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Mode und Medien. Die Rolle der Zeitschriften und Weblogs bei der Entstehung und Verbreitung von Trends

von Alexandra Spiegel (Autor)

Akademische Arbeit 2012 36 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhalt

1. Mode und Innovation – Die Soziologie von Mode, ihrer Diffusion und Präsentation

2. Medien der Mode – Die Entstehung und Verbreitung von Trends in Zeitschriften und Weblogs
2.1 Mode und Medium
2.2 Fachjournalismus im Vergleich: Stilbildung im Modemagazin
2.3 Die Trendgenese in Modeblogs

3. Anhang

4. Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1. Mode und Innovation – Die Soziologie von Mode, ihrer Diffusion und Präsentation

Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick über die Rolle der Medien für das Gebiet der Mode geben und dabei vor allem auf die Entstehung und Verbreitung von Trends in Zeitschriften und Weblogs eingehen. Hierbei wird die Theorie dieser Arbeit durch zahlreiche Abbildungen im Anhang unterstützt.

Als Grundlage für das Verständnis von Mode und wie sie in Weblogs dargestellt bzw. verbreitet wird, sollen zunächst die allgemeinen Prozesse und die soziokulturellen Aspekte von Mode erläutert werden.

Betrachtet man die Etymologie von Mode, so wie es das Duden einerseits im allgemeinen Sinn mit „etwas, was […] Zeitgeschmack, […] einem zeitbedingten verbreiteten Interesse, Gefallen, Verhalten entspricht“ und andererseits im Hinblick auf Kleidungsmoden im Speziellen als „in einer bestimmten Zeit, über einen bestimmten Zeitraum bevorzugte, als zeitgemäß geltende Art, sich zu kleiden, zu frisieren, sich auszustatten“ beschreibt,[1] so deuten sich darin bereits die Eigenschaften von Mode und ihrer Verbreitung an. Bei der englischen, mittlerweile auch im Deutschen häufig verwendeten, Bezeichnung fashion, ist die Wortbedeutung vom lateinischen Ursprung factio, to facere (machen, tun) hergeleitet, das ebenfalls die Wurzel von dem Wort fetish ist. Hierin drückt sich die Vermutung aus, dass Mode womöglich zu einem der am stärksten fetischisierten Güter unserer Gesellschaft gehört.[2] Eine weitere Abspaltung ist high fashion, die eine limitierte bzw. exklusive Mode bezeichnet, da sie einerseits meist sehr hochpreisig oder der Stil besonders extravagant ist. Erst wenn ein Design Akzeptanz bei einem breiteren Publikum findet, wird es kopiert und durch niedrigere Preise der Masse zugänglich gemacht.[3] Der Begriff Mode kann zudem alles umfassen, so wie die Art der Einrichtung, Essen und Trinken oder Sitten. Hier soll es ausschließlich um die Bekleidungsmode gehen.

Grundlegend ist die Mode von einer hohen Dynamik geprägt, da sich die Ideen und der allgemeine Geschmack mit der Zeit verändern. Diese Veränderung findet in der Modeindustrie periodisch nach einem bestimmten Zeitplan statt. Die Modefirmen bzw. Designer präsentieren ihre neuesten Kreationen zur jeweiligen Saison Frühling/Sommer und Herbst/Winter in einem jährlichen Turnus, d.h. die Herbst/Winter-Mode wird ca. ein Jahr bevor sie auf den Markt kommt gezeigt. Dadurch wird Einkäufern und Journalisten genügend Zeit gegeben, die neuesten Trends zu verarbeiten.[4] Die Mode- und Trendbildung ist somit ein komplexer Prozess des Wandels und der Innovation:

„Durchschnittlich erscheint die Mode immer wieder als eine unerwartete und unvorhersehbare Veränderung des Verhaltens der Menschen, speziell in ihrem Bekleidungsstil, während danach eine Periode der Anpassung an die neue Form folgt, bis wiederum ein neuer Wandel eintritt.“[5]

