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Grundlagen zum Begriff des Mythos in der "Dialektik der Aufklärung" von Theodor W. Adorno

Essay 2003 7 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Im Benin gibt es einen Mythos zur Erklärung pflanzlicher Heilkräfte:

„ Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde wurde von den Pflanzen bewohnt und von Lissa dem Kamelion. Das das Leben repräsentiert“.

Lissa hatte aber kein Geschlecht.

Eines Tages versammelte Gott seine Kinder des Himmels und bat Sie etwas zu unternehmen, damit er die Erde mit Hilfe Lissas bevölkern könne durch Lebewesen. Ogou der Gott des Eisens machte einen Schnitt zwischen die Beine von Lissa und schuf so die ersten Geschlechtsteile.

Gott zeugte nun mit Lissa viele Nachkommen. Unter den Kindern war Dan, die Schlange.

Als Lissa alt und krank wurde und Ihre Kräfte jeden Tag etwas mehr nachließen begab sich dann in den Busch, pflückte einen Zweig, verpflocht ihn mit anderen Zweigen, ging um ihn herum, kehrte nach Hause zurück und rieb damit Lissa den ganzen Körper ab. Daraufhin erholte sich Lissa und gewann ihre Gesundheit zurück.

Es ist seither, daß die Pflanzen ihre heilenden Kräfte haben“ (Pollach).

Eine der Hauptthesen in der „Dialektik der Aufklärung“ lautet:

„...schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück (6)“.

Was aber verstehen Horkheimer und Adorno unter diesem zentralen Begriff vom Mythos?

„Als Grund des Mythos hat sie (die Aufklärung) seit je den Anthropomorphismus, die Projektion von Subjektivem auf die Natur aufgefaßt (1)“. Alles, was in der mythischen Realität auftritt soll aus Projektionen des Menschen bestehen. Geister, Dämonen, magische Rituale oder mythische Gestalten seien Ausgeburten der Gedanken, Ängste und Befürchtungen der Menschen, „Ausgeburten“der Individuen.

Darüberhinaus wollte„der Mythos berichten, nennen, den Ursprung sagen: damit aber darstellen, festhalten, erklären (14)“.

Ein für Horkheimer und Adorno im Zentrum des Mythos liegender Begriff (wie auch im Zentrum der Aufklärung liegender Begriff) ist die Angst, die Furcht (22). Im Mythos geht es um eine Bannung der Angst; es geht darum, wie die Götter die Furcht vom Menschen nehmen könnten, wie das Furchterregende verständlich gemacht, erklärt, in Ketten gelegt, eben gebannt werden kann.

Der Mythos wird als Bericht eines Geschehens vorgestellt, welches nachvollziehbar sein soll um uns ferner als Erklärung, als Lehre dienen zu können, verfeinert niedergelegt in den Epen der Völker (Odyssee, Antigone, Gilgamesch, Osiris, Artussage etc.).

Mythos und Aufklärung verfolgen das Ziel „von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen (9)“, wenn auch im Mythos noch nicht explizit auf den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, also aus dem „Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen (88)“.

Der klassische Mythos anerkennt noch keine „Anschauungsformen von Raum und Zeit“.

Mythen sind noch Bilder für die Natur, die aus ihr stammenden Ängste der Menschen und deren Furcht vor dem sonst Unerklärlichen (23).

Der Mythos dient in der „Dialektik der Aufklärung“ als Vorläufer der Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft, jedoch muß noch jede erklärende Tat „Buße dafür tun, daß sie geschah (18)“. Er bleibt in seiner Exaktheit noch zweifelhaft, denn „ die falsche Klarheit ist nur ein anderer Ausdruck für den Mythos. Er war immer dunkel und einleuchtend zugleich. Seit je hat er durch Vertrautheit und Enthebung von der Arbeit des Begriffs sich ausgewiesen (4)“.

