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Pflegefamilien mit traumatisierten Kindern. Anforderungen an die Soziale Arbeit

von M. C. (Autor)

Bachelorarbeit 2014 75 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Traumatisierung bei Pflegekindern
2.1 Definition T rauma
2.2 Traumatische Erfahrungen
2.3 Auswirkungen traumatischer Erfahrungen
2.3.1 Auswirkungen auf das Beziehungs-und Bindungsverhalten
2.3.2 Auswirkungen auf die kindliche Hirnentwicklung
2.3.3 Posttraumatische Belastungsstörung
2.4 Professionelle Hilfe

3. Familienpflege
3.1 Formen der Pflege
3.2 rechtliche Grundlagen
3.2.1 Allgemeines
3.2.2 Rechte der Herkunfts- und Pflegeeltern
3.2.3 Rechtliche Herausforderungen für die Pflegeeltern
3.3 Aspekte der Vermittlung
3.3.1 Voraussetzungen der Pflegeeltern
3.3.2 Motivation der Pflegeeltern
3.3.3 Bewerbungs- und Vermittlungsablauf
3.3.4 Herausforderungen für die Pflegeeltern
3.4 Herausforderung: traumatisiertes Pflegekind
3.4.1 Integrationsprozess
3.4.2 Identitätskrise und Loyalitätskonflikt
3.4.3 Familienleben
3.4.4 Anforderungen an die Pflegefamilie

4. Anforderungen an die Soziale Arbeit
4.1 Allgemeine Anforderungen
4.2 Arbeit mit der Pflegefamilie
4.3 Arbeit mit dem traumatisierten Pflegekind
4.4 Arbeit mit der Herkunftsfamilie

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kinder, die in Pflegefamilien vermittelt werden, haben häufig traumatische Erfahrungen in ihrer Herkunftsfamilie gemacht. Sie kennen Gewalt, Misshandlung, Vernachlässi­gung und sexuellen Missbrauch. Dies wirkt sich auf die gesamte Entwicklung des Kindes aus und kann zu schweren psychischen Störungen führen.

Zum Schutze des Kindeswohls muss es aus seiner Herkunftsfamilie herausgenommen und wenn möglich in eine Pflegefamilie vermittelt werden. Für diese Aufgabe ist das Jugendamt zuständig. Wo genau die Zuständigkeit im Jugendamt liegt, ist in vielen Städten, Kommunen und Landkreisen unterschiedlich. Manche Jugendämter haben einen Spezialdienst für die Vermittlung und Betreuung von Pflege verhältnissen, bei anderen übernimmt der Allgemeine Soziale Dienst diese Tätigkeiten und bei wieder anderen wird die Aufgabe auf freie Träger übertragen.

Die Kinder sind für ihr Leben gezeichnet und sollen in einer Pflegefamilie die Möglich­keit erhalten, ihre Erfahrungen zu verarbeiten und neue Bindungen und Beziehungen aufzubauen. Die Pflegefamilie übernimmt die Schutz-, Sorge- und Sozialisations­funktion für das Kind, welches nicht in seiner eigenen Familie aufwachsen kann. Aufgrund seiner Erlebnisse ist das Leben mit einem traumatisierten Pflegekind aller­dings nicht immer leicht. Und oft werden die Verhaltensauffälligkeiten, die das Kind an den Tag legt, nicht als Folge einer Traumatisierung gesehen. Hier ist es wichtig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, um das Kind besser verstehen und ihm bei seinem schweren Weg der Verarbeitung und des Neuanfangs unterstützen zu können. Mit der Aufnahme eines traumatisierten Pflegekindes beginnt für die Pflegefamilie eine oftmals konfliktgeprägte und nervenaufreibende Zeit, denn die schlimmen Erfahrungen haben nicht nur Auswirkungen auf das Kind, sondern auch auf das Leben der Pflege­familie. Um dies bewältigen zu können, brauchen sie fachliche Unterstützung.

Ich möchte im Rahmen dieser Bachelor-Thesis folgender Frage nachgehen:

Welchen Herausforderungen müssen sich die Pflegeeltern stellen, wenn sie ein traumatisiertes Kind bei sich aufnehmen und welche Anforderungen ergeben sich für die Soziale Arbeit?

Im ersten Abschnitt dieser Arbeit geht es um die Traumatisierung des Pflegekindes. Hier werden die Definitionen, Erfahrungen, Auswirkungen und professionelle Hilfe­möglichkeiten näher beschrieben. Dabei gehe ich besonders auf die Auswirkungen der traumatischen Erfahrungen auf das Beziehungs- und Bindungsverhalten, die Hirnent­wicklung des Kindes und auf die häufig auftretende Posttraumatische Belastungsstörung ein.