Diesem Ansatz nach ist ein elementarer Aspekt von Mode ihr kontinuierlicher Wandel. Der Prozess zeigt sich vor allem im Modezyklus, der die Dauer eines jeweiligen Trends umfasst. Der Kultur- und Sozialwissenschaftler Fred Davis definiert den Zyklus als „phased elapsed time from the introduction of a fashion (a new “look”, a new visual gestalt, a pronounced shift in vestmental emphasis) to its supplantation by a successive fashion.”[6] In diesen Prozess müssen verschiedene Faktoren, die den Modezyklus beeinflussen können, wie Interaktionen, Austausch, Anpassungen, Nachahmungen zwischen Personen, Organisationen und Institutionen, einbezogen werden.[7] Im ersten Stadium des Modezyklus kommt ein neuer Trend auf, der zunächst von Personen aufgegriffen wird, die das Bedürfnis haben sich stärker abzuheben. Wenn sich die neue Idee verbreitet und von einer größeren Anzahl an Personen imitiert wird, ist der Höchststand, die Akzeptanz in der Masse erreicht. Jeder Trend kommt zu einem dritten Stadium, in dem er wieder abfällt, meist als Resultat der Vermassung des Trends, wodurch Konsumenten zu viel von dem Gleichen gesehen haben und nach Neuem streben.[8] So drückt es das Statement „a fashion that has been accorded wide acceptance is, ironically, no longer fashionable“[9] treffend aus.

Die Ausbreitung bzw. Diffusion von Moden vollzog sich im Laufe der Geschichte in verschiedenen Stadien. Ausgehend von den ersten Entdeckungen in den archaischen Hochkulturen mit einer Bereitschaft zu Diffusion und Wandel, zu dem im Zeitalter des europäischen Feudalismus anzusiedelnden Ausbreitungsstil der Mode, der von den oberen Klassen ausgeht und sich durch die Adaption der unteren Klassen ausbreitet („Trickle down“-Theorie), ist seit der Moderne ein anderer Ausbreitungsstil vorherrschend.[10] Durch die Ausbildung einer Mittelklassengesellschaft bzw. Populärkultur, die nicht nur Einfluss auf das politische, soziale und wirtschaftliche Leben, sondern auch auf die ästhetische Wahrnehmung hatte, haben sich die Theorien „Trickle across“ – d.h. Mode geht horizontal durch homogene Gruppen – und „Bottom up“, wonach junge Leute schneller als jede andere soziale Gruppe im Aufspüren und Initiieren neuer Moden sind, etabliert.[11] Mode wird also nicht nur von den oberen Schichten, sondern auch von den jüngeren Gruppen und den unteren ökonomischen Klassen aufgegriffen. Als Beispiele dienen Modeadaptionen z.B. aus Arbeiterschichten wie die Jeans, Militär- und Safaribekleidung. Auch bei der Designermode wird diese Inventions-Verschiebung erkennbar, da nun nicht mehr nur Modenschauen als Ursprung von Trends gelten, sondern Designer ihre Inspiration auch von anderen Orten wie der „Straße“ – u.a. auch durch Streetkultur, „Trendspotting“ und Blogs – beziehen. Hinzu kommt bei dem heutigen Ausbreitungsstil der Umstand, dass Barrieren zwischen Klassen oder zwischen Land und Stadt obsolet werden. Dies geschieht vor allem durch die Entwicklung der Massenkommunikationsmittel der fortgeschrittenen Industriegesellschaft – Modejournale und Neue Medien. Dabei ist die junge Frau in hohem Ausmaß an der Demokratisierung der Mode beteiligt, da sie ein ausgeprägtes Bedürfnis hat, die vom klassischen Kapitalismus angelegten Barrieren zu übersteigen und ohne Phasenverschiebung an den Bewegungen (der Mode) teilhaben möchte.[12]

