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Frauenquote und Meritokratie. Ist die Einführung zur Herstellung von Chancengleichheit notwendig?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 27 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.EINLEITUNG

2.THEORETISCHEGRUNDLAGE:ANSÄTZEDERMERITOKRATIE

3.DIEFRAUENQUOTE-EINE„AFFIRMATIVE?ACTION?MAßNAHME“ ZURHERSTELLUNGVONCHANCENGLEICHHEIT

3.1CHANCENGLEICHHEITDERFRAUENDURCHQUOTENREGELUNG?

3.2HINTERGRÜNDEDERFRAUENQUOTE

3.3INHALTEDERFRAUENQUOTE

4.DISKUSSION:MERITOKRATIEUNDFRAUENQUOTEAUFDEM PRÜFSTAND

5.FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

„Ohne Quote geht es nicht“ - so lautet das Fazit vieler Autorinnen und auch die Bun- desministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Manuela Schwesig teilt die Ansicht, dass Frauen ohne „Affirmative-Action-Maßnahmen“1 in Form einer Quoten- regelung die „gläserne Decke“ der Führungsebenen auf dem Arbeitsmarkt nicht durchbrechen können (Forum Politik und Gesellschaft 2010). Dabei geht es um die Frage, ob durch die Frauenquote nicht nur eine formale, sondern letztendlich auch eine tatsächlich faire Chancengleichheit2 auf dem Arbeitsmarkt hergestellt werden kann, um die geringe Repräsentation von Frauen speziell in den Führungsebenen zu steigern und sie im Vergleich zu den Männern in eine bessere Position zu versetzen. Ob dies überhaupt notwendig ist, gilt es zu diskutieren, denn betrachtet man aus meritokrati- scher Perspektive die Einführung der Frauenquote, so könnte man möglicherweise widersprechen.

Die Kernfrage, die in der vorliegenden Arbeit diskutiert werden soll, lautet, ob der Ansatz der Meritokratie eine wirksamere Maßnahme zur Herstellung von Chancen- gleichheit der Geschlechter darstellen könnte. Auch soll überlegt werden, ob die Mög- lichkeit besteht, die Frauenquote mit den Ansätzen der Meritokratie zu vereinen und somit eventuell einen Mittelweg zur Herstellung von Chancengleichheit finden zu können. Als theoretische Grundlage sollen dabei, wie schon erwähnt, die Ansätze der Meritokratie dienen, die anschließend dazu verwendet werden, den empirischen Fall der Frauenquote, welcher vorher hinsichtlich seiner Hintergründe, Inhalte und Ziele vorgestellt wird, auf theoretischer Basis zu diskutieren. Als wichtiger Hinweis gilt es anzumerken, dass die Auseinandersetzung mit der Fragestellung auf einer rein norma- tiven Ebene geführt wird und keinerlei empirische Belege zur Rechtfertigung der vor- getragenen Ansichtsweisen angeführt werden.

