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Vlad Tepes - Der Vampir? Der "literarische Weg" des walachischen Woiwoden Vlad Tepes vom Spätmittelalter bis zu Stokers "Dracula"

Examensarbeit 2013 79 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vlad III. Drăculea - Woiwode der Walachei
2.1 Vlad III. Drăculea in zeitgenössischen Quellen
2.1.1 Die Überlieferung aus dem Byzantinischen und Osmanischen Reich
2.1.2 Die europäischen Quellen
2.1.2.1 Dokumentarische Quellen
2.1.2.2 Narrative Quellen
2.2 Vlad Ţepeş‘ Biographie - blutdürstiger Tyrann oder Verteidiger des christlichen . Abendlandes?
2.3 Die Diskussion um die Gefangennahme durch Matthias Corvinus

3. Der „literarische Weg“ Vlad III. Drăculeas in der zentraleuropäischen Überlieferung .
3.1 „Vnd deme quaden thyrane Dracole wyda“ - Vlad III. Drăcuela als Exempel des .. Bösen- antitürkische Propaganda in Literatur und Bild
3.1.1 Handschriften und Drucke
3.1.2 Abbildungen
3.2 Vlad III. Drăculea in der spätmittelalterlichen Exempelliteratur
3.2.1 Das mittelalterliche Exemplum
3.2.2 Die Verwendung des Dracula-Exempels in der Kanzelrhetorik
3.2.3 Die Blutdurstmetapher in der Exempelliteratur
3.3 Vlad III. Drăculea in Rumänien
3.3.1 Die rumänische schriftliche Überlieferung
3.3.2 Die rumänische mündliche Überlieferung
3.3.3 Vlad Ţepeş in der rumänischen und in der westlichen Historiographie

4. Bram Stokers Dracula - Untersuchung des Romans und der Arbeitsnotizen in Bezug auf die Vorbildthese
4.1 Die Veröffentlichung des Romans und der literaturgeschichtliche Kontext
4.2 Analyse der Arbeitsnotizen
4.2.1 Allgemeine Informationen
4.2.2 Erwähnungen Vlad Ţepeş‘ in den Arbeitsnotizen
4.3 Weitere Theorien
4.3.1 Die Theorie über Arminius Vambery
4.3.2 Die Bibliothek des Britischen Museums
4.4 Die Untersuchung des Romantextes
4.4.1 Kurze Inhaltszusammenfassung
4.4.2 Die Physiognomie des Grafen im Romantext
4.4.3 Die Biographie des Grafen im Romantext
4.4.3.1 Transsilvanien als Schauplatz in Dracula
4.4.3.2 Das Motiv der Grausamkeit im Text des Romans
4.4.3.3 Die Herkunft des Grafen

5. Schluss

6. Quellenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

8. Audiovisuelle Materialien

1. Einleitung

Der „aller größte[] Wutrich und Tirann, den [er] je erkund auf aller dieser Erden“ soll der walachische Woiwode aus dem 15. Jahrhundert, Vlad III. Drăculea, laut dem kaiserlichen Hofdichter Friedrich des III., Michael Beheim, gewesen sein. „Unzählige Türken“ habe er auf Pfähle gesteckt und „zwischen ihnen mit Freunden vornehm gespeist“. Auch „Bettler und „die von Krankheit und Schicksal Geschlagenen“1 seien dem Blutdurst des grausamen Tyrannen regelmäßig zum Opfer gefallen. Die Liste der angeblichen Greueltaten ließe sich endlos weiterführen. Umso erstaunlicher erscheinen die Worte des früheren rumänischen Regierungschefs Nicolae Stoicescu, mit denen er 500 Jahre später den mittelalterlichen Woiwoden zu charakterisieren versucht. In Zeiten der Bedrohung durch das vordringende osmanische Reich sei er ein „model to posterity“ gewesen: „He organized the people’s army […], harshly punished disobedience and treason, restored order in the rule of the country and instilled a sense of honesty in his inhabitants“. Er habe weiterhin sogar unermüdlich versucht „a system of foreign alliances“2 aufzubauen, um als Verteidiger des Christentums die Glaubensgemeinschaft zu beschützen. Das Bild des harten, aber gerechten Fürsten, der auf Seiten des Christentums gegen den osmanischen Feind kämpft, steht dabei völlig konträr zur ersten Assoziation, die sich im Westen untrennbar mit dem Namen „Dracula“ verbunden hat: Vampirismus. Vlad Tepeş tritt also in völlig unterschiedlichen Erscheinungen auf: als Tyrann, als Bollwerk gegen die Osmanen und schließlich auch als angeblich erster Vampir der Literaturgeschichte.

Die auffällig unterschiedlichen und mannigfaltigen Charakterisierungen des walachischen Woiwoden lassen bereits die schwierige Fassbarkeit der historischen Figur erahnen. Zunächst wurde Vlad III. Drăculea etwa 500 Jahre von der Geschichtswissenschaft nahezu vollkommen ignoriert. Lenkten zumindest die rumänischen Historiker ihren Blick gegen Anfang des 18. Jahrhunderts auf Vlad, so wurde die Geschichtswissenschaft im Westen erst 1897, zum Zeitpunkt des Erscheinens von Bram Stokers Dracula, überhaupt erst auf die Existenz des mittelalterlichen Fürsten aufmerksam. Die Veröffentlichung des Romans und das in ihm vorherrschende Thema des Vampirismus verbanden sich im Westen daraufhin untrennbar mit den Nachforschungen über den walachischen Fürsten. Grund hierfür ist lediglich der Name, den Stoker seinem Protagonisten gab: Graf Dracula. Ausgehend von einer Namensübereinstimmung zwischen der historischen Figur Vlad III. Drăculea und Stokers Protagonisten, lenkte die frühe Geschichtswissenschaft ihr Hauptaugenmerk nun auf die Herausstellung einer greifbaren Verbindung zwischen der fiktiven und der realen Person - und wurde bei ihren Nachforschungen durchaus fündig. Ein „Wuterich“ soll er gewesen sein, „der sogar unchristliche Martter“ wie das Pfählen betrieben habe.3 Bis heute findet man fast in jedem Titel der Sekundärliteratur zu Dracula mindestens ein Kapitel, das zu beweisen versucht, Stoker habe in Vlad III. Drăculea die Vorlage für seinen Vampirprotagonisten gefunden. Völlig überraschend lässt sich jedoch in der Literatur Rumäniens, des ehemaligen Wirkungsortes des Fürsten, nicht ein einziger Titel finden, der Vlad III. Drăculea in irgendeiner Form mit Vampirismus in Verbindung bringt. Wieso also pocht die westliche Geschichtswissenschaft so hartnäckig auf die Annahme, der irische Autor hätte allen Grund dazu gehabt, die historische Figur tatsächlich als Vorbild für die Gestaltung seines Hauptcharakters zu verwenden und habe dies auch tatsächlich getan?

