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Sozialräumliche Polarisierung. Das Segregationsproblem in Sao Paulo

Hausarbeit 2014 26 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Definition Segregation

3 Sao Paulos historische Entwicklung unter Berücksichtigung der Segregationsentwicklung

4 Die gegenwärtige Segregation in Sao Paulo
4.1 Favelas
4.2 Condomínios Fechados oder Gated Communities
4.3 Das Verhältnis von Favela zur Gated Community

5 Mögliche Gründe für die Segregation

6 Sicherheit und Kriminalität in Sao Paulo
6.1 Kriminalität in Zahlen
6.2 Die subjektiv erlebte Angst vor Kriminalität

7 Fazit

LITERATURVERZEICHNIS

Abstract

Die hier vorliegende Arbeit möchte die Frage beantworten, inwiefern die Segregation der armen Bevölkerung in Sao Paulo zweckmäßig von der wohlhabenden Bevölkerung der Stadt herbeigeführt worden ist, um einem gesteigertem Sicherheitsbedürfnis nachzukommen. Hierfür wird der Begriff der Segregation im Allgemeinen erläutert, um anschließend auf die spezifischen Ausprägungen und die historische Entwicklung in der Stadt Sao Paulo einzugehen. Im Anschluss an diese Begriffe werden unterschiedliche Gründe aus der gegenwärtigen Literatur für diese Form der Abspaltung besprochen, um das Augenmerk auf Kriminalität und Sicherheit in Sao Paulo zulegen. Darauffolgend werden sowohl statistische Daten betrachtet, als auch qualitative aus Interviews herangezogen.

Abschließend wird gezeigt, dass die freiwillige Segregation der wohlhabenden Klasse zum Hauptgrund ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis hat. Allerdings wird auch gezeigt, dass es ebenso eine unfreiwillige Segregation auf Seiten der armen Bevölkerung gibt, für die der Staat verantwortlich ist.

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ausdehnung des städtischen Gebiets von Sao Paulo (Quelle: Caldeira 2000:23)

Abbildung 2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sao Paulo (Foto: Nelson Kon)

Abbildung 3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Modell der lateinamerikanische Stadt (Quelle: Bähr/Jürgens 2009: 288)

Abbildung 4

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Favela Paraisópolis (Quelle:payload132.cargocollective.com/1/10/338130/4947225/Paraisopolis_1_1224.jpg)

1 Einleitung

Die hier vorliegende Arbeit hat das Segregationsproblem in der Stadt Sao Paulo, Brasilien zum Gegenstand. Segregation ist ein Phänomen das in allen Gesellschaften auftritt und in jeder beliebigen Stadt beobachtet werden kann. Beispielsweise an Vierteln, die primär von einer Einwanderergruppe bewohnt werden, wie zum Beispiel Chinatown in New York. In Sao Paulo ist diese Trennung zwischen unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen sehr augenscheinlich, wodurch die Stadt heute sozialräumlich stark fragmentiert ist. So liegen oftmals sehr arme und sehr reiche Gegenden unmittelbar nebeneinander, wodurch die sozialräumliche Polarisierung noch deutlicher hervortritt.

Innerhalb der Arbeit wird der Anspruch erhoben, aufzuzeigen, was zu dieser markanten Ausprägung der Segregation geführt hat. Dabei wird folgende These aufgestellt: Die Marginalisierung der armen Bevölkerung in Sao Paulo ist zweckmäßig von der wohlhabenden Bevölkerung der Stadt herbeigeführt worden, um einem gesteigertem Sicherheitsbedürfnis nachzukommen.

Um eine Antwort auf diese These zu geben, wird im Folgenden die Segregation definiert. Anschließend soll die historische Segregationsentwicklung in Sao Paulo nachgezeichnet werden. Hierbei soll die Frage beantwortet werden, von wem die Segregation ausgegangen ist, bzw. wer diesen Prozess initiiert hat. Im Anschluss an diese Ausführung wird beleuchtet, in welcher Form die Segregation sich im gegenwärtigen Sao Paulo äußert. Der Hauptteil befasst sich mit den möglichen Gründen für diese Entwicklung, um am Schluss dem Grund nachzugehen, inwiefern diese Abschottung aus einem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis resultiert.