2. Theoretische Grundlage: Ansätze der Meritokratie

Der Begriff Meritokratie wurde das erste Mal von Michael Young 1958 in seinem Buch „The Rise of the Meritocracy“ verwendet. Dabei verwendet Young den Begriff der Meritokratie, um eine zukünftige Gesellschaft zu beschreiben, in der derjenigen die beste Position erlangt, der die größte Leistung und den größten Verdienst erbringt (Barry 2005: 109). Auch aus heutiger Sicht wird unter Meritokratie verstanden, dass Bewerber nur aufgrund ihrer persönlichen Fähigkeiten und aus sonst keinen anderen Beweggründen für bestimmte Positionen ausgewählt werden (Müller-Benedict 2014: 115). Die Meritokratie geht davon aus, dass in modernen Gesellschaften mit einer markwirtschaftlichen Struktur die Verteilung von Lebenschancen wie beispielsweise Einkommen, soziales Ansehen und andere wohlfahrtsstaatliche Anrechte, primär durch den Arbeitsmarkt und die „berufsmäßige Erwerbstätigkeit im Lebenslauf er- folgt“ (Mayer&Müller 1986: 217-245). Dabei stellt der Erwerb von berufsrelevanten Qualifikationen sowie Bildung eine maßgebliche Voraussetzung für den Zugang zum Arbeitsmarkt dar. Der meritokratische Ansatz geht davon aus, dass die Verteilung von Gütern und erstrebenswerten Positionen im Bildungs- und Beschäftigungssystem über das Leistungsprinzip erfolgt und dadurch Chancengleichheit hergestellt wird. Durch die Annahme, dass Chancengleichheit nach dem Leistungsprinzip erfolgt, werden die strukturellen Auswirkungen der sozialen Ungleichheiten wie z.B. Bildung, Status und Einkommen legitimiert (Hadjar 2008: 101). Formal versteht die Meritokratie dabei unter Chancengleichheit, die Möglichkeit aller Individuen, entsprechend ihren persön- lichen Fähigkeiten und Leistungen, die gleichen Chancen für den Erwerb von Bil- dungszertifikaten zu erhalten. Dabei sollen leistungsunabhängige Faktoren wie bei- spielsweise die soziale Herkunft oder das Geschlecht keine Rolle spielen (Be- cker&Hadjar 2009: 35 f.). Der Zugang zur angestrebten Berufstätigkeit und Bildung sowie der Erwerb von Bildung und Einkommen laufen demnach nur über „meritokra- tische Prinzipien“ (ebd.), die als legitime Mechanismen für die Verteilung von Gütern und den gesellschaftlichen Status fungieren sollen. Dabei ist die gesellschaftlich aner- kannte Verteilung von Macht, Einkommen und Status eng mit der Bildung verknüpft und wird nach Ansicht der Meritokratie aufgrund von einer „contest mobility“ (Turner 1960: 858) erreicht und ist nicht auf die „sponsored mobility“ zurückzuführen (ebd.). Unter „contest mobility“ versteht man dabei, dass erstrebenswerte Merkmale wie bei- spielsweise Macht oder Einkommen durch individuelle Leistung und durch im Wett- bewerb erworbene Verdienste erlangt werden. Bei der „sponsored mobility“ sind diese erlangten Merkmale auf keine persönlichen Leistungen oder Verdienste zurückzuführen, sondern basieren auf einer vererbten sozialen Herkunft wie beispielsweise adlige Wurzeln (Becker&Hadjar 2009: 36).

In einer meritokratischen Gesellschaft wird die soziale Schichtung nach sozialer Herkunft aufgrund des Leistungsprinzips durch die „contest-mobility“ aufgelöst und durch eine soziale und lediglich auf Leistung beruhende Schichtung ersetzt. Die Chancengleichheit bei dem Erwerb von Bildung wird nach dem Ansatz der Meritokratie somit ausschließlich durch das Leistungsprinzip hergestellt (ebd.).

Auch ist herauszustellen, dass trotz offensichtlicher Bildungsungleichheiten die unge- recht sind, moderne Gesellschaften einen festen meritokratischen Glauben aufweisen und davon überzeugt sind, dass der Zugang zur Bildung herkunftsunabhängig ist. Da- rauf aufbauend sorgt die „meritokratische Leitfigur“ (Solga, 2005: 21) dafür, dass die Menschen die tatsächlichen sozialen Ungleichheiten annehmen und einen (scheinba- ren) freien Wettbewerb beim Bildungserwerb sehen. Erst dadurch wird für Stabilität der sozial ungleichen Bildungschancen gesorgt (ebd.). Daraus kann geschlussfolgert werden, dass jeder Einzelne durch die zwei Kriterien Leistung und Verdienst selbst- verantwortlich für die Gestaltung seines Schicksals ist (Kreckel 2004: 68). Das Bil- dungssystem kann als eine „Rechtfertigungsfabrik“ (ebd.) der sozialen Ungleichheit in der modernen Gesellschaft gesehen werden. Durch den Maßstab des individuellen Leistungsprinzips und dem dadurch hergestellten Gleichheitsprinzip werden die ei- gentlich herrschenden Benachteiligungen akzeptiert (Beck 1988: 265).