Dieser Frage widmet sich die vorliegende Arbeit. Die erste Hälfte der Arbeit beschäftigt sich mit der Quellen- und Forschungslage zu Vlad III. Drăculea und der sich daraus ergebenden Biographie Vlads. Die Gefangennahme Vlads durch den ungarischen König Matthias Corvinus wird hierbei, aufgrund ihrer enormen Bedeutung für die spätere Diffamierung des Woiwoden, gesondert behandelt. Durch einen Vergleich der unterschiedlichen Überlieferungsstränge soll anschließend Vlads literarischer Weg analysiert werden, der über zeitgenössische Dracula-Flugblätter und die spätmittelalterliche Exempelliteratur führt und schließlich im letzten Schritt bei Stokers Vampirroman endet. Das Bild, das sich durch die unterschiedlichen literarischen Überlieferungen im deutschsprachigen Raum und in Südosteuropa ergibt, wird durch die Behandlung zeitgenössischer und späterer Abbildungen Vlads, regionale mündliche

Überlieferungen in Rumänien und der unterschiedlichen Bewertung des Woiwoden in der rumänischen und westlichen Geschichtswissenschaft in verschiedenen Zeitabschnitten abgerundet und ergänzt. Aufbauend auf die Ergebnisse dieses ersten Teils, untersucht der zweite Teil der Arbeit die These, Stoker sei mit der historischen Figur Vlad Ţepeş vertraut gewesen und habe ihn tatsächlich als Vorlage für Graf Dracula benutzt. Die Untersuchung dieser Vorbildthese erfolgt anhand von Stokers Arbeitsnotizen für Dracula, dem literaturgeschichtlichen Kontext und dem Text des Romans selbst. Abschließend soll bewertet werden, ob die Vorbildthese tatsächlich Berechtigung hat oder ob sie als ein gegenstandsloses Konstrukt der westlichen Geschichtswissenschaft und damit als widerlegt betrachtet werden muss.

Die in der Historiographie und in den Überlieferungen kontroverse und uneinheitliche Bewertung der historischen Figur spiegelt sich bereits in der besonderen Beschaffenheit des Herrschaftsgebiets Vlads wieder. Vlad III. Drăculea war 1448, zwischen 1456-1462 und 1476 Woiwode des Fürstentums Walachei (rumän.: Ţ ara Rom â neasc ă).

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Abb. 1: Geopolitische Lage der Walachei in Europa 1300-6834

Ein kurzer Blick auf die geopolitische Lage der Walachei macht bereits die besondere Brisanz dieses Herrschaftsgebiets deutlich: als schmaler Gürtel zwischen dem

christlichen Europa und dem vordringenden Osmanischen Reich lag das spätere Fürstentum genau zwischen den Fronten zweier Interessensgebiete und war somit stark umkämpft. Spätestens in den 1320er Jahren hatte sich in der Walachei aus dem Zusammenschluss diverser Territorien ein eigener Herrschaftsverband gebildet, der als Fürstentum im Zuge der Ostausdehnung des ungarischen Reiches genauso wie das Fürstentum Moldau zunächst trotz Unabhängigkeitsbestrebungen ein Lehen der ungarischen Krone blieb. Als eigenständiges Staatsgebilde schließlich begann die Walachei erst nach dem Sieg Basarabs I. <1310/1319-52>5 im November 1330 in der Schlacht bei Posada zu existieren. Die walachische Streitmacht besiegte das ungarische Heer unter König Karl I. Robert <1308-42> und setzte so zumindest nominell die walachische Unabhängigkeit gegenüber Ungarn durch. Auch die kirchenpolitische Unterstellung unter den Patriarchen von Byzanz und damit die Annahme des griechisch- orthodoxen Glaubens unter dem Woiwoden Nicolae Alexandru <1352-64> wird als Teil der Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber dem katholischen Ungarn gewertet. Jedoch konnte das Fürstentum der Walachei in den darauffolgenden Jahren dem Druck Ungarns und dem seit Mitte des 14. Jahrhunderts expandierenden Osmanischen Reiches nicht dauerhaft standhalten und fiel abwechselnd jeweils in ungarische oder osmanische Abhängigkeit. Seit dem Überwinden der Meerenge der Dardanellen hatten die Osmanen große Teile Südosteuropas unterworfen. Nachdem sowohl Serbien als auch Bosnien 1389 nach der Schlacht auf dem Amselfeld unter die Oberherrschaft der Osmanen gefallen waren, musste 1395 auch das Fürstentum der Walachei nachgeben und wurde fortan zu Tributzahlungen verpflichtet. Das andauernde Interesse Ungarns die Walachei, das sozusagen das Einfallstor nach Siebenbürgen darstellte, unter seine Oberherrschaft zu bringen, ergab sich aus dem Wunsch nach einer dauerhaften Stabilisierung der ungarischen Südgrenze. Ein Kreuzzug des ungarischen Königs Sigismund von Luxemburg (1368-1437) mit Unterstützung Mirceas I. cel Bătrân <13-86-1418> scheiterte aber 1396. Jedoch wurde das osmanische Reich durch den Sieg der Mongolen 1402 bei Ankara vorübergehend geschwächt. Die Fürsten der Walachei nutzen dieses Machtvakuum zur Vergrößerung ihres Herrschaftsgebietes. Um 1415 erreichte das walachische Fürstentum in Folge seine größte Ausdehnung und erstreckte sich von Besitzungen rechts der Donau im Süden bis zu den Besitztümern um Amlaş und Făgarăs im Norden und vom Grenzfluss zur Moldau im Osten bis an das Eiserne Tor der Donau im Westen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Siebenbürgen, Walachei und Moldau im 15. Jahrhundert6

Im Zuge der erneuten Eroberungszüge des osmanischen Reiches unter Murad II. <1421- 51> musste Mircea I. cel Bătrân jedoch erneut ein Abkommen über Tributzahlungen mit dem Sultan abschließen und dessen Oberherrschaft anerkennen. Nach seinem Tod 1418 folgte eine Phase heftiger innerer Thronstreitigkeiten zwischen den Dănești und den Drăculești, den zwei aus dem Hause Basarab entstandenen dynastischen Linien. Die nur kurz amtierenden Fürsten ergaben sich nun abwechselnd dem Einfluss des osmanischen, ungarischen oder polnischen Reiches. Zum Zeitpunkt der Geburt Vlad III. Drăculeas im Jahr 1431 versuchte König Sigismund im Zuge eines Hoftags in Nürnberg erneut ein gemeinsames christliches Bündnis gegen die Osmanen zu formen. Die Walachei, die ab 1431 von dem Woiwoden Alexandru I. Aldea <1431-36> regiert wurde, befand sich zu diesem Zeitpunkt offiziell unter osmanischer Oberherrschaft. Der neue ungarische Kandidat, Vlad II. Dracul (1395-1447), der Vater Vlad III. Drăculeas, sollte nun den amtierenden walachischen Woiwoden, seinen Halbbruder, ersetzten und als zuverlässiger Bündnispartner Sigismunds die ungarische Südgrenze dem Einfluss der Osmanen entziehen.7 Die Rolle, die Vlads Vater und Vlad Tepes selbst daraufhin in der Walachei gespielt haben, lässt sich durch eine Vielzahl von verfügbaren Quellen erschließen, die in folgendem Kapitel behandelt werden.

