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Neue Kulturgeographie. Der Raum Bahnhof als Beispiel für die Betrachtungsweise der Neuen Kulturgeographie

Hausarbeit 2015 16 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Cultural Geography

3. Cultural Studies

4. Die Neue Kulturgeographie

5. Fallbeispiel Bahnhof
5.1 Bezug zur Neuen Kulturgeographie
5.2 Entwicklung des Raumbildes Bahnhof
5.3 Fazit Bahnhof

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die Wurzeln der Neuen Kulturgeographie liegen in der ,alten‘ Cultural Geography und den Cultural Studies. Sowohl US-amerikanische als auch britische Wissenschaftler beschäftigen sich mit den neo-marxistischen und anderen gesellschaftskritischen Ansätzen, die unter Punkt 2 und 3 vorgestellt werden.

Seit Beginn des 21. Jahrhundert begleiten wissenschaftliche Entwicklungen ausschlaggebende Transformationen der Gesellschaft. So spielen zum einen die Politik, die den Spagat zwischen Wissen, Raum und Macht vollziehen muss, gesellschaftliche Umbrüche seit dem Kolonialismus u.a. bezüglich Ethnizität, Religion und der Rolle der Frau sowie die Frage der Identität, die Landschaftsprägung in der Moderne und jüngst auch kulturelle Transformationen der Konsumgesellschaft eine immer größere Rolle. Themen wie der Zusammenhang zwischen Kultur, Stadt und Ökonomie, das Verhältnis zwischen Kultur und Natur sowie die Debatte um space und place sind ebenfalls Bestandteil der Neuen Kulturgeographie (vgl. Gebhardt et al. 2003). Im Rahmen dieser Hausarbeit wird auf viele dieser Themen sowie auf den Gesichtspunkt von McDowell bezüglich der Decodierung des Symbolgehalts anhand des Fallbeispiels Bahnhof näher eingegangen.

2. Cultural Geography

Kennzeichen der Cultural Geography sind zum einen die historische Orientierung, wobei der Mensch als Auslöser von Umweltveränderungen im Mittelpunkt steht sowie zum anderen die Kultur, die vor allem als Kollektiv von materiellen Artefakten angesehen wird (Mikesell 1978, S. 1ff.). Diese spiegeln sich im ökologischen Raum wider und sind weniger Ausdruck von Ideologie oder Herrschaftsverhältnissen. Carl Sauer (1889-1975) und die sog. Berkeley School, die sich in den 1920-er Jahren in den USA entwickelte, heben dabei die Kulturlandschaft als eine vermenschlichte Version der Naturlandschaften hervor, die durch menschliche Aktivität zu einer sinnvollen Veränderung der natürlichen Umwelt für die Akteure führt. Dem ausgeprägten Naturdeterminismus der damaligen Zeit stellt er den Relativismus gegenüber. Den Begriff der Landschaft versteht er bilateral. So ist sie für ihn zum einen eine Natur-, zum anderen eine Kulturlandschaft (vgl. Sauer 1925 zit. in Wucherpfennig 2006, S. 35f.).

Kritiker erheben Einwände, Sauer sei sehr konservativ eingestellt und werfe keinen Blick auf die Kulturen moderner Gesellschaften, die beispielsweise im Zeichen des Kapitalismus standen. Die positivistische Geographie wurde von einigen Schülern Sauers bis in die 1980er-Jahre weitergeführt, während andere begannen die Cultural Geography über Ansätze der Humanistischen Geographie weiterzuentwickeln.

3. Cultural Studies

Mitte der 1950er-Jahre entstanden die Cultural Studies im Zusammenhang mit der Erwachsenenbildung in Großbritannien. Sie beruhen auf den Arbeiten von Richard Hoggart, The uses of literacy (1957), und Raymond Williams, Culture and Society (1958), die im Centre of Contemporary Cultural Studies, welches im Jahre 1964 in Birmingham unter Leitung von Stuart Hall (*1932) gegründet wurde, tätig waren.

