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Jugendarmut. Ursachen, Dimensionen, Präventionsstrategien und Anerkennung als soziales Problem

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 17 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Terminologie von >Jugendarmut<

3. Gesellschaftliche Ursachen von Jugendarmut

4. Zur Mehrdimensionalität von Jugendarmut - Einkommensarmut als Grund- lage
4.1 Physische und psychische Gesundheit
4.2 Bildung und Arbeitsmarkt
4.3 Sozialhilfeleistungen
4.4 Jugendarmut, Geschlecht und Migration

5. Strategien gegen Jugendarmut - Das Bildungs- und Teilhabepaket

6. Zur Relevanz von Jugendarmut in fachlichen, politischen und gesamtgesell- schaftlichen Kontexten
6.1 Jugendarmut als soziales Problem

7. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Kontext dieser Ausarbeitung stellen sich die Fragen, was Jugendarmut ist, was sie für Poli- tik und Forschung bedeutet, wie sie entsteht, wie sie sich darstellt, welche staatlichen Strate- gien zur Bekämpfung dieser bestehen und ob es sich bei Jugendarmut um ein manifestes oder latentes soziales Problem handelt. Zunächst wird also kurz und prägnant auf die Terminologie von Jugendarmut und in diesem Kontext auf soziale Ungleichheit eingegangen. Anschließend sollen gesellschaftliche Ursachen für die Entstehung und Manifestierung sowie die mannigfal- tigen Dimensionen von Jugendarmut konstatiert werden. Auf letztere wird inhaltlich ein Schwerpunkt gelegt und so werden die Dimensionen von Jugendarmut vor allem hinsichtlich der Aspekte, Gesundheit, Bildung, Sozialleistungen, Geschlecht und Migration erörtert. Darauf folgen die staatlichen Strategien zur Bekämpfung von Jugendarmut in Deutschland. Dies wird speziell anhand des Bildungs- und Teilhabepakets erörtert. In dem nächsten Punkt wird die Bedeutung von Jugendarmut für Politik und Forschung thematisiert und in einem Unterpunkt darauf eingegangen, ob es sich bei Jugendarmut um ein manifestes oder latentes soziales Problem handelt. In einem abschließenden Schritt soll der komplexe und umfangreiche Sachverhalt der Jugendarmut prägnant resümiert werden.

2. Zur Terminologie von >Jugendarmut<

Zunächst ist zu erwähnen, dass speziell für den Terminus >Jugendarmut< keine eindeutige Definition vorzufinden ist. Merten holt definitorisch sehr weit aus und geht einzeln auf die Termini >Armut< und >Jugend< ein, eine prägnante sowie eindeutig formulierte Definition ist jedoch nicht vorhanden. Auch in dem aktuellsten Sammelwerk von Yvonne Ploetz zum Thema Jugendarmut in Deutschland aus dem Jahr 2013 wird auf eine Definition gänzlich ver- zichtet und vielmehr die Vielseitigkeit sowie Mehrdimensionalität von Jugendarmut beschrie- ben. Daher sind für die Ausführungen in dieser Hausarbeit primär die Definitionen von relati- ver Armut sowie dem Lebenslagenansatz in Bezug auf die Dimensionen von Jugendarmut von Relevanz. Relative Armut beziehe sich nach Roland Merten auf den Wohlstand einer Gesellschaft, welcher als Vergleichsmaßstab für die Messung relativer Armut diene und der Lebenslagenansatz charakterisiere sich vor allem durch die Darstellung sowie Ermittlung ver- schiedener Dimensionen von Armut (vgl. Merten 2010: 136). Schniering schreibt hinsichtlich relativer Armut von der Unterschreitung des soziokulturellen Existenzminimums, wozu mate- rielle sowie soziale Faktoren zu zählen seien. Weiterhin attestiert er dem Lebenslagenansatz in Bezug auf die Thematik der Jugendarmut eine wichtige Rolle, da man durch diesen die Lebensbedingungen und Problematiken der Jugendlichen in Bezug auf Armut besser, beziehungsweise mehrdimensionaler beschreiben könne (vgl. Schniering 2006: 10; 15).

