegs-)Gesellschaften entwickeln sollten.

Führt man sich nochmals die Episode vom Internationalen Chirurgenkongress vor Augen, von der in der MMW wenige Monate vor Kriegsausbruch berichtet wurde,[11] so offenbarte sich eine im globalen Dialog stehende Ärzteschaft. Über nationale Unterschiede hinweg referierten deutsche Mediziner aus Düsseldorf und Stuttgart neben Chirurgen aus Wien, Kansas-City, Lyon und Brüssel. Es war auch dieser Kooperation zu verdanken, die während des 19. Jahrhunderts für einen Professionalisierungsschub, ebenso für eine Verwissenschaftlichung innerhalb der westeuropäischen Ärzteschaft sorgte[12] – entsprechend stieg das öffentliche Ansehen vieler Ärzte. Daneben war es sicherlich auch der sprunghafte Anstieg der Ärztezahl sowie die Zahl an Medizinstudenten, die die zunehmende Qualifizierung weiter katalysierten. In der öffentlichen Wahrnehmung jedoch wurden die emporschnellenden Zahlen von vielen, besonders von älteren Ärzten zunehmend kritisch betrachtet: Vor allem in Frankreich sahen sich viele praktizierende Ärzte einer Konkurrenz mit der jüngeren Generation ausgesetzt; Folge waren Zukunftsängste bis hin zu Ausgrenzungsmechanismen.[13] Daneben war es eine weitere Konfliktlinie, die die französische Ärzteschaft deutlicher durchzog als die westlich des Rheins: die zwischen Medizin und Politik. Während die Ärzteschaft im Deutschen Reich dank einer straffen staatlichen Reglementierung mit gleichzeitiger und profitablen Positionierung in der Gesundheitsbürokratie insgesamt problemloser in den Staatsapparat eingebunden werden konnte, gelang eine solche Eingliederung in der französischen Republik, so konstatiert es die deutsche Historikerin Susanne Michl, weniger, weswegen sich in den Vorkriegsjahren auch in dieser Hinsicht Spannungen auftaten.[14] Die inszenierte union sacrée konnte diese bei Kriegsausbruch bestenfalls verdecken, jedoch im weiteren Verlauf nicht beseitigen. Ein letzter Unterschied zwischen dem Deutschen Reich und der französischen Republik ist an den jeweiligen Krankenversicherungen festzumachen. Bis 1889 wurde im Deutschen Reich dank des umfassenden Versicherungswesens ein durchaus fortschrittliches Gesundheitssystem etabliert. Die heutige Forschung gesteht diesem im Vergleich mit anderen Staaten durchaus eine Vorreiterrolle zu, betont jedoch gleichzeitig, dass dieses an der Realität eines möglichen Kriegs „vorbeikonstruiert“[15] war.

2.2 Krieg und Medizin: Versuch der medikotechnischen Rekonstruktion

In diesem Teil soll anhand von Amputation und Prothetik beleuchtet werden, auf welche Weise die Ärzteschaft im Deutschen Reich und in der französischen Republik den Versuch einer medikotechnischen Rekonstruktion des Invalidenkörpers unternahm. Um die medizinischen Reaktionen im deutsch-französischen Vergleich ursächlich zu begreifen, müssen wir uns die Bedingungen vor Augen führen, die der Krieg mit sich brachte.

