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La Grande Guerre de Vendée. Ursachen, Verlauf und Folgen des 1. Vendée-Krieges sowie die Frage des Genozids

von Stanley Millerich (Autor)

Seminararbeit 2015 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Ausgangslage und Ursachen
2.1.1 Die Vendée im Ancien Régime
2.1.2 Die Vendée und die Französische Revolution
2.1.3 Beginn der Aufstände
2.2 Verlauf des Krieges
2.2.1 Anfängliche Erfolge der Vendéens
2.2.2 Die Wende
2.2.3 Der Einfluss Englands
2.3 Umgang mit der Vendée nach Ende des 1. Vendée-Krieges
2.3.1 Methoden der Niederschlagung
2.3.2 Frage des Genozids
2.3.3 Folgen des Krieges

3. Fazit

4. Literatur- und Quellenverzeichnis

5. Anhang

1. Einleitung

Die Französische Revolution wird gemeinhin zu den folgenreichsten Ereignissen der europäischen Geschichte in der Neuzeit gezählt. So gingen die Veränderungen, die sie mit sich brachte, weit über die Grenzen sowohl Frankreichs als auch ihrer Zeit hinaus. Eine wesentliche Errungenschaft der Französischen Revolution war die Beseitigung der Feudalherrschaft in Frankreich, da selbige auch mit ein Grund für die Unzufriedenheit gerade weiter Teile der ländlichen Bevölkerung während der Zeit des Ancien Régime gewesen war. Dennoch waren die herrschaftlichen Verhältnisse in den meisten Teilen Frankreichs nicht mit denjenigen in der Vendée gleichzusetzen. Diese war ein Departement im Westen Frankreichs, „südlich der Loire, nördlich von La Rochelle, ein Stück des alten Poitou“1 , deren Name im Verlauf der Französischen Revolution umfassende Bedeutung erhalten sollte. So wurde sie mehr als ein Ort des gegenrevolutionären Widerstands, sie wurde zum Inbegriff der Gegenrevolution in Frankreich selbst. Der unmittelbare Anlass für den 1. Vendée-Krieg war die durch die Koalitionskriege hervorgerufene Aushebung von 300000 französischen Soldaten gegen die äußeren Feinde. Die beginnenden Aufstände in der Vendée leiteten eine Phase des Widerstands gegen die Französische Revolution ein, die jene selbst überdauern sollte. Doch wo liegen die tieferen Ursachen für diesen in seiner Bedeutung für die Gegenrevolution beispiellosen Krieg? Wie war das Leben in der Vendée vor dem „Grande Guerre“, wie der erste Vendée-Krieg in Frankreich genannt wird, der mit der Aushebung Ende Februar 1793 begann und im Dezember 1793 nach der Niederlage der Vendéens bei Savenay endete? Diese Fragen sollen im 1. Teil dieser Arbeit analysiert werden.

Der zweite Teil soll den Krieg in der Vendée per se behandeln. Warum siegten die Aufständischen zu Beginn und scheiterten dann? Wer waren die Trägerschichten? Und welche Rolle darf England zugerechnet werden?

Nach der Niederlage der Aufständischen kam es durch die „colonnes infernales“, den Höllenbrigaden, zu grausamen Behandlungen auch gegenüber der vendéeischen Zivilbevölkerung. Inwieweit sind diese Gräueltaten aber als Genozid zu bezeichnen? Sind die Vorrausetzungen zur Anerkennung als Völkermord mit dem Verhalten der Republikaner bereits erfüllt? Der Umgang mit den Einwohnern der Vendée nach dem 1. Vendée-Krieg sowie seine unmittelbaren und weitreichenderen Folgen und die Frage nach seiner Definition werden die Themen des dritten Teils dieser Arbeit sein.

2. Hauptteil

2.1 Ausgangslage und Ursachen

2.1.1 Die Vendée im Ancien Régime

Die Vendée, die nach einem kleinen Fluss benannt ist, der in ihrem Süden fließt, ist ein Departement im Westen Frankreichs. Der deutsche Historiker Albert von Boguslawski beschreibt das Gebiet der Vendée zur Zeit der Französischen Revolution wie folgt: „Der Landstrich [...] ist begrenzt im Norden durch die Loire, im Westen durch den Atlantischen Ocean [sic!], sodann durch die Linie, welche man sich von Paimboeuf über Bourgneuf, Saint Gilles, La Motte Achard, Mareuil, Saint Gilles, La Motte Achard, Mareuil, Sainte Hermine nach Barthenan und von da über Argenteau le Châteu und Brissac nach den Ponts de Cé gezogen denkt. Die Ausdehnung des Landes von Nord nach Süd beträgt 100, von Ost nach West 150 Kilometer.“2 Eine natürliche Besonderheit der Vendée sind ihre breiten Hecken, die für Fußwege nur wenig Licht und Raum lassen. Hiermit war den Vendéens später bereits ein bedeutender Vorteil gegeben, da sie in ihrer Art der Kriegsführung von den Gegebenheiten ihrer Heimat nicht eingeschränkt wurden, während die Natur der Vendée ganz erhebliche Einschränkungen für die Kavallerie und Artillerie der Republikaner bedeutete. So konnten zum Beispiel schwere Geschütze viele Wege nicht passieren, wenngleich diese Wege aber oftmals die einzige Möglichkeit der Fortbewegung darstellten,3 da es Straßen in dem hauptsächlich von Bauern bewohnten Gebiet kaum gab.4 Ebenso wenig waren in der damaligen Vendée größere Städte vorhanden, die größten, wie Cholet oder Châtillon, hatten nicht mehr als 7000 Einwohner. Die größtenteils bäuerliche Bevölkerung der Vendée, die unter 800000 Menschen lag, war auf kleinere und größere Dörfer verteilt, die zumeist um die Schlösser der jeweiligen adligen Grundherren errichtet waren.5 Eine Schulbildung war nicht flächendeckend, sondern nur sporadisch, und selbst dann lediglich in Ansätzen vorhanden. Zumeist waren es Geistliche, die den Vendéens die Bildung vermittelten, was, zusammen mit der Abgeschiedenheit der Vendée, zu einem hohen Maß an Frömmigkeit unter den Bauern und einer großen Bedeutung alter Sitten führte.6 Die französischen Historiker François Furet und Denis Richet führen dieses „Klima tridentinischer Frömmigkeit“7 auch auf den starken Einfluss der französischen Gegenrevolution in den Jahrhunderten zuvor zurück.8 Der vendéeische Adelige stand zu den Bauern in einem besonderen Verhältnis, da er als Grundherr von seinen Bauern keine Pachtsumme erhielt, sondern an den Erträgen des Bodens direkt beteiligt wurde. Dieses Verhältnis wich erheblich von dem der Grundherren zu den Bauern in anderen Regionen Frankreichs ab. Dementsprechend fiel auch das Verhalten des Adels in der Vendée anders aus. Der Adelige lebte zumeist bodenständig, legte wenig Wert auf Prunk und behandelte seine Pächter und Bauern nicht herablassend oder ungerecht, was eine wesentliche Begründung der späteren Ablehnung der Französischen Revolution gegenüber darstellen sollte.9

2.1.2 Die Vendée und die Französische Revolution

Die umfangreichen Reformen und Umwälzungen, die im Zuge der Französischen Revolution schon in ihrer Frühphase beschlossen worden waren, erreichten auch die Vendée. Während erste Maßnahmen der Revolution bei den vendéeischen Bauern noch große Zustimmung hervorgerufen hatten,10 stellten diese bald fest, dass sie durch die antiklerikalen und antiaristokratischen Gesetze keinerlei Vorteile erhielten, hatten sie ihr bisheriges Arbeitsverhältnis doch keineswegs als unterdrückend empfunden,11 sodass der Bauer auch nicht verstand „welche Befreiung von einem unerträglichen Joche ihm denn eigentlich die Revolution bringen sollte.“12 Im Gegenteil, er nahm der Revolution sogar die antiaristokratischen Gesetze übel, da er in ihnen und der Behandlung der vendéeischen Adeligen im Allgemeinen eine Schmähung selbiger verstand.13 So wurden schon in der Frühphase der Revolution sowohl von der Nationalgarde als auch von den Regimentern Schlösser adeliger Gutsbesitzer geplündert.14 Zudem wurden die neu geschaffenen Wahlämter zumeist von Kaufleuten, Notaren und Anwälten aus den Städten besetzt, sodass der Bauer auch hier keinen Vorteil für sich erkennen konnte. Vielmehr musste er zusehen, wie die Gewählten eidverweigernde Priester durch Nationalgarden verfolgen ließen.15 Der Großteil des Klerus in der Vendée hatte den Eid auf die Verfassung verweigert, was die Priester eigentlich seitens der Revolutionäre an der Ausübung ihres Amtes hindern sollte. Die wenigen vendéeischen Priester, die den Eid abgelegt hatten, wurden zwar durch in die Vendée entsandte Geistliche verstärkt, doch hielten sie ihre Messen alle zumeist in leeren Kirchen ab, da weiterhin heimliche Messen von eidverweigernden Priestern abgehalten wurden.16

2.1.3 Beginn der Aufstände

Nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. am 21. Januar 1793 traten Großbritannien, Spanien und das Königreich Neapel in den Koalitionskrieg gegen Frankreich ein. Diese neue Bedrohung im Krieg veranlasste die französische Revolutionsregierung Ende Februar 1793 dazu, ein Gesetz zu erlassen, nach welchem 300000 Mann in ganz Frankreich als neue Soldaten für den Krieg auszuheben seien.17 Die Historiker François Furet und Denis Richet schreiben dazu: „Die am 23. Februar 1793 beschlossene Aushebung [...] ist wegen ihrer willkürlichen Durchführung ganz dazu angetan, Unzufriedenheit entstehen zu lassen.“18 Beamte und Abgeordnete waren von der Aushebung befreit. Jedes Departement hatte ein gewisses Kontingent an Soldaten bereitzustellen. Wurde dieses Kontingent von Freiwilligen nicht erreicht, so sollte die restliche Zahl mit Bürgern aufgefüllt werden.19 In der Vendée war immer ein Widerwille gegen den Militärdienst vorhanden gewesen. In diesem Falle wurde dieser noch dadurch verstärkt, dass die Vendéens sich von den äußeren Feinden der Revolution nicht bedroht fühlten, fanden die Kämpfe doch an den östlichen Außengrenzen bzw. in den östlich an Frankreich grenzenden Ländern statt. Zudem sahen die Vendéens die Österreicher und Preußen nicht als Feinde an, da diese für den Erhalt der Aristokratie kämpften.20 Doch in welchem Verhältnis steht das Aushebungsgesetz zu den vorherigen durch die Französische Revolution bedingten Veränderungen in der Vendée? Der Historiker Albert von Boguslawski sieht das Gesetz als letztes Glied einer Kette von Ereignissen, die die vendéeischen Bauern bisher seitens der Französischen Revolution zu ertragen hatten: „Die Religion und unsere Priester hat man uns genommen, unsere Gutsherren vertrieben, den König ermordet, nun verlangt man noch unsere Söhne, unser Blut! Das geht nicht! - so dachte der Bauer.“21 Dem stimmt der Historiker Michael Wagner zu. Er sieht ebenfalls tiefere Ursachen für die Weigerung der vendéeischen Bauern gegen die Rekrutierung, vor allem sei sie „das Ergebnis einer tiefen Entfremdung großer Teile vor allem der ländlichen Bevölkerung Westfrankreichs von dem neuen revolutionären Regime in Paris und dessen Verbündeten und hauptsächlichen Nutznießern vor Ort, dem ,patriotischen‘ Bürgertum [...]“.22 Wenige Wochen nach Verkündigung des Gesetzes werden ab dem 3. März 1793 Unruhen gemeldet. Ab der zweiten Märzwoche verweigern Bürger in vielen Dörfern der Vendée den Einberufungsbefehl,23 so zum Beispiel in Saint Florent.24 Anfangs erhoben sich die Vendéens in spontanen Einzelaktionen, ab dem 11. März kommt es erstmals in über hundert Dörfern gleichzeitig zu bewaffneten Aufläufen.25 In Anjou hat der spontane Aufstand den größten Erfolg, der sich innerhalb kürzester Zeit auf andere Orte in der Vendée ausbreitet.26 Zur Verdeutlichung sei hier das Beispiel Cathelineau erwähnt: Der Fuhrmann und Wolleverkäufer Jacques Cathelineau kann, als er von den Geschehnissen in Saint Florent hört, auch indem er vor der Rache der Revolutionäre warnt, eine Anhängerschar mobilisieren, die nach einem Tag bereits über 500 Vendéens verfügt. Cathelineau zieht durch die umliegenden Dörfer und vergrößert seine Anhängerschar stetig, bis diese auf 5000 Mann angewachsen ist.

[...]


1 Ernst Schulin, Die Französische Revolution, Verlag C.H. Beck, München 1989, S. 206.

2 Albert von Boguslawski, Der Krieg der Vendée gegen die Französische Republik 1793-1796, Berlin 1894, S. 13.

3 Vgl. ebd. S. 14.

4 Vgl. Rolf Reichardt, Das Blut der Freiheit, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 1998, S. 49.

5 Vgl. Boguslawski S. 16 ff.

6 Vgl. Boguslawski S. 18.

7 Benannt nach dem Konzil von Trient (auch Tridentinum, 1545-1563), welches eine Reaktion der römisch-katholischen Kirche auf die Reformation darstellte.

8 Vgl. François Furet, Denis Richet, Die Französische Revolution, Verlag C.H. Beck, Frankfurt a.M. 1968, S. 250.

9 Vgl. Boguslawski S. 19 f.

10 Vgl. Furet, Richet (Anm. 7) S. 250.

11 Vgl. Michael Wagner, England und die Französische Gegenrevolution 1789-1802, R. Oldenbourg Verlag, München 1994, S. 136 .

12 Boguslawski S. 21.

13 Vgl. Boguslawski S. 21.

14 Vgl. ebd. S. 25.

15 Vgl. Reichardt (Anm. 3) S. 49.

16 Vgl. Boguslawski S. 23 f.

17 Vgl. Schulin S. 206.

18 Furet, Richet S. 249.

19 Vgl. ebd.

20 Vgl. Boguslawski S. 29 f.

21 Boguslawski S. 30.

22 Wagner S. 136.

23 Vgl. Reichardt S. 50.

24 Vgl. Boguslawski S. 31.

25 Vgl. Furet, Richet S.251.

26 Vgl. Boguslawski S. 30.

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656953814
ISBN (Buch)
9783656953821
Dateigröße
970 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v299070
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
grande guerre vendée ursachen verlauf folgen vendée-krieges frage genozids

Autor

  • Stanley Millerich (Autor)

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