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Mythisches und Mythos im 'Herr der Ringe'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Das mythische Denken
1.1.Zeit und Raum
1.2.Ursache und Wirkung
1.3.Leben, Tod, Traum und Wirklichkeit
1.4 Teil und Ganzes
1.5 Sprache

2.Fantasy als Genre des Mythischen
2.1. Fantasy – Mythisches
2.2 Fantasy und Epos
2.2.1 Formal
2.2.2 Erzähltechnisch
2.2.3 Inhaltlich

3. Sinn und Wirklichkeit, der mythische Hintergrund
3.1. Die Paralelen zwischen der Mythologie von Mittelerde und den existierenden Mythen der nordgermanischen Völker.

4. Mythische Diegese in Herr der Ringe
4.1 Traum und Wirklichkeit
4.2 Leben und Tod
4.3 Bezeichnete und Bezeichnende
4.4 Teil und Ganzes
4.5 Ursache und Wirkung

5. Mythische Erzählstrukturen
5.1 Mythisches Analogon
5.2 Mythisches Analogon als konkreter Mythos
5.3 Motivierung

6 Schluss

Literaturverzeichnis

Mythos und Mythisches im „Herr der Ringe“

Vorwort

Diese Hausarbeit geht der Frage nach, ob und wie sich mythische Elemente in J.R.R. Tolkiens Werken äußern. Die Zuordnung des Werks zum Genre Fantasy wird allgemein anerkannt, doch welcher Art die Zusammenhänge zwischen dem Mythischen des Genre Fantasy und diesem einzelnen Werk bestehen, wurde bisweilen nicht näher untersucht. Dieses Genre bedient sich auffälligerweise der Mittel des Mythischen, wie es im Verlauf der Arbeit später auch gezeigt werden soll. Es sind allenthalben zauberhafte Gegenstände und Begebenheiten, Fabelwesen, ungewöhnliche und unlogische Konsequenzen im Spiel. Begebenheiten und Vorfälle sind als kompositorische Elemente wesentlich in der Geschichte, deren Vorhandensein für das Stehen oder Fallen der Geschichte als ein in sich kohärentes Ganzes von erheblicher Bedeutung ist, und somit eine weitreichende Rolle für das Gesamtverständnis darstellt. Wenn bedeutsame Momente nicht logisch, d.h. hier nicht kausal selbstverständlich nachvollziehbar sind, ist es schon allein deshalb interessant, auf die Geschichte bezüglich des Mythos näher einzugehen.

Grundlage der Hausarbeit ist in erster Linie das Buch, aber auch das der Verfilmung zu Grunde liegende Drehbuch1 und die mit dem Herrn der Ringe zusammenhängende ‚Vorgeschichten‘ (Das Buch der verschollenen Geschichten2, Die Silmarillon3 ) werden gelegentlich mit in die Analyse einbezogen. Ich werde in dieser Arbeit auf die literarischen Vorläufer nicht eingehen.

„Der Herr der Ringe“4 soll im Folgenden auf Elemente der mythischen Denkweise, auf die Manifestation des mythischen Bewusstseins untersucht werden. Herauszufinden gilt, ob diese Geschichte eine mythische Welt mit mythischen Eigenschaften ist, und wenn ja, wird diese durch die Erzählstruktur unterstützt? Gibt es in der Geschichte schon früher vorhandene, bekannte Mythen und wenn ja, welche? Was ist das mythische Analogon dieser Geschichte? Auch die möglichen Zusammenhänge des Genres Fantasy und das Mythische soll unter die Lupe genommen werden. Dabei stütze ich mich besonders auf Ernst Cassirers „Philosophie der Symbolischen Formen“1.

Das Rückgrat der Arbeit sollen also Vergleiche von Fantasy, mythisches Denken, und mitterlaterlicher Versepos einerseits und andererseits das Aufzeigen des Mythischen Analogons im „Herr der Ringe“2 durch die Analyse der Diegese und Erzählstruktur.

1. Das mythische Denken

1.1 Das mythische Denken

Aus heutiger Sicht ist das befremdendste am mythischen Selbstverständnis, dass es kein ‚weil‘ kennt, und die Trennung zwischen Ursache und Wirkung nicht vollzogen hat. Für dieses gibt es nur eine friedliche Koexistenz von – für den heutigen Menschen – unterschiedlichsten Gegebenheiten, Dingen, Geschehnissen. ‚Es ist ein in sich ungeschiedenes und unreflektiertes Bewusstsein‘4, das alles Wahrgenommene für wahr nimmt. An Hand für das Bewusstsein grundprägend wichtige Begriffe werde ich im Folgenden die wesentlichsten Eigenschaften des mythischen Denkschemas schildern.