Im nächsten Teil geht es dann um die Familienpflege. Die einzelnen Punkte werden immer mit dem Blick auf die Herausforderungen für die Pflegeeltern dargestellt. Nachdem ich kurz die verschiedenen Formen eines Pflegeverhältnisses beschreibe, gehe ich auf die rechtlichen Grundlagen ein. Als nächstes erläutere ich die Aspekte der Ver­mittlung. Der darauffolgende Punkt beschäftigt sich mit der Herausforderung trauma- tisiertes Pflegekind. Hierbei gehe ich auf den Integrationsprozess in die Pflegefamilie, auf Identitäts- und Loyalitätskonflikte des Kindes sowie auf das Familienleben mit einem traumatisierten Kind ein. Abschließend erläutere ich daraus resultierende Anfor­derungen an die Pflegeeltern.

Im letzten Abschnitt geht es um die Anforderungen an die Soziale Arbeit, wenn es um Pflegeverhältnisse mit einem traumatisierten Kind geht. Hierbei unterteile ich die einzelnen Anforderungen in Bezug auf die Pflegeeltern, das Pflegekind und die Her­kunftseltern.

Abschließend möchte ich für diese Arbeit noch auf Folgendes hinweisen:

- fällt der Begriff Pflegekind oder Kind ist stets auch der Jugendliche gemeint
- bei den Begriffen Pflege- und Herkunftsfamilie sowie Pflege- und Herkunftseltern sind auch alleinerziehende Elternteile mit inbegriffen
- die Begriffe Jugendamt und Pflegekinderdienst werden synonym verwendet
- bei maskulinen Bezeichnungen ist auch stets die feminine Form mit inbegriffen

2. Traumatisierung bei Pflegekindern

Viele Kinder und Jugendliche, die in einer Pflegefamilie untergebracht werden, haben viele schlimme und traumatische Erfahrungen in ihrer Herkunftsfamilie gemacht. Aus diesem Grund ist es für die Praxis des Pflegekinderwesens und auch für die Pflegeeltern sehr wichtig, sich mit dem Thema Traumatisierung auseinanderzusetzen.

Die Arbeit und das Zusammenleben mit dem Kind verlangen umfangreiche Kenntnisse über die Formen von Traumatisierung und deren Auswirkungen, damit man die Ver­haltensweisen und die Gefühle und Empfindungen des Kindes besser verstehen und einordnen kann.

Um die Herausforderungen für die Pflegeeltern, welche sich durch die Aufnahme eines traumatisierten Kindes ergeben, herauszuarbeiten, ist es notwendig, dass sich diese Arbeit ebenfalls kurz mit dem Thema beschäftigt.

Laut einer Studie von ISS und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe 2003 wurden bei der Unterbringung der Kinder in 66,5 % Vernachlässigung, in 48 % Ablehnung durch die Eltern und psychische Misshandlung, 40 % Gewalt zwischen den Eltern, 10 % körperliche Misshandlung festgestellt. Bei 7,9 % bestand ein Verdacht und bei 2,6 % ein Nachweis für einen sexuellen Missbrauch. Berücksichtigt man Erkenntnisse, die nach der Fremdunterbringung gewonnen werden, sind diese Zahlen weitaus höher, da das Ausmaß traumatischer Erfahrungen meist erst nach längerem Aufenthalt des Kindes in der Pflegefamilie deutlich wird. (vgl. Nienstedt/Westermann 2011, S. 21)

Aber was ist eigentlich ein Trauma? Welche Folgen hat dies für ein Kind? Sind alle Kinder gleichermaßen durch ihre Erfahrung traumatisiert? Wie wirkt sich das Trauma auf das Bindungs- und Beziehungsverhalten des Kindes aus?

Dies sind alles Fragen, auf die ich in diesem Kapitel näher eingehen möchte.

Zunächst werde ich den Begriff des Traumas definieren und näher erläutern. Dann gebe ich einen Überblick über traumatische Erfahrungen und gehe dabei besonders auf die Kindesmisshandlung ein, welche die physische und psychische Misshandlung, die Ver­nachlässigung und den sexuellen Missbrauch umfasst.

