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Stalking als Thema aktueller Jugendromane

Magisterarbeit 2014 186 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Stalking
Abbild einer erotomanen Stalkerin :
„Christine Fehér – Jeder Schritt von dir (2009)“
Aufbau / Paratext:
Figuren – Der Beziehungskonflikt
Der Stalkingaspekt innerhalb des Beziehungskonflikts
Alexandra und das Erotomanie-Konzept nach Hoffmann:
Fazit

Portrait einer Borderline-Erotomanie
„Dianne Bates – Liebt mich! (2008)“
Aufbau / Paratext
Sophies Krankheitsgeschichte und der Beziehungskonflikt
Der Stalkingaspekt innerhalb des Beziehungskonflikts
Sophie und das Borderline-Erotomanie-Konzept nach Meloy

Fazit

Till, der inkompetente Verehrer
„Brigitte Blobel – Liebe wie die Hölle (2003)“
Aufbau / Paratext
Figuren / Der Beziehungskonflikt
Der Stalkingaspekt innerhalb des Beziehungskonflikts
Till, der inkompetente Verehrer

Fazit
Stalking und Gewalt: Kevin, der morbide, krankhafte Stalker:
„Margot Berger – Schwere Zeiten für Julia (2008)“
Aufbau / Paratext
Figuren / Der Beziehungskonflikt
Der Stalkingaspekt innerhalb des Beziehungskonflikts
Stalking und Gewalt: Kevin, der morbide, krankhafte Stalker

Fazit
Erotomanie und psychische Erkrankung
„Patricia Mennen – Du gehörst mir allein“ (2007)
Aufbau / Paratext
Figuren / Der Beziehungskonflikt
Der Stalkingaspekt innerhalb des Beziehungskonflikts
Erotomanie und psychotische Störung

Fazit
Portrait eines Prominentenstalkers :
Monika Feth – „Der Schattengänger “ (2009)
Aufbau / Paratext
Figuren / Der Beziehungskonflikt
Der Stalkingaspekt innerhalb des Beziehungskonflikts
Prominentenstalking

Fazit
Ausblick: Erwachsenenliteratur zum Thema Stalking
Fazit
Quellenverzeichnis
Rechtsverbindliche Erklärung
LEBENSLAUF

Einleitung

Verus amor nullum novit habere modum

„Wahre Liebe kennt kein Maß“

Sextus Aurelius Propertius (Elegien Buch 2, XV 30)

Der Begriff ,Stalking‘ ist heute in aller Munde und das Phänomen an sich ist überall bekannt. Kein Prominenter scheint mehr davon verschont zu bleiben und auch im Alltagsleben sind die obsessive Verfolgung und Belästigung heute ein gängiges Problem. Die Einführung des weltweit ersten Antistalking-Gesetzes in Kalifornien im Jahre 1991 (Hoffmann 2006: 18), führte zur eingehenden Beschäftigung mit dem Thema in allen Medien wie der Literatur, dem Film und dem Internet. Besonders interessant ist die Betrachtung des Themenschwerpunktes Stalking in der neueren Kinder- und Jugendliteratur. Vorerst auffällig ist die Vielzahl an Neuerscheinungen an Romanen, die unter dem Label ,Stalking‘ verkauft und vermarktet werden.

Stalkingromane sind Beziehungs- oder Scheidungsromane. Das Stalkingverhalten ist dabei ein Aspekt innerhalb des Beziehungsdramas. Zu untersuchen ist, worin das Stalkingverhalten innerhalb des Beziehungskonfliktes besteht.

Zwischenmenschliche Beziehungen weisen immer eine Struktur der Beidseitigkeit auf. Hypothetisch ist anzunehmen, dass diese Beidseitigkeitsstruktur mit dem Stalkingverhalten aufbricht und zu einer eher einseitigen Struktur wird. Zwar besteht nur noch auf einer Seite Interesse an einer Beziehung, jedoch ist das Stalkingopfer durch Reagieren auf die Stalkinghandlungen immer wieder dazu gezwungen zu handeln, sodass man es dennoch als eine beidseitige Struktur sehen kann.

Stalking ist eine Grenzüberschreitung, welche meistens nach einer Zurückweisung eintritt. Diese Zurückweisung löst bei dem Stalker eine narzisstische[1] Kränkung aus, es findet keine Verarbeitung statt. Durch das Stalking soll die Abweisung ungeschehen gemacht werden.

Zu untersuchen gilt, ob das Stalkingverhalten in den Jugendromanen psychologisch überzeugend dargestellt wird, welche Spezifika sich aus dem Geschlecht des Täters/Opfers für den Beziehungskonflikt ergeben, welchem Genre der Roman zuzuordnen ist und welche Besonderheiten daraus entstehen. Wenn es sich um ein Ratgeberbuch oder Problembuch handelt, soll ermittelt werden, welche Interventionsstrategien angeboten werden. Außerdem wird untersucht, ob es sich um einen Opfer- oder Täterroman handelt, welche Stalkingtypen aufzufinden sind und welche Auswirkungen das Stalkingverhalten auf das Opfer hat.

Der Schwerpunkt soll die Analyse des Beziehungskonfliktes der Protagonisten sein sowie die Frage, ob sie psychologisch nachvollziehbar dargestellt werden und wie und warum es zu dem Stalkingverhalten innerhalb des Beziehungskonfliktes kommen konnte.

Um diese Frage zu beantworten vorerst einen kurzen Abriss des aktuellen Forschungsstandes zum Thema Stalking, schwerpunktmäßig auf die Bereiche Begriffsgeschichte, die psychologischen Hintergründe, Stalking und psychische Krankheit und der rechtliche Umgang mit Stalking.

Anhand des aktuellen Forschungsstandes werden gängige Stalkingtypen herauskristallisiert, die auf sechs ausgewählte Kinder- und jugendliterarische Romane angewendet werden. Um ein differenziertes Bild zu erhalten, werden in Bezug auf den Beziehungskonflikt möglichst unterschiedliche Beziehungskonstellationen ausgewählt. So handeln die Romane von Schüler-Lehrer-Beziehungen, einem Arzt-Patienten-Verhältnis, von weiblichen und männlichen Stalkern und Opfern, sowie einem Fall von Prominentenstalking. Die Romane sind unterschiedlichen Genres zuzuordnen. So finden wir problemorientierte Romane, Thriller und eine Pferdeerzählung zum Thema Stalking vor.

Ein Fall von Erotomanie lässt sich bei „Christine Fehér – Jeder Schritt von dir (2009)“ vorfinden, und eine Unterform, die Borderline-Erotomanie bei „Dianne Bates – Liebt mich (2008)!“. Im Anschluss ein Beispiel für den inkompetenten Verehrer in „Brigitte Blobel – Liebe wie die Hölle (2003)“, den morbiden, krankhaften Stalker in „Margot Berger – Schwere Zeiten für Julia (2008)“ sowie den zurückgewiesenen Stalker in „Patricia Mennen – Du gehörst mir allein (2007)“. Schlussendlich folgt die Betrachtung eines Falls von Prominentenstalking „Monika Feth – Der Schattengänger (2009)“, welcher zugleich der einzige Fall mit erwachsenen Protagonisten ist.

Stalking

Das englische Wort ,Stalking‘ stammt aus der Jägersprache und bedeutet ursprünglich „sich anpirschen“, „anschleichen“ (Hoffmann 2006b: 9), Wild aufspüren und es verfolgen (Hoffmann 2006a: 1). Der Anglizismus hat sich – wie das Wort ,Mobbing[2]‘ – als Begriff im Deutschen etabliert (Hoffmann 2006b: 9). Es ist jedoch schwierig, den Begriff eindeutig zu definieren. Man assoziiert damit ständige einseitige Telefonversuche, lange und häufige E-Mails und Briefe, Auflauern, Verfolgen, abwechselnde Drohungen und Liebesbekundungen. Jedoch ist keiner dieser Kontaktversuche wie auch andere Verhaltensweisen immer präsent, denn jeder Stalker ist anders. Es gibt keine eindeutige Ursache und Motivation für das Stalking. Es handelt sich jedes Mal um ein unterschiedliches Bündel an Emotionen, Beweggründen und Verhaltensweisen, welche sich hinter dem Handlungsmuster verbergen. Hauptsächlich handelt es sich um einseitiges Kontaktstreben: Der Stalker möchte eine Verbindung zum Opfer aufbauen oder aufrecht erhalten, dieses versucht jedoch, jenen aus seinem Leben und Gedächtnis zu verbannen. Stalking ist also eine Interaktion, welche von einer auffälligen Asymmetrie geprägt ist (Hoffmann 2006a: 1).

In einer der ersten Definitionen von Stalking spricht Michael A. Zona von einem „unnormal langen Muster von Bedrohung und Belästigung, das gegen ein bestimmtes Individuum gerichtet ist“[3] (Zona 1993: 896).

Man kann also von Stalking sprechen, wenn das Verhalten, welches als grenzverletzend und unerwünscht wahrgenommen wird, mehr als einmal auftritt und Angst oder Besorgnis auslöst. Es handelt sich dabei um mehrfache Kontaktaufnahme, Annährung oder Belästigungen, die sich über einen längeren Zeitraum hinweg ziehen, sich auf eine spezifische Person richten und dabei die Regeln sozialer Interaktion überschreiten. Heutzutage wird in zahlreichen Publikationen der Begriff ,obsessive Belästigung‘ anstelle von Stalking verwendet, um auch den psychologischen Aspekt der Obsession hervorzuheben (Hoffmann 2006a: 2,3)

Der Begriff ,Stalking‘ stammt aus den USA und wurde seit den 80er Jahren in der Klatschpresse ausschließlich für verrückte Fans verwendet. Das Stalkingverhalten galt anfangs als überwiegend harmlos, bis zur Ermordung der Schauspielerin Rebecca Schaeffer. Ebenso war nur Prominentenstalking ein Thema, die Verfolgung von Normalbürgern war nahezu unbekannt (Hoffmann 2002: 102).

Am 31.03.1981 verübte der Attentäter John Hinckley einen fast tödlichen Anschlag auf den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, um damit die Aufmerksamkeit der jungen Schauspielerin Jodie Foster, welche er zuvor aus Liebe verfolgte, zu erlangen (Hoffmann 2006a: 9). Dies könnte den Anstoß zur Beschäftigung mit dem Thema Stalking gegeben haben, denn die erste wissenschaftliche Studie zum Thema Stalking im privaten Umfeld, wurde 1984 verfasst, also drei Jahre nach dem Anschlag. Der Begriff ,Stalking‘ war damals nicht bekannt. In der Studie wurden 50 Frauen befragt, die nach der Trennung von ihrem Partner auf unterschiedlichste Weise belästigt worden waren (Jason 1984: 259ff). Die US-Regierung beauftragte nach dem Anschlag ein Forscherteam, das sich in einem Fünfjahresprojekt intensiv mit dem Thema Prominentenstalking beschäftigte, um Warnsignale frühzeitig zu identifizieren, und damit präventiv Personen des öffentlichen Lebens zu schützen.

1989 ermordete der 19-jährige Roberto Bardo in den USA die zwei Jahre ältere Schauspielerin Rebecca Schaeffer. Nachdem er sie seit seinem 16. Lebensjahr beharrlich verfolgt und sie mit Liebesbotschaften überhäuft hatte, schlug seine Zuneigung schlagartig in Hass um, als er sie in einem Film bei einer Liebesszene sah. Durch einen Privatdetektiv fand er ihre Adresse heraus und erschoss sie, kurz nachdem er sich als ihr größter Fan bezeichnet hatte. Dieser Vorfall löste eine öffentliche Diskussion zum Thema Stalking aus, erstmals wurden Anti-Stalking-Gesetze eingeführt und die weltweit erste Polizeieinheit gegen Stalking, die „Threat Management Unit“ gegründet (Hoffmann 2002: 102), die mitunter auch einige der ersten einschlägigen Forschungsarbeiten zum Thema Stalking veröffentlichte (Zona 1993: 884-903). Zwischen 1995 bis 2003 stieg die Beschäftigung mit dem Thema Stalking rasant an, etwa 100 relevante Studien wurden in diesem Zeitraum veröffentlicht. In Deutschland setzte die Forschung leicht verzögert ein, mittlerweile gibt es jedoch auch hier ein breites Spektrum an Forschungsliteratur zu dem Thema (Hoffmann 2006a: 9). 1991 trat in Kalifornien das weltweit erste Anti-Stalking-Gesetz in Kraft (Hoffmann 2006a: 18).

Am 31.03.2007 wurde im deutschen Strafgesetzbuch der Paragraph §238 Nachstellung hinzugefügt[4].

Durch die Einführung des neuen Begriffs ,Stalking‘ und die eingehende Beschäftigung mit dem Thema, sowie die Einführung des Straftatbestandes zu Nachstellung erscheint es vorerst so, als sei Stalking an sich ein neues Phänomen und als würde die Straftat in der heutigen Zeit immer häufiger vorkommen. Tatsächlich ist es hingegen so, dass sich Spuren von obsessiver Verfolgung schon in frühen Mythen vorfinden, aber auch in medizinischen und gerichtlichen Akten. Nur der Begriff als solcher wurde noch nicht so benannt (Hoffmann 2006a: 12). Beispielsweise ist ein Fall aus dem Jahre 1704 überliefert, in welchem ein Arzt namens Dr. Lane eine wohlhabende Dame, Miss Dennis, über einen längeren Zeitraum gegen deren Willen und dem ihrer Mutter verfolgte. Trotz der Aufforderung von Mutter und Tochter, weitere Annäherungsversuche zu unterlassen, folgte er den beiden auf einer Reise nach London und bezog im gleichen Gasthaus ein Zimmer. Als Dr. Lane handgreiflich gegenüber den Begleitern seiner Angebeteten wurde, musste er sich gerichtlich dafür verantworten (Mullen 2000: 251).

