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Unternehmensführung und Gemeinsinn. Der Einfluss des Protestantismus auf die politische Ordnung und Wirtschaft

Hausarbeit 2014 19 Seiten

BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Einfluss des Protestantismus auf die politische Ordnung und Wirtschaft
2.1 Protestantismus und Politik
2.1.1 Das Verhältnis von Kirche und Staat im Laufe der Geschichte
2.1.2 Auswirkungen des Protestantismus auf die politische Ordnung
2.2 Protestantismus und Wirtschaft
2.2.1 “Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ von Max Weber
2.2.2 Wirkung des Protestantismus auf die wirtschaftliche Entwicklung
2.2.3 Korruption in protestantischen Ländern

3 Schlussfolgerung und Ausblick

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Spannungsfeld zwischen Gemeinsinn und Solidarität auf der einen Seite und Unternehmensführung und Effizienz auf der anderen war schon immer ein viel diskutiertes und kontroverses Thema. Zu Recht, wenn man seine Bedeutung für die moderne Gesellschaft bedenkt und sich mit dessen weitreichenden Interdependenzen mit anderen Bereichen und den zahlreichen Einflussparametern auf eine Haltung zu dem Thema wie Kultur und Tradition auseinandersetzt, die die Komplexität unterstreichen.

Wie das Zirkularitätsproblem aufzeigt, kommt der Antrieb zu Gemeinsinn nicht nur von der Bindung an moralische Normen, sondern rührt von einer moralischen Motivation, die beispielsweise von der Familie oder der Religion angetrieben wird. Die Religion, ihr Verhältnis zum Staat und zur Wirtschaft und ihr daraus resultierender potentiell moralischer Einfluss hat in dieser Diskussion schon lange eine Rolle gespielt.

Im Folgenden werde ich daher am Beispiel des Protestantismus dessen Auswirkungen auf die Politik und Wirtschaft an Beispielen herausarbeiten und zur Verdeutlichung an gegebener Stelle Vergleiche zu anderen Religionen ziehen.

2 Der Einfluss des Protestantismus auf die politische Ordnung und Wirtschaft

Zunächst wird in einem geschichtlichen Überblick das Verhältnis von Kirche und Staat aufgearbeitet und der Einfluss des Protestantismus auf die politische Ordnung untersucht, bevor der Zusammenhang des Protestantismus zur wirtschaftlichen Sphäre genauer betrachtet wird. „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ von Max Weber bildet die Grundlage zum Verständnis der Thesen einer höherer wirtschaftlicher Leitung und geringeren Korruption in protestantischen Ländern.

2.1 Protestantismus und Politik

Um eine mögliche Einflussnahme des Protestantismus auf die politische Entwicklung zu verstehen, wird zunächst das Kirche-Staat-Verhältnis in der Historie erläutert, bevor ausgewählte Positionen dargestellt und Vergleiche zu anderen Religionen gezogen werden.

2.1.1 Das Verhältnis von Kirche und Staat im Laufe der Geschichte

In allen frühen Hochkulturen fehlte zunächst ein politisch-eigengesetzlicher Bereich und somit eine Differenzierung zwischen Religion und Politik. In der Antike war Religion und Staat hingegen aufgrund der Entstehung des Politischen untrennbar miteinander verbunden. Aus einer starken Transzendenzorientierung folgte im Mittelalter der Herrscher von Gottes Gnaden, was eine Reflexion auf Tugendhaftigkeit und Gemeinsinn verblassen ließ. Die Religion hatte Vorrang vor einer Politik, die es nicht gab (Fischer, 2009; Mitschrift aus dem Kurs “Unternehmensführung und Gemeinsinn“).

Diese Herrschaftsauffassung änderte sich jedoch im späten Mittelalter wieder im Zuge des Investiturstreits, einer Machtkontroverse zwischen weltlicher und staatlicher Instanz. Aus dem Wormser Konkordat von 1122, der den Streit beenden sollte, ging erstmals ein reguliertes Verhältnis zwischen Kirche in Person des Papstes und Staat, vertreten durch den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, hervor. Zu dieser Zeit entstand die Unterscheidung zwischen den zwei Machtsphären, der Temporalie und Spiritualie. Der weltliche Herrscher des Imperiums ist für Temporalien zuständig, da diese zeitlich befristet und vergänglich sind. Das Sacerdotium, Priestertum, kümmert sich um die ewigen Dinge der Spiritualien. In der Realität erhoben jedoch beide Machtbereiche Anspruch auf den Einflussbereich des anderen. Die Unterscheidung war damals schwer verstehbar und der Bereich der Temporalien war eine leere Sphäre. Mit erneutem Nachfragen und Denken im politischen Sinne folgte eine Reflexion auf Temporalien, die Ende des 14. Jahrhunderts mit der Scholastik ihre Lösung fand (Hennig, 2013; Mitschrift aus dem Kurs “Unternehmensführung und Gemeinsinn“; Bpb.de).