2. Vlad III. Drăculea - Woiwode der Walachei

2.1 Vlad III. Drăculea in zeitgenössischen Quellen

Die historische Figur ist in der Geschichtswissenschaft unter zwei Namen bekannt - Vlad Ţepeş (dt.: „Vlad, der Pfähler“) und Vlad III. Drăculea (dt.: „Vlad III., Sohn des Dracul“). Laut Rauch findet sich der erstere Beiname Ţ epe ş ausschließlich im rumänischen Ast der Überlieferung nach 1550 und bezieht sich auf die Bezeichnung kaziklu bey (dt.: „pfählender Prinz“) in ottomanischen Chroniken des späten 15. und frühen 16.

Jahrhunderts.8 In keinem einzigen bekannten Dokument bezeichnet sich der Woiwode jedoch selbst mit dem Beinamen Ţ epe ş, sondern benutzt stattdessen den Beinamen Dr ă culea.9 In den deutschen, russischen und lateinischen Überlieferungen findet sich zwar der Beiname „Pfähler“ nicht, jedoch wird das „auf Pfähle stecken“10 beziehungsweise „spießen“11 neben anderen Grausamkeiten besonders häufig erwähnt.

Erst seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts begann sich die rumänische Historiographie als erste mit der Persönlichkeit Vlad III. Drăculeas und den ihn betreffenden Quellen zu beschäftigen. Zunächst wurde das Leben des walachischen Woiwoden jedoch nicht in Form eigens ihm gewidmeter Darstellungen untersucht, sondern im Zuge zweier Synthesen über die Geschichte Rumäniens bearbeitet. Der Verdienst der jeweiligen Autoren, Gheorghe Sincai und Mihail Kogǎlniceanu, liegt in der Sammlung sämtlicher damals vorhandener zeitgenössischer Quellen über Vlad.12 Im Laufe der Zeit wurden immer mehr zeitgenössische Quellen über den Fürsten gefunden und bearbeitetet, sodass sich zum Zeitpunkt der heutigen Forschung folgendes Bild ergibt: Grob lassen sich die Informationsquellen über das Leben Vlad III. Drăculeas nach geographischen und gattungsbedingten Aspekten unterteilen, sodass sich die drei Teilbereiche osmanische und byzantinische Quellen, europäische dokumentarische Quellen und europäische narrative Quellen aufzählen lassen.

2.1.1 Die Überlieferung aus dem Byzantinischen und Osmanischen Reich

Die Überlieferung aus dem Byzantinischen und Osmanischen Reich besteht ausschließlich aus Beschreibungen Vlad Ţepeş in Chroniken. Er wird namentlich in den Geschichtswerken der byzantinischen Autoren Laonikos Chalkokondyles13, Dukas14 und Kritobulus von Imbros15 erwähnt. Ferner müssen hier auch fünf türkische Chroniken16 aus den Jahren um die Jahrhundertwende erwähnt werden, die zwar aufgrund fehlender Objektivität für eine biographische Darstellung weniger bedeutend sind, jedoch wichtige Informationen für die Rekonstruktion der verschiedenen Kampfetappen im Krieg gegen Vlad Ţepeş und der Marschrouten des Sultans während des Vorstoßes in die Walachei liefern. Da das Anliegen der vorliegenden Arbeit darin besteht, die Entstehung des Bildes Vlad Ţepeş‘ im Westen nachzuvollziehen, können die kurzen Erwähnungen in byzantinischen und osmanischen Quellen zugunsten des Fokus auf die im folgenden Kapitel genannten Quellen weitestgehend vernachlässigt werden.

2.1.2 Die europäischen Quellen

2.1.2.1 Dokumentarische Quellen

Der zweite und dritte Teilbereich beziehen sich auf die europäischen Quellen, die wiederum in narrative und dokumentarische Quellen zu unterteilen sind. Zu den dokumentarischen Quellen zählen insgesamt 23 slawische Dokumente in rumänischer Sprache über und von Vlad Ţepeş, die sich auf die Zeit der zweiten <1456-1462> und dritten Herrschaft <1476> des walachischen Fürsten beziehen.17 Zu diesen Dokumenten gehört beispielsweise ein Vertrag über ein Handelsvorrecht für die Festung Kronstadt aus dem Jahr 147618, als auch Dokumente des Zeitraums 1450-1460 seines Konkurrenten Dan über einen geplanten Überfall auf die von Vlad Ţepeş beherrschte Walachei19.

Neben den slawischen dokumentarischen Quellen liegen zahlreiche Dokumente in lateinischer Sprache vor. Beispielhaft seien hier ein Dekret Vlad Ţepeş‘ vom Herbst 1476 über die Handelsbeziehungen zu Kronstadt20 und ein Brief des Woiwoden an den ungarischen König Matthias Corvinus vom Februar 146221 genannt. Der Brief enthält einen Hinweis auf die Hochzeit Vlads mit einer Verwandten des ungarischen Königs und die Beschreibung des Kriegsverlaufs gegen einen kleinen Teil des türkischen Heeres unter der Leitung des Paschaliken Hamza-beg von Nikropolis. Weiterhin sei die Abschrift eines Berichtes des Bischofs von Erlau an Papst Sixtus IV. erwähnt, in dem von der Besetzung der Festung Sabat auf Sava im Winter 1475/76 durch Vlad III. Drăculea die Rede ist.22 Ein weiteres Dokument vom August 1476 berichtet von den Vlad und dem siebenbürgischen Hauptmann Stefan Báthory, die im Auftrag des ungarischen Königs dem moldauischen Woiwoden, Stefan dem Großen, im Krieg gegen die Osmanen unterstützen sollten.23 Zu den dokumentarischen Quellen in lateinischer Sprache zählt zuletzt noch ein Bericht des päpstlichen Gesandten am ungarischen Hof, Nikolaus Modrussa, an Papst Pius II. mit einer ausführlichen Beschreibung der äußeren Erscheinung des Fürsten.24

In italienischer Sprache liegen drei Dokumente vor. Es handelt sich hierbei um zwei diplomatische Berichte des Abgesandten Venedigs, Petrus de Thomasiis, über den Krieg 1462, in denen die militärischen Bemühungen des Woiwoden erwähnt werden.25 Das dritte Dokument stellt die Botschaft Stefans des Großen vom Mai 1477 an Venedig dar, die über die Bedingungen um die dritte Thronbesteigung Vlad Ţepeş berichtet.26

