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Soziale Differenzierung und rationale Ausprägung der Wirtschaftsethik durch Religion. China und Indien im Vergleich zum Okzident bei Max Weber

Hausarbeit 2012 23 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung und Hinführung zum Thema

Ausbildung des okzidentalen Rationalismus durch die protestantische Ethik bei Weber

Differenzierung durch Religion

Soziales System des Konfuzianismus bei Weber

Soziales System des Hinduismus bei Weber

Beeinflussung durch Jainismus und Buddhismus

Wirtschaftliche Entwicklung von Indien und China seit 1950

Überprüfung der Thesen Webers zu den beiden Ländern

Rationalisierung und Differenzierung in China

Rationalisierung und Differenzierung in Indien

Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung und Hinführung zum Thema

Wie Uwe Schimank in seinem Studienbrief „Theorien gesellschaftlicher Differenzierung“ hinweist, sei für Max Weber nur im Okzident die vollständigen Voraussetzungen für die Ausprägung des okzidentalen Rationalismus vorhanden, wenn dieser Rationalismus auch keine Notwendigkeit der sozialen Entwicklung sei1. Die spezifische Ausprägung des okzidentalen Rationalismus führe laut Weber zur gesellschaftlichen Differenzierung der Moderne2, so Schimank an anderer Stelle. Diese Ausprägung und ihre Konsequenz möchte ich in der vorliegenden Arbeit für das Wirtschaftssystem betrachten, und soll auf Basis von Max Webers Aufsätzen zu Religion und Gesellschaft analysiert werden. Es geht Weber um die „...in den psychologischen und pragmatischen Zusammenhängen der Religionen gegründeten praktischen Antriebe zum Handeln...“3 die in den Wirtschaftsethiken der Weltreligionen impliziert seien4. Im Weiteren verweist Weber auf die Tatsache, dass die Religion keineswegs die einzige Determinante auf die Wirtschaftsethik wäre5.

So soll nun als erste Frage in Kapitel 3 dieser Arbeit die Entstehung des okzidentalen Rationalismus an Hand der „protestantischen Ethik und der Geist des Kapitalismus“ von Max Weber kurz aufgezeigt werden. In Kapitel 4 möchte ich der Frage nachgehen, welche Hindernisse er in China und Indien durch die dort vorherrschenden Religionen sah, die eine ähnliche rationale Ausprägung wie die des okzidentalen Rationalismus verhindert haben. Kapitel 5 soll eine kurze Übersicht über typische wirtschaftliche Kennzahlen für die betrachteten Länder beinhalten. Dieser Vergleich zwischen Deutschland, Indien und China soll die gegenwärtige wirtschaftliche Stellung beschreiben. Ob die Thesen die Weber zur Ausprägung der jeweiligen Wirtschaftsethik für die Räume Okzident, China, Indien noch so Geltung haben, oder an welcher Stelle sich hier Veränderungen ergaben, möchte ich in Kapitel 6 an Hand einiger neuerer Monographien und Aufsätze beleuchten. Das Resümee in Kapitel 7 soll noch einen abschließenden Blick auf das Thema geben.

Vor allem zur Analyse etwaiger Veränderungen in Kapitel 6 werde ich auf die bei Schimank genannte Dimensionen der Rationalität6 von Weber zurückgreifen und möchte diese als Basis nochmals kurz nennen:

- zweckrationales Handeln , das vorliegt, wenn “...Handeln nach Zweck, Mitteln...orientiert und…die verschiedenen möglichen Zwecke gegeneinander rational ab[ge]wägt...“7 ist, welches laut Schimank traditionalen und affektuellen/emotionalen Handeln gegenüber stehe8.
- Theoretische Rationalität, die nach verallgemeinerbaren Kausal-zusammenhängen suche und somit auch magische Erklärungen überwinde,.9 wie Schimank schreibt
- formale Rationalität, die laut Schimank durch ihre Ausprägung und Anwendung universal angewandten Regeln eine übergreifende Ordnung durch Gesetze und Normen schafften und somit Belieben und Willkür begrenzten10.
- Wertrationalität , das nach Weber „...ein Handeln nach „Geboten“ oder gemäß „Forderungen“, die der Handelnde an sich gestellt glaubt...“11 ist, vor allem auch die konsequente Ausrichtung hieran, ohne Rücksicht auf Berücksichtigung von allem anderen12.

