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Triest um 1900. Selbst- und Fremdwahrnehmung eines multinationalen Kulturraums

Bachelorarbeit 2005 53 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Fragestellung

2 Historischer Abriss

3 Die Bedeutung von nationaler Identität für den Kulturraum Triest
3.1 Allgemeine Definitionen und Eigenschaften des Nationenbegriffs
3.1.1 Nationalität als Grundlage für Identität
3.1.2 Die Bedeutung von Sprache als nationales Identifikationsmoment
3.1.3 Die national geprägte Wahrnehmung (Der nationale Blick)

4 Die kulturelle und nationale Konstellation in Triest um
4.1 Die Dominanz der Italianità im multinationalen Triest
4.1.1 Die Italianità als kulturelle und alltägliche Bewegung
4.1.2 Die Italianità als politische Bewegung und ihre radikale Ausformung im Irredentismus
4.1.3 Die Diskrepanz zwischen dem vorgestellten Italien und der Realität nach
4.1.4 Die Chancen des Multikulturalismus und ihre Umsetzung – Entstehung einer literarischen Metropole

5 Die literarische Umsetzung der nationalen Vielfalt
5.1 Eine theoretische Einführung in die Literatur als kulturhistorische Quelle
5.2 Die Selbstwahrnehmung eines Triestiners: Italo Svevo und seine Sicht auf Triest
5.2.1 Ein Biographischer Abriss und Überblick über das Werk Italo Svevos
5.2.2 Die Selbstwahrnehmung Italo Svevos am Beispiel von Zeno Cosini
5.2.3 Kritik an der italienischen Sprache in Svevos Romanen
5.3 Die Fremdwahrnehmung eines Iren: James Joyce und seine Sicht auf Triest
5.3.1 Ein Biographischer Abriss
5.3.2 Der Einfluss des Triest-Aufenthalts auf das literarische Werk von James Joyce

6 Fazit und Ausblick

7 Literaturverzeichnis
7.1 Anmerkung zum Literaturverzeichnis
7.2 Quellen
7.3 Darstellungen

1 Einleitung und Fragestellung

Vor gut einem Jahr feierte Triest die fünfzigjährige Zugehörigkeit zu Italien. Zu diesem Anlass charakterisierte Giuseppe Parlato, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Triest, im Vorwort zu einem Ausstellungskatalog, seine Stadt:

„Trieste culla e simbolo del senso di nazionalità, Trieste momento di speranza di un’Italia prostrata dalla sconfitta, ma anche Trieste ponte fra le culture: condizioni apparentemente contraddittorie, in realtà segno tangibile della complessità della storia, della vivacità della Città, della esigenza di vivere in conscienti la questione nazionale nel rispetto delle altre identità e come senso religioso e profondo di appartenenza civile.” [1]

Parlato spricht über die Besonderheiten und Eigenarten der Stadt Triest, die das Ergebnis einer vielschichtigen und komplexen Geschichte sind: die ständige Präsenz der Nationalitäten- und Identitätsfrage, die Gegensätze innerhalb der Stadt und ihre Rolle als Vermittlerin zwischen den Kulturen.

Claudio Magris[2] und Angelo Ara[3] charakterisieren die Stadt mit den prägnanten Worten: „Triest - Verkörperung eines Andersseins.“[4] Aber worin liegt der Ursprung dieses Andersseins?

Welche historischen Fakten und europaweiten Bewegungen spielen dabei eine Rolle? Welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Komponenten tragen zu dem spannungsreichen Gefüge Triests bei? Welche Auswirkungen hat das Anderssein auf das kulturelle Selbstverständnis der Stadt?

Ich möchte die Phänomene der Stadt Triest aus einer kulturhistorischen Perspektive näher beleuchten und behaupte, dass der Auslöser für die abweichende kulturelle Entwicklung der Stadt im europäischen Erwachen des nationalen Bewusstseins im 19. Jahrhundert liegt.

Deswegen scheint es mir sinnvoll, in drei Schritten vorzugehen: in einem ersten Schritt lege ich knapp die Geschichte Triests, sowie die theoretischen Definitionen, Begriffskomponenten und Entstehungskontexte von Nation und Identität, dar. Dabei arbeite ich in erster Linie die Aspekte der Begrifflichkeiten heraus, die für das nationale Bewusstsein des multinationalen Triests von Bedeutung sind.

In einem zweiten Schritt beleuchte ich die Situation Triests um 1900, gehe auf die verschiedenen kulturellen Strömungen ein und konzentriere mich dabei auf die nationale Selbstwahrnehmung des italienischen Bevölkerungsanteils. Es stellt sich die Frage, warum genau das italienische Moment die Stadt beherrscht und wie sich diese Dominanz in der kulturellen Bewegung der Italianità[5] beziehungsweise in der politischen Strömung des Irredentismus wiederspiegelt. Ich prüfe, inwieweit diese Bewegungen für die italienischen Triestiner bezüglich ihres nationalen Bewusstseins ein Identifikationsmoment sind. Weiter untersuche ich, ob sich das Selbstverständnis der italienischen Triestiner in Hinblick auf ihre kulturellen Werte und Wurzeln mit dem Anschluss an Italien nach dem ersten Weltkrieg verändert.

Im dritten Schritt überprüfe ich die kollektiven Wahrnehmungsmuster der italienischen Triestiner von ihrer Stadt an der subjektiven Selbst- beziehungsweise Fremdwahrnehmung der Schriftsteller Italo Svevo und James Joyce. Die Werke beider Autoren sind von der Eigenart und Divergenz der Stadt Triest geprägt, wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise. Denn während Italo Svevo seine Heimatstadt Triest als Schauplatz für seine Romane verwendet und in seiner Literatur die eigene nationale Zerrissenheit verarbeitet, lässt sich James Joyce von den vielfältigen Kulturströmungen der Stadt inspirieren – was seine Werke, die fast ausschließlich in Dublin spielen, erst auf den zweiten Blick erkennen lassen.

Dabei untersuche ich die literarischen Werke der beiden Autoren, beziehungsweise die Wahrnehmungsmuster, die sich darin zeigen, aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive. Eine literaturwissenschaftliche Analyse der Schriftstücke von Italo Svevo und James Joyce ist dagegen nicht Ziel der Arbeit.