Diesen elementaren Prozessen von Moden, Trends und dem Umgang mit ihnen liegen tiefer gehende soziologische Vorgänge zugrunde. Am Anfang jeder Mode steht ihre Invention, d.h. die Idee, die bis zur den Kollektion auf dem Laufsteg umgesetzt wird. Aus den Inventionen ergeben sich allerdings erst durch ihre Verwertung bzw. Wertschätzung durch die Betrachter Innovationen.[13] Der Wunsch Neues zu schaffen sowie der, der Mode inhärente, plötzliche Verhaltenswandel, basiert zahlreichen Autoren nach auf dem Experimentierdrang, dem Wunsch nach ästhetischer Abwechslung und der Neugier des Menschen.[14] Als eine weitere sozialpsychologische Grundlage von Mode und ihrer Begehrlichkeit betont der Soziologe Georg Simmel in seiner „Philosophie der Mode“, den dem Menschen eigenen Gegenpol von Nachahmung und Differenzierung. Das Sich-Abheben wollen gelingt durch den Wechsel von Inhalten, in diesem Fall von Trends.[15] An dieser Stelle ist auch die Funktion des fashion leaders einzuordnen. In der heutigen Zeit können drei Arten von fashion leader unterschieden werden: zum einen die Avantgarde, die als Vorhut, als stilistisch abenteuerlicher Modeführer gilt, zum anderen Luxus- oder Alltagsorientierte Modeführer, d.h. modebewusste Frauen aus der (höheren) Mittelklasse.[16] Sie sind die Schlüsselpersonen, die unter den Ersten sind, die Trends aufnehmen, aber auch wieder gemäß dem Vorgang des Modezyklus zu etwas Neuem fliehen, sobald ein Stil von den Massen aufgegriffen wird.[17] Der dann eintretende Effekt, dass Personen dem Modeführer folgen, resultiert aus dem Wunsch des Individuums sich der bevorzugten sozialen Gruppe oder Einzelperson anzupassen und somit deren Status zu erreichen.[18] Stile werden in einem “follow-the-leader“ - Prozess zu Moden.

Ein weiteres bedeutsames Merkmal der Mode ist der Wettbewerb. Dieser liegt im Auszeichnungsstreben des Menschen begründet.[19] Die Person möchte sich abheben und dennoch anerkannt werden. Auch Simmel beschreibt dieses Paradoxon von dem Drang nach Anerkennung/Eingliederung und gleichzeitiger Abhebung bzw. Individualisierung durch Mode.[20] Trotz dieser Bestrebung sind durch einen geregelten Wettbewerb mit zeremoniellem Verhalten und typischer Etikette auch die Einordnung in eine Gesellschaft und das Gefühl der sozialen Verbundenheit möglich.[21] Beispielsweise möchte das Publikum es dem Modeschöpfer gleich tun, indem es seine Kreationen vorführt, wodurch die besonderen Designs ihre Auszeichnung verlieren und zum allgemeinen Besitz werden. So werden auch die Designer zum Wechsel gezwungen.[22] Relevant für das Konzept von Mode ist folglich das Verhältnis von Akteuren und Zuschauern, worin sich das Zusammenspiel von Auszeichnung und Anerkennung versinnbildlicht. In den Anerkennenden wird auf der Grundlage der Phänomene Wettbewerb und Nachahmung das Bestreben nach Anerkennung geweckt: „Wer zuerst Zuschauer war und Beifall klatschte, will nun selber zum Akteur werden und den Beifall für sich einheimsen.“[23] Dieser Rollenwechsel zwischen Akteuren und Zuschauern ist besonders bei den internationalen Modewochen zu beobachten, wo sich vor und nach den Fashion Shows die Zuschauer bzw. die Blogger, Journalisten sowie die Marketing- und Medienvertreter in der front row, auf der Straße oder auf dem roten Teppich präsentieren.

Hier zeigt sich auch ein weiteres Wesensmerkmal der Mode: das Schauen und „Sich-Beschauen-Lassen“. Auf der einen Seite gibt es die Tendenz zum aktiven Schauen, die vom eigenen Körper auf den fremden geht, und auf der anderen Seite steht der Wunsch gesehen zu werden.[24] Dies funktioniert nur in einem geschlossenen Kreis, in dem dieser Wechsel zwischen Zuschauern und Akteuren stattfinden kann. So z.B. der Austausch zwischen Publikum und Designer innerhalb der exklusiven Gruppe, der so genannten „fashion crowd“ oder „Modeclique“. Diese Begriffe sind bezeichnend für das Bedürfnis des Zusammenschlusses. Als Folge dessen kommt in der Modetheorie auch dem Moment der sozialen Gruppe eine besondere Bedeutung zu, wie Ingrid Loschek in einer Definition, die eine soziologische Perspektive einbezieht, konstatiert:

„Mode ist, worauf sich eine Gemeinschaft beziehungsweise eine Gruppe der Gesellschaft verständigt hat. Mode ist ein persönliches ästhetisches Empfinden im Kollektiv.“ [25]

