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Geschlechtsspezifische Ungleichheiten im ägyptischen Bildungssystem

Wissenschaftliche Studie 2015 20 Seiten

Kulturwissenschaften - Nordafrika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Historischer Überblick über Bildung in Ägypten

III. Bildungssystem in Ägypten

IV. Probleme und Schwierigkeiten der Mädchenbildung in Ägypten
IV. 1. Rolle der Tradition
IV. 2. Finanzierungsmangel
IV. 3. Schwierigkeiten seitens des Staates

V. Mädchen und Bildung

VI. Schlussbemerkungen

VII. Anhang
VII. 1. Literaturverzeichnis
VII. 2. Tabellenverzeichnis

I. Einleitung:

Die vorliegende Arbeit behandelt eine besondere Thematik bezüglich der Genderdiskussion und Geschlechtergleichberechtigung in Ägypten. Das Thema meiner Hausarbeit lautet „Geschlechtsspezifische Ungleichheiten im ägyptischen Bildungssystem“. Das Thema gibt einen weiteren Überblick (neben der ersten Hausarbeit „Anfänge der Frauenbewegung und Genderdiskussion in Ägypten, am Beispiel von Qasim Amin und Hoda Scha`arawi als Begründer) über einen besonderen Punkt der Geschlechterbeziehungen in Ägypten den der Bildungschancen.

Die Bildung ist m.E. als Indikator des wissenschaftlichen, sozialen und ebenso kulturellen Fortschritts eines Landes zu betrachten. Aus diesem u.a. Gründen ist es von großer Bedeutung, die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten im ägyptischen Bildungssystem der näheren Betrachtung zu unterziehen.

In dem ersten Kapitel der Arbeit werde ich einen Überblick geben, über die Bildung in einem Land, Ägypten, welches jahrzehntelang unter Fremdherrschaften leiden musste. Die Fremdherrscher - z.B. Der Herrscher Mohammed Ali, die französische Expedition mit Napoleon und die britische Kolonialherrschaft in Ägypten- versuchten, die Bildung und sogar der gesamte soziokulturelle Bereich in Ägypten unter Kontrolle zu behalten. Wie ich in diesem Kapitel erkläre werde, waren die Briten bspw. der Auffassung, dass in Ägypten keine gebildete Elite geschaffen werden sollte, die die Unabhängigkeit des Landes fordern könnte.

Wenn man die ägyptische Geschichte näher betrachtet, dann wird man sofort erkennen, dass die meisten Reformerinnen und Reformer des politischen, religiösen und sozialen Lebens der Ägypterinnen und Ägypter gebildete Elite waren, die sowohl Bildungszugang hatten als auch Kontakte mit anderen Kulturen aufnehmen konnten/durften: Siehe z.B. Qasim Amin, Mustafa Kamil, Mohammed Abdou, Gamal Eldin Al-Afghany, Saad Zaghloul, Hoda Scha`arawi, Safia Zaghloul Nawal al-Sa`dawy, Muschira Khattab und Nabawiya Musa etc.

In dem zweiten Kapitel werde ich das ägyptische Bildungssystem erläutern, damit die nicht-ägyptischen Leserinnen und Leser sich einen Blick in dem Bildungs- und Schulwesen in Ägypten verschaffen können und mögliche Unterscheide zu anderen Bildungssystemen, etwa zum Deutschen, erkennen zu können.

In dem darauffolgenden Kapitel werde ich zudem die Hauptschwierigkeiten und Probleme erwähnen, die m.E. als Hindernis der Mädchenbildung zu betrachten sind. Diese Schwierigkeiten habe ich in drei Gruppen aufgeteilt: Die Tradition, die Finanzierung und die Schwierigkeiten seitens des Staates.

In dem vierten Kapitel werde ich die Bildung der Mädchen näher betrachten. In diesem Kapitel werden die staatlichen und internationalen Bemühungen -wie von UNISCO und UNICEF- um die Förderung und Entwicklung der Mädchenbildung in Ägypten erläutert und behandelt.

Danach folgen meine Schlussbemerkungen zu diesem wichtigen Thema und ein Literaturverzeichnis.

Umgang mit Quellen:

Für diese Untersuchung ist es sehr wesentlich, dass man Zugang zu arabischsprachigen Quellen hat, die die Bildungsdebatte in Ägypten möglicherweise anders betrachten bzw. besser analysieren können. Zitate aus den arabischsprachigen Quellen wurden von dem Verfasser der vorliegenden Arbeit in die deutsche Sprache übersetzt. Dabei wurde der wort- und sinngetreuen Übertragung aus dem Arabischen in das Deutsche der Vorzug vor eventuellen anderen Ansprüchen an die Formulierungsweise gegeben.