1.1.1 Zeit und Raum

Die Zeit ist für das mythische Denken nicht in exakt messbare Einheiten unterteilbar, sie ist ein Fluss und ist sowohl Ewigkeit als auch Moment. Die bewussten Anfänge der Zeitverhältnisse haben ihren Ursprung in einem mythisch-religiösen Phasengefühl, und die Höhepunkte dieses Phasengefühls waren diejenigen Momente, als durch die Projektion der Naturvorgänge auf das menschliche Sein die Veränderungen im Leben sichtbar wurden. Auch die Legitimierung der Götter wurde durch das Vergangene konstituiert, die Vergangenheit erklärte schon allein das Warum der Dinge. D.h. aber auch, dass die Ursache nicht stets vorhanden war, und nicht jeder Einzelne sie nachprüfen konnte. Irgendwann wurde von einem Gott eine spezifische Handlung zum ersten Mal vollzogen, und seitdem wiederholte sich dieses Ereignis identisch. Die Götter der griechischen Antike hatten allesamt ein Mythos, eine urzeitliche Entsehungsgeschichte. Die Geschichten von den Gottheiten wurden immer auf ein Neues erzählt und sie definierten sich wiederum durch diese Gottheiten. Diese heilige Zeit, und deren Eckpunkte wurden also durch immer wiederkehrende Rituale – als Erinnerung an bedeutsame Ereignisse – so wie Götterhandlungen, Vorgänge der Natur, allgemein menschliche Begebenheiten wie Tod, Heiraten usw. markiert.

Das mythische Bewusstsein lebt vom unmittelbaren Eindruck, es wird vom Gegenstand besessen. Es gibt keine scharfe Grenze zwischen Diesseits und Jenseits. Raum und Zeit sind als eine Einheit vereint. Die Zeit entspringt der ewigen Wahrheit, Rhythmus und Periodik der Zeit bindet das Geschehen in das mythische ’Gesamterlebnis‚ des Seins ein, die mythische Zeit konzentriert sich auf die Veränderung und nicht auf das Messen. Es sind immer einige bedeutsame Momente eines bestimmten Zyklus`, in dem das Wahrnehmen der Veränderung und damit die Zeit überhaupt ins Bewusstsein gerufen wird, und erst mit dem Auftreten des Monotheismus tritt Gott als Schöpfer der Zeit in Erscheinung.

1.1.2.Ursache und Wirkung

Die Sinneseindrücke wurden einfach als das hingenommen, was sie sind, und wie sie sich unmittelbar gaben, man zwang sie nicht in ein System von Gründen und Folgen. Der Logik und der Zeit als den Grudpfeilern der Kausalität wurde keine erhebliche Bedeutung beigemessen. Eine Ordnung der Begriffe, die sich ausschließlich durch Abstraktion ergibt, kann das mythische Denken nicht fassen, für dieses ist die Kausalität nicht unmittelbar wirklich, und hat auch keine fassbare Substanz. Es gibt deshalb keine Grenze zwischen bloß ‚vorgestellter‘ und ‚wirklicher‘ Wahrnehmung. Es gibt keine Grenze zwischen innerhalb des Subjekets und außerhalb des Subjekts. Die Beziehungen in der Welt sind für das Mythische Denken allesamt durch Berührung, durch physischen Kontakt entstanden. Alles, was miteinander in Berührung kommen kann, kann sich gegenseitig auf allen denkbaren Ebenen gegenseitig und ohne Vorbehalte beeinflussen. Dieses ist ein viel gewaltigeres Prinzip als das ohnehin nicht ausgeprägte Zeitgefühl oder die Übersichtlichkeit schaffende Abstraktion. Wenn irgendwas besonderes passiert, wird nicht unbedingt nach einem besonderen Grund gesucht, da die Gründe gleichsam im Subjekt verborgen liegen können. ‚Alles kann mit allem in Beziehung stehen, es gibt keine kausale Erklärungsprinzipien, nur Metamorphose‘1. Das unbedarfte Nebeneinanderstellen der Vorkommnisse, ein verschleiertes Wahrnehmen des Seins ist der Ursprung des sich wahrnehmenden Bewusstseins und deshalb ist es tief verwurzelt mit dem Ursprung des – sich auch kulturell – bewussten menschlichen Seins.