Da traumatische Erfahrungen, die die Kinder in ihren Herkunftsfamilien machen, gra­vierende Folgen für deren weiteren Entwicklung haben, werde ich näher auf die Aus­wirkungen auf das Beziehungs- und Bindungsverhalten der Kinder und deren Hirnent­wicklung eingehen. Die Bindung spielt in der Entwicklung von Kindern eine sehr große Rolle, welche aber bei dem Erleben von traumatischen Ereignissen massiv gestört werden kann. Weiterhin erläutere ich die Posttraumatische Belastungsstörung, die häufig bei traumatisierten Pflegekindern vorkommt.

Zum Schluss dieses Kapitels, gebe ich einen kurzen Überblick über professionelle therapeutische Hilfemöglichkeiten für traumatisierte Kinder.

2.1 Definition Trauma

In der Fachliteratur gibt es keine einheitliche und allgemeingültige Definition von Traumatisierung. Die verschiedenen Fachbereiche definieren den Begriff aus Sicht ihrer jeweiligen Disziplin.

Ursprünglich kommt das Wort Trauma aus dem Griechischen und bedeutet Wunde, Verletzung (vgl. Lambeck 2004, S. 38). In der Medizin ist ein Trauma eine Verletzung, die durch äußere Gewalteinwirkung entstanden ist (vgl. Nienstedt/Westermann 2011, S. 41). In dieser Arbeit soll es um psychische oder seelische Traumatisierung gehen.

Im Folgenden werde ich einige Definitionen dazu aufführen.

Psychische Traumatisierung lässt sich definieren als vitales Diskrepanzerlebnis zwischen be­drohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilfslosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Er­schütterung von Selbst- und Wertverständnis bewirkt (Fischer/Riedesser 2003, S. 375).

Nienstedt und Westermann (2011, S. 53) sprechen von einer Traumatisierung, „wenn das Kind von seinen Eltern, zu denen es bei Gefahr und Angst fliehen müßte (!), über­wältigt wird, so daß (!) es sie nicht nur als Schutzobjekte verliert, sondern auch mörderisch-überwältigend erleben muß (!)“.

Gerald Hüther bezieht seine Definition des Begriffes Trauma auf die Hirnforschung.

Demnach lässt sich ein Trauma als eine plötzlich auftretende Störung der inneren Struktur und Organisation des Gehirns beschreiben, die so massiv ist, dass es in Folge dieser Störung zu nachhaltigen Veränderungen der von einer Person bis zu diesem Zeitpunkt entwickelten neuro­nalen Verschaltungen und der von diesen Verschaltungen gesteuerten Leistung des Gehirns kommt. (...) Im Fall einer psychischen Traumatisierung wird die Störung durch eine überstarke Aktivierung stress-sensitiver, kortikolimbischer Netzwerke und hypothalamischer neuro- endokriner Regelkreise ausgelöst, die durch keine der bisher entwickelten ... Bewältigungs­strategien unter Kontrolle gebracht werden kann. (Hüther 2004, S. 29f.)

„Traumata treten durch Ereignisse auf, die die normalen Anpassungsstrategien des Menschen überfordern“ (Weiß 2004, S. 17).

All diese Definitionen zielen in die gleiche Richtung. Eine Traumatisierung wird durch ein Ereignis ausgelöst, welches die Bewältigungsmöglichkeiten eines Menschen über­steigt und mit späteren Schädigungen verbunden ist.

Das Ausmaß der Traumatisierung hängt von der Art und Dauer des Ereignisses, vom Entwicklungsstand des Betroffenen und von den vorhandenen Risiko- und Schutz­faktoren ab (vgl. Gahleitner 2011, S. 910). Eckardt (2005, S. 9) unterscheidet hier zwischen einem Trauma Typ I, welches durch ein plötzlichen und Todesangst aus­lösenden Ereignisses entsteht und einem Trauma Typ II, das von einem andauernden oder sich wiederholenden Erlebnisses ausgelöst wird.

Ein Trauma ist also nicht das Erlebnis selbst, sondern eine Wunde, die in unserem Fühlen, unserem Nervensystem und in unserem Körper zurückbleibt, da die Situation unsere psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten übersteigt (vgl. Wiemann 2009, S. 102; vgl. Lambeck 2004, S. 39).

2.2 traumatische Erfahrungen

Ereignisse, die plötzlich, gewalttätig, unkontrollierbar und sehr intensiv auf einen Menschen einwirken, können eine Traumatisierung verursachen (vgl. Lambeck 2004, S. 39). Solche Erlebnisse sind geprägt von einem Gefühl der Ohnmacht, Todesangst und Schutzlosigkeit (vgl. Nienstedt/Westermann 2011, S. 53).

