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Symptomatik und Diagnostik der Borderline-Persönlichkeitsstörung und die Dialektisch-Behaviorale-Therapie zur Intervention

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 17 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung

3. Symptomatik
3. 1 Psychische Symptome
3. 2 Körperliche Symptome
3. 3 Verhaltensbezogene Symptome

4. Diagnostik nach ICD-10

5. Ätiologie: Das Neurobehaviorale Modell

6. Therapie
6. 1 Die Dialektisch-Behaviorale Therapie
6. 1. 1 Therapeutische Grundannahmen
6. 1. 2 Vorgehensweise
6. 1. 3 Wirksamkeit

7. Fazit

Literatur

Anhang

1. Einleitung

Mit einer Punktprävalenz von 0,8 bis 2 Prozent gehört die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) im klinischen Kontext heute zu den am häufigsten diagnostizierten Persönlichkeitsstörungen. Betroffen sind Männer und Frauen gleichermaßen, allerdings befinden sich lediglich ca. 50 Prozent in psychiatrischer oder psychologischer Behandlung, wobei ca. 70 Prozent der Patienten weiblich sind (Bohus & Schmahl, 2007). In der Heidelberger Schulstudie aus dem Jahr 2007 fanden Brunner et al. heraus, dass sich 6 Prozent weiblicher Schülerinnen bereits im Alter von 15 Jahren regelmäßig selbst verletzen, wobei davon 8 Prozent mindestens einen Suizidversuch begangen haben (Bohus & Schmahl, 2007).

Langzeitstudien ergaben für Borderline-Patienten im Jugendalter jedoch gute Prognosen. In einer Studie von Zanarini (2006) über 12 Jahre zeigte sich, dass sich das Erfüllen der Diagnosekriterien bei Behandlung etwa alle vier Jahre halbiert. Eine frühe Diagnostik sowie Behandlung ist bei Menschen mit einer BPS daher von enormer Bedeutung, um einer Chronifizierung vorzubeugen (Höschel, Pflüger & Bohus, 2009).

Da der Begriff Borderline bis in die 80er Jahre aus verschiedenen psychologischen Perspektiven teilweise unterschiedlich definiert wurde, existieren auch unterschiedliche Modelle bezüglich der Entstehung. In den 90er Jahren wurde den neurobiologischen Einflussfaktoren zunehmend Beachtung geschenkt, jedoch waren die Modelle sehr allgemein formuliert und für ein tieferes Verständnis der BPS zu unspezifisch. Unterschiedliche Forschungsergebnisse zur Ätiologie zeigen heute, dass es den einen Entstehungsfaktor für die Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht gibt (Bohus, 2002). Ausgegangen wird heute viel mehr von dem Neurobehavioralen Modell, welches sowohl genetische als auch psychosoziale Faktoren berücksichtigt.

Im Jahr 1993 veröffentlichte Marsha M. Linehan erstmalig ihr Trainingsmanual zur Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT), welches sie ursprünglich zur ambulanten Behandlung chronisch suizidaler Borderline-Patientinnen entwickelte (Sendera & Sendera, 2007). Da ca. 50 Prozent der Psychotherapien bei störungsunspezifischer Behandlung abgebrochen werden (Bohus & Schmahl, 2006), die DBT jedoch im Allgemeinen bei den Patienten eine hohe Akzeptanz genießt, werden derzeit DBT-Konzepte für spezifische oder komorbide Störungen der BPS entwickelt (Schornstein et al., 2008).

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand der Borderline-Persönlichkeitsstörung zu vermitteln, wobei zunächst die Symptomatik näher beschrieben werden soll. Anschließend wird die Ätiologie auf Basis des Neurobehavioralen Modells beschrieben. Ein besonderes Augenmerk dieser Arbeit liegt auf der Behandlung der BPS mit Hilfe der Dialektisch-Behavioralen Therapie. Abschließend sollen die Ausführungen und die gewonnenen Erkenntnisse dieser Arbeit resümiert werden.

Die verwendete Literatur bezieht sich vor allem auf die Psychiaterin Mary Zanarini aus Belmont, Massachusetts, Marsha M. Linehan, der Entwicklerin der DBT aus Seattle, Washington und Martin Bohus, Professor an der Universität Heidelberg, der im Bereich der Forschung zur BPS im deutschsprachigen Raum maßgeblich beteiligt ist.