Nachdem hier nun die Hausarbeit thematisch und inhaltlich umrissen, und der von mir verwendete Bewertungsmaßstab aufgezeigt wurde, möchte ich im folgenden Kapitel in die Analyse des okzidentalen Rationalismus einsteigen.

Ausbildung des okzidentalen Rationalismus durch die protestantische Ethik bei Weber „Was hat den „spezifisch gearteten ,Rationalismus´ der okzidentalen Kultur“ (Weber 1920: 20) hervorgebracht?“13 der zu einer Differenzierung der Gesellschaft geführt hat. Es hätte, fasst Schimank zusammen, eine „...parallele Rationalisierung in allen vier genannten Dimensionen...“14 mit einem Schwerpunkt auf der „...Herauslösung der Zweckrationalität des Handelns...“15 gegeben. Bevor auf die zentrale Herausbildung des zweck-rationalen kapitalistischen Geistes bei Weber eingegangen wird, möchte ich auf die, aus Webers Sicht, notwendigen Begleit-Rationalisierungen eingehen. Weber verwendet für die Verdeutlichung der typischen Rationalitäten des Okzident Vergleichen zu, sowohl historischen als auch geographisch anderen Kulturräumen. So stellt er für die theoretische Rationalisierung am Beispiel der Wissenschaft fest, dass es für diese nur im Okzident auch eine empirisch voll ausgebildete Basis mit empirischen Beweisen gäbe16. Ebenso, schreibt Weber weiter, hätte sich nirgends als nur im Okzident eine rationale Chemie gebildet17, oder „...das rationale Experiment: nach antiken Ansätzen wesentlich ein Produkt der Renaissance, und das moderne Laboratorium...“18 ausgebildet.

Auch bei den formalen Institutionen sei, nach Weber, allein im Okzident die Herausbildung von „...Parlamenten periodisch gewählten Volksvertretern...“19 und das Vorhandensein eines Staates mit „...rational gesatzter Verfassung, und einer an …Gesetzen, orientierten Verwaltung durch Fachbeamte...“20 vorhanden. Die Rationalisierung der Teilbereiche Recht und Verwaltung entsprechen der oben (S.5) erwähnten formalen Rationalisierung. Speziell die Rationalisierung des Rechts im Sinn einer Wertrationalisierung dieses Teilsystems, mit „...streng juristischen Schemata und Denkformen...kennt nur der Okzident.“21 All diese Rationalisierungen sind mit notwendig gewesen um einen okzidentalen Kapitalismus als „...schicksalvollste[n] Macht unseres modernen Lebens...“22 zu generieren, wie Weber selbst im Zusammenhang mit der Rationalisierung der Technik hinweist. Guttandin nennt hier 3 spezifische Charakteristika, die Weber aufzähle:„...„die rational-kapitalistische… Organisation von...freier Arbeit“, zweitens „die Trennung von Haushalt und Betrieb“ und drittens „die rationale Buchführung...“23 Gerade die letztgenannten Elemente wären, so Weber, andernorts nur rudimentär vorhanden, was vor allem auf eine fehlende Trennung von Betriebs- und Privatvermögen und ein fehlen von rationaler Betriebsbuchführung zurück zu führen sei24. Weber sieht weiterhin, dass eine rationale Technik und auch rationale Ökonomie nur möglich seien, wenn auch die Menschen in solchen Systemen fähig zu einer praktisch-rationalen Lebensführung wären25. Ein maßgebendes Element zur Entstehung einer entsprechend kapitalistischen Wirtschaftsethik sei das jeweilige religiöse System26. Denn“...Der Mensch will von Natur nicht Geld ...verdienen, sondern einfach leben...“27. Eben diese spezifischen Habitus, den Geist des Kapitalismus, sieht Weber im Okzident durch den Protestantismus und vor allem durch den Calvinismus erzeugt28. Und dies obwohl die Reformatoren traditionell und antikapitalistisch gewesen seien29 und somit innerhalb des Systems, erst der ökonomische30, dann der religiöse Traditionalismus31 überwunden werden musste. Wesentlich für diese Entwicklung sind zuerst die neue Bedeutung von „Beruf“, womit Luther nach Webers Auffassung „...als einziges Mittel, Gott wohlgefällig zu leben, …ausschließlich die Erfüllung der innerweltlichen Pflichten kennt,...eben sein Beruf...“32. Als zweiten Schritt nennt Weber die religiösen Grundlagen, die der Calvinismus durch die ihm eigene Prädestinationslehre mit eingebracht hat. Die Vorherbestimmung zum ewigen Heil ist allein und unbeeinflussbar von Gott gegeben und vor allem auch nicht erkennbar für das Individuum33. Dies führt für den Einzelnen aber in eine nicht auflösbare innere Spannung und die Suche nach Hinweisen auf das eigene Erwähltsein34. Weber beschreibt, dass durch ein erkennbares Gelingen der Berufsausübung eben dieser Hinweis Gottes auf das eigene Erwähltsein gesehen wurde, was wiederum zu einem asketischen Handeln des Einzelnen führe35. „Erst in der Verbindung der innerweltlichen Berufspflicht mit einer aus ihr erwachsenen systematischen Rationalisierung der Lebensführung entsteht... [der] „Geist des Kapitalismus“...“36. Was diese erst bei den Angehörigen jener Glaubensrichtung zum Durchbruch in die Breite der Gesellschaft verhalf, waren zwei Punkte. Zum einen „... „entlastete“ die protestantische Ethik die Lebensführung ...von den Hemmungen der traditionalistischen Ethik...“37 des Geldverdienens. Und zum zweiten beschreibt Weber die Unmöglichkeit sich dauerhaft wirtschaftlich zu behaupten, solange man einem ökonomischen Traditionalismus verhaftet sei, während andere nach dem Prinzip einer zweckrationalen Betriebsführung handeln würden, am Beispiel zweier Textilhändler38. Daneben erfolgt aber auch durch die Säkularisation der Bedeutungsverlust der Religion, vor allem auch durch die theoretische Rationalisierung der Wissenschaft39.