Kinder erleben bestimmte Situationen ganz anders als Erwachsene. So kann es sein, dass für einen Erwachsenen die Situation eigentlich harmlos ist, diese aber bei dem Kind eine Traumatisierung auslösen kann. Kinder haben viel weniger Möglichkeiten die Geschehnisse zu kompensieren. Sie sind verwundbarer, da sie geringere Bewältigungs­strategien und Lebenserfahrung haben. (vgl. Lambeck 2004, S. 39)

Hermann Scheuerer-Englisch (2001, S. 67) fasst die wesentlichen Merkmale einer traumatischen Erfahrung zusammen:

Es handelt sich um eine einmalige oder fortdauernde Erfahrung,

- die zu einer psychischen Verletzung führt,
- die für das Kind überwältigend und mit seinen psychischen und physischen Möglichkeiten nicht kontrollierbar ist,
- die Todesangst und Angst vor der Vernichtung des physischen oder psychischen Selbst aus­löst,
- und bei der das Kind in der Situation auf niemanden zurückgreifen kann, bei dem es Schutz oder Hilfe erfährt.

Nach der Einteilung von Peter Riedesser (2003, S. 161) können folgende Erfahrungen traumatische Erfahrungen sein:

a) Naturkatastrophen (natural disasters)

- Erdbeben
- Vulkanausbrüche
- Hurrikane
- Überschwemmungen

b) Von Menschen hervorgerufene Katastrophen (man made disasters)

- technologische Katastrophen:
Verkehrsunfälle (Auto, Schiff, Zug, Flugzeug)
Großbrände und ökologische Katastrophen, z. B. Kernkraftunfälle
- Katastrophen als Folge menschlicher Aggressivität und Grausamkeit: Geiselnahme, Kidnapping, Terrorismus, Folter, Vergewaltigung, Krieg, Genocid

c) Katastrophen innerhalb der Familie

- Emotionaler, körperlicher und sexueller Mißbrauch (!), massive Vernachlässigung
- Erleben schwerer Gewalttätigkeit
- Schwere Trennungserlebnisse
- Schwere eigene und familiäre Erkrankungen, Tod

In dieser Arbeit geht es um Kinder, die aufgrund traumatischer Erfahrungen in der Her­kunftsfamilie in einer Pflegefamilie leben. Aus diesem Grund sind hier nur die Kata­strophen innerhalb der Familie relevant.

Ich werde im Folgenden allerdings nur auf die Kindesmisshandlung näher eingehen, da diese zu der schwerwiegendsten traumatischen Erfahrung bei Pflegekindern zählt. Dazu gehören die physische Misshandlung durch äußere Gewalt, die psychische Miss­handlung, die Vernachlässigung und der sexuelle Missbrauch.

Kindesmißhandlung (!) ist eine nicht zufällige, bewußte (!) oder unbewußte (!) gewaltsame seelische und/oder körperliche Beeinträchtigung oder Vernachlässigung des Kindes durch die Eltern oder andere Erziehungspersonen, die das Kind schädigt, verletzt, in seiner Entwicklung hemmt oder sogar zum Tode führt (Bundesverband PFAD 1997, S. 181).

Die Kindesmisshandlung korrespondiert mit „autoritären Erziehungstraditionen, sozialem Druck auf die Familie und persönlichen Deprivationen bei den Eltern“ (Faltermeier 2011, S. 513). Die Misshandlung der Kinder ist ein Anzeichen dafür, dass die Familie ihren Alltag nicht mehr angemessen organisieren und strukturieren kann (vgl. ebd.).

Bei Kindesmisshandlungen gibt es 3 typische Grundhaltungen der Eltern:

- Kind als Sündenbock und Belastung (Kind wird als Ursache für berufliche und gesellschaftliche Nachteile gesehen)
- Kind als Herrschaftsobjekt (Machtdemonstration)
- Kind als Liebesquelle (Kind soll das Bedürfnis nach Liebe befriedigen, weil die Eltern z. B. früher keine Liebe erfahren haben) (vgl. Bundesverband PFAD 1997, S. 82)

Für Kinder stellt eine Misshandlung eine tiefe Verletzung ihrer Würde und ihres Selbstwertgefühls dar. Oft übernehmen sie auch die Schuld, für das, was mit ihnen passiert, aufgrund von Verinnerlichung der elterlichen Normen und Werte. (vgl. a.a.O., S. 183)

Unter der physischen Misshandlung werden alle körperlichen Gewaltanwendungen von Erwachsenen gegenüber den Kindern verstanden (vgl. Faltermeier 2011, S. 512). Diese kann in vielfältigen Formen auftreten. Dazu zählen u.a. Prügel, Schläge, Tritte, Schütteln, Würgen oder Verbrennungen (vgl. Techniker Krankenkasse 2008, S. 5).