Sogar in alten religiösen Texten stößt man auf Mythen, in denen Stalking von Bedeutung ist. Im 1. Buch Mose wird von einer verheirateten Frau namens Zuleika berichtet, welche sich in Joseph, einen Sklaven, unsterblich verliebt. Sie beginnt, ihm permanent Avancen zu machen, die jedoch abgelehnt werden. Aus Wut über die Abweisungen erzählt Zuleika, Joseph habe sie sexuell belästigt. Als Folge wird er ins Gefängnis geworfen.

„Und es begab sich, dass seines Herrn Frau ihre Augen auf Joseph warf und sprach: Lege dich zu mir! Er weigerte sich aber. […] Und sie bedrängte Joseph mit solchen Worten täglich. Aber er gehorchte ihr nicht, dass er sich zu ihr legte und bei ihr wäre“ (1. Mose 39)

An diesem Beispiel erkennt man bereits typische Stalkingmuster: Bewunderung und Verliebtheit können schnell in das Gegenteil: Wut und Hass, umschlagen, wenn das Opfer nicht auf die Annäherungsversuche eingeht. Somit kann auch das Werben und Kontaktstreben in das Gegenteil umschlagen, das Opfer wird zum vermeintlichen Täter gemacht und nach Möglichkeit aus dem Leben verbannt (Hoffmann 2006a: 16).

Stalking ist nach Bettermann ein altbekanntes Phänomen, das erst kürzlich einen Namen erhhielt (Bettermann 2002: 16-27), dennoch scheint es, Stalking nehme weiter zu. Gründe dafür sind in der schnellen sozialen und technischen Veränderung sowie in der Globalisierung zu suchen. So kommt es in der heutigen Zeit häufiger zu Trennungen. Früher waren Scheidungen aus religiösen Gründen eher unüblich, außerdem führte die Emanzipation der Frau zu größerer Selbstbestimmtheit, sodass Beziehungen zumindest in Europa beidseitig quasi äquivalent aufgelöst werden können. Zudem erleichtern heutzutage neuere Kommunikations-, Bewegungs- und Beobachtungsmöglichkeiten das Stalking. Durch moderne Internetplattformen wie beispielsweise Facebook, StudiVZ, MeinVZ, Twitter, Google+, Myspace, Wer-kennt-wen und Ähnliches, mit der Möglichkeit der Angabe des aktuellen Standortes und dessen Erforschung über Googlestreetview, wird die Beschaffung von Informationen, sowie die Verfolgung des Opfers ein Leichtes. Mit Smartphones und anderen internetfähigen Geräten, wie Tablet-PCs und Laptops ist zudem die Kontaktaufnahme zum Opfer und dessen Umfeld von weltweit aus möglich (Hoffmann 2006a: 13). Noch vor einem Jahrzehnt fehlten viele technische Möglichkeiten, ein Umzug des Opfers konnte somit leichter die Befreiung vom Stalker bedeuten; heute dagegen erfordert es zusätzlich eine komplett neue Online-Identität. Nach Hoffmann suggeriere die heutige Idealisierung des Materialismus eine immer schnellere Bedürfnisbefriedigung, welche im „Zeitalter des Narzissmus“ (Hoffmann 2006a: 13) auch für persönliche Beziehungswünsche zu gelten scheint. Die Bedürfnisse der Mitmenschen verlieren an Bedeutung, die eigenen stehen im Vordergrund. Außerdem führt die Auflösung früherer Gemeinschaften zu größerer Vereinsamung und Isolation, was ebenfalls zu einem Anstieg des Stalking führen kann (Hoffmann 2006a: 13).

Dass Stalking negativ bewertet und als eine Straftat bezeichnet wird ist ein neues Phänomen. In der poetischen Tradition hat das beharrliche Verfolgen und eine extreme Verliebtheit meist eine romantische Komponente. Der mittelalterliche Minnesänger zum Beispiel, welcher noch heute in Erzählungen der Gegenwart vorkommt, ist vor Liebe entflammt, gedanklich völlig auf seine Angebetete fixiert und nichts kann ihn davon abhalten, seine Angebetete zu erobern. Dies wird allerdings nicht als unangebracht eingestuft, sondern als überaus romantisch und wünschenswert (Hoffmann 2006a: 16).

„A Western culture that once idealized, romanticized, and even eroticized the pursuit of unrequited love now outlaws it“ (Skoler 1998: 110).

Die Handlungen eines Stalkers können sehr unterschiedlich sein. Das Stalking hält meist länger an, tritt wiederholt auf und soll in irgendeiner Art und Weise einen Eindruck bei dem Opfer hinterlassen. Gleiche Handlungen auf unterschiedlicher kognitiver und emotionaler Ebene können für oder gegen eine Diagnose als Stalker sprechen. Fehlt die emotionale Fixierung auf das Opfer, kann von einem instrumentellen Stalking gesprochen werden, wenn zum Beispiel ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll, etwa durch eine Erpressung (Hoffmann 2006a: 4).

Die Regel ist jedoch, dass der Täter emotional auf das Opfer in irgendeiner Art und Weise fixiert ist. Entweder im positiven Sinne, in Form von Liebe und dem Bedürfnis nach Zuneigung oder im negativen Sinne, beispielsweise nach einer Trennung durch Wut oder Hass (Hoffmann 2006a: 4).

Der Stalker hält in der Regel seine Handlungen für angemessen. Er ist oft in dem Glauben, zwischen ihm und dem Opfer bestehe eine Beziehung, obwohl es keine gibt. Oder er glaubt, es bestehe zumindest die Möglichkeit, eine aufzubauen und die Kontaktaufnahme sei gewünscht, selbst wenn das Opfer ihn bittet, dies zu unterlassen (Hoffmann 2006a: 4).

Der häufigste Grund für eine Obsession ist nach Hoffmann der Wunsch, eine abgebrochene Beziehung wieder herzustellen oder eine gewünschte, nicht vorhandene Beziehung aufzubauen. Wird der Stalker in seinem Begehren zurückgewiesen, schlägt die Zuneigung dabei häufig in Wut um. Tritt das Rachemotiv in den Vordergrund, kann es zu einer aggressiveren Form des Stalkings kommen.

Es ist jedoch auch möglich, dass von Beginn an Psychoterror, sprich das Auslösen von Angst, im Mittelpunkt der Handlungen steht. Möglicherweise kann eine vorhergehende Auseinandersetzung mit dem Opfer einen derartigen Groll hervorgerufen haben, dass im Mittelpunkt das Erzeugen von psychischem Leid steht.

Obsessive Belästigung kann ebenso als Ablenkung fungieren. Durch die Fixierung auf einen anderen Menschen können Lebenskrisen wie Trennungen oder Arbeitslosigkeit verdrängt werden, indem die verfolgte Person in den Mittelpunkt allen Denkens und Handelns gerückt wird (Hoffmann 2006a: 7). Die Auseinandersetzung mit der unbefriedigenden Lebenssituation kann so vermieden werden.

Das Opfer kann auch eine symbolische Funktion besitzen: Es könnte stellvertretend für eine Gruppe oder Organisation stehen (beispielsweise religiöser oder politischer Art), gegen die der Stalker eine tiefe Abneigung hegt. Oder das Opfer dient als Projektionsfläche[5] für einen früheren Konflikt, dessen Hintergrund dem Täter vielleicht sogar unbewusst ist (Hoffmann 2006a: 7).

Jeder Mensch hat nach Schuhmacher Obsessionen, doch nur wenn diese zur Besessenheit werden, also alle Gedanken beherrschen, kann man von einer psychischen Störung sprechen (Schuhmacher 2000: 143).

Die Person wird zum zentralen und absoluten Lebensinhalt, das Stalkingverhalten beherrscht alle Gedanken und Handlungen. Stalking hat nach Schuhmacher nichts mit Liebe zu tun, wer verliebt sei, wolle seinen Partner glücklich machen und nicht zerstören. Bei einer Trennung ist der Verlassene traurig, verletzt und gekränkt, denn Verlassenwerden bedeutet immer auch eine Zurückweisung. Im Falle eines gesunden Menschen erhole sich das Selbstwertgefühl nach einer Weile, die Person sei in der Lage, den Liebesschmerz zu ertragen (Schuhmacher 2000: 143). Der Stalker dagegen regeneriert sich nach dieser Kränkung vorerst nicht, denn sein ganzes Handeln, Denken und Fühlen dreht sich ausschließlich um das Liebesobjekt. Stalker bleiben auf das Objekt fixiert und können sich nicht auf ein anderes konzentrieren, sie schaffen es nicht, loszulassen. Es ist zu ihrer Lebensaufgabe geworden, den Menschen zu verfolgen, da sie annehmen, die Person auf diese Weise zurückgewinnen zu können. Die psychologischen Ursachen für dieses Handeln sind vielfältig und lassen sich nicht verallgemeinern. Häufig liegen schwere Persönlichkeitsstörungen wie beispielsweise Borderlinepersönlichkeitsstörung[6] oder Narzissmus vor.

Aber auch Neurosen, Psychosen[7] oder Depression können Mitverursacher für Stalkingverhalten sein. Psychiater diagnostizierten bereits Ende des 19. Jahrhunderts Stalking als „Liebeswahn“ oder „Erotomanie“ (Schuhmacher 2000: 144). Erotomane bilden sich ein, es gebe eine bereits bestehende Liebesbeziehung zwischen ihm und dem Opfer. Sie selbst sind sich dieser Illusion in keiner Weise bewusst. Häufig führen familiäre Bedingungen in der Kindheit des Stalkers zu späterem Stalkingverhalten. Beispielsweise fehle nach Schuhmacher häufig eine positiv besetzte Vaterfigur und das Kind habe bereits einige Trennungserfahrungen hinter sich. 63% der Stalker hätten bereits einen Wechsel oder Verlust des Elternteils erlebt durch Scheidung, Tod, Inhaftierung etc., in 55% der Fälle liegen sexueller, körperlicher oder emotionaler Missbrauch in der Kindheit vor. Der Vater sei besonders entscheidend für die spätere Bindungsfähigkeit von Kindern (Schuhmacher 2000: 145). Die meisten Stalker befinden sich während des Stalkings in keiner Beziehung, in 80% der Fälle geht vor dem Beginn des Stalkings ein einschneidendes Erlebnis voraus: zum Beispiel Scheidung, Trennung, Tod eines Elternteils/Kindes, Verlust des Arbeitsplatzes und Ähnliches. Da die meisten Stalker unfähig sind, einen Verlust zu kompensieren, soll diese Lücke durch das eigene Verhalten überdeckt werden. Durch die obsessive Beschäftigung mit dem Opfer, das nicht zwangsläufig in Beziehung zu dem einschneidenden Lebensereignis stehen muss, soll das aktuelle Leiden verdrängt werden, da nun die Obsession im aktuellen Lebensmittelpunkt steht. Häufig definiert sich der Stalker einzig und allein über die Zweisamkeit, seine komplette Identität hängt somit von der des Opfers ab. Stalker leiden häufiger an einer „chronischen Angst vor Zurückweisung“ (Schuhmacher 2000: 145), was bereits während der Beziehung zu krankhafter Eifersucht führt. Die vorangegangene Beziehung ist oft geprägt von hoher Gewaltbereitschaft, permanentem Kontakthalten und Kontrollverhalten. Die Partner räumen sich wenig Freiraum ein, Kontrolle und Macht stehen vor der Liebe. Stalking entsteht bei Expartnern somit aus einer unglücklichen Beziehungsdynamik, die ,Schuld‘ ist nicht allein bei dem Stalker zu suchen.

Zwischen „gesunden“ und „paranoiden Psychotikern“ gibt es nach Schuhmacher ein großes Spektrum an Persönlichkeitsstörungen, die geprägt sind von einer erhöhten Sensibilität und Vulnerabilität[8]. Bei Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen sei eine Trennung oder Zurückweisung ein lebensbedrohliches Ereignis, das „wie ein Weltuntergang“ (Schuhmacher 2000: 147) wahrgenommen wird. Das instabile Selbst wird gekränkt, es folgt eine heftige Reaktion, welche häufig als „narzisstische Wut“ (ebd.) bezeichnet wird. Nicht selten sind narzisstische Suizidversuche oder zumindest Androhungen desselben die Folge. Dies gilt bevorzugt für narzisstische Persönlichkeiten, welche sich durch ein hohes Ich-Ideal[9], hohe Vulnerabilität und die Unfähigkeit, Misserfolge auszuhalten auszeichnen. Tritt Stalking nach einer Beziehung auf, gab es meist auch während der Beziehung starke Schwierigkeiten wie krankhafte Eifersucht, Kontrollverhalten und starke Machtkämpfe.

Formen des Stalking / Taktiken

Brian H. Spitzberg entwickelte ein typologisches System, in welchem er bestimmte Taktiken des Stalking in insgesamt sieben Kategorien unterteilte. Er nennt „hyperintimacy“, „persuit, proximit, and surveillance“, „invasion“, „proxy pursuit/intrusion“, „intimidation and harassment“, „coercion and constraint“ und „aggression” (Spitzberg 2002: 261-288).