II. Historischer Überblick über Bildung in Ägypten

„Ein Mädchen zur Schule schicken, bedeutet (…) eine ganze Familie zu bilden. Und was für Familien gilt, gilt für Gemeinschaften und letztlich für ganze Nationen“ Kofi Annan, der frühere UN-Generalsekretär (Vgl. www.plan-deutschland.de/fokus-maedchen/maedchen-staerken/bildung )

Die Bedeutung der Bildung in Ägypten zeigt sich dadurch, dass die Bildung als Spiegelbild der sozialen Klassen zu betrachten ist. In Ägypten gibt es sowohl staatliche Schulen, die unter direkter Kontrolle des Staates liegen, als auch private Schulen, die kostenpflichtige Bildungsmöglichkeiten anbieten und ebenso unter „indirekter“ Kontrolle des Staates liegen. In der ägyptischen Gesellschaft ist es weit verbreitet, dass diese Schulen im Gegensatz zu den staatlichen Schulen sowohl bessere Bildungsqualität als auch Jobgarantie anbieten.

Die Bildungs- und Wirtschaftseliten des Landes haben sich bereits vor Jahrzehnten aus dem staatlichen Bildungssystem verabschiedet. Viele führen die Entwicklung von 2 Parallelwelten -der staatlichen und der privaten- im Bildungsbereich auf die Öffnung des Landes und die wirtschaftliche Liberalisierung unter Präsidenten Anwar As-Sadat zurück. Das private Bildungssystem mit einer „klassischen“ Bildungskarriere von Kindergarten, Schule und Privatuniversität oder Studium im Ausland bietet bessere Strukturen und steht für gut qualifizierte Absolventinnen und Absolventen, die mehrere Sprachen sprechen und in Ägypten meist gut bezahlte Stellen finden können. Viele Eltern sind bereit, hohe finanzielle Belastungen in Kauf zu nehmen oder sich sogar zu verschulden, um ihre Kinder auf private Schulen -etwa die deutschen, britischen, amerikanischen oder französischen- und private Universitäten zu schicken. (S. d_iMOVE-Marktstudie_Aegypten_2013)

Die staatliche Bildung ist durch die Strategie der Zentralisierung geprägt. Dies bedeutet, dass sowohl die Lehrmaterialen als auch die Verwaltung in großen Städten zentralisiert sind. Die Lehrmaterialen werden in einer staatlichen Druckerei gedruckt und auf alle Schulen im ganzen Ägypten verteilt. Anders als in Deutschland, wo die Bildung als Ländersache betrachtet wird, bleiben in Ägypten die Lehrmaterialen, die Inhalte und zum Teil auch die Methoden einheitlich. Dabei wird keine Rücksicht auf spezifische Eigenschaften der Städte bzw. der Dörfer -wie etwa auf den geographischen, historischen, landwirtschaftlichen, wirtschaftlichen Hintergrund der einzelnen Städte- genommen.

Ein weiteres Problem begegnet(e) der Bildung in Ägypten, nämlich die Verwestlichung bzw. Europäisierung der Bildung, welche im 19. Jhd. mit Mohammed Alis erklärter Orientierung an Europa begann und sich ab 1882 mit der britischen Kolonialherrschaft über das Land fortsetzte: Das europäische Schulsystem wurde eingeführt und war das einzige, welches offizielle Anerkennung genoss. Im Bildungsbereich operierten verschiedene europäische und amerikanische christliche Missionen (Missionsschulen), sodass das französische und amerikanische sowie auch das britische Bildungssystem parallel zueinander eingeführt wurden. Die einheimischen Schultypen, welche zuvor eine Rolle gespielt hatten, wurden verdrängt. Seit dem Beginn des 20. Jahrhundert existieren in Kairo verschiedene europäische bzw. westliche Bildungsinstitutionen weiter, die das kulturelle Leben der Ägypter beeinflussten und immer noch beeinflussen. Diese Institutionen wurden/werden ausschließlich von den Kindern der ägyptischen reichen Ober- und Mittelschicht besucht, die vorwiegend englischsprachig und zum Teil auch französischsprachig waren und die Finanzierung dafür besaßen/besitzen. Trotz der britischen Kolonialherrschaft unterlag der gesamte kulturelle Bereich dem französischen Einfluss. Das führte dazu, dass die Theater-, Kino- und Rundfunkprogramme häufig direkte Übernahmen der entsprechenden französischen Institutionen veröffentlichten. (Vgl. Ibrahim, 2006:37)