Psychische Misshandlungen sind wiederholte Verhaltensmuster der Bezugspersonen, welche dem Kind vermitteln, sie seien wertlos, voller Fehler, ungewollt, ungeliebt oder nur dazu gut, Bedürfnisse von anderen zu befriedigen (vgl. Kindler 2006, S. 4-1). Folgende Handlungen zählen zur psychischen Misshandlung:

- Ablehnung (Demütigen, Kritisieren, Herabsetzen des Kindes)
- Ausnutzen (Kind wird zu einem selbstzerstörerischen oder kriminellen Verhalten aufgefordert)
- Terrorisieren (Kind wird durch Drohungen in Angst versetzt)
- Isolieren (Kind wird von altersentsprechenden sozialen Kontakten ferngehalten)
- Verweigerung emotionaler Responsivität (Bedürfnisse nach emotionaler Zu­wendung werden ignoriert) (vgl. ebd.)

Vernachlässigung ist das wiederholte oder andauernde Unterlassen von fürsorglichen Handlungen durch die Personensorgeberechtigten, was zu erheblichen Schädigungen der Kindesentwicklung führt oder führen kann (vgl. Kindler 2006, S. 3-2; vgl. Faltermeier 2011, S. 512).

Die Vernachlässigung eines Kindes kann in erzieherischen (Mangel an Kommunikation, Spiel, Anreizen, fehlende Einflussnahme auf Schulbesuche und Delinquenz), in emotio­nalen (Mangel an Wärme, Liebe und Zuneigung) und in körperlichen (unzureichende Versorgung mit Essen, Trinken, sauberer Kleidung, Hygiene, medizinsicher Ver­sorgung) Bereichen stattfinden (vgl. Kindler 2006, S. 3-2).

Als sexueller Missbrauch gilt jede sexuelle Handlung an oder vor dem Kind, die gegen seinen Willen durch einen Erwachsenen oder älteren Jugendlichen vorgenommen wird. Gegen den Willen des Kindes bedeutet auch, wenn dieses aufgrund von körperlicher, sprachlicher, kognitiver oder psychischer Unterlegenheit nicht zustimmen kann. (vgl. Unterstaller 2006, S. 6-3) Der sexuelle Missbrauch ist aber nicht erst die Verge­waltigung des Kindes, sondern auch schon bestimmte Berührungen oder Andeutungen, bei denen das Kind spürt, dass es zum Sexobjekt des Erwachsenen gemacht wird (vgl. Bundesverband PFAD 1997, S. 240) Auch die Kinderpornografie zählt zum sexuellen Missbrauch. Die Täter nutzen ihre Machtstellung und Autorität gegenüber dem Kind aus, um es als Objekt der eigenen sexuellen Bedürfnisbefriedigung zu benutzen (vgl.

Faltermeier 2011, S. 512). Die Erwachsenen üben hierbei emotionalen Druck aus, nutzen die Loyalität des Kindes aus, bestechen es mit Geschenken, erpressen das Kind oder üben körperliche Gewalt aus (vgl. Techniker Krankenkasse 2008, S. 7). Deswegen ist die Dunkelziffer in diesem Bereich auch sehr hoch, da die Kinder aus Angst nichts sagen wollen.

Die Täter kommen meist aus dem Familien- und Bekanntenkreis. Zu 30-45 % sind es Jugendliche oder junge Erwachsene, zu 37 % die Väter, zu 34 % kommen die Täter aus dem nahen Umfeld, zu 23 % aus dem pädagogischem, medizinischem oder freizeit­lichem Bereich und zu 6 % sind es Fremdtäter (vgl. May 2011, S. 763f.).

2.3 Auswirkungen traumatischer Erfahrungen

Traumatische Erfahrungen haben zahlreiche Auswirkungen auf die gesamte geistige, körperliche, emotionale und soziale Entwicklung des Kindes. Wie stark diese Er­fahrungen auf das Kind einwirken, hängt von seinem Alter, der Dauer der Erfahrung, dem Entwicklungsstand des Kindes, seiner Belastbarkeit und den Bedingungen des sozialen Umfeldes ab.