In einer abschließenden Bewertung gehe ich der Frage nach, inwieweit die multinationale Strömung der Triestinità[6] die lange Zeit dominierende Bewegung der Italianità nach dem Anschluss an Italien ablöst und worin dieser Mentalitätswandel begründet liegt.

2 Historischer Abriss

Triest, als Tergeste im 2. Jahrhundert v. Chr. von den Römern gegründet[7], stellt sich 1382 freiwillig unter den Schutz der Habsburger, aus Angst vor dem mächtigen Nachbarn Venedig. Bis auf kurze französische Besetzungsphasen durch Napoleon 1797 und 1805 wird Triest - zu dieser Zeit politisch, wirtschaftlich und kulturell unscheinbar - bis zum Ende des ersten Weltkriegs unter der Herrschaft der Habsburger bleiben.

Die entscheidende Wende hin zu einem bedeutsamen Wirtschaftszentrum erlebt Triest 1717: Kaiser Karl VI. erklärt die „Schiffahrt des Adriatischen Meeres für sicher und frei“ [8] und ernennt Triest 1719 zum Freihafen.

Die Kaiserin Maria Theresia organisiert die Strukturen des gesamten Habsburger Reiches neu und fördert die internationalen Handelsstrukturen der Stadt. So lässt sie das Hafenviertel Borgo Teresiano und 1755 die Börse erbauen. Dieses Viertel erweist sich als wichtiger Agglomerationsraum für das vorwiegend italienische Bürgertum Triests und ist zentraler Schauplatz von Italo Svevos Romanen.

Ab diesem Zeitpunkt stellt Triest zum ersten Mal in seiner Geschichte als Hafenstadt Konkurrenz zu Venedig dar. Aufgrund der wachsenden Bedeutung für Wirtschaft und Handel wird Triest zum Magnet internationaler Einwandererströme. Die Einwohnerzahl steigt von 5.000 um 1700 auf circa 30.000 um 1800 bis auf etwa 200.000 Einwohner um 1900.[9] Unter den Zuwanderern stellen die Slowenen den größten Anteil. Sie kommen aus der ländlichen Umgebung in die Stadt, um dort als Hafenarbeiter Fuß zu fassen. Aber auch Deutsche, meist Verwaltungsbeamte der Habsburger Monarchie, Albaner und Griechen ziehen nach Triest.

Mit der sprachlichen und kulturellen Durchmischung Triests sieht sich die Habsburger Monarchie organisatorischen und ideellen Problemen ausgesetzt. So hatte Josef II.[10] schon früh eine Sprachregelung erlassen, in der er die deutsche Sprache 1775 als Unterrichtssprache und 1785 als Behörden- und Gerichtssprachesprache einführt.[11] Zudem bezeichnet er das Slowenische als nützliche Zweitsprache für den Handel, was bei der italienischen Bevölkerung Triests auf große Empörung stößt.[12]

Die kulturelle Entwicklung kann mit der Expansion und sozialen Umstrukturierung zunächst nicht mithalten. Das alteingesessene Patriziertum wird aufgeweicht, ein aufsteigendes Bürgertum und eine Arbeiterklasse überformen die herkömmlichen Strukturen und bilden eine moderne, dynamische Gesellschaft.[13]

Nur langsam und zeitverzögert zur wirtschaftlichen Entwicklung bildet sich Triest zu einem Kulturzentrum innerhalb des Habsburger Adriaraums heraus.

1831 und 1833 erlebt Triest durch die Gründung der Versicherungsgesellschaft Assicurazioni Generali und die Dampfschifffahrtsgesellschaft Lloyd Austriaco einen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung, der durch den Eisenbahnanschluss an Wien 1857 unterstrichen wird.

Zur gleichen Zeit befinden sich die Einzelstaaten des zukünftigen Italiens in der Hochphase des Risorgimento, einer politischen-sozialen Bewegung die vor allem von der großbürgerlichen Oberschicht getragen wird. 1861 führt das Risorgimento schließlich zur nationalen Einigung Italiens.[14] Infolge der Gründung eines vereinigten italienischen Königreiches intensivieren sich die nationalistischen Bewegungen der Italiener in Triest.

1866 zieht Italien im Bündnis mit Preußen in den Krieg gegen Österreich-Ungarn und die „unerlösten Gebiete“ Trient und Triest hegen Hoffnung auf Anschluss an Italien. Doch verliert Italien den Krieg, sodass im Frieden von Wien lediglich Venetien Italien zugesprochen wird, Südtirol mit Trient und das Gebiet um Triest aber beim Habsburger Reich bleiben.[15]

Aus der Enttäuschung heraus verdichten sich die nationalen Bestrebungen der italienischen Triestiner. Zudem ist das italienischsprachige Gebiet im Habsburger Reich kein zusammenhängendes Territorium mehr und Triest grenzt nun im Norden und Westen direkt an Italien, was das Zugehörigkeitsgefühl zum Mutterland noch verstärkt.[16]

Einige Jahre später radikalisiert sich die Nationalbewegung, zumindest in einem kleinen Kreis. So verübt der Nationalist Guglielmo Oberdan 1882 ein Bombenattentat auf den Kaiserzug, der anlässlich des 500. Jubiläums der österreichischen Herrschaft in Triest durch die Stadt zieht.[17] Oberdan will als Märtyrer sterben, sein Ziel ist es, sich „als Leichnam zwischen den Kaiser und Italien zu werfen und der Jugend Italiens ein Beispiel zu geben.“ [18] Er wird auf dem Hauptplatz Triests erhängt.