Hyperintimität meint Verhaltensweisen, in denen der Stalker dem Opfer verdeutlicht, dass er eine intime oder sexuelle Beziehung herstellen möchte. Dabei handelt es sich um sexuelle Anspielungen, Aussprechen eines Beziehungswunsches und die Bitte um Kontaktaufnahme in allen erdenklichen Kommunikationsweisen wie Telefon, Emails, SMS, Briefe, Geschenk- und Blumensendungen oder durch persönliches Ansprechen.

Annäherung, Verfolgung und Überwachung meint das Auflauern an der Wohnung, am Arbeitsplatz und in Extremfällen die Verlegung des eigenen Wohnsitzes in die Nähe des Opfers. Damit versucht der Stalker physische Nähe zum Opfer herzustellen. Beim Eindringen in den Privatraum kann es häufig vorkommen, dass die Privatsphäre des Opfers überschritten wird, aber auch soziale Normen und Gesetze. Zu den Stalkingtaktiken zählen Einbrüche, Diebstahl und Beschädigung von Eigentum. Der Stalker nutzt dritte Personen, um an private Informationen über das Opfer zu gelangen. Freunde, Bekannte, Kollegen und Familienmitglieder werden ausgefragt, oder beauftragt bestimmte Handlungen auszuführen, wie zum Beispiel Nachrichten zu übermitteln.

Durch Belästigung und Einschüchterung soll das Opfer unter Druck gesetzt und zum Agieren gezwungen werden. Dabei werden direkte Drohungen ausgesprochen, Gewalttaten oder auch der Suizid angekündigt. Oft wird indirekt Psychoterror ausgeübt, beispielsweise durch Rufmord, Belästigung von nahestehenden Personen oder nonverbalen Einschüchterungsversuchen.

In extremen Fällen kann es vorkommen, dass der Stalker das Opfer zu bestimmten Handlungen zwingt oder nötigt, indem er es zum Beispiel entführt, einsperrt oder erpresst. Dabei kann es auch zu körperlichen Angriffen kommen. Die unter „aggression“ subsumierten Stalkinghandlungen sind jegliche auf das Opfer und dessen Umfeld (auch Haustiere!) gerichtete Gewalttaten, wie Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und physische Angriffe (Hoffmann 2006a: 5).

Für eine (unveröffentlichte) Diplomarbeit befragten B. Meinard und I. Wondrak im Jahre 2004 insgesamt 551 deutsche Stalkingopfer nach erlebten Stalkinghandlungen. Nur 3% der Betroffenen wurden mit nur einer einzigen Stalkingform konfrontiert. Im Durchschnitt traten 7,5 unterschiedliche Verhaltensweisen auf, davon am häufigsten Telefonanrufe, gefolgt von physischer Annäherung. 38,9% gaben an, es sei zu aggressiven Handlungen, wie körperlichen Übergriffen (Festhalten, Würgen, Einsatz von Waffen und sogar Folter und Mordversuche) gekommen. Abschließend wurden die Opfer befragt, wie lange das Stalking andauerte. Bei einer Zeitspanne, welche zwischen einem Monat und 20 Jahren variierte, ergab sich ein durchschnittlicher Wert von 28 Monaten (Meinard 2004, zitiert nach Hoffmann2006a: 6).

Prozentual sind mit 80% die Stalker überwiegend Männer, die Opfer größtenteils Frauen. Es handelt sich hauptsächlich um Expartner. Lediglich 10% der Täter kennen ihr Opfer nicht persönlich. 40% setzen sich zusammen aus Personen, welche irgendeine andere Art von Vorbeziehung zu dem Opfer hatten, sei es beruflich, freundschaftlich oder familiärer Natur.

(Tabellen: Hoffmann 2006a : 6,8)[10]

Typologie

In einer Typologie von Stalkern könnte man nach Schuhmacher unterscheiden zwischen dem Expartner, dem erotomanen Stalker (Stalker im Liebeswahn), dem flüchtigen Bekannten, dem Cyberstalker (Internetstalker), dem Rachestalker und dem Prominentenstalker (der anonyme Fan) (Schuhmacher 2000: 102,113,120,130,136). In den Romananalysen kommt außerdem der inkompetenten Verehrer, der morbiden, krankhaften Stalker sowie der zurückgewiesenen Stalker (Mullen 2000) vor. Dabei stellt sich die Frage, ob sich die Stalkingtypen klar voneinander abgrenzen lassen, oder ob sich innerhalb eines Falls mehrere Stalkingtypen in einer Person vereint wiederfinden.

Expartner weisen nach Schuhmacher die höchste Rate an kriminellen Taten auf (Schuhmacher 2000: 120). Der Täter kennt bereits ohne weitere Recherche alle Gewohnheiten und Schwächen des Opfers und kann diese somit leicht als Druckmittel nutzen. Gemeinsame Kinder und gemeinsames Sorgerecht eignen sich ebenfalls besonders gut zur Erpressung. Außerdem gehen nur wenige Fälle von Ex-Partner-Stalking an die Öffentlichkeit, da der ehemals geliebte Partner häufig in Schutz genommen oder verstanden wird als ein weitestgehend anonymer Stalker. Des Weiteren ist nicht selten materielle Abhängigkeit im Spiel und die Angst ins Gerede zu kommen. Meistens sind es Männer, welche die Trennung nicht akzeptieren können, denn sie sehen durch die Zurückweisung ihre Machtansprüche an die untergeordneten Frauen als bedroht an und möchten diese aufrecht erhalten. Schon während der Beziehung lassen sich in den meisten Fällen bestimmte Verhaltensmuster erkennen, welche am Ende der Beziehung häufig in Stalking umschlagen, zum Beispiel krankhafte Eifersucht, Klammern und ein unnatürliches Machtgefüge (Schuhmacher 2000: 122). In 20% von Tötung des Lebenspartners ging der Straftat das Stalking voraus (Schuhmacher 2000: 124). Susanne Schumacher geht davon aus, dass die Stalkingopfer unter einer starken psychischen Belastung stehen. 70% der Opfer würden unter posttraumatischen Stressreaktionen wie Angst, Isolation und Verlust der Lebensfreude leiden. Jeder vierte Betroffene hat nach Schuhmacher an Selbstmord gedacht. In 25% der Fälle gebe es körperliche Gewalt, im Einzelfall stehe am Ende sogar Mord (Schuhmacher 2000: 24).

Abbild einer erotomanen Stalkerin :

„Christine Fehér – Jeder Schritt von dir (2009)“

Christine Fehérs Roman erzählt auf eine außergewöhnliche Art eine Liebesgeschichte zum Thema Stalking. Es handelt sich, im Gegensatz zu den meisten Themenbüchern im gleichen Komplex hier um eine weibliche Stalkerin, Alexandra, die zugleich Protagonistin ist und ein männliches Opfer namens Arved. Dies ist eher ungewöhnlich, denn in den meisten kinderliterarischen Werken zum Thema Stalking handelt es sich um männliche Stalker und die Romane werden aus der Sicht des weiblichen ,Opfers‘ geschrieben[11]. Besonders ist außerdem, dass der Leser zusätzlich Innensicht in die Gefühle und Gedanken der Protagonistin erhält, sodass man sich mit der Täterin identifizieren kann, nicht nur mit dem ,hilflosen‘ Opfer. Ein Täter/Opfer-Modell wird in diesem Fall nicht aufgebaut, es handelt sich bei beiden Akteuren um mehrdimensional gestaltete Charaktere, deren Handlungen psychologisch nachvollziehbar sind, auch wenn es sich um eine ,krankhafte Obsession‘ von Alexandra handelt.

Typisch für Stalker ist ein früher Verlust einer primären Bezugsperson (Hoffmann 2006a: 7). Alexandra ist ein Scheidungskind und ihr Vater hat nach der Trennung kein Interesse mehr an seiner Tochter gezeigt. Daher fühlte sie sich schon als Kind einsam, zurückgesetzt und verlassen. Sie hatte deshalb einen besonders starken Hang nach Liebe und suchte sich schon als Kind einen Vaterersatz.

Die Handlung setzt in einer „Früher“-Sequenz ein, einem Ausschnitt aus Alexandras Kindheit, und erzählt in medias res von einem Streit zwischen Alexandras Eltern. Obwohl Alexandra nicht selbst erzählt, erleben wir die Sequenzen quasi mit, da sie sprachlich sowie inhaltlich auf einer sehr kindlichen Ebene aus Alexandras Perspektive dargestellt werden. Man fühlt sich hineinversetzt in die kindliche Ohnmacht, das Gefühl keinen Einfluss auf die Geschehnisse zu haben und alles nur mitzuerleben aber nichts verändern zu können. Vieles versteht sie als die Protagonistin noch nicht und kann es sich erst später, als Jugendliche, erschließen. Sie weiß nicht, worum es in den ständigen Streitigkeiten ihrer Eltern geht, sitzt mit ihrem Halbbruder Jens, der Sohn des Vaters aus erster Ehe, in ihrem Zimmer und nuckelt an einem Plüschclown. Sie klagt schon damals über Bauchschmerzen, was ein erster Hinweis auf psychosomatische Symptome sein könnte. Nur ihr Halbbruder, der von Alexandras Mutter nie richtig akzeptiert wird, kann sie trösten. Von ihren Eltern wird sie mit der Situation meist alleine gelassen. So interpretiert sie in ihrer kindlichen Naivität und Unwissenheit Vieles fehl. Den braunen Lederkoffer ihres Vaters im Flur kann sie nicht als Zeichen dafür sehen, dass er für immer geht, sondern freut sich schon auf eine Urlaubsreise und möchte packen helfen. Alexandras offene Fragen werden nicht beantwortet, selbst als sie reif genug dafür ist, bleiben ihr die Antworten verborgen.

Der frühe Verlust des Vaters scheint für Alexandra ein angstbesetztes traumatisches Erlebnis zu sein. Mit häufigen Fragen versuchte sie, ihrer Mutter Antworten zu entlocken, doch diese blieben aus. Somit konnte sie den Verlust niemals richtig verarbeiten. Stalker scheitern häufig an der Verarbeitung von Verlusterfahrungen (Hoffmann 2006a: 7).

Ihre stereotypisierten Elternfiguren werden sehr negativ dargestellt. Ihr Vater verließ die Familie als Alexandra noch ein Kind war und suchte danach auch keinen weiteren Kontakt zu seiner Tochter. Alexandra lebte bei ihrer alleinerziehenden Mutter, die schon früh wieder eine Vollzeitstelle annahm, sodass Alexandra in sehr jungen Jahren auf sich alleine gestellt war. Alexandra vermisst die mütterliche Liebe und Zuneigung und „Bemutterung“ (Fehér 2009: 31), möchte auch mal von ihr mit einem warmen Essen empfangen werden, wenn sie von der Schule oder von der Arbeit kommt. Doch meist ist die Mutter nicht zu Hause oder wenn doch, dann ist sie selbst so erschöpft von der Arbeit, dass Alexandra die Mutterrolle übernimmt und für sie kocht. Durch die fehlende Empathie ihrer Mutter ist es ein Leichtes für Alexandra, in ihre Phantasiewelten einzutauchen. Der Mutter bleiben die massiven psychischen Probleme ihrer Tochter und ihre Obsession somit unbemerkt. Sie hat depressive Züge, die meiste Zeit außerhalb ihrer Arbeit als Krankenschwester verbringt sie alleine zu Hause auf dem Sofa. Möglicherweise ist sie Alkoholikerin, sie trinkt wohl häufig, meist alleine, dabei ist es ihr gleichgültig, was sie trinkt und ob der Sekt schon alt und abgestanden ist (Fehér 2009: 32).

Als Alexandra Arved in der Zoohandlung kennenlernt, in der sie arbeitet, ist es für sie Liebe auf den ersten Blick. Arved erinnert sie an den TV-Star Valentin Remus, den sie seit Jahren anhimmelt. Doch Arved befindet sich in einer festen Beziehung zu Saskia, und lehnt deshalb Alexandras Liebeswerben ab. Diese Zurückweisung kann Alexandra nicht akzeptieren und beginnt Arved zu verfolgen, zu Hause unaufgefordert zu besuchen und mit unzähligen Nachrichten zu bombardieren. Da Arved mit seiner Freundin Saskia massive Beziehungsprobleme hat, genießt er anfangs Alexandras Aufmerksamkeit, fühlt sich geschmeichelt und lässt sich auf ein Treffen ein. Nachdem es zwischen den beiden zu einem Kuss gekommen ist, den Arved sehr bereut, eskaliert die Situation. Alexandra beginnt nicht nur Arveds direktes Umfeld zu belästigen, wie seine Familienmitglieder, sondern führt durch verschiedene Lügen die Trennung zwischen Arved und Saskia herbei. Erst als Arved die Polizei einschaltet und Anzeige gegen Alexandra erstattet und für mehrere Wochen an einen unbekannten Ort flüchtet, kann Alexandra ihr Stalkingverhalten einschränken, jedoch nicht völlig beenden.

Aufbau / Paratext:

Schon im Titel „Jeder Schritt von dir – Geschichte einer Stalkerin“ wird im Untertitel der Begriff Stalking getriggert. Es ist davon auszugehen, dass es sich hierbei um eine Vermarktungsstrategie handelt. Der Roman scheint ein Problembuch[12]/Themenbuch zu sein und wird deshalb unter einem bestimmten Label vermarktet. Der Begriff Stalking wird als Aufhänger für die Vermarktung genutzt.