2.2.1 Die Herausforderungen an die deutsch-französische Medizin durch den Krieg

Im Schatten der militärischen Konfrontationen hinterließ der Erste Weltkrieg „ein Heer der Versehrten“[16]: In Deutschland wurden rund 2,7 Millionen Soldaten zu Invaliden, in Frankreich etwa 2,0 Millionen.[17] Für den deutschen Fall lieferte die Kriegsbeschädigten- und Hinterbliebenenfürsorge exakte wie erschütternde Zahlen, die einen Eindruck vom Ausmaß des totalisierten Kriegs geben: Insgesamt 66.934 Männer erlitten durch den Krieg Verluste von Gliedmaßen. Es mussten 15.503 Armamputationen (383 davon beidseitig) und 24.145 Beinamputationen (862 beidseitig) vorgenommen werden. Berücksichtigt werden muss dabei jedoch die Tatsache, dass dieser Quantität sowie der qualitativ neuen Verletzungs- und Krankheitsbilder zum Trotz im Verhältnis mehr Kriegsopfer – wenn auch schwerstverletzt – überleben konnten. Zu verdanken war dies dem Aufbau „biopolitischer Agenturen“[18] (beispielsweise Feldlazarette). Daraus ergab sich eine weitere Neuartigkeit: Nie zuvor hatte es in den kriegsführenden Gesellschaften so viele Kriegsinvalide gegeben, die nach einem Lazarettaufenthalt in die Heimat reintegriert werden mussten. Die Kriegsinvaliden bildeten somit zwischen militärischer Front und Heimatfront eine Schnittstelle. Eine weitere tat sich zwischen Krieg und Medizin auf: Der technologisiert-totalisierte Weltkrieg, er bot den Ärzten an beiden Fronten ein bis dato einmaliges in vivo-Experimentierfeld, in dem klassische medizinische Konzepte hinterfragt und neue entwickelt werden konnten. Dies soll im Folgenden hauptsächlich an den jeweiligen Heimatfronten und anhand der Prothetik exemplifiziert werden.

2.2.2 Die Reaktionen der deutschen und französischen Medizin auf den Krieg am Beispiel der Prothetik

Auf welche Weise verfuhren die Ärzte, um den Invaliden(körper) zu rekonstruieren? Welche Deutungen, Kontroversen und Alternativen verbanden sich mit dem chirurgischen Verfahren der Amputation und der damit verbundenen Prothetik? Die zugrundeliegende und zu prüfende These soll die von den Historikern Wolfgang U. Eckart und Christoph Gradmann sein. Beide konstatieren: „Zugleich aber war sie [i. e. die Medizin im Ersten Weltkrieg, P.F.] das Ergebnis einer gleichlaufenden, schnellen Entwicklung militärischer und medizinischer Technologie.“[19]

2.2.2.1 Prothetik und Medizin im Deutschen Reich

Inwiefern die These der beiden Historiker Wolfgang U. Eckart und Christoph Gradmann für den deutschen Fall zutrifft, kann der Fall des Berliner Arztes Rosenstrauss in vielerlei Hinsicht darstellen: Eigentlich als praktizierender Frauenarzt tätig, begann Rosenstrauss Anfang 1915 auf Eigeninitiative mit der Arbeit an einer Armprothese. Seine Zielvorstellung, so schreibt er in der MMW, sei ein Modell, das sich „mit Hilfe des gesunden Gliedes durch Schnurübertragung“[20] bewegen lassen sollte (Abb. 1). Damit seine Überlegungen realisiert werden würden, rief er Orthopäden „mit entsprechender Werkstätte“ auf, sich mit seinen Plänen auseinanderzusetzen. In Hinblick auf die Versehrten schloss er seinen Artikel mit den Worten: „Sie würden schneller über den Verlust wegkommen und ihre Arbeitsfreudigkeit für die Zukunft würde nur erhöht und angespornt werden.“[21]