Die italienische Bevölkerung Triests setzt die Hoffnung auf Befreiung in den Folgejahren verstärkt auf Italien. Dabei steht zunehmend die Befreiung von den Slowenen, die um die Jahrhundertwende ein gesteigertes Nationalbewusstsein entwickeln und innerhalb des Habsburger Reiches Unterstützung finden, im Vordergrund. Der Historiker Robert Kann sieht im gesamten Habsburger Reich in den Jahren 1848 bis 1919 einen Prozess „ in dem jede nationale Gruppe in kultureller, wirtschaftlicher, innen- und außenpolitischer Entwicklung zu einem kleinen Kosmos wurde, der unaufhaltsam und unabdingbar, entweder innerhalb des alten Reiches oder in Verbindung mit Konationen außerhalb der Reichsgrenzen, auf dem Wege zur Staatlichkeit, das heißt zur Souveränität fortschritt.“ [19]

Das zeigt, dass nationalen Bestrebungen kein spezifisch Triestiner Phänomen darstellen, sondern das europaweite Erwachen eines nationalen Bewusstseins verkörpern, das sich im plurinationalen Gefüge des Habsburger Reiches besonders deutlich macht.

Die nationalen Forderungen im gesamten Habsburger Reich intensivieren sich und erreichen ihre Klimax im Ausbruch des ersten Weltkriegs. Als Italien 1915 Österreich-Ungarn den Krieg erklärt, laufen einige Triestiner Soldaten auf die italienische Seite über. Dieser Krieg stellt gerade in Grenzregionen wie Triest ganze Volksteile auf eine schier unüberwindbare Zerreißprobe, in der sie ihren generationenlangen Mitbürgern an der Front gegenüberstehen. Eine klare Entscheidung für ein Vaterland ist in dieser Situation unumgänglich – eine Entscheidung, die bei einigen traumatische Folgen hinterlässt und dazu beiträgt, dass Nationen auf Grund der Geschehnisse im ersten Weltkrieg über Generationen verfeindet sind, beispielsweise Österreich und Italien oder Deutschland und Frankreich.

Im Friedensvertrag von Saint Germain 1919 wird Triest zusammen mit Istrien Italien zugesprochen.[20] Doch die Hoffnungen, die Teile der Triestiner Bevölkerung in den Anschluss an Italien setzten, werden tief enttäuscht. Triest leidet ab 1922 unter einem faschistischen Regime und die Entslawisierungspolitik Benito Mussolinis spaltet die Stadt extremer denn je zuvor.[21] Es kommt zu blutigen Anschlägen von slowenischen Untergrundgruppen. Durch den Erlass der Rassengesetzen in Rom 1938 verschärft sich die Situation für Slawen und Juden und die Triestiner Bevölkerung erlebt eine Zersplitterung, die alle vorherigen Nationalkonflikte übertrifft. Auf diese Diskrepanz zwischen Hoffnung auf italienische Befreiung und der politischen Realität der italienischen Regierung werde ich später noch genauer eingehen.

Der Vollständigkeit halber skizziere ich knapp den weiteren Verlauf der Geschichte, der aber für meine Arbeit zeitlich nicht mehr relevant ist:

Nach dem Zusammenbruch des faschistischen Systems Italiens wird Triest 1943 von deutschen Nationalsozialisten besetzt. Darauf folgt eine 40-tägige Besetzung durch die Truppen Titos, während der die Slawen in blutigen Racheakten äußerst brutal gegen die italienische Bevölkerung der Stadt vorgehen. Tito fordert die Befreiung der Slowenen aus dem Küstenland. Damit zeichnen sich bereits die nationalen Konflikte ab, die dieses Gebiet nach 1945 noch erleben wird. Nach dem zweiten Weltkrieg erklären die Vereinten Nationen Triest zu einem neutralen Gebiet unter VN-Verwaltung. Erst 1954 wird die Stadt Triest durch einen De-facto-Beschluss, der 1975 rechtskräftig wird, an Italien zurückgegeben.

3 Die Bedeutung von nationaler Identität für den Kulturraum Triest

Der grobe Geschichtsabriss macht deutlich, dass Triest über Jahrhunderte eine Stadt ist, auf die mehrere Nationen im kulturellen und politischen Sinn Anspruch erheben. So entsteht ein Bevölkerungsgemisch, dessen Bürger sich zwischen mehreren Welten hin- und hergerissen sehen und nur schwerlich eine nationale Zugehörigkeit und Identität finden. Die eigene nationale Identität entsteht deswegen in erster Linie in der Vorstellung – in einer Vorstellung, die die realen Umstände verfremdet oder ausblendet.[22] Das ständige Bedürfnis nach Abgrenzung auf politischer und kultureller Ebene zwischen den „Konkurrenznationen“, die aus italienischer Sicht in Triest vor allem Slowenen und Österreicher sind, kommt hinzu.

Die theoretischen Grundlagen, und die Bedeutung von Nationalität für die eigene Identität in der europäischen Hochphase der Nationalstaatsbildung, sollen zum Verständnis der Triestiner Problematik beitragen. Der theoretische Hintergrund wird verdeutlichen, wie sich eine konfliktgeladene Brisanz ergibt, der das Habsburger Reich nicht mehr gewachsen ist und die im ersten Weltkrieg im Zusammenbruch der k.u.k. Monarchie eskaliert. John Stuart Mill erkennt als Zeitgenosse der nationalen Hochphase in Betrachtungen über die repräsentative Demokratie (1861) die massive politische Kraft nationaler Bewegungen:

„Wo ein einigermaßen ausgeprägtes Nationalbewusstsein existiert, ist ein hinreichender Grund für die Vereinigung aller Angehörigen der betreffenden Nation unter derselben – und zwar einer eigenen – Regierung gegeben. [...] Welche Freiheit hat denn eine Gruppe von Menschen noch, wenn sie nicht einmal entscheiden kann, welchem der verschiedenen Kollektivverbände sie sich anschließen möchte?“[23]

In diesen Worten wird die Dringlichkeit und die Selbstverständlichkeit der Forderung nach Nationalstaaten deutlich, denn die politisch vereinigte Nation ist ab dem späten 19. Jahrhundert Ausdruck der Selbstbestimmung, die wie ein Grundrecht hochgehalten wird.

Anhand verschiedener Theorieansätze[24] will ich den Nationenbegriff umreißen und mich dabei vornehmlich auf die Aspekte konzentrieren, die für den Fall Triest von größter Relevanz sind. Einen umfassenden Überblick über den komplexen Themenkreis und das weitläufige Forschungsgebiet kann und will diese Arbeit nicht leisten. Vielmehr soll der theoretische Überbau zum besseren Verständnis der Triester Situation um 1900 dienen.