Die Reformation im 16. Jahrhundert ist nicht nur wegen der Veränderung im Verhältnis von Kirche und Staat, sondern auch wegen ihrer Bedeutung für die Menschheitsentwicklung hervorzuheben. Die Kritik von Calvin, Luther und Zwingli richtete sich gegen den politischen Einfluss und Reichtum des Papstes sowie deren Gewalt gegen Andersdenkende. Luthers Zwei-Reiche-Lehre war seine Vorstellung vom weltlichen Reich, das Frieden und Ordnung schaffen sollte, sodass das Evangelium verkündet werden konnte, und vom himmlischen Reich, welches durch säkulares Recht regiert werden soll. Mittel-, West- und Nordeuropäer wurden aufgefordert, an den theologischen Debattten zu partizipieren und ihre Meinung zu äußern. Neben dem Katholizismus entstanden in Europa verschiedene Formen des Protestantismus, was zu einer Aufteilung der Konfessionen in verschiedenen Staaten führte. Dänemark, Norwegen, gefolgt von Schweden und Finnland gründeten eigene protestantische Staatskirchen, in denen der weltliche Bereich über den religiösen durch das Staatsrecht und Verfassung herrschte. Neben diesem lutherischen Norden gab es den katholischen Süden und orthodoxen Osten sowie dazwischen multikonfessionelle Staaten (Hennig, 2013; Bpb.de).

Die Glaubensspaltung führte zu Bürgerkriegen, die ihren Höhepunkt im 30-jährigen Krieg 1618-1648 fand und mit dem westfälischen Frieden endete, aus dem der Begriff des Säkularimus hervorging, der die Lösung für den modernen Staat konstituieren sollte. Religion wird unter dem Vorwand des Staates relativiert, da der Staat die Souveränität hat, Kirchengesetze zu verstaatlichen und die Religion in ihren Strömungen zu begrenzen. Die Demokratie schützt die Religion, die durch diesen Prozess einen erheblichen Machtverlust hinnehmen musste. Gemäß der Regel ”Cuius regio, eius religio”, was ”wessen Region, dessen Religion” bedeutet, musste die Bevölkerung die Konfession des Landesfürsten annehmen oder fliehen, um einer Verfolgung zu entkommen. (Bpb.de (2); Mitschrift aus dem Kurs “Unternehmensführung und Gemeinsinn“).

Mit der Aufklärung und der Unabhängigkeitserklärung der USA im Jahr 1776 kam die Vorstellung, Religion als Privatsache zu betrachten, sie jedoch durch die Verfassung zu schützen, was nach der französischen Revolution in der Verfassung von 1791 Anwendung fand. Das Konkordat von 1801 hielt zwar eine Koexistenz der staatlich kontrollierten Konfessionen und des Judentums fest, jedoch brach mit Herrschaft der Republikaner ein Anti-Klerikalismus aus, der sich auf weitere Staaten Europas ausbreitete und 1905 in einer gesetzlich niedergeschriebenen strikten Trennung von Kirche und Staat resultierte, was für die Entstehung des modernen Nationalstaates von großer Bedeutung war (Hennig, 2013; Bpb.de).

2.1.2 Auswirkungen des Protestantismus auf die politische Ordnung

Verschiedene Religionen haben geprägt von der Geschichte unterschiedliche Haltungen zu Politik und Staat sowie darüber, wie das Verhältnis gestaltet werden soll. Zunächst ist erwähnenswert, dass es per se kein festes Verhältnis zwischen Religion und einer Herrschaftsform oder Kriterien, die entscheiden, ob eine Religion demokratiekompatibel ist, gibt, sondern Faktoren wie der historische Kontext und Entwicklung darauf Einfluss haben. Daher ist es auch falscher Essentialismus zu behaupten, der Islam und Demokratie ließen sich nicht vereinbaren, worauf im Folgenden noch genauer eingegangen wird.