Das Titelbild zeigt ein Mädchen hinter einer Jalousie. Es wird hierbei nicht ersichtlich, ob sie Angst hat, also das Opfer ist, welches gestalkt wird, oder ob sie selbst die Stalkerin ist, die sich versteckt und heimlich ihr Ziel verfolgt. Das Titelbild wirkt wie ein Cover eines Thrillers. Es scheint als seien verschiedene literarische Genres (die des Problembuchs und des Thrillers) hier vermischt worden.

Der Jugendroman ist in 20 Kapitel ohne Überschrift gegliedert. Dazwischen sind immer wieder Einschübe mit der Überschrift „früher“ die Analepsen zu Alexandras Kindheit darstellen.

Im Paratext befindet sich ein Nachwort zum Thema Stalking, was bei Problembüchern häufig üblich ist. Der Begriff Stalking wird erläutert, die gesetzlichen Regelungen zu dem Stalking-Strafbestand werden aufgezeigt, sowie Hinweise zum Schutz vor Stalkern und weiterführende Lektüre werden angeboten. Der Begriff Stalking an sich taucht jedoch innerhalb des Romans nur ein Mal auf (Fehér 2009: 210).

Im Anhang befindet sich als Nachwort eine Bedeutungsdefinition des Begriffs Stalking. Auffallend ist, dass der Stalker in dem Nachwort sehr negativ dargestellt wird. Stalking sei ein „höchst perfides Täterverhalten mit kriminellen Elementen“, das Opfer werde schlimmstenfalls getötet oder „dauerhafte psychische Schäden“ erleiden (Fehér 2009: 220). Dabei erscheint die Stalkerin Alexandra im Roman durch ihre feine Figurenzeichnung gerade nicht als eine kriminelle Täterin. In Bezug auf ihre Vorgeschichte, das Verlassenwerden durch den Vater sowie den Verlust ihres geliebten Bruders Jens und durch die erneute Zurückweisung des Vaters im Erwachsenenalter, sieht man Alexandra fast genauso als Opfer, wie Arved es ist. Sie ist selbst Opfer ihrer Zwangshandlungen, welche sie nicht unterlassen kann. Sie handelt nicht aus reiner Böswilligkeit, oder möchte, wie beispielsweise Rache-Stalker ihr Opfer mutwillig zerstören – sondern möchte ,nur‘ eine Beziehung mit Arved eingehen, geliebt werden, so sein wie die anderen. Da auch ihre Mutter nicht sonderliches Interesse an ihr zeigt, wird durch den Roman eher Mitleid für die Protagonistin erzeugt und ihr Verständnis entgegengebracht. Bis zu einem gewissen Grad bietet Alexandra als Täterin sogar mehr Identifikationsmöglichkeiten an als beispielsweise Saskia oder Linda, die keine Täter sind. Beachtenswert ist überdies, dass im Anhang lediglich Hilfen für Stalkingopfer angeboten werden, nicht für welche, die Täter sind oder es werden könnten. Seit 2009 gibt es beispielsweise die Beratungsstelle „Stop Stalking“[13] in Berlin, die bundesweit erste Beratungsstelle für Stalker, nicht für Opfer – jedoch wird darauf nicht verwiesen, lediglich Hinweise zum Schutz vor Stalkern werden angeboten.

Der Roman wurde 2009 erstmals als Taschenbuch aufgelegt, in den neueren Auflagen hätte die Stalkinghilfe also durchaus Erwähnung finden können. Neben Hinweisen zum Schutz vor Stalkern finden sich im Anhang auch die gesetzlichen Regelungen zum Thema Stalking: Der Paragraph §238 StGB, Nachstellung, seit 31. März 2007 im deutschen Straftatbestand (Fehér 2009: 222). Außerdem finden wir dort eine Liste weiterführender Lektüre zum Thema.

Wegen der vielen Hilfsangebote im Anhang könnte man den Roman auch als Ratgeberbuch sehen, jedoch leider lediglich für Opfer, nicht für die Täter. Es ist aber eher ein Problembuch und weist Thriller-Tendenzen auf.

Figuren – Der Beziehungskonflikt

Die Protagonistin Alexandra war schon als Kind eher eine Einzelgängerin, „so wurde sie auch nachmittags auf dem Hof schnell zur Bestimmerin, von vielen respektiert und gefürchtet, von kaum jemanden wirklich gemocht“ (Fehér 2009: 126). Auch im Jugendalter lebte sie eher isoliert, ihre einzige richtige Freundin war Lina, doch selbst diese bezeichnete sie als „verrückt“ (Fehér 2009: 141). Sie war sehr fleißig in der Schule, hatte immer als erste ihre Hausaufgaben fertig und ließ dann die anderen abschreiben. Schon früh schien sie Personen übertrieben zu idealisieren und tat alles für sie. In der Schulzeit macht sie ihre Hausaufgaben nur für das Wohlwollen ihrer Lieblingslehrerin, nicht für sich selbst (Fehér 2009: 23).

Heute ist Alexandra sehr verträumt, strickt gerne, was darauf hinweisen könnte, dass sie sehr geduldig, aber auch ein wenig altmodisch ist. Ihre Lieblingsfernsehserie ist „Tierklinik Dammtor“ (Fehér 2009: 14) – aber nicht der Serie wegen, sondern auch hier zeigt sich bereits eine übertriebene Schwärmerei und Idealisierung für den 19-jährigen Hauptdarsteller Valentin Remus. Sie ist so auf ihn fixiert, dass sie während der Sendung alles um sich herum vergisst. Alexandra liebt ihren Job neben der Schule in einem Tiergeschäft. Hier fühlt sie sich zu Hause, wie sonst nirgendwo.

Die Protagonistin ist 16 Jahre alt und hatte noch nie eine Beziehung oder sexuellen Kontakt. Sie ist sehr fleißig und tierlieb. Oft fühlt sie sich einsam, weswegen sie sich häufig in Tagträumereien flüchtet oder mit ihren zwei Katzen als Ersatzobjekte kuschelt. Obwohl Lina ihre einzige Freundin ist, geht diese Freundschaft durch die Liebe zu Arved und die dadurch entstehenden Lügen in die Brüche.

Das Mädchen ist sehr verträumt, schreibt Tagebuch und zieht einsame Abende zu Hause, mit einer Kerze und ihren Träumereien den Kinoabenden mit Freundinnen vor. So kommt es häufig vor, dass sie von altersspezifischen Gesprächsthemen nichts mitbekommt und sozusagen ,hinterm Mond‘ lebt. Beispielsweise hören Alexandra und Linda im Radio ein Lied von Tokio Hotel, das Alexandra bis dahin nicht kannte – Linda zeigt sich sehr verwundert, da es jedem bekannt sei und auf Platz 1 der Charts stünde.

Für Alexandra ist Liebe und Beziehung der zentrale Mittelpunkt des Lebens, „Liebe ist wichtiger als Schule“ sagt sie (Fehér 2009: 35), für ihren Partner würde sie sogar ihr Leben riskieren (ebd.). Die Jugendliche wohnt mit ihrer Mutter in einem Sozialbauviertel (Fehér 2009: 21) im Gegensatz zu Arved, dessen Vater Arzt ist und seine Mutter eine Klavierlehrerin. Der Schauspieler Valentin Remus stammt wohl ebenfalls eher aus einer sozial höher stehenden Gesellschaftsschicht.

Alexandras Mutter ist als Figur sehr negativ gezeichnet. Sie interessiert sich nicht wirklich für Alexandra, merkt nicht, dass sie Schwierigkeiten hat, versucht den Kontakt zu ihrem Vater zu unterbinden. Sie arbeitet nur, scheint kein soziales Umfeld zu haben, trinkt zu viel, überlässt Alexandra die Hausarbeit, wirkt depressiv und liegt nur auf der Couch.

Alexandras Vater will nach der Trennung von seiner Frau keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter haben. Er bemüht sich nicht darum, obwohl sich herausstellt, dass er immer noch in der gleichen Stadt wohnt. Als Alexandra 12 Jahre später Kontakt zu ihm aufnimmt, wird ihr dieser verweigert, indem er nicht einmal zum Treffen erscheint oder ihr absagt.

Alexandras Halbbruder Jens ist der einzige, der sie während ihrer Kindheit versteht. Doch nach der Trennung sehen die beiden sich nie wieder. Als Alexandra den Kontakt zu ihrem Vater sucht, erfährt sie lediglich, dass dieser sich nun in Rom aufhält und dort studiert.

Alexandra hat einen starken Drang, Dinge über ihre Vergangenheit zu erfahren, über ihren Vater, die Trennung und ihren Halbbruder, doch die Mutter geht auf viele ihrer Fragen nicht ein. Die Mutter ist desillusioniert was das Thema Liebe angeht und zeigt dies auch ihrer Tochter gegenüber (Fehér 2009: 33).

Auf andere wirkt Alexandra unauffällig und still (Fehér 2009: 73). Als sie mitten im Unterricht von Arved eine SMS erhält, ist dies schon eine kleine Sensation.

Sie wirkt trotz ihrer 16 Jahre in ihrer Schreibweise eher kindlich, wie in den SMS an Arved besonders deutlich wird: „LIEBER ARVED, HOFFE DEINE KLAUSUR IST BESTENS GELAUFEN. DENKE AN DICH + SCHICKE DIR 1000 FLEISSIGE ENGEL, DIE DIR ZUR SEITE STEHEN. RATE, WER DIES GESCHRIEBEN HAT! WAHRE GEFÜHLE SOLLST DU HÜTEN WIE EIN SCHATZ, DANN WERDEN SIE DIR IMMER GLÜCK BRINGEN. KUSS, DEINE ???“ (Fehér 2009: 72).

Arved, das Stalkingopfer, ist sportlich und trainiert für einen Marathon. Er zeigt sich als tierlieb, hat einen Hund, durch den er Alexandra kennen lernt. Er ist in einer Beziehung mit Saskia, die beiden wohnen noch bei ihren Eltern.

Arved ist mit einem Arzt als Vater und einer Klavierlehrerin als Mutter relativ wohlhabend und somit sozial höher stehend als Alexandra, die mit ihrer alleinerziehenden Mutter in einer Sozialbausiedlung wohnt. Arveds Wohngegend wird folgendermaßen von Alexandra beschrieben: „Eine ganz andere Gegend als die Hochhaussiedlung, aus der sie kommt. Hier behaupten liebevoll mit Stuck verzierte Altbauten ihren Platz. Ärzte wohnen hier in geräumigen modernisierten Wohnungen mit Parkettböden und hohen Decken, auch Journalisten, Lehrer, hier und da findet sich an der Hauswand das Schild eines Rechtsanwalts oder Psychologen“ (Fehér 2009: 41).

Arved macht während des Romans eine starke Persönlichkeitsentwicklung durch. Er steht anfangs noch sehr unter der Fuchtel seines Vaters, würde ihm seine Wünsche nicht abschlagen. Durch den psychischen Stress, den das Stalking Alexandras ausgelöste, kann er reifer werden und setzt sich gegen seinen Vater durch. Er sagt ihm, das Medizinstudium, welches sein Vater sich von ihm wünscht, sei gar nicht das, was er will. Dass er stattdessen in die USA möchte, um dort den Marathon mitzulaufen.

Arveds Vater ist Arzt mit eigener orthopädischer Praxis (Fehér 2009: 77). Er ist streng und möchte, dass sein Sohn in seine Fußstapfen tritt und Arzt wird. Deshalb sind ihm gute Noten besonders wichtig.

Arved fehlt etwas in der Beziehung zu Saskia, er hat das Gefühl, hinter ihrem großen Hobby, der Musik, immer zurückzustecken. Außerdem merkt er, dass sie innerlich nicht ganz bei ihm ist, in der wenigen Zeit, die sie zusammen haben.

Saskia ist nach Arveds Beschreibung anders als andere Mädchen (Fehér 2009: 55), denn sie klammert nicht, im Gegenteil, sie verfolgt so stark ihre eigenen Interessen, hauptsächlich die Musik, dass ihr Freund Arved sich häufig vernachlässigt fühlt. Sie nahm Klavierunterricht bei Arveds Mutter, doch irgendwann wurde sie zu gut dafür, sodass diese Saskia an eine befreundete Pianistin weiterempfahl. Nach dem Abitur möchte sie Musik studieren, Konzerte geben, sowie komponieren. Auf Arved wirkt sie manchmal, als sei sie ständig in Gedanken woanders, als könne er sie nicht erreichen, als würde sie innerlich ein neues Stück komponieren, anstatt bei ihm zu sein (Fehér 2009: 56).

Der Beziehungskonflikt zwischen Arved und Alexandra entsteht durch den frühen Verlust von Alexandras Vater und der daraus resultierenden Unfähigkeit, Verlusterfahrungen adäquat zu verarbeiten. Die männliche Objektkonstanz in ihrer Kindheit fehlt. So ist Arved für sie von Anfang an der Lebensmittelpunkt, da sie ansonsten kein soziales Umfeld hat. Ihre einzige Freundin ist Linda, zu ihrer Familie hat sie keinen guten Kontakt, sie hat keine besonderen Hobbys. Arved ersetzt somit ihre fehlende Vaterfigur, ihre Freunde und ihre Familie. Sich einzugestehen, dass sie keine reale Chance bei Arved hat, wäre eine so immense Verlusterfahrung, dass sie diese Option völlig leugnet und sich sicher ist, eine Beziehung zu ihm aufbauen zu können, wenn sie sich nur genug bemüht. Da sie als Kind dem Verlust ihres Vaters und ihres Halbbruders ohnmächtig ausgeliefert war, will sie jetzt, als nahezu Erwachsene, durch Aktivität vermeiden, die gleiche Verlusterfahrung ihrer Kindheit noch einmal zu erleben. Alexandra zeigt eine starke Angst vor Zurückweisung, sie hat ein schlechtes Selbstbild, sieht keinen Sinn mehr im Leben, wenn sie nicht mit Arved zusammen sein kann (Fehér 2009: 59).