Roland Barthes postuliert in seiner Schrift „Die Sprache der Mode“, dass Mode sogar als Kommunikationsmedium betrachtet werden kann.[26] Der Perspektive von Mode als sozialem System, das auf Kommunikation basiert, nach, ist Kommunikation auf mehreren Ebenen möglich und veräußert sich bewusst oder unbewusst.[27] Abgesehen von der Aussage, die ein Träger (unbewusst) mit dem Tragen eines Kleidungsstücks treffen kann, kann auch die Kleidung selbst zum Träger von Zeichen werden. Dies vertieft Ferdinand de Saussure mit der Beziehung zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendes: d.h. der Konnotation (das Bezeichnende), die hinter einem einfachen Ding, der Denotation (dem Bezeichneten) steht.[28] Auch die Möglichkeit der Kommunikation von und mit Mode kann gruppenbildend wirken. Die direkt-kommunikative Funktion der Mode soll an dieser Stelle allerdings nur kurz erwähnt sein. Grundlegend lässt sich das System der Mode in drei Strukturen unterteilen: die reale, die abgebildete und die geschriebene bzw. Mode beschreibende Struktur.[29] So ist es das Medium welches Mode in eine verbale Struktur umwandelt. Dieser Gedankengang dient dazu, Mode und ihre Funktionsweise in und durch Medien – Modeblogs und Magazine im Speziellen –, einzuführen.

2. Medien der Mode – Die Entstehung und Verbreitung von Trends in Zeitschriften und Weblogs

2.1 Mode und Medium

Mode ist ein schwer fassbares Phänomen. Deshalb bietet es sich an, zu betrachten, wie Mode hervorgebracht und erfahrbar gemacht wird. Nicht nur Kleidung als reales Objekt wird als Mode wahrgenommen, vielmehr sind es mediale Darstellungen und vestimentäre Konstruktionen, die als Mode rezipiert werden.[30] So stellt sich die Frage nach der Medialität von Mode: Ist Mode ein Medium? Was sind die Medien der Mode? Wie funktioniert und wirkt Mode im Zusammenspiel mit dem Medium? Dieser Gedankengang ist voraussetzend, um zu verstehen, was Mode in Medien so spezifisch macht und wie überhaupt eine Trendgenese und -Diffusion durch ein Medium entstehen kann. So können die Funktionsweise der Trendgenese und -Verbreitung sowie die besonderen Potentiale der Medien Zeitschrift und Weblog in Verbindung mit Mode erörtert werden. Vergleichend soll daraufhin herausgestellt werden, warum bzw. wie gerade Blogs die Potentiale von Medien vereinen, welches das spezifische Potential von Modeblogs ist und ob sie dem etablierten Medium Zeitschrift gerecht werden können.

Ein geeignetes Thesen-Instrumentarium und eine neue Perspektive zur Bestimmung der Verbindung von Medialität und Mode gibt die Modewissenschaftlerin Dagmar Venohr in „medien macht mode“ (2010). Wie im Titel angedeutet hat die Darstellung von Mode in den Medien eine besondere Position und eine spezifische visuelle Dynamik, denn die Eigenschaften von visuellen Medien finden sich in der Anlage von Mode wieder. Geht man von einer differenzierten Betrachtung von Modekleidung aus, so ist Mode Bekleidung, die als Mode produziert und vor allem rezipiert wird, im Gegensatz zu der von Roland Barthes bezeichneten realen Bekleidung.[31] Demnach kann Mode erst entstehen, wenn sie als solche dargestellt und wahrgenommen wird. So spricht auch die Kulturwissenschaftlerin Gertrud Lehnert davon, dass erst im Akt der Aufführung Mode entsteht:

„Ihr performatives Potential besteht darin, dass sie Handlung zu provozieren vermag und so Medium der Inszenierung beziehungsweise der Selbstinszenierung ist. Anders gesagt benötigt sie die Inszenierung (Alltag, auf dem Laufsteg, im Foto etc.), um Mode zu werden.“[32]

