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Modeblogger als Fachjournalisten? Partizipativer und professioneller Journalismus

von Alexandra Spiegel (Autor)

Akademische Arbeit 2012 26 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhalt

1. Das Verhältnis von partizipativem und professionellem Journalismus – Modeblogger als Fachjournalisten?
1.1 Vom Gatekeeping zum Gatewatching – Die Potentiale des partizipativen Journalismus
1.2 Das Verhältnis von Weblogs und Journalismus: Konkurrenz, Ergänzung oder Integration
1.3. Die Debatte um die „Macht der Modeblogger“

2. Anhang

3. Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1. Das Verhältnis von partizipativem und professionellem Journalismus – Modeblogger als Fachjournalisten?

Kann man Modeblogger tatsächlich als Fachjournalisten bezeichnen? Dieser Frage soll die vorliegende Arbeit nachgehen, die in diesem Kontext das Verhältnis von partizipativem und professionellem Journalismus untersuchen wird. Kann man sagen, dass Weblogs in Konkurrenz zum Journalismus stehen? Oder ergänzen sie diesen viel eher?

Unterstützt werden die Thesen dieser Arbeit jeweils durch passendes Bildmaterial im Anhang.

1.1 Vom Gatekeeping zum Gatewatching – Die Potentiale des partizipativen Journalismus

In den folgenden Abschnitten 1.1 und 1.2 wird der Grundfragestellung ein medien- und kommunikationswissenschaftlicher Rahmen gesetzt, um im Anschluss den wechselseitigen Einfluss von Modeblogs und –Journalismus im Speziellen zu betrachten. Eine basale Herangehensweise an die Forschungsfragen ist den, durch das Internet hervorgerufenen Medienumbruch, d.h. die Konstituierung einer Internetöffentlichkeit und den Wandel des Journalismus durch das Internet, zu beobachten. Dazu ist es hilfreich zwei Perspektiven einzubeziehen und zwar zum einen die Betrachtung der grundlegenden Kommunikationstypen Profession (kommerzielle öffentliche Kommunikation) und Partizipation (neue Möglichkeiten durch das Internet) und zum anderen das Verhältnis zwischen den Medientypen, d.h. in welcher Beziehung (Ergänzung/Komplementarität, Konkurrenz oder Konvergenz) Internet und Presse zueinander stehen.

Zur Klärung des Verhältnisses zwischen Zeitschriften und Internet sollen zunächst die, den Kommunikationswandel begünstigenden, Potentiale des Internets im Allgemeinen erläutert werden. Ein hervorstechendes, bereits im Technischen angelegtes Merkmal ist seine Multioptionalität, wodurch sich erweiterte Möglichkeiten der Kommunikation bzw. Kommunikationsmodi ergeben, die bislang in keinem Einzelmedium realisierbar waren: asynchrone und synchrone Kommunikation, interaktive und selektive Kommunikation, „One-to-one“-, „One-to-many“- und „Many-to-many“-Kommunikation, private und öffentliche Kommunikation, sowie auditive, visuell-statische und –dynamische Kommunikation.[1] Zudem ist durch die Dezentralität des Internets ein flexibler Rollentausch zwischen Autor, Herausgeber und Rezipient sowie deren Vernetzung möglich.[2] Weitere Aspekte des technischen Internet-Potentials sind seine Multimedialität, die Möglichkeiten der Archivierung und Additivität, z.B. können in Blogs Ereignisse archiviert und gleichzeitig beliebig ergänzt werden. Inhalte können global verbreitet werden und es ist eine permanente Aktualisierbarkeit mit minimaler Reaktionszeit sowie eine hohe Selektivität gegeben, d.h. der Nutzer kann zwischen diversen Angebotsformen online wie Hypertexte, Datenbanken und andere Suchfunktionen entscheiden.[3] Das meist diskutierte bzw. mit hohen Erwartungen verbundene Merkmal ist die Interaktivität,[4] da das Internet verhältnismäßig mehr interaktive Funktionen wie Kommentar etc. bietet im Vergleich zu TV, Radio oder Print. Des Weiteren können Onlinenutzer Inhalte leichter und kostengünstiger produzieren, weiterverarbeiten und verbreiten, u.a. auch unter durch mobile Endgeräte.[5] Fasst man die Eigenschaften des Internets zusammen, ergibt sich ein multioptionales Medium für Journalisten und Nutzer, das die Kommunikation „entgrenzt“.[6]

