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Ausbau der Kindertagesbetreuung. Eine Situationsanalyse

Seminararbeit 2012 9 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
2.1. Das Kinderförderungsgesetz
2.2 Kosten des Ausbaus
2.3 Aktuelle Entwicklungen
2.4 Positionen der beteiligten Parteien
2.5 Qualität der Betreuung und Qualifikationen des Personals
2.6 Marktanalyse

III. Fazit

Anhang: Literarturverzeichnis

I. Einleitung

Seit geraumer Zeit sind der ab August 2013 gültige Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz, der Kita-Ausbau und das sogenannte Betreuungsgeld in der Berichterstattung allgegenwärtig. Doch bereits vor den aktuellen Diskussionen wurde die frühkindliche Förderung im Zuge der schlechten PISA-Ergebnisse diskutiert. Vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel und demographischem Wandel zeigt sich die strategische Bedeutung dieses Themas; in Bezug auf Kinderarmut dessen moralische.

[D]ie Hirnforschung zeigt, dass in den ersten Jahren ganz viel im Gehirn passiert. Diese Erkenntnis passt zu den Befunden der Entwicklungspsychologen, wonach die ersten Jahre von enormer Bedeutung sind.1

In dieser Arbeit gehe ich auf das Kinderförderungsgesetz, die Kostensituation des Ausbaus sowie dessen aktuellen Stand ein. Ferner stelle ich die Positionen der beteiligten Parteien dar und versuche dem Leser einen Einblick in die Frage nach der Qualität der Betreuung zu verschaffen. Anschließend versuche ich eine kurze wirtschaftswissenschaftliche Marktanalyse durchzuführen.

II. Hauptteil

2.1 Das Kinderförderungsgesetz

Das Kinderförderungsgesetz ist ein zentraler Baustein beim Ausbau der Kindertagesbetreuung. Das [...] Gesetz soll den Ausbau eines qualitativ hochwertigen Betreuungsangebotes beschleunigen und so den Eltern echte Wahlmöglichkeiten eröffnen.2

Nachdem sich Bund und Länder im August 2007 über die Finanzierung geeinigt hatten, wurde am 10.12.2008 das „Gesetz zur Förderung von Kindern unter drei Jahren in Tageseinrichtungen und Kindertagespflege“, kurz Kinderförderungsgesetz (KiFöG), beschlossen. Am 15.12.2008 wurde es im Bundesgesetzblatt Nr. 57 veröffentlicht und am 16.12.2008 trat es in Kraft.3

Neben der Regelung der Finanzierung enthält es einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für alle Kinder vom vollendeten ersten bis zum vollendeten dritten Lebensjahr. Dieser Rechtsanspruch gilt nach nach Abschluss der Ausbauphase ab dem 01.08. 2013. Erfüllt werden kann er durch einen Betreuungsplatz in einer Kindertageseinrichtung oder der Kindertagespflege. Unter Kindertageseinrichtung sind Kindertagesstätten (Kitas), Kindergärten und (Kinder-)Horte zu verstehen. 30 % der neuen Betreuungsplätze sollen in der Kindertagespflege, also in der Betreuung durch eine Tagesmutter beziehungsweise einen Tagesvater, geschaffen werden.4

Das KiFöG enthält unter anderem auch einen Passus über eine Zahlung, ab 2013, an Eltern, die das Betreuungsangebot für 1-3-Jährige nicht nutzen („zum Beispiel Betreuungsgeld“5 ). Bis zum Abschluss der Ausbauphase muss die Bundesregierung dem Bundestag außerdem jährlich einen Zwischenbericht zur Evaluation des Kinderförderungsgesetzes vorlegen.6

Dieser sogenannte KiFöG-Bericht erschien bisher drei mal, zuletzt am 25.06.2012.