Arved dagegen ist in einer Beziehung mit Saskia und ist an einem näheren Kontakt zu Alexandra von Anfang an nicht interessiert. Im Gegensatz zu Alexandra hat er eine intakte Familienstruktur, wohnt mit seinen beiden Eltern und seiner Schwester zusammen. Er hat Hobbys, trainiert für den Marathon oder führt seinen Hund aus und steht kurz vor dem Abitur.

Der Beziehungskonflikt zwischen Arved und Alexandra kann nur entstehen, weil die Beziehung zwischen Arved und Saskia nicht optimal läuft. Wäre die Beziehung zwischen Arved und Saskia intakt gewesen, hätte Alexandra keine Möglichkeit gehabt, in die duale Beziehungsstruktur einzudringen.

Alexandra gibt Arved genau das, was ihm an Saskia fehlt. Bei Saskia hat er das Gefühl, immer nur an zweiter Stelle zu stehen, für Alexandra ist er der Mittelpunkt des Lebens, Denkens, Handelns. Sie sagte zu ihm, ohne ihn wirklich zu kennen: „ich bin immer für dich da“ (Fehér 2009 : 56), Worte, welche er von Saskia noch nie gehört hat. Ihm gefällt die Art, wie sie ihn anschaut und anfangs hofft er, trotz seiner Absage sogar, sie würde ihm weiterhin schreiben – vielleicht zur Selbstbestätigung, welche er von Saskia nicht bekommt.

Die Protagonisten sind noch sehr jung, 16/17 Jahre alt. Es handelt sich bei allen um die erste Liebe, die erste Beziehung, die ersten sexuellen Kontakte. Das ist wohl auch ein Mitgrund für Alexandras Stalkingverhalten, die Unerfahrenheit mit Beziehungen und die erste Liebe, die einen häufiger komplett einnimmt.

Der Stalkingaspekt innerhalb des Beziehungskonflikts

Die ersten Ansätze zu einem ungewöhnlichen Beziehungsmuster oder zu einem Hang nach übertriebenem Nähebedürfnis und Zuneigung zeigt sich in Alexandras Schwärmerei zu dem TV-Star Valentin Remus. Anfangs erscheint die Teenie-Schwärmerei für ihr Alter (16 Jahre) angemessen. Für diese Altersgruppe gilt es als ,normal‘, bzw. als sozial anerkannt, dass Mädchen für einen Fernsehstar schwärmen, sich eine Beziehung mit ihm wünschen, Poster und Bilder von ihm aufhängen. Auch Alexandras soziales Umfeld findet ihr Verhalten anfangs nicht ungewöhnlich. „Anfangs haben fast alle Mädchen für Valentin Remus geschwärmt, doch mit der Zeit sind die meisten zur Tagesordnung übergegangen und haben sich feste Freunde aus der eigenen Klasse oder einem der nächst höheren Schülerjahrgänge gesucht. Nur Alexandra taucht weiter in ihre Traumwelt ein, und das umso tiefer, je häufiger sie spürt, wie die anderen hinter ihrem Rücken über sie lachen“ (Fehér 2009: 19).

Ihre extreme Schwärmerei fällt auch den anderen Klassenkameraden auf, weshalb sie sich zum Gespött macht. Doch in Bezug auf Valentin hat sie noch die volle Realitätssicht. Sie denkt zwar ständig an ihn, wünscht sich, ihn zu küssen – doch sie weiß, dass dies unmöglich ist und wünscht sich lediglich einen Freund, der so ist wie Valentin Remus, nicht ihn selbst als einen Beziehungspartner. „So einen Freund möchte ich auch haben, denkt sie und schließt die Augen. Einen Jungen wie Valentin müsste ich kennenlernen und mit ihm zusammenkommen. Dann wäre alles gut“ (Fehér 2009: 17). Zwar verschwimmen Traumwelt und Realität immer wieder miteinander, jedoch schafft es Alexandra in Bezug auf den TV-Star immer noch, in die reale Welt zurückzukehren. Zum Beispiel bestellt sie in ihrer Zoohandlung Fellpflegespray für Rassekatzen, mit dem Wunsch, Valentin könne vorbeikommen und dieses für seine Katze kaufen. Sie weiß, dass das Spray in ihrem Sozialbauviertel sicherlich keine große Nachfrage hat. Dennoch sagt sie sich selbst: „Du bist ja verrückt, Alexandra Thiele […] Der ganze Aufwand, nur weil Valentin Remus 350 km entfernt von hier mit einem Karthäuserweibchen schmust. Mach jetzt deine Arbeit und freu dich aufs Kino mit Linda wie ein normaler Mensch. Tatsächlich gelingt es ihr, sich zu konzentrieren“ (Fehér 2009: 22).

Erst als sie Arved Rehm kennenlernt, scheint sie den Realitätsbezug häufiger zu verlieren. Schon bei ihrem ersten Treffen sieht sie in Arved sofort den geliebten TV-Star Valentin Remus, obwohl fraglich ist, ob überhaupt eine Ähnlichkeit besteht. Alexandras Freundin Linda beispielsweise kann keinerlei Ähnlichkeit entdecken. Als Alexandra und Arved sich in der Zoohandlung kennenlernen, ist es für sie Liebe auf den ersten Blick. Sofort ist sie wie vom Blitz getroffen, von ihm eingenommen, kann ihre Gedanken keine Sekunde mehr von ihm abwenden: „… als sie endlich wagt, den Kopf zu heben und ihm in die Augen zu sehen, stockt ihr der Atem und ihr Puls beginnt zu rasen wie nach einem Tausend-Meter-Lauf. Mit offenem Mund starrt sie dem Fremden ins Gesicht. Valentin, fährt es ihr durch den Kopf, Valentin Remus. Er ist hier […]. Die Ähnlichkeit ist unglaublich“ (Fehér 2009: 25).

Auffällig ist, dass Alexandra schon in den ersten Sekunden eine Beziehung phantasiert, in einer Intensität, die wohl eher unüblich ist.

„Wir gehören zusammen, es ist, als ob wir einander unser Leben lang gesucht haben, und jetzt haben wir uns endlich gefunden. […] Nun steht er vor ihr, der Junge, der für sie bestimmt ist und sie für ihn“ (Fehér 2009: 26). Nicht nur Arved wird von Alexandra in diesem Moment idealisiert, sondern auch der Moment des Kennenlernens an sich. Sie ist der Ansicht, dass etwas „Wunderbares, Großes“ (Fehér 2009: 27) geschieht und dass dies auch von allen Anwesenden wahrgenommen wird, nicht nur von ihr selbst. Für den Leser bleibt unklar, ob Alexandras Weltsicht der Realität entspricht oder nicht. Der Moment des Kennenlernens wird so idealisiert dargestellt, dass fraglich bleibt, ob nicht auch andere Erzählmomente nur Alexandras Phantasie entspringen. Beispielsweise ist sie davon überzeugt, dass Arved ihr nachsieht, als sie den Laden verlässt. Ob dies zutrifft bleibt unklar.

Doch auch Alexandras Chefin bemerkt eine Vertrautheit zwischen Arved und Alexandra und fragt nach. Um sich diesen perfekten Moment nicht zu zerstören, kontert Alexandra mit einer Lüge. Um Arved wiederzusehen, vollzieht Alexandra die erste Handlung, welche unter den Aspekt Stalking fallen könnte. Sie nutzt die Kundenkartei der Zoohandlung, um seine Adresse herauszufinden. Doch bis zu einem bestimmten Punkt sind Stalkinghandlungen sozial anerkannt und sogar erwünscht (Hoffmann 2006a: 16). Obwohl Arved Alexandra seiner Freundin Saskia zuliebe sofort zurückweist, fühlt er sich von ihrem Verhalten geschmeichelt und wünscht sich sogar, sie könne noch einmal versuchen zu ihm Kontakt aufzunehmen. Alexandras Fixierung auf Valentin verschwindet sofort durch die Obsession zu einem neuen Objekt. Als sie nach dem ersten Zusammentreffen mit Arved nach Hause kommt, ignoriert sie das Poster von Valentin Remus, später überklebt sie es sogar mit dem Namen Arved Rehm. Dieser hat für Alexandra also eher die Funktion eines idealisierten TV-Stars, als einem in der realen Welt lebenden, fast gleichaltrigen Jungen. Gleich nach dem ersten Kennenlernen phantasiert sie von einer Hochzeit mit Arved. Linda findet diese schnelle Hingabe befremdlich. „Vor allem finde ich, dass du spinnst. […] Du kennst den Typen doch gar nicht, weißt nicht mal seinen Vornamen und willst ihn gleich heiraten“ (Fehér 2009: 34). Für pubertierende Mädchen in diesem Alter nicht ganz untypisch, ist Alexandra komplett eingenommen von der Liebe, wie besessen von Arved. Bei der Arbeit zeigt sie sich zunehmend verwirrt und abgelenkt, unfähig sich zu konzentrieren. Ihre Hände zittern, sie blickt permanent wartend zur Tür und bemerkt durch ihre Träumereien nicht einmal, dass Kunden sie ansprechen. Gleich von Anfang an geht sie von einer gegenseitigen Anziehung aus. Als Arved nach dem ersten Zusammentreffen nicht gleich wieder in den Zooladen kommt, ist sie fest davon überzeugt, jemand habe ihn daran gehindert zu kommen. Dass er gar nicht den Wunsch haben könnte, sie wiederzusehen, zieht sie gar nicht erst in Erwägung. Ihre Gedanken wirken realitätsfern, ein fortgeschritteneres Beziehungsstadium als die Kennenlernphase betreffend. Beispielsweise folgende Gedanken: „Ich werde kämpfen… Ich lasse ihn nicht einfach wieder verschwinden…“ (Fehér 2009: 39). Diese Gedanken würden eher zu einer bereits bestehenden, jedoch zerbrochenen Beziehung passen, aber nicht zu dem ersten Kennenlernen.

Gleich am nächsten Tag nach dem Kennenlernen macht sie sich auf den Weg zu Arveds Haus. Betrachtet man den Gesamtkontext des Romans, könnte man dies als erste Stalkinghandlung deuten, wenn man das Herausfinden der Adresse noch als eine sozial anerkannte Methode der Kontaktaufnahme ansieht. Zwar reflektiert Alexandra hier noch ihr Handeln, fragt sich, wie es wohl auf andere wirken mag. „Linda würde mich wahrscheinlich für verrückt erklären, wenn sie mich jetzt sehen könnte“ (Fehér 2009: 41). Doch auf Arved selbst bezogen zweifelt sie keine Sekunde daran, dass er ihre Handlungen rein positiv einstufen wird. Sie hat keine Angst, ihn mit ihrem aufdringlichen Verhalten zu belästigen, sondern nimmt an, er werde sich freuen zu sehen, was sie alles auf sich nimmt, nur um ihn wieder zu sehen. Sie hat irreale Gedanken, geht von einer psychischen Verbindung aus, die sie beide haben, doch die nur sie alleine fühlen kann. Sie glaubt, er müsse doch spüren, dass sie vor seinem Haus steht, da sie ja zusammengehören (Fehér 2009: 43). Gleich beim ersten Mal fällt Alexandra Arveds Mutter negativ auf. Direkt vor seinem Haus kommt es dann zur zweiten Begegnung zwischen Arved und Alexandra, doch diesmal ist Arved nicht alleine, sondern mit seiner Freundin Saskia. Statt dass Alexandra dadurch von Arved ablässt, wird sie durch dieses Zusammentreffen nur noch mehr bestätigt, dass sie und Arved zusammengehören. Zwar ist sie durch die neue Information, Arved in festen Händen zu wissen, kurz enttäuscht – jedoch deutet sie irrelevante Fakten so um, dass sie ihrem Denken entsprechen. So erfährt sie erst durch Saskia seinen Vornamen, welcher drei gleiche Buchstaben wie ihr eigener enthält und zieht daraus die Bestätigung, dass sie wunderbar zusammen passen (Fehér 2009: 45).

So wie Alexandra alles dafür tut, Arved wiederzusehen, geht sie fälschlicherweise davon aus, er würde das Gleiche auch für sie tun. Bei ihrem dritten Wiedersehen in der Zoohandlung ist Alexandra sich sicher, Arved habe die defekte Hundeleine selbst manipuliert, um sie unter einem Vorwand wiedersehen zu können (Fehér 2009: 46).

Die Zurückweisungen Arveds und alles was sonst gegen die Beziehung mit Arved sprechen könnte, wie seine Beziehung zu Saskia, blendet Alexandra völlig aus. Aber auch kleine Signale, welche in zwischenmenschlichen Beziehungen häufig nonverbal verstanden werden, kann Alexandra nicht adäquat deuten. Ihre mangelnde Empathiefähigkeit ist dadurch zu erklären, dass ihr zwischenmenschliche Kontakte fehlen, vor allem in ihrer Kindheit, sodass sie keine differenzierten Kommunikationskompetenzen ausgeprägt hat. Als Alexandra Arved gleich bei dem dritten Treffen mit dem inhaltsschweren Satz „ich bin immer für dich da“ (Fehér 2009: 48) überfällt, ist er verwundert und löst sich aus ihrem Griff. Anstatt seine Verwunderung und sein zögerliches Verhalten wahrzunehmen, sieht sich Alexandra nach ihrem Zusammentreffen in ihrer Theorie bestätigt, er habe die gleichen Gefühle wie sie.