Die neueren Forschungsansätze im Bereich des Nationalismus sind dabei jedoch von großer Hilfe. Sie handeln das Thema nicht mehr auf einer Ebene ab, die die Herausbildung einer Nation für natürlich und selbstverständlich betrachtet, sondern versuchen das Phänomen der Nation von einem anthropologischen Standpunkt aus als historisches Konstrukt zu sehen. Dabei gestalten sich die neueren, interdisziplinären Definitionsansätze wesentlich komplexer, da sie neben historischen Fakten ebenso kaum messbare Mentalitäten und soziologische Bedürfnisse des menschlichen Zusammenlebens miteinbeziehen.

3.1 Allgemeine Definitionen und Eigenschaften des Nationenbegriffs

Die Verfechter der nationalen Bewegungen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert sind davon überzeugt, dass die Nation von universeller Notwendigkeit sei und ein Volk von jeher dazu bestimmt sei, seine nationalen Wurzel zu entdecken,[25] um sich als Nation in einem politischen Gefüge zu vereinen.[26]

Dabei ist eine Nation ein Konstrukt, das in erster Linie auf Vorstellungen im Kopf beruht, historisch gewachsen ist und keinen universellen Charakter hat.[27]

Eric Hobsbawm liest aus den Erfahrungen der Geschichte vor allem drei Kriterien ab, die ein Volk als Nation klassifizieren. Sie sind die gesellschaftlichen und politischen Grundlagen für das Entstehen kulturell geprägter Nationalbewegungen: Erstens braucht das Volk eine historische Verbindung zu einem staatsähnlichen Gebilde; zweitens spricht Hobsbawm von der Notwendigkeit einer „alteingessenen kulturellen Elite “,[28] die innerhalb des Volkes zum Träger des Nationalgedankens wird. Diese Elite identifiziert und verständigt sich in erster Linie über eine gemeinsame Sprache,[29] deren Bedeutung im Folgenden noch genau beleuchtet wird. Drittens braucht ein Volk gemeinsame Erfolge in Form von Eroberungen, die ihm das Gefühl imperialer Macht geben, um nach Darwin den Kampf ums Überleben in einer vereinigten Nation erfolgreich bestreiten zu können.[30] Praktisch gesehen meint Hobsbawm damit, dass sich nur eine solche Nation als Nationalstaat etablieren kann, die im Kriegsfall nicht untergeht und zeitlich überdauern kann.[31]

Während Hobsbawm die praktischen Voraussetzungen einer Nation liefert, beschäftigt sich Anderson mit dem Charakter des Nationenbegriffes selbst.

In Andersons anthropologischer Definition ist der Aspekt des Vorgestellten ein Hauptmerkmal der Nation. Anderson prägt den Begriff der „immagined communities“[32], den er auf Nationen anwendet. Darunter versteht er, dass sich die einzelnen Mitglieder einer Nation nicht persönlich kennen, sich aber als Gemeinschaft fühlen.[33] Das Gefühl der Gemeinschaft verstärkt sich proportional mit der Entfernung von dem Heimatgebiet der Nation. Das heißt, dass sich die Italiener in Triest enger als Gruppe sehen als die Italiener im Königsreich selbst, da sie außerhalb des Staatsterritoriums von Italien, sozusagen in der Fremde, leben. Nach Anderson sind Nationen nämlich zahlenmäßig beschränkt, aber nicht zwingend auf ein abgestecktes Gebiet festgelegt; die Grenzen von Staat und Nation müssen also nicht übereinstimmen.[34] Doch da sich Nationen in ihrem Selbstverständnis frei und souverän auffassen, folgt konsequenterweise, dass sie nach einem Staat, der als politisches Dach alle Angehörigen seiner Nation vereint, streben.[35]

Der Gedanke der Souveränität rührt daher, dass die Hochphase der europäischen Nationalbewegungen mit der Französischen Revolution eingeläutet wird, welche die Ideen der Volkssouveränität und Selbstbestimmung im europäische Bewusstsein verwurzelt.[36]

Das gebildete Bürgertum ist der primäre Träger nationaler Bewegungen. Denn das Bürgertum hofft, innerhalb einer Nation zu Freiheit und Gleichberechtigung in Form von Bürgerrechten zu gelangen.[37] Bemerkbar machen sich nationale Bewegungen vor allem in der Gründung kultureller Institutionen, wie Theatern, Zeitschriften und Vereinen. Schulen und Universitäten sind ebenso wichtige Pfeiler nationaler Bewegungen, da diese Bildungsinstitutionen neben einer Nationalsprache eine gemeinsame Geschichte und Kultur vermitteln, die dazu beitragen das Konstrukt der gemeinschaftlichen Nation in der Vorstellung des Einzelnen zu generieren. Die Anzahl solcher Institutionen ist zugleich Indikator für den Grad der Ausprägung des nationalen Bewusstsein in den jeweiligen Gebieten.[38]

Ebenso tritt der Nationalismus in der Verehrung nationaler Denkmäler und der Schaffung von nationalen Symbolen hervor, einer Ritualisierung, die weniger auf Bildung, sondern überwiegend auf Emotionalität abzielt. Auf diese Weise kann die nationale Bewegung eine breitere Masse der Bevölkerung involvieren und sinnstiftende Momente, die für die Ausprägung einer kollektiven Identität unverzichtbar sind, hervorbringen. Gleichzeitig beweisen Denkmäler das Vorhandensein eines kulturellen Gedächtnisses, das auf einer gemeinsamen Symbolik fußt. Die Symbolik wiederum entsteht in der Regel aus historischen Erfahrungen, die ein Volk gemeinsam erlebt und über Generationen weitergibt. Das unterstützt Hobsbawms These der historischen Verbindungen und gemeinsamen (Kriegs)erfahrungen als Anstoß für das Erwachen von nationalen Strömungen, die sich in der weiteren Entwicklung meist in kulturellen Strömungen konkretisieren. Die kulturelle Einheit ist dann für das Bürgertum das wesentliche Identifikationsmoment, so wie im Beispiel Italiens, wo das Bildungsbürgertum, das Träger der Einigungsbewegung des Risorgimento ist, sich in erster Linier über die kulturelle Komponente definiert.