2.2 Kosten des Ausbaus

Im Jahre 2007 wurde ein Gesamtbedarf von 750.000 Betreuungsplätzen für die Gruppe der Ein- bis Dreijährigen geschätzt. Die damit verbundenen Gesamtkosten wurden mit 12 Mrd. € beziffert, von denen der Bund mit 4 Mrd. € rund 1/3 übernehmen würde. Von diesen 4 Mrd. € sollten dann bis 2013 2,15 Mrd. € für Investitionsmittel zur Verfügung gestellt werden. Die restlichen 1,85 Mrd. € sollten die Ländern bei Finanzierung der Betriebskosten entlasten.7

Im August 2012 wurde der Gesamtbedarf der benötigten Betreuungsplätze um 30.000 zusätzliche Plätze auf 780.000 korrigiert. Der Bund erklärte sich im Zuge dessen bereit, den Ländern weitere 580,5 Mio. € für die Schaffung zusätzlicher Betreuungsangebote zur Verfügung zu stellen. Außerdem würden die Länder jährlich zusätzlich 75 Mio. € aus dem Mehrwertsteueraufkommen erhalten.8 Dies sei jedoch an verschärfte Bedingungen, wie der Forderung nach einer monatlichen Berichtspflicht der Länder, geknüpft gewesen und führte im Oktober 2012 zum Streit zwischen Ländern und Bund und somit zu einer Verzögerung des Ausbaus von Betreuungsplätzen. So hätten beispielsweise einige Länder aus Protest gegen die neuen Bedingungen die bereitgestellten Mittel nicht abgerufen.9

Anfang November 2012 kam es zur Lösung dieses Konfliktes durch einen Kompromiss, der vorsah, dass die Länder dem Bund nun alle drei Monate, statt wie bisher jährlich, über den aktuellen Stand des Ausbaufortschritt und die verwendeten Mittel zu berichten hätten. Dafür sollten den Ländern für ihre Kommunen bereits im Jahr 2013 zusätzliche Kita-Betriebskostenzuschüsse in Höhe von 18,75 Millionen Euro zugeteilt werden.10 11

Damit würde der Bund den Ländern für den Ausbau auf 780.000 Betreuungsplätzen, in der Ausbauphase bis August 2013, insgesamt fast 4,6 Mrd. €, bestehend aus einem 2,7 Mrd. € umfassenden speziellen Sondervermögen für den Bau und die Errichtung neuer Betreuungsplätze und 1,85 Mrd. € zur Entlastung von Betriebskosten zahlen. Zusätzlich ab 2014 dann jährlich 845 Mio. € für Betriebskosten.12

2.3 Aktuelle Entwicklungen

Karl Müller, Direktor des Statistischen Bundesamtes, hat auf einer Pressekonferenz am 06.11.2012 die aktuellen Ergebnisse zum Stichtag 01.03.2012 vorgestellt. Demnach seien zu diesem Zeitpunkt rund 558.000 Kinder unter drei Jahren in Kitas oder der Kindertagespflege betreut worden. Ziel sei es im August 2013 eine Betreuungsquote von 39 % zu erreichen (37 % in Westdeutschland und 51 % in Ostdeutschland). Dafür bestehe jedoch noch ein Ausbaubedarf von rund 220.000 Plätzen. Diese Zahl übertrifft die bisher durch das Familienministerium kommunizierte Zahl von 160.000 fehlenden Betreuungsplätzen, die auf Angaben der Länder gestützt berechnet worden sei, deutlich.13 14 15 Somit wäre zwischen März 2012 und August 2013 ein Zuwachs an Betreuungs­plätzen von fast 40 % nötig.16

Um die vom statistische Bundesamt genannten rund 220.000 fehlenden Betreuungsplätze zu erreichen, müsste der Zuwachs binnen 18 Monaten stärker ausfallen „als in den letzten vier Jahren insgesamt". Besonders Westdeutschland rücke in den Fokus, da hier innerhalb eines Jahres ein Zuwachs von 63 % realisiert werden müsste.17

30 % der neu zu schaffenden Plätze für Kinder unter drei Jahren hätten durch eine Tagesmutter oder einen Tagesvater bereitgestellt werden sollen. Allerdings seien erst rund 20 % der neuen Betreuungsplätze in der Tagespflege entstanden.18

2.4 Positionen der beteiligten Parteien

Beteiligt am Ausbau sind die Bundesregierung, bestehend aus CDU/CSU sowie FDP, wobei an dieser Stelle besonders die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Kristina Schröder (CDU), zu nennen ist, und die Länder und Kommunen.