Im Grunde kann Mode von jedem gemacht werden, der imstande ist ein Medium zu bedienen. Allerdings lässt sich Mode erst unter Einbeziehen der Produzenten und Rezipienten in einen realen Handlungsraum fassen. Neben diesem Umstand ist auch die Performativität bzw. Inszenierung der Mode entscheidend.[33] So ist die Medialisierung eine Grundlage der Entstehung von Mode: Kleidung wird zu Mode in einem System der permanenten Bezugnahme, das Kleidung immer in irgendeiner Weise medialisiert und die Mode wiederum kann auch nur eingebunden in einem medialen System adäquat abgebildet und wahrgenommen werden.[34] Auch für Barthes ist der Medialisierungsprozess ein relevanter Grundzug für die Konstitution und Verbreitung von Mode.[35] Der Ausgangspunkt für die weitere Betrachtung von Mode in den Medien Zeitschrift und Blog ist demnach die Konstitution von Mode durch den Medialisierungsprozess von Kleidung. Dabei konstituiert jedes Medium Mode auf seine eigene Weise, worauf in 4.2 und 4.3 genauer eingegangen wird.

Ein elementarer Aspekt des Medialisierungsprozess und der Konstitution von Mode ist die Modefotografie oder das Modebild, übersteigert gesagt „existiert [Mode] nur in der bildlichen Darstellung“[36]. In einer Theorie der Fotografie von Roland Barthes („Die helle Kammer“) gibt es fünf Funktionen von Fotografien, die für Produzenten sowie Rezipienten zutreffen können: Informieren, Darstellen, Überraschen, Bedeutung-Stiften und Wünsche-Wecken.[37] Zunächst möchte der Fotograf über etwas informieren. Durch das in der Fotografie latent enthaltene Wissen kann sie zur relevanten Informationsquelle werden.[38] Eine weitere hier wichtige Funktion ist die Darstellung, in der der Fotograf seine Sichtweise vermittelt und dies kann etwas Wirkliches, Inszeniertes oder Imaginäres sein. Die Fotografie ist also immer Bild von etwas, eine Präsentation.[39] Die für die Bestimmung der Medienwirkung von Blogs und Zeitschriften relevanteste Funktion ist der Schock bzw. die Überraschung, das Sensation auslösende Moment der Fotografie. Dabei sucht der von Neugier geleitete Betrachter „das Unvorhergesehene, das Andere, das Neue, das Besondere einer Fotografie“,[40] wobei ein Bild allerdings nicht zu konstruiert oder inszeniert erscheinen darf, um diese Wirkung beim Rezipienten zu erzielen. Aufgrund dieses Vorgangs beziehen Zeitschriften und insbesondere die meist stark bildgeleiteten Blogs ihre Wirkung. Das Bild ist auf der Untersuchungsebene als relevante Größe anzusehen. Modefotografie muss also mehr enthalten als nur die reine Darstellung von Kleidung, um als Mode zu gelten. Sie präsentiert weitere Inhalte, nämlich das Model, den Raum und auch den (Entstehungs-)Moment.[41] Nach dem deutschen Fotografen und Galeristen F. C. Gundlach ist sie eine „Synthese von Inhalt und Form, von innovativer Idee und Information, zwischen künstlerischer Intention und materiellen Zwängen“.[42] Modefotografie ist überwiegend inszeniert. Für die Produktion ist die Zusammenarbeit von Fotografen, Stylisten und Moderedakteure notwendig. Anders verhält es sich bei Modeblogs, worin es vielmehr um den persönlichen Stil und die zufällige oder zufällig wirkende Momentaufnahme geht – darin liegt das überraschende Moment in Blogs und ihr Erfolgspotential. Insgesamt ist seit den 2000er Jahren eine Wende in der Modefotografie festzustellen, die weg vom Inszenierten geht, hin zu einem neuen Realismus, d.h. zu einer „Schnappschuss-Ästhetik“, die die Situation und die Modelle, ohne das sonst übliche Posieren[43], gewollt unperfekt und zufällig erscheinen lässt. Vertreter sind z.B. Jürgen Teller oder Terry Richardson (Abb. 1, Anhang). Die Modefotografie rückt näher an das Authentische, wie es Blogs ohnehin schon tun, denn Blogs kommen dieser neuen Sehnsucht des Betrachters nach Authentizität nach. In diesem Zusammenhang ist eine erste Reaktion von der institutionellen Seite der Magazin- und Modefotografie auf die Blogs zu verzeichnen. Die Modefotografie nähert sich somit der authentischen Blogger-Fotografie.