2.1.2.2 Narrative Quellen

Zahlreiche Quellen über Vlad III. Drăculea lassen sich weiterhin im narrativen Bereich finden. Ein kurzer Abschnitt in der rumänischen Chronik-Kompilation Letopisetul Cantacuzinesc widmet sich dem walachischen Fürsten. Nach Meinung der rumänischen Historiographie wurde dieser Abschnitt einer alten slawischen Chronik entnommen.27 Weiterhin stammt aus dem Kreis der slawischen Quellen die Die Erzählungüber Fürst Dracula, deren Entstehung von der slawischen Historiographie auf 1486 geschätzt wird. Das Original ist verloren, jedoch wurde die Handschrift in Form einer Kopie aus dem Jahre 1490 in einem russischen Kloster in der Nähe von Kirill-Belozersk gefunden.28

In lateinischer Sprache liegen vier Werke mit einer Erwähnung Vlad Ţepeş‘ vor. In der Rerum Hungaricum Decades geht der ungarische Hofchronist Antonius Bonfinius kurz auf die Zeit nach der Gefangenschaft des Woiwoden ein und berichtet von der ausgesprochenen Grausamkeit, mit der er angeblich gegen Türken, aber auch Bewohner der Walachei vorgegangen sein soll.29 Auch Thomas Ebendorfer beschreibt in seiner Chronica regum Romanorum die „unerhörte[n] Grausamkeiten“ des Woiwoden, erwähnt dabei aber politische Beziehungen, zum einen zwischen dem Fürsten und Ungarn und zum anderen zwischen dem Fürsten und den einheimischen Boyaren. Auch liefert er einen Hinweis zur Annahme des katholischen Glaubens durch Vlad Ţepeş.30 Weiterhin beschreibt Papst Pius II. den Fürsten in seinen Commentarii rerum memorabilium que temporibus suis contigerunt. Die knappe Beschreibung der Lebenstationen endet mit der Gefangennahme durch Matthias Corvinus und ist analog zu den zwei anderen narrativen Quellen in lateinischer Sprache von Ausführungen über die Grausamkeit des Fürsten unterbrochen.31 Zuletzt sei noch die Historia Polonica von Jan Długosz genannt. Der polnische Historiker verfasste sein Werk über die Geschichte Polens und seiner Nachbarn sukzessive in den Jahren 1455 bis 1480. Das Bild Vlads des Pfählers fällt dabei eher positiv aus. Dłagosz verfasste den Abschnitt über Vlad Tepeş erst nach der dessen Konsolidierung. Aus politischen Gründen, die sich um eine Zusammenarbeit Ungarns und Polens gegen die Osmanen drehen, wird folglich auch Vlad positiv dargestellt.32

Die deutschsprachigen narrativen Quellen beinhalten die Ö sterreichische und Ungarische Chronik Jakob Unrests, die Informationen über das letzte Lebensjahr Vlad Ţepeş enthalten und auf die um den Fürsten entstandene Legende eingehen.33 Zusätzlich wird Vlad Tepeş in der Cosmographia Sebastian Münsters mit einem kurzen Abschnitt im Kapitel über die Geschichte Siebenbürgens erwähnt.34 Weiterhin liegt in deutscher Sprache die Histori von dem posen Draco vor. Die Sammlung historisch- literarischer Anekdoten wurde wahrscheinlich in einer ersten Fassung bereits 1462 von einem Sachsen aus Braşov (dt.: Kronstadt) geschrieben. Vier untereinander etwas abweichende handschriftliche deutsche Fassungen aus dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts basieren vermutlich auf dieser ersten Version.35 Hierbei handelt es sich um eine im schweizerischen Kloster St. Gallen aufbewahrte Handschrift und eine weitere, die im ehemaligen Benediktinerkloster Lambach in Österreich aufbewahrt wird. Diese wiederum liegt in einer Londoner Version und in einer Fassung aus Colmar vor.36 Alle vier Handschriften weisen eine weitestgehend übereinstimmende Reihenfolge der Anekdoten auf. Einzig die Londoner Version folgt einer anderen Reihenfolge und schildert eine zusätzliche Episode über die Hochzeit Draculas mit einer Verwandten Matthias Corvinus' und eine weitere, auf die Grausamkeit bezogene Episode. Die zusätzlichen Episoden der Londoner Version sprechen für eine weitere Informationsquelle, die dem Autor zur Verfügung gestanden haben muss. Aufgrund der Episode über die Hochzeit wird davon ausgegangen, dass die Londoner Handschrift erst nach den anderen Handschriften um den Zeitraum der Konsolidierung Vlad Ţepeş‘ im Jahre 1476 entstand.37 Der Inhalt der Handschriften ging mit leichten Abwandlungen noch vor 1471 auch in die Chroniken der Stadt Konstanz ein.38

Weiterhin sind bisher 13 Drucke in deutscher Sprache aus der Zeit von 1488 bis um 1559/60 erhalten.39 Die Drucke werden von der Forschung unterschiedlich beurteilt. Die zwei grundsätzlichen Forschungsmeinungen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Ansicht über die Eigenständigkeit der Drucküberlieferung. Ein Teil der Forscher argumentiert, die Inkunabeldrucke müssten als eigenständiger Ast der Überlieferung angesehen werden und ließen sich nicht unmittelbar auf die Handschriften zurückführen.40 Die Gegenseite plädiert für die Ansicht, die Drucke seien in Tradition der bereits erwähnten Urschrift eines Sachsens aus Brasov zu sehen und seien nur Bearbeitungen der ursprünglichen Version unter Einbeziehung späterer Ereignisse.41

Ein weiterer Streitpunkt besteht in der Bewertung der russischen Überlieferung. Die russische Erzählung Skazanie o Drakoulea voevodea ist in insgesamt 22 Manuskripten erhalten. Die älteste gefundene Handschrift, die auf das Jahr 1490 datiert wird, ist die Abschrift eines verschollenen Originals von 1486 durch einen Mönch namens Efrosin. Da sich Reihenfolge, Details und die Betonung der Grausamkeit teils stark von den deutschen Überlieferungen unterscheiden, gehen die meisten Forscher von einem eigenständigen Überlieferungsstrang aus, der nicht auf den deutschen Erzählungen basiert. Auch die weniger starke moralische Verurteilung der Grausamkeit in der russischen Tradition und die Betonung der Härte, aber gleichzeitig auch der Gerechtigkeit der Taten des Fürsten untermauern diese These zusätzlich.42