3.1.1 Nationalität als Grundlage für Identität

Die Identifikation mit einer Nation, insbesondere auf der kulturellen Ebene, ist für das Verständnis der Triestiner Problematik um 1900 das entscheidende Merkmal nationaler Bewegungen. Dabei interessiert zum einen, wie eine solche Identifizierung zu Stande kommt, zum anderen wie sich die Identifikation im alltäglichen Handeln, Denken und Wahrnehmen bemerkbar macht.

Identität meint wörtlich eine Übereinstimmung, braucht also einen Bezugspunkt mit dem sie identisch ist. Genau dieser Bezugspunkt entsteht durch die Abgrenzung vom Fremden, weil damit das Eigene als Bezug definiert werden kann.

Bis in die Neuzeit, also vor der weiten Verbreitung nationaler Ideen, beruhen kollektive Identitäten vornehmlich auf religiösen Zugehörigkeitsgefühlen. Die Identität, besonders auf individueller Ebene, spiegelt sich bis zum 19. Jahrhundert am Stand innerhalb der Gemeinde oder des lokalen Herrscherhauses wieder,[39] nicht aber im großen, anonymen Kollektiv der Nation. Dass sich eine kollektive Identität über die Nation definiert, ist ein Phänomen der Moderne,[40] das nach Langewiesche ein gänzlich neues Ordnungssystem etabliert:

„Die Idee der Nation stiftete neue Ordnungsvorstellungen, die der zunehmend großräumig organisierten Gesellschaft angemessenere Bezugspunkte bot als das traditionelle Geflecht lokaler Bindungen. Letzteres verschwand nicht, Heimat wurde vielmehr zu einem integrativen Glied von Nation [...]“ [41]

Dass Gesellschaften Ordnungsvorstellungen brauchen, legt der Soziologe Niklas Luhmann in seiner Inklusions-Exklusions-Theorie dar. Für ihn ist die Nation eine Möglichkeit der praktischen Umsetzung des Inklusions-Exklusions-Prinzips. Die Mechanismen von Inklusion und Exklusion sieht Luhmann als notwenige Systeme, die im menschlichen Zusammenleben Gruppen abgrenzen. Das kann genauso im kleineren Kreis der Familie geschehen. Wichtig dabei ist lediglich, dass die Grenzen von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit klar gezogen sind. Diese klare Einheit ist Voraussetzung für eine soziale Differenzierung und Orientierung innerhalb des Gesellschaftssystems.[42] Doch um andere Menschen auszugrenzen, braucht der Mensch, laut Luhmann, eine Rechtfertigung:

„Da Personen als Menschen erkennbar sind, bedarf ihre Exklusion typisch einer Legitimation. Hierfür gibt es mindestens zwei Möglichkeiten: Es handele sich um Menschen anderer Art oder es liege ein gravierender Normverstoß vor.“ [43]

Im Fall der Nation rechtfertigt sich die Exklusion über die Begründung, die Anderen seien von einer anderen Art.

Luhmanns Theorie macht noch einmal deutlich, dass Grenzen der Orientierung dienen, im Grunde aber willkürlich gesteckt werden können. Das unterstreicht ausdrücklich die Komponente des Vorgestellten, der Anderson großes Gewicht beimisst. Durch Nationen schaffen wir eine Ordnung im Kopf, die uns hilft, Sachverhalte einzuordnen.[44] Doch durch den Wandel der Ordnungssysteme von kleinen Gemeinschaften zu kollektiven Nationen, ist nun eine nationale Zugehörigkeit für die Bevölkerung die entscheidende Komponente für die eigene Identität und eine Orientierung innerhalb des sozialen Systems.

Warum betrachtet sich eine Gruppe als ähnlich und fügt sich zu einer Gemeinschaft zusammen, die sich von der angrenzenden Bevölkerung abhebt?

Der Anstoß zum Erwachen der nationalen Identität ist, wie bereits erwähnt, die kulturelle Komponente, die sich in der Ausformung von Mythen und Traditionen wiederspiegelt.[45] Die Basis und Voraussetzung dieser Ausformung ist, so Hobsbawm, eine „alteingesessene kulturelle Elite“,[46] die als Träger und Förderer der gemeinsamen Kultur hervortritt. Das unterstützt wiederholt die These, dass das Bildungsbürgertum Träger nationaler Ideen ist. Gelingt es dieser Elite, die Nationalkultur nachhaltig zu prägen und ein Symbolsystem,[47] das für die breite Masse verständlich ist,[48] zu kreieren, verbreitet sich die Idee von der Nation schichtübergreifend und die Bewegung entwickelt politische Kraft.

Gerade ab 1880 ist es von Bedeutung, eben genau diese breite Unterstützung für nationale Bewegungen im Volk zu mobilisieren,[49] um die nationalen Ideen auf einer politischen Ebene realisieren zu können. Denn erst in der Verbindung von kultureller und politischer Nation findet der Nationalismus nach Ernest Gellner sein wahres Ziel:

„Nationalismus wurde als das Bestreben definiert, Kultur und Staatswesen deckungsgleich zu machen, einer Kultur ihr eigenes politisches Dach zu verschaffen, und zwar ein einziges Dach.“[50]

Auf ihre nationale Kultur besinnen sich die Leute gerade dort, wo eine fremde Kultur im gleichen geographischen Gebiet Einfluss nimmt, wie in Triest. Durch das dauernde Bedürfnis der Abgrenzung, werden die Unterschiede zu anderen Kulturen und damit gleichzeitig die Besonderheiten der nationalen Kultur den Einzelnen vor Augen geführt. Dabei ist bei sich ähnelnden europäischen Kulturkreisen die Sprache das offensichtlichste Differenzierungsmoment.