Der Mythos ist die bildreiche Beschreibung und Erzählung des gemeinsamen Glaubens einer Gemeinschaft in den wesentlichen Dingen die Welt, das Leben und die Götter betreffend. Ein Codex, der vorgibt was zu glauben, zu denken und zu tun ist. Der Mythos wird seit Urzeiten „unreflektiert, gläubig und blind“ aus der gemeinschaftlichen Überlieferung übernommen und ohne das „methodische Moment des Zweifels, des Beweisens und Begründens“weitergegeben (Hirschberger).

Dies wäre eine allgemeine, weitgefasste Definition des Begriffs „Mythos“ sowohl für die Frühzeit des Abendlandes, als auch für viele heute noch in mythischer Zeit lebende Gesellschaften, in denen der Mythos noch eine tief empfundene Realität des traditionellen Lebens ist; eine Kraft, die letztlich von Gott abstammt, die in viele Bereiche des täglichen Lebens hineinspielt ,deren äußeres Kennzeichen Riten, Amulette, Fetische(?) und Zeremonien sind und zu der der Zugang hierarchisch geregelt ist (Mbiti und Frobenius).

Auf einige weitere Aspekte des Mythos wird aus verschiedenen Forschungsperspektiven hingewiesen.

Religionsgeschichtler meinen, daß Mythen Ereignisse außerhalb der historischen Zeit berichten, die sich auf „Taten und Handlungen der Götter“ beziehen, bei denen es nur insofern um den Menschen geht, als Ihn die göttlichen Taten einbeziehen.

„Der Mythos...objektiviert, was niemals ein objektiv feststellbares Weltphänomen sein kann:

Gott“.

Viele uns geläufige Mythen handeln von Schöpfungsgeschichten (wie beispielsweise die Bibel) oder den Taten großer Personen (David, Salomon, Minotaurus) mit zumindest fraglichem historischen Kern.

Dies ist jedoch nicht unabdingbar, wie Lévi-Strauss zeigt indem er sich mit den Mythen geschichtsloser (und oft auch schriftloser) Völkern Südamerikas beschäftigt.

Der Strukturalist Lévi-Strauss weist auch auf die ethische Dimension des Mythos hin, die es ermöglicht „nicht auflösbare Widersprüche zu ertragen und damit auch das Andere und den Anderen anzuerkennen“

Den Strukturalisten ist der Mythos zwar noch ein System von Mitteilungen, jedoch ohne konkrete inhaltliche Bedeutung der einzelnen Objekte des Mythos. Sie werden austauschbar und der Mythos kann sich in der Folge, wie Roland Barthes meinte auf alle Bestandteile eines Diskurses beziehen; der Mythos kann „kein Begriff oder eine Idee sein...er ist eine Weise des Bedeutens, eine Form“. Es gäbe keine inhaltlichen, sondern nur noch formale Grenzen für das, was zum „mythischen Objekt“ werden kann.

Hier kommen wir zurück zur „Dialektik der Aufklärung“. Denn nach Geyer spricht in der Gegenwart der Mythos nirgendwo lauter als dort, wo das unaufhaltsame Fortschreiten von Aufklärung zum Glaubenssatz wird“, so daß nach Habermas „Technik und Wissenschaft Ideologie“ sind „und als solche die Mythen der Gegenwart.

Ein anderer, wichtiger, in enger Beziehung zum Mythos stehender Begriff ist das „Tabu“.

Es kommt in der „Dialektik der Aufklärung“ nicht sehr häufig vor, ist vom Mythos jedoch kaum abzutrennen und findet sich denn auch an prominenter Stelle

„Aufklärung ist die radikal gewordene mythische Angst...Es darf überhaupt nichts mehr draußen (d.h.unbekannt) sein, weil die bloße Vorstellung des Draußen die eigentliche Quelle der Angst ist“. Das Verbot des Unbekannten ist ein gleichsam universelles Tabu (22)“.

[...]

Details

Seiten
7
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783656961628
ISBN (Buch)
9783656961635
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299225
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Philosophie
Note
1,5
Schlagworte
Adorno Mythos Tabu Mana Angst

Autor

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Titel: Grundlagen zum Begriff des Mythos in der "Dialektik der Aufklärung" von Theodor W. Adorno