Die Frage, ob und wie die christliche Ethik im Allgemeinen und der Protestantismus im Speziellen die politische Ordnung und den Weg zur Demokratie beinflusst hat, ist schwierig zu beantworten und daher kontrovers. Einigkeit herrscht weitesgehend darüber, dass die Ethik des Christentums einen erheblichen Einfluss auf den liberalen, säkularen Verfassungsstaat hat und die liberale Demokratie nicht zufällig unter dem Einfluss des Christentums entstanden ist. Säkularisierung bildet hier keinen Widerspruch, da dadurch auch die Religion mehr Freiheit erlangt hat und religiöse Liberalität diese bedingt. Auf die Herausbildung des demokratischen und sozialen Rechtsstaates hatten aber wohl mehrere Weltanschauungen und normative Orientierungen Einfluss (Von Scheliha, 2013; Fischer, 2009). Im Folgenden wird daher aufgrund des weitreichenden Umfangs des Themas nur auf einzelne Aspekte eingegangen.

Generell betrachtet die westliche Welt die Trennung von Kirche und Staat als Voraussetzung für eine säkulare Demokratie, in der das Gemeinwohl, der Wille der Bürger und Werte wie Freiheit, Gleichheit, Solidarität herangezogen werden. Alle europäischen Staaten haben die Prinzipien der Religionsfreiheit, der Kooperation zwischen Staat und Religion, beispielsweise beim Religionsunterricht, und der Staatsneutralität in sich verwurzelt. Letztere bedeutet, dass sich der Staat bei religiösen Fragen zurückhält und der Kirche aufgrund ihrer Kompetenz hier Autonomie gewährt. Innerhalb Europas haben die Länder unterschiedliche Entwicklungen genommen. So findet beispielsweise in Frankreich, den Niederlande, Irland oder Belgien eine strikte Trennung von Kirche und Staat unter einem separatistischen System Anwendung. Spanien, Italien und Deutschland regeln ihre Beziehung zur Kirche über Konkordate beim Katholizismus und Kirchenverträge beim Protestantismus. Das Einheitssystem wird in Norwegen, England, Dänemark praktiziert und vereint das Staats- und Kirchenoberhaupt in einer Person (Ghadban, 2006; Bpb.de (3)).

Ernst Troeltsch sieht beispielsweise den Grund der ursprünglichen Entwicklung des modernen Liberalismus im Okzident in der protestantischen, genauer gesagt der calvinistischen Ethik. Diese kann im politischen Bereich eine sozial-moralische Orientierung reproduzieren, wobei er anmerkt, dass das Christentum keine politische Ethik besitzt, sondern zunächst nur eine Privatmoral. Der calvinistische Protestantismus trägt zum Beispiel mit Prinzipien des politischen Liberalismus, Freiheit in der Erwerbsentwicklung und im Glauben sowie agitorischer Einwirkung auf die öffentliche Meinung zum modernen Liberalismus bei (Fischer, 2009).

Betrachtet man den lutheranische Protestantismus in Deutschland ist einerseits seine Bekanntheit für seine Kritik an der weltliche Macht der Kirche auffällig, andererseits für die enge Zusammenarbeit mit der Politik, was sich auf das Verhältnis zur Obrigkeit ausgewirkt hat. Der Staat hatte Friedensfunktion und sollte mit Hilfe seiner Autorität unter sündigen Menschen eine Ordnung erhalten. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben die Forderungen der Reformation nach Freiheit, individueller Verantwortung, Bürgerschaft für das Gemeinwohl sowie Respekt vor individuellen Meinungen und das Eintreten für Pluralität die freiheitliche Demokratie geprägt. Jedoch gab es im reformatorischen Christentum beispielsweise auch eine reformierte Reformation und linke Bewegung wie die Täuferbewegung. Die Demokratidenkschrift von 1985 der deutschen, evangelischen Kirche stellte die völlige Identifikation der evangelischen Kirche mit dem freiheitlichen Staat des Grundgesetzes klar, was sehr bedeutend in der nicht geradlinigen Entwicklung des Protestantismus in Deutschland war. Die Demokratie wird nicht als christliche Staatsform anerkannt, man hob aber hervor, dass die theologischen und ethischen christlichen Vorstellungen für die positive Beziehung von Christen zur Demokratie ausschlaggebend waren (Papier, 2013).

