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Pierre Bourdieu 'Über das Fernsehen'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 21 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Kurze Einführung

2. Pierre Bourdieu: Über das Fernsehen
2.1 Zensur
2.2 Die Themenauswahl
2.3 Ökonomie im Fernsehen
2.4. Die Akteure
2.5 Die Rolle des Fernsehens

3. Lebensstile durch Werbung

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Bedeutung und die Wirkung, die dass Medium Fernsehen heutzutage im alltäglichen Leben hat, kann auf unterschiedliche Weise analysiert werden. Eine Herangehensweise wäre die Betrachtung der Funktion von Fernsehen für das Individuum. Beschränkt man die Funktion des Fernsehens auf zwei Aspekte, ist da auf der einen Seite der Unterhaltungssektor und auf der anderen Seite der Informationsbereich festzustellen. Themenschwerpunkt dieser Hausarbeit ist die Analyse der Funktion des Fernsehens als Informationsmedium. Das klassische Medium der Informationsvermittlung, die Zeitung, hat seine zentrale Stellung bei der Informationsbeschaffung verloren. Lasen 1985 noch insgesamt 73% einer Befragungsgruppe Zeitung, waren es 1995 nur noch 68%. Der Konsum an Fernsehen nahm in der gleichen Zeit um 9% zu, von 72% 1985 auf 81% 1995. Dabei gaben 81% dieser Gruppe an, Fernsehen als Informationsquelle zu nutzen, 87% zu Unterhaltungszwecken. Während sich der Zeitaufwand bei den Informationsnutzern nur leicht zwischen 1985 und 1995 erhöht hat, von 121 min. auf 123 min. am Tag, gab es vergleichsweise große Zuwachszahlen bei den Unterhaltungsnutzern, von 126 min auf 172 min. am Tag. Im Jahr 2001 hat sich der Zeitaufwand noch mal erhöht, und zwar auf 190 min. Die Bedeutung die das Fernsehen in den letzten Jahren erfahren hat, sowohl zu Unterhaltungszwecken als auch zur Informationsbeschaffung, lässt sich an folgendem Sachverhalt verdeutlichen. 59% der Befragten gaben an, dass ein Fernseher für sie zu einem angemessenen Lebensstandard dazu gehören würde. Nur ein Telefon (74%) und eine warme Mahlzeit am Tag (87%) rangieren vor einem Fernseher.

Wie erklärt sich dieser Zuwachs? Der zunehmende Einfluss des Fernsehens, z.B. als Medium der Informationsbeschaffung, kann einerseits durch die zeitnahe Übermittlung von als wichtig angesehenen politischen oder gesellschaftlichen Themen erklärt werden. Dabei verbindet sich mit der Funktion der Aktualität auch noch der Aspekt der Visualisierung der Nachricht, welche in diesem Umfang durch das Radio nicht angeboten werden kann. Der Konsument oder Empfänger einer Nachricht erhält nicht nur die Information sondern wird zusätzlich direkt mit Bildern und Tönen versorgt. Welche als Verstärker fungieren können. Des weiteren gelang es durch technologische Weiterentwicklungen einen hohen Verbreitungsgrad zu erreichen, da die Anschaffung eines Fernsehers schnell für viele finanzierbar wurde. Damit verbindet sich auch ein Zuwachs an Ansehen für das Fernsehen als potentieller Absatzmarkt für die Werbeindustrie. In diesem Zusammenhang steht die zunehmende Anzahl von Sendern, besonders im privaten Bereich, die auf die Finanzierung durch Werbung angewiesen sind. Der vergleichsweise leichte und unkomplizierte Umgang mit dem Fernsehen, ermöglichte es diesem Medium als eine wichtige Quelle der Informationsverbreitung aufzutreten.

Nicht ohne Grund werden die Medien in Allgemeinen daher als die vierte intermediäre Macht bezeichnet, die neben der Politik, den Gewerkschaften oder sozialen Verbänden, aktiv bei der Produktion von Meinungsbildern beteiligt sind bzw. für deren Verbreitung sorgen. Durch diese Funktion erhalten die Medien eine besondere Verantwortung innerhalb der Gesellschaft, die wiederholt in der Geschichte aber auch in aktuellen Zusammenhängen ausgenutzt wurde um Propaganda zu betreiben. Beispielhaft für diesen Sachverhalt kann die Propagandamaschine der Nationalsozialisten angeführt werden, deren Ausmaß sicherlich die Spitze von Manipulation und Suggestion darstellt.