Differenzierung durch Religion

Was spricht für Weber nun gegen eine ähnliche Ausprägung einer Rationalisierung und wirtschaftlichen Ethik bei anderen Weltreligionen? Unter „Weltreligionen werden hier, ...jene... religiös bedingten Systeme der Lebens-reglementierung verstanden, welche eine besonders große Menge von Bekennern um sich zu scharen gewusst haben...“40. Die in der Einleitung genannten Länder China und Indien, stehen hierbei für folgende von Weber genannten Weltreligionen: der Hinduismus für Indien und der Konfuzianismus für China, sowie der Buddhismus für beide Länder41. Anschliessend soll nun die jeweilige Entwicklung der spezifischen Wirtschaftsethik durch diese Religionen wie Weber sie analysiert hat, nachvollzogen werden.

Soziales System des Konfuzianismus bei Weber

Wieso kam es also laut Weber nicht auch in China zu einer vollen Ausprägung einer rationalen Wirtschaftsethik und einer Art okzidentalen Rationalismus? Grundlegend betrachtet, umfasste China in seinen unterschiedlichen Aus-dehnungen teilweise mehr als ein Dutzend Naturräume42 und unzähligen verschiedenen regionale Kulturen die integriert wurden43. So fangen die Unterschiede in China schon bei der sozialen Rolle des Kaisers an, die eine andere war als im Okzident. Die Stellung des Kaisers entspräche in China, laut Weber, weniger der eines Lehnsherren wie in Europa, sondern eher der eines legitimen Oberpriesters44. „Die (wenigstens theoretische) Gleichheit des Rituals bildete den Kitt jenes Zusammenhalts“45. Dekrete des Kaisers wären, so Weber, eher ethische als rechtliche Normen gewesen46. Und so muss es nicht weiter verwundern, wenn es in China keiner formalen Rationalität des Rechts im Sinne des Okzident kam, sondern es „...galt der Satz: Willkür bricht Landrecht.“47 Außerhalb von Städten, stellt Weber für China fest, würde die offizielle Beamtenverwaltung rasch enden und in die Befugnisse der Sippen wechseln48. Diese habe eine weiterreichende Macht über den Einzelnen, für den die Zugehörigkeit zur Sippe alles sei49.