2 Definition Segregation

Segregation wird als eine räumliche Trennung von unterschiedlichen Gesellschaftsschichten nach Merkmalen wie sozialer Schichtung, Geschlecht, Religion, kulturelle Zugehörigkeit und anderen verstanden. Segregation tritt in allen Gesellschaften auf und spiegelt die soziale Ungleichheit im Raum wider (vgl. Schäfers, Kopp 2006: 251). Auch ist dieser räumliche Trennungsprozess keine neue Erscheinung, so schrieb beispielsweise schon Friedrich Engels 1845, dass die Struktur einer Stadt bestimmt, in welchem Ausmaß ihre Bewohner in Kontakt zueinander treten (vgl. Wehrheim 2006:15). Dabei kann „Segregation und die Nutzung von Raum … immer als Konkurrenz um eine reale oder symbolische Aneignung von [Raum] und Verfügungsgewalt über Raum beschrieben … werden“ (Wehrheim 2006: 17). Sie kann funktionalen Charakter haben, sodass die räumliche Aufteilung innerhalb einer Stadt nach Funktionen wie Arbeiten, Wohnen, Freizeit differenziert ist. Ebenso kann die Verteilung auch nach sozialen oder ethnischen Faktoren erfolgen. Sozialer Segregation liegen oftmals ökonomische Umstände zu Grunde, wie zum Beispiel das Einkommen. Ethnischer Segregation wiederum kulturelle Unterschiede, wie Nationalität. Beide letztgenannten Formen können mit einer ungleichen Verteilung des Wohnorts innerhalb einer Stadt zusammenfallen, was als residentielle Segregation bezeichnet wird (vgl. Fuchs-Heinritz 2007: 580). Dangschat zufolge setzt sich residentielle Segregation aus drei Faktoren zusammen: „(a) der sozialen Ungleichheit, (b) der Ungleichheit der Raumqualitäten und (c) der Zuweisungsmechanismen von sozialen Gruppen zu Orten unterschiedlicher Lebensbedingungen“ (2007: 41).

Sowohl bei ethnischer als auch sozialer Segregation, ist zwischen freiwilliger und erzwungener zu unterscheiden. Wobei die bewusste Abspaltung bestimmter sozialer Gruppen oftmals von der statushöheren Gruppe ausgelöst wird (vgl. Schäfers, Kopp 2006: 252; Fuchs-Heinritz 2007: 580). Die freiwillige soziale Segregation der oberen Schichten, z.B. in privatwirtschaftlich arrangierten Wohnkomplexen, führt zur Verstärkung sozial-räumlicher Ausdifferenzierung (vgl. Dangschat, Hamedinger 2007: 219). Diese Selbstsegregation der Reichen, kann zu einer sozialen Ausgrenzung der übrigen Gesellschaftsmitglieder führen. Gleichzeitig bedeutet „Ausschluss aus Räumen auch Ausschluss aus dem sozialen, ökonomischen und politischen Leben in diesen Räumen“, was zu einem Zerfall der Stadtgesellschaft führen kann (vgl. Dangschat, Hamedinger 2007: 220; Wehrheim 2006: 36).

Dieser Zerfall zeigt sich in Sao Paulo in Form einer Fragmentierung der Stadt, unter anderem in abgeschottete Wohlstandsinseln (vgl. Coy, Pöhler 2002: 264 ff.).

3 Sao Paulos historische Entwicklung unter Berücksichtigung der Segregationsentwicklung

Um die heutige Fragmentierung der Stadt besser nachzeichnen zu können, wird im Folgenden erläutert, wie sich die Segregation in Sao Paulo historisch entwickelt hat. Gleichzeitig soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern die Segregation in Sao Paulo explizit von der wohlhabenden Bevölkerung ausgelöst wurde.

Mehreren Quellen zufolge wurde die Vila de Sao Paulo 1554 von Jesuiten gegründet. Obwohl Sie zweitweise auch als Ausgangspunkt für Expeditionen und Raubzüge ins Hinterland diente, blieb sie bis ins 18 Jahrhundert eine kleine Kolonialstadt ohne nennenswerte Wirtschaft. Die Einwohnerzahl betrug im Jahre 1818 3200 Bewohner. (Rolnik 2008: 12; Harbeck/Meissner 2006: 267). Erst im Zuge des sich von Rio Richtung Sao Paulo ausbreitenden Kaffeenanbaus, gelang es Sao Paulo seine günstige Lage als Knotenpunkt zwischen Küste und Binnenland auszuspielen und so zum Hauptanbaugebiet und dem Handelszentrum für Kaffee zu avancieren. Für den Transport des Kaffees entstand 1867 eine Eisenbahnlinie vom Atlantikhafen Santos ins Landesinnere. So wurden Anfang des 19. Jahrhunderts über Santos mehr als die Hälfte, teilweise sogar 75 Prozent der Weltkaffeeproduktion verschifft (vgl. Harbeck/Meissner 2006: 268, Novy 1997: 262). Ein wichtiger Meilenstein in der demografischen Entwicklung Sao Paulos war die Abschaffung der Sklaverei 1888 und die damit verbundene Einführung der Lohnarbeit. Da bis dahin die Arbeit auf den Kaffeeplantagen von Sklaven erbracht wurde, musste der Staat eine gezielte Immigrationspolitik verfolgen, um ein kontinuierliches Angebot an Arbeitskräften für den Kaffeeanbau zu gewährleisten. In den 1890ern stieg die Bevölkerungsrate um jährlich 13,96 Prozent. So kamen zwischen 1888 und 1929 2,25 Mio. Einwanderer nach Sao Paulo (vgl. Rolnik 2008: 12; Caldeira 200; 215; Harbeck/Meissner 2006: 270 ff.). Anfangs war die Starke Zuwanderung noch auf Migranten vorwiegend aus Europa zurückzuführen. Als in den 1920er Jahren das Zwei-Drittel-Gesetz verabschiedet wurde, welches besagt, dass zwei Drittel der Beschäftigten aus Brasilien stammen müssen, setzte eine starke Binnenmigration ein und bedingte so weiterhin das starke Wachstum der Stadt (vgl. Novy 1997: 264). In diese Zeit, zwischen 1890 und 1940, fällt auch die erste der drei Segregationsphasen, die Teresa Caldeira für Sao Paulo charakterisiert.