Nach dieser ersten indirekten Zurückweisung kommt es zur ersten schriftlichen Kontaktaufnahme durch Alexandra via Internet. Schon bei der ersten E-Mail wirkt ihr Verhalten leicht zwanghaft, denn der vollständig abgedruckte Text wird eingeleitet durch Alexandras Gedanken: „Ich muss ihm schreiben“ (Fehér 2009: 49). Die erste Nachricht, zwei Wochen nach ihrem Kennenlernen, trägt den eindeutigen Betreff „love“ (Fehér 2009: 49). Dies impliziert den Glauben, Arved sei ebenfalls in sie verliebt. Die E-Mail endet mit den Worten „deine Alexandra“ – als würde bereits eine Art von Beziehung zwischen den beiden bestehen. Auch ihre Freundin Linda überzeugt sie im Gespräch davon, Arved müsse in sie verliebt sein. In Arveds Antwort via E-Mail kommt es zur ersten offensichtlichen Zurückweisung von Alexandras Avancen. Er schreibt ihr unmissverständlich, er sei in festen Händen und schlägt deshalb den Vorschlag auf ein Treffen aus. Er bedankt sich höflich und freundlich für ihren Brief, doch befinden sich weder im Text noch zwischen den Zeilen Hinweise darauf, dass er doch Interesse an Alexandra haben könnte. So sieht es auch ihre Freundin Linda, die Alexandra sofort rät, sich Arved aus dem Kopf zu schlagen. Der habe kein Interesse an ihr und vergebene Männer solle sie besser in Ruhe lassen. Doch Alexandra verdreht die Realität und Arveds Worte völlig, malt sich aus, Arveds Freundin habe dabeigesessen und ihn beeinflusst und deutet, dass ihre Beziehung sowieso nicht mehr optimal läuft.

Anfangs scheint die Beziehung von Arved und Alexandra eine Struktur der Beidseitigkeit aufzuweisen. Obwohl Arved sie zurückgewiesen hat, hofft er doch auf eine weitere Kontaktaufnahme von Alexandra wegen seiner problematischen Beziehung zu Saskia. Die dort fehlende Selbstbestätigung erhofft er sich von Alexandras Idealisierung und Liebe. Er fühlt sich geschmeichelt, schaut zu Hause gleich nach einer weiteren Mail und sieht sich draußen sogar nach ihr um, als er mit ihrem Hund spazieren geht (Fehér 2009: 57).

Durch die Innensicht beider Protagonisten sind das Stalkingverhalten Alexandras sowie die Opferrolle Arveds psychologisch nachvollziehbar. Es ist keine Darstellung eines mythisch, rein bösen Stalkers, sondern beide Protagonisten sind Individuen, haben eine individuelle und nachvollziehbare Figurenzeichnung.

Alexandra idealisiert Arved, findet alles an ihm perfekt. „Er ist so schön, so vollkommen, seine muskulösen Beine, der hellbraune Kurzhaarschnitt, die kurze Nase und seine Augen sowieso. Alles an ihm ist wundervoll, einfach alles“ (Fehér 2009: 62). Sie hat Verschmelzungsphantasien, möchte Arved gleich werden, ihm so viel ähneln wie möglich, sich ihm anpassen. Er ist sportlich und athletisch, also möchte sie es auch werden, um später mit ihm mithalten zu können – denn in ihrer Phantasie werden sie alles zusammen machen (Fehér 2009: 64). Da sie Arveds Freundin Saskia als einzige Ursache für Arveds Ablehnung sieht, ist es nachvollziehbar, dass sie Hass und Gewaltphantasien gegen diese hegt (Fehér 2009: 65).

Durch Arveds Innensicht kennen wir die Hintergründe seiner Beziehungskonflikte mit Saskia und es ist nachvollziehbar, warum es zu einem Kuss mit Alexandra kommen konnte. Arved fühlte sich nur zweitrangig in Saskias Leben und hat durch Alexandra zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl, bei jemandem an erster Stelle zu stehen.

Nach Arveds Abweisung per E-Mail versucht es Alexandra auf anderen Kommunikationswegen. Sie schafft es von Anfang an nicht, das Maß ihrer Kontaktaufnahme zu kontrollieren. Schon bei ihrem ersten Anruf wählt sie danach noch mal und gibt vor, sich verwählt zu haben (Fehér 2009: 67).

Nachdem Arved sie telefonisch erneut zurückweist, scheint die Situation zu eskalieren. Anstatt zu akzeptieren, dass Arved keine Beziehung wünscht, dringt sie erstmals richtig in seine Privatsphäre ein. Sie begibt sich in Arveds Schule und spricht dort Leute an, um an Informationen über Arved zu gelangen. So erhält sie auf geschickte Weise seine Handynummer. Sie weitet ihren Stalkingradius aus, bleibt dabei anonym.

Alexandra sendet ihm vorerst anonyme SMS, nachdem sie seine Handynummer herausgefunden hat. Alle SMS sind in Großbuchstaben abgedruckt. Alexandras schlechtes Selbstbild und übertriebene Selbstüberschätzung wechseln sich ab. Einerseits hat Alexandra Angst, Arved könne sie unsympathisch finden, andererseits geht sie davon aus, er sei ebenfalls in sie verliebt, er würde sich darüber freuen zu sehen, welche Mühen sie auf sich genommen hat.

Alexandra nutzt bei ihrem Stalking viele moderne Kommunikationsmöglichkeiten. Sie kontaktiert Arved via SMS, E-Mail, Telefon aber auch auf altmodische Weise, indem sie ihm Briefe und Pakete per Post zusendet, sowie ihm persönlich nachstellt. Sie nutzt jedoch nicht die neuesten Kontaktmöglichkeiten wie Smartphones oder Internetplattformen wie Facebook, obwohl der Roman 2009 erschienen ist.

Alexandra schreibt ihm nach Erhalt seiner Handynummer gleich mehrere Nachrichten, welche sie zwar nicht sofort abschickt, aber als Entwürfe für später speichert.

Nach der ersten Kontaktaufnahme per SMS beginnt sie vor ihrer besten Freundin Linda ein Lügengebäude zu errichten, aus dem sie selbst nicht mehr herauskommt. Obwohl Arved sie nur völlig verwundert fragt, woher Alexandra denn seine Handynummer habe, redet sie mit einer Selbstverständlichkeit über Arveds Nachricht, als seien sie ein Paar: „ein Weltwunder ist geschehen, die hässliche Alexandra hat einen Freund“ - „ich muss nur noch schnell Arved antworten“ (Fehér 2009: 74). Sie gibt ihrer besten Freundin eine Beziehung zu Arved vor, hypothetisch ist anzunehmen, sie glaube zwischenzeitlich selbst an das Bestehen dieser Beziehung, weil Alexandra an Erotomanie[14] erkrankt sein könnte.

Sobald Alexandra Arveds Handynummer besitzt, beginnt ihr Stalkingverhalten völlig auszuarten. Innerhalb kurzer Zeit sendet sie ihm gleich von Anfang an mehrere Nachrichten hintereinander. Als keine Rückmeldung kommt, denkt sie nicht daran, er könne ihr nicht antworten wollen, sondern überprüft ihr Handy auf Netzstärke und Akkulaufzeit, weil sie nach äußeren Einflüssen sucht, welche Arved davon abhalten, sich bei ihr zu melden, ihr seine Liebe zu gestehen, nicht nach seinen inneren Beweggründen. Als er nicht antwortet, stürzt Alexandra in tiefe Verzweiflung (Fehér 2009: 76).

Arveds Mutter fallen die ungewohnt vielen Nachrichten sofort auf, genauso wie ihr als erstes Alexandras Herumlungern vor dem Haus aufgefallen ist. Arved gibt vor, die Nachrichten seien von Saskia, sodass auch er beginnt wegen Alexandra zu lügen, obwohl er vorher eine sehr offene Beziehung zu seiner Familie hatte. Arved fängt an sein eigenes Handeln zu reflektieren, sucht zuerst die Schuld bei sich selbst (Fehér 2009: 79). Er bemerkt das Misstrauen seiner Familie, schafft es aber nicht, mit ihr darüber zu reden.

Nach dem Einsetzen des SMS-Terrors zeigt sich ein Wandel in Arveds Denken. Wo er anfangs ihr unermüdliches Liebeswerben noch als angenehm empfand, als Selbstbestätigung, sich sogar weitere Nachrichten wünschte, beginnen ihre Nachrichten ihm jetzt plötzlich „unheimlich“ (Fehér 2009: 80) zu werden. Arved wird immer konkreter und unmissverständlicher in seinen Zurückweisungen. Anfangs überwog der zärtliche und gerührte Ton, jetzt wird sein Sprachduktus härter, fordernder. „ICH HABE EINE FESTE FREUNDIN. BITTE SCHREIB MIR NICHT MEHR.ARVED“ (Fehér 2009: 80).

Jede Zurückweisung scheint genau das Gegenteil des gewünschten Effekts zu erzielen. Statt Arved in Ruhe zu lassen, zieht Alexandra ihre Schlinge immer enger und greift zu härteren Mitteln. Nach jeder Zurückweisung scheint sie auf ein anderes Kommunikationsmedium zurückzugreifen. Nach dem ersten Zusammentreffen findet sie seine Adresse heraus und steht vor seinem Haus. Nach der zweiten schreibt sie ihm eine E-Mail. Nach der dritten sucht sie seine Schule auf, befragt Mitschüler, findet seine Handynummer heraus. Schreibt ihm bis zu der vierten Zurückweisung permanent SMS, und kontaktiert ihn dann sogar auf seiner privaten Telefonnummer zu Hause. Zwar entschuldigt sie sich für ihr Verhalten, doch scheint sie keine Krankheitseinsicht zu haben. Die Entschuldigung sind nur Worte, die bezwecken, Arved zu gewinnen, seine Stimme zu hören – sie hat keine Einsicht in ihr Fehlverhalten. Sie braucht Arved. Er scheint ein idealisiertes Vaterobjekt zu sein, der ihren real fehlenden Vater ersetzen soll. Als Kind hatte sie starke Ohnmachtsgefühle bei dem Verlust ihres Vaters, jetzt möchte sie durch Handeln die damals erlebte Passivität in Aktivität umwandeln. Sie möchte Herr ihrer Lage sein und sich nicht wieder wie ein Kind schutzlos ausgeliefert fühlen.

Und wieder zieht sie ein neues Kommunikationsmedium hinzu: die Post. Wochenlang strickt sie einen Pullover für Arved, für dessen Garn sie mehr als ihr halbes Monatsgehalt ausgegeben hat. Die Zurückweisungen Arveds mindern Alexandras Liebe nicht, im Gegenteil, sie wird dadurch nur noch stärker (Fehér 2009: 82).

Nur durch die bestehende Krise zwischen Arved und Saskia, schafft es Alexandra, sich in Arveds Leben zu drängen. Bei einer perfekt funktionierenden Beziehung wäre dies wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen. Arved liebt Saskia mehr als alles andere, doch seine Wünsche bleiben häufig unerfüllt. Er möchte sie verwöhnen, mit ihr alleine sein, doch bei ihr hat die Musik erste Priorität und davor muss Arved zurückstecken. Sie scheint egoistisch zu sein, Arveds Bedürfnisse nicht zu kennen und nicht zu verstehen, oder wenn doch, ihre eigenen Bedürfnisse immer vor seine zu stellen. So kommt es häufig zum Streit, zu Auseinandersetzungen sowie zu Eifersucht auf Seiten Arveds. Im Gegensatz zu Alexandra und Arved ist Saskias Figurenzeichnung relativ eindimensional. Saskias Innensicht bleibt ausgespart und so bietet Alexandra weitaus mehr Identifikationsmöglichkeiten, obwohl sie in diesem Roman die Täterin ist, aber keineswegs als böse und schlecht dargestellt wird. Saskia und Alexandra werden als Gegensatzpaar dargestellt. Saskia wirkt eher kühl, distanziert, Alexandra liebevoll, anhänglich, Saskia ist eigenständig, Alexandra zieht ihren gesamten Selbstwert über Arved, bei Saskia ist sie selbst und die Musik der Mittelpunkt ihres Lebens, bei Alexandra ist es Arved.

Eine Zurückweisung durch Saskia bringt Arved dazu, sich aus Trotz und Wut gegen sie auf Alexandra einzulassen. Als er Alexandra vor seiner Haustür warten sieht, lässt er sich erstmals auf ein Treffen mit ihr ein. Er empfindet einen inneren Triumpf gegenüber Saskia, die ihn wegen ihrer Musik und ihres Kollegen Philip stehen ließ. Der Spaziergang mit Alexandra wirkt sehr harmonisch, selbst Arveds Hund Paco ist von Alexandra begeistert, da sie ihn mit Hundekeksen besticht (Fehér 2009: 87). Die Szene wirkt wie eine ,normale‘ Liebesszene, geprägt von einer beidseitigen Zuneigung. Dennoch wird klar, dass sich Arved nur aus Rache an Saskia mit Alexandra trifft, und ein weiteres Treffen davon abhängig macht, ob Saskia sich noch ein weiteres Mal mit Philip verabredet.