2. Begriffsbestimmung

Der Begriff Borderline leitet sich aus dem Englischen ab und bedeutet zu deutsch „Grenzlinie“. Zurückzuführen ist die Bezeichnung auf ihren Namensgeber Adolf Stern, der 1938 die Borderline-Störung in einem Bereich zwischen den neurotischen und den psychotischen Störungen einordnete, da bei dieser Persönlichkeitsstörung Symptome aus beiden Bereichen auftreten können. Das Konzept entstammt ursprünglich der psychoanalytischen Tradition und wurde früher häufig auch als „Hysterie“ bezeichnet (Wiegmann, 2013).

Es handelt sich bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung um ein Störungsbild mit heterogener Symptomatik auf affektiver, behavioraler und interpersoneller Ebene (Renneberg & Seehausen, 2010). Die Kernproblematik wird heutzutage in einer Störung der Emotionsregulation sowie der Impulskontrolle gesehen (Bohus & Schmahl, 2007). Die Betroffenen erleben intensive Gefühle wie Wut, Scham, soziale Zurückweisung, Einsamkeit oder innere Leere, welche die Patienten als inneres Chaos wahrnehmen. Aus diesen Spannungszuständen entsteht das Bedürfnis nach Entlastung: Die BPS äußert sich vornehmlich in selbstverletzendem Verhalten in Verbindung mit impulsiven und aggressiven Reaktionen auf Umweltreize. Außerdem leiden Borderline-Patienten oft unter extremen Ängsten und einem geringen Selbstwertgefühl (ebd.).

Die Ursachen dieser Persönlichkeitsstörung werden meist in einer Kovariation aus Anlage und Umwelt gesehen, wobei Misshandlung, Vernachlässigung oder körperliche Gewalt im Kindesalter eine besondere Rolle spielen (Höschel, Pflüger & Bohus, 2009).

3. Symptomatik

Die Symptomliste bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung umfasst viele Kriterien, die häufig ineinander greifen. Oft ist das zentrale Problem eine Störung der Affektregulation. Subjektiv empfundene Anspannung führt bei den Betroffenen häufig zur Nutzung dysfunktionaler Strategien (z.B. Selbstverletzung), um diese Spannungszustände abzubauen. Außerdem führen aversive Emotionen wie Schuld oder Scham zu Behinderungen von Alltagsbeziehungen (Bohus & Kröger, 2011). Insgesamt sind die Symptome in drei Kategorien zu unterteilen: psychische, körperliche und verhaltensbezogene Symptome.

3. 1 Psychische Symptome

Eine starke Belastung entsteht für Borderline-Patienten durch psychische Symptome, die häufig den Auslöser für weiterführende körperliche oder verhaltensbezogene Symptome darstellen.

Borderline-Patienten zeigen im Allgemeinen eine ausgeprägte Reaktion auf Stimmungen, die sich zum Beispiel in Depressionen, leichter Reizbarkeit oder Ängsten widerspiegelt (Höschel, Pflüger & Bohus, 2009). Grund dafür ist eine sehr niedrige Reizschwelle für interne und externe Ereignisse, die Emotionen hervorrufen. In einer Studie aus dem Jahr 2005 konnten Stiglmayr et al. zeigen, dass Borderline-Betroffene im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe schneller ein frequenziell höheres und länger anhaltendes Level aversiver Spannung erreichen. Dabei sind 39 Prozent dieser Zustände auf Alleinsein, Versagen oder soziale Zurückweisung zurückzuführen. Diese intensive emotionale Erregung tritt häufig in Kopplung mit einer dissoziativen Symptomatik auf. Stiglmayr et al. (2008) fanden zusätzlich heraus, dass das Stresserleben neben Borderline-Patienten auch bei Patienten mit Angststörungen und Depressionen erhöhte Werten der Dissoziation herbeiführt, jedoch bei Borderlinern auch nach Abnahme des Stresses im Vergleich ein erhöhtes dissoziatives Erleben vorherrscht. Damit einher gehen zunächst paranoide Vorstellungen und diverse Identitätsstörungen: die Betroffenen zeigen ein instabiles Selbstbild, eine verzerrte Selbstwahrnehmung sowie eine fehlende Rollenakzeptanz (Höschel, Pflüger & Bohus, 2009; Bohus & Kröger, 2011).