Zunächst ist der Fall des Berliner Frauenarztes symptomatisch für die Beantwortung der medizinische Streitfrage, ob schwerverletzte Körperteile – gesetzt, es bestünde diese Alternative – amputiert oder konserviert werden sollten: Im Deutschen Reich setzte nämlich ein rascher Paradigmenwechsel ein. Noch beim Internationalen Chirurgenkongress erklärte der Düsseldorfer Arzt Witzel, dass „[b]egrenzte Beweglichkeit eines Fingers und ein steifes Handgelenk […] der Amputation stets vorzuziehen“[22] seien. Doch bereits im November desselben Jahres, sicherlich unter dem Eindruck der gescheiterten sowie verlustreichen Großraumoffensiven im Westen[23] und der daraus zwangsläufig resultierenden Konfrontation mit den vielen schwerverwundeten Soldaten, erschien in der MMW ein wegweisender Artikel unter dem Titel „Ueber Amputationstechnik im Felde“ [24]. Dieser betonte die vielseitigen Vorzüge und warb gewissermaßen um die Praktizierung der Amputation von Extremitäten. Der Beitrag verfehlte seine Wirkung nicht, denn mit dem Jahreswechsel erschienen in der MMW zunehmend Forschungsberichte, die sich mit Amputationen[25], mit Weichteilabdeckungen des Stumpfes[26] und bald auch mit Prothesen befassten – so wie ebenjener des Berliner Arztes Rosenstrauss. Zweitens ist die Geschichte des Frauenarztes Rosenstrauss in der Hinsicht repräsentativ, als dass sie die Tatsache personifiziert, inwiefern sich die Medizin verstärkt auf die Notwendigkeiten des Kriegs fokussierte; Frauen- und (Klein-)Kinderheilkunde nahmen in der MMW, im Vergleich zur unmittelbaren Vorkriegszeit, immer weniger Platz ein und wurden zunehmend vom Primat des Militärischen, wie er u. a. für die Wirtschaft zu beobachten war[27], verdrängt. Zentrale Bedeutung wurde dabei den Armprothesen beigemessen. Drittens und darauf aufbauend veranschaulicht Rosenstrauss‘ Beitrag in der MMW die einsetzende Kooperation[28] der deutschen Ärzteschaft: Schließlich war bei der Herstellung einer Prothese eine Absprache zwischen operierenden Chirurgen, behandelnden Orthopäden, Ingenieuren und Bandagisten notwendig. Tatsächlich wurde Rosenstrauss nur wenig später vom Wiener Oberstabsarzt Hans Spitzy rezipiert, indem seine Modelle praktisch umgesetzt wurden (Abb. 2). [29]

Und schließlich finden sich bei Rosenstrauss, besonders in dessen Schlusssatz, Antworten auf die Frage, auf welche Art die Prothese das fehlende Körperglied kompensieren musste: Sollte sie das fehlende Körperteil optisch, also durch eine Imitation der äußeren Form, ersetzen? Oder funktional, nämlich durch die Wiederherstellung der ursprünglichen Leistungsfähigkeit? Sollte es sich, beispielsweise im Zuge einer Amputation des Armes, um einen mimetischen Armersatz oder um einen funktionalen Ersatzarm handeln?[30] Schnell und deutlich zeichnete sich sowohl bei Rosenstrauss als auch in der deutschen Ärzteschaft die tendenzielle Entscheidung für die Funktionalität ab – also für den Ersatzarm, der im Rahmen des Internationalen Chirurgenkongresses vor Kriegsausbruch noch für „grosses Aufsehen“ gesorgt hatte. Der Orthopäde Konrad Biesalski argumentierte im Herbst 1915, indem er die Sicht des Prothesenträgers einnahm: Der Träger werde „am glücklichsten sein, wenn er wieder arbeiten oder doch sich in früherem Umfange betätigen kann.“[31] Gleichzeitig übte Biesalski Kritik am Armersatz: „[S]olche Kunstglieder waren schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Holland und Frankreich bekannt“[32] und seien für schwere Arbeit ungeeignet.