Diese soziale Rolle des Kaisers hängt stark mit dem unterschiedlichen Verständnis von „Gott“ zusammen. Laut Weber bildete sich in China die Vorstellung einer unpersönlichen, obersten Himmelsmacht und diese „...sprach nicht zu den Menschen.“50 Sie spräche durch die feste Naturordnung und deren Funktionieren und überrage alle anderen Geistwesen und Götter51. „Mit diesen Anm.: verschiedenen Göttern und Geistwesen verkehrte man ...auf dem Tauschfuß: soundso viel rituelle Leistung für soundso viel Wohltaten.“52 Ein Wechsel des Herrschers oder der Dynastie ändere nicht die soziale Ordnung, sondern sei eher der Wechsel des Steuerempfängers53. Der Konfuzianismus ließ diese magische Vorstellung unangetastet54, richte sich aber laut Weber sehr an der gegenwärtigen Welt mit seinen „Heils-erwartungen“ aus, wie etwa ein langes Leben55. Der ideale Anhänger des Konfuzianismus sei geprägt von Pflichterfüllung, der Tradition und durch eine ständige Ausgewogenheit in allen Dingen56. „...der Mensch definiert sich nicht durch seine Persönlichkeit, sondern durch die Befolgung von Riten...“57. Zu diesen Riten zählte als eine zentrale auch der Ahnenkult. „die Ahnen waren die Vermittler zwischen den übernatürlichen Kräften und den lebenden Mitgliedern der Familie...“58. Im Gegensatz zum Protestantismus erzeugte der Konfuzianismus keinerlei innere Spannung gegenüber der Welt für die einzelnen Individuen. So ergibt sich zwangsläufig ein traditionaler Rationalismus des Handelns und belies den Menschen innerhalb seiner hierarchischen Stellung59. Sünde sei, so Weber, ein Verstoß gegen die Hierarchie von „...Eltern, Ahnen, Vorgesetzten in der Amtshierarchie...“60.

Auch der Bereich der Verwaltung war in China von völlig anderer Machart wie die des Okzidents. Weber stellt für China fest, dass es sich um ein befriedetes Reich handelte61. So gab es in China einen Beamtenapparat, der durch die Befriedung des Reiches den alten Kriegeradel immer mehr Reformen verdrängt hätten, so Schmidt-Glintzer62. Die Beamten hätten eine lange Ausbildungszeit63 und mussten sich Prüfungen unterziehen64, wie Weber attestiert, allerdings seien hier weder rational-bürokratische Fachgeschultheit geprüft worden65, sondern nur die orthodoxe Interpretation der konfuzianischen Klassiker66, womit das chinesische Bildungssystem auch an diesem Punkt im krassen Gegensatz zu den sich im Okzident gebildeten theoretischen Rationalismus des Wissenschaftsbereichs steht. Die Beamten stünden auch nach bestandener Prüfung unter ständiger Beobachtung und Kritik und hätten einen entsprechenden„...Geist...und dieser war der eines lebenslänglichen Pennalismus von Amts wegen.“67 Trotzdem war das Beamten- und Literatentum in China äußerst begehrt und hatte starken Einfluss auf die Mittelstandschichten, so Weber, da hohen Amtsträgern gleichzeitig magische Qualifikation unterstellt wurde68. Durch kurze Amtszeiten war eine rationale Beeinflussung der Wirtschaft durch die Beamten nicht gegeben69.

Durch seine, hier in Kürze, dargestellten Analysen, kann Weber aus meiner Sicht somit insgesamt sehr gut nachvollziehbar zeigen, warum es in China zu keiner ähnlichen Ausprägung einer rationalen Wirtschaftsethik wie im Okzident kam. Weder die Begleit-Rationalitäten noch der innere Antrieb zu einer solchen Ausbildung war hier gegeben. Als alles dominierende Wertsphäre erscheint hier der oben beschriebene traditional-rationale Literaten-Beamtenapperat.