Allerdings spielt für die Konstitution von Mode im Medium auch der Text eine wichtige Rolle. In Manfred Muckenhaupts Ausführung zur Text-Bild-Kommunikation in sprachwissenschaftlicher Perspektive werden nach einer allgemeinen Symboltheorie sprachliche Ausdrücke und Bilder unter den Begriffen des „Zeichens“ und des „Symbols“ zusammengefasst. Bilder sollten als Mittel kommunikativen Handelns betrachtet werden, wodurch also auch Herstellungszusammenhang und -Tätigkeiten für ein Verständnis von Bildern wichtig werden.[44] Muckenhaupt verweist darauf, dass sprachliche Erläuterungen oder ein entsprechender Kontext zu einem Bildverständnis notwendig sind, da die Funktionen von Bildern ansonsten vieldeutig bleiben würden.[45] Der Modetext erscheint somit meist im Zusammenhang mit einer Modefotografie und bildet den Kontext, der wesentlich für die Wahrnehmung der Modefotografie ist. Eine viel vertretene These ist, dass ein (Mode-)Bild nur dann seinen Sinn (hier Mode) offen legt, wenn er durch den Kontext, einen schriftlichen Hinweis, kenntlich gemacht ist.[46] Ein klassischer Vorgang in der Modezeitschrift ist die Beschreibung der abgebildeten Kleidung durch einen Text (Herstellerangaben, Preis, Erläuterungen). Auch Barthes konstatiert in diesem Zusammenhang, dass „die Kleidung nur insofern wirklich bedeutungstragend ist, als sie von der menschlichen Sprache aufgegriffen wird“.[47] Die so genannte Modeliteratur kann erzählend, kritisch oder informativ sein und wird nur dann begreifbar, wenn das Modebild und der Rezipient einbezogen werden.[48] Demzufolge ist auch der Text ein Mode konstituierendes Element, denn nur durch die Relation von Bild und Text kann der Betrachter die Bildaussage voll erfassen.

Worin liegt also die spezifische Medialität von Mode? Da Mode immer erst durch ein Medium wahrgenommen wird, was in verschiedenen Formen wie ein Kleid am Körper einer Frau, ein Roman, eine beschriftete Fotografie oder einer Modestrecke in einem Magazin sein kann, benötigt sie also der Vermittlung über Medien.[49] Mode entsteht in einem medientheoretischen Zusammenhang erst durch die Medialität von Text und Bild und deren Verschränkung bzw. Changieren[50], d.h. die spezifische Medialität der Mode in Zeitschriften und Blogs ist ihre Ikonotextualität. Erst durch die kontextuelle Wahrnehmung die im Zusammenspiel bzw. Zwischenraum von den eigentlich polaren medialen Funktionen Text und Bild entsteht demnach Sinn,[51] z.B. könnte der Betrachter dann erst eine Frau, die in einem bunten Kleid im Wüstensand steht, als Modedarstellung einordnen. Dem Rezipienten und seiner Wahrnehmungsleistung kommt somit in diesem Medialisierungsprozess eine große Bedeutung zu. Viel eher als das Medium selbst betreibt der Mensch mit seiner sinnlichen Wahrnehmung die Sinnbildung für den Zwischenraum, füllt also die Lücke selbstständig. Erst der Rezipient generiert die Aussage des Mode-Abbildes und somit ereignet sich Mode erst durch die Wahrnehmung des Rezipienten.[52]

Zusammenfassend wird Mode durch das Medium und seine Eigenschaften sowie durch die Wahrnehmung des Rezipienten konstituiert. Mode – als medienstrukturierendes und von Medien produziertes Phänomen – befindet sich nicht im Medium, sondern zeigt sich im Transfer der Medien bzw. in den übertragenden Verkörperungen. Darin liegt eine erweitere Definition von Mode: Mode ist kein Medium, bedarf aber der Verkörperung durch Medien.[53] Dabei spielt Visualität eine entscheidende Rolle. Mode in visuellen Medien erreicht demnach eine Wechselwirkung: Die Beschaffenheit von Mode und die medienspezifischen Merkmale von Zeitschriften bzw. Weblogs können gegenseitige Anforderungen erfüllen, worauf im Folgenden detaillierter eingegangen wird.