Einen Überblick über direkte und langfristige Folgen von traumatischen Erfahrungen gibt die von der Techniker Krankenkasse herausgegebene Broschüre „Gewalt gegen Kinder“. Danach zählen zu den direkten Reaktionen auf die traumatische Erfahrung:

- Schock, Erstarrung, Nichtansprechbarkeit
- Angst, Panik, Schreiattacken
- Weinen, Anklammern
- Abwehr, Verstecken, Um-sich-Schlagen
- Verwirrung (vgl. Techniker Krankenkasse 2008, S. 19)

Zu den Mittel- und langfristigen Auswirkungen zählen:

- Rückzug, Isolation Abwehr von Zuneigung
- Verlust des Urvertrauens Schlafstörungen, Konzentrations-
- Verlust von Respekt und Achtung störung

vor Bezugsperson Schulschwänzen, Schulversagen

- Geringes Selbstwertgefühl
- Aggressivität, Gewaltverhalten
- Überanpassung
- Selbstschädigendes Verhalten (vgl. Techniker Krankenkasse 2008, S. 20)

Langzeitfolgen und dauerhafte Schädigungen sind:

- Schwere psychosomatische Leiden
- Zerstörung des positiven Lebensgefühls
- Selbstverachtung
- Ablehnung sozialer Beziehungen
- Bindungsangst
- Wiederholung erlebter Beziehungsmuster
- Psychische Störungen
- Rechtfertigung oder Leugnung der Ereignisse
- Suizid (vgl. ebd.)

Dies stellt nur eine mögliche Auswahl von Auswirkungen traumatischer Erfahrungen dar. Ich möchte im Folgenden detaillierter auf die Auswirkungen auf das Beziehungs­und Bindungsverhalten des Kindes, auf die kindliche Hirnentwicklung, und auf die häufig auftretende Posttraumatische Belastungsstörung eingehen.

2.3.1 Auswirkungen auf das Beziehungs- und Bindungsverhalten

Die wichtigste Beziehung für ein Kind, ist die zu seiner Bezugsperson. In dieser ersten Beziehung entwickelt das Kind ein biologisches und gefühlsmäßiges Modell für alle späteren Beziehungen. Wird ein Kind nun misshandelt, missbraucht oder vernach­lässigt, kann es die Fähigkeit verlieren, dauerhafte und tragfähige Beziehungen einzu­gehen. (vgl. Lambeck 2004, S. 47)

Kinder sind auf stabile, verfügbare und verlässliche Bezugspersonen angewiesen. Sie brauchen diese, um bei Bedrohungssituationen auf sie zurückzugreifen und um Sicher­heit und Geborgenheit zu erfahren. (vgl. Scheuerer-Englisch 2001. S. 71) Zu dieser Be­
zugsperson entwickeln sie eine tiefe emotionale Bindung. Eine Bindung ist ein unsicht­bares, aber fühlbares emotionales Band zwischen dem Kind und seiner Bezugsperson, welches die Beiden über Raum und Zeit miteinander verbindet (vgl. Brisch 2008, S. 89). Da traumatische Erfahrungen des Kindes meist im Zusammenhang mit dieser primären Bezugsperson stehen, wirken sich diese gravierend auf das Beziehungs- und Bindungs­verhalten des Kindes aus.

Die Bindungsforschung, welche sich eingehend mit der Verbindung zwischen Kind und Bezugsperson beschäftigt, geht auf den Psychoanalytiker und Bindungsforscher John Bowlby zurück (vgl. Ebel 2009, S. 155).

Demnach entwickelt sich eine gute Bindungsbeziehung zwischen dem Kind und seiner Bezugsperson, wenn diese feinfühlig, unterstützend und verlässlich auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht. Dadurch kann es Vertrauen in Beziehungen, die Umwelt und in sich selbst entwickeln (vgl. Scheuerer-Englisch 2001, S. 71).

Das Kind verinnerlicht die Erfahrungen, welche es mit seiner Bindungsperson macht und bildet innere Arbeitsmodelle, die die Grundlage sind für:

- den Umgang mit seinen Gefühlen
- das Verhalten in Beziehungen bei emotionaler Belastung
- den Aufbau eigener Beziehungen
- die Entwicklung von einem Selbstwertgefühl und Kompetenzen (vgl. a.a.O., S. 72)

Die Bindungsqualität beeinflusst die Entwicklung des Kindes gravierend.

Mary Ainsworth konnte in ihrem bekannten „Fremde-Situations-Test“ aufgrund von verschiedenem Bindungsverhalten, welches sich äußert, wenn das Kind Angst hat oder von der Bezugsperson getrennt wird, zunächst 3 verschiedene Bindungsqualitäten fest­stellen (vgl. Cappenberg 2004, S. 73).