Somit lässt sich die These anbringen, dass diese Techniken die Grundlage des Journalismus verändern: sie geben dem bislang überwiegend passiven Publikum neue Möglichkeiten und eine zuvor nicht da gewesene ´Macht´. Das Publikum hat die Möglichkeit der Partizipation in der Nachrichtenproduktion und im Veröffentlichungsprozess. Elementar sind demnach die Potentiale Interaktion und Partizipation, wobei es nicht nur um Interaktion zwischen Nutzern und Kommunikationstechnologien geht, sondern vielmehr um die Interaktion zwischen den Nutzern bzw. die Vernetzung, auch als User-to-user, Peer-to-peer -Kommunikation bezeichnet.[7] Einer Begriffsdefinition zufolge sind Peer-to-peer-Formate „systems which enable their users to interact directly with one another, as equals and without the intervention of a strong mediary“.[8] Blogs sind demnach mit ihren technischen und charakteristischen Eigenschaften als Exempel eines Peer-to-peer-Angebots einzuordnen.

Das “Bottom-up”-Phänomen des partizipatorischen Journalismus ist nach Bowman/Willis folgendermaßen zu definieren:

„the act of a citizen, or group of citizens, playing an active role in the process of collecting, reporting, analyzing and disseminating news and information. The intent of this participation is to provide independent, reliable, accurate, wide-ranging and relevant information that a democracy requires”.[9]

Er wird hier also nicht als Journalismus an sich diskutiert, sondern unter umfassender Perspektive als notwendiger Teil einer Demokratie betrachtet. Entscheidend bei der partizipativen Kommunikationsform ist, dass das Individuum nun eine aktive Rolle im Prozess des Sammelns von Informationen, beim Berichten, Sortieren, Analysieren und Verbreiten von Nachrichten und Informationen spielt.[10] Darüber hinaus gehende Funktionen sind der Kommentar bzw. die Diskussion, das Filtern aus der Masse an Informationen, das Bearbeiten und Überprüfen von Fakten, aber auch Werbung.[11]

Durch diese neuen Nutzungsmöglichkeiten kommt es zu einer entscheidenden Verschiebung im Journalismus. Durch die erweiterte Partizipation verliert der Journalismus sein Gatekeeper-Monopol in der aktuellen Internetöffentlichkeit. Dennoch ist anzumerken, dass auch online Mediatoren notwendig sind. Im Internet ist statt Gatekeeping vielmehr Gatewatching erforderlich, denn aufgrund der enormen Quantität der Angebote und der fehlenden umfassenden redaktionellen Qualitätssicherung, wird die nachträgliche Selektion und Prüfung des im Internet Publizierten zur wichtigen Leistung.[12] Es ergibt sich allerdings das Folgeproblem des Informationsüberschuss für den Rezipienten: Zwar ist das Gatewatcher-Prinzip als Lösung für das Problem des begrenzten kommunikativen Zugangs des Gatekeeper-Modells zu sehen, aber durch die einfache Zugänglichkeit entsteht eine Informationsflut bei gleichzeitiger Knappheit an Aufmerksamkeit und Urteilsvermögen auf Seiten der Rezipienten. Auch Neuberger gibt 2002 zu bedenken, dass die Unsicherheit über die Informationsqualität dazu führen kann, dass weiterhin journalistische Verarbeitungsweisen notwenig bleiben und es sogar wieder zu einer Konzentration auf traditionelle Medien kommen könnte.[13]

Vorherrschend ist allerdings die Ansicht, dass dem Blogger- und Grassroots-Journalismus - Phänomen eine relevante, mit dem klassischen Journalismus vergleichbare Rolle, zukommt. So vertritt z.B. der Webforscher Axel Bruns die These, dass partizipatorischer Journalismus trotz seiner Ziele bzw. Ansprüche ähnlich wie der professionelle Journalismus operiert und sogar als Teil davon zu sehen ist.[14] Bardoel/Deuze geben zu bedenken, dass das Modell des klassischen Journalismus ohnehin überholt ist, da es ein Produkt der modernen zentralistisch bzw. hierarchisch organisierten Industriegesellschaft ist.[15]

Neu ist also, dass anstelle des Produzenten sich der Konsument bzw. Nutzer im Zentrum bei der Online-Nachrichtenproduktion befindet und es so zu einer Internet-Revolution durch Blogs und Social Networks kommen konnte – ganz nach dem Credo „revolutions on the net happen at the edges, not at the center.“[16] Der publizistische Einfluss von partizipativen Onlineformaten wie Blogs hat sich nicht nur im Bereich Mode gezeigt, sondern auch im politischen Geschehen, wie das immer wieder genannte Schlüsselereignis der Terroranschläge des 11. September 2001 oder der Fall Tunesien/Nordafrika, wo es durch den zuvor in dem Ausmaß nicht vorhanden Internetzugang und die Social Networks bzw. Blogs zur medial so betitelten „Facebook-Revolution“[17] mit weitreichenden Einfluss kommen konnte. Diese neue Rolle des partizipativen Journalismus und wie traditioneller Journalismus durch die neuen Potentiale beeinflusst wird, gilt es weiter zu hinterfragen.

