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"Power Shift" in den internationalen Beziehungen. Eine theoretische Erfassung anhand der Süd-Süd-Kooperation

Seminararbeit 2015 25 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theorien, Fragestellung und Hypothese
2.1 Interdependenztheorie
2.2 Global Governance:
2.3 Neogramscianische Perspektiven:

3. Power Shift anhand ausgewählter Beispiele der Süd-Süd Kooperation:
3.1 BRICS:
3.2 Lateinamerikanisch-afrikanische Kooperationen – ASA-Gipfel:
3.3 World Social Forum und die G15/G20:

4. Conclusio:

5. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Die Auseinandersetzung mit dem Wandel in den Internationalen Beziehungen erlebt aus (politik-) wissenschaftlicher Perspektive seit dem Ende des kalten Krieges und dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine regelrechte Renaissance. Zahlreiche empirische Arbeiten beschäftigten sich seither mit dem voranschreitenden Bedeutungsverlust westlicher Industrienationen und den gleichzeitig wirtschaftlich und politisch aufstrebenden Entwicklungs- und Schwellenländern, primär in Asien. Dieser Prozess der Machtverschiebung hat sich in den vergangenen Jahren, auch durch die Terroranschläge des 11. Septembers 2001 in den USA, noch weiter intensiviert, weshalb viele Autoren dieses Phänomen als „Power Shift“ definieren.1 Der Prozess des Power Shift geht dabei sowohl in politischer und wirtschaftlicher, als auch in gesellschaftlicher Art und Weise vonstatten.

Die zahlreichen neuentstandenen regionalen und subregionalen Wirtschafts-und Staatengemeinschaften, etwa die BRICS-Staaten oder die G20, verdeutlichen wiederum diese politische und wirtschaftliche Komponenten. Die gesellschaftliche Komponente wird durch den zunehmenden Bedeutungsverlust des Nationalstaates verdeutlicht. Internationale- und Multinationale Organisationen wie die Vereinten Nationen oder die Afrikanische Union, globale soziale Bewegungen, sowie zahlreiche Nichtregierungsorganisationen spielen eine immer bedeutendere Rolle wenn es um das vorantreiben regionaler Integrationsprozesse oder das Einbinden der Zivilgesellschaft in relevante policy-Prozesse geht. Manche Autoren sprechen gar von einer internationalen Zivilgesellschaft, die durch diese Entwicklungen am entstehen ist.2 Ein Bindeglied dieser drei Partizipationsprozesse ist der Versuch zahlreicher Entwicklungs- und Schwellenländer, die ungleichen und historisch erwachsenen, globalen Nord-Süd Beziehungen zu beenden oder zumindest umzukehren. Ganze Kontinente wie Afrika und Lateinamerika streben durch engere Kooperationen eine Machtverschiebung in der internationalen Politik an. Daneben nimmt China seine Rolle als neuer globaler Machtfaktor immer deutlicher wahr und versucht ebenfalls durch Kooperationen mit Staaten des globalen Südens die oftmals imperialistischen und neokolonialen Politiken westlicher Industrienationen zu beenden. Der Erfolg dieser Strategien bleibt dabei, gerade im Falle Chinas, fraglich. Die eben genannten Prozesse im globalen Weltgeschehen subsumiere ich in der vorliegenden Abhandlung unter dem Begriff „gegenhegemoniale Strategien“. Durch Bündnisse wie die BRICS, welchem die Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika angehören, und der Implementierung alternativer, antineoliberaler und global agierender Finanzinstitutionen, erkennt man eine einheitliche Strategie hinter diesen Vorhaben. Der globale Süden will sich der Hegemonie des Westens entledigen und sich politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich emanzipieren.

Die Verstärkte Süd-Süd Kooperation zeigt anhand zahlreicher Beispiele, auf die ich später näher eingehen möchte, dass der Power Shift Prozess in vollem Gange ist und der Westen seine dominante Vormachtstellung in den internationalen Beziehungen eingebüßt hat beziehungsweise in näherer Zukunft gänzlich einbüßen wird. In der folgenden empirischen Arbeit soll nun der Versuch unternommen werden, diesen Power Shift Prozess anhand des Beispiels der Süd-Süd Beziehungen auch theoretisch zu erfassen. Zwar gibt es zahlreiche Theorien der internationalen Politik, welche sich mit Prozessen der Machtverschiebung und neuen Formen der Kooperation beschäftigen, jedoch behandeln all diese Theorien nur Teilaspekte eines komplexen und kollektiv vonstattengehenden Prozesses. Zudem gibt es, vor allem in der deutschsprachig-wissenschaftlichen Literatur, kaum empirische Arbeiten die versuchen Power Shift als Konzept gesamttheoretisch abzudecken. Ich werde deshalb Anhand einer Kombination der Interdependenztheorie, der Theorie des Global Governance und des Neogramscianismus versuchen, dem Prozess der globalen Machtverschiebung eine ausreichende theoretische Grundlage zu verleihen. Zunächst werde ich die aktuell wichtigsten und prägnantesten Entwicklungen, welche den Prozess des Power Shift aus Sicht der Süd-Süd Kooperation charakterisieren, darstellen. Folgend versuche ich diese Entwicklungen, anhand der Interdependenztheorie nach Robert O. Keohane und Joseph Nye, den Ausführungen der Global Governance Theorie nach Ulrich Brand und der Theorie des Neogramscianismus nach Robert Cox, theoretisch zu erfassen.

2. Theorien, Fragestellung und Hypothese

2.1 Interdependenztheorie

Um die globale Süd-Süd Kooperation und den damit einhergehenden Prozess des Power Shift aus theoretischer Perspektive erklären und erfassen zu können, bieten sich wie bereits in der Einleitung genannt drei Theorien der internationalen Politik besonders an. Zunächst wäre dies die aus dem liberalen Institutionalismus stammende Interdependenztheorie, welche in den 1970er Jahren von Robert O. Keohane und Joseph Nye entwickelt wurde, um die wechselseitigen Abhängigkeiten von Staaten im Zeitalter der Globalisierung zu beschrieben. Diese Wirkungszusammenhänge von internationaler Politik und Wirtschaft, später auch Gesellschaft, beschrieben die beiden Autoren als Interdependenz.3 Hintergrund dieser Überlegungen waren neben der Globalisierung primär damit einhergehende Konflikte und Wirtschaftskrisen in den westlichen Industrienationen.4 Neben den wechselseitigen Abhängigkeiten beschäftigt sich die Theorie auch mit der Kosten-Nutzen Relation der Staaten bei ihrer Kooperation, da Interdependenz nur dort auftreten könne, wo auch wechselseitige Kosten durch eine Interaktion anfallen würden. Dadurch entwickelten Keohane und Nye drei Formen der Interdependenz, nämlich die Interdependenz-Empfindlichkeit („sensitivity“), die Interdependenz-Verletzlichkeit („vulnerability“) und die komplexe Interdependenz (als Idealtypus).

Bei „sensitivity“ handelt es sich um die Kosten die entstehen, wenn es keine politische Gegenreaktion eines Staates auf Veränderungen in einem anderen Staat gibt, welche ihn betreffen. Die Politik bleibt also konstant. Bei „vulnerability“ werden die Kosten analysiert, welche der Staat zu tragen hat, wenn er politische Gegenmaßnahmen trägt und eine Anpassung an die neuen Gegebenheiten vollzieht. Für beide Theoretiker war die „vulnerability“ stets die wichtigere Dimension in der Interdependenz: „Vulnerability interdependence is particularly relevant fort he analysis oft he structure of relations“.5 Bei der komplexen Interdependenz handelt es sich um einen theoretischen Idealtypus des internationalen Systems, in Abgrenzung zum Realismus. Hier werden die drei Grundannahmen des Realismus einfach umgekehrt. (1) Staaten sind keine homogenen und alleinigen Akteure im internationalen System. Transnationale Beziehungen gewinnen an Bedeutung. (2) Militärische Macht besitzt eine untergeordnete Bedeutung als Mittel der Macht. (3) Es gibt keine Hierarchie in den Zielen der internationalen Politik. Militärische Macht ist nicht a priori das oberste Ziel, sondern es existiert eine Vielzahl an unterschiedlichen Problembereichen, wie etwa eine internationale Wohlfahrt und (4) es kommt zu einem veränderten „agenda setting“ der Staaten durch die erhöhten Interdependenzen, denn innerstaatliche und transnationale Akteure politisieren nun bestimmte Probleme auf internationaler Ebene.

Hier soll bei der komplexen Interdependenz der Blick aber weg von den westlichen Industriestaaten und ihren Beziehungen gehen, wie ursprünglich von Keohane und Nye gedacht, sondern hin zu den neuen Kooperationsformen der Entwicklungs- und Schwellenländer des globalen Südens, welche unter dem Begriff Süd-Süd Kooperation erfasst werden.6 Auch wird bei der komplexen Interdependenz internationalen Organisationen eine bedeutsame Rolle eingeräumt. Sie sind es welche Einfluss auf die Gestaltung von Agenden nehmen, oder Koalitionsbildungen und Interessensartikulationen zwischen vermeintlich „schwächeren Staaten“ in der internationalen Politik anregen können. Auch dieser Aspekt wird sich in meinen Ausführungen zum Phänomen Power Shift verdeutlichen.

Für meine weiteren Untersuchungen wird nur die „vulnerability“ Interdependenz als relevante Analysekategorie von Bedeutung sein. Der Machtbegriff ist ein weiteres zentrales Element in der Interdependenztheorie und wiederum eine Abgrenzung zum Realismus und dessen Machtbegriff. Interdependenz wird hier als intervenierende Variable zwischen Macht, als unabhängige, und den Ergebnissen politischer Prozesse als abhängige Variable gesehen.7 Da die Interdependenz zwischen Staaten immer mit Kosten verbunden ist, versuchen diese jeweils die resultierenden Kosten und Nutzen der internationalen Austauschbeziehungen zu ihren Gunsten zu verteilen. Dadurch ergeben sich durchaus asymmetrische Interdependenzen, welche besagen das manche Staaten in verschiedenen Politikfeldern unterschiedlich Verwundbar sind. Auch das kann ich später aufzeigen. Die Süd-Süd Kooperationen bilden zwar eine einheitliche Strategie gegen die Vormachtstellung des Westens, jedoch kommt es auch innerhalb dieser zu ungleichen Beziehungen.

2.2 Global Governance:

Auch die Global Governance Theorie ist ein geeigneter und wichtiger Ansatz der internationalen Politik, um das Phänomen des Power Shift in den internationalen Beziehungen erfassen zu können. Nach den Ausführungen von Ulrich Brand und Christoph Scherrer ist die Theorie vor allem für die Analyse des Globalisierungsprozesses in den veränderten Kooperationsformen der internationalen Politik wichtig. Zudem fokussiert sie sich auf die Problemlösungsfähigkeit dieser neuen transnationalen Kooperationen.8 „Auf den einfachsten Nenner gebracht bedeutet Global Governance, den Prozess der Globalisierung politisch zu begleiten.“, so Scherrer und Brand.9 Gerade der Prozess der Globalisierung und seine Konzeption sind ein wichtiger Aspekt um Power Shift verstehen zu können. Es gibt laut Scherrer und Brand vier verschiedene Kategorien des Begriffes Global Governance, welche sich immer jeweils mit einem anderen Bereich befassen. Für die vorliegende Forschungsarbeit werden alle vier, nämlich die deskriptive, die analytische, die normative und die diskursive Kategorie, von Bedeutung sein. (a) Die deskriptive Kategorie fokussiert sich auf die internationale Ebene der Politik als neuen, dominanten Faktor neben der des Nationalstaates. Die wachsende Relevanz von neuen Partnerschaften, Verhandlungsformen und nichtstaatlichen Akteuren wird ebenfalls beleuchtet. (b) Die analytische Kategorie befasst sich wiederum mit der Rolle internationaler Institutionen und deren „Mechanismen des Regierens“, welche das internationale System dominieren. (c) Die normative Kategorie beschäftigt sich mit den daraus resultierenden neuartigen Kooperationsformen, sowie der Verknüpfung lokaler, nationaler und internationaler Handlungs- und Entscheidungsebenen, angesichts einer fehlenden Zentralgewalt im internationalen System. (d) Zu guter Letzt berücksichtigt die diskursiv-orientierende Kategorie den Diskurs des Politischen. Darin werden bestimmte strategische Orientierungen, Handlungen und Akteurskonstellationen als sinnvoller und legitimer als andere betrachtet. Somit können internationale Verhältnisse in wünschbare, krisen- und konfliktfreie Richtungen gelenkt und politisch gestaltet, sowie negative Folgen der Globalisierung bearbeitet, werden.10 All diese Kategorien treffen auf die gegenhegemonialen Strategien der Süd-Süd Kooperation und den damit einhergehenden Power Shift Prozess zu, wie ich später zeigen werde.

2.3 Neogramscianische Perspektiven:

Basierend auf den Theorien Antoni Gramscis, welche sich vorrangig mit den Mechanismen bürgerlicher Herrschaft innerhalb westlicher Nationalstaaten auseinandersetzten, entwickelte insbesondere Robert Cox eine globalumfassende Weiterentwicklung dieser Theorien unter dem Namen „Neogramscianismus“.11 Ziel war es das Erkenntnisinteresse auf transnationale Macht-und Herrschaftsverhältnisse zu lenken und dabei gleichzeitig eine kritische Auseinandersetzungen mit etablierten Theorien wie dem Neorealismus oder dem neoliberalen Institutionalismus zu liefern. Neogramscianische Perspektiven kritisieren primär die Staatszentrierung und die fehlende Berücksichtigung globaler Wandlungsprozesse klassischer Theorien der internationalen Politik.12 Wiederum ausgehend von den wirtschaftlichen und politischen Krisen westlicher Industrienationen und dem Ende der „Pax Americana“13, eignet sich diese Theorie hervorragend um den Prozess „Power Shift“, also die Veränderung der herrschenden Weltordnung, zu beschreiben und theoretisch zu erfassen.

Genau wie die Interdependenztheorie oder der Global Governance Ansatz, gehen auch Neogramscianische Ansätze nicht mehr von einer bipolaren oder unipolaren Weltordnung, dominiert von den USA, aus. Vielmehr wird der Wandel der globalen Kräfteverhältnisse aufgrund der Vulnerabilität des Hegemons als multipolar beschrieben.14

Ein weiterer zentraler Begriff in der neogramscianischen Theorie ist der der Hegemonie. Hegemonie bedeutet im einfachsten Sinne des Wortes Vorherrschaft oder Vormachtstellung. Die neogramscianische Perspektive nach Cox versteht unter Hegemonie die historisch und auf militärischen und ökonomischen Kapazitäten erwachsene Dominanz eines Staates gegenüber anderen Staaten.15 Diese Macht-und Herrschaftsverhältnisse beruhen aber durchaus auf einem Konsens und einer durch Zustimmung getragenen Weltordnung, etwa durch soziale Produktionsbeziehungen oder Staatsformen. Cox spricht hier vom „historischen Block“, der die Integration verschiedener Klasseninteressen zum Zwecke der Machtausübung benutzt.16 Durch das Ende der Pax Americana kommt es nun zu einer neuen Form der Weltordnung und es entsteht laut Cox eine neue internationale Hegemonie, welche nicht mehr auf einem einzigen führenden Nationalstaat beruht, sondern Ausdruck sozialer Kräfte ist. Er spricht von der Internationalisierung des Staates durch die Globalisierung.17 Hier knüpft die Theorie stark an die des Global Governance an, welche ebenfalls von einer Internationalsierung des Staates ausgeht und die Zivilgesellschaft, also soziale Kräfte, als dominante Faktoren neben den Nationalstaaten sieht. Somit entsteht, basierend auf meiner Analyse, ein gegenhegemonialer Block in den internationalen Beziehungen, definiert durch unterschiedlichste Faktoren, auf welche ich später eingehen werde.

Basierend auf den theoretischen Überlegungen für meine Seminararbeit, ergibt sich folgende Forschungsfrage: Wie kann der für das Verständnis der internationalen Beziehungen so wichtige Prozess des „Power Shift, anhand des Beispiels der Süd-Süd Kooperation, theoretisch eingeordnet werden? Meine Hypothese leitet sich daher aus der Vorgehensweise ab: Der Power Shift Prozess in den internationalen Beziehungen kann nur theorieübergreifend erfasst und beschrieben werden.

3. Power Shift anhand ausgewählter Beispiele der Süd-Süd Kooperation:

Die zunehmende Kooperation im globalen Süden und die dadurch forcierte regionale Integration ist ein Indiz von vielen für den Power Shift Prozess. Daher wird hier nun die sogenannte „South-South Development Cooperation“, ein ursprünglich von der UNO initiiertes Programm um eine nachhaltige soziale und wirtschaftliche Entwicklung und Kooperation innerhalb des globalen Südens zu forcieren, näher in den Fokus der Analyse genommen. Im Rahmen dieser Süd-Süd Kooperation subsumieren sich alle später angeführten Kooperationen und Strategien unter dem Begriff der gegenhegemonialen Strategien, mit dem primären Ziel des Erfahrungs- und Wissensaustausches, um gemeinsame Interessen optimieren zu können. Die Vereinten Nationen definieren die Süd-Süd Kooperationen nach eigenen Angaben wie folgt: “South-South cooperation is the exchange of resources, technology and knowledge between developing countries.”18 Die Süd-Süd Kooperationen umfassen dabei vertiefte Zusammenarbeiten in den Bereichen der Nahrungsmittelsicherheit, Infrastruktur, Umwelt und Technik.

In erster Linie untersuche ich im Rahmen der Süd-Süd Kooperation die Staatengemeinschaft BRICS die periodisch stattfindenden African-South America summits, kurz ASA-Gipfel, sowie das World Social Forum und die Gruppe der Fünfzehn (G15), sowie die Gruppe der Zwanzig (G20). Diese Partnerschaften und Kooperationen bilden alle Indizien für eine globale Machtverschiebung und den Bedeutungszuwachs von Entwicklungs- und Schwellenländern im internationalen Kontext. Allen voran das World Social Forum und die G15 werden mir helfen die gegenhegemonialen Strategien der intensivierten Beziehungen des globalen Südens zu beleuchten, da es sich dabei um globalisierungskritische Pendants zu den von den Industrienationen dominierten Polit- und Wirtschaftsgipfeln handelt. Es wird im Sinne der Interdependenztheorie versucht, die Verletzlichkeit der teilhabenden Staaten durch das globale Geschehen so weit wie möglich zu reduzieren und neue Formen der gleichberechtigten Kooperation zu etablieren. Dabei spielen wirtschaftliche Faktoren eine zentrale Bedeutung, angesichts der oftmals zum Nachteil der Entwicklungs- und Schwellenländer protektionistisch und einseitig betriebenen Wirtschaftspolitik der Industrienationen. Aber auch im Sinne einer neogramscianischen Analyse lassen sich Vorhaben wie das World Social Forum oder die BRICS als Streben nach einem gegenhegemonialen Block und der Etablierung einer transnationalen Zivilgesellschaft werten. Das Streben nach einem Paradigmenwechsel im internationalen System durch neue Formen der Kooperation, kann also durchaus als Charakteristikum einer multipolaren Weltordnung angesehen werden. Multipolar deshalb, weil es eine Vielzahl an unabhängigen Akteuren im internationalen Geschehen gibt und diese eine friedliche, auf ökonomischen und politischen Faktoren basierende, Kooperation anstreben, abseits militärischer Drohgebärden und Dominanz.19

3.1 BRICS:

Als BRIC, mittlerweile BRICS, werden seit dem Jahr 2001 Schwellenländer des globalen Südens tituliert, „to highlight the exceptional role of important emerging economies“.20 Amerikanische Finanzanalysten etablierten diesen Begriff in Abgrenzung zu den westlichen G7 Nationen und seither wurde dieses Akronym auch von politikwissenschaftlicher Seite übernommen. Charakteristisch für die teilhabenden Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, sind ihre hohen Wachstumsraten, ihr ökonomisches Zukunftspotential und ihre demographischen Entwicklungen. Auch eint all diese Staaten der Wille nach einer Veränderung im internationalen politischen Geschehen, mit einem stärkeren Fokus auf den speziellen Bedürfnissen von Entwicklungs- und Schwellenländern. Vor allem die Rollen der einzelnen Mitglieder als regionale Großmächte, mit mächtigem Einfluss auf viele sogenannte „Low Income Countries (LIC´s)“21, bescherte den BRICS-Staaten einen hohen Vertrauenszuwachs während der vergangenen Finanzkrise von 2008. Durch regionale und subregionale Handels- und Investitionsabkommen, konnte die Staatengemeinschaft für relative wirtschaftliche und politische Stabilität in vielen Regionen des globalen Südens sorgen.22

Seit dem Jahr 2006 gibt es regelmäßige Treffen der Staats- und Regierungschefs aller teilhabenden Staaten. Im Jahr 2010 wurde Südafrika als bislang letztes Mitglied in die Gruppe aufgenommen, trotz deutlicher ökonomischer und demographischer Differenzen zu den anderen Teilhabern, um einen regionalen Vertreter des afrikanischen Kontinentes mit an Bord zu haben. Südafrika gilt gemeinhin als wirtschaftliches und politisches Tor zum Sub-Sahara Raum. Ziel der BRICS ist es seither die internationale Agenda zugunsten einer Schwellen- und Entwicklungsländerfreundlicheren Politik um zu modellieren. Man will ein stärkeres Mitspracherecht in den internationalen Governance-Strukturen, wie etwa im UN-Sicherheitsrat, oder in den Führungsgremien der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds und der Internationalen Strafgerichtshöfe. Dies soll primär über verstärkte politische Allianzen geschehen, um mit einer einheitlichen Stimmte am internationalen Parkett auftreten zu können, sowie über regionale Entwicklungshilfe und Investitionen in LIC´s und der Etablierung neuer, antihegemonialer Finanzinstitutionen passieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Anbei eine Grafik, welche vor allem das ökonomische und demographische Potential der BRICS verdeutlicht. Die Wachstumsraten liegen weit über dem Durchschnitt, beim prozentuellen Anteil am globalen Wirtschaftsmarkt erfährt man stetig Zuwächse und nahezu die halbe Weltbevölkerung lebt in einer der BRICS-Ökonomien.

Lediglich die Beiträge zu wichtigen internationalen Organisationen wie der UN sind noch vergleichsweise niedrig.

Quelle: http://www.simplydecoded.com/2013/03/28/brics-towards-de-polarization-of-world-economy/, aufgerufen am 07.04.15

Da die BRICS-Staaten mittlerweile für rund ein Fünftel des globalen Bruttoinlandproduktes verantwortlich sind, die Staaten jedoch mit den strengen fiskalischen Auflagen des IWF und der Weltbank bei Kreditvergaben und Rückzahlungen hadern, beschloss man eine eigene, alternative Entwicklungsbank für den globalen Süden zu implementieren. Ein weiterer Grund war die Dominanz der USA in den Gremien ebengenannter Institutionen und das mangelnde Mitspracherecht von Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Politiken von Weltbank und IWF wurden oft als neokolonial und hegemonial kritisiert. Die neue, multilateral agierende Entwicklungsbank bekam den Namen „New Development Bank“ und wurde bisher mit rund 50 Mrd. Dollar, primär für Infrastrukturprojekte, ausgestattet. Daneben wurde eine Sonderrücklage (Contingency Reserve Arrangement) in Höhe von 100 Mrd. Dollar eingerichtet, welche sich aus Einlagen der fünf Mitgliedsstaaten speist.23

Die Ambitionen der BRICS-Staaten, eine Alternative zu den von westlichen Industrienationen dominierten Institutionen und Organisationen zu bilden, verdeutlicht den Power Shift Prozess einmal mehr. Nun soll versucht werden die Strategien der BRICS in einen theoretischen Rahmen zu bringen.

Zunächst kommt es zu klaren Interdependenzen zwischen den Mitgliedsstaaten, da Kosten der gegenseitigen, neuen Kooperationsformen anfallen. Staaten wie China und Russland aber auch Brasilien haben sich bewusst dafür entschieden ihre „vulnerability“ im internationalen System, durch eine engere Partnerschaft abseits von westlich diktierten Kooperationsmustern, deutlich zu verringern. Durch gegenseitige Investitionen, das Leihen von Krediten und im Ernstfall auch die gemeinsame politische Stimme in Organisationen wie der UNO, ist man unabhängiger von Geldgebern aus dem globalen Norden und allenfalls auch immuner gegen Sanktionen von diesen. Ein Beispiel wäre Russland und dessen intensivierte Partnerschaft mit China, resultierend aus den Sanktionen des Westens.24 Auch geplante Freihandelsabkommen unter den BRICS-Staaten als Gegenreaktion auf die antizipierten Freihandelsabkommen der EU mit Kanada und den USA, sind Zeichen politischer Gegenmaßnahmen und der Anpassung an neue Gegebenheiten im Sinne der Interdependenztheorie nach Keohane und Nye.25 Auch die hohe Bedeutung, welche Organisationen wie der UNO von Seiten der BRICS-Staaten beigemessen wird, ist hervorzuheben. Nicht umsonst bemühen sich Staaten wie Brasilien oder Südafrika in relevanten Entscheidungsgremien um mehr Einfluss.26 Unterstützt werden sie dabei von Partnern, welche bereits Mitspracherecht in diesen genießen, wie etwa China. Die Koalitionsbildungen und Interessensartikulationen zwischen den vermeintlich „schwächeren Staaten“ in der internationalen Politik verdeutlichen sich hier.

[...]


1 Etwa Michael Cox und Kenneth Waltz, aber auch Jessica T. Matthews in ihrer Abhandlung „Power Shift“. Unter Power Shift verstehen die Autoren die generelle Machtverschiebung im internationalen System von den westlichen Industrienationen des globalen Nordens hin zu Entwicklungs- und Schwellenländern des globalen Südens.

2 Siehe dazu: Alejandro Colás, International Civil Society: Social Movements in World Politics, 2002

3 Manuela Spindler (2010): Interdependenz, in: Theorien der internationalen Beziehungen, 3. Auflage, S. 97

4 Etwa der Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods oder die Ölkrise der 1970er Jahre.

5 Manuela Spindler (2010): Interdependenz, in: Theorien der internationalen Beziehungen, 3. Auflage, S.106

6 Manuela Spindler (2010): Interdependenz, in: Theorien der internationalen Beziehungen, 3. Auflage, 108

7 Ders., S. 110

8 W. Woyke (2013): UNO & Global Governance, Westfälische Wilhelms Universität Münster, Präsentation unter: http://slideplayer.de/slide/214914/, aufgerufen am 05.04.15

9 Christoph Scherrer, Ulrich Brand (2011): Global Governance: Konkurrierende Formen und Inhalte globaler Regulierung, in: FES Online Akademie, S. 3

10 Christoph Scherrer, Ulrich Brand (2011): Global Governance: Konkurrierende Formen und Inhalte globaler Regulierung, in: FES Online Akademie, S. 5-8

11 Opratko, Benjamin/Prausmüller, Oliver (2011): Gramsci global: Neogramscianische Perspektiven in der Internationalen Politischen Ökonomie, Argument-Verlag, Berlin/Hamburg

12 Bieler, Andras/Morton, Adam David (2010): Neo-Gramscianische Perspektiven, in: Theorien der internationalen Beziehungen, 3. Auflage, S. 373

13 Als „Pax Americana“ wird im groben das Zeitalter vom Ende des ersten Weltkrieges bis hin zum Vietnamkrieg, oder von anderen Autoren auch bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001, bezeichnet. Mit dem Ende der „Pax Americana“ wurde es notwendig neue Theorien für das internationale Geschehen zu entwickeln.

14 http://poligize.com/2013/12/von-multipolaritaet-zur-unipolaritaet-ueber-bipolaritaet-und-wieder-zurueck/, aufgerufen am 05.04.15

15 Bieler, Andras/Morton, Adam David (2010): Neo-Gramscianische Perspektiven, in: Theorien der internationalen Beziehungen, 3. Auflage, S. 375

16 Ders., S. 380

17 Ders., S. 384-385

18 http://ssc.undp.org/content/ssc/about/what_is_ssc.html, aufgerufen am 05.04.15

19 Morgenthau, Hans (1985): Politics Among Nations: The Struggle for Power and Peace, New York, in: Alfred A Knopf Inc.

20 European Parliament – Policy Department (2012): The Role of BRICS in the Developing World, S. 6

21 Als „Low Income Countries“ werden Staaten bezeichnet in denen Menschen von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben. Dies sind weltweit über eine Milliarde Menschen. Auch sind LIC´s sehr anfällig auf externe Veränderungen und Einflüsse, wie steigende Nahrungsmittel-oder fallende Rohstoffpreise. Der IWF rechnete 2012 mit zusätzlich ca. 27 Millionen Menschen die durch die Finanzkrise unter diese Grenze fallen könnten. Quelle: MF 2011c: 15

22 European Parliament – Policy Department (2012): The Role of BRICS in the Developing World, S. 7

23 http://www.economist.com/news/finance-and-economics/21607851-setting-up-rivals-imf-and-world-bank-easier-running-them-acronym, aufgerufen am 07.04.15

24 http://www.welt.de/debatte/kommentare/article138880727/Wenn-Russen-und-Chinesen-gemeinsam-marschieren.html aufgerufen am 07.04.15

25 http://www.china.org.cn/opinion/2013-03/27/content_28372164.htm, aufgerufen am 07.04.15

26 Beispielsweise im UN-Sicherheitsrat

Details

Seiten
25
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656954286
ISBN (Buch)
9783656954293
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299172
Institution / Hochschule
Universität Wien – Politikwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Internationale Politik Internationale Theorien Süd-Süd Kooperation Afrika Asien Lateinamerika Südamerika BRICS China Powershift Interdependenztheorie Neogramscianismus Global Governance G15 G20 World Social Forum Weltsozialforum ASA Schwellenländer Entwicklungsländer Low Income Countries Südafrika Brasilien Russland Hegemonie Block

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Titel: "Power Shift" in den internationalen Beziehungen. Eine theoretische Erfassung anhand der Süd-Süd-Kooperation