Biesalskis Bemerkung ist aus doppelter Hinsicht aufschlussreich: Zum einen wurde mit der Entscheidung für die Funktionalität freilich auch eine Entscheidung für die Zukunft des Patienten getroffen: Ziel war die sofortige Resozialisierung in die Zivilgesellschaft und rasche Remobilisierung in die (Kriegs-)Wirtschaft. Die Verwendung von Krücken, immerhin waren sie ein Symbol dafür, „sichtbar Opfer geworden zu sein“[33], wurde deswegen dem Invaliden in der MMW bereits Anfang 1916 nicht mehr zugestanden.[34] Krücken, so argumentierten viele deutsche Mediziner, seien nämlich ein Stigma, das die unauffällige Rückkehr ins zivile Leben unmöglich mache.[35] Zum anderen bezeichnete Biesalski die Prothetik u. a. in Frankreich als veraltet, schließlich verwende sie noch immer den funktionslosen Armersatz.[36] So betrachtet, offenbart sich ein erstes Mal das Wechselspiel zwischen medikotechnischer Rekonstruktion und kultureller Konstruktion: Die rein chirurgisch-orthopädische Entscheidung für den Ersatzarm, sie bedeutete auch, sich kulturell vom Nachbarn abzugrenzen.

2.2.2.2 Prothetik und Medizin in der französischen Republik

Wie wurde demgegenüber jenseits des Rheins auf die besonderen Herausforderungen des Ereignisses Krieg reagiert? Inwiefern wurde hier der Versuch unternommen, den beschädigten Körper zu rekonstruieren? Zeichnete sich in der französischen Republik ein ähnliches Ineinandergreifen von medizinischen und kulturellen Diskursen ab?

Erkenntlich wird bei einer ersten Sichtung des Pm, dass die tendenzielle Haltung der französischen Medizin bezüglich der Amputation deutlich reservierter war als die der deutschen. Gemeinsam war den beiden Ländern jedoch die Ausgangssituation: Vorbehalte gegenüber der Praktik generell zeichneten sich auch in der Republik bereits während des Internationalen Chirurgenkongresses ab; hier schlussfolgerte der anwesende Arzt Durand:

Die Amputationen des Beines und des Fusses verdienen, angesichts ihrer Operationsprognose, nicht mehr studiert zu werden. […] Die Fortschritte der Technik und der Asepsis [der Zustand der Keimfreiheit, P.F.] haben die früheren spitzen Stümpfe verdrängt.[37]

Durand sprach sich zu diesem Zeitpunkt klar für eine Konservierung und damit gegen das Verfahren der Amputation verletzter Körperteile aus. Bemerkenswert ist, dass das Gros der französischen Ärzteschaft jene Zurückhaltung teilte – und zwar weit über den Kriegsbeginn hinaus. Dies zeigt die Debatte, die die Ärzte Victor Pauchet und Alain Sourdat (beide tätig an der französischen Ostfront) im November 1914 initiierten: Die zwei Mediziner konfrontierten die Ärzte an der Heimatfront nämlich mit ihrem gleichnamigen Erfahrungsbericht zur „amputation en saucisson“[38]. Diese Art der medizinischen Versorgung sei im Gegensatz zur aufwendigen klassischen Konservierung der verletzten Körperteile schnell vollzogen und damit ungleich ökonomischer; beides Faktoren, die aufgrund des Bewegungskriegs in den ersten Monaten von immanenter Bedeutung waren. Die Ansätze der beiden Mediziner lösten jedoch keinen unmittelbaren Paradigmenwechsel, sondern vielmehr heftige Kontroversen aus, die bis weit ins Jahr 1915 hineinreichten.[39] Doch spätestens unter dem Eindruck der großen Zerstörungsschlachten von 1916 wurde die „amputation en saucisson“ geduldet.

[...]


[1] Münchener Medizinische Wochenschrift 1914, S. 1084 (im Folgenden MMW).

[2] Vgl. Susanne Michl: Im Dienste des ‚Volkskörpers‘. Deutsche und französische Ärzte im Ersten Weltkrieg, Göttingen 2007, S. 12 ebenso wie S. 54-57.

[3] Vgl. MMW 1914, S. 1084.

[4] Das Adjektiv ‚medikotechnisch‘ soll hierbei sowohl die medizinischen als auch die technischen Aspekte einbeziehen, die bei der Vornahme einer Amputation ebenso wie beim Bau einer Prothese notwendig waren.