Auch Michael Young beschreibt in seinem Werk „The Rise of Meritocracy“ das zu- künftige England, das sich zu einer Gesellschaft entwickelt hat, in dem erstrebenswer- te gesellschaftliche Positionen der Individuen nur mithilfe von Intelligenz (Intelli- genzquotient) und Anstrengungen („effort“) erreicht werden können: „Intelligence and effort together make up merit“ (Young 1958: 94). Young berichtet über eine fiktive und utopische Gesellschaft, bei der die Kriterien Leistung, Talent und Anstrengung die wesentlichen Merkmale für die Erlangung von Gütern und Positionen sind. Auch be- hauptet er, dass die Meritokratie einen Anreiz darstellt, eine Leistungsgesellschaft auf- zubauen, „in der Chancen und- Leistungsgerechtigkeit herrsche“ (Becker&Hadjar: 2009: 37).

Des Weiteren beschreibt auch der Soziologe Talcott Parsons die Meritokratie. Dabei geht er davon aus, dass Personen ihre sozialen, politischen und beruflichen Stellungen nicht über die soziale Herkunft, sondern über „im Wettbewerb erworbene Bildungspa- tente“ (ebd.) erreichen.

Im meritokratischen Ansatz geht Chancengleichheit mit demokratischen und bürgerli- chen Freiheiten einher. Dies bedeutet , dass die Vorstellungen von Gleichheit und Leistung kombiniert werden, woraus sich das Ziel der Chancengleichheit ergibt. Dabei wird aus Parsons Sicht unter Chancengleichheit verstanden, „dass der Zugang zu Be- lohnungen und den sie begründeten Leistungsoptionen wiederum nur durch eigene Leistung und nicht durch Glück [...] geregelt wird“ (Hondrich 1984: 275). Wichtig ist sowohl der Wert von Leistung als auch der Wert der Gleichheit, die sich auf die In- tegration einer fortschreitenden Gesellschaft fixieren, wobei unter Gleichheit gefordert wird, „persönlich nicht zu verantwortende Unterschiede zwischen den Menschen nicht zu einer Grundlage sozial bewerteter Unterschiede zu machen. Mit Leistung wird gefordert, persönlich zu verantwortende Unterschiede zwischen den Menschen zu einer Grundlage sozial bewerteter Unterschiede zu machen“ (Meulemann 1992: 102).

Dabei ergibt sich aus dem Konstrukt von Leistung und Chancengleichheit die Chancengerechtigkeit, „weil Leistung Ungleichheit rechtfertigt und weil Herkunft und Leistung miteinander zusammenhängen, geht aus der Forderung nach gleichen Chancen die Forderung nach gleichen Chancen bei gleicher Leistung hervor. Aus Chancengleichheit wird Chancengerechtigkeit“ (Meulemann 2004: 120).

Auf dieser Grundlage erfolgt die Allokation im leistungsorientierten Schichtungssys- tem in der Meritokratie nicht willkürlich, sondern Individuen werden aufgrund ihrer Fähigkeiten für Rollen ausgewählt und belohnt. Da jedoch die Anstrengungen und Talente ungleich verteilt sind, wodurch die gegebenen Chancen unterschiedlich bzw. ungleich genutzt werden, ergibt sich eine Ergebnisungleichheit von Verdiensten und deren daran geknüpften Lebenschancen. Ungleichheit wird dabei als eine unbedingte Notwendigkeit für die Funktionalität moderner Gesellschaften angesehen. Für Gesell- schaften ist es nach dieser Ansicht unverzichtbar und notwendig, die talentiertesten und fähigsten Gesellschaftsmitglieder zu motivieren, damit diese die für die Gesell- schaft überlebenswichtigsten, unbedingt notwendigen und entscheidenden Funktionen übernehmen (Davis&Moore 1945: 347-357).

Die Verteilungsregel von Positionen lautet dabei: „Je größer die Talente und Leistun- gen, desto größer die Verdienste“ (ebd.). Diese Regel wird für die Verteilung von Gü- tern in der Gesellschaft als legitim anerkannt, was die Stabilität und Integration der Gesellschaft fördert. Eine Gesellschaft ist dann integriert, wenn ein gewisser allgemei- ner Konsens über die Zuweisung von Positionen und Funktionen in der Gesellschaft besteht. Positionen ergeben sich aus dem Beziehungsgeflecht von Macht, Geld und Fähigkeiten, wobei man unter Funktionen die Rollen im Arbeitssystem versteht. Dabei weisen Gesellschaften nach der Meritokratie und dem Leistungsprinzip eine hohe In- tegration auf, da die Ungleichheiten von Lebenschancen gerechtfertigt erscheinen und akzeptiert werden (Kreckel 2004: 98).