Ronald Lutz benennt Jugendarmut als einen Prozess der Erschöpfung und formuliert in Bezug darauf, dass Jugendarmut häufig das Resultat sozialer Ungleichheit sei und dass sich diese kontinuierlich manifestiere. Der Autor erkennt die Ursachen dafür in den Folgen familiärer Armut und erschöpfter Familien. Daraus würden beispielsweise Restriktionen in Bildung oder negative Beeinflussung von Teilhabe der Jugendlichen im Vergleich zu Jugendlichen der mittleren oder oberen sozialen Schichten resultieren. Die soziale Ungleichheit entspreche wei- terhin vor allem der sozialen sowie kulturellen Chancenungleichheit. Außerdem werde diese familiäre Armut aufgrund der Gründung neuer Familien durch die Jugendlichen häufig repro- duziert (vgl. Lutz 2013: 33). Jugendarmut in Deutschland ist also mit einem relativen Ar- mutsverständnis, einer mehrdimensionalen Darstellung sowie mit sozialer Ungleichheit als Resultat dessen zu erklären. Weiterhin interessiert nun, welche gesellschaftlichen Ursachen sich für die Entstehung von Jugendarmut finden lassen.

3. Gesellschaftliche Ursachen von Jugendarmut

Verweist man auf Christoph Butterwegge, stelle vor allem der Globalisierungsprozess sowie damit verbunden die soziale Polarisierung und Prekarisierung eine gesellschaftliche Ursache für Jugendarmut dar. Dies begründet der Autor damit, dass Armut im Kontext dieses Prozes- ses ein Strukturmerkmal für die kapitalistische Marktgesellschaft, den Wettbewerb, das Kon- kurrenzdenken sowie die Unterteilung in Gewinner und Verlierer sei. Konkret konstatiert But- terwegge erstens, dass unbefristete, beziehungsweise Vollzeitarbeitsverhältnisse gegenwärtig immer häufiger durch befristete, beziehungsweise Teilzeitarbeitsverhältnisse ersetzt würden, wodurch man Familien ein gesichertes Einkommen nehme und so letztendlich familiäre Ar- mut entstehe, welche auch Jugendliche betreffe. Zudem würden fehlende Lehrstellen und pre- käre Ausbildungsverhältnisse, wie das kontinuierliche sowie ausschließliche Absolvieren von Praktika, Jugendarmut ebenfalls fördern. Zweitens entständen weniger Steuervorteile für Fa- milien, da die Ehe immer häufiger von anderen Familienformen ersetzt werde, was sich letzt- endlich auch auf die Lebenslagen der Jugendlichen auswirke. Drittens führe der ökonomische Wettbewerb zu einem Abbau von Sicherungselementen für weniger leistungsstarke Arbeits- kräfte, zu welchen vor allem auch Eltern mit mehreren Kindern zu zählen seien. In dem damit verbundenen Potential der Arbeitslosigkeit resultiere dann auch häufig familiäre Armut (vgl. Butterwegge 2013: 63 f.). Weitere Ursachen für die Entstehung von Jugendarmut benennt Butterwegge mit (1) der zunehmenden Polarisierung in Arm und Reich; (2) Der sozialen Segregation von Teilen der Gesellschaft; Sowie (3) der sozialräumlichen Segregation (vgl. ebd.: 65). In diesem Kontext greift der Autor zudem gesondert die sozialpolitischen Reformen der Hartz-Gesetze und deren Bedeutung, beziehungsweise Auswirkung als Ursache gegenwärtiger familiärer Armut sowie Jugendarmut auf (vgl. ebd.: 67 ff.).

4. Zur Mehrdimensionalität von Jugendarmut - Einkommensarmut als Grundlage

Nach Oskamp ergebe sich die Mehrdimensionalität von Jugendarmut durch die individuellen Lebenslagen der betroffenen Jugendlichen (vgl. Oskamp 2010: 128 f.) und nach Benz führe materielle Armut sowie damit verbundene anhaltende Armutsphasen in Kindheit und Jugend zu einer mehrdimensionalen Unterversorgung (vgl. Benz 2012: 439). Folglich wird materielle Armut im Kontext der verschiedenen Dimensionen von Jugendarmut in den jeweiligen Unter- punkten auch immer als Grundlage, beziehungsweise als Ausgangspunkt angeführt.

