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Ambiguität in "Vor einer Kerze", "Engführung" und "Du liegst im großen Gelausche" von Paul Celan

Seminararbeit 2015 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Celans Werk
2. 1. Sprache
2. 2. Das Du und das Ich
2. 3. Stilmittel

3. Ambiguität und ihre Darstellung
3. 1. Funktion
3. 2. Entgegensetzung

4. Ambiguität am Beispiel der Gedichte
4. 1. Vor einer Kerze
4. 2. Engführung
4. 3. Du liegst im großen Gelausche

5. Schlussfolgerung

6. Literaturverzeichnis

Abstract

HYBEN, Ľubomír: Ambiguität im lyrischen Werk Paul Celans [Seminararbeit]. Universität Wien. Philologisch-kulturwissenschaftliche Fakultät; Masterstudium Deutsche Philologie

Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit dem Begriff der Ambiguität im lyrischen Werk Paul Celans. Der Zentralpunkt liegt in der Analyse der Gedichte und der Interpretation der einzelnen Ambiguitätsmotive. Des Weiteren werden verschiedene Manifestationen der möglichen Auslegungen der Gedichte verglichen. Ich habe versucht die Frage zu beantworten, was genau der Begriff der Ambiguität bei Celan bedeutet, was die Ambiguität darstellen kann und warum ausgerechnet sie das Werk Celans so stark prägt und diesen Autor so einzigartig macht. Ich möchte auch die Frage beantworten, ob die Mehrdeutigkeit als Instanz im Gedicht die Interpretation, bzw. die Bedeutung und Wirkung des jeweiligen Gedichtes beeinflussen, oder sogar verändern kann.

Stichwörter: Ambiguität, Ambivalenz, Alterität, Lyrik.

1. Vorwort

Die Gattung der Lyrik, die als die älteste literarische Gattung gilt, übt bereits seit Jahrtausenden eine Faszination auf das menschliche Geschlecht aus. Die Menschen wurden seit den frühesten Anfängen der Literatur mit verschiedenen Liedern und Versen konfrontiert, deren Sinn sie zu entschlüsseln versuchten (denken wir an Sappho, Alkaios, Anakreon u. a.). Beim Lesen der bekanntesten deutschsprachigen Autoren stoßen wir jedoch auf einen bestimmten Autor, dessen Lyrik nicht ganz leicht zu entschlüsseln ist und über dessen Werk sich mehrere Literaturwissenschaftler und -theoretiker bis heute noch den Kopf zerbrechen.

Das lyrische Werk Paul Celans zählt zu den kompliziertesten seiner Art überhaupt. Der Grund dafür ist nicht nur, dass Celans Gedichte schwer zu interpretieren sind, sondern auch die Tatsache, dass er nichts dem Zufall überlässt und ganz genau mit seinen Texten arbeitet. So haben die meisten Gedichte Celans eine einzig mögliche Interpretation, die man nur schwer widerlegen kann. Als gutes Beispiel kann hier Gedicht Du liegst im großen Gelausche genannt werden. Das heißt jedoch nicht, dass das Gedicht von ambigen Wörtern verschont bleibt. Es wird ersichtlich, dass Celans Gedichte auch über ein Dialoge entwickelndes Potential verfügen, indem das lyrische Ich und das lyrische Du sich gegenseitig, bzw. der Autor den Leser oder das Gedicht sich selbst ansprechen können. Das Letztere ist bei Celan oft der Fall, da seine Gedichte überaus von sich selbst reflektieren.

Dennoch gibt es bei Celan Gedichte, die zwar auf etwas Bestimmtes hinweisen und auf eine gewisse Art und Weise interpretiert werden können, doch diese Deutungen können auf mehreren Ebenen durchgeführt werden. Zu den bedeutsamsten Zügen Celans Lyrik gehört die Mehrdeutigkeit. Diese bezieht sich nicht nur auf die einzelnen Worte des Gedichtes, sondern auf das ganze Gedicht, was die Interpretation deutlich erschweren kann. Bei der Analyse des Gedichtes Vor einer Kerze wird ein weiterer Aspekt deutlich, wo das lyrische Ich einen Dialog führt und das Gedicht in Bezug auf die Ambiguität unterschiedlich interpretiert werden kann.

Auch das wohl bekannteste Gedicht Todesfuge blieb von der Ambiguität nicht verschont. Die Interpretation des Gedichts scheint eindeutig zu sein, doch die einzelnen Wörter wurden von Celan so gewählt, dass der Sinn letztendlich auf mehreren Ebenen gelesen werden kann.

2. Celans Werk

Wie bereits erwähnt, zeichnet sich das lyrische Werk Celans durch unterschiedliche Aspekte aus. Im kommenden Kapitel will ich auf die Sprache, die Figurenrede und die Stilmittel eingehen, die Celan als Kunstgriffe seiner Lyrik einsetzt.

2. 1. Sprache

Beim Lesen der Lyrik Celans gelingt es den meisten Laien nur selten, den wahren Sinn des Gemeinten zu entschlüsseln. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie das Resultat so eines Lesens ausfallen kann: entweder man missversteht das Gemeinte oder man versteht das Gemeinte nicht.1 Die Sprache ist das bedeutungstragende Element des Gedichtes und deshalb ist es notwendig unter die Lupe zu nehmen, wie Celan mit ihr arbeitet. Als Übersetzer und Kenner mehrerer Sprachen bezieht er seine Kenntnisse auch ins Deutsche mit ein. „Celans Stammelsyntax, die man mittels der Segmentation leicht ins Französische übersetzen könnte, hat einen andern Ursprung. Er macht genau das Gegenteil von Kleist. [«] so haben wir bei Celan eher den Eindruck, er schreibe in der Prosa eher wie in der Lyrik syntaktisch locker gefügte Zeilen untereinander. [«] Celan läßt [sic!] die Fugen offen, um ja nicht den Eindruck der Eindeutigkeit zu erwecken.“2 Celan gestaltet die Sprache in seinen Gedichten als eigenständige Instanz, die personifiziert wird und eine Beziehung zwischen dem Leser und Dichter herstellt. Diese Sprache dient nicht nur der Vermittlung der Eindrücke und Gefühle des Dichters, sondern sie lädt den Leser zum Gespräch ein. Sie steht mitten im Raum in Verbindung sowohl zum Dichter, als auch zum Leser. Diese Verbindung ist eine Beziehung zwischen Dichter und Sprache. Der Dichter tritt der Sprache im Gedicht gegenüber und es entsteht ein Kreis, in dem er mit seiner Sprache kommuniziert. So wird das Gedicht zum Ort, in dem die Sprache selbst zum Ausdruck kommt. Dies passiert, damit der Dichter ein Verhältnis zu seinem eigenen Dasein entwickeln kann.3 Die Sprache stellt also bei Celan nicht nur ein poetologisches Medium, sondern einen ansprechbaren Gesprächspartner dar.

2. 2. Das Du und das Ich

Das lyrische Ich ist eine Komponente in der Lyrik noch bevor diese niedergeschrieben wird. Man kann ganz ohne Vorbehalte behaupten, dass das lyrische Ich ein Fundament der meisten lyrischen Gedichte ist. Wie schon im Kapitel über die Sprache erwähnt, wird dieses Ich von Celan der Sprache gegenüber gestellt. „Gerade weil die Sprache die Macht hat, ihren Sprecher mitzureißen, und über ihre Vermittlung selbst zu „sprechen“, hat Celan aber die Person von der Sprache abgelöst und diesem unabhängigen Subjekt eine stets vorgängige Existenz außerhalb des Gedichtes zugestanden.“4 Das lyrische Ich hat nach dieser Erklärung zwei Identitäten, und zwar das Ich des Sprechers und das Ich der Sprache und erscheint daher als ambig. Das lyrische Ich bleibt dennoch ein solches lyrisches Ich und solches experimentelles Subjekt, das gegen den Willen des Ich in jedem Gedicht als ein anderes auftritt.5

Das ambige Ich, das man dem Dichter oder der von ihm gestalteten Sprache nicht eindeutig zuordnen kann, kommt bei Celan oft im Raum gemeinsam mit dem Du zum Ausdruck. In diesem Raum kommt es zu einem Dialog, in dem sich das Gedicht entfaltet und das Sprechen der Komponenten wird so zum Gegenstand des Gedichtes. Deutlich wird es im Gedicht Psalm aus dem Zyklus Die Niemandsrose, wo das lyrische Ich den Niemand anspricht. Das Ich kann dem Dichter selbst oder dem Kollektiv zugeschrieben werden, da es sich als „wir Nichts- oder Niemandsrose“ bezeichnet. Das lyrische Ich wird in diesem Gedicht im Plural ausgedrückt, doch irreführend ist der Singular im Wort Nichts- und Niemandsrose. Entweder gehören dem Pronomen „wir“ zwei Gestalten an, also einer Nichtsrose und einer Niemandsrose, wobei es sich um das Ich und die Sprache handeln könnte, oder der Dichter meint mit der einen „Nichts- oder Niemandsrose“ sich selbst. Doch gleich im ersten Vers heißt es „niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm“, was auf Tote zurückgeht. Die Mehrdeutigkeit der Sprache der Pronomina wird in diesem Gedicht insofern deutlich, weil die Sprache ja selbst zum Gegenstand des Gedichtes wird, das lyrische Ich und Du zusammen für die Toten sprechen6 und die beiden unterschiedlichen Sprechern zugeordnet werden können. Auf die Ambiguität der einzelnen Substantive komme ich bei der Gedichtanalyse zurück.

2.3. Stilmittel

„Celan hat immer wieder betont, daß [sic!] es für ihn keine »Metaphern« gebe.“7 Trotz seiner Behauptung muss nach der Analyse seiner Gedichte festgestellt werden, dass man immer wieder auf metaphorische und allegorische Bedeutungen trifft. Warum ist das so? Celan gestaltet seine Dichtung als eine Verbildlichung der Wirklichkeit. Diese Bilder tragen die eigentliche Bedeutung in sich und würden sie durch fälschliche Zuordnung einer Metaphorisierung verlieren. Für Celan kämpft die dichterische Sprache gegen eine „Lüge“, die er in der Metapher sieht, weil sie seines Erachtens von der eigentlichen Sprache verworfen wird.8

Viel mehr verwendet Celan verdeckte Zitate, Dialoge und Symbole. Zugleich taucht aber auch das Spiel mit der Sprache auf, das in den Gedichten vom Zyklus Mohn und Gedächtnis vertreten wird. „So entsteht eine dialogische Situation, in der Worte wie Auge, Hand, Herz, Nacht und Rose, die zu den beliebtesten der deutschen Lyrik zählen, in einem neuen Kontext befragt und »aktualisiert« werden.“9 Diese Symbolik wird von Celan nicht neuerfunden, sondern bekommt eine neue Funktion, die mit der Sprache zusammen eine wichtige Instanz bildet. Im Liebesgedicht „Der Tauben weißeste“ wird das Symbol der Tauben mit dem gemeinsamen Fortschreiten beschrieben. Im fünften Vers werden Symbole der Hand und der großen Blume genannt. „War die »blaue Blume« des Novalis noch ein Symbol der universellen Poetisierung der Welt, so ist diese frühe Blume Celans nicht minder ein Symbol: das der Poetisierung des Mangels.“10 Die Blume wird dort bleiben, wo sie nie war, was so viel bedeutet, dass sie zuvor schon irgendwo gewesen ist. Das Ich und Du werden zu einem Wir, was erklärt, warum das Wir nie zuvor waren: das Ich und Du werden als voneinander unabhängige, allein funktionierende und auftretende Komponenten betrachtet, die erst durch eine Verwandlung zu einem Wir werden und danach ein Wir bleiben. Es geht um ein Versprechen,11 das sich aus einem Zusammenschluss der beiden nach einer gewissen Zeit herausgebildet hat. Man kann sehen, dass nicht nur die Sprache, sondern auch die Zeit zentrale Begriffe der Lyrik Celans sind.

3. Ambiguität und ihre Darstellung

Liest man die Gedichte Celans mit dem Ziel, einen eindeutigen Sinn daraus herauszunehmen, so stößt man auf mehrere Schwierigkeiten. Wie es schon im Kapitel über die Sprache beschrieben wurde, arbeitet Celan mit seiner Sprache zielbewusst und zweckorientiert insofern er in seiner Lyrik Wörter und Wortverbindungen verwendet, die mehrdeutig, also ambig sind. Diese Ambiguität ist so gestaltet, dass die Gedichte nicht nur eine, sondern mehrere mögliche Interpretationen zulassen.

3. 1. Funktion

Im Gesamtwerk Celans liegt ein hermeneutisches Sprachbewusstsein vor,12 welches von dem Spiel mit der Sprache und Mehrdeutigkeit nicht verschont bleibt. Die lyrische Bildsprache Celans lässt zahlreiche Spiegelungen auftauchen, in denen sie über sich selbst spricht oder sich selbst reflektiert. Diese Spiegelungen sind eine weitere Voraussetzung für das tiefere Verständnis von Celans Lyrik. In den Spiegelungen steht oft der Autor im Konflikt mit der Sprache. Die Sprache ist für ihn mancherorts nicht genügend um das auszudrücken, was er dem Leser sagen will und daher versucht Celan das Unsagbare zu sagen. Dafür verwendet er seine Bildsprache, die seinen Gedichten ihre spezifische Identität verleiht. Peter Szondi, der für uns Celans Gedichte interpretiert, sagt über das Gedicht Engführung folgendes: „Die Ambiguität ist nicht Mangel noch bloßes Stilmittel, sondern die

[...]


1 Vgl. Lavric, Eva: Missverstehen verstehen. Graz 1990, S. 12.

2 Burger, Hermann: Paul Celan. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache. Fischer: Frankfurt/Main 1989, S. 15.

3 Vgl. Ebda, S. 15.

4 Bollack, Jean: Paul Celan. Poetik der Fremdheit. Zsolnay: Wien 2000, S. 28.

5 Vgl. Ebda, S. 28.

6 Vgl. Ebda, S. 51.

7 Bollack, S. 58.

8 Vgl. Ebda, S. 60.

9 May, Marcus, Peter Goßens und Jürgen Lehmann (Hrsg.): Celan-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. Zweite, aktualisierte und erweiterte Auflage, J. B. Metzler: Stuttgart 2012, S. 60.

10 Hamacher, Werner: Entferntes Verstehen. Studien zu Philosophie und Literatur von Kant bis Celan. Suhrkamp: Frankfurt/Main 1998, S. 333.

11 Vgl. Hamacher, S. 336.

12 Vgl. Buhrmann, Peter: Celan verstehen. In: Buhrmann, Peter (Hrsg.): Zur Lyrik Paul Celans. München: Wilhelm Fink 2000, S. 99.

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656954262
ISBN (Buch)
9783656954279
Dateigröße
727 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299173
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Germanistik
Note
2
Schlagworte
ambiguität kerze engführung gelausche paul celan

Autor

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