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Emblematik und Motive in Gryphius' "Catharina von Georgien oder Bewehrete Beständigkeit"

Seminararbeit 2015 26 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Literaturgeschichtlicher Kontext

3. Gestaltung
3. 1. Gattung und Figurenkonstellation
3. 2. Aufbau

4. Leitmotive
4. 1. Prolog und das Vanitas-Motiv
4. 2. Beständigkeit und Stoizismus
4. 3. Catharina als politische und christliche Märtyrerin
4. 4. Liebe als Leitmotiv
4. 5. Gewaltdarstellung

5. Emblematik und Symbole
5. 1. Religion
5. 2. Körperlichkeit
5. 3. Das Emblem der Rose und des Schiffes
5. 4. Imitatio Christi

6. Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis

Abstract

HYBEN, Ľubomír: Emblematik und Motive in Gryphius´ Catharina von Georgien oder Bewehrete Beständigkeit. [Seminararbeit]. Universität Wien. Philologischkulturwissenschaftliche Fakultät; Masterstudium Deutsche Philologie.

Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit Motiven und Embleme und ihrer literarischen Darstellung im Drama Catharina von Georgien von Andreas Gryphius. Der Zentralpunkt liegt in der Analyse der Motive und Embleme im Drama. Des Weiteren werden die verschiedenen Manifestationen dieser Motive verglichen. Ich habe versucht die Frage zu beantworten, welche Motive Gryphius verwendet und welche Funktion sie haben, was genau Emblematik bei Gryphius bedeutet, wie sie dargestellt wird und warum ausgerechnet sie das barocke Drama so stark prägt und diesen Autor so einzigartig macht.

Stichwörter: Drama, Emblem, Symbol, Märtyrertum, Beständigkeit, Stoa.

1. Vorwort

Andreas Gryphius verkörpert den deutschen Shakespeare des schlesischen Dramas der Barockzeit. Dank seiner vielfältigen Darstellung erlebte nicht nur sein dramatisches, sondern auch lyrisches Werk im Barock eine Blütezeit. Die Grundlage der Dramen bilden geschichtliche Ereignisse aus verschiedenen Zeitepochen, doch der Stoff fürs Drama Catharina von Georgien oder Bewehrete Beständigkeit lag zu diesem Zeitpunkt nur einige Jahrzehnte zurück.1 Bereits der Titel des Dramas verrät dem Leser, dass es sich um eine Tragödie handeln muss, deren Stoff Gryphius aus einer wahren Begebenheit aus dem Jahren 1624 aus dem Konflikt zwischen Georgien und Persien schöpft. Mit seinem zweiten Drama und zugleich seinem ersten Märtyrer-Trauerspiel gelingt es Gryphius, den Stoff der Politik und der Religion in eine Entgegensetzung zu bringen, was für diese Epoche einen fundamentalen Kunstgriff bedeutet, da die barocke Literatur von den grauenvollen Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges geprägt wurde. Bereits durch den Prolog der Ewigkeit mahnt Gryphius vor der Nichtigkeit und der zerstörerischen Macht des Krieges. Das Bild des Krieges und das danach anhaltende Elend der Bevölkerung sind nicht das eigentliche Thema des Dramas. Gryphius verbindet mehrere Motive, die einen Bestandteil der Tragödie machen, jedoch geht es zugleich auch um andere Stoffe, die sowohl in der Lyrik, als auch in der Epik immer wieder thematisiert werden.

In diesem Drama korrelieren mehrere Aspekte, die es besonders einzigartig machen. In erster Linie ist es das Märtyrertum, das in diesem Zeitraum keine Besonderheit darstellt und immer wieder thematisiert wird. Die weibliche Herrscherin opfert ihr Leben, indem sie ihr Volk samt ihrem Sohn durch ihren eigenen grausamen Märtyrertod rettet. Dadurch behält sie ihre Beständigkeit gegenüber dem christlichen Glauben, was auch ein wichtiges Leitmotiv des Dramas darstellt und was man auch bereits im Titel des Dramas ablesen kann. Das zweite Motiv ist die Liebe und die krankhafte Besessenheit Schah Abbas´, der durch das Ablehnen Catharinas aus Frust und Erniedrigung ihren Tod in Kauf nimmt. Dieses kann wiederum auch als ein politischer Konflikt zwischen den verfeindeten Ländern des jeweiligen Herrschers gedeutet werden. Eine wichtige Instanz des Dramas sind auch verschiedene Symbole, mit denen Gryphius ganz genau arbeitet und die auch in den restlichen Dramen ihren Platz finden.

2. Literaturgeschichtlicher Kontext

Wie bereits im Vorwort erwähnt wurde, handelt es sich um ein Drama, das auf einer wahrhaften Begebenheit beruhend nach mehr als dreißig Jahren verfasst worden ist. Ketevin von Georgien war Königin von Georgien, Urenkelin des Kaisers Konstantin von Kartlien gewesen. Nach dem Tod ihres Mannes David hatte Ketevin viele Kirchen, Klöster und Krankenhäuser erbaut, weshalb sie in der russisch-, als auch in der georgisch- und armenisch-orthodoxen Kirche als Heilige gepriesen und angebetet wird.2 Der Schah Abbas, der mit dem christlich geprägten Land verfeindet gewesen war (es ist bekannt, dass Armenien und Georgien die ersten Länder waren, die kurz nach der Kreuzigung Christi christianisiert und somit zu den ersten christlichen Ländern in der Welt wurden), hatte gedroht, er würde Georgien ruinieren, deshalb war Ketevin mit Geschenken nach Persien gegangen um mit Schah Abbas Frieden zu schließen. Sie wurde jedoch eingesperrt und der Schah hatte ihr nach zehn Jahren Haft versprochen sie zur Königin zu machen, wenn sie ihn heiratet und zum Islam konvertiert. Ketevin hatte abgelehnt, danach wurde sie mit glühenden Eisenstangen zu Tode gefoltert und war 1624 in persischer Gefangenschaft gestorben. Am 13. September wird in der georgisch-orthodoxen Kirche die heilige Liturgie zur Märtyrerin Ketevin abgehalten.3

Die wahrhafte Begebenheit liegt der literarischen Darstellung im Drama sehr nah, doch die echten Motive des Mordes an Catharina bleiben umstritten und es ist diskutabel, ob als Hauptmotiv Besessenheit, Rachsucht, verletzte Eitelkeit oder religiöser Fanatismus von Schah Abbas gedacht waren. Selbst das Drama bietet uns mehrere Möglichkeiten, wie die Grausamkeiten, die an Catharina verübt worden waren, interpretiert werden können. Es ist allerdings das erste Mal, dass die Szenen des Märtyrertodes so genau geschildert werden, und diese Darstellungen gelten als die brutalsten, die uns die deutsche Barockliteratur bietet. 4 Diese wurden auch auf der Bühne mit großer Intensität inszeniert, was für die Barockzeit nicht unüblich war.

3. Gestaltung

3. 1. Gattung und Figurenkonstellation

Bei der Zuordnung dieses Dramas einer konkreten Gattung stoßen wir auf ein Problem. Der Teil des Titels Bewehrete Beständigkeit verweist auf eine Tragödie und selbst Gryphius nennt das Stück Trauer-Spiel, doch die Vielfältigkeit des behandelten Stoffes im Drama bietet uns mehrere Gattungszuordnungen an.

Die erste mögliche Zuordnung besteht im Märtyrerdrama. In dieser Gattung stehen meistens zwei Figuren gegeneinander, wobei der eine ein Protagonist, und der andere ein Antagonist ist. Es kommt oft vor, dass gegenüber dem Protagonisten auch eine größere Masse steht, die mit einer führenden Figur ausgestattet ist. „Catharina von Georgien verkörpert dabei das rechte christlich-stoische Verhalten, indem sie sich unter heroischer Überwindung der weltlichen Angst zur Weltverachtung durchringt. Im Martyrium bewahrt sie sich ihren Glauben […]. Diesem Musterbeispiel an constantia ist Chach Abas gegenübergestellt […].“5 Die Gegenüberstellung hat hier nicht nur den kämpferischen, sondern auch politischen und intimen Hintergrund zwischen den beiden Figuren. Catharina steht vor Schach Abbas nicht nur als seine politische Gegnerin, sondern auch als die Frau, die er begehrt. Gryphius lässt Schach Abbas als einen orientalischen Despoten und Tyrannen auftreten und externalisiert damit einen Konflikt, der schon damals als eine drohende Möglichkeit in der europäischen Staatsordnung der Frühen Neuzeit angelegt ist.6 Der Tyrann ist Sklave seiner eigenen Affekte und infolge dessen kann er nicht rational denken. Der Märtyrerheld wiederum ist im Gegensatz zum Tyrannen beständig und frei von jeglicher Rachsucht oder Habgier. Da Catharina sich nach der christlichen Lehre richtet, verzeiht sie ihrem Peiniger, was sie mit der Ähnlichkeit Christi assoziiert. Trotz des tragischen Todes ist am Ende die Catharina die Siegerin und „am Ende des Stückes zeigt sich, dass die göttliche providentia letztlich Catharina den Weg zur Märtyrerkrone und zur ewigen Erlösung weist […].“7 Ein Merkmal des Märtyrerdramas ist auch ein Blick über die Grenzen des Irdischen des Märtyrerhelden. Die erste wichtige Textstelle mit dieser Komponente wird von Catharina selbst geboten, wo sie ihr Leiden voraussehen kann: „ […] diß mein geaengstet Haupt mehr als gewoehnlich drueckte / biß mir das klare Blut von beyden Schlaeffen lif […]“ (S. 27, V. 334-335). Die zweite wichtige Stelle mit diesem Charakter finden wir auch am Ende des Dramas, wo Catharina bereits nach ihrem Tod Schah Abbas erscheint und ihm sein Verderben vorhersagt.

Einen anderen Ansatz bietet die Gattung Geschichtsdrama. Bei diesem Dramentyp liegt der Schwerpunkt bei einem nennenswerten, zeitgeschichtlichen Ereignis, welches im Stück behandelt wird. In Catharina von Georgien sind es gleich zwei solche Ereignisse, die vorhanden sind. Es kann hier der Märtyrertod der georgischen Königin genannt werden, doch allegorisch gesehen können wir auch die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges in Betracht ziehen. Die Religion als eine geschichtliche Komponente spielt in den literarischen Werken eine bedeutende Rolle. Im Stück geht es um eine Entgegensetzung des Christentums und Islams als zwei sich gegenseitig bekämpfenden Rivalen, die eine Symbolik des Katholizismus und Protestantismus und ihre Rolle im Dreißigjährigen Krieg in sich tragen. Eines der wichtigsten Merkmale des Geschichtsdramas beruht darin, dass die Eigenschaften des Antagonisten, in diesem Fall diejenigen von Schah Abbas, explizit vorgeführt werden, indem er als blutrünstig, unversöhnlich, haltlos und machtversessen vorgestellt wird und am Ende seine gerechte Strafe bekommt.8 Nach Lohensteins Anmerkungen zum Trauerspiel Ibrahim Sultan war Schah Abbas nicht ganz so grausam, wie es Gryphius in dem Drama darstellt. „Abbas scheint nach diesem Porträt als kluger Reformpolitiker, der sich aktiv um eine Versöhnung der Konfessionen bemühte.“9 Es ist daher anzunehmen, dass Gryphius absichtlich seine literarische Figur so gestaltet, damit sie keinerlei Sympathien beim Leser gewinnt und zugleich dem Modell des Geschichtsdramas entspricht und nicht als ambig erscheint.

3. 2. Aufbau

Das Drama besteht aus einer Vorrede an den Leser, einer kurzen Inhaltsangabe, einer weiteren Inhaltsangabe der einzelnen Abhandlungen, einer Vorstellung der Figuren und den eigentlichen fünf Abhandlungen des Dramas. Das Drama ist nach antikem Vorbild stringent, pyramidal aufgebaut, wobei die drei Einheiten der Zeit, des Ortes und der Handlung eingehalten werden. Die zielgerichtete Anlage der Handlung deutet auf ein grausames Ende der Protagonistin hin, was man bereits aus dem Titel des Dramas herauslesen kann. Im Laufe des Dramas entwickelt sich eine Lehre, bzw. eine Belehrung, die in der Überlegenheit des Überirdischen und Ewigen über das Irdische beruht. Der Reyen kommt am Ende fast jeder Abhandlung zum Ausdruck; die Ausnahme ist nur die fünfte Abhandlung, die mit dem Erscheinen Catharinas endet. Der Reyen hat eine erläuternde Funktion, mit Hilfe deren sie die Abhandlung reflektiert.

4. Leitmotive

4. 1. Prolog und das Vanitas-Motiv

Im Prolog kommt die allegorische Figur der Ewigkeit zu Wort, die vor der Nichtigkeit der weltlichen Dinge warnt. Der Schauplatz liegt voller Leichen und die Ewigkeit stellt das sterbliche Publikum vor die eindeutige Wahl: Himmel oder Hölle.10 Der Himmel und die Hölle werden als zwei Antithesen gegeneinander gestellt11 und in Gryphius´ Drama verhalten sie sich wie zwei dargestellte Realitäten. Die Hölle folgt dem Krieg und der Himmel kann nur dann für den Menschen errungen werden, wenn der Mensch selbst eingreift und dafür kämpft. Die Ewigkeit mahnt, dass die Herrlichkeit nur bei Gott liegt, aber das weltliche Joch dennoch zu tragen sei. Laut Hans-Jürgen Schings macht Gryphius gerade die Ewigkeit zum Anwalt seines Trauerspielt, indem sie das Wort der Dichtkunst in ihren Dienst nimmt.12 Sie kommt, um den „Blinden“, wie die Ewigkeit ihr Publikum nennt, die Augen zu öffnen, damit dieses erblickt, dass die Ewigkeit als Belohnung vom Gott nicht im Irdischen zu finden ist. „Der Prolog der „Ewigkeit“ ist deshalb nichts anderes, als die Anschauung gewordene, sinnbildliche Manifestation der Gryphischen Theorie des Trauerspiels. „Das Trauerspiel im ganzen [sic!] stellt sich als große Rede der Ewigkeit an die Sterblichen dar.“13 In der Figur der allegorischen, mahnenden Ewigkeit lässt sich die Figur der bereits gemarterten, verstorbenen und wieder auferstandenen Catharina wiedererkennen, die den Verbliebenen diese Botschaft über die Nichtigkeit des Weltlichen vermitteln will, „denn unter dem Pathos der Ewigkeit erst versinkt die Welt in ihre Nichtigkeit.“14 Gerade der Krieg und die zeitliche Nichtigkeit zwingen die Bevölkerung sich mit der Ewigkeit auseinanderzusetzen und sich nach ihr und damit auch nach der ewigen Zukunft zu richten, da die Gegenwart nichtig ist. Catharina hat in ihrem unzerbrechlichen Glauben und Vertrauen gegenüber Gott die wahre Tugend erkannt und bewahrt und ist nicht der weltlichen Nichtigkeit verfallen. Das alleine hat sie jedoch nicht vor dem Märtyrertod gerettet. Catharina erkennt, dass Diesseits und die Vergänglichkeit des Weltlichen keinen beträchtlichen Wert haben, verzichtet auf sie und richtet ihre Aussichten nach der Ewigkeit, doch sie reagiert menschlich, hat Angst vor ihrem grausamen Schicksal, aber der Glaube und ihre feste Überzeugung bringen sie dazu, sich ihrem Los gehorsam zu ergeben.15 In dieser Hinsicht verhält sich Catharina wie ein typischer christlicher Märtyrer, der dem Beispiel Christi folgt.

Der Prolog hat eine einführende Funktion, die dem Leser nicht nur die Grausamkeiten des vergegenwärtigten Krieges schildert, sondern ihn auch auf die darauf folgende Folter Catharinas vorbereitet. Der Charakter des Prologs ist daher belehrend, mahnend und informativ zugleich.

[...]


1 Vgl. Alt, Peter-André: Der Tod der Königin. Frauenopfer und politische Souverenität im Trauerspiel des 17. Jahrhunderts. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2004, S. 60.

2 Vgl. Lang, David Marshall: Lives and Legends of the Georgian Saints. New York: Crestwood 1976, S. 170.

3 Vgl. Ebda, S. 172.

4 Vgl. Hong, Melanie: Gewalt und Theatralität in Dramen des 17. und des späten 20. Jahrhunderts. Würzburg: Ergon 2008, S. 125.

5 Vgl. Ebda, S. 126.

6 Vgl. Koschorke, Albrecht: Das Begehren des Souveräns. Gryphius’ Catharina von Georgien. In: Daniel Weidner (Hrsg.): Figuren des Europäischen. Kulturgeschichtliche Perspektiven. München: Fink 2006, S. 152.

7 Hong, S. 126.

8 Vgl. Alt, S. 64ff.

9 Ebda, S. 65.

10 Vgl. Feyock, Hertha T.: Das Märtyrerdrama im Barock. Boulder, Colo., Univ. of Colorado, Diss., 1966, S. 189.

11 Vgl. Ebda, S. 189.

12 Schings, Hans-Jürgen: Catharina von Georgien. Oder Bewehrete Beständigkeit. In: Die Dramen der Andreas Gryphius. Eine Sammlung von Einzelinterpretationen. Hrsg. von Gerhard Kaiser. Stuttgart: J. B. Metzler 1968, S. 36.

13 Ebda, S. 36.

14 Ebda, S. 36.

15 Vgl. Schings, Hans-Jürgen: Gryphius, Lohenstein und das Trauerspiel des 17. Jahrhunderts. In: Handbuch des deutschen Dramas. Hrsg. Von Walter Hinck. Düsseldorf: Bagel 1980, S. 54.

Details

Seiten
26
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656954248
ISBN (Buch)
9783656954255
Dateigröße
859 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299174
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Germanistik
Note
3
Schlagworte
emblematik motive gryphius catharina georgien bewehrete beständigkeit

Autor

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