Zuletzt muss noch auf zwei Sonderfälle verwiesen werden, die sich nicht eindeutig einem der oben eingeteilten Unterbereiche zuordnen lassen. Den ersten Sonderfall stellen die Pamietniki Janczara (dt.: Memoiren eines Janitscharen ), in der polnischen Version Kronika tureck á (dt.: Türkische Chronik ) genannt, dar. Der Verfasser, Konstantin Mihajlović aus Ostrovitza, war ein Serbe, wurde aber im Zuge der Knabenlese an den Hof des Sultans Mehmeds II. geholt und nahm als Janitschar am Feldzug des Jahres 1461 gegen die Walachei teil. Nach einer kurzen Beschreibung der Lebensstationen Vlad Ţepeş‘ bis in das Jahr 1461 beschreibt er den Verlauf der Kampfhandlungen zwischen walachischem und osmanischem Heer und endet mit der Gefangennahme Vlads.43 Die Entstehung wird auf Ende des 15. Jahrhunderts geschätzt. Da das Originalmanuskript verschollen ist, kann die ursprüngliche Sprache, in der es verfasst wurde, nicht mehr mit endgültiger Sicherheit festgestellt werden. Ein tschechischer Druck, der auf die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts datiert wird, ist aber die bisher älteste vorliegende Version.44 Den zweiten Sonderfall stellt Michel Beheims Gedicht Von ainem wutrich der hies Trakle waida von der Walachei dar, das vermutlich um 1463 nach der Gefangennahme durch Matthias Corvinus am Hof Kaiser Friedrichs III. in Wiener Neustadt entstand.45 Beheim erwähnt, dass er die Informationen über den „Trakle waida“ von einem Barfüßermönch namens Jakob aus dem in der Walachei gelegenen Kloster Gorrion erhalten habe.46 Die 107 Strophen geben hauptsächlich ausgeschmückte Anekdoten über die Grausamkeit des Fürsten wieder.47

2.2 Vlad Ţepeş‘ Biographie - blutdürstiger Tyrann oder Verteidiger des christlichen Abendlandes?

Aus der oben beschriebenen Quellenlage ergibt sich folgende Biographie, deren Verlauf für das Verständnis der heutigen Rezeption der historischen Figur Vlad Ţepeş von enormer Bedeutung ist: Die historische Figur ist in der Geschichtswissenschaft unter zwei Namen bekannt - Vlad Ţepeş (dt.: „Vlad, der Pfähler“) und Vlad III. Drăculea (dt.: „Vlad III., Sohn des Dracul“). Laut Rauch findet sich der erstere Beiname Ţ epe ş ausschließlich im rumänischen Ast der Überlieferung nach 1550 und bezieht sich auf die Bezeichnung kaziklu bey (dt.: „pfählender Prinz“) in ottomanischen Chroniken des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts.48 In keinem einzigen bekannten Dokument bezeichnet sich der Woiwode jedoch selbst mit dem Beinamen Ţ epe ş, sondern benutzt stattdessen den Beinamen Dr ă culea.49 In den deutschen, russischen und lateinischen Überlieferungen findet sich zwar der Beiname „Pfähler“ nicht, jedoch wird das „auf Pfähle stecken“50 beziehungsweise „spießen“51 neben anderen Grausamkeiten besonders häufig erwähnt. Das Titelbild des Druckes aus Straßburg aus dem Jahre 1500 von Matthias Hupfuff zeigt den Fürsten ein Mahl einnehmend zwischen gepfählten Opfern.

Nach dem Tod Mirceas I. cel Bătrân 1418 begann im walachischen Fürstentum ein Thronstreit zwischen den Dǎnesti und den Drǎculesti. Die Erstgenannten leiteten ihre Ansprüche von Mircea ab, während die Drǎculesti, zu denen Vlad Ţepeş‘ Vater zählte, ihren Anspruch über einen Bruder Mirceas namens Dan ableiteten. Die beiden Großmächte Ungarn und das Osmanische Reich, an deren jeweiligen Rändern die Walachei lag, unterstützten wechselnd jeweils die eine oder andere Seite und versuchten das gesamte 15. Jahrhundert hindurch durch die Besetzung des walachischen Throns mit ihren eigenen Kandidaten Einfluss über das Fürstentum zu gewinnen. Trotz anfänglicher Sympathie gegenüber Ungarn orientierte Dan II. nach dem Sieg der Türken

über Venedig 1430 seine Außenpolitik in Richtung Osten. Ungarn reagierte mit der Unterstützung der Rivalen Dans II., zu denen Vlads Vater Vlad II. Dracul zählte. Dieser wurde 1431 von Kaiser Sigismund zu einem Hoftag nach Nürnberg gerufen, dort zur Festigung an die ungarische Sache in den um 139052 gegründeten Drachenorden aufgenommen53 und als neuer ungarischer Kandidat protegiert.54 Das Geburtsjahr seines Sohns Vlad III. Drăculea wird auf 1431 geschätzt. Unklar ist jedoch der Geburtsort, für den in der Forschung abwechselnd Nürnberg oder das Siebenbürgische Sighişoara55 (dt.: Schäßburg) genannt wird.56 Erst 1436 gelang es Vlad II. Dracul nach dem Tod des bisher amtierenden Woiwoden, seines Halbbruders Alexandru I. Aldea (1418-1436), die Herrschaft anzutreten. Wiederum folgte eine Phase wechselnder Bündnispolitik, die Vlad II. Dracul je nach politischer Großwetterlage verfolgte. Um Vlad II. Draculas Schwanken zwischen den beiden Großmächten zu verhindern, forderte Sultan Murad II. die beiden Söhne Vlad III. Drăculea und Radu (um 1436-75), im Sommer 1440 als Geiseln ein. Sein ältester Sohn Mircea (1422-1447) blieb in der Walachei.

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Abb. 3: Genealogie der Drǎculesti57