Da die am 06.11.2012 vom statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen sich nicht mit den Zahlen, die sie von den Ländern erhalten habe, decken würden, erwarte Ministerin Schröder eine Erklärung dafür.19 Eine Verschiebung des Rechtsanspruchs wegen des schleppenden Ausbaus lehne sie jedoch strikt ab.20

Die Länder weisen Schröders Vorwürfe zurück. So forderte Martina Münch (SPD), Ministerin für Bildung, Jugend und Sport in Brandenburg, den Bund am 17.10.2012 auf „seine Hausaufgaben [zu] machen und die Mittel unbürokratisch zur Verfügung [zu] stellen“.21

Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (CDU) warnte in seiner Funktion als Präsident des Deutschen Städtetages am 06.11.2012 bereits vor einer Klagewelle, die auf die Kommunen zukomme.22 Seiner Meinung nach seien Geldnot in strukturschwachen Gegenden, fehlende Bauflächen im Innenstadtbereich, fehlendes Personal sowie die schlappende Weitergabe der Bundesfördermittel durch die Länder die größten Probleme beim Ausbau der Kinderbetreuung.23

Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, forderte Anfang November 2012 "flexible Lösungen", wie zum Beispiel die Vergrößerung von Kindergartengruppen oder auch das vorübergehende Aussetzen gewisser baulicher Standards.24

Die Oppositionsparteien SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke und die Piratenpartei sprechen sich zwar für eine Einführung des Rechtsanspruchs aus, kritisieren aber die Regierung und insbesondere Schröder für die Umsetzung. Das Betreuungsgeld lehnen sie einhellig ab.25 26 27 28

2.5 Qualität der Betreuung und Qualifikationen des Personals

Auch wenn die Ausbildung des Betreuungspersonal nicht mit der Qualität des Kinderbetreuungsangebotes identisch ist, so dient sie immerhin als Indikator. Den Kern der insgesamt mehr als 468.000 Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen (Stand: März 2012) würden mit 69 % die Erzieherinnen bilden, gefolgt von den Kinderpflegerinnen mit 12%. Rund 5 % der Mitarbeiterinnen im Bereich der Kindertageseinrichtungen würden über einen Fachhochschul­oder Hochschulabschluss verfügen, während 4% der Beschäftigten über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügt hätten oder noch in Ausbildung gewesen seien.29

Ein Großteil der rund 43.400 Tagesmütter und -väter, die sich im im März 2012 um die Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern gekümmert hätten, verfüge mittlerweile über einen abgeschlossenen Qualifizierungskurs. Der Anteil der qualifizierten Tagesmütter und -väter sei "deutlich gestiegen".30

Die NUBBEK-Studie zur frühkindlichen Erziehung kam zum Ergebnis, dass Tagesmütter genau so gut abgeschnitten hätten wie Kitas oder die Betreuung zu Hause. Es gebe jeweils 10 % sehr gute und nicht-ausreichende Betreuungsangebote. Die meisten Betreuungsangebote befänden sich laut Birgit Leyendecker, Psychologin der Ruhr Universität Bochum, jedoch im Bereich mittelmäßiger Qualität. Im Bereich der kognitiven und sprachlichen Entwicklung gebe es zwischen Kindern, die zu Hause betreut werden, und solchen, die in überwiegend mittelmäßigen Krippen und Kitas betreut werden, keine Unterschiede.31 Qualitativ sei das Betreuungsangebot im Westen außerdem besser als im Osten.32

2.6 Marktanalyse

Im März 2012 sei ein Drittel der bundesweit 52.000 Kindertageseinrichtungen von öffentlichen Trägern - überwiegend Kommunen - betrieben worden. 67 % der Einrichtungen hätten sich in der Hand von freien Trägern befunden, wobei mehr als die Hälfte dieser Einrichtungen von christlich­konfessionellen Verbänden (unter anderem Diakonisches Werk und Caritas) betrieben worden seien. Laut statistischem Bundesamt kommen die beiden konfessionellen Träger zusammen mit der die öffentliche Hand auf einen einen Marktanteil von über 67 %.33

Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Jugendinstituts übersteige die Nachfrage nach Kita­Plätzen in allen Bundesländern das Angebot. Die „Versorgungslücke“ reiche von 4,9 % in Sachsen-Anhalt bis 21,8 % in Bremen. Der Markt für Kita-Plätze ist also ein Anbietermarkt.34

Die Eltern haben zudem wenig Substitutionsmöglichkeiten. Sind sie auf eine externe Kindesbetreuung angewiesen, haben sie nur die Wahl zwischen Tageseinrichtungen und Kindertagespflege, wobei es in beiden Bereichen zu wenig Plätze gibt, um die gesamte Nachfrage zu befriedigen. Die Nachfrage ist unelastisch. Interessant ist die Frage nach dem Preis eines Kita­Platzes, bei einem der drei großen Träger, bei dem sich die Eltern für einen qualitativ besseren, aber auch finanziell deutlich kostenintensiveren privaten Anbieter eines freien Trägers entscheiden.