3.1.2 Die Bedeutung von Sprache als nationales Identifikationsmoment

Die gemeinsame Nationalsprache ist eine der gewichtigsten kulturellen Komponenten im Prozess der Nationenbildung. Hobsbawm begegnet ihr als „archaisches Fundament einer Nationalkultur“,[51] das in manchen Nationalstaatsbildungen zum Moment der Vereinigung wird, so zum Beispiel in Italien.[52] Damit hat Hobsbawm sicher nicht unrecht, zumindest insofern, als die gemeinsame Sprache eine der wenigen Komponenten ist, die wir klar umreißen können und die uns in Bezug auf Nationen und Kulturnationen Grenzen liefert.[53]

Anderson argumentiert aus der wirtschaftlichen Perspektive: Hochsprachen, die Dialekte in einer nationale Einheitssprache zusammenführen, entstünden zunächst zur Erleichterung des Handels, also zum Ankurbeln des kapitalistischen Systems.[54] In Folge wird die Nationalsprache zum Kommunikationsmittel in Büchern und Zeitungen, so Grundlage für eine nationale Literatur und damit Vermittler einer gemeinsamen Kultur.[55]

In einem nächsten Schritt erfolgt nach Anderson eine Bewertung der verschiedenen Sprachen und so bilden sich Machtsprachen und Machtkulturen heraus,[56] ein Phänomen, das im Stadtgefüge Triests in der Rivalisierung zwischen slowenischer und italienischer Sprache und Kultur deutlich wird. Im Grunde dient die ungleiche, jedoch willkürlich definierte, Wertigkeit der Orientierung und der Rechtfertigung für Exklusion der „Anderen“.

Auch in Bildungseinrichtungen ist die Sprache von großer Bedeutung. Nationales Bewusstsein wird besonders an Schulen und Universitäten vermittelt und gefördert und genau diese Institutionen basieren auf dem System einer gemeinsamen Sprache.[57]

Für das Bürgertum, ist die Qualifikation, in der Hochsprache lesen und schreiben zu können, entscheidend. Diese Fähigkeit ermöglicht einen Aufstieg in höhere Berufslaufbahnen.[58] So impliziert der sichere Umgang mit Sprache einen Machtanspruch und die Freiheit, selbst über seinen Lebensweg als Bürger einer Nation bestimmen zu können.[59]

3.1.3 Die national geprägte Wahrnehmung (Der nationale Blick)

Das Gehirn muss, laut Niklas Luhmann, Wahrgenommenes filtern, „um die Welt als Welt erscheinen zu lassen“ [60] und er betont gleichzeitig, dass Wahrnehmung eine komplexe Spezialkompetenz des Bewusstsein sei, die man keinesfalls unterschätzen dürfe.[61]

Das Komplexe der Wahrnehmung ist ihre Gebundenheit an ein Gesellschafssystem. Sie orientiert sich an Geschichte, Kontext und Standort. Denn das Wahrgenommene besteht aus Symbolen und Zeichen, deren Entschlüsselung Mitgliedern des selben Kulturkreises vorbehalten ist.[62]

Das heißt, Wahrnehmung findet vor einem kulturellen Hintergrund statt.

Da sich in Europa um 1900 Nationalkulturen herausbilden, beinhaltet der kulturelle Standpunkt gleichzeitig eine nationale Prägung. Die eigene Nationalität spielt vor allem bei der Sicht der Anderen und der Anwendung des Inklusions- und Exklusionsprinzips eine Rolle.

Der nationale Blick bewertet Wahrgenommenes nach Zugehörigkeit oder Fremdheit und beinhaltet zudem ein Überlegenheitsgefühl der eigenen Nation. Bernhard Waldenfels beziehungsweise Bernhard Giesen betonen die Willkür der Definition des Fremden:

„Das Fremde ist subjektiv, je nach Standpunkt;“ [63]

„Das ‚Hier’, das ‚Jetzt’ und das ‚Ich’ sind die unzweifelbaren und selbstverständlichen Ausgangspunkte für den Blick auf die Welt, für das Reden mit anderen, für die Erinnerung der Vergangenheit und das Planen der Zukunft.“[64]

Der nationale Blick emotionalisiert die Wahrnehmung.[65] Durch Emotionalität nimmt die Objektivität ab. Die Wahrnehmung färbt sich mitunter so subjektiv, dass das Bild nur noch das zeigt, was in die Vorstellung des Weltbilds des Nationalisten passt. Zwar ist es aus historischer Perspektive äußerst schwierig, Genese, Wirkung und Funktion von Emotionen zu analysieren, doch die rituellen und symbolischen Komponenten der Nation sind, wie bereits erwähnt, Gefühlsträger von nationalen Bewegungen und auch eine Bewertung von Kulturen und Sprachen zeigt die emotionale Verbundenheit mit dem Eigenen.

Nationale Wahrnehmung ist zudem selektiv. Allein die Sprache ist ein Kriterium der Selektion, nicht zuletzt weil einer Person in der Regel nur Zeitschriften, Bücher und Erzählungen aus dem eigenen Sprachkreis verständlich sind. Sprachkreise sind aber um 1900 häufig deckungsgleich mit einer bestimmten Kulturnation. Deshalb folgt daraus, dass durch die Sprache der kulturelle Horizont der Wahrnehmung eingegrenzt wird. Die Selektion durch Sprache greift jedoch in polyglotten Gebieten, wie in Triest, nicht mehr.

Daher basiert in Triest um 1900 die nationale Wahrnehmung der Italiener vornehmlich auf Emotionen und generierten Bilder von Italien einerseits und den „Anderen“ andererseits. Die Notwendigkeit der ständigen Abgrenzung von fremden Einflüssen hat eine Überbetonung der vermeintlich eigenen Kultur zur Folge. Diese radikale Favorisierung einer kulturellen Strömung scheint den italienischen Triestinern die einzige Möglichkeit, die Zerrissenheit und das ständige Hinterfragen, welcher Kulturnation man nun tatsächlich angehöre, zu überwinden.

[...]


[1] Parlato, Giuseppe: Vorwort. In: Nello, Paolo (Hg.): Trieste. Immagini dalle Collezioni Alinari. Un sogno tricolore 1945 > 1954. Firenze 2004, S. 9.

[2] Claudio Magris wird 1939 in Triest geboren. Er schreibt sowohl als Schriftsteller über seine Stadt, wie auch als Literaturwissenschaftler. Er versucht, das österreichische Erbe der Stadt aufzuarbeiten und hat den Lehrstuhl für Germanistik an der Universität Triest inne.