Auch der britische Soziologe John Harry Goldthorpe (1996) spricht von einer Meritokratie mit einer bildungsbasierten Grundlage, in der drei Prämissen zugrunde liegen, die sich auf die Vermehrung und die Bewahrung von gesellschaftlichen Reichtum beziehen (Goldthorpe 1996: 255 f.).

Das erste Prinzip ähnelt denen schon zuvor erwähnten Annahmen der Meritokratie in Bezug auf die Verteilung von Positionen und zielt darauf ab, dass wichtige gesell- schaftliche Positionen einzig und allein nach demonstrierten Fähigkeiten zu besetzen sind. Bildung und Erfolg in im Wettbewerb ausgerichteten Prüfungen sowie die Ab- solvierung von Ausbildungseinheiten nehmen einen immer höheren Stellenwert ein. Dahingegen geraten familiäre Faktoren (z.B. Herkunft) in den Hintergrund (Becker 1993: 141 ff.). Die zweite Prämisse geht davon aus, dass die Chancen für die ange- strebten Bildungserwerb lediglich von den natürlichen Begabungen abhängen. Dabei sind diese bei jedem Einzelnen individuell stark ausgeprägt und sorgen so für unter- schiedliche Möglichkeiten bei den Bildungschancen. Als dritte Annahme steht das Leistungskriterium, das die Selektion für bestimmte Berufspositionen in modernen Gesellschaften rechtfertigt und soziale Ungleichheiten legitimiert:

„The social inequality [...] can then claim legitimacy - as ascriptive inequality cannot - in that it contributes to the efficient functioning of the society as a whole and in that superior rewards, because they reflect superior achievement, are deserved“ (Goldthorpe 1996: 257).

Dabei beruhen die drei Prämissen auf der schon erwähnten leistungsbasierenden Schichtungstheorie von Davis und Moore aus dem Jahre 1945. Zur Verdeutlichung kann das leistungsbasierende Prinzip zur Erreichung von beruflichen Positionen in systematischer Weise in der „ meritokratischen Triade “ (Kreckel 2004: 97) herange- zogen werden:

Abb. 1: Meritokratische Triade: Legitime und illegitime Ressourcennutzung im meritokratischen Modell der sozialen Ungleichheit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Abbildung soll veranschaulichen, dass in modernen Gesellschaften mit einer marktwirtschaftlichen Ordnung die individuellen Qualifikationen als Input-Ressource in bestimmte beruflichen Positionen übertragen werden. Diese ist mit dem entspre- chenden Einkommen verbunden und soll die Output-Ressource darstellen. Laut dieser Darstellung muss das Einkommen den Qualifikationen als Indikator für Leistung3 ent- sprechen. Es wird als gerechtfertigt und legitim angesehen, dass sich die ungleich ver- teilten Qualifikationen auf nicht gleichwertig verteilte berufliche Positionen und fi- nanzielle Einkommen niederschlagen. Illegitim sind dabei jedoch die Einflüsse auf Bildung, Beruf und Einkommen, die etwa auf sozialer Herkunft oder Geschlecht ba- sieren und somit leistungsfremde Kriterien für Leistungen oder Verdienste darstellen.

[...]


1 Antidiskriminierungsmaßnahmen (Hildebrandt 2005: 475).

2 Unter formaler Chancengleichheit wird die gesetzlich festgeschriebene Chancengleichheit verstanden, d.h., dass alle Menschen die gleichen gesetzlichen Rechte auf erstrebenswerte, vorteilhafte, soziale Positionen besitzen. Faire Chancengleichheit bedeutet, dass Menschen mit ähnlichen Fähigkeiten und Begabungen die gleichen Aufstiegschancen haben, unabhängig von ihrer sozialen Ausgangsposition (Rawls 1999: 56 ff.).

3 Unter Leistung werden dabei Zertifikate verstanden, wie zum Beispiel Zeugnisse, die formal die Leistungsqualifikationen beglaubigen (vgl. Kreckel 2004: 98 ff.).

Details

Seiten
27
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656969365
ISBN (Buch)
9783656969372
Dateigröße
734 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300406
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Politikwissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
frauenquote meritokratie einführung herstellung chancengleichheit

Autor

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