Durch die starke Zuwanderung und die nicht proportional zum Bevölkerungswachstum verlaufende Ausdehnung des Stadtgebiets, waren verschiedene soziale Gruppen gezwungen dicht nebeneinander zu wohnen. Es existierte keine sozialräumliche oder funktionale Trennung der Stadtteile. Obwohl die meisten Arbeiterviertel sich an den Bahnlinien und Ufern der Flüsse im tieferen Bereich der Stadt bildeten und sich die wohlhabende Bevölkerung eher in den höher gelegenen Bezirken niederließ. Fabriken und Betriebe standen neben Wohnhäusern. Soziale Segregation war lediglich an der Art der Wohnsituation erkennbar, da die meisten Arbeiter nicht in der Lage waren sich Wohneigentum zu leisten, lebten sie zur Miete in so genannten corticos (Bienenstöcke) (vgl. Caldeira 2000: 215 ff., Harbeck/Meissner 2006: 273, Rolnik 2008: 13). Hier kam auf ein Zimmer eine Familie, indem diese schlief, kochte und lebte. Die Bäder befanden sich auf dem Gang und wurden gemeinschaftlich genutzt, genauso wie die Trinkwasserquellen. Aufgrund dieser prekären Wohnsituation entwickelte die Oberschicht, zu der vorwiegend der Kaffeeadel und Industrieadel gehört, Bedenken hinsichtlich der Gesundheit und Hygiene. So entstand der „Sanitary Service“, später „Sanitary Code“, woraufhin Staatsvertreter die Wohnbehausungen der Arbeiter inspizieren durften, um nach Kranken zu suchen und darüber Statistiken zu erstellen (vgl. Caldeira 2000: 217). Die Wohlhabenden setzten die Wohnsituation der Arbeiter mit mangelnder Sauberkeit und damit verbunden mit Krankheiten gleich. Caldeira zufolge hatten die Reichen damals Angst vor Seuchen, so wie sie heute Angst vor Kriminalität haben, woraufhin sie anfingen sich aus dem Zentrum zurückzuziehen und eigene Stadtbezirke zu erschließen. Eines dieser neuen sauberen Bezirke hieß Higienópolis gleich hygienische Stadt. Der Name macht die Absicht dieser Bewegung ziemlich deutlich. Zur gleichen Zeit wie das Stadtzentrum von der Regierung durch Projekte wie Plano de Avenidas (große Alleen die vom Zentrum wegführen sollten) modernisiert wurde, wurden Einfamilienhäuser außerhalb des Zentrums für die Arbeiter gebaut, um dadurch die sozialen Probleme innerhalb der Stadt zu mindern. Auch Industrielle waren an dem Fortzug der Arbeiter aus dem Stadtkern interessiert, um dort die Industrie auszuweiten. Durch die verbesserte Wohnqualität im Zentrum und den damit verbundenen steigenden Mietpreisen, konnte das Zentrum von den unhygienischen Wohnbedingungen gesäubert werden (vgl. Harbeck/Meissner 2006: 273 ff.; Caldeira 200: 217-219). Mit dem Ausbau eines Bussystems, das auch die Peripherie der Stadt erreichen konnte, wurde das Auslagern der Armut aus dem Stadtkern positiv beeinflusst, indem das ursprüngliche Stadtgebiet sich nun weiter ausdehnen konnte, insbesondere durch den Bau „illegaler“ Siedlungen am Stadtrand (vgl. Harbeck/Meissner 2006: 274; Rolnik 2008: 13 ff.). Basis dafür war die unklare Rechtslage für die Randbezirke der Stadt, diese waren zwar nicht legal, aber auch nicht illegal (vgl. Caldeira 2000: 218). Diese geografische Ausdehnung zeigt sich deutlich in den Zahlen der Wohndichte (vgl. Abb. 1). 1914 lag die Wohndichte noch bei 110 Einwohner pro Hektar, 16 Jahre später nur noch bei 47 pro Hektar (vgl. Rolnik 2008: 14). So entstand abseits der ärmeren Bevölkerung ein neues Muster der städtischen Wohnform, in dem die Reichen im Zentrum wohnten und die Armen an den Stadtrand gedrängt wurden. Diese Form der Segregation wird auch als Zentrum-Peripherie-Modell bezeichnet und markiert Caldeira zufolge die zweite Phase der Segregationsentwicklung in Sao Paulo. Sie datiert diese Phase auf die Zeit zwischen 1940 und 1980 (vgl. Caldeira 2000: 220).

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Details

Seiten
26
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656956488
ISBN (Buch)
9783656956495
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298916
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Institut für Soziologie
Note
2,3
Schlagworte
Sao Paulo Segregation gated communities favelas Kriminalität Sicherheit

Autor

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Titel: Sozialräumliche Polarisierung. Das Segregationsproblem in Sao Paulo