Die Cultural Studies sind ein Ansatz der Kulturwissenschaften und stellen gesellschaftskritische Untersuchungen der Landschaft dar. Sie ziehen eine Verknüpfung zwischen Gesellschaft und Kultur. Die Cultural Studies sind folglich geprägt von politischen, sozialen und ökonomischen Strukturen. Die dominante Kultur der Arbeiterklasse spielt bei der Entwicklung der Cultural Studies in Großbritannien dabei eine entscheidende Rolle, während Fragen der Arbeiterkultur und –bildung bezüglich der Erfahrungen mit Klassengegensätzen in den USA vernachlässigt werden (Winter 1999, S. 146ff.).

Eine Gesellschaft wird fortan nicht mehr als nur ein Kulturkreis, sondern als aus mehreren Kulturen bestehend wahrgenommen. Die Cultural Studies tragen dazu bei, dass insbesondere Minderheiten sowie Populär- und Subkulturen mit einbezogen werden. Erforscht werden die Bedeutungen (meanings) von Kultur als Alltagspraxis, die hierbei als sozial konstruiert aufgefasst werden. Auf diese Weise werden einzelne und örtliche Aspekte in einem Zusammenhang mit sozialstrukturellen Anhaltspunkten gebracht. Zu diesen sozialstrukturellen Merkmalen gehören u.a. sexuelle Orientierung, Gender, Schicht, Klasse und Ethnie (Bromley 1999, S. 9ff.).

Raymond Williams (1921-1988) beschreibt Kultur als die Summe der Beschreibungen, mittels derer eine Gesellschaft gemeinsame Erfahrungen reflektiert und ihnen Sinn verleiht. Seinem Verständnis nach ist Kultur die Gesamtheit aller Lebensweisen der Menschen, „the whole way of life“ (Williams 1958, zit. in Hall 1999, S. 116). Edward P. Thompsons (1924-1993) Kulturverständnis bezieht den sogenannten whole way of struggle zusätzlich mit ein und integriert Elemente des Konflikts und der Konfrontation zwischen entgegengesetzten (hier: klassenspezifischen) Lebensformen. Beide betonten die subjektive Erfahrung ,gewöhnlicher Menschen‘.

4. Die Neue Kulturgeographie

Ein Schwerpunkt des Ansatzes der Neuen Kulturgeographie, der stark durch semiotische und poststrukturalistische Theorie-Ansätze und der Literaturtheorie gekennzeichnet ist, liegt u.a. auf der Erforschung von Landschaft als Text. Im Sinne der Neuen Kulturgeographie erfolgt ein Lesen von Landschaft und Entziffern des Symbolgehalts der Landschaft (McDowll 1994, S. 155ff.). Peter Jackson und andere Wissenschaftler verstehen Kulturen als maps of meaning. Erst durch sie werde die Welt verständlicher gemacht. Kulturen seien dabei nicht nur ein System von Bedeutungen, sondern vor allem eine Möglichkeit die sozialen Beziehungen von Gruppen zu strukturieren und zu formen sowie zu verstehen und zu interpretieren (Jackson 1989, Einstieg). Diese konstruktivistische Wende der Betrachtungsweise von Geschichte und Kultur, die zu einer neuen gesellschaftlichen Strukturierung und Identitätsbildung führt, findet auch in den Kultur- und Sozialwissenschaften in Form des Cultural Turns Gehör. Dieser verortet und verändert zum einen die räumlichen Strukturierungs- und Ordnungsdiskurse der Gesellschaft, zum anderen verschiebt er auch die wissenschaftlich-geographische Perspektive, mit der über die entsprechende Rolle des Raumes konzeptionell nachgedacht werden kann (Gebhardt et al. 2003, S. 2). Betrachtet werden nicht mehr vornehmlich die ,harten Fakten‘, sondern zunehmend auch Symbol- und Sinnsysteme. Dieser paradigmatische Bruch bringt auch den Linguistic Turn sowie die damit verbundenen symbolischen Sozialbeziehungen und die Neubewertung der Rolle der Semiotik mit sich. Dieser Linguistic Turn bzw. auch Semiotic Turn stellt die Verschiebung des Verhältnisses von Realität und Repräsentation in Bezug auf die Sprache und ihrer Wahrnehmung dar (Gebhardt et al. 2003, S. 11f.). Wie dieser kurze Abriss zeigt, lassen sich heute zahlreiche neue Untersuchungsfelder beobachten.

