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Auf der Suche nach Orientierung. Rezeption und Folgen von "Reality-TV"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 13 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Auf der Suche nach Orientierung
2.1Parasoziale Interaktion und parasoziale Beziehungen
2.2Identifikation
2.3Sozialer Vergleich
2.4Nachahmung und Lerneffekte
2.5Anschlusskommunikation

3 Empirische Forschungsergebnisse
3.1Der Aufbau parasozialer Beziehungen
3.2Der Wunsch nach Alltagstauglichkeit
3.3Geschlechtsspezifische Unterschiede
3.3.1Involvierende und distanzierte Rezeption
3.3.2Unterschiedliche Themenorientierung
3.4Orientierung, Lernen und Nachahmung
3.4.1Reality-TV-Formate als vielfältiges Orientierungsangebot
3.4.2Symbolische und konkrete Lerninhalte
3.4.3Spielerische Nachahmung
3.5Anschlusskommunikation in der Peergroup
3.6Der Umgang mit Inszenierung

4 Schlusswort

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit der zunehmenden Verbreitung von Reality-TV-Formaten werden auch die Fragen warum die Zuseher solche, teils menschenverachtenden Sendungen ansehen und welche Auswir- kungen diese Sendungen haben, immer häufiger diskutiert. Die empirische Forschung kon- zentriert sich dabei häufig auf die Nutzungsmotive und die Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen, da gerade hier die Sorge besteht, diese könnten durch derartige Formate ne- gativ beeinflusst werden.

In der oft zitierten Studie „Talkshows im Alltag von Jugendlichen“ (Paus-Haase, Hasebrink, Mattusch, Keuneke, & Krotz, 1999) werden unterschiedliche Rezeptionsmuster unterschie- den, die die Sehmotive und die Wahrnehmung von solchen Sendungen bei Jugendlichen beschreiben:

- Naive Rezeption versus reflektierte Rezeption: Jugendliche mit einer naiven Rezepti- on halten die Sendungen für authentisch und für ein Abbild der Realität, während die- jenigen mit reflektierter Rezeptionsweise die Sendungen als inszeniert identifizieren und die Motive der Gäste und Sendungsmacher hinterfragen.
- Involvierende Rezeption versus distanzierende Rezeption: Involvierte Jugendliche zeigen eine starke emotionale Beteiligung an den Sendungen und neigen auch häufi- ger dazu, die dort gezeigten Ereignisse in ihrem Umfeld zu diskutieren. Im Gegensatz dazu stehen distanzierte Zuseher der Sendung eher ablehnend gegenüber, sie be- trachten sie höchstens auf ironische Art und Weise.
- Suche nach Orientierung versus Suche nach Unterhaltung: Orientierungssuchende neigen dazu, einen Bezug zwischen den Sendungen und dem eigenen Leben herzu- stellen - sie sehen diese Formate als Ratgeber und nutzen sie als Vorlage, zur Identi- fikation oder zum sozialen Vergleich. Daneben gibt es die unterhaltungsorientierten Zuseher, die diese Sendungen als Mittel gegen Langeweile, als amüsanten Zeitver- treib oder als Möglichkeit zur Befriedigung voyeuristischer Bedürfnisse sehen. (Paus- Haase et al., 1999, S.372-374)

Die Ergebnisse vieler wissenschaftlicher Studien und die Arbeiten dazu (Götz & Gather, 2012; Hackenberg & Hajok, 2012; Hajok & Richter, 2012; Lünenborg, Martens, Köhler, & Töpper, 2011) lassen darauf schließen, dass die von Paus-Haase et al. identifizierten Muster nicht nur auf Talk-Shows, sondern auch auf andere Reality-TV-Formate anwendbar sind. Lauber (2012) erweitert sie mit der obigen Begründung auf Coachingformate, er merkt aller- dings an, dass Kinder und Jugendliche hierbei sehr wohl verschiedene, scheinbar entgegen- gesetzte Muster vereinen können (S.212), während Paus-Haase et al. (1999) in ihrer Studie eher die Annahme bestätigt fanden, dass die Suche nach Orientierung mit einer naiven und involvierenden Rezeption einhergeht und umgekehrt die Suche nach Unterhaltung mit reflektierter, distanzierter Rezeption (S.374).

Diese Arbeit wird sich auf das Rezeptionsmuster „Suche nach Orientierung“ konzentrieren und untersuchen, wie sich diese Suche manifestiert und welche Verhaltensweisen Rezipien- ten zeigen.

2 Auf der Suche nach Orientierung

Die „Suche nach Orientierung“ als Rezeptionsmotiv ist vor allem deshalb interessant, weil sie ein großes Potential zur Beeinflussung hat und deshalb durchaus auch Probleme hervorrufen kann. Im folgenden werden einige Merkmale und Verhaltensweisen vorgestellt, die bei der orientierungssuchenden Zusehern sehr häufig auftreten, vor allem bei einer gleichzeitigen naiv-involvierenden Rezeptionshaltung. Viele der erwähnten Punkte finden sich aber auch oft unter den allgemeinen Merkmalen für personenzentrierte Rezeption.