Soziales System des Hinduismus bei Weber

Weber beschreibt Indien als ein „...Land der Dörfer... Aber zugleich ein Land des Handels,...gerade auch des Fernhandels, insbesondere nach dem Okzident...“70. Des Weiteren nennt Weber die Kriegsführung, Politik und Finanzwirtschaft als Beispiele der rationalen Ausprägung71. „Das heutige rationale Zahlensystem...ist indischen Ursprungs². Die Inder habe, im Gegensatz zu China rationale Wissenschaft...gepflegt.“72 Ebenso weißt Weber auf die Tatsache einer Religion hin, die aus systematisch rationalen Bedürfnissen erwachsen sei73. Auch beim Rechtssystem und dem prinzipiellen Streben nach Reichtum macht Weber einen deutlichen Unterschied zu China und bescheinigt Indien sehr gut Voraussetzungen für die Entstehung eines okzidentalen Kapitalismus74. Dieser sei allerdings innerhalb Indiens nie von selbst entstanden75.

So stellt sich hier noch mehr die Frage, wieso es, trotz einer anscheinend doch für die Entwicklung notwendigen rationalen Basis, nicht zu einem rationalen Kapitalismus okzidentalen Charakters kam und welchen Anteil hierbei der Hinduismus spielt. So möchte ich als erstes den Hinduismus kurz betrachten und versuchen zu umreisen.

Von Stierencron bemerkt, dass die Bezeichnung Hinduismus als Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlichster Religionen des indischen Subkontinents erst im 19. Jahrhundert aufkam76. Die Zusammenfassung mehrerer religiösen Vorstellungen unter einer Bezeichnung konnte vor allem deshalb sinnvoll erfolgen, da es, wie Weber schreibt, im Hinduismus keine unfehlbare Lehrautorität gäbe77. Zum anderen da die einzelnen Hindu-Sekten überaus tolerant gegen einander seien, „...denn gerade diese Freiheit der Meinung kennt der Hinduismus in denkbar weitest gehendem Maße.“78 Gemeinsam ist den unter dem Hinduismus zusammen gefassten Religionen nach Weber, erstens wer die Autorität der Veden anerkenne oder „...deren Autorität zumindest nicht offiziell bestreitet...“79. Zweitens wer als Hindu geboren sei, den „Einer strikten Geburtsreligion ...wie dem Hinduismus gehört man durch die bloße Tatsache der Geburt von Hindueltern an.“80 Bei den Veden handele es sich, nach von Stierencron, um mündliche Überlieferungen, die „schon aufgrund ihres Alters die Heiligen Texte schlechthin...“81 darstellen. Diese Texte stellten „...eine Offenbarung von heiligem Wissen, das seit Ewigkeit besteht...“ dar82. Die für die sich daraus auf die praktische Lebensführung ergebenden Konsequenzen betreffen das Kastensystem generell und spezifisch die Kaste der Brahmanen, sowie auch die Vorstellung von Ewigkeit und Wiedergeburt. Wesentlich für das soziale Gefüge der einzelnen Kasten ist, dass, nach Weber, jede Kaste in Bezug zur Kaste der Brahmanen gesetzt werde83. Die überragende Stellung der Brahmanen resultiere aus der Tatsache, dass nur Sie die korrekte Durchführung eines Opfers und Kenntnis der Veden, die genaue Detailkenntnis voraussetze kennen, so

“...dass die Götter als Akteure gar nicht mehr wichtig sind. Es sind die Priester, die mit ihrem fehlerfreien Opfer einen Mikrokosmos gestaltet... Die Götter können gar nicht anders: Sie werden zu Vollzugsgehilfen der Priester, die nun durch ihre Opferwissenschaft eine nie gekannte Macht gewinnen.“84