Am Ende des Spaziergangs kommt es zu dem alles entscheidenden Kuss zwischen Alexandra und Arved. Es ist das einzige Mal, wo Arved, in Bezug auf das Stalking einen ,Fehler‘ macht, wo er sich ihr hingibt, wo es eine beidseitige Beziehungsstruktur gibt. „Sie weiß nicht, wie lange sie so gestanden haben, ineinander verschlungen, gierig, nicht nur sie, sondern er mindestens genauso, heiß und sehnsüchtig, durstig […] auch sie umfasst seinen Po mit ihren Händen, drückt seinen Körper an sich, noch enger, bis sie es beide kaum noch ertragen, keiner von beiden will mit dem Küssen aufhören, nicht einmal um Luft zu holen, sie sind eins“ (Fehér 2009 : 92). Doch als sie von Teresa, Arveds Schwester erwischt werden, machen sich sofort Schuldgefühle und Verärgerung bei Arved breit. Obwohl nach dem Kuss die bisher eindeutigste Zurückweisung von Seiten Arveds kommt, gibt ihr der Kuss natürlich weit mehr Nährboden für ihre Beziehungs- und Verschmelzungsphantasien. „Du hast nichts kapiert, Alexandra. Du und ich, wir sind nicht zusammen. Meine Freundin ist Saskia, ich habe nicht vor, deinetwegen mit ihr Schluss zu machen“ (Fehér 2009: 94).

Nach dem Kuss tut Alexandra nichts anderes mehr, als Arved zu verfolgen, seinen Anrufbeantworter zu besprechen, ihm unablässig SMS und E-Mails zu senden, ihn anzurufen, auch nachts, manchmal um gleich wieder aufzulegen. Sie schickt ihm Geschenke und Briefe. Wartet vor seinem Haus. Ihr bisheriges Leben und alle anderen Aktivitäten sind für sie irrelevant geworden. Alexandra hat wegen der Liebe zu Arved aufgehört, in der Zoohandlung zu arbeiten, obwohl sie diese Arbeit so mochte. Aber die Liebe zu Arved nimmt sie völlig ein, sodass für andere Dinge kein Platz mehr ist.

Die Kontaktversuche engen Arved immer mehr ein, seine Familie wird misstrauisch und fühlt sich ebenfalls belästigt, doch er schafft es nicht, sich jemandem zu öffnen. Zum einen fühlt er sich durch den Kuss schuldig für sein Verhalten, zum Anderen ist es ihm peinlich, dass er als Mann nicht mit einem Mädchen fertig wird. Auch die Beziehung mit Saskia beginnt darunter zu leiden. Sie wird misstrauisch, als Arved in ihrem Beisein ein Päckchen erhält. Sie hat zunehmend das Gefühl, etwas stimme mit Arved nicht und beginnt mit Fragen nachzubohren, ohne befriedigende Antworten zu erhalten.

Der Beziehungskonflikt zwischen Saskia, Alexandra und Arved kommt dadurch zustande, dass Alexandra genau die Eigenschaften besitzt, die Arved an seiner Freundin Saskia vermisst. So ist Saskia „ein wenig kühl“ (Fehér 2009: 106) hat ihre eigenen Interessen, während Arved für Alexandra immer an erster Stelle steht, er der Mittelpunkt ihres Lebens ist und ihn ohne Wenn und Aber liebt. Sie denkt nicht darüber nach, ob sie aufdringlich sein könnte, er genießt ihre Aufmerksamkeit und ihre starke Emotionalität.

Anfangs hat die Verfolgung durch Alexandra sogar positive Auswirkungen auf die Beziehung zwischen Arved und Saskia. Sie rücken durch den gemeinsamen Feind enger zusammen, tauschen mehr Zärtlichkeiten aus, vertrauen einander Geheimnisse an und verbringen mehr Zeit miteinander. Alexandra schien sogar eine Lücke geschlossen zu haben, welche vorher in Arveds Leben, vor allem aber in seiner Beziehung zu Saskia vorhanden war.

Doch schließlich kippt die Situation, selbst Saskia, die nicht das primäre Stalkingopfer ist, beginnt Symptome zu entwickeln, leidet unter Konzentrationsschwächen, fühlt sich verfolgt und muss ständig an Alexandra denken. Aus Angst vor Alexandra verbringen Arved und Saskia jede Minute gemeinsam – anfangs genießen sie die ungewohnte Nähe, doch dann beginnt diese Nähe die beiden zu nerven (Fehér 2009: 144). Saskia fängt an Arved zu misstrauen, kann ihm nicht mehr glauben, dass Alexandras Lügengeschichten nur erfunden seien. Alexandra behauptet in einem Brief an Saskia, sexuellen Kontakt mit Arved gehabt zu haben und beschreibt detailgetreu jede Handlung – welche genau dem entspricht, die Arved mit ihr selbst ausführt. Alexandras Verhalten gipfelt darin, dass sie in einem Brief an Saskia vorgibt, von Arved schwanger zu sein, obwohl sie eigentlich noch Jungfrau ist, was schließlich zur Trennung zwischen Arved und Saskia führt.

Als Arved die beharrliche Kontaktaufnahme zu viel wird, ist er jedoch in seinem Handeln nicht konsequent. Er sagt Alexandra zwar häufig, er habe kein Interesse an ihr und bittet sie, sich nicht mehr bei ihm zu melden – aber seine unbewussten Wünsche, dass sie sich doch weiterhin bei ihm meldet, sein Selbstbild weiterhin bestätigt, geben ihr nonverbale Signale weiter, die stärker sind, als die verbalen Zurückweisungen. Der Kuss, auf welchen sich Alexandra immer wieder beruft, ist dabei Arveds stärkste nonverbale Zuneigungsbekundung. Er schickt ihr jedoch auch an Weihnachten eine Postkarte (Fehér 2009: 111) und auf ihre Anrufe reagiert er häufig noch und lässt sich von ihr in ein Gespräch verwickeln.

Nachdem Alexandra bis zu 20 Mal täglich bei Arved anruft und ihn sogar verfolgt, beginnt Arved stetig psychische Symptome zu entwickeln. Er hat Einschlafstörungen (Fehér 2009: 82), Angst- und Panikzustände, fühlt sich verfolgt, auch wenn Alexandra nicht in der Nähe ist und hat paranoide Phantasien (Fehér 2009: 113). Er ist zudem schreckhaft und fürchtet verrückt zu werden. Er entwickelt Aggressionen Alexandra gegenüber, in der Art, wie er sie vorher noch nie einem Menschen gegenüber hatte. „[E]r hasst sie so sehr, dass er sich selbst nicht mehr kennt, auf einmal begreift er, warum Morde geschehen. […] er sieht seine Hände, die ihren Hals packen und sie schütteln, bis sie nicht mehr weiß, wer sie ist, bis ihr die Wirbel einzeln herausspringen, bis ihr der Kopf schlaff herunterhängt wie der eines toten Schwans“ (Fehér 2009: 155).

Aber nicht nur Arved leidet unter Alexandras Handlungen. Die gesamte Familienidylle Arveds scheint getrübt, es kommt häufig zu Auseinandersetzungen, genau wie in Arveds Beziehung zu Saskia.

Arved weiht zwar seine Familie in die Problematik ein, diese nimmt jedoch seine Probleme nicht ernst; in seinem Alter müsse er doch alleine mit einem Mädchen fertig werden, ist die Aussage seines Vaters.

Dennoch bietet sein Vater als einziger hilfreiche Interventionsstrategien an. Als erstes verlangt er von Arved, er solle alles zurückschicken, was er von Alexandra erhalten habe (Fehér 2009: 117) und er ist derjenige, der später einen Anwalt einschaltet und die Idee hat, Arved solle für einige Zeit die Stadt verlassen, um dem Stalking zu entgehen.

Arved entwickelt zahlreiche psychische Symptome, er hat dunkle Ränder unter den Augen, Schlafstörungen (Fehér 2009: 82), hat immer häufiger das Gefühl, gleich durchzudrehen, um sich schlagen zu müssen (Fehér 2009: 173). Er leidet zudem unter Kopfschmerzen, Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Schwindel und Schreckhaftigkeit (Fehér 2009: 191). Er ist gereizt, mürrisch, hat immer häufiger aggressive Phantasien. „Arved beißt die Zähne zusammen, ballt die Hände zu Fäusten. Er könnte Martin schütteln, gleich hier vom Rücksitz aus, möchte Bremsen quietschen und Blech scheppern hören wie im Kino, wo die Helden der Filme sich einfach ausleben, hemmungslos und entgegen jeder Moral, wenn sie vor Zorn nicht mehr wissen wohin mit sich“ (Fehér 2009: 173).

Er beginnt sogar Zwangshandlungen zu entwickeln: Um ruhig zu bleiben, zählt er die Straßenecken bis zur Schule (Fehér 2009: 175).

Arved bricht bei seiner Sportabitur-Prüfung völlig zusammen. Als Alexandra ihn bis dorthin verfolgt, ihm etwas zu trinken geben möchte, versteht niemand Arveds ablehnende Haltung. Alle stehen auf Alexandras Seite. Sie finden es eine nette Geste, sie habe es doch nur gut gemeint.

Schließlich flüchtet er während der Sportprüfung vor Alexandra und dem Gerede der anderen – und schmeißt so sein Abitur hin.

Alexandra folgt ihm sogar ins Krankenhaus, zu Arveds Schwester Teresa. In dieser Szene im Hospital scheint die Erzählung wie ein Thriller. Alexandra taucht plötzlich im Spiegel hinter Arved auf, die Szene wirkt filmisch, bildlich, ohne Erklärung, wie sie so schnell ins Krankenhaus kommen konnte und wusste, wo Arved sich befindet. Auch ihre Worte scheinen aus einem Psycho-Thriller zu stammen: „Du wirst mich nicht los, Arved […] du brauchst es gar nicht erst zu versuchen. Ich weiß immer, wo du bist, egal wohin du fliehst und wie schnell du zu sein glaubst. Du kannst mir nicht entkommen“ (Fehér 2009: 182).

Es kommt schließlich im Krankenhaus zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen Arved und Alexandra, dabei werden sie erwischt. Es soll eine Strafanzeige gegen Arved gestellt werden, nicht gegen Alexandra.

Grund für Alexandras Agieren scheint ihr Kindheitstrauma zu sein. Nicht nur, dass ihre Eltern sich getrennt haben, als sie ein Kind war, sondern besonders, dass ihr eigener Vater sie nach der Trennung nicht mehr sehen wollte, kein Interesse mehr an ihr zeigte. Sie verlor durch die Trennung nicht nur ihren Vater, sondern auch ihren Halbbruder Jens, der Einzige, von dem sie sich richtig verstanden fühlte. Auch ihre Mutter scheint sie durch die Trennung verloren zu haben – denn diese wirkt nach der Trennung verloren, kann nicht mehr eine starke Mutter für sie sein. Sie sind gezwungen in ein Hochhaus in eine Sozialbauwohnung zu ziehen. Die Mutter hat außer ihrer Arbeit nicht mehr viel in ihrem Leben, sie scheint sich nicht wirklich um die Tochter zu kümmern oder sich für sie zu interessieren. Alexandra ist also auf sich alleine gestellt, niemand merkt, dass sie immer mehr in eine Traumwelt flüchtet und psychische Auffälligkeiten entwickelt. Sie geht nach der Schule in den Hort, hat also nur wenig Kontakt zu ihrer Mutter.

Schon als Kind bindet sie sich obsessiv an andere: Beispielsweise sagt sie, sie lerne nicht für sich, sondern für eine Lehrerin, die sie besonders verehrte.

Als sie sechs Jahre alt ist, fällt anderen bereits auf, dass sie „sehr liebebedürftig“ (Fehér 2009: 125) ist und nach einem Vaterersatz sucht, als sie sich bei einem Besuch bei verschiedenen fremden Männern auf den Schoß setzt.

In Alexandras Klasse ist sie nicht das einzige Scheidungskind, aber sie ist die einzige, die ihren Vater nicht einmal an Besuchswochenenden und in den Ferien sehen kann. Das verstärkt ihr Einsamkeitsgefühl und ihre Sehnsucht.

Alexandra wird gezwungen, sehr früh selbständig und erwachsen zu werden, schon mit zehn Jahren hat sie ihren eigenen Haustürschlüssel, geht alleine nach der Schule nach Hause.

Vielleicht führt dieser Tatsachenkomplex dazu, dass sie als Kind schnell zu einer Anführerin in der Schule wird und ihren Willen durchsetzt.

Bezüglich Arved führt wohl dieses Konglomerat an Fakten dazu, dass sie ihn nicht loslassen kann, auch wenn er ihr klar zu verstehen gibt, dass er nicht an einer Beziehung interessiert ist. Sie will die zweite männliche Bezugperson, die sie genauso liebt und braucht wie ihren Vater als Kind nicht verlieren und nicht wieder alleine sein. Als Kind fühlte sie sich machtlos, schutzlos, handlungsunfähig. Heute ist sie fast erwachsen, in der Lage zu agieren und Einfluss auf ihr Leben und das Geschehen zu nehmen. So nutzt sie alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel um den Kontakt zu Arved keinesfalls abbrechen zu lassen.

Dass ihr Verhalten schon krankhaft ist und oft nur das Gegenteil dessen erreicht, was sie sich wünscht, sieht sie häufig nicht.

Sie hat zwar gelegentlich Funken einer Einsicht, weiß, dass er sie abweisen wird – doch diese Einsicht ändert meist nichts an ihrem Handlungsimpuls.

