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Eine spieltheoretische Analyse von Wasserkonflikten im Raum Indien-Pakistan

Seminararbeit 2015 23 Seiten

VWL - Internationale Wirtschaftsbeziehungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung: Wasserkonflikte und Wasser als Gut

1. Wasserkonflikte: Potential, Bedrohung, Doktrinen

2. Indien und Pakistan: von Damals bis Heute
2.1. Geschichtlicher Abriss
2.2. Der Indus Wasservertrag - Indus Water Treaty

3. Spieltheoretische Analyse
3.1. Gefangenendilemmata
3.2. Rambo Spiele
3.3. Drei Ebenen Analyse

4. Lösungsansätze
4.1. Allgemein
4.2. Spezifisch für Indien-Pakistan
4.3. Fazit

5. Quellen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Flussverläufe Indien-Pakistan

Abbildung 2: Prinzipieller Aufbau eines Gefangenendilemmas

Abbildung 3: Einem Wasservertrag zustimmen?

Abbildung 4: Rambo Spiel

Abbildung 5: Rambo Spiel invers

Abbildung 6: Das Drei-Ebenen-Schema

1. Einführung: Wasserkonflikte und Wasser als Gut

Wasser ist überlebenswichtig. Nicht nur für den Menschen als Individuum, sondern auch für die sozioökonomische Entwicklung eines Landes ist Wasser ein essentielles Entwicklungsmerkmal. Immer mehr wird Wasser nicht mehr als gegebenes, öffentliches Gut angesehen. Sondern als knappe Ressource, die es in der heutigen Zeit tatsächlich darstellt. Zwar beherbergt die Erde etwa 1,4 Milliarden Kubikmeter Wasser, aber lediglich 2,5% davon sind Trinkwasser, und größtenteils nicht zugänglich. Nur ein Bruchteil, nämlich 0,3% sind in Form von Flüssen und Seen überhaupt für den Menschen verfügbar (vgl. Houdret 2010, 25).

Wasser als knappes Gut ist zum Thema des politisches Alltags geworden, da die Problematik von Verschmutzung und Übernutzung immer relevanter wird. Aber auch durch die immer größer werdende Bevölkerungszahl und enorme Wachstumsraten. Einher damit gehen Prozesse der Urbanisierung und des relativen Reichtumswachstums und der Erhöhung des Lebensstandards. Auch diese führen zu einem signifikanten Mehrbedarf an Zugang zu Wasser. Aber auch in der Landwirtschaft: die künstliche Bewässerung wurde in den letzten Jahrzehnten massiv ausgedehnt. 55% des weltweiten Reis- und Getreideanbaus stützt sich so jetzt schon auf künstliche Bewässerung. Weltweit sind etwa 2,4 Milliarden Menschen von Gütern aus künstlicher Bewässerung abhängig. Aber auch für den Energiebedarf der Menschheit ist Wasser von zunehmender Bedeutung. Nicht nur in Form von Wasserkraftwerken, sondern beispielsweise auch als Kühlungswasser für Atomkraftwerke. Momentan wird in asiatischen Entwicklungsländern etwa 30% der produzierten Energie durch Wasserkraft gewonnen. Bei einem jährlichen Anstieg des Bedarfs beispielsweise in Indien von 6% - 10%, kann leicht errechnet werden, wie stark der Druck auf der weiteren Gewinnung von Wasser als Energiequelle lastet (vgl. Biswas 2008, 1f; Houdret 2010, 25f).

So stellt sich auch zunehmend nicht mehr die Frage nach „water safety“, also dem Zugang zu sauberem Wasser, sondern immer mehr nach der „water security“ - der langfristigen Sicherung des Zugangs zu Wasserressourcen überhaupt (vgl. Houdret 2010, 28). Da Wasser immer mehr zum knappen Gut wird, ist es auch zunehmend von Interesse für ökonomische und politische Akteure. Es wird also auch zum Instrument, um Interessen und Macht zu konstituieren.

Somit sind auch Wasserkonflikte immer mehr im Fokus moderner Konfliktherde. Houdret (2010, 89f) definiert Konflikte im Wassermanagement dabei in etwa als Spiegel sozialer und politischer Machtverhältnisse, also als einen Ausdruck soziopolitischer Interessensdifferenzen zwischen zwei oder mehr Parteien.

Historisch gab es in den letzten 1200 Jahren mehr als 3600 Wasserverträge. Und damit weitaus mehr Verträge als bewaffnete Konfliktausbrüche (vgl. Dombrowsky 2007, 94f). Da jedoch ungenutzte, nationale Gewässer in Entwicklungsländern nicht mehr zur Verfügung stehen oder diese schon zur maximalen Auslastung erschlossen sind, werden transnationale Einzugsgebiete von Bedeutung (vgl. Biswas 2008, 4). Von diesen Wassereinzugsgebieten die mehr als einen Staat kreuzen, gibt es 261 weltweit. 19 werden dabei sogar von 5 oder mehr Anrainern geteilt. (Schiessler / Renner / Lüth 2004, 12). 40% der Weltbevölkerung sind in solchen internationalen Flussgebieten beheimatet. Dennoch haben weniger als die Hälfte dieser Einzugsgebiete Verträge, die die Nutzung der Anrainer regeln. Nur etwa 24% haben Organisationen, die die Einhaltung der Verträge begutachtet und Konflikte löst (vgl. Dombrowsky 2007, 94f). Wasserkonflikte sind daher weit entfernt davon aus dem Blickpunkt in naher Zukunft zu verschwinden. Im Gegenteil, die zunehmende Verknappung von Wasser wird diese Krisenherde weiter problematisieren und das Fehlen von Verträgen macht die Handhabung schwierig (vgl. Houdret 2010, 25).

In dieser Arbeit soll deshalb auf die Problematik von Wasserkonflikten eingegangen werden. Dafür wird eine spieltheoretische Anreizanalyse genutzt, um den Nutzen von Wasserverträgen zu beurteilen. Dafür werden insbesondere Indien und Pakistan als Beispiele herangezogen und analysiert. Jedoch wird im Folgenden auch weitaus genereller über die spieltheoretischen Besonderheiten von Wasserkonflikten eingegangen werden, um einen ersten Überblick über die tatsächlichen Probleme und Hindernisse von Wasserverträgen zu erhalten.

2. Wasserkonflikte: Potential, Bedrohung, Doktrinen

Lediglich 40 gewaltsame Konflikte um Wasser wurden in den letzten 50 Jahren ausgetragen - dagegen etwa 150 Verträge um Wasser geschlossen - und der letzte wirkliche Wasserkrieg liegt 4500 Jahre zurück (vgl. Schiessler / Renner / Lüth 2004, 11f). Thesen wie die „hydraulic imperative hypothesis“ besagen aber, dass Staaten bereit sind ihren Bedarf an Wasser zu decken, indem sie in Nachbarstaaten einfallen, durch gewaltvolle Akte, oder durch Umlenkung der Gewässer, beispielsweise durch Staudämme (vgl. Rouyer 2000, 4).

Offensichtlich stehen hier Realität und Theorie in Kontrast zueinander. Die Thesen aus den 90ern, dass Wasserkriege imminent seien, wurden allein von der Realität der letzten 20 Jahre überholt. Und werden heute meist als Mythos bezeichnet (vgