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Gehorsam und Konformität im Alltag. Die sozialpsychologischen Experimente nach Solomon E. Asch und Stanley Milgram

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 20 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Terminologie von Konformität und Gehorsam
2.1 Arten der Konformität
2.2 Gehorsam und Autorität

3. Konformitätsexperiment nach Solomon E. Asch
3.1 Versuchsaufbau und -durchführung
3.2 Relevante Ergebnisse und Erklärungen des Experiments
3.3 Weiterführende sozialpsychologische Erklärungen

4. Gehorsamsexperiment nach Stanley Milgram
4.1 Versuchsaufbau und -durchführung
4.2 Relevante Ergebnisse und Erklärungen des Experiments
4.3 Weiterführende sozialpsychologische Erklärungen

5. Konformität und Gehorsam in Alltag sowie Gegenwart
5.1 Konformität
5.2 Gehorsam und Autorität

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Innerhalb dieser wissenschaftlichen Arbeit soll erörtert werden, wie die Termini >Gehorsam< sowie >Konformität< definiert werden, in welche Arten sich Gehorsam sowie Konformität differenzieren lassen und wie sich diese auszeichnen. Zur Vertiefung sowie zu weiteren Er- klärungsversuchen werden zwei klassische sozialpsychologische Experimente zu Konformi- tät nach Solomon E. Asch und zu Gehorsam nach Stanley Milgram angeführt. In dem an- schließenden Schritt soll erörtert werden, inwiefern sich Konformität sowie Gehorsam in All- tag sowie Gegenwart, beziehungsweise außerhalb eines Laboratoriums tatsächlich darstel- len, welche positiven sowie negativen Auswirkungen Konformität und Gehorsam im Alltag zugeschrieben werden können und ob, beziehungsweise inwiefern sich die Versuchsergeb- nisse auf Alltagssituationen übertragen lassen. Die Bedeutung von Konformität und Gehor- sam für die Praxis der Sozialen Arbeit soll außerdem Erwähnung finden.

2. Zur Terminologie von Konformität und Gehorsam

Verweist man auf Wilkening, beschreibe >Konformität< mit einer Gruppe übereinstimmende, gezeigte Einstellungen sowie Verhaltensweisen und kennzeichne sich weiterhin „[…] durch eine Anpassung, ein Nachgeben gegenüber einem Gruppendruck, wobei die Verhaltensän- derung stets in Richtung auf eine größere Übereinstimmung mit der Gruppe und den von ihr geäußerten Normen erfolgen muß […]“ (Wilkening 1978: 1). Dabei bewirke generell bereits die bloße Anwesenheit mehrerer Personen mit abweichenden Urteilen oder Meinungen ge- genüber einer Einzelperson eine Urteilsänderung - die Wirksamkeit des Gruppeneinflusses hänge also nicht zwingend davon ab, dass die Gruppe explizit Druck ausübe, Sanktionsdro- hungen äußere oder kommunikativ versuche, die Meinung eines Gruppenmitgliedes zu än- dern (vgl. ebd.). Die Autorin verweist zudem darauf, dass Konformität immer nur auf die je- weilige betroffene Bezugsgruppe angewendet und auf keine andere Gruppe übertragen wer- den könne (vgl. ebd.: 2). Zimbardo und Gerrig schreiben in Bezug auf Konformität überdies von der Einnahme einer sozialen Rolle sowie dem Beugen gegenüber sozialen Normen (vgl. Zimbardo/ Gerrig 2008: 674). Weiterhin könne nach Leon Manns Ausführungen in Bezug auf das Gegenteil von Konformität zwischen Nonkonformität sowie Antikonformität unterschie- den werden. Während bei Nonkonformität lediglich keine Übereinstimmung mit der jeweiligen Gruppe stattfinde, bilde die Einzelperson bei Antikonformität die aktive, feindselige Oppositi- on zu der jeweiligen Gruppe (vgl. Mann 1997: 101).

2.1 Arten der Konformität

Verweist man erneut auf Leon Mann, lasse sich Konformität in normative Konformität sowie in Informationskonformität differenzieren - charakteristisch für normative Konformität sei, dass sich ein einzelnes Individuum basierend auf drohender Zurückweisung, beziehungs- weise der Aussicht auf Belohnung dem direkten Gruppendruck beuge, wobei diese Art von Gruppendruck nur stattfinden könne, wenn die Gruppenmitglieder für das einzelne Individu- um eine wichtige Rolle einnähmen (vgl. Mann 1997: 101 ff.). Johanna Hartung erweitert die mit normativer Konformität zusammenhängende Aspekte und formuliert in Bezug darauf das Folgende: „Die sich in der Minderheit befindende Person hält zwar nach wie vor ihre eigene Einschätzung für die zutreffende, gibt dies aber nicht bekannt. Sie schließt sich vermeintlich dem Mehrheitsurteil an, um die gewünschte Anerkennung in der Gruppe, den angestrebten Status nicht zu gefährden sowie das Risiko sozialer Missbilligung oder gar Ausgrenzung zu vermeiden.“ (Hartung 2010: 109)

Normative Konformität untergliedere sich wiederum in opportune sowie echte Konformität. Opportune Konformität, also äußere sowie temporäre Übereinstimmung mit der Gruppe, zeichne sich durch die Androhung von Strafe aus, während echte Konformität öffentlicher, privater sowie dauerhafter Übereinstimmung eines Individuums mit der Gruppe entspreche, wobei die jeweiligen Gruppenwerte verinnerlicht würden (vgl. Mann 1997: 102). Auch Wilke- ning schreibt bezüglich opportuner Konformität von einer ausschließlich äußeren, hinsichtlich echter Konformität von einer tatsächlichen, verinnerlichten Verhaltensänderung, differenziert jedoch insofern, dass der Grad der Verinnerlichung von persönlichkeitsspezifischen Faktoren abhänge (vgl. Wilkening 1978: 3).

Hinsichtlich der Informationskonformität lassen sich zwei Unterscheidungen treffen. Nach Leon Mann stelle Informationskonformität das Wenden an andere Personen bei eigener situ- ativer Unklarheit dar, um von diesen Personen die ihrer Einschätzung nach adäquate Reak- tion zu auf die unklaren Zusammenhänge in Erfahrung zu bringen - dies sei geprägt durch die Erhaltung der eigenen inneren Selbstwahrnehmung oder durch das Verlangen nach Ak- zeptanz durch andere Personen (Mann 1997: 102 ff.) Verweist man erneut auf Johanna Har- tung, ergibt sich jedoch eine abweichende Darstellung des Terminus Informationskonformi- tät, da die Autorin von informativem Gruppeneinfluss ausgeht und das Folgende konstatiert:

„Die sich in der Minderheit befindende Person beginnt angesichts des Mehrheitsurteils an ihrer eigenen Wahrnehmung und Beurteilung zu zweifeln und glaubt schließlich dem Urteil der Anderen mehr als sich selbst. Es findet also eine tatsächliche und zeitlich tendenziell stabile Anpassung an die Mehrheitsmeinung statt.“ (Hartung 2010: 109). Weiterhin könne langfristiger normativer Gruppeneinfluss mit der Zeit auch in informativem Gruppeneinfluss, also in tatsächlicher Meinungsänderung, resultieren (vgl. ebd.).

Der Grat der verschiedenen Arten von Konformität scheint jedoch sehr schmal und in All- tagskontexten nicht immer eindeutig definier- sowie erkennbar zu sein.

2.2 Gehorsam und Autorität

Im Vergleich zu Konformität beziehe sich Gehorsam weniger auf Gruppen, als vielmehr auf die Reaktion auf Autoritäten, welche sich einerseits sozial erwünscht sowie konstruktiv, an- dererseits jedoch ebenfalls destruktiv äußern könne (vgl. Mann 1999: 104). Nach Millon und Lerner könne Autorität von symbolischen Erscheinungsformen wie Titeln oder Kleidung ab- hängen, sogar wenn diese angebliche Autorität keinen Anspruch auf den Titel einer legitimen Autoritätsperson erheben könne (vgl. Millon/ Lerner 2003: 386). Blass bestätigt diese These gewissermaßen, indem er sich auf Morellis Annahme bezieht, dass sich Autorität einerseits in eine legitime Autorität mit Befehlsgewalt, andererseits jedoch auch in eine Person mit Au- toritätsstatus aufgrund von Fachwissen sowie Fachkompetenz unterscheiden lasse (vgl. Blass 1999: 959). Weiterhin sei Gehorsam gegenüber Autorität nicht unausweichlich und Widerstand gegen diese besonders effektiv, wenn mehrere Individuen einer Autorität ge- meinsam gegenüber ständen. Die Autoren verweisen jedoch auch darauf, dass eine legitime Autorität eine wichtige gesellschaftliche Rolle sowie einen gesellschaftlichen Nutzen darstelle, beispielsweise personifiziert durch Polizeibeamte, Richter, politische Repräsentanten, Lehrer oder auch Eltern (vgl. Millon/ Lerner 2003: 386 ff.).

Nach Roland Roths soziologischer Perspektive auf Autorität beschreibe diese eine viel- schichtige Alltagserfahrung, in deren Zuge die überlegene Person Unterwerfung von der un- terlegenen Person erwarte und welche in abstraktere Herrschaftsverhältnisse eingebettet sei. Autorität könne neben Unterwerfung jedoch auch in Anerkennung oder Verweigerung resultieren, sei prinzipiell aber von der individuellen sozialen Positionierung sowie der gesell- schaftlichen Rolle abhängig und entspreche somit keiner personalen Eigenschaft. Autorität reiche differenziert betrachtet weiterhin von Freiwilligkeit bis hin zu gewaltsamer Unterwer- fung (vgl. Roth 2013: 25 ff.).

3. Konformitätsexperiment nach Solomon E. Asch

Eines der frühen sozialpsychologischen Experimente zur Konformitätsthematik geht auf Solomon E. Asch zurück. Innerhalb seines Versuchs hätten ausschließlich männliche Studenten zwischen 17 und 25 Jahren partizipiert (vgl. Asch 1956: 3 ff.).

3.1 Versuchsaufbau und -durchführung

Verweist man auf Asch selbst, gehe es in seinem Versuch um eine Gruppe von sieben bis neun Personen, die achtzehnmal drei unterschiedlich lange Linien miteinander vergleichen sowie im Anschluss daran benennen solle, welche Linie am Längsten sei. Alle Teilnehmer gäben ihre Ergebnisse nacheinander ihrer Sitzposition entsprechend deutlich in die Runde bekannt. Darüber hinaus seien alle Teilnehmer bis auf die Versuchsperson eingeweihte Mit- arbeiter des Versuchs, die jeweils längsten Linien im Vergleich zu den anderen kürzeren

Linien überdies deutlich erkennbar. Die eingeweihten Personen hätten die Aufgabe, bei bestimmten Durchgängen einheitlich falsche Antworten zu geben. Die Minderheit in Form einer einzigen Person stehe dabei einer einheitlich falsch antworteten Mehrheit gegenüber (vgl. ebd.: 3). Zu einer besseren visuellen Einschätzung der unterschiedlich langen Linien eignet sich Abbildung 1 im Abbildungsverzeichnis.

Die Mehrheit erhalte die Instruktionen, immer deutlich sowie bestimmt zu antworten, der Versuchsperson als Minderheit jedoch nicht zu widersprechen und sie auch nicht direkt anzusehen. Die Minderheit platziere man innerhalb der Reihenfolge der Sitzpositionen immer als vorletzte Person (vgl. ebd.: 32 ff.).

3.2 Relevante Ergebnisse und Erklärungen des Experiments

Im Folgenden belaufen sich die relevantesten Ergebnisse des Experiments auf einer tabella- rischen Auswertung Aschs (vgl. Abbildung 2). Auf dieser basierend hätten in der Kontroll- gruppe, also in einer Gruppe, in welcher jeder Teilnehmer seine Antworten still für sich allei- ne notiert habe, 35 von 37 Personen keine fehlerhaften Einschätzungen getroffen. In den anderen drei des Versuchsaufbaus entsprechenden Gruppen, welche zusammengezählt 123 Personen entsprächen, träfen 29 Personen keine fehlerhaften Einschätzungen, was weniger als 25% aller Personen ergebe. Folglich würden sich über 75% aller Versuchspersonen auf- grund der einheitlich falsch antwortenden Mehrheit zu ebenso falschen Antworten verleiten lassen und sich der Gruppe gegenüber konform verhalten. Der Fehlerdurchschnitt betrage 4,41 Fehler pro Person, am Häufigsten würden die Versuchspersonen keine Fehler29, drei Fehler17 sowie acht Fehler13 begehen, wobei sechs Personen bei jeder Antwort der einheitlich falsch antwortenden Mehrheit folgen, sich also uneingeschränkt sowie vollständig konform gegenüber der Gruppe verhalten würden (vgl. ebd.).

Aschs Erklärungsansätze beziehen sich auf die qualitativen Auswertungen der nach den Versuchen durchgeführten Befragungen der Versuchspersonen. Eine erste Erklärung findet er in wachsenden Bedenken sowie wachsendem Zweifel seitens der Versuchsperson. So stelle die Versuchsperson ihre ursprünglich getroffene Entscheidung in Frage, werde unsi- cher und gehe davon aus, dass die Mehrheit schließlich Recht haben müsse, obwohl auch daran seitens der Versuchsperson Zweifel beständen - dies halte sie jedoch nicht von grup- penkonformem Verhalten ab (vgl. Asch 1956: 28 ff.). Weitere Erklärungsansätze beschreiben die Infragestellung der persönlichen Wahrnehmung seitens der Versuchspersonen sowie der damit verbundenen Wahrnehmungsanpassung an die Meinung der Gruppe und weiterhin die Vermeidung von Konflikt mit sowie der Differenz zu der Gruppe - zur gleichen Zeit verspüre die Versuchsperson jedoch das Bedürfnis, die ihrer Meinung nach korrekte Antwort zu ge- ben, vermeide dies jedoch, um nicht >anders< zu erscheinen (vgl. ebd.: 31).

Asch versucht ebenfalls, Erklärungen auf das nicht konforme Verhalten sowie die Unabhän- gigkeit von der Gruppe zu erhalten - diese Nonkonformisten kategorisiert er wie folgt. Cha- rakteristisch für die erste Kategorie sei Stärke im Sinne von Selbstsicherheit, welche sich in Unabhängigkeit von der Gruppe äußere und dementsprechend den potentiellen Konflikt mit der Gruppe in Kauf nehme - dabei habe diese Kategorie keinerlei Schwierigkeiten, alleinig eine zu der Gruppe konträre Meinung zu teilen und davon auszugehen, dass alle anderen Gruppenmitglieder falsch lägen (vgl. ebd.: 37). Die zweite Kategorie verfüge zwar über keine Selbstsicherheit innerhalb der Gruppe und hege vielmehr starke innere Zweifel an ihrer eige- nen Einschätzung, verweise jedoch darauf, dass ihre Einschätzung der eigenen subjektiv >richtigen< Wahrnehmung entspreche und sie akzeptiere, wenn sie falsch läge, für die Ergebnisse der Aufgabe jedoch auf ihrer Wahrnehmung beharre und sich dementsprechend nonkonform verhalte (vgl. ebd.: 40).

3.3 Weiterführende sozialpsychologische Erklärungen

Unabhängig von Aschs eigenen Erkenntnissen und Erklärungen sollen nun weitere Autoren angeführt werden, welche sich auf Aschs Ergebnisse, Erkenntnisse oder den generellen Versuchsablauf beziehen, was sich vor allem hinsichtlich der sozialpsychologischen Aspekte als relevant erweisen soll.

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Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656960706
ISBN (Buch)
9783656960713
Dateigröße
933 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299454
Institution / Hochschule
Hochschule RheinMain – Fachbereich Sozialwesen
Note
1,0
Schlagworte
Sozialpsychologie Autorität Konformität Milgram Experimente Stanley Milgram

Autor

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