[...]


[1] http://www.duden.de/rechtschreibung/Mode. Stand: 15.09.2011.

[2] Vgl. Barnard (1996), S. 7.

[3] Vgl. Jarnow; Guerreiro; Judelle (1987), S. 30.

[4] Vgl. Jarnow; Guerreiro; Judelle (1987), S. 11.

[5] König (1999), S. 11.

[6] Davis (1992), S. 103.

[7] Vgl. Davis (1992), S. 103 – 104.

[8] Vgl. Jarnow; Guerreiro; Judelle (1987), S. 34.

[9] Davis (1992), S. 14.

[10] Vgl. König (1999), S. 12-18.

[11] Vgl. Jarnow; Guerreiro; Judelle (1987), S. 38.

[12] Vgl. König (1999), S. 22-23.

[13] Vgl. Loschek (2007), S. 41.

[14] Vgl. König (1999), S. 80. Vgl. ebenso: Loschek (2007), S. 41.

[15] Vgl. Simmel (1905), S. 11.

[16] Vgl. Davis (1992), S. 146.

[17] Vgl. Ebd.

[18] Vgl. Jarnow; Guerreiro; Judelle (1987), S. 37.

[19] Vgl. König (1999), S. 119.

[20] Vgl. Simmel (1905), S. 15-16.

[21] Vgl. König (1999), S. 120.

[22] Vgl. König (1999), S. 122.

[23] König (1999), S. 127.

[24] Vgl. König (1999), S. 85.

[25] Loschek (2007), S. 186.

[26] Vgl. Barthes (1985), S. 9.

[27] Vgl. Loschek (2007), S. 166.

[28] Vgl. Davis (1992), S. 14.

[29] Barthes (1985), S. 22.

[30] Vgl. Venohr (2010), S. 11.

[31] Vgl. Barthes (1989), S. 9.

[32] Lehnert (2002), S. 54.

[33] Vgl. Venohr (2010), S. 33-34.

[34] Vgl. Venohr (2010), S. 35.

[35] Vgl. Barthes (1985), S. 16.

[36] Lehmann (2002), S. 12.

[37] Vgl. Barthes (1989), S. 50.

[38] Vgl. Venohr (2010), S. 37.

[39] Vgl. Venohr (2010), S. 38.

[40] Venohr (2010), S. 39.

[41] Vgl. Venohr (2010); S. 42.

[42] Gundlach (1993), S. 12.

[43] Definition des Begriffs Pose laut Duden: „(auf eine bestimmte Wirkung abzielende) Körperhaltung, Stellung [die den Eindruck des Gewollten macht]“. Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/Pose_Positur_Stellung. Stand: 15.09.2011.

[44] Vgl. Muckenhaupt (1986), S. 156.

[45] Vgl. Ebd. (1986, S. 25).

[46] Vgl. Venohr (2010), S. 61. Vgl. ebenso: Muckenhaupt (1986).

[47] Barthes (2002), S. 74.

[48] Vgl. Venohr (2010), S. 82.

[49] Vgl. Venohr (2010), S. 136.

[50] Weitere Ausführungen zum Changieren von Text und Bild und der dazwischen stattfindenden Sinnstiftung: „Wobei es genau dieses Changieren ist, das das Medium mehr sein lässt als Ausdruck und Übermittler eines Inneren, nämlich Explikator eines Impliziten, das, indem es expliziert wird, seinen epistemischen Status derart verändert, dass man sagen kann: Das Implizite wird durch seine Explikation nicht nur zum Ausdruck gebracht, sondern in einem gewissen Sinn auch konstituiert.“ Vgl. Jäger (2004), 64.

[51] Vgl. Venohr (2010), S. 143.

[52] Vgl. Venohr (2010), S. 145.

[53] Vgl. Venohr (2010), S. 151.

Details

Seiten
36
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656951834
ISBN (Buch)
9783668143692
Dateigröße
2.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298925
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Schlagworte
mode medien rolle zeitschriften weblogs entstehung verbreitung trends

Autor

  • Alexandra Spiegel (Autor)

    5 Titel veröffentlicht

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Titel: Mode und Medien. Die Rolle der Zeitschriften und Weblogs bei der Entstehung und Verbreitung von Trends