Im Rahmen einer sicheren Bindung kann das Kind seine Bezugsperson als „sichere Basis“ nutzen, die ihm hilft, seine Gefühle zu regulieren, damit sich das Kind wieder der Exploration von Neuem widmen kann (vgl. Scheuerer-Englisch 2001, S. 72).

Werden die Bindungsbedürfnisse nach Schutz und Nähe allerdings eher zurückgewiesen entwickelt sich eine unsicher-vermeidende Bindung. Das Kind sucht daraufhin eher nur indirekt die Nähe zur Bezugsperson und vermeidet direkte Gefühlsausdrücke. (vgl. Scheuerer-Englisch 2001, S. 72)

Verhält sich die Bindungsperson mal feinfühlig und mal abweisend, also für das Kind nicht vorhersehbar, entsteht eine unsicher-ambivalente Bindung. Hierbei reagiert das Kind in Belastungssituationen mit weinen, schreien und Trennungsprotest. (vgl. a.a.O., S. 73)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Bindungsqualitäten und kindliche Entwicklungsbereiche (Scheuerer-Englisch 2001, S. 72)

Später wurde noch eine weitere Bindungsqualität entdeckt, bei das Bindungsverhalten zu keiner der vorherigen Qualitäten passte. Die desorganisierte Bindung, entwickelt sich vor allem bei Kindern, die traumatische Erfahrungen mit ihrer Bindungsperson gemacht haben. Diese Kinder zeigen stereotype Verhaltensweisen, sie erstarren in ihren Be­wegungen und zeigen kein Explorationsverhalten. (vgl. Brisch 2008, S. 94)

Etwa 80 % der misshandelten Kinder weisen ein desorientiertes Bindungsverhalten auf (vgl. Lambeck 2004, S. 47).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Desorganisierte Bindungsqualität (Scheuerer-Englisch 2001, S. 79)

Traumatische Erfahrungen im Rahmen von Bindungsbeziehungen stellen aus Sicht der Bindungstheorie ein Risiko für die Entwicklung des Kindes dar, weil sie in die gesamte Entwicklung eingreifen und die Regulation der inneren Zustände durch die Bindungs­person nicht möglich ist. Die Bezugsperson ist hier nicht die Quelle von Sicherheit und Vertrauen, sondern der Auslöser für die Bedrohung und die Angst. Das Kind ist somit mit seiner traumatischen Erfahrung ganz allein. Es ist gezwungen, sich an diese bedroh­liche Beziehungswelt anzupassen, seine eigenen Gefühle selbst zu kontrollieren und muss sich trotzdem auf die Bindungsperson beziehen. (vgl. Scheuerer-Englisch 2001, S. 73)

Alice Ebel weist im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen auch auf die Angstbindung hin. Hierbei wirken die Kinder in Bedrohungssituationen sicher und selbstbewusst oder sind der Bindungsperson gegenüber anhänglich und brav. Dieses Verhalten basiert allerdings nicht auf Vertrauen, sondern auf Angst. Das Kind ist hier in seinem Explorationsverhalten und damit in seiner Lernfähigkeit und seiner Entwicklung stark beeinträchtigt. (vgl. Ebel 2009, S. 163)

Wenn das Kind über einen längeren Zeitraum traumatische Erfahrungen, wie Miss­handlung, schwere Vernachlässigung und Missbrauch macht, entwickelt sich nicht nur eine desorganisierte Bindung zur Bezugsperson, sondern vielmehr eine Bindungs­störung.

Laut dem Internationalen statistischen Klassifikationssystem ICD-10 von 2014 gibt es zwei Arten von Bindungsstörungen: die reaktive Bindungsstörung im Kindesalter (F.94.1) und die Bindungsstörung des Kindesaltern mit Enthemmung (F.94.2).

Danach ist die reaktive Bindungsstörung gekennzeichnet durch Auffälligkeiten im sozialen Beziehungsmuster und emotionale Störungen (Furchtsamkeit, Übervorsichtig­keit, eingeschränkte soziale Interaktion mit Gleichaltrigen, Aggressionen, Unglück­lichsein). Die Bindungsstörung mit Enthemmung ist durch ein spezifisches abnormes soziales Funktionsmuster charakterisiert. Das Kind zeigt diffuses und nichtselektives Bindungsverhalten, aufmerksamkeitssuchendes und wahllos freundliches Verhalten und kaum modulierte Interaktionen mit Gleichaltrigen. (vgl. ICD-10)