2.1 Parasoziale Interaktion und parasoziale Beziehungen

Der Begriff „parasoziale Interaktion“ beschreibt eine Interaktion zwischen Medienperson und Rezipient, in der beide so handeln, als befänden sie sich in einer direkten Face-to-face- Situation. Der Akteur (etwa ein Moderator, ein Castingshowkandidat oder ein Nachrichten- sprecher) tut so, als ob sein Publikum direkt vor ihm stünde, indem er es etwa direkt adres- siert oder indem er sich an dessen - von ihm natürlich nur vermuteten - Reaktionen orien- tiert. Die Zuschauer verhalten sich ebenfalls so, als ob sie im selben Raum wären, etwa wenn sie bei Übertragungen von Sportveranstaltungen mit dem Reporter kommunizieren und seine Aussagen lautstark bestätigen oder ablehnen, auch wenn dieser sie natürlich nicht hören kann. Wenn der jeweilige Medienakteur die Reaktionen der Zuschauer gut vorausse- hen kann und dementsprechend reagiert, entsteht beim Zuschauer eine Illusion von Intimität (Baeßler, 2009, S.20; Mikos, 1996, S.97-102).

Der Vorteil dieser Form der sozialen Interaktion besteht für den Rezipienten natürlich darin, dass er keinerlei Verpflichtungen einzugehen braucht. Er muss sich weder an Regeln der Höflichkeit halten, noch unter dem Druck der Selbstrepräsentation stehen. (Baeßler, 2009, S.21; Mikos, 1996, S.104)

Parasoziale Beziehungen entstehen vermutlich nach wiederholten parasozialen Interaktio- nen, genau wie reale soziale Beziehungen auch die Folge von mehrfacher Interaktion sind. (Baeßler, 2009, S.20; Gleich, 1996, S.125) Sie beschreiben eine tiefere Bindung zwischen Akteur und Rezipient, die über eine einmalige Interaktion hinausgeht und deshalb natürlich eine Identifikation mit oder Orientierung an der Medienperson fördert (Baeßler, 2009, S.107).

2.2 Identifikation

Ein wesentlicher Teil bei der Suche nach Orientierung ist die Identifikation mit den in den Medien dargestellten Figuren. Schürmeier (1996) beschreibt Identifikation als den Prozess, „bei dem der Rezipient die dargestellten Figuren bzw. deren Rollen interpretiert, um sich mit ihnen identifizieren zu können“ (S.108). Diese Identifikation kann sich dabei sowohl auf Per- sonen beziehen, die eine große Ähnlichkeit zum Zuseher aufweisen oder eine idealisierte Wunschvorstellung des eigenen Ichs darstellen, als auch auf Personen, die komplett anders sind, wobei hier der Reiz darin besteht, eine nie erreichbare und vielleicht auch nicht wün- schenswerte Rolle auszuprobieren (Keppler, 1996, S.22; Baeßler, 2009, S.21).

Mikos (1996) merkt an, dass Zuseher sich in der Regel nicht direkt mit den im Fernsehen oder im Film gezeigten Personen identifizieren, sondern mit deren Handlungsrollen in der jeweiligen Situation (S.102-103). Erkenntnisse von Baeßler (2009) unterstützen diese These, da sie bemerkt, dass ähnliche Probleme und Vorkommnisse im Leben der Medienperson und des Rezipienten eine personenzentrierte Rezeption unterstützen (S.78) - ausschlagge- bend für diese Art von Rezeption und dadurch auch sehr häufig für eine Identifikation ist also vor allem, dass Medienperson und Rezipient sich in einer ähnlichen Lebens- oder Hand- lungssituation befinden.

2.3 Sozialer Vergleich

Ein bei der Rezeption von Reality-TV-Formaten sehr häufig zu findendes Verhalten ist der soziale Vergleich. Peter, Fahr und Früh (2012) untersuchten soziale Vergleiche sowohl mit Personen aus dem persönlichen, als auch aus einem medialen Umfeld und entdeckten, dass Vergleiche mit ersteren meist auf Augenhöhe erfolgen, während Vergleiche mit letzteren überwiegend Aufwärtsvergleiche sind (S.176). Diese Erkenntnis überrascht etwas, wenn man bedenkt, dass gerade das Feld der Reality-TV-Formate eher Anregungen für Abwärts- vergleiche bietet. Allerdings ist zu bedenken, dass Castingshows wie „Germany's Next Top- model“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ sehr wohl auch Potential für Vergleiche auf Augenhöhe (Hackenberg & Hajok, 2012) oder sogar für Aufwärtsvergleiche bieten. Auf die- sen Zusammenhang zwischen Vergleichsart und (Sub-)Genre wurde auch von Peter et al. (2012) hingewiesen, die auch anmerkten, dass andere Faktoren wie Selbstwert oder Le- benszufriedenheit der Befragten einen Einfluss auf die Studie haben könnten (S.176).

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Details

Seiten
13
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656969389
ISBN (Buch)
9783656969396
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300426
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung
Note
1,3
Schlagworte
suche orientierung rezeption folgen reality-tv

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