Trotz dieses Abhängigkeitsverhältnisses führte Vlad II. Dracula 1445 an der Seite des ungarischen Reichsverwesers Johann Hunyadi erneut einen Feldzug gegen die Türken. Der Kreuzzug konnte keine größeren Erfolge erzielen und so entschied er sich 1446 auf ein Friedensangebot der Osmanen einzugehen. Als Reaktion darauf fiel Hunyadi im November 1447 in die Walachei ein. Vlad II. Dracul wurde auf der Flucht getötet, sein Sohn Mircea hingerichtet. Als neuer Woiwode wurde Vladislav II. aus der Linie der Dăneşti eingesetzt. In Reaktion auf die Ereignisse wurde Vlad III. Drăculea Anfang 1448 vom Sultan zum rechtmäßigen Kandidaten erklärt und forderte den Woiwodentitel mit Unterstützung einer kleinen osmanischen Einheit erfolgreich ein. Vladislav II. konnte ihn aber aufgrund mangelnder Unterstützung der Bojaren, dem walachischen Hochadel, nach zwei Monaten wieder vertreiben. Nach dem Sieg der Osmanen über Konstantinopel wandte sich Vladislav II. jedoch aufgrund des starken Drucks der Osmanen auf die Walachei von Ungarn ab. Vlad III. Drăculea wurde daraufhin ein Wunschkandidat Ungarns und konnte 1456 die Herrschaft in der Walachei mit der Unterstützung Johann Hunyadis übernehmen.58 Bereits im Herbst wandte sich Vlad Ţepeş dennoch wiederum den Türken zu. Die folgenden Spannungen zwischen der Walachei und Ungarn wirkten sich auf die sächsischen Städte in Siebenbürgen aus, die durch die Loyalität zur ungarischen Krone unter mehreren Einfällen Vlad Ţepeş‘ zu leiden hatten. Die spätere Rezeption des Lebens des walachischen Fürsten wird ihm diese Feldzüge vorwerfen und mit Berichten über angebliche Massenpfählungen ausschmücken.59 Dennoch kam es im Herbst 1460, nachdem Vlad die Tributzahlungen an den Sultan seit 1459 ausgesetzt hatte, zu einem anti-osmanischen Geheimbündnis zwischen Vlad III. und dem ungarischen König Matthias Corvinus. Als dessen Folge trat die Walachei im Winter 1461 nach der Pfählung eines osmanischen Gesandten in den Krieg gegen die Türken ein. Vlad III. griff die osmanischen Stellungen jenseits der Donau an und drang bis auf bulgarisches Gebiet vor. Auch diese kriegerische Auseinandersetzung mit den Türken sollte später, entsprechend ausgeschmückt, enorm zum Bild des grausamen Pfählers beitragen.60 Im April 1462 kam es zu einem Gegenschlag des Sultans, mit dem die Osmanen bis nach Târgovişte (dt.: Tergowisch) vorstoßen konnten. Vlads Halbbruder Radu wurde von den Osmanen als neuer Woiwode eingesetzt und Vlad war gezwungen nach Braşov (dt.: Kronstadt) zu fliehen, um dort den ungarischen König zu dem im Bündnis zugesagten Beistand zu bewegen. An dieser Stelle nimmt die Biographie eine für die spätere Rezeption der Figur Vlad Ţepeş‘ entscheidende Wendung. Matthias Corvinus nimmt Vlad III. Drăculea in Kronstadt überraschend gefangen und hält ihn 12 Jahre lang unter Arrest. Erst 1474 wird er wieder freigelassen und mit einer Verwandten Matthias Corvinus‘ verheiratet, um 1476 den Woiwoden der Moldau, Ştefan cel Mare, an der Seite des siebenbürgischen Woiwoden Stefan Báthory in einem Kriegszug gegen die Osmanen zu unterstützen. Das siebenbürgische Heer kam jedoch zu spät, um die Kampfhandlungen noch positiv beeinflussen zu können. Trotz eines osmanischen Sieges musste Mehmed II. diesen Feldzug aufgrund von Nachschubproblemen abbrechen, drang aber noch im selben Jahr bis an die Donau vor. Vlad III. Drăculea wurde in der Zwischenzeit erneut zum Fürst der Walachei gewählt. Ein Gegenkandidat der Osmanen namens Basarab Laiotă fiel jedoch um die Jahreswende 1476/77 in die Walachei ein. Sein Rivale Vlad III. Drăculea stirbt auf der Flucht.61

2.3 Die Diskussion um die Gefangennahme durch Matthias Corvinus

Über die Gründe der Gefangennahme 1462 und der Freilassung 1473 kann nur spekuliert werden. Offiziell tauchten drei gefälschte Briefe auf, die Vlad III. angeblich an Mehmed II., den Großwesir Mahomet Pascha, und vermutlich an den Woiwoden Ştefan cel Mare von Moldau geschrieben haben soll.62 Unter dem Vorwurf des Verrats an der Christenheit ließ ihn der ungarische König schließlich verhaften. Der angebliche Text der Briefe ist in den Commentarien Pius des II. überliefert.63 Neben weiteren Gründen, die noch erläutert werden, spricht das gleichzeitige Auftauchen der diffamierenden Histori von dem posen Draco für Briefe, die lediglich fingiert wurden, um die Gefangennahme offiziell zu rechtfertigen. Laut Harmening ist die gesamte folgende deutsche Dracula- Tradition „Ausdruck, wenn nicht gar Mittel dieser Bemühungen“64. Das Entstehen einer ersten Version der in Deutsch verfassten Draculageschichte am ungarischen Hof in Buda wird von der Forschung weitestgehend als gesichert betrachtet. Auch die spätere intensive propagandistische Nutzung des neu erfundenen Buchdrucks durch Mathias Corvinus in Form von Flugblattkampagnen deutet auf eine Urheberschaft der ungarischen Krone hin.65 Die Urheberschaft in Ungarn zu sehen, würde auch die unterschiedliche Bewertung des Herrschaftsstils von Vlad erklären. Die „ungeheuere[ ] Ruchlosigkeit und de[r] schreckliche[ ] Charakter des Johannes Dragula“66 wird in der zentraleuropäischen Überlieferung übergreifend als willkürlich dargestellt. In der russischen und rumänischen Tradition setzte sich jedoch zunehmend eine Rechtfertigung der Grausamkeit, wenn auch keine Relativierung durch. Beispielhaft berichtet Beheim, der Woiwode habe Frauen ohne jeglichen Grund „ire brustlein schneiden“67 lassen. In der russischen Tradition ist diese Episode nur als Strafe für Ehebrecherinnen überliefert. Auch eine Episode über einen Goldbecher, der an einem öffentlichen Brunnen stand und den sich kein Einwohner traute zu stehlen, kommt ausschließlich im slawischen Überlieferungsstrang vor. Die Episode verdeutlicht die Angst der Untertanen vor den grausamen Bestrafungen des Fürsten, hebt aber gleichzeitig hervor, dass er damit für Sicherheit und Ordnung in seinem Herrschaftsgebiet gesorgt habe.68 Die unterschiedliche Bewertung der Grausamkeit des Woiwoden ist somit neben den folgenden Gründen bezeichnend für die Annahme einer Verleumdungskampagne gegen Vlad III. Drăculea. Die besondere Betonung der an den türkischen Sultan, der abgefangen wurde: ‚ Dem Herrscher aller Herrscher und Herrn aller Herren, die unter der Sonne sind, dem großen Murad, [ … ] entbietet Johannes, der Woiwode und Herr der Walachei, seinen unterwürfigen Gehorsam. [ … ] Wenn es der Erhabenheit deines Reiches gefällt, so kann ich als Sühne meines Verbrechens das gesamte Gebiet Transsilvaniens in deine Hände liefern, und wenn du einmal in dessen Besitz bist, wirst du ganz Ungarn deiner Macht unterwerfen können. [ … ] ‘ Es gab noch zwei Briefe ungefähr desselben Inhalts, einen an den Bassa [= Mahomet Pascha], einen an den Herrn von Theonona [= Stefan von Moldawien], damit sie beim großen Sultan ein Wort für ihn einlegen mögen.“

[...]