[3] Angelo Ara wird 1942 in Novara geboren und widmet sich in seiner Forschung vornehmlich der italienisch-österreichischen Geschichte. Er hat den Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Universität Pavia inne.

[4] Magris, Claudio/ Ara, Angelo: Triest. Eine literarische Hauptstadt in Mitteleuropa. München/ Wien 1987, S. 276.

[5] Der italienische Begriff der Italianità bezeichnet allgemein die Ausformung italienischer Kultur. In Triest bezeichnet der Begriff die Bestrebungen der italienischen Bevölkerung, ihre Sprache und Kultur zu erhalten. Die Ausformungen der Italianità werden im Hauptteil der Arbeit ausführlich behandelt.

[6] Die Triestinità bezeichnet die Besonderheit und die nationale Pluralität der Kultur und Literatur in Triest.

[7] Der römische Ursprung spielt im Folgenden eine wichtige Rolle für das Selbstverständnis der Italianità.

[8] Magris/ Ara: Triest, S. 25.

[9] Vgl. Valini, Leo: Italienisch-österreichischische Beziehungen 1870-1915 in der italienischen Historiographie. In: Wandruszka, Adam/ Jedlicka, Ludwig (Hg.): Innsbruck-Venedig. Österreichisch-Italienische Historikertreffen 1971 und 1972. Wien 1975. S. 33-45, hier: S. 43.

[10] Vgl. Kinder, Hermann/ Hilgemann Werner (Hg.): dtv-Atlas Weltgeschichte in zwei Bänden. München 2004. Band 1, S. 287.

[11] Die Sprachregelung von Joseph II. ist kein Instrument der kulturellen und nationalen Vereinheitlichung, sondern dient in erster Linie einer vereinfachten Verwaltungsstruktur im Habsburger Reich.

Vgl. Magris/ Ara: Triest, 30.

[12] Vgl. Ebd. S. 29.

[13] Vgl. Ebd. S. 26.

[14] Italien ist wie Deutschland eine „verspätete Nation“. In Italien ist der Hauptgrund dafür die Fremdbesetzung durch Napoleon und die starke territoriale Untergliederung des nationalen Volkes in kleine politische Einheiten. Vgl. Schwarzkopf, Johannes/ Witz, Cornelia: Italien-PLOETZ. Italienische Geschichte zum Nachschlagen. Freiburg/ Würzburg 1986, S. 155-157.

[15] dtv-Atlas Weltgeschichte. Band 2; S. 351.

[16] Vgl. Wandruszka, Adam/ Urbanitsch, Peter (Hg.): Die Habsburgermonarchie 1848-1918. Band III. Die Völker des Reiches. 2. Teilband. Wien 1980; S. 876.

[17] Der Anschlag richtet sich gleichzeitig auch gegen den Eintritt Italiens in den Dreibund mit Österreich-Ungarn und Deutschland, was für die Nationalisten einer Versöhnung mit dem Feind gleichkommt. Vgl. Gatterer, Claus: Im Kampf gegen Rom. Wien/ Frankfurt/ Zürich 1968; S. 51.

[18] Ebd.

[19] Kann, Robert A.: Zur Problematik der Nationalitätenfrage in der Habsburgermonarchie 1848-1918. Eine Zusammenfassung. In: Wandruszka/ Urbanitsch: Die Habsburgermonarchie 1848-1918. 2. Teilband. Wien 1980. S. 1304-1338; hier: S. 1337.

[20] Vgl. dtv-Atlas Weltgeschichte. Band 2, S. 411.

[21] Vgl. Ebd. S. 437.

[22] Vgl. Magris/ Ara: Triest, S. 23.

[23] Mill, John Stuart: Betrachtungen über die repräsentative Demokratie. Paderborn 1971. S. 242.

[24] Neben den Betrachtungen von John Stuart Mill, die als Quelle behandelt werden, stütze ich mich vornehmlich auf die Definitionen von Eric J. Hobsbawm, die gesellschaftliche und politische Strukturen als Vorgabe für eine kulturelle Erfindung der Nation einführen, sowie die anthropologisch-soziologisch Betrachtungsweise von Benedict Anderson. Die beiden letzteren Ansätze können zu der neuen Forschung im Bereich des Nationalismus gezählt werden, die angeführt von Hobsbawms Formel „Invention of Tradition“, die Nation als gesellschaftliches Konstrukt ausweisen, das historisch entsteht und vergeht. Vgl. Langewiesche, Dieter: Nachwort zur Neuauflage Eric J. Hobsbawms Blick auf Nationen, Nationalismus und Nationalstaaten. In: Hobsbawm, Eric J.: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität. Frankfurt a. Main 2004. S. 225-241, hier: S. 232f.

[25] Die Nationalisten um 1900 argumentieren häufig auch über den naturwissenschaftlich-biologischen Zugang einer gemeinsamen völkischen Abstammung oder natürlicher, geographischer Grenzen. Während der Pariser Friedenskonferenz 1919 fordert San Giuliano zum Beispiel für die italienische Nation : „Im Falle eines endgültigen Sieges wird Italien die italienischen Provinzen Österreichs bis zur Alpenhauptswasserscheide erhalten, das bedeutet, bis zur natürlichen Grenze Italiens.“ Zitiert nach: Curato, Federico: Die österreichisch-italienischen Beziehungen auf der Pariser Friedenskonferenz 1919. In: Wandruszka / Jedlicka: Innsbruck-Venedig. S. 119-147, hier: S. 120.

[26] Gellner, Ernest: Nationalismus und Moderne. Berlin 1991, S. 15f.

[27] Vgl. Ebd. S. 15.

[28] Hobsbawm, Eric J.: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität. Frankfurt a. Main 2004, S. 50.

[29] Vgl. Ebd.

[30] Vgl. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus; S. 51.

[31] Vgl. Langewiesche: Nachwort zur Neuauflage Eric J. Hobsbawms Blick auf Nationen, S. 234.

[32] Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines erfolgreichen Konzepts. Frankfurt a. Main/ New York 1988, 15.

