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Kognitive Imbalance als Erklärung des Einflusses negativer Stereotype auf die Testleistung

Bachelorarbeit 2013 54 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Zusammenfassung

1 Einleitung und Ziele

2 Theoretische Grundlagen und empirischer Erkenntnisstand
2.1 Stereotype Threat
2.1.1 Identifikation mit der Gruppe als Moderator für Stereotype Threat
2.1.2 Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich als Moderator für Stereotype Threat
2.2 Integratives Prozess-Modell nach Schmader et al. (2008)
2.3 Kognitive Imbalance als Erklärung für die Leistungsminderung unter Stereotype Threat
2.3.1 Kognitiv, physiologisch und affektiv das Arbeitsgedächtnis beeinflussende Prozesse
2.3.2 Das Arbeitsgedächtnis und Stereotype Threat

3 Fragestellung und Hypothesen

4 Methoden
4.1 Stichprobenbeschreibung und Design
4.2 Untersuchungsmaterialien
4.2.1 Cover-Story
4.2.2 Selbstkategorisierung, Kategorisierungstest und Erhebung der Identifikation mit der Gruppe
4.2.3 Manipulation und Erhebung der Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich
4.2.4 Aktivierung des negativen Stereotyps
4.2.5 Modifizierter Zahlen-Symbol-Test
4.3 Ablauf
4.4 Statistische Verfahren

5 Ergebnisse
5.1 Überprüfung der Gruppenzuordnung und der Identifikation mit der Gruppe
5.2 Überprüfung der Manipulation der Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich
5.3 Überprüfung des negativen Stereotyps
5.4 Überprüfung der Hypothesen

6 Diskussion
6.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
6.2 Interpretation der Ergebnisse
6.3 Methodenkritik
6.4 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1. Stereotype Threat als kognitive Imbalance

Abbildung 2. Schematische Darstellung der verschiedenen Balance- und Imbalance- Bedingungen

Abbildung 3. Schematische Darstellung der Hypothesen 1.1 und 1.2

Abbildung 4. Schematische Darstellung der Hypothese 2

Abbildung 5. Schematische Darstellung der Hypothesen 3.1 und 3.2

Abbildung 6. Schematische Übersicht der Hypothesen 1.1, 1.2, 2, 3.1 und 3.2

Abbildung 7. Wirkung der Manipulation auf die Faktoren Selbstkonzept und Relevanz in Bezug auf die Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich

Abbildung 8. Erreichte mittlere Leistung im Zahlen-Symbol-Test unter den verschiedenen Testbedingungen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1. Prüfung der Manipulation der Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich

Zusammenfassung

Steele und Aronson (1995) beschrieben erstmals das Stereotype Threat-Phänomen als Bedrohung der Leistung aufgrund eines negativen Stereotyps. Schmader, Johns und Forbes (2008) präsentieren ein Modell zur Erklärung der leistungsmindernden Wirkung negativer Stereotype auf die Testleistung und integrieren, neben einen aktivierten negativen Stereotyp, die zwei Moderatoren „Identifikation mit der Gruppe“ und „Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich“. Sie beschreiben eine kognitive Imbalance aufgrund dieser als das Stereotype Threat-Phänomen und postulieren eine schlechtere Leistung als in einer kognitiven Balance. Diese Studie untersucht den angenommenen Einfluss der Interaktion beider Moderatoren bei einem aktivierten negativen Stereotyp auf die Testleistung und erweitert die Annahmen von Schmader et al. (2008) auf die Vergleiche der Leistung zwischen allen möglichen Kombinationen der Identifikation mit der Gruppe und dem Fähigkeitsbereich (niedrig vs. hoch). Gemessen wurde die Leistung von 34 Personen in einem Merkfähigkeitstest unter den möglichen Bedingungen (kognitive Imbalance, kognitive Balance und eine unbeschriebene Bedingung). Die Ergebnisse sprechen gegen eine Interaktion der Moderatoren und der vermuteten besseren Leistung in einer kognitiven Balance-Bedingung gegenüber einer kognitiven Imbalance-Bedingung. Lediglich eine über die Annahmen von Schmader et al. (2008) hinaus getätigte Hypothese konnte bestätigt werden: Personen mit einer niedrigen Identifikation mit der Eigengruppe und einer hohen Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich weisen im Mittel bei einem aktivierten negativen Stereotyp eine bessere Leistung auf als Personen mit einer niedrigen Identifikation mit der Eigengruppe und dem Fähigkeitsbereich.