Arved ist ratlos (Fehér 2009: 136), weiß nicht mehr, was er noch tun kann, um Alexandra loszuwerden. Sie beeinflusst sein ganzes Leben negativ: Seine Familienidylle wird getrübt, seine Beziehung ist kurz davor in die Brüche zu gehen, seine schulischen Leistungen nehmen stark ab und er fühlt sich dabei eingeschränkt, seine Hobbys auszuüben. Er fühlt sich unfähig etwas dagegen zu unternehmen und scheint nur dabei zusehen zu können, wie sein Leben stückweise den Bach runtergeht. Unbewusst löst Alexandra bei Arved die gleichen Gefühle aus, wie sie damals wegen ihres Vaters als Kind hatte: Ohnmacht und Ratlosigkeit.

Aber auch Alexandra sieht sich wieder in diese Lage zurückversetzt. Zwar kann sie nun durch ihr Handeln bestimmte Dinge verändern, doch erreicht sie trotz allen Aufwands nicht ihr Ziel. Sie schafft es zwar, eine Trennung zwischen Saskia und Arved herbeizuführen, doch kommt es trotzdem nicht zu einer Beziehung zwischen ihr und Arved.

Sie ist sich sicher, ohne Arved nicht leben zu können, ihn nötiger als Luft zu brauchen (Fehér 2009: 139) – so wie ein kleines Mädchen ihren Vater braucht.

Liebesschwüre und Nachrichten mit drohendem Inhalt wechseln sich nach der Zurückweisung Arveds ab. Arved schaltet sein Handy nur noch einmal am Tag an, um alle Nachrichten Alexandras ungelesen zu löschen.

Zwischen Saskia und Arved herrscht Funkstille, Saskia glaubt Alexandras Äußerungen, Arved kann sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Er schafft es nicht, ihr die Wahrheit zu sagen, ihr von dem gemeinsamen Nachmittag mit Alexandra zu erzählen und den Kuss zu beichten. Da bereits ein so großes Misstrauen besteht, würde diese Beichte einen derartigen Vertrauensbruch bedeuten, dass die Beziehung auf jeden Fall ein Ende hätte. Alexandra schafft es, die Beziehung zwischen den beiden zu zerstören, sie verliert aber immer mehr die Realitätssicht. Als Arveds kleine Schwester im Krankenhaus liegt, fühlt sich Arved von Alexandras Hilfsangeboten nur noch angeekelt. Sie kann dies absolut nicht nachvollziehen, möchte ihm helfen, ruft im Minutentakt an, begreift nicht, dass sie Arved mit ihrem Verhalten nur noch quält (Fehér 2009: 155).

Arveds Interventionsstrategien verschlimmern die Situation nur noch. Egal ob er Alexandra mit ruhigen und vernünftigen Worten bittet das Stalking zu beenden, oder er sie wütend verbal oder körperlich angreift, nichts davon zeigt Wirkung. Erst die Interventionsstrategien von Arveds Vater zeigen Erfolg.

Zuerst beantragt er eine Geheimnummer für die Familie. Die Mobiltelefone, deren Nummern Alexandra allesamt herausbekommen hat, bleiben weitgehend ausgeschaltet (Fehér 2009: 173). Arved sendet jegliche Post von Alexandra zurück und geht nur noch in Begleitung von jemand anderem zur Schule.

Als diese Versuche jedoch keine Wirkung zeigen, schaltet Arveds Vater einen Anwalt ein, der einen Brief an Alexandras Mutter verfasst. Falls Alexandra der Aufforderung nicht nachkommen sollte, Arved in Ruhe zu lassen, wäre der nächste Schritt, eine einstweilige Verfügung zu erwirken (Fehér 2009: 189). Der nächste Interventionsschritt ist die Flucht vor dem Täter: Arved fährt nach der Schule mehrere Wochen an die Nordsee, ohne Handy, PC und ohne irgendjemandem die neue Adresse mitzuteilen. Flucht scheint die einzige wirksame Strategie gegen das Stalking zu sein.

Arved erholt sich, beginnt sogar einen kleinen Flirt mit einem Mädchen, kann sich jedoch noch nicht richtig darauf einlassen. Er scheint vorübergehend die Fähigkeit zu Liebe, Zuneigung und Vertrauen durch das Stalking verloren zu haben.

Der Brief des Anwalts zeigt Wirkung. Alexandra erhält ihre Realitätssicht zurück und wird daran erinnert, dass ihr Handeln falsch ist. Der Anwaltsbrief fördert das eigentliche Problem zutage: Alexandra muss damit abschließen, dass ihr Vater sie als Kind verlassen hat, was sie nie akzeptiert hat. Aufgrund des Anwaltsbriefs kann sie endlich mit ihrer Mutter über ihre Kindheit sprechen, sie sieht ein, dass sie durch das Stalking von Arved nur den Wunsch kompensiert hat, ihren Vater und ihren Halbbruder Jens wieder zusehen. Nun kann sie akzeptieren, dass Arved sie nicht liebt und wünscht sich eine Liebe, welche beidseitig ist.

Nach dem Anwaltsbrief und Arveds längerer Abwesenheit reduziert Alexandra schlagartig ihr Stalking.

Arved löst sich nach seinem Urlaub nicht nur von Alexandra und Saskia, sondern auch von seinen Eltern. Er schafft es, seinem Vater zu sagen, wie er sich seine Zukunft vorstellt und sich gegen dessen Wünsche zu stellen. Er möchte kein Arzt werden wie er, sondern zurück an die Nordsee, sein Abitur nachholen und nach New York den Marathon mitlaufen.

Doch auch wenn Alexandra ihn nicht mehr belästigt, ist sein Leben fortan geprägt. Schlechte Noten verbauen seine Zukunft und die psychische Belastung bleibt. Er fühlt sich unwohl, beklommen und eingesperrt.

Diese Facette des Romans gleicht einem Adoleszenzroman, in dem der Protagonist durch eine Entwicklungskrise heranreift.

Arved ist durch die massive psychische Belastung teils gebrochen, teils gewachsen. Er weiß nun, was er will und setzt dies durch. Trotz der bleibenden psychischen Symptome hat er eine eigenständige Persönlichkeit entwickelt.

Der entscheidende Wandel scheint sich daraus zu ergeben, dass Alexandra Kontakt zu ihrem Vater aufnimmt und ein Treffen mit ihm vereinbart.

Doch wieder wird sie von ihm verlassen und allein gelassen. Das Treffen wird von Karin, der aktuellen und zugleich früheren Frau ihres Vaters abgelehnt, der Vater hat nicht genug eigenen Willen um sich durchzusetzen. Ihr Halbbruder Jens ist nun in Italien, eine Kontaktaufnahme scheitert. Doch statt dass diese Retraumatisierung sie psychisch zurückwirft, kann sie nun endlich die verdeckte, unterdrückte, kindliche Trauer zulassen und verarbeiten. Sie kann die Tatsachen als negative Lebensereignisse abschließen, sich emotional von ihrem Vater lösen.

Gleichzeitig kann sie auch das Stalking beenden, obwohl es ihr noch schwer fällt sich nicht mehr bei Arved zu melden.

[...]


[1] Narzissmuss: Nach Freud bedeutet der Begriff des Narzissmus soviel wie Selbstliebe, Selbstbewunderung oder Selbstverliebtheit. Der Begriff entspringt der Sexualgeschichte des 19. Jahrhunderts und wurde ursprünglich zur Bezeichnung einer Form der Perversion verwendet. In der griechischen Mythologie ist Narziss der schöne Sohn des Flussgottes Kephissos. Narziss verliebte sich in sein eigenes Spiegelbild. Der normale Narzissmus ist eine Entwicklungsphase in der Kindheit. In der gesunden Entwicklung wird in der Phase der Herausbildung des eigenen Ichs „die infantile narzißtische (sic!) Libido auf Objekte, das heißt andere Menschen, übertragen“ (Appignanesi 1980: 133). Somit sei ein wenig Selbstliebe in jeder Form erwachsener Liebe normal. Die Liebe zu einem Selbst, wie man sich wünscht zu sein, nennt Freud das ,Ich-Ideal‘. Wenn jedoch die Libido von anderen Objekten abgezogen wird und auf sich selbst zurückgelenkt wird, kommt es zu einer erotischen Bindung gegen das Ich. „Diese Regression auf den infantilen Narzissmus kann zu schweren psychotischen Erkrankungen führen. Paranoide Wahnideen, Halluzinationen, schwere Depression, Hypochondrie, Schizophrenie, Megalomanie usw. Diese Formen psychotischer Störungen sind alles narzisstische Zustände“ (Appignanesi 1980: 133).

[2] Mobbing: Der Begriff Mobbing meint ein Verhalten einer Gruppe von Menschen, bei welcher eine unterlegene bzw. schwächere Person misshandelt wird (Jordan 2005: 188)

[3] Zona, Michael A., Sharma, Kaushal K., Lane, John: A comparative study of erotomatic and obsessional subjects in a forensic sample. J Forensic Sciences 38(4). 1993. S.896. “…an individual establishes an obsessional, or abnorm long-term pattern of threat or harassment directed toward a specific individual” – in der deutschen Übersetzung von Jens Hoffmann.

[4] 㤠238 Nachstellung:
(1) Wer einem Menschen unbefugt nachstellt, indem er beharrlich
1. seine räumliche Nähe aufsucht,
2. unter Verwendung von Telekommunikationsmitteln oder sonstigen Mitteln der Kommunikation oder über Dritte Kontakt zu ihm herzustellen versucht,
3. unter missbräuchlicher Verwendung von dessen personenbezogenen Daten Bestellungen von Waren oder Dienstleistungen für ihn aufgibt oder Dritte veranlasst, mit diesem Kontakt aufzunehmen,
4. ihn mit der Verletzung von Leben, körperlicher Unversehrtheit, Gesundheit oder Freiheit seiner selbst oder einer ihm nahe stehenden Person bedroht oder
5.eine andere vergleichbare Handlung vornimmt und dadurch seine Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Auf Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren ist zu erkennen, wenn der Täter das Opfer, einen Angehörigen des Opfers oder eine andere dem Opfer nahe stehende Person durch die Tat in die Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschädigung bringt.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat den Tod des Opfers, eines Angehörigen des Opfers oder einer anderen dem Opfer nahe stehenden Person, so ist die Strafe Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren.
(4) In den Fällen des Absatzes 1 wird die Tat nur auf Antrag verfolgt, es sei denn, dass die Strafverfolgungsbehörde wegen des besonderen öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung ein Einschreiten von Amts wegen für geboten hält.“ (§ 238 StGB)

[5] Mit Projektion ist hier die Übertragung von einem früheren Konflikt auf einen aktuellen Sachbestand gemeint (Laplanche 1972: 402).

[6] Im DSM-IV wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung wie folgt definiert: „Ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in den zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie deutliche Impulsivität. Der Beginn liegt oftmals im frühen Erwachsenenalter bzw. in der Pubertät und manifestiert sich in verschiedenen Lebensbereichen“ (DSM-IV) Ein Affekt meint ein Verhaltensmuster als Ausdruck eines subjektiven Gefühlszustands, beispielsweise Freude oder Wut (Wittchen 2006: 949).

[7] Psychose meint eine psychische Erkrankung, welche mit Realitätsverlust und dem Verlust über der Kontrolle über das eigene Handeln einhergeht. Sie steht damit im Gegensatz zur Neurose, bei welcher kein Realitätsverlust vorliegt. Neurosen sind eine Störung der Persönlichkeit, bei welcher fundamentale Triebbedürfnisse unterdrückt werden, welche sich stattdessen in Symptomen wie zum Beispiel psychosomatischen Erscheinungen ausdrücken (Appignanesi 1980 : 171).

[8] Vulnerabilität: Verletzbarkeit. „Erblich-konstitutionelle oder erworbene Disposition oder Anfälligkeit zu abnormen oder krankhaften Reaktionen an bestimmten Organen oder Systemen“ (Wittchen 2006: 960). In diesem Fall ist die psychische Vulnerabilität gemeint.

[9] Vorbild an welches das Subjekt sich anzugleichen versucht (Laplanche 1972: 202)

[10] Meinhardt B, Wondrak I (2004) Empirische Untersuchung zu Stalking aus Sicht der Betroffenen. Unveröffentlichte Diplomarbeit. Institut für Psychologie, Technische Universität Darmstadt. Zitiert nach Hoffmann 2006a

[11] Werke mit männlichen Stalkern und weiblichen Opern sind zum Beispiel: „Dornenliebe“ (2010) von Christine Fehér, „Kalte Augen“ (2012) von Katrin Stehle oder „Drei Punkte für die Liebe“ (2008) von Herbert Friedmann. Von den 27 im Rahmen der Arbeit betrachteten Werken finden wir 20 Romane mit männlichem Stalker und weiblichem Opfer vor, 5 Romane, bei welchem die Täterin weiblich ist und das Opfer männlich und 2 Romane bei welchem sowohl Täterin als auch Opfer weiblich sind.

[12] Zur Problemliteratur zählen Werke unterschiedlicher Gattung, welche von einem meist aktuellen Realproblem handeln wie beispielsweise der Magersucht, der Drogensucht oder in diesem Fall dem Stalking (Ewers 2006: 7)

[13] www.Stop-Stalking-Berlin.de (Stand 15.02.13, 14:33Uhr)

[14] Erotomanie meint die Wahnvorstellung, bei welcher eine meist weibliche Person davon überzeugt ist, dass eine Person, meistens ein Mann, den sie nur flüchtig kennt in sie verliebt sei (Möhr 1987: 7).

Details

Seiten
186
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656951407
ISBN (Buch)
9783656951414
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298769
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Jugendbuchforschung
Note
1,7
Schlagworte
stalking thema jugendromane

Autor

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Titel: Stalking als Thema aktueller Jugendromane