4.1 Physische und psychische Gesundheit

Als relevante gesundheitliche Aspekte sind zunächst einmal Ernährung und Bewegung festzuhalten. Gerhard Trabert konstatiert in diesem Zusammenhang, „[…] dass bei Kindern und Jugendlichen die von Armut betroffen sind, ein ungünstiges Ernährungsverhalten zu beobachten ist […]“ (Trabert 2013: 225). Er bezieht dies konkret auf die Präferenz und den Konsum bestimmter Lebensmittel, je nach sozialer Herkunft. Ebenfalls sei ein Bewegungsmangel eng mit Armut sowie der sozialen Schicht verknüpft, was man auf die inadäquate Bereitstellung von Sportstätten in sozial benachteiligten Gegenden sowie auf die zu zahlenden Beiträge in Sportinstitutionen und Vereinen zurückführen könne (vgl. ebd.: 225 f.).

Trabert führt außerdem das psychische Wohlbefinden als einen gesundheitsdimensionalen Aspekt von Jugendarmut an. So würden die Rollenfindung und die Identitätssuche den Ver- lauf der Pubertät elementar prägen, was bei gesellschaftlicher Exklusion und Geringschätzung aufgrund von Armut dazu führe, dass die Jugendlichen eine immense psychische Belastung und unter Umständen auch eine psychische Überforderung erfahren würden. Folgen dessen seien mangelnde Aufmerksamkeit, Hyperaktivität, Aggressivität oder Depressionen. Als be- sonders relevanten Einflussfaktor auf das psychische Wohlbefinden benennt er weiterhin Ar- beitslosigkeit, da Erwerbsarbeit mit gesellschaftlicher Anerkennung belohnt werde, bezie- hungsweise bei einem Fehlen dieser in Selbstzweifeln, Identitätskrisen und damit letztendlich in den aufgeführten Folgen resultiere. Den Gesundheitsrisikofaktor Sexualität thematisiert der Autor insofern, als dass Verhütungsmittel als gesundheitspräventive Gegenstände für von Armut betroffenen Jugendlichen finanziell nicht tragbar seien, was beispielsweise dazu führe, dass Kondome aufgrund deren Preis von den Jugendlichen abgelehnt würden (vgl. ebd.: 227- 231). Was dies gesundheitlich alleine in Bezug auf potentielle HIV- Hepatitis- und sonstige Infektionen als Gesundheitsrisiko bedeutet, kann als nicht unerheblich bezeichnet werden. Diese Aspekte lassen sich noch durch die Ausführungen Boos-Nünnings erweitern, welche eine generell schlechtere gesundheitlich Vorsorge sowie Versorgung bei von Armut betroffe- nen Familien sowie deren Kindern attestiert (vgl. Boos-Nünning 2010: 166).

Generell ist zu konstatieren, dass es sich bei Gesundheit als eine Dimension von Jugendarmut handelt, welche auch eng mit anderen Dimensionen verknüpft zu sein scheint, beispielsweise mit Aspekten des Einkommens, der Bildung oder der Erwerbstätigkeit. Geht man nämlich von negativen psychischen Auswirkungen, sozialer Exklusion und Geringschätzung durch die Gesellschaft als Resultate von Arbeitslosigkeit, materieller Armut und damit verbunden mög- licherweise auch fehlender Bildung aus, kann dies eine wechselseitige Wirkung aufeinander nach sich ziehen. Denn wenn Arbeitslosigkeit zu gesundheitlichen Problemen führt, können diese im Umkehrschluss eben dazu führen, keine Arbeit mehr ausüben zu können. Im Folgen- den soll nun auf Bildung und Arbeitsmarkt als eine weitere Dimension von Jugendarmut ein- gegangen werden.

