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Kunststreik.Verweigerung in der zeitgenössischen Kunst

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Art into Society – Society into Art 1974

3. Years without Art 1977 - 1980

4.Streik

5.Solidarität

6.Bewusstsein

7. Der Kunststreik und sein Erbe

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Was wäre jedoch, wenn das Nicht(s)tun zu einer Quelle produktiver Verweigerung würde?“[1] fragt man im Booklet zur Ausstellung Neue Wege ins Nichtstun, die 2014 in Wien stattfand. Der Rückgriff auf die Verweigerung und ihr Potenzial in der zeitgenössischen Kunst, die stetig von neoliberalen Produktionsstrukturen ergriffen wird, fußt geradezu auf einer 'Tradition der Verweigerer'. Indem sie sich den bestehenden ästhetischen Normen, der Anbiederung an den Kunstmarkte oder dem Innovationsdruck verweigern, kämpfen politisch engagierte Künstler seit jeher gegen den Kunstbetrieb oder soziale Missstände an. Sie schreiben Manifeste oder führen Protestaktionen durch, alleine oder im Kollektiv. Andere wenden sich ganz von der Kunst ab. Zum Repertoire der künstlerischen Verweigerung gehört auch der Kunststreik. Mehrere Male wurde er ausgerufen, im Westen als auch im Osten Europas und in den USA. Einer hat in den 1970er Jahren eine der radikalsten und konkretesten Aufrufe verfasst. Für einen Zeitraum von drei Jahren forderte der deutschstämmige britische Künstler Gustav Metzger die komplette Einstellung der künstlerischen Produktion und Kollaboration mit dem Kunstbetrieb. Metzger Arbeiten entstanden stets vor dem Hintergrund eines ausgeprägten politischen Bewusstseins und der Befürchtung einer möglichen nuklearen Katastrophe. Insbesondere in seiner frühen Auto Destruktiven und Auto Kreativen Kunst hat er sich stets mit dem Wesen von Zerstörung und Neuschaffung beschäftig und formulierte hier konsequent eine radikale Abkehr von der Kunstproduktion als Kampfansage an gesellschaftliche Verhältnisse. Wie bei anderen, ist auch sein Streikaufruf missglückt im Sinne einer tatsächlichen kollektiven Aktion.

In diesem Text soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern der Kunststreik mit einem klassischen Streik der Lohnarbeiter zu vergleichen ist, welche Bedingungen für seinen Erfolg notwendig sind und ob er trotz äußeren Scheiterns Elemente beinhaltet, die eine Gültigkeit und Notwendigkeit im künstlerischen als auch gesellschaftlichen Sinne besitzt. Dabei wird anhand einzelner Textpassagen der Aufruf Metzgers mit Hilfe von Texten zur Streiktheorie untersucht um abschließend mit Blick auf die Praxis der französischen Intermettans sowie dem Potenzial in der zeitgenössischen Kunst wie z.B. beim Human Strike von Claire Fonataine, Verbindungen herzustellen. Die Streikaktionen der Art Workers Coalition in New York von 1969, sowie der von Metzger inspirierte Art Strike von Stewart Homes Anfang der 1990er Jahre werden hier wegen des beschränkten Rahmens nicht behandelt.

2. Art into Society – Society into Art 1974

1974 nahm Gustav Metzger an der Ausstellung Art into Society - Society into Art. Seven German Artist in der ICA in London teil. An der von Christoph Joachimedes und Norman Rosenthal kuratierten Ausstellung beteiligten sich neben Metzger sechs weitere deutsche Künstler. Zusammen mit den Kuratoren, ohne die Anwesenheit von Metzger, führten diese zunächst ein Kolloquium durch, in dem die programmatische Ausrichtung sowie organisatorischen Notwendigkeiten der Ausstellung zu politischer Kunst besprochen wurden.

Gustav Metzger, der mit dem zunehmendem Interesse an seiner Arbeit eine Vereinnahmung durch das von ihm abgelehnte Kunstsystem befürchtete, verweigerte zunächst die Teilnahme an der Ausstellung. Erst durch die intensive Überredung seitens Joachimedes erklärte er sich dazu bereit.[2] Seine Aktivität beschränkte sich jedoch auf einen Beitrag im Katalog, sowie seine regelmäßige Präsenz während der Ausstellung . Eine Arbeit als solche zeigte er nicht .

Zu seinem Text im Katalog mit dem Titel Years without Art 1977-1980 hat Metzger eine Auflistung von Büchern und Zeitschriften, die sich mit dem Kunstmarkt und Galeriewesen beschäftigen, sowie eine Reihe von Fragen zu politischer Kunst angefügt.

3. Years without Art 1977 - 1980

Der Text ruft Künstler dazu auf, sich den streikenden Arbeitern gleich, von der Produktion zurückzuziehen. Diese Arbeitsniederlegung soll drei Jahre betragen.