Im Alltag leiden viele Patienten außerdem unter einem chronischen Gefühl der Leere (Höschel, Pflüger & Bohus, 2009), es herrscht eine Ambivalenz zwischen Sehnsucht nach Geborgenheit und gleichzeitiger Angst vor Nähe (Bohus & Kröger, 2009).

Einige Betroffene leiden unter einer komorbiden Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), oft bedingt durch einen sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Diese Patienten klagen häufig über Alpträume, Ein- / oder Durchschlafstörungen und Intrusionen, sogenannten „Flashbacks“ (szenisches Wiedererleben traumatisierender Ereignisse), die häufig als psychotisches Erleben fehldiagnostiziert werden (Bohus & Schmahl, 2006).

3. 2 Körperliche Symptome

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist in erster Linie kein Krankheitsbild, dass sich auffallend äußerlich zeigt. Jedoch ist ein bekanntes Phänomen bei den Patienten die impulsive Selbstverletzung, die zum Abbau subjektiv empfundener Spannungszustände dient. Nicht selten ist es daher der Fall, dass sich Betroffene in Zuständen intensiver emotionaler Erregung dysfunktionale Verhaltensmuster aneignen, die auch für Außenstehende deutlich sichtbar sind: sie fügen sich Verletzungen durch scharfe Gegenstände, zum Beispiel Rasierklingen oder Messer, an Armen oder Beinen zu (sog. „Schneiden“).

Eine weitere Methode um diese Spannungen abzubauen ist für einige Patienten sich mit Zigarettenstummeln an den eben genannten Körperteilen Verbrennungen zuzufügen (Höschel, Pflüger & Bohus, 2009; Bohus & Schmahl, 2007). Möglich, diese Schmerzen auszuhalten, ist dies für die Betroffenen durch eine reduzierte Schmerzintensität. Herpertz berichtet über eine Deaktivierung der Amygdala, die bei Patientinnen mit einer komorbiden Posttraumatischen Belastungsstörung signifikant höher ist (Herpertz, 2011).

Außerdem fanden Frankenburg und Zanarini heraus, dass ein erhöhter BMI bei Borderline-Patienten signifikant mit Selbstverletzungen einher geht (Frankenburg & Zanarini, 2011).

3. 3 Verhaltensbezogene Symptome

Am deutlichsten lässt sich die Symptomatik der Borderline-Persönlichkeitsstörung an spezifischen Verhaltensmustern erkennen.

Aufgrund einer Störung in der Emotionsregulation haben Borderline-Patienten oft Schwierigkeiten ihre Wut zu kontrollieren, was sich häufig in unangemessenem Verhalten zeigt. Ihre Verzweiflung drücken die Betroffenen durch Suizidandrohungen, selbstverletzendem Verhalten oder gar wiederholten suizidalen Handlungen aus. Höschel, Pflüger und Bohus berichten über eine Quote von 7 – 10 Prozent vollendeter Suizide (Höschel, Pflüger & Bohus, 2009)

Desweiteren zeigen sich die dysfunktionalen Verhaltensmuster auch auf anderen Ebenen: die BPS zeichnet sich unter anderem durch ein extremes Hochrisikoverhalten aus, das sich zum Beispiel im Balancieren auf Brückengeländern, Autobahnrasen oder riskantem Sexualverhalten äußert. Viele Betroffene neigen auch zu impulsivem Geldausgeben und Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie (Bohus & Schmahl, 2007). Eine Langzeitstudie über 10 Jahre belegte zwar, dass die Prävalenz von Anorexie, Bulimie und weiteren, nicht näher definierten Essstörungen, mit der Zeit abnimmt, jedoch bei Patienten mit BPS im Vergleich zu Patienten mit anderen Störungen der Achse 2 signifikant höher ist (Zanarini, et al., 2010).

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Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656959632
ISBN (Buch)
9783656959649
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299394
Institution / Hochschule
MSB Medical School Berlin - Hochschule für Gesundheit und Medizin – Institut für Psychologie
Note
1,0
Schlagworte
symptomatik diagnostik borderline-persönlichkeitsstörung dialektisch-behaviroale-therapie intervention

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Titel: Symptomatik und Diagnostik der Borderline-Persönlichkeitsstörung und die Dialektisch-Behaviorale-Therapie zur Intervention