Auf der anderen Seite befürchtete die britische Kolonialherrschaft in Ägypten die Bildung als große Gefahr für ihre Existenz. Sie befürchtete, dass eine neue gebildete Schicht in der Bevölkerung entstehen würde, die die nationalen Rechte Ägyptens verteidigen und sowohl die Unabhängigkeit des Landes als auch den Truppenabzug der Briten fordern würden. Aus diesem Grund erklärte Lord Cromer, dass das Hauptziel der Bildung in Ägypten sei, nur eine Beamtengruppe zu schaffen, die ihm bei der Verwaltung des Landes helfen konnten. Er erklärte weiter, dass man nicht erwarten durfte, dass die Bildung ein anderes als das o.g. Ziel bekommen durfte. Im Jahre 1907 absolvierte jedoch Frau Nabawiya Musa als die allererste Frau die Oberstufenschule bzw. Sekundarstufe II. Sie erklärte, ihre Motivation dabzu wäre, dass sie Diskriminierung und Ungleichheiten erleben musste. (Vgl. aus dem arabischen Original, Ayyammasria [Hrsg.], Heft 30, 2007: 30)

Die staatliche Bildung in dem damaligen Ägypten war in zwei Bereichen eingeteilt: Die azheritische Bildung, wo die Schülerinnen und Schüler v.a. islamische Theologie und arabische Sprache lernten. Diese azheritische Bildung war v.a. auf das sog. „Kuttab“[1] und die Al-Azhar Mosche beschränkt. Wie es damals üblich war, wurden fast ausschließlich Junge zum Kuttab geschickt, während die Mädchen zuhause unterrichtet wurden.

Mittlerweile dürfen Junge und Mädchen in der heutigen Zeit zum Kuttab gehen. Zum Teil besuchen sie gemeinsam denselben Unterricht. Manchmal jedoch weigern sich die Gelehrten, gemischte Kurse anzubieten, und fordern die Eltern der Mädchen auf, sie zu bestimmten Zeiten zu schicken, zu denen es keine männlichen Schüler gibt.

Auf der anderen Seite gab es die sog. modernen Schulen. Dazu gehörten die Grundschulen, Sekundarstufe II, Berufsschulen und die Hochschulen. (Vgl. Ebda. S. 22)

Im Jahre 1956 wurde eine neue ägyptische Verfassung verabschiedet, welche den Männern allgemeine Wahlpflicht zuschrieb, während die Frauen nachzuweisen hatten, dass sie lesen und schreiben konnten, wenn sie zur Wahl zugelassen werden wollten. Die damalige sozialistische Regierung Nassers sah sich in der Klärung von Gesellschaftsfragen als neutral und rief Bildungsprogramme ins Leben, wodurch auch Frauen Bildungschancen bekamen. Durch Nassers Strategie der Instrumentalisierung der Frauen für seine wirtschaftlichen Projekte hatten jedoch die arbeitenden Frauen einerseits mit der doppelten Last von außerhäuslichen Erwerbstätigkeit und Haushalt fertig zu werden. Auf der anderen Seite beschäftigten sie sich mit dem Kampf um ihre Rechte, die ihnen die Gesellschaft, die Tradition und die bestimmten religiösen Auslegungen beschnitten haben. (Vgl. Ebda. S. 40 f)

Nach Angaben des Entwicklungsprogramms der Vereinigten Nationen (UNDP 2002) waren im Jahre 1999 noch immer 57,2% der über fünfzehn Jahre alten Ägypterinnen des Lesens und Schreibens unkundig, während nur 33,9% der Männer Analphabeten waren. Dennoch gab es zu Beginn unseres Jahrtausends 8500 Professorinnen an den Universitäten (Al-Ahram 11.5.03). Diese Angaben zeigen, dass kein einheitliches Bild gezeichnet werden kann, weil es die typische Ägypterin schlechthin nicht gibt. (Vgl. Ebda. S. 39)

[...]


[1] Kuttab (arabisch) bedeutet, dass kleine Kinder und Jugendliche zu einem religiösen Gelehrten geschickt wurden, der sie Koran und Arabisch lehren sollte, damit sie den Koran auswendig lernten.

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656960331
ISBN (Buch)
9783656960348
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299587
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta – Geistes- und Kulturwissenschaften
Note
Schlagworte
geschlechtsspezifische ungleichheiten bildungssystem

Autor

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Titel: Geschlechtsspezifische Ungleichheiten im ägyptischen Bildungssystem