4.2 Bildung und Arbeitsmarkt

Heinz Bierbaum gelangt in seinen Ausführungen zu dem Schluss, dass die Zahl der Arbeitslo- sen in den letzten Jahren zwar kontinuierlich zurückgegangen sei, dass sich im Gegenzug je- doch prekäre Arbeitsverhältnisse sowie Langzeitarbeitslosigkeit manifestieren und deren Zah- len steigen würden (vgl. Bierbaum 2013: 179). Unter prekären Arbeitsverhältnissen versteht der Autor „[…] Arbeit, die schlecht bezahlt ist, unsicher ist und schlechte Bedingungen auf- weist. Dazu zählen Niedriglöhner, Minijobber, befristet Beschäftigte, Leiharbeitnehmer und Ein-Euro-Jobber.“ (ebd.: 180). Er konstatiert zudem, dass speziell die Jugend von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen sei (vgl. ebd.: 181). Diese Thesen lassen sich durch Merten noch erweitern. Er formuliert, dass schulische Leistungen sowie soziale Herkunft in Deutsch- land eng aneinander gekoppelt seien und dass der Übergang in Ausbildungen oder die Er- werbsarbeit durch Bildungszertifikate, also vorrangig Zeugnisse erfolge. Dies könne in Deutschland überdies bisher nicht gelöst werden (vgl. Merten 2010: 141 ff.). Besonders exemplarisch für diese Annahmen erscheinen statistische Erhebungen zu qualifikationsspezi- fischen Arbeitslosenquoten. Aus den Datenerhebungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geht beispielsweise hervor, dass 19% aller Personen ohne Berufsabschluss 2012 arbeitslos waren, bei AbsolventInnen einer Lehre oder fachschulischen Ausbildung liegt die Zahl aller Personen jedoch nur bei 5% (vgl. Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsfor- schung 2013: 3).

Ein weiterer interessanter Aspekt stellt die Jugendarmut im schulischen Bildungsverlauf dar. Schniering schreibt in Bezug darauf von einer Chancenungleichheit je nach sozialer Herkunft, was dazu führe, dass sich Jugendliche in prekären Familienverhältnissen aufgrund der fehlenden finanziellen Ressourcen nicht entsprechende und benötigte Schulmaterialien leisten könnten, wie beispielsweise Schulbücher, Taschenrechner oder Malutensilien (vgl. Schniering 2006: 36 ff.). Gleiches sollte schlussfolgernd auch auf schulisch-fachliche Probleme zutreffen, wenn sich Familien beispielsweise keine Nachhilfe leisten können.

Weiterhin hält der Autor die Vererbung der elterlichen Schulbildung an die Jugendlichen im Sinne einer Reproduktion niedriger Schulbildung als wichtigen Einflussfaktor fest, was der Autor damit begründet, dass sich Eltern wünschen würden, dass ihre Kinder schnellstmöglich einen Abschluss erlangen und erwerbstätig werden, um die finanzielle Belastung der Familie zu mindern (vgl. ebd.: 48). Diese Annahme mag vielleicht auf einige Familien und Jugendli- che zutreffen, dennoch erscheint es ebenso plausibel, dass Eltern Kinder und Jugendliche beim Erreichen des höchstmöglichen Bildungsabschlusses nach Möglichkeit unterstützen, eben um zu vermeiden, dass ihre Kinder die Armut wiederum an deren Kinder weitergeben. Als Resultat der genannten Aspekte gelangt Schniering zu der Schlussfolgerung, dass die schulischen Leistungen aufgrund von Überforderung abnähmen (vgl. ebd.: 65).

Daraus kann bezugnehmend auf die in Punkt 3 formulierten Thesen geschlussfolgert werden, dass im Kontext der Bildung eindeutige Gewinner und Verlierer im Zuge des kapitalistischen Wettbewerbs zu finden sind, nur dass dieser Wettbewerb von Beginn an als ungleich bezeich- net werden kann, wenn man davon ausgeht, dass materielle Armut und prekäre Familienver- hältnisse den Bildungsverlauf Kinder und Jugendlicher maßgeblich beeinflussen.

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Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656961840
ISBN (Buch)
9783656961857
Dateigröße
802 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299453
Institution / Hochschule
Hochschule RheinMain – Fachbereich Sozialwesen
Note
1,0
Schlagworte
Jugendarmut Kinderarmut Armut Soziales Problem Problemsoziologie Armutsdiskurs

Autor

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Titel: Jugendarmut. Ursachen, Dimensionen, Präventionsstrategien und Anerkennung als soziales Problem