Nach Karl-Heinz Brisch (2008, S. 98f.) gibt es noch weitere Formen der Bindungs­störung, die bisher noch nicht in den Klassifikationssystemen erfasst wurden:

- Typ I: kein Bindungsverhalten (keine Suche nach Nähe bei Bedrohung)
- Typ IIa: undifferenziertes Bindungsverhalten (freundlich zu jedem, suchen zwar Trost bei Bedrohung, bevorzugen aber keine bestimmte Person)

Typ IIb: Unfallrisikoverhalten (suchen bei Bedrohung nicht nach Bindungsperson, sondern begeben sich zusätzlich in Gefahr, um Fürsorgeverhalten der Bezugsperson zu mobilisieren)

Typ III: übermäßiges Klammern (nur in absoluter Nähe von Bindungsperson ruhig und zufrieden; angewiesen auf Anwesenheit)

Typ IV: gehemmtes Bindungsverhalten (im Beisein der Bindungsperson übermäßig angepasst und gehemmt; weniger ängstlich bei Abwesenheit)

Typ V: aggressives Bindungsverhalten (Bindungs- und Kontaktaufnahme durch Aggressivität)

Typ VI: Rollenumkehr (Kind dient für z. B. psychisch oder körperlich kranke Bezugsperson als sichere Basis)

Traumatische Erfahrungen, die die Kinder durch ihre emotionale Bindungsperson er­leben, zerstören demnach die Bindungssicherheit, welche für die Entwicklung der Kinder von entscheidender Bedeutung ist. Das Kind ist in seiner Not auf sich alleine gestellt und kann sich an niemanden wenden, um Schutz und Geborgenheit zu erfahren. Durch die Bindungsstörung hat das Kind eine mangelnde Beziehungsfähigkeit, zeigt weniger prosoziales Verhalten in Konflikten und hat eine geringe Stresstoleranz bei Belastungen (vgl. Brisch 2008, S. 104).

Aber trotz der Bindungsstörung hat das Kind dennoch eine Bindung zu seiner Bezugs­person, die allerdings die körperliche, emotionale und soziale Entwicklung des Kindes gefährdet (vgl. a.a.O., S. 112).

2.3.2 Auswirkungen auf die kindliche Hirnentwicklung

Für die Hirnentwicklung des Kindes gilt, dass neuronale Verbindungen und synaptische Verschaltungen als Interaktionen nur auf Grundlage bereits vorhandener Interaktions- muster ausgebildet und stabilisiert werden können (vgl. Hüther 2004, S. 23). Bei einer Traumatisierung kommt es zur Veränderung dieser neuronalen Verschaltungen und der von diesen Verschaltungen gesteuerten Leistungen des Gehirns (vgl. a.a.O., S. 29). In welchem Ausmaß die traumatischen Erfahrungen auf das Gehirn einwirken, hängt von der subjektiven Bewertung des Kindes ab (vgl. a.a.O., S. 30).

Durch die Angst und den Stress, die eine solche Erfahrung beim Kind auslöst, kommt es zu einer erhöhten Ausschüttung von Stresshormonen, wie z. B. Cortisol. Dies kann zu einem mangelhaften Wachstum des limbischen Systems führen, was sich wiederum u.a. auf die Gefühle, Bindungen, Beziehungen, dem Gedächtnis, der Lern- und Konzentrati­onsfähigkeit des Kindes auswirkt. (vgl. Ebel 2009, S. 124)

Wird das Kind andauernd und wiederholt traumatisiert und befindet sich ständig in einem Angstzustand, richtet sich die Entwicklung und Stabilisierung der synaptischen Netzwerke dementsprechend aus. (vgl. a.a.O., S. 121)

Durch eine Traumatisierung können sich die synaptischen Verhaltensmuster, auf deren Grundlage sich die Leistungen des Gehirns (Fähigkeit zur Herausbildung des Selbst­bildes, Fähigkeit zur Impuls- und Handlungskontrolle, emotionale und psychosoziale Kompetenzen) bilden, nicht herausformen und stabilisieren. (vgl. Hüther 2004, S. 32)

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Details

Seiten
75
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656951544
ISBN (Buch)
9783656951551
Dateigröße
825 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298814
Institution / Hochschule
Fachhochschule Kiel
Note
1,3
Schlagworte
Pflegefamilie Pflegekinder Traumatisierung traumatisierte Kinder Soziale Arbeit Anforderungen Pflegeeltern Pflegekind traumatisierte Pflegekinder

Autor

  • M. C. (Autor)

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Titel: Pflegefamilien mit traumatisierten Kindern. Anforderungen an die Soziale Arbeit