Im Islam, einer Gesetzesreligion, ist die religiöse und politische Herrschaft untrennbar, wie man im Kalifat erkennen kann. Die Religion bestimmt die Politik, da sie selbst politisch ist. Der Staat repräsentiert die Gemeinschaft, die laut dem Koran Allahs Gebote und Verbote achten soll. Der Islam beinhaltet Regeln sowohl für das individuelle als auch gesellschaftliche Leben. Ein islamischer Staat soll eine Beziehung zwischen beiden Bereichen aufbauen, erhalten und somit beide Bereiche in Einklang bringen. Er soll lediglich die Ordnung erhalten, in der Muslime ihre Religion frei ausüben können, und die Souveränität nach außen hin repräsentieren. Ist eine solche Ordnung nicht gegeben, haben sie die Pflicht, diese zu ändern oder sich von ihr abzukehren. Zu einem islamischen Staat gehört es, dem Kalifen zu gehorchen, die Scharia zu befolgen, in Solidarität der muslimischen Gemeinschaft zu leben, und der djihâd, der Heilige Krieg, um die Menschheit zu ihrem Heil zu führen. Die Scharia bestand aus moralischen und normativen Elementen, die jedoch im Laufe der Geschichte die moralischen Aspekte überschattet haben, weshalb keine Ethik entstehen konnte (Fischer, 2009; Kesici, 1996).

Arabische Philosophen andrerseits hatten das Problem, dass sie zu den Schriften von Aristoteles über Politik und damit dem freiheitlichen Verständnis, das den Herrscher zu Gemeinwohl verpflichtet, keinen Zugriff hatten. Jedoch war ihnen Platons ”Politea” und ”Nomoi” bekannt und damit die Forderung eines Philosophenherrschers in einem Idealstaat, in der die Bürgerschaft, die den Staat ruinieren würde, keine Mitsprache hat. Er glaubt an die objektive Entscheidbarkeit und somit keiner Wahrheitsfähigkeit politischer Fragen. Al Farabi weist beispielsweise klare Einflüsse von Platon auf, der die Demokratie kritisiert, denn ein System, in dem nach Eigeninteresse strebende Menschen nach dem Gemeinwohl handeln sollen, kann nicht funktionieren. Wohl niemand, der an der Macht oder im Amt bleiben will, wird dem nach Zucker schreienden Pöbel Schwarzbrot geben. Die Idealstaatskonzeption von Platon half zum Beispiel bei der Erneuerung des theokratischen Staats in der schwierigen politischen Phase des 10. Jahrhunderst (Fischer, 2009).

Dieser Hinweis ist von großer Bedeutung, da diese Pfadabhängigkeit bis heute besteht und die islamische Tradition sich bis ins 18. Jahrhundert einkapselte. Dass sich im Abendland keine Identität von Kirche und Staat entwickelte, war jedoch mehr Glück als Verstand, da es nur durch Zufall und ohne eigenen Verdienst erneut auf das freiheitliche Verständnis von Aristoteles aufmerksam wurde, als die antiken Schriften von Platon und Aristoteles, die der Islam ins Arabische übersetzt hat, über den Orient wieder nach Europa kamen. Politik erlangte wieder an Eigenständigkeit und Autonomie. Westliche Forderungen nach einer Säkularisierung oder Verwestlichung führen eher zu Radikalisierung. Fundamentalistische Strömungen können ihren Ursprung teilweise, neben anderen Gründen wie Korrpution in Regierungen, auch in der Säkularisierung haben. Fundamentalismus ist eine christliche Erfindung, jedoch hat das Christentum im Gegensatz zum Islam eine andere Entwicklung genommen. Jedoch ist zu kritisieren, dass die gewünschte theokratische Saatsform totalitäre Züge beinhaltet und zur Durchsetzung diesen Interesses Gewalt als legitimes Mittel zu erachten, ist zu verurteilen (Mitschrift aus dem Kurs “Unternehmensführung und Gemeinsinn“).

2.2 Protestantismus und Wirtschaft

Die durch die Reformation hervorgerufenen konfessionellen Spaltungen hatten auch Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung und Orientierung der jeweiligen Staaten. Im Folgenden werden die Vorstellungen Max Webers dazu vorgestellt sowie die zwei beispielhaften Thesen eines größeren Wirtschaftswachstums und Resistenz gegen Korruption beleuchtet.

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Details

Seiten
19
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656965282
ISBN (Buch)
9783656965299
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v300079
Institution / Hochschule
Otto Beisheim School of Management Vallendar
Note
1,3
Schlagworte
Protestantismus politische Ordnung Wirtschaft protestantische Ethik Korruption

Autor

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