Somit heise, nach Weber, die Autorität der Veda eigentlich nur die Anerkennung von, der gewachsenen Interpretation, als auch der Autorität der Brahmanen-/ Priester-Kaste85. „Die Kaste, das heißt also: die rituellen Pflichten und Rechte,…sind die Grundinstitutionen des Hinduismus. ...Ohne Kaste gibt es keinen Hindu...“86. Laut Weber sei die Kaste im weitesten Sinn sozialer Rang und eine Zugehörigkeit, wie oben ge-schrieben, nur durch Geburt möglich87. Weber beschreibt die Kastenordnung als ein sozial sehr geschlossenes System. So gäbe es teilweise keinerlei sozialer Kontakte zwischen verschiedenen Kasten88 und auch Verbrüderungen wie bei okzidentalen Zünften seine mitunter undenkbar89. Ebenso wenig könne in Indien von freier Berufswahl gesprochen werden, da ein Wechsel zwischen Berufen völlig fehle und schlichtweg nicht möglich sei, da dies einen Wechsel der Kaste bedeuten würde90. Unterkasten bedienten nur in Bezug auf bestimmte andere Kasten. Weber beschreibt sehr eindrücklich, dass eine Kaste als Barbiere für Brahmanen tätig wäre, während eine andere Kaste die Pediküre übernehme, während keine dieser beiden Kasten aber andere und gegebenenfalls niedrigere Kasten bedienen91. Insofern weißt Weber richtig darauf hin, dass die Kasten auch einen gewissen Schutz und Monopol für die jeweilige Tätigkeit gäben und somit immer noch besser sei, als ein reines Gastvolk, dass schlichtweg außerhalb des Systems stehe92. „Die Stämme...nahmen damit... ein Sklavenjoch ritueller Pflichten auf sich, wie die Welt es kaum zum zweiten Male kennt...“93, beschreibt Weber die Strenge des Kastensystems an einer Stelle. Das rechtliche System wurde, laut Weber, ebenfalls durch die Kastenordnung mit beeinflusst, da die Kasten für sich selbst Recht sprachen94 und es damit zu keiner einheitlichen formal rationalen Jurisprudenz kommen konnte.

[...]


1 Schimank, Uwe: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung S.47

2 Schimank, Uwe: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung S.41

3 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.292

4 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 – 565) S.291

5 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.292

6 Schimank, Uwe: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung S.44

7 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft S.18

8 Schimank, Uwe: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung S44

9 Schimank, Uwe: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung S.44/S.45

10 Schimank, Uwe: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung S.45

11 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft S.18

12 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft S.18

13 Schimank, Uwe: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung S.41

14 Schimank, Uwe: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung S.45

15 Schimank, Uwe: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung S.45

16 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.11

17 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.11

18 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.11

19 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.12/13

20 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.13

21 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.11

22 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.13

23 Guttandin, Friedhelm: Einführung in die „Protestantische Ethik“ Max Webers S.27

24 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.15

25 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.19

26 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.19

27 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.46

28 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.80

29 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.69/70

30 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.49

31 Guttandin, Friedhelm: Einführung in die „Protestantische Ethik“ Max Webers S.116

32 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.67

33 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.85

34 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.96

35 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S.101

36 Guttandin, Friedhelm: Einführung in die „Protestantische Ethik“ Max Webers S.116

37 Guttandin, Friedhelm: Einführung in die „Protestantische Ethik“ Max Webers S.141

38 Weber, Max: Religion und Gesellschaft S51ff

39 Guttandin, Friedhelm: Einführung in die „Protestantische Ethik“ Max Webers S.127

40 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.291

41 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.291

42 Schmidt-Glintzer, Hedwig: Das alte China S.11

43 Schmidt-Glintzer, Hedwig: Das alte China S.10

44 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.344

45 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.344

46 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.416

47 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.416

48 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.408

49 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 – 565) S.406

50 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.345/346

51 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.345

52 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.347

53 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.344

54 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.515

55 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.515

56 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.515

57 Bildlexikon der Völker und Kulturen S.164

58 Bildlexikon der Völker und Kulturen S.158

59 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.525

60 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.516

61 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.342

62 Schmidt-Glintzer, Hedwig: Das alte China S.72

63 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.441

64 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.432

65 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 – 565) S.431

66 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.432

67 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.438

68 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.442

69 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.291 - 565) S.442

70 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.566

71 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.567

72 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.567

73 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.567

74 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.567

75 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.567

76 von Stietencron, Heinrich: Der Hinduismus S.7

77 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.585

78 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.582

79 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.586

80 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.569

81 von Stietencron, Heinrich: Der Hinduismus S.18

82 von Stietencron, Heinrich: Der Hinduismus S.18

83 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.589

84 von Stietencron, Heinrich: Der Hinduismus S.19

85 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.588

86 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.588

87 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.569

88 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.594

89 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.594

90 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.593

91 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.600

92 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.578

93 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.577

94 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.604

95 Weber, Max: Religion und Gesellschaft: (S.565 - 879) S.636

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656978794
ISBN (Buch)
9783656978800
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300409
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Schlagworte
Max Weber Buddhismus Hinduismus Jainismus Konfuzianismus China Indien Kapitalismus

Autor

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