1.1.3 Leben, Tod, Traum und Wirklichkeit

Ein stets schwebender Übergang zwischen Wirklichkeit und Erfahrung ist dem mythischen Bewusstsein eigen. Auch das Bewusstsein ist eine Einheit. Das empfunden wird, ist gleichermaßen existent, die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit ist nicht vorhanden.

Die Krankheit ist kein Prozess und hat außer einem Dämon keine Ursache. Warum jemand erkrankt oder stirbt, ist das ‚Warum‘ ausschließlich bei dem Individuum zu suchen. Bei dem Individuum und seinen Beziehungen und (Vor)geschichten. Die/Der Betroffene kam mit etwas Bösem in Berührung, es gibt viele Erklärungsmöglichkeiten: ein Stein, ein Wind, ein böser Gedanke von jemandem oder ein unheilvoller Traum. Die Begebenheiten außerhalb und innerhalb des Subjekts sind nicht geteilt, Tod und Leben wird nicht als Sein und Nicht-Sein verstanden, sondern als ein Kontinuum desselben Seins, und deshalb gibt es auch keinen Moment des Sterbens.

1.1.4 Teil und Ganzes

Im Mythos wird alles – egal ob abstrakt oder greifbar – verdinglicht und zugleich beseelt. D.h. alles, was ein Subjekt sich vorstellen kann, wird manifest: Naturvorgänge, Kriege, Katastrophen sind Götter, und die Götter sind überall da.

Diese fließende Existenz erstreckt sich auf alle Gebiete des Vorhandenen. Eine Trennung zwischen dem Ganzen eines konkreten Objektes und seinen Teilen ist auch nicht denkbar. Ein einziges Haar genügt um Macht über einen Menschen zu haben. Bei zahlreichen Naturvölkern ist es verboten auf den Schatten des Anderen zu treten, da der Schatten gleich mit der Person ist. Und da es für das mythische Denken eben keine Grenzen gibt, kann sogar die Darstellung einer Person mit dieser identisch sein. So wird verständlich, warum im Islam Menschendarstellungen verboten sind, warum durch das Durchstechen einer Woodoo-Figur selbst die dargestellten Person Schaden zugefügt werden kann. Aus ethnologischen Forschungsarbeiten ist es bekannt, dass Naturvölker oft sich fürchten, fotografiert zu werden, da der Fremde durch das Bild Macht über sie bekommt.

Die Kraft ist kein physikalischer Prozess, sondern ein Ding, das man besitzt. Die mythische Kraft kann auf Gegenstände übertragen werden durch bloße Berührung.

Ein Bild stellt die Sache nicht dar, sondern es IST die Sache selbst. ‚Eine Darstellung ist nicht Nachahmung, sondern der Vorgang und dessen unmittelbarer Vollzug. Rituale sind keine symbolische Handlungen sondern eine Verwandlung in eine Gottheit.‘1 Es ist kein Schauspiel, der rituelle Tänzer IST Gott persönlich. Aus diesen Ritualen entwickelte sich allmählich das griechische Theater der Antike, und noch viel näher an die ursprüngliche Situation erinnert die noch heute gelehrte Transsubstantiation der katholischen Kirche.

1.1.5 Sprache

Ein Name ist nicht bloß ein Zeichen, das auf etwas hinweist, sondern unzertrennlich mit dem Bezeichneten verbunden. Wenn ich den Namen von etwas kenne, habe ich Macht darüber. ( Deshalb dürfen religiöse Juden den Namen ihres Gottes nicht aussprechen. (Jahwe – ‚der existiert’). Wenn man die geheimen Namen von Dingen, Menschen, Göttern kennt, hat man Macht über sie. Sprechen ist deshalb pure Magie!

Allgemein kann man festhalten, dass Beziehungen und Bedingungen durch das bloße Nebeneinandersein entstehen. Weil alles sich mit allem räumlich oder zeitlich berühren kann, kann auch alles aus allem werden. Es gibt keine empirisch-kausale Veränderungen, nur Metamorphose. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass das mythische Denken den Gedanken des Zufalls überhaupt nicht fassen kann.

2. Fantasy als Genre des Mythischen

2.1 Fantasy – Mythisches

Das Mythische ist generell in beinahe jedem literarischen Werk zu finden, wenn wir die Künstlichkeit, d.h. hier die bewusste Konstruktion des Textes nach den Vorstellungen des Schreibers in Betracht ziehen. Dieses durchgängige Element des Ausgerichtetseins auf ein sinnvolles Ziel ist das mythische Analogon eines jeden fiktiven Textes. Dieses, auch formaler Mythos genannte Element ist der sinnstiftende Kern jeder final ausgerichteten Fiktion.