1 Antonius Bonfinius: Rerum Ungaricarum decades quatuor cum dimidia. Basel 1568, S. 558, übersetzt zit. n. Thomas M. Bohn/Adrian Gheorghe/Albert Weber, Die Überlieferung aus West- und Südosteuropa und dem Moskauer Reich (Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad der Pfähler 1448-1650, Bd.2), in Bearb., S. 26f.

2 Nicolae Stoicescu, Vlad Ţepeş. Prince of Wallachia (Bibliotheca Historica Romaniae 21). Bucureşti 1978, S. 7.

3 Bamberger Druck, 1491, zit. n. Dieter Harmening, Der Anfang von Dracula. Zur Geschichte von Geschichten. Würzburg 1983, S. 90.

4 Hermann Kinder/ Werner Hilgemann/ Manfred Hergt (Hrsg.), dtv-Atlas der Weltgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. 1. München 32010, S. 208.

5 Anm.: Regierungsjahre werden fortan durch spitzige Klammern, Lebensdaten durch runde Klammern gekennzeichnet

6 Heiko Haumann, Dracula. Leben und Legende. München 2011, S. 1972, S. 187.

7 Vgl. Michael Kroner, Dracula, Mythos und Vampirgeschäft. Heilbronn 2005, S. 9-12; Margot Rauch, Dracula, der teuflische Tyrann, oder Vlad Ţepeş, der gerechte Fürst? Eine Annäherung an die historische Person, in: Wilfried Seidl (Hrsg.), Dracula. Woiwode und Vampir. Ausstellungskatalog des Kunsthistorischen Museums Wien. Wien 2008, S. 13 und Haumann, Dracula. Leben und Legende, S. 9-13.

8 Vgl. Rauch, Dracula, der teuflische Tyrann, S. 17.

9 Vgl. Elizabeth Miller, A Dracula Handbook. Philadelphia [Pa.] 2005, S. 90.

10 beispielhaft Enea Silvio Piccolomini, Commentarii rerum memorabilium que temporibus suis contigerunt, zit. n. Seidl, Woiwode und Vampir, S. 226.

11 beispielhaft Londoner Handschrift, um 1476, zit.n. Harmening, Der Anfang von Dracula, S. 20-5, hier S. 20.

12 Vgl. Robert Deutsch/Stefan Andreescu, Dracula oder Vlad Ţepeş, Fürst der Walachei. Eine historiographische Untersuchung rumänischer Beiträge, in: Miszellen - M é langes. Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 30,1 (1980), S. 59-62, hier S. 62f.

13 Laonikos Chalkokondyles, Historarium Demonstrationes, nach 1453, zit. n. Thomas M. Bohn/Adrian Gheorghe/Albert Weber, Die Überlieferung aus dem Osmanischen Reich. Die postbyzantinischen und osmanischen Autoren (Corpus Draculianum. Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad der Pfähler 1448-1650, Bd.3). Wiesbaden in Druck, S. 53-74.

14 Dukas, Historia Byzantina XXIX, 6, nach 1462, zit. n. Harry J. Magoulias, An Annotated Translation of „Historia Turco-Byzantina“. Detroit 1975, S. 172-4.

15 Zusammenfassung des griechischen Textes der Seiten 246-9 des Originalmanuskripts über Vlad Ţepeş in: Raymond T. McNally, The fifteenth century manuscript of Kritoboulos of Imbros as an historical source for the history of Dracula, in: East European Quarterly 21,1 (1987), S. 1-13.

16 Vgl. die Auflistung und englische Übersetzung von Treptow, Vlad III Dracula, S. 190-200; bei den fünf osmanischen Chroniken handelt es sich um: Tursun Beg, Tarih-i Ebu-I Feth-i Sultan Mehmed-han, um 1497; Asik-Pasa-Zade, Tarih-I Al-I Osman, um 1490; Mehmed Nesri, Djhannuma, Tarih-i-Al-i Osman, um 1515; N.N., Tevrih-i-Al-i Osman, um 1450; Sa’Adeddin Mehmed Hodja Elendi, Tadj-Ut-Tevarih, um 1584.

17 Vgl. Deutsch/Andreescu, Dracula oder Vlad Ţepeş, S. 59f.

18 zit. n. Treptow, Vlad III Dracula, S. 186f.

19 Ioan Bogdan, Documente privitoare la relatiile Tǎrii Romǎnesti cu Brasovul si cu tara Ungureascǎ ǐn sec. XV si XVI, Bd. 1 ( 1413-1508). Bucuresti 1905, Nr. LXXVII-LXXX, S. 100-104.

20 zit. n. Treptow, Vlad III Dracula, S. 186f.

21 zit. n. Treptow, Vlad III Dracula , S. 183-6.

22 zit. n. Nicolae Iorga, Lucruri nouà despre Vlad Tepes , in: Convorbiri Literara 2 ( 1901), S. 159-61.

23 Maria Holban (Hrsg.), Cǎlǎtori despre tǎrile române, Bd. 1, Bucuresti, 1968, S. 141-3.

24 Nicolaus Modrussiense, De bellis Gothorum, um 1473, zitiert in: Haumann, Dracula. Leben und Legende, S. 52f.

25 Ioan Bianu, Stefal cel Mare. Cǐteva documenta din Arhivele de Stat de la Milan , in: Columna lui Traian 1,2 (1883), S. 34-41.

26 Ioan Bogdan, Documentele lui Stefan cel Mare , Bd. 2. Bucuresti 1913, Nr. CLIX, S. 342-350.

27 Vgl. Deutsch/Andreescu, S. 62.

28 Vgl. Deutsch/Andreescu, S. 60 und Bacil F. Kirtley, Dracula, the Monastic Chronicles and Slavic Folklore, in: Margaret L. Carter (Hrsg.), The Vampire and the Critics (Studies in Speculative Fiction 19). Ann Arbor,London 1988, S. 11-18, hier: S. 13.

29 Antonius Bonfinius: Rerum Ungaricarum decades quatuor cum dimidia. Basel 1568, S. 558.

30 Thomas Ebendorfer, Chronica regum Romanorum, 1451, zit. n. Seidl, Dracula. Woiwode und Vampir, S. 223-5.

31 Enea Silvio Piccolomini, Commentarii rerum memorabilium que temporibus suis contigerunt, O.o. 1463, zit. n. Seidl, Woiwode und Vampir, S. 225f.

32 Jan Długosz, Historia Polonica, 1455-1480, zit. n. Michael Maurice, The Annals of Jan Długosz. An English abridgement. Chichester 1997, S. 494.

33 Jakob Unrest, Österreichische Chronik, spätes 15. Jahrhundert, zit. n. Karl Grossmann (Hrsg.), Jakob Unrest. Österreichische Chronik (MGH Scriptores rerum germanicarum Bd. 11). München 1982, S. 64, 68 und Jakob Unrest, Ungarische Chronik, spätes 15. Jahrhundert, zit. n. Adolf Armbruster, Jakob Unrests Ungarische Chronik, in: Revue Roumaine d ’ Histoire 13,3 (1974), S. 473-508, hier S. 482 f.