Zentrale Frage in diesem Kontext ist die nach der Wirkung und Gestaltung von Nachrichtenthemen. Welche Aspekte verbinden sich mit Nachrichten? Warum wurden sie ausgewählt oder welche Absicht verbirgt sich hinter der Ausstrahlung?. Dieser Problematik hat sich Pierre Bourdieu in seinem Buch „Über das Fernsehen“ angenommen. Es ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen, in dem die verschiedenen Facetten der Nachrichtengestaltung, Themenauswahl und Präsentation analysiert werden.

Zu Beginn der Arbeit werde ich zentrale Aspekte der bourdieuschen Theorie vorstellen. Diese sollen den weitern Verlauf der Arbeit einleiten. Im zweiten Teil werden die wichtigsten Aussagen von Bourdieu über die Funktion, Bedeutung und Auswirkung von Fernsehen dargestellt. Zentral bei dieser Analyse ist die Aufdeckung der Mechanismen, die auf die Themenauswahl von Nachrichten oder Talksshows Einfluss nehmen. Im dritten Teil möchte ich auf eine spezifische Variante der massenmedialen Beeinflussung eingehen, der Werbung. Die Wirkung der Werbung ist insoweit relevant, da sich m.E. nach Aspekte der Webeindustrie und deren Zielsetzung auch bei der Gestaltung von Nachrichtensendungen wiederfinden lassen. Abschließend werde ich eine mögliche Interpretation der gewonnen Erkenntnisse vorstellen.

1. Kurze Einführung

Für den Gesamtzusammenhang scheint es mir sinnvoll, kurz auf die Begriffe Lebensstile und Habitus einzugehen. Diese haben eine zentrale Stellung in der bourdieuschen Theorie und bieten einen guten Einstieg in das Thema.

Bourdieu bezieht sein Modell theoretisch auf Max Webers Unterscheidung zwischen der ökonomisch definierten Klasse und dem über Lebensführung, Erziehungsweise, Abstammungs- oder Berufsprestige definierten Stand und versucht diese Unterscheidung wieder aufzuheben.[1]

Dabei bezieht sich Bourdieu auf den von Karl Marx eingeführten Klassenbegriff, erweitert ihn aber in Richtung Lebensstile, behält aber grundsätzlich dessen Analyse der Determination der menschlichen Lebensverhältnisse durch die ökonomischen Rahmenbedingungen bei. „Kapital ist akkumulierte Arbeit entweder in Form von Materie oder in verinnerlichter inkorporierter Form“.[2] Inkorporation ist die latente Verinnerlichung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Personen und Dingen. Diese bildet die Basis für den dauerhaften Bezug des Individuums zur Welt, nicht zuletzt hinsichtlich des physischen wie zeitlichen Raumes, den man sich selbst in dieser Welt zugesteht.[3] Der Schwerpunkt bei der Inkorporierungsthese liegt auf den Sozialisationsprozess.

Um die Wirkungsform und das Ausmaß der Inkorporierung zu fassen, definiert Bourdieu vier Kapitalarten als Merkmale der verinnerlichten gesellschaftlichen Verhältnisse. Welche vom Individuum herangezogen werden um sich zu definieren, zu agieren bzw. um überhaupt Verhaltens- oder Denkmuster zu produzieren. Der Kapitalbegriff wird bei Bourdieu in die Bereiche ökonomisches (Geld), soziales (Herkunft) und kulturelles (Sprache, Umgang, Manieren) Kapital aufgegliedert. Alle drei Kapitalformen zusammen ergeben das symbolische Kapital, mit Hilfe dessen sich ein Individuum repräsentieren bzw. definieren, also einen distinktiven Lebensstil verkörpern kann.

Als Übergeordnetes Deutungsschema, in welches m.E. das symbolische Kapital einfließt, zieht Bourdieu das Habitus-Konzept heran, welches es den Individuen ermöglicht sich einer Gruppe zuzuordnen oder sich gegen sie abzugrenzen. Der Habitus ist nicht nur die Voraussetzung zur Erzeugung angemessener Praxisformen, sondern ist die Grundlage des Verstehens überhaupt. Der Habitus ermöglicht eine spontane unproblematische Kommunikation zumindest zwischen denen, die ähnliche Lebensbedingungen erfahren haben.[4] Eine Interaktion zeichnet sich nach Bourdieu dadurch aus, dass sich die Individuen nicht als solche gegenüber treten, sondern als Vertreter von gleichwertigen oder unterschiedlichen sozialen Positionstypen. Dieser ermöglicht den Interaktionspartnern gegenseitig Hinweise für ihr Verhalten zu erhalten, so dass sie sich, ihrer sozialen Stellung entsprechend, sich annähern oder distanzieren können.[5] Dabei sondiert das Individuum ständig in ähnliche, über- oder unterlegene Ausdrucks- und Verhaltensformen. Maßstab dafür sind die eigenen Gewohnheiten, Geschmacksurteile oder Selbstdarstellungsmittel.[6] Der Habitus ist somit ein fortwährend aktives und präsentes Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata und stellt so ein System von Grenzen, sowohl der Wahrnehmung, Gedanken, Vorstellungen als auch der praktischen Handlungen dar.[7]

Die Bedeutung der Lebensstile leitet Bourdieu aus der Entwicklung des Habitus-Konzeptes ab. Dies geschieht im Sinne einer Verankerung von objektiven Merkmalen der sozialen Lage im Subjekt (Inkorporierung) und des mehr oder weniger bewussten subjektiven Ausagierens solcher differenten Merkmale (Habitus) in Stilisierung des Lebens (Lebensstile).[8] Lebensstile sind somit nicht bloße individuelle Erlebniswelten, sondern weiterhin Reproduktionsmedien sozialer Ungleichheit. Lebensstile verkörpern unterschiedliche Mengen und Formen symbolischen Kapitals (Anerkennung, Prestige, Ehre, Reputation) und werfen in den verschiedensten sozialen und kulturellen Kontexten Distinktionsgewinne unterschiedlicher Höhe ab.[9] Dies kann sowohl bei der „subjektiven“ Wahrnehmung als auch bei der „objektiven“ Anerkennung von bestimmten Lebensstilen zu sozialer Diskriminierung aufgrund von Fremd- oder Selbstverortung führen. Lebensstile helfen sich in einer komplexen Sozialstruktur zurecht zu finden, gleichzeitig definieren sie die Stellung des Individuums in der Gesellschaft.

Für den Kontext dieser Arbeit ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass Lebensstile als Muster zur Alltagsorganisation im Rahmen einer gegebenen Lebenslage, eines Handlungsspielraums oder Lebensentwurfs herangezogen werden. In gewisser Weise ermöglichen Lebensstile erst das Handeln von Individuen bzw. geben Verhaltenmuster vor. Der Zusammenhang mit den Medien, der im weiteren Verlauf dieser Arbeit diskutiert werden soll, wird durch deren Fähigkeiten und Möglichkeiten der Inszenierung und Vermittlung von produzierten Realitäten bestimmt. Von den Konsumenten werden jene Medien ausgewählt und herangezogen, die Hilfe bei der Alltagsbewältigung in Aussicht stellen, d.h. bewusst oder unbewusst nehmen die Medien Einfluss auf den Identitätsaufbau bzw. die Identitätssicherung.[10]

Dies wirft die Frage auf, welches Bewusstsein der eigenen Verortung im sozialen Raum haben Menschen, und ist dies noch konstitutiv für eine in diesem Sinne distinktive Lebensführung oder sind diese schon durch Medien geprägt?[11]

[...]


[1] vgl. Fröhlich, 1994, S.43

[2] Bourdieu, 1983, S.183

[3] vgl. Fröhlich, 1994, S.40

[4] vgl. Janning, 1991, S.36

[5] vgl. Janning, 1991, S.36

[6] vgl. Janning, 1991, S.41

[7] vgl. Fröhlich, 1994, S.38

[8] vgl. Fröhlich/Mörth, 1994, S.12

[9] vgl. Fröhlich/Mörth, 1994, S.24

[10] vgl. Fröhlich/Mörth, 1994, S.19

[11] vgl. Fröhlich/Mörth, 1994, S.10

Details

Seiten
21
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638313148
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29918
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Soziologie
Note
1
Schlagworte
Pierre Bourdieu Fernsehen

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Titel: Pierre Bourdieu 'Über das Fernsehen'