Charakteristika des im engeren Sinne gefassten mythischen Analogons sind die Linearität des Handlungsablaufs, das Fehlen der Vor- und Rückblenden, das Auftreten von Funktionsträgern ohne persönliche Eigenschaften. Die Protagonisten sollen demnach lediglich eine bestimmte Aufgabe erfüllen, sie haben ihr Leben nicht unter Kontrolle, sondern genau umgekehrt: sie werden von ihrem Schicksal gehabt. Wichtige Eigenschaften des mythischen Analogons sind noch die Überfremdung der Protagonisten, die finale Motivation des Erzählten und die Unverbundenheit der Erzählung. All diese Elemente findet man auch in dem breiten Spektrum der Fantasy-Geschichten.

Als Bestandteil des mythischen Analogons ist für Fantasy auch kennzeichnend das häufige Vorkommen von sinnstiftenden Elementen, die nicht auf Grund von heutigem naturwissenschaftlichen Wissenstand, also nicht nach dem linearen Prinzip der Ursache und Wirkung erklärt werden können. Gemeinhin gelten Zauber und Zauberer, Geister, Fabelwesen, Wunder, magische Gegenstände, Träume und Visionen als integre Bestandteile von Fantasy-Erzählungen. Diese werden schon alleine mit Mythen, Legenden und Sagen in Verbindung gebracht, doch ist es nicht vor allem deren erzähltechnische Form, sondern der Inhalt, der Mythisches aufweist.

Das auf nicht Logik und Kausalität beruhende Weltbild des Mythischen kann sich meiner Meinung nach ideal in der innertextuellen Wirklichkeit, in der Diegese einer Fantasy-Geschichte entfalten, das Genre der Fantasy wird somit zum einen der wichtigsten Träger einer archaischen Weltanschauung.

Dabei findet auch eine Art Transformation des Wahrheitsanspruches des mythischen Weltbildes statt. Anders als die Religionen tritt die Fantasy mit keinem Wahrheitsanspruch auf. Den meisten Religionen ist dagegen eigen, dass sie ihren religiösen Äußerungen einen allgemeingültigen Wahrheitsanspruch zumessen, sie als ohne Wiederspruch gegeben auffassen. Fiktionale Werke der Literatur distanzieren sich normalerweise selbstverständlich von einem expliziten Wahrheitsanspruch, doch versuchen sie durch die abgeschlossene Welt der innertextuellen Diegese, und die dadurch gegebene Sinnhaftigkeit eine im übertragenen Sinne gültige Aussage zu repräsentieren (z. B.: Das mögliche Vorhandensein von einer numinösen Macht in Thomas Manns „Tod in Venedig“.) Märchen und das Genre der Fantasy wird zu guter Letzt praktisch ohne Ausnahme selbstverständlich als Fiktion aufgefasst.

[...]


1 Vgl. Jackson, Peter: Der Herr der Ringe – Die zwei Türme. 2002 – Neu Seeland/USA

2 Tolkien, John Ronald Reuel: Das Buch der verschollenen Geschichten. Stuttgart 1993.

3 Hrsg. Tolkien, Christopher: Das Silmarillon. Stuttgart 2002.

4 Tolkien, John Ronald Reuel: Der Herr der Ringe. Stuttgart 2000

1 Cassirer, Ernst: Philosphie der symbolischen Formen - 2. Teil. Das mythische Denken. Darmstadt 1973

2 Tolkien, John Ronald Reuel: Der Herr der Ringe. A.a.O.

4 Vgl. Cassirer, Ernst: Philosphie der symbolischen Formen - 2. Teil. Das mythische Denken. A.a.O. S. 44. ff

1 Vgl. Cassirer, Ernst: Philosphie der symbolischen Formen - 2. Teil. Das mythische Denken. A.a.O. S. 48. ff

1 Vgl. Cassirer, Ernst: Philosphie der symbolischen Formen - 2. Teil. Das mythische Denken. A.a.O. S. 49. ff

Details

Seiten
27
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638313650
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29995
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien
Note
Schlagworte
Mythisches Mythos Herr Ringe Utopie Science Fiction Fantasy

Autor

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Titel: Mythisches und Mythos im 'Herr der Ringe'