34 Sebastian Münster, Cosmographia. Basel 1550, online zugänglich unter <http://www.digitalis.uni- koeln.de/Muenster/muenster_index.html>.

35 Vgl. Deutsch/Andreescu, Dracula oder Vlad Ţepeş, S. 61 und Rauch, S. 14.

36 Vgl. Harmening, Der Anfang von Dracula, S. 81f.

37 Seidl, Dracula. Woiwode und Vampir, S. 31-3.

38 N.N., Die Chroniken der Stadt Konstanz, vor 1417, zit. n. Seidl, Dracula. Woiwode und Vampir, S. 221-3.

39 Vgl. Rauch, Dracula, der teuflische Tyrann, S. 15 und Harmening, Der Anfang von Dracula, S. 82-8.

40 vgl. Harmening, Der Anfang von Dracula, S. 82.

41 vgl. Deutsch/Andreescu, Dracula oder Vlad Ţepeş, S. 61; Rauch, Dracula, der teuflische Tyrann, S. 15; Kroner, Mythos und Vampirgeschäft, S. 35.

42 Vgl. Helmut Birkhan, Der grausame Osten. Mentalitätsgeschichtliche Bemerkungen zum Dracula-Bild bei Michel Beheim, in: Zeitschrift der Germanisten Rumäniens 6, 1-2 (1997), S. 93-100, hier: S. 96f.; Rauch, Dracula, der teuflische Tyrann, S. 16. und Kroner, Mythos und Vampirgeschäft, S. 47f.

43 Vgl. Konstantin Mihajlović, Pamietniki Janczara. O.o. um 1490, zit. n. Renate Lachmann, Memoiren eines Janitscharen oder Türkische Chronik. Paderborn [u.a.] 2010, S. 118-21.

44 Vgl. Lachmann, Memoiren eines Janitscharen, S. 25-32.

45 Vgl. Rauch, Dracula, der teuflische Tyrann , S. 15.

46 Vgl. in deutscher Übersetzung in Kroner, Mythos und Vampirgeschäft, S. 43-6.

47 Vgl. ebd., S. 42f.

48 Vgl. Rauch, Dracula, der teuflische Tyrann, S. 17.

49 Vgl. Elizabeth Miller, A Dracula Handbook. Philadelphia 2005, S. 90.

50 beispielhaft Enea Silvio Piccolomini, Commentarii rerum memorabilium que temporibus suis contigerunt, zit. n. Seidl, Woiwode und Vampir, S. 226.

51 beispielhaft Londoner Handschrift, um 1476, zit.n. Harmening, Der Anfang von Dracula, S. 20-5, hier S. 20.

52 Vgl. Klaus H. Feder, Die ritterliche ungarische Gesellschaft vom Drachen (Societas draconis)., online zugänglich unter <http://www.historie.hranet.cz/heraldika/etc/drachenorden.pdf> (12.04.2013), S. 1.

53 Die Diskussion um den Beinamen Dracul wird noch zu späterem Zeitpunkt unter 3.1 genauer diskutiert.

54 Vgl. Treptow, Vlad III Dracula, S. 38f; Harmening, Der Anfang von Dracula, S. 13 und Rauch, Dracula, der teuflische Tyrann, S. 13.

55 laut Elizabeth Miller hielt sich Vlad II. Dracul seit 1430 in Sighişoara auf, mit der Aufgabe die Bergpäße, die mit der Walachei verbanden, zu sichern (vgl. Elizabeth Miller, The Historical Dracula: A Brief Biography, in: dies. (Hrsg.), Bram Stoker’s Dracula: A Documentary Volume. Detroit [u.a.] 2005, S. 209-11, hier: S. 209.

56 Vgl. Heiko Haumann, Dracula und die Vampire Osteuropas. Zur Entstehung eines Mythos, in: Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde 28,1 (2005), S. 1-17, hier: S. 1. und Rauch, Dracula, der teuflische Tyrann, S. 13.

57 Raymond T. McNally/Radu Florescu, In search of Dracula. The History of Dracula and Vampires. New York 1972, S. 190.

58 Vgl. Haumann, Leben und Legende, S. 21-3; Rauch, Dracula, der teuflische Tyrann, S. 13 und Harmening, Der Anfang von Dracula, S. 13.

59 beispielhaft Thomas Ebendorfer, Chronica regum Romanorum, 1451, zit. n. Harald Zimmermann (Hrsg.), Thomas Ebendorfer. Chronica regum Romanorum, Teil 1-2 (MGH Scriptores rerum germanicarum Bd. 18). Hannover 2003, S. 917-924: „ In Septemcastris et Burczia plures notabiles villas incineravit, habitatores occidit aut captos secum cathenatos ductos in Walachiam stipitibus affixit. In trewgis denique et pactis cum Vngaria mercatores et quadrigarum vectores ad sua declinantes similiter stipitibus transfigens occidit.

60 beispielhaft Antonius Bonfinius: Rerum Ungaricarum decades quatuor cum dimidia, S. 558: „ Innumeros palis Turcos prefixisse et inter eos cum amicis laute discubuisse.”

61 Vgl. Haumann, Leben und Legende, S. 28-40; Harmening, Der Anfang von Dracula, S. 15-7; Rauch, Dracula, der teuflische Tyrann, S. 14 und Jörg K. Hoensch, Matthias Corvinus. Diplomat, Feldherr und Mäzen. Graz,Wien,Köln 1998, S. 78.

62 Vgl. Rauch, Dracula, der teuflische Tyrann, S. 14. und Haumann, Leben und Legende, S. 36.

63 Enea Silvio Piccolomini, Commentarii rerum memorabilium que temporibus suis contigerunt, zit. n. Seidl, Woiwode und Vampir, S. 226: „ Nachdem er so viele Freveltaten begangen hatte, wurde er schließlich von Matthias, dem König gefangen genommen. Den Grund dafür bot der folgende von ihm verfasste Brief

64 Harmening, Der Anfang von Dracula, S. 18.

65 Vgl. ebd., S. 27.

66 Enea Silvio Piccolomini, Commentarii rerum memorabilium que temporibus suis contigerunt, zit. n. Seidl, Woiwode und Vampir, S. 225.

67 Michel Beheim, Von ainem wutrich, S. 295.

68 Vgl. Helmut Birkhan, Der grausame Osten , S. 96.

Details

Seiten
79
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656963165
ISBN (Buch)
9783656963172
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299972
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Schlagworte
vlad tepes vampir woiwoden spätmittelalter stokers dracula

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Titel: Vlad Tepes - Der Vampir? Der "literarische Weg" des walachischen Woiwoden Vlad Tepes vom Spätmittelalter bis zu Stokers "Dracula"