Eine radikale Sichtweise, und zwar die, der Ablösung des traditionellen Journalismus durch partizipative Formate, vertreten Bucher und Büffel. Sie stellen das besonders revolutionäre, den Medienwandel antreibende, Potential von partizipativem Journalismus und insbesondere Blogs heraus, als Antwort auf den seit den 1970er Jahren bestehenden Wunsch „Menschen, die in der Öffentlichkeit sonst kein Gehör finden, zu Wort kommen zu lassen, Dinge aus der Sicht der Betroffenen darzustellen und Zerrbilder der bürgerlichen Medien zu korrigieren.“[18] Die Autoren betonen, dass es sich um eine komplett neue, in dieser Form bislang in der Mediengeschichte nicht da gewesene Kommunikationsstruktur handelt, in der die hierarchischen Strukturen der klassischen Medien (Inhalte von einem Anbieter an viele Rezipienten) durch Netzwerkkommunikationen erweitert oder sogar abgelöst werden und die Grenzen zwischen Sender und Empfänger verschwimmen.[19] Dies hat einen Wandel der Basisfunktionen des Journalismus zu einer offenen Distributionsstruktur zur Folge, d.h. dass z.B. die Liberalisierung und Ausweitung der Themensetzung sowie des Informationsangebotes, die Erweiterung der Zugangsmöglichkeiten und die Aufgabe der alleinigen Steuerung durch die klassischen Akteure zu verzeichnen sind. Darüber hinaus besteht die Erwartung an den traditionellen Journalismus, seine Kommunikation stärker zu reflektieren, da er in höherem Maße Analysen und Kritik von Seiten des partizipativen Journalismus ausgesetzt ist.[20]

Bowman/Willis hingegen sprechen eher von einer Demokratisierung der Medien und einer Herausforderung für die Vormachtstellung der Presse als exklusive, privilegierte und vertrauensvolle Nachrichtenquelle und Institution.[21] Es bilden sich in diesem Zusammenhang neue Experten heraus,[22] was anhand des Phänomens der A-List-Modeblogger, die den Rang eines Modejournalisten einnehmen, sichtbar wird. Neuberger geht sogar davon aus, dass Journalismus zwar im Internet weiter existiert, aber journalistische Publikationen kaum mehr von anderen Angeboten im Internet zu unterscheiden sind. Demnach sollen sich traditioneller und Internet-Journalismus annähern.[23] Allerdings behält der traditionelle Journalismus, was Glaubwürdigkeit und Qualität angeht, nach wie vor einen Vorsprung gegenüber den Online-Formaten, weil sie eine bekannte Marke profilieren und ins Internet übertragen können.[24] Das ´Obsolet-werden´ des Journalismus oder das Internet als ´Wunscherfüller´ sieht Neuberger als übertriebene Projektionen.[25] Generell ist schon längst nicht mehr von einer Krise des Journalismus zu sprechen, vielmehr ging es in der Anfangsphase des Medienwandels um eine Angleichungsphase, die meist eintritt, wenn ein neues Medium hinzukommt.[26]

Wie geht der Journalismus mit den Herausforderungen um und wie kann er sich besser in die Onlinewelt integrieren? Es ergeben sich veränderte Arbeitsbedingungen für Journalisten, denn diese müssen einen Mehrwert anbieten, den traditionellen Journalismus überdenken und z.B. emotional ansprechender texten, so wie es die emotional/persönlich ausgerichtete Textsprache der Blogospäre bietet. Zudem wird vorgeschlagen, dass in Zukunft Magazine und Zeitungen verstärkt äquivalente Internetangebote etablieren sollten, die kontinuierlich News anbieten. Dabei sollte die Konzentration on- und offline gleichermaßen verteilt werden. Ein weiterer Vorschlag ist, eine direkte Verbindung zu Sozialen Netzwerken bei jeder Story anzubieten und das Publikum so zum Mitwirkenden zu machen.[27]

1.2 Das Verhältnis von Weblogs und Journalismus: Konkurrenz, Ergänzung oder Integration

In welcher Beziehung Weblogs und der klassische Journalismus zueinander stehen ist die Hauptfrage eines wissenschaftlich sowie in den Medien intensiv geführten Diskurses. Im Verlauf der Debatte lassen sich hauptsächlich drei Hypothesen bzw. Beziehungstypen ausmachen: Konkurrenz, Integration und Komplementarität. Im Fall eines Konkurrenz-Verhältnisses würde es zum Rücktritt einer Kommunikationsform kommen. Das Modell der Komplementarität bzw. Ergänzung beschreibt den Vorgang, dass Laienkommunikatoren, z.B. Blogger die Komplementärrolle zu professionellen Journalisten einnehmen. Dabei können sie auch als Recherche-Quelle dienen. Umgekehrt können Blogger journalistische Themen, Informationen und Meinungen aufgreifen, wodurch Weblogs als Resonanzraum der Massenmedien fungieren, in denen die Anschlusskommunikation des Publikums stattfindet.[28] Integration meint Hybridangebote, die professionelle, partizipative und technisch gestützte Kommunikation integrieren, z.B. durch die Nutzerbeteiligung im professionellen Journalismus, also der Teilnahme am redaktionellen Produktionsprozess durch Bewerten, Inhaltsvorschläge oder Kommentieren.[29]

In der Debatte gehen Bucher/Büffel davon aus, dass die Weblog-Kommunikation journalistische Funktionen erfüllt und damit auf gleiche Ebene zu setzen ist.[30] Bei der Netzwerkkommunikation findet eine Umkehr der klassischen publizistischen Kommunikationsstrukturen statt: Der Prozess des Sammelns, Berichtens, Analysierens und Distribuierens von Nachrichten und Informationen ist in der Blogosphäre dezentral geregelt. Nach Bucher/Büffel handelt es sich also um ein Organisationsmodell, das im Kontrast zur Struktur der traditionellen Massenmedien steht.[31] Allerdings schließen die Autoren das Kriterium der Qualität von vornherein als Vergleichsmerkmal aus, da auch der professionelle Journalismus sich nicht immer an journalistische Qualitätskriterien halte.[32]

[...]


[1] Vgl. Neuberger; Tonnemacher (2003), S. 27.

[2] Vgl. Ebd.

[3] Vgl. Neuberger; Tonnemacher (2003), S. 62.

[4] Interaktiv ist die Kommunikation dann, wenn ein menschliches gegenüber auf eine Anfrage individuell reagiert. Vgl. Neuberger; Tonnemacher (2003), S. 61.

[5] Vgl. Neuberger; Tonnemacher (2003), S. 64.

[6] Vgl. Neuberger; Tonnemacher (2003), S. 69.

[7] Vgl. Bruns (2005), S. 120.

[8] Bruns (2005), S. 121.

[9] Bowman; Willis (2003), S. 9.

[10] Vgl. Bruns (2005), S. 135.

[11] Vgl. Bowman; Willis (2003), S. 33-34.

[12] Vgl. Neuberger. In: Quandt; Schweiger (2008), S. 27. Ebenso: Bruns (2005), S. 11-19.

[13] Vgl. Neuberger (2002), S. 34.

[14] „despite ist claims, public journalism, working as it does within the market and within the long-standing organizational, institutional and professional structures, operates similar ways to mainstream journalism (of which it is, after all, a part)“. Bruns (2005), S. 120.

[15] Vgl. Bruns (2005), S. 225.

[16] Bowman; Willis (2003), S. 47.

[17] Vgl. Gebauer. 04.10.2011. URL: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,789712,00.html. Stand: 10.10.2011.

[18] Bucher; Büffel (2005), S. 89.

[19] Vgl. Bucher; Büffel (2005), S. 107.

[20] Vgl. Ebd.

[21] Vgl. Bowman; Willis (2003), S. 47.

[22] Vgl. Bowman; Willis (2003), S. 48.

[23] Vgl. Neuberger (2002), S. 35.

[24] Vgl. Neuberger (2002), S. 37.

[25] Vgl. Neuberger (2002), S. 26.

[26] Vgl. Neuberger; Tonnemacher (2003), S. 29.

[27] Vgl. Bowman; Willis (2003), S. 48.

[28] Vgl. Neuberger. In: Quandt; Schweiger (2008), S. 32.

[29] Vgl. Ebd.

[30] Vgl. Bucher; Büffel (2005), S. 89.

[31] Vgl. Bucher; Büffel (2005), S. 93-94.

[32] Vgl. Bucher; Büffel (2005), S. 95.

Details

Seiten
26
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656951841
ISBN (Buch)
9783668143708
Dateigröße
946 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298929
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Schlagworte
modeblogger fachjournalisten partizipativer journalismus

Autor

  • Autor: undefined

    Alexandra Spiegel (Autor)

    5 Titel veröffentlicht

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