1 Einleitung und Ziele

Leistungsbezogene Stereotype, die über soziale Gruppen bestehen, können die Testleistung von den betroffenen Gruppenmitgliedern beeinflussen (z. B. Steele & Aronson, 1995). Werden negative Stereotype in einer Testsituation aktiviert, zeigen betroffene Gruppenmitglieder einen Abfall in ihrer individuellen Testleistung (Steele & Aronson, 1995). Dies wird als Stereotype Threat bezeichnet. Zusätzlich wurden Randbedingungen identifiziert, die die Wirkung negativer Stereotype auf die Leistung beeinflussen. Zum einen zeigen Personen, die sich mit ihrer Gruppe stark identifizieren, mehr Leistungseinbußen bei der Aktivierung negativer Stereotype als Personen, die sich wenig mit der Gruppe identifizieren (z. B. Schmader, 2002). Des Weiteren zeigen vor allem diejenigen Personen Leistungseinbußen, denen der Fähigkeitsbereich wichtig ist (Steele & Aronson, 1995). Schmader, Johns und Forbes (2008) präsentieren ein Modell zur Erklärung der leistungsmindernden Wirkung negativer Stereotype auf die Testleistung. Dabei integrieren sie die Befunde zu Randbedingungen des Effektes.

Das Modell bezieht, neben der Aktivierung eines negativen Stereotyps, die Identifikation mit der Gruppe und die Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich, über die das Stereotyp besteht, ein. In Einklang mit den Befunden zur Wirkung dieser beiden Moderatoren postulieren Schmader et al. (2008), dass negative Stereotype insbesondere dann leistungsreduzierend wirken, wenn Personen sich stark mit der Gruppe und zugleich stark mit dem Fähigkeitsbereich identifizieren. Wenn in der Leistungssituation die Verknüpfung zwischen Selbstkonzept und Gruppenkonzept (hohe Identifikation mit der Gruppe: „Die Gruppe ist mir wichtig.“), die Verknüpfung zwischen Selbstkonzept und Konzept des Fähigkeitsbereichs (hohe Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich: „Die Fähigkeit ist mir wichtig.“) und die Verknüpfung von Gruppenkonzept und Konzept des Fähigkeitsbereichs (negativer Stereotyp: „Die Gruppe ist schlecht in der Fähigkeit.“) aktiviert sind, entsteht laut Schmader et al. (2008) ein kognitives Ungleichgewicht („Die Gruppe, die mir wichtig ist, ist schlecht in dem Fähigkeitsbereich, der mir wichtig ist.“). Personen seien dann motiviert dieses Ungleichgewicht zu beseitigen. Dies führe wiederrum aufgrund von Verwendung kognitiver Ressourcen für die Beseitigung dieses Ungleichgewichts zu schlechteren Leistungen. Das eben beschriebene Beispiel stellt, vereinfacht gesagt, eine Konstellation von einem negativen Zusammenhang zwischen Gruppenkonzept und Konzept des Fähigkeitsbereichs (negativer Stereotyp) und zwei positiven Zusammenhängen (hohe Identifikation mit der Gruppe und hohe Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich) dar. Ein kognitives Gleichgewicht hingegen sollte nach Schmader et al. (2008) im Falle von zwei negativen Zusammenhängen (negativer Stereotyp: „Die Gruppe ist schlecht in der Fähigkeit.“ und niedrige Identifikation mit der Gruppe: „Die Gruppe ist mir unwichtig.“) und einem positiven Zusammenhang (hohe Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich: „Die Fähigkeit ist mir wichtig.“) vorherrschen und die kognitive Leistung nicht beeinflussen. Ebenso sollte es sich mit der Konstellation „Die Gruppe ist schlecht in der Fähigkeit.“ (negativer Zusammenhang), „Die Fähigkeit ist mir unwichtig.“ (negativer Zusammenhang) und „Die Gruppe ist mir wichtig.“ (positiver Zusammenhang) verhalten.

Die bisherigen Befunde zur moderierenden Wirkung von Gruppenidentifikation sowie die Befunde zur Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich unterstützen das postulierte Modell. Meiner Kenntnis nach steht jedoch eine Prüfung des Gesamtmodells, in dem der Zusammenhang von Identifikation mit der Gruppe und Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich in Abhängigkeit der Wirkung negativer Stereotype auf die Leistung untersucht wird, aus. Diese Bachelorarbeit hat das Ziel, die Interaktion zwischen Identifikation mit der Gruppe und Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich bei einem negativen Stereotyp über die Gruppe in Bezug auf die Testleistung zu untersuchen. Eine Bestätigung des theoretischen Modells mithilfe empirischer Befunde könnte bisherige Forschungserkenntnisse über das Stereotype Threat-Phänomen ergänzen und einige Fragen über kontroverse Befunde der Moderatoren klären. Mithilfe der Kenntnis über die Mechanismen des Stereotype Threat-Effekts könnte dieses Phänomen, durch gezielte Herstellung einer kognitiven Balance, im Alltag verhindert und eine bestmögliche Leistung ermöglicht werden.

In den folgenden Abschnitten werden zunächst die theoretischen Grundlagen und der empirische Erkenntnisstand über das Stereotype Threat-Phänomen in Bezug auf das integrative Prozess-Modell von Schmader et al. (2008), sowie das Modell an sich beschrieben. Weiterhin werden die daraus abgeleiteten Hypothesen und das methodische Vorgehen zur Überprüfung dieser vorgestellt. Im Anschluss folgt die Darstellung und Interpretation der Ergebnisse.

2 Theoretische Grundlagen und empirischer Erkenntnisstand

In diesem Kapitel werden zunächst die theoretischen Grundlagen und der empirische Erkenntnisstand zu Stereotype Threat dargestellt. Anschließend folgt die Vorstellung des integrativen Prozess-Modells von Schmader et al. (2008).

2.1 Stereotype Threat

Steele und Aronson (1995) definierten erstmals das Phänomen des Risikos einer Bestätigung eines negativen Stereotyp über eine Gruppe und der damit einhergehenden Selbstcharakterisierung als Stereotype Threat. Dies führt in Testsituationen, wie die Studien von Steele und Aronson (1995) zeigen, zu einer Leistungsreduktion. Prinzipiell kann jedes Mitglied einer Gruppe mit negativ vorherrschenden Gruppenstereotypen von diesem Phänomen getroffen werden und einer solchen Leistungsreduktion unterliegen (Steele & Aronson, 1995). In ihrer Studie wiesen Steele und Aronson (1995) eine schlechtere Leistung von afroamerikanischen Studenten in einem schwierigen Sprachtest unter einer intelligenzdiagnostizierenden Bedingung gegenüber weißen Studierenden nach. Dieser Befund tauchte jedoch nur bei einer unbewussten Aktivierung der Gruppenzugehörigkeit (Angabe der ethnischen Herkunft) und der damit verbundenen Aktivierung eines negativen Stereotyps auf (Steele & Aronson, 1995).

Weitere Forschungen über das Phänomen Stereotype Threat identifizierten verschiedene Moderatoren, welche für die Wirkung eines negativen Stereotyps eine bedeutende Rolle spielen. Zwei dieser Moderatoren stellen die Identifikation mit der Gruppe und die Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich dar, welche in den folgenden beiden Abschnitten näher erläutert werden.

2.1.1 Identifikation mit der Gruppe als Moderator für Stereotype Threat

Bereits Schmader (2002) lieferte empirische Hinweise, dass die Identifikation mit der Eigengruppe (= Gruppen, zu denen eine Person zugeordnet werden kann, wie z. B. Frauen oder Männern) den Effekt der Aktivierung eines negativen Stereotyps auf die Leistung moderiert. Ihre Studie zeigt, dass Frauen, die sich hoch mit ihrem Geschlecht identifizieren, bei Aktivierung des negativen Stereotyps über ihre Mathematikleistung eine schlechtere Leistung im Mathematiktest gegenüber der männlichen Vergleichsgruppe aufweisen, als Frauen, die sich niedrig mit ihrem Geschlecht identifizieren. Wout, Danso, Jackson und Spencer (2008) beschreiben diesen Effekt als Gruppenbedrohung (die Bedrohung der eigenen Gruppe, mit welcher sich Personen hoch oder niedrig identifizieren, durch die Aktivierung eines negativen Stereotyps über die Gruppe) und unterstützen mit ihrer Studie die Befunde von Schmader (2002). Martiny, Roth, Jelenec, Steffens und Croizet (2012) lieferten empirische Befunde dazu, dass jede Identifikation mit einer negativ stereotypisierten Gruppe zu Leistungseinbußen bei Gruppenmitgliedern führen kann. Hierfür bediente sich Martiny et al. (2012) zwei erfundenen Gruppen, welchen sich die Versuchspersonen zuordnen konnten und durch einen scheinbar diagnostizierenden Test in ihrer Zuordnung bestätigt wurden. Manipuliert wurde, mittels einer Cover-Story, die Einführung eines negativen Stereotyps (die Eigengruppe ist schlechter als die Fremdgruppe) oder keines Stereotyps (es gibt keine Leistungsunterschiede zwischen beiden Gruppen) über die zuvor zugeordnete eigene Gruppe. Im Anschluss wurde die Identifikation der Person mit der eigenen Gruppe gemessen. Auch hier zeigte sich ein signifikanter Effekt zwischen der Identifikation mit der Gruppe und der Wirkung des negativen Stereotyps: hoch gruppenidentifizierte Personen zeigten eine schlechtere Leistung als niedrig gruppenidentifizierte Personen bei der Aktivierung des negativen Stereotyps. Die Befunde der drei Studien von Schmader (2002), Wout et al. (2008) und Martiny et al. (2012) sprechen somit für die Rolle der Identifikation mit der Gruppe als Moderator für Stereotype Threat.

Trotz der konsistenten Befunde in den aufgeführten Studien, welche für die Moderation der Gruppenidentifikation auf den Stereotype Threat-Effekt sprechen, weisen einige weitere Studien inkonsistente Befunde auf. So zeigt z. B. die Studie von Cadinu, Maass, Frigerio, Impagliazzo, und Latinotti (2003) keinen moderierenden Effekt über die Identifikation mit der Gruppe. Auch die Studie von Davis, Aronson, und Salinas (2006) weist inkonsistente Befunde auf. So erreichten hoch gruppenidentifizierte afroamerikanische Studierende, entgegen der herkömmlichen Annahmen, in der Stereotype Threat-freien Bedingung eine bessere Leistung in einem Sprachtest als die niedrig gruppenidentifizierten afroamerikanischen Studierenden. In der Stereotype Threat-Bedingung hingegen moderiert die Gruppenidentifikation die Leistung der afroamerikanischen Studierenden im Sprachtest nicht. Diese inkonsistenten Befunde könnten auf einen weiteren wichtigen Faktor oder/ und eine Interaktion hinweisen, welche(r) dazu dient, die Wirkung des Moderators „Identifikation mit der Gruppe“ auf den Stereotype Threat-Effekt spezifischer beschreiben zu können. Eine Erklärung dieser Befunde könnte das integrative Prozess-Modell von Schmader (2008) liefern (siehe Punkt 2.2).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Identifikation mit der Gruppe, trotz inkonsistenter Befunde, eine moderierende Wirkung auf den Stereotype Threat-Effekt hat. Dabei zeigen mit der Eigengruppe hoch identifizierte Personen bei einem negativen Stereotyp über diese eine schlechtere Leistung als mit der Eigengruppe niedrig identifizierte Personen. Die inkonsistenten Befunde könnten auf weitere Moderatoren hinweisen.

2.1.2 Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich als Moderator für Stereotype Threat

Hansford und Hattie (1982) liefern in ihrer Metaanalyse empirische Befunde zu einem allgemeinen Zusammenhang zwischen dem Fähigkeitskonzept (= das Konzept über die Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich, wie z. B. der Mathematik) und der Leistung. Steele (1997) untersuchte in einer Studie die moderierende Wirkung der Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich auf den Stereotype Threat-Effekt und zeigte, dass eine hohe Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich in Kombination mit einem negativen Stereotyp über die eigene Gruppe in diesem Fähigkeitsbereich zu einer Leistungsminderung führt. Zahlreiche weitere Studien, wie z. B. von Appel, Kronberger und Aronson (2011) oder Aronson et al. (1999) unterstützen diesen Zusammenhang zwischen einem negativen Stereotyp über die eigene Gruppe und der Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich. Besonders Personen mit einer hohen Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich zeigen eine stärkere Leistungsminderung bei Aktivierung eines negativen Stereotyps (Aronson et al., 1999). Zu finden war dieser Zusammenhang bisher jedoch nur bei schwierigen Testaufgaben, bei leichten hingegen nicht (Lawrence, Marks & Jackson, 2010). Lawrence et al. (2010) untersuchten den Zusammenhang bei mittelschweren Aufgaben und kamen zu dem Ergebnis, dass Personen mit einer hohen Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich bei Aktivierung eines negativen Stereotyps über die eigene Gruppe in diesem Fähigkeitsbereich eine schlechtere Testleistung zeigen als niedrig Identifizierte. Der Effekt tritt jedoch nur unter diagnostizierenden Bedingungen bzw. Testbedingungen auf.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich bei mittelschweren bis schweren Testaufgaben unter diagnostizierenden Bedingungen eine moderierende Wirkung auf den Stereotype Threat-Effekt hat. Dabei zeigen mit dem Fähigkeitsbereich hoch identifizierte Personen bei einem negativen Stereotyp über diesen eine schlechtere Leistung als mit dem Fähigkeitsbereich niedrig identifizierte Personen.

2.2 Integratives Prozess-Modell nach Schmader et al. (2008)

Offen bleibt nunmehr die Frage, wieso der Stereotype Threat-Effekt entsteht und zu den beobachteten Leistungseinbußen führt. Auch die Frage nach dem Zusammenspiel der identifizierten Moderatoren „Identifikation mit der Gruppe“ und „Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich“ bleibt ungeklärt. Diesen Fragen gingen Schmader et al. (2008) nach und entwickelten das integrative Prozess-Modell zur Erklärung für die Entstehung von Stereotype Threat. Sie postulieren, dass Stereotype Threat nur dann entsteht, wenn die Aktivierung dreier Kernkonzepte (Selbstkonzept, Gruppenkonzept und Konzept des Fähigkeitsbereichs) in einem bestimmten Verhältnis mit propositionalen Beziehungen besteht (siehe Abbildung 1). Eine positive Proposition (in der Abbildung 1 als ein Pluszeichen dargestellt) zwischen Selbstkonzept und Gruppenkonzept (z. B.: „Ich bin eine typische Frau.“ - hohe Identifikation mit der Gruppe) und Selbstkonzept und Konzept des Fähigkeitsbereichs (z. B.: „Ich bin gut in Mathematik.“ - hohe Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich) bei einer negativen Proposition (in der Abbildung 1 als Minuszeichen dargestellt) zwischen Gruppenkonzept und Konzept des Fähigkeitsbereichs (z. B.: „Frauen sind schlecht in Mathematik.“ - negatives Stereotyp) führt nach Schmader et al. (2008) zu einer kognitiven Imbalance (siehe Abbildung 2c). Diese führt wiederum zu der beobachtbaren Leistungsminderung, also dem Stereotype Threat-Effekt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Stereotype Threat als kognitive Imbalance

(Quelle: Schmader et al., 2008; S. 338)

Eine kognitive Balance hingegen liegt nach Schmader et al. (2008) nur dann vor, wenn die Identifikation mit der Gruppe oder die Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich, bei einem negativen Stereotyp über die Eigengruppe auf den jeweiligen Fähigkeitsbereich, eine negative Proposition aufweist. In diesem Fall sollten keine Leistungseinbußen beobachtbar sein, also kein Stereotype Threat-Effekt entstehen. Folgende zwei Szenarien entsprechen einer kognitiven Balance: Eine positive Proposition zwischen Selbstkonzept und Gruppenkonzept (z. B.: „Ich bin eine typische Frau.“ - hohe Identifikation mit der Gruppe) und eine negative Proposition zwischen Selbstkonzept und dem Konzept des Fähigkeitsbereichs (z. B.: „Ich bin schlecht in Mathematik.“ - niedrige Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich) bei einer negativen Proposition zwischen Gruppenkonzept und Konzept des Fähigkeitsbereichs (z. B.: „Frauen sind schlecht in Mathematik.“ - negatives Stereotyp; siehe Abbildung 2a) oder eine negative Proposition zwischen Selbstkonzept und Gruppenkonzept (z. B.: „Ich bin keine typische Frau.“ - niedrige Identifikation mit der Gruppe) und eine positive Proposition zwischen Selbstkonzept und Konzept des Fähigkeitsbereichs (z. B.: „Ich bin gut in Mathematik.“ - hohe Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich) bei einer negativen Proposition zwischen Gruppenkonzept und Konzept des Fähigkeitsbereichs (z. B.: „Frauen sind schlecht in Mathematik.“ - negatives Stereotyp) (siehe Abbildung 2b). Zu Bedingung d in Abbildung 2 treffen Schmader et al. (2008) keine Aussage, jedoch wird diese als Ergänzung aller theoretisch möglichen Kombinationen bei einem negativen Stereotyp in den späteren Hypothesen mit berücksichtigt und als „unbeschriebene Bedingung“ bezeichnet werden. Folgendes Szenario entspricht einer unbeschriebenen Bedingung: Eine negative Proposition zwischen Selbstkonzept und Gruppenkonzept (z. B.: „Ich bin keine typische Frau.“ - hohe Identifikation mit der Gruppe) und eine negative Proposition zwischen Selbstkonzept und dem Konzept des Fähigkeitsbereichs (z. B.: „Ich bin schlecht in Mathematik.“ - niedrige Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich) bei einer negativen Proposition zwischen Gruppenkonzept und Konzept des Fähigkeitsbereichs (z. B.: „Frauen sind schlecht in Mathematik.“ - negatives Stereotyp; siehe Abbildung 2d).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. Schematische Darstellung der verschiedenen Balance- und Imbalance- Bedingungen

(Zur vereinfachten Darstellung wird ein Pluszeichen als Synonym für eine hohe Identifikation und ein Minuszeichen als Synonym für eine niedrige Identifikation mit der Gruppe bzw. mit dem Fähigkeitsbereich verwendet.)

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass der Stereotype Threat-Effekt nach dem Modell von Schmader et al. (2008) nur unter einer bestimmten Konstellation der Moderatoren entsteht (hohe Identifikation mit der Gruppe und hohe Identifikation mit dem Fähigkeitsbereich bei einen negativen Stereotyp über die Gruppe in diesem Fähigkeitsbereich). Der Grund für die Leistungseinbußen ist einer entstehenden kognitiven Imbalance zuzuschreiben. Doch wieso führt eine kognitive Imbalance zu den postulierten Leistungseinbußen? Dieser Frage wird im folgenden Abschnitt nachgegangen, sie ist jedoch kein Bestandteil der empirischen Überprüfung dieser Studie und dient lediglich dem Verständnis der Annahmen von Schmader et al. (2008).

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Details

Seiten
54
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656973546
ISBN (Buch)
9783656973553
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300400
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie
Note
1,3
Schlagworte
Psychologie Sozialpsychologie Kognitive Imbalance negative Stereotype Stereotype Threat Testleistung

Autor

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Titel: Kognitive Imbalance als Erklärung des Einflusses negativer Stereotype auf die Testleistung