So bietet die Neue Kulturgeographie folglich einen interdisziplinären Ansatz, der Politik-, Geistes-, Gesellschafts-, Sozial- und Kulturwissenschaften mit einbezieht. Konstruktionen wie Macht, Identität, Kulturen und Räume werden durch Produktion und Reproduktion zu einer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die Ansätze wie Konstruktivismus, Dekonstruktivismus, Poststrukturalismus oder Diskursanalyse haben gemeinsam, dass sie sowohl Kategorien wie Identität und Kultur, als auch Raum als sozial hergestellt ansehen.

Soziale Beziehungen werden nicht nur in funktionaler Hinsicht, also innerhalb des Produktionssystems oder einer Gesellschaftstheorie, gesehen, sondern auch in kultureller Hinsicht und Differenzierung, die ethnisch, rassistisch oder geschlechtsbedingt begründet ist. Ergebnis sind Alternativmodelle, die die klassischen sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen und Theorien in Frage stellen und symbolische Ordnungen wie Sinn- und Bedeutungssysteme sowie das Verhältnis von Raum, Macht und Bedeutung in unterschiedlichen soziokulturellen Kontexten und unterschiedlichen räumlichen Ebenen in den Mittelpunkt stellen (Reckwitz 2000, zit. in Wucherpfennig 2006, S. 29f.).

Merkmale der Neuen Kulturgeographie sind folglich u.a. die Sozialität, die alle gesellschaftlichen Prozesse auch als räumliche Prozesse versteht und umgekehrt. So wird der Raum zum einen als festbestimmter Moment wahrgenommen und durch gesellschaftliche Strukturen und Prozesse, z.B. der Arbeitsteilung und Funktionstrennung, festgelegt. Die Materialität von Raum, die zum einen mobil und zum anderen auch immobil sein kann, ,natürliche‘ Gegebenheiten und ,Gegenstände‘, ,kulturelle Artefakte‘, ,tote‘ Gegenstände, Tiere, Pflanzen, Menschen enthalten und die Immaterialität, die Zeichenhaftigkeit, wie beispielsweise Bahnhöfe als Text gelesen werden, spielen dabei ebenfalls eine bedeutende Rolle (Wucherpfennig 2006, S. 62 ff.).

5. Fallbeispiel Bahnhof

Bahnhöfe sind Orte, an denen Menschen auf Züge oder andere Menschen warten. Orte, an denen Menschen reisen, arbeiten oder ,abhängen‘, glücklich oder betrübt sind. Sie sind geprägt durch markante Gerüche und unzählige Geräusche. Es sind Orte, die nur selten zur Ruhe kommen und Lebensmittel und andere Gebrauchsartikel meist sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag erworben werden können. Sie sind Sinnbilder für Abschied und Wiedersehen, gelten als ,Tor zur Stadt und zur weiten Welt‘. Bahnhöfe stehen für Fortschritt, Mobilität, Sehnsucht, Wehmut, Heimat und Nostalgie. Sie sind Imageträger der Bahngesellschaften, die sie betreiben und auch der Städte, in denen sie verortet sind (Wucherpfennig 2006, S. 17).

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Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656975038
ISBN (Buch)
9783656975045
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300453
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät
Note
2,0
Schlagworte
Humangeographie Peter Jackson Maps of meaning Raum Bahnhof Neue Kulturgeographie

Autor

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