[5] Die vielzitierte Kennzeichnung stammt vom US-amerikanischen Historiker George F. Kennan; ders.: The Decline of Bismarck‘s European Order. Franco-Russian Relations. 1875-1890, Princeton, S. 3.

[6] Der deutsche Historiker Hartmut Kaelble hat für dieses Vorgehen klare und hilfreiche Richtlinien aufgestellt; vgl. ders.: Der historische Vergleich. Eine Einführung zum 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1999, S. 26f. sowie S. 38f.

[7] Vgl. Michel Espagne: Les transferts culturels franco-allemands, Paris 1999, S. 5.

[8] Bis August 1914 wurde der Pm wöchentlich veröffentlich. Mit dem Kriegsausbruch allerdings wurde die Veröffentlichung ausgesetzt und erst im März 1915 wieder aufgenommen; ab diesem Zeitraum publizierten die Herausgeber das Blatt dann monatlich. Auch andere renommierte französische Ärzteblätter wie die Semaine Médicale oder die Presse Médicale wurden ab Kriegsbeginn weniger oft aufgelegt, vgl. u. a. MMW 1915, S. 283.

[9] Für die Verknüpfung von Kultur- und Medizingeschichte stehen im deutschsprachigen Raum besonders Karin Harrasser und Sabine Kienitz, ebenso (und u. a.) Christoph Gradmann, Wolfgang U. Eckart und Bernd Ulrich. Im Falle Frankreichs sind besonders die Arbeiten von Sophie Delaporte zentral, genau wie jene von Stéphane Audoin-Rouzeau und Anette Becker. Eine zusätzlich eingenommene Vergleichsperspektive nahmen bisher noch weniger Historiker ein; besonders zu erwähnen ist hierbei sicherlich Susanne Michl. Für genauere Angaben sei auf das Literaturverzeichnis am Ende dieser Arbeit verwiesen.

[10] Vgl. Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 2014; S. 565; vgl. ebenso Karin Harrasser: Körper 2.0. Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen, Bielefeld 2013, S. 27.

[11] Vgl. MMW 1914, 1084f.

[12] Vgl. Michl: Volkskörper, S. 12, ebenso Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. Fakten, Konzepte, Haltungen, Heidelberg 2009, S. 188: Bedeutende Meilensteine waren dabei nicht nur rein medizinischer, sondern auch organisatorischer Art.

[13] Vgl. Eckart: Geschichte, S. 240: In diesem Zusammenhang stand auch die Angst vor der sogenannten „Proletarisierung des Arztberufes“; für genaue Zahlen: vgl. Michl: Volkskörper, S. 35, ebenso S. 40.

[14] Vgl. Michl: Volkskörper, S. 32-35: So bildeten sich u. a. zahlreiche medizinische Gewerkschaften, um sich vor einem ausufernden staatlichen Einfluss zu verwahren.

[15] Vgl. Michael Geyer: Ein Vorbote des Wohlfahrtsstaates. Die Kriegsopferversorgung in Frankreich, Deutschland und Großbritannien, in: Geschichte und Gesellschaft 9 (1983), S. 230-277, hier: S. 233; ebenso Michl: Volkskörper, S. 50-53.

[16] Eckart: Invalidität, S. 584.

[17] Vgl. Sabine Kienitz: Beschädigte Helden. Kriegsinvalidität und Körperbilder 1914-1923, Paderborn/München/Wien/Zürich 2008, S. 11 sowie Sophie Delaporte: Les Gueules Cassées. Les blessés de la face de la Grande Guerre, Paris 1996, S. 16f.

[18] Harrasser: Körper, S. 28; ebenso Leonhard: Pandora, S. 565.

[19] Eckart: Medizin, S. 210.

[20] MMW 1915, S. 966.

[21] MMW 1915, S. 966.

[22] MMW 1914, S. 1084.

[23] Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918, Berlin 2014, hier: S. 110-138, S. 158-176.