Im ersten Abschnitt spricht Metzger über das doppelte Bemühen politischer Künstler, die einerseits mit ihren Werken auf einen politischen Wandel hinarbeiten und andererseits die geltenden Strukturen des Kunstbetriebs verändern wollen.Dabei würden sie über ein reformatorisches Handeln nicht hinausgelangen können, sondern das gegebene politische System sogar stärken/festigen.[3]

Der Grund dafür ist die starke Verbindung zwischen Gesellschaft und Kunst, die der letzteren keine Möglichkeit bietet, ihr gesellschaftsveränderndes Potential zu entfalten. Dabei agiert der Staat als Unterstützer und Förderer der Kunst, der diese benutzt um seine „[...] entsetzliche Realität zu überschminken, und […] um weite Teile der Bevölkerung abzulenken, zu benebeln und zu unterhalten.“[4]

Eine Art Verschleierung bzw. falsche Harmonisierung beschreibt Reinhard Hoffmanns als wesentliche Notwendigkeit der spätkapitalistischen Gesellschaft, gegen die sich Metzger auflehnt:

„Allerdings kann die Herrschaft des Kapitals aufgrund der formalen politischen Gleichberechtigung der Arbeitnehmer sowie angesichts der Notwendigkeit einer Kooperation der Arbeitnehmer […] letztlich nur durch die Zustimmung, d.h. durch eine systemimmanente Einordnung der Arbeitnehmer gewährleistet werden,[...]. Diesen immanenten Widerspruch müssen die in der Gesellschaft herrschenden Schichten zum Zwecke der Absicherung ihrer Macht zu verschleiern suchen […]. Dazu bedarf es einer Harmonie zwischen Kapital und Arbeit bzw. möglichst allgemeinen ideologischen Annahme einer solchen Harmonie, die eine generelle Zustimmung bewirken soll. Solcherart Harmonisierung wird vorgespielt, durch die wesentliche Verbesserung des Lebensstandard der Mehrheit der Arbeitnehmer […].“[5]

Zu einem verbesserten Lebensstandard gehört auch der Zugang zu Kultur. Somit scheint es, dass die Kunst, von der Metzger hier spricht zu dieser Harmonisierung beiträgt und selbst in ihrem kritischen Potenzial bis zu einem gewissen Maß vereinnahmt werden kann. Durch Förderungen staatliche Träger werden Kunstprojekte unterstützt und realisiert. Jedoch bestimmt die Institution, wer gefördert und somit auch, welche Positionen und wie viel Kritik eine Plattform gegeben wird.

„Wir leben in einer Gesellschaft, deren Basis die Produktion, der Verkauf und die Erhaltung von Systemen des Massenmordes ist. Es ist diese Realität, vor der alle anderen Formen sozialer Aktivität positioniert werden müssen.“[6], schreibt Metzger und legt den Hintergrund fest, vor dem künstlerische Produktion und kulturelle Förderung zu betrachten sind. Die zwingende Auseinandersetzung mit dem politisch-ökonomischen System und dessen Auswirkungen auf alle Lebensbereiche bildet die Grundlage seines eigenen Kunstschaffens. Auch hält der Einsatz von Kunst im Dienste einer Revolution in fragwürdig und in seiner Glaubwürdigkeit problematisch, da die Verbindungen zum kapitalistischen Staatsorgan stets besteht.

Dennoch gesteht Metzger Künstlern das Bestreben zu, die Gesellschaft verändern zu wollen und gegen „ […] die herrschenden Methoden der Produktion, der Distribution und des Konsums von Kunst“ anzukämpfen. Als Ziel dieses Kampfes benennt er die „Zerstörung des derzeitigen kommerziellen und institutionellen Vermarktungs- und Patronagesystems“[7].

Um dieses zu erreichen, lautet der Vorschlag, dass die Künstler den Arbeitern gleich ihre Arbeit niederlegen. In einem Zeitraum von drei Jahren, sollen sie weder Werke schaffen, noch welche ausstellen oder mit dem Kunstbetrieb zusammenarbeiten.

Diese Arbeitsverweigerung bezeichnet er nicht als Streik, sondern als Jahre ohne Kunst (Years without Art). Die Gleichsetzung von Arbeitern und Künstlern, sowie ein erstrebter kollektiver Kampfes der Künstler gegen den Staat, der die Zerschlagung des Kunstsystems beinhaltet, zeugt vom Rückgriff auf das Vokabular industriellen Arbeitskampfes und legt den Begriff eines Streiks bzw. Kunststreiks nahe. Zu was Metzger hier aufruft, lässt sich als Generlstreik der Künstler bezeichnen. Denn bezeichnend für den Generalstreik ist, nach Matthöfer, nicht nur der Unternehmer das Angriffsziel, sondern die geltende gesellschaftliche Ordnung. Somit hat Metzgers Aufruf das Potenzial,den reformatorischen Rahmen der üblichen Aktionen politischer Künstler zu sprengen. Gleichzeitig erhält diese Aktion durch den Rückzug der Kunst die Glaubwürdigkeit, in keinster Weise in staatlichem Interesse zu agieren.

[...]


[1] http://www.kunsthallewien.at/press/neue-wege-nichts-zu-tun/booklet_neue-wege-nichts-zu-tun.pdf. 12.02.2014

[2] Vgl. Metzger im Interview mit Hans Ulrich Obrist, 1999

[3] Vgl. Metzger, Gustav 1974 in Breitwieser 2005. S.259

[4] Ebd.

[5] Hoffmanns 1957:212

[6] Metzger 1974 in Breitwieser 2005: 245

[7] Ebd.

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656976981
ISBN (Buch)
9783656976998
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300286
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Kunststreik Gustav Metzger Art Strike

Autor

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Titel: Kunststreik.Verweigerung  in der zeitgenössischen Kunst