[33] Vgl. Ebd.

[34] Vgl. Ebd. S. 16.

[35] Vgl. Ebd. S. 17.

[36] Vgl. dtv-Atlas Weltgeschichte. Band 2, S. 319.

[37] Deutlich ist dies an Frankreich erkennbar: die Französische Revolution wird vom Dritten Stand getragen, dessen Mitglieder sich ihren Status als „ citoyens “ erkämpfen. Vgl. Hroch, Miroslav: Das Bürgertum in den nationalen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Ein europäischer Vergleich. In: Kocka, Jürgen (Hg.): Bürgertum im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich. Bd. 3. München 1988. S. 337-359, hier: S. 337.

[38] Mentalitäten sind keine messbaren Größen. Deswegen ist es schwer, genaue Aussagen über nationale Einstellungen zu treffen. Die Gründung und Pflege der genannten Institutionen kann dabei immerhin starke Indizien geben. Vgl. Kann: Zur Problematik der Nationalitätenfrage, S. 1318.

[39] Benedix, Reinhard: Strukturgeschichtliche Voraussetzungen der nationalen und kulturellen Identität in der Neuzeit. In: Giesen, Bernhard (Hg.): Nationale und kulturelle Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins in der Neuzeit.; Frankfurt/ Main 1991. S. 39-55, hier: S. 44.

[40] Vgl. Eisenstadt, Shmuel Noah: Die Konstruktion nationaler Identitäten in vergleichender Perspektive. In: Giesen: Nationale und kulturelle Identität. S. 21-38, hier: S. 13.

[41] Langewiesche: Nachwort zur Neuauflage Eric J. Hobsbawms Blick auf Nationen, S. 237.

[42] Vgl. Luhmann, Niklas: Inklusion und Exklusion. In: Berding, Helmut (Hg.): Nationales Bewußtsein und kollektive Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit 2. Frankfurt a. Main 1994. S. 15-45, hier: S. 15.

[43] Ebd. S. 20.

[44] Auf demselben Prinzip beruhen Stereotypen, die häufig aus nationaler Perspektive entstehen und über Generationen ein vereinfachtes Weltschema vermitteln. Auf die nationalen Bilder um 1900 kann der Stereotypen-Begriff lediglich anachronistisch angewandt werden. Der Begriff wird erstmals 1922 von dem amerikanischen Publizisten Walter Lippmann gebraucht, der ihn im Sinne von „pictures in our head“ verwendet. Vgl. Hahn, Hans Henning: Stereotypen in der Geschichte und Geschichte im Stereotyp. In: Ders. (Hg.): Historische Stereotypenforschung. Methodische Überlegungen und empirische Befunde. Oldenburg 1995. S. 190-204, hier: S. 190.

[45] Vgl. Giesen, Bernhard: Die Intellektuellen und die Nation. Eine deutsche Achsenzeit. Frankfurt a. Main 1999, S. 23f.

[46] Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 50.

[47] Kollektive, nationale Identitäten brauchen in der Regel Symbolsysteme, die im Idealfall kulturelle und politische Elemente miteinander verknüpfen, um eine Einheit und die Verbindung zwischen Staat/ Regierung und den Traditionen des Alltags zu schaffen. Das Grab des unbekannten Soldaten ist solch ein Symbol, das die politische Komponente des Krieges mit den kulturellen der, meist religiösen, Trauer- und Beerdigungsriten vereint. Vgl. Eisenstadt: Konstruktion nationaler Identitäten, S. 37.

[48] An dieser Stelle sei darauf aufmerksam gemacht, dass das wirkliche Nationalgefühl in der breiten Masse schwer messbar ist, da diesbezüglich wenig Quellen vorhanden sind bzw. die entsprechenden Quellen von der geistigen Elite verfasst sind. Am aussagekräftigsten dürften wohl Nachweise über die Pflege von Riten und Traditionen sein, die nationalen Symbolcharakter aufweisen und dadurch als starkes Indiz für eine Identifizierung mit der Nation dienen. Vgl. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 96.

[49] Vgl. Ebd. S. 58.

[50] Gellner: Nationalismus und Moderne, S. 69.

[51] Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 68.

[52] Vgl. Hobsbawm: Nationen und Nationalismus, S. 75.

[53] Dass eine Sprachgrenze mit einer Staatsgrenze zusammenfällt ist nicht zwingend, in Europa um 1900 aber die Regel. Vor allem dort, wo die Kolonialsprache zur Nationalsprache wird, also im afrikanischen und südamerikanischen Kulturkreis, ist der Gebrauch der gleichen Sprache über kulturelle Grenzen hinweg häufig festzustellen. Vgl. Anderson: Erfindung der Nation, S. 53.

[54] Vgl. Ebd. S. 50f.

[55] Vgl. Ebd. S. 51f.

[56] Vgl. Ebd. S. 52.

[57] Vgl. Ebd. S. 76.

[58] Vgl. Ebd. S. 81f.

[59] Vgl. Hroch: Das Bürgertum in den nationalen Bewegungen des 19. Jahrhunderts, S. 340.

[60] Luhmann, Niklas: Die Kunst der Gesellschaft. Frankfurt a. Main 1995, S. 15.

[61] Vgl. Ebd. S. 13.

[62] Vergleiche dazu die verschiedenen Arten des Zwinkerns bei Clifford Geertz, die nur im Situationszusammenhang und mit der entsprechenden kulturellen Vertrautheit richtig gedeutet werden können. Vgl. Geertz, Clifford: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt a.M. 1997, S. 10-12.

[63] Waldenfels, Bernhard: Das Eigene und das Fremde. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie Nr. 43. Berlin 1995. S. 611-620, hier: S. 612.

[64] Giesen: Die Intellektuellen und die Nation, S. 31f.

[65] Vgl. Kann: Zur Problematik der Nationalitätenfrage, S. 1337.

Details

Seiten
53
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783656960867
ISBN (Buch)
9783656960874
Dateigröße
3.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299677
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Institut für Europäische Kulturgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
triest selbst- fremdwahrnehmung kulturraums

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Titel: Triest um 1900. Selbst- und Fremdwahrnehmung eines multinationalen Kulturraums