[24] MMW 1914, S. 2296.

[25] Vgl. u.a. MMW 1915, S. 407: „Ueber die Art und den Zweck der Prothesen für Kriegsinvalide“.

[26] Vgl. etwa MMW 1915, S. 636: „Interimsprothesen für Amputierte“.

[27] Vgl. Leonhard: Pandora, S. 366; ebenso Münkler: Krieg, S. 566 sowie Volker Berghan: Der Erste Weltkrieg, München 2014, S. 70.

[28] Sicherlich ist die Verwendung des Begriffs ‚Kooperation‘ streitbar, läuft dieser Gefahr, zeitgenössisch-propagandistischen Etiketten wie die einer ‚Einheitsfront‘ anheim zu fallen. Wenn an dieser Stelle dennoch von ‚Kooperation‘ die Rede ist, so wird der Tatsache Rechnung getragen, dass in der MMW tatsächlich zahlreiche Beiträge existieren, in denen Ärzte verschiedener Disziplinen Beiträge anderer aufnahmen und weiterentwickelten. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Susanne Michl bei psychischen Krankheitsbildern, vgl. dies: Volkskörper, S. 273f.

[29] Vgl. MMW 1915, S. 1166: „Zur Frage der Armprothesen. Bemerkungen zu der Arbeit von Dr. Rosenstrauss.“

[30] Das Gegensatzpaar ‚Armersatz versus Ersatzarm‘ geht auf Georg Schlesinger, Geschäftsführer der 1915 gegründeten Prüfstelle für Ersatzglieder in Berlin Charlottenburg zurück und repräsentiert die zwei konkurrierenden Prothesenkonzeptionen. Ein Armersatz, so Schlesinger, sei ein mechanisches Gerät ganz ohne Ähnlichkeit mit der eigentlichen Menschenhand, während der Ersatzarm versuche, der Hand optisch möglichst nahe zu kommen, vgl. Kienitz: Helden, S. 174-176, ebenso Harrasser: Körper, S. 93f.

[31] MMW 1915, S. 1491.

[32] Ebd.

[33] Leonhard: Pandora, S. 564; vgl. auch Kienitz: Helden, S. 98: Kienitz beschreibt das Körperopfer passenderweise als „Ehrenmal“, das den Anspruch auf Anerkennung und Ehre versinnbildlicht.

[34] Vgl. MMW 1916, S. 282: Bei der Ausserordentlichen Tagung der Deutschen Orthopädischen Gesellschaft vom Februar 1916 gibt ein Berliner Orthopäde die Anweisung: „So früh wie möglich, wenn auch noch so primitive Prothese geben, um so bald wie möglich von den Krücken wegzukommen.“ Sein Kollege, der Oberstabsarzt Spitzy bekräftige bei der selben Tagung: „Es ist dem Invaliden verboten, mit Krücken auszugehen“ (ebd.).

[35] Vgl. ebd.; ebenso MMW 1916, S. 318.

[36] Vgl. MMW 1916, S. 282.

[37] MMW 1914, 1085.

[38] Ins Deutsche ist die Umschreibung nur sinngemäß zu übersetzen. Es handelt sich um eine besonders scharfe Amputationstechnik, bei der Ziel ist, die Schädigungszone auf die Schnittfläche zu begrenzen. Der besondere Vorzug der Technik liegt im schnellen Verlauf der Operation.

[39] Pauchet wurde zwischenzeitlich sogar verboten, seine Methode anzuwenden.

Details

Seiten
30
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656977445
ISBN (Buch)
9783656977452
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300537
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Geschichte des Romanischen Westeuropa
Note
1,3
Schlagworte
Medizin Medizingeschichte Prothese Prothetik medikotechnisch Kriegsversehrte Erster Weltkrieg Urkatastrophe Heer von Versehrten deutsch-französischer Vergleich Komparatistik 1914-1918 Kriegsopferversorgung

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