Die Entscheidung der Eltern wird auch dadurch erschwert, dass sie die tatsächliche Qualität eines Bildungsangebotes kaum einschätzen können, während die preisliche Differenz zwischen verschieden hochwertigen Betreuungsangebot offensichtlich ist.

[...]


1 http://www.bildungsxperten.net/bildungschannels/schule/arme-kinder-reiche-perspektivlosigkeit/ .

2 http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/kinder-und-jugend,did=118992.html

3 http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung5/Pdf-Anlagen/kifoeg-gesetz,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache =de,rwb=true.pdf

4 http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/kinder-und-jugend,did=133282.html

5 KiFöG Artkel 1, Nr. 2

6 KiFöG Artkel 1, Nr. 8

7 http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/kinder-und-jugend,did=118992.html

8 ebd.

9 http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-10/kita-ausbau-schroeder-bundeslaender-geld

10 http://www.spiegel.de/politik/deutschland/laender-einigen-sich-ueber-kita-ausbau-a-866135.html

11 http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/kinder-und-jugend,did=192552.html

12 http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Kinder-und-Jugend/kinderbetreuung,did=118986.html

13

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/rechtsanspruch-in-deutschland-fehlen-220-000-kita-plaetze-a-865538.html

14 http://www.sueddeutsche.de/politik/kinderbetreuung-staedtetag-fuerchtet-kita-klagen-1.1514953

15

Anmerkung: die Zahlen von statistischem Bundesamt und Familienministerium beziehen sich auf das Frühjahr 2012

17 https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressekonferenzen/2012/kindertagesbetreuung/statement_mueller _kindertagesbetr_PDF.pdf? blob=publicationFile

18 ebd.

19 http://www.sueddeutsche.de/politik/kinderbetreuung-staedtetag-fuerchtet-kita-klagen-1.1514953 ebd.

20 http://www.mbjs.brandenburg.de/sixcms/detail.php/bb1.c.311049.de

21 http://www.ndr.de/info/nachrichten313_con-12x11x06x13y00.html

22 http://www.sueddeutsche.de/politik/kinderbetreuung-staedtetag-fuerchtet-kita-klagen-1.1514953

23 http://www.spiegel.de/politik/deutschland/rechtsanspruch-in-deutschland-fehlen-220-000-kita-plaetze-a-865538.html

24 http://www.focus.de/politik/deutschland/kita-ausbau-statt-betreuungsgeld-spd-chef-gabriel-ruft-zu-nationalem-

25 krippengipfel_aid_759858.html

26 http://www.gruene-bundestag.de/presse/pressemitteilungen/2012/november/kita-ausbau-statt-schwarzer-peter-spiel- alle-kraefte-buendeln_ID_4386158.html

27 http://www.die-linke.de/nc/dielinke/nachrichten/detail/artikel/betreuungsgeld-milliarden-in-kita-ausbau-investieren/

28 http://www.piratenpartei.de/2012/11/06/statt-betreuungsgeld-besser-ausbau-der-kinderbetreuung/

29 https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressekonferenzen/2012/kindertagesbetreuung/statement_mueller _kindertagesbetr_PDF.pdf? blob=publicationFile

30 ebd.

31 http://www.3sat.de/mediathek/?display=1&mode=play&obj=30628

32 https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressekonferenzen/2012/kindertagesbetreuung/statement_mueller

33 _kindertagesbetr_PDF.pdf? blob=publicationFile

34 http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/ausbau-von-kita-plaetzen-bleibt-deutlich-hinter-nachfrage-zurueck-a-862435.html

Details

Seiten
9
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656970460
ISBN (Buch)
9783656970477
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300387
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Schlagworte
ausbau kindertagesbetreuung eine situationsanalyse

Autor

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Titel: Ausbau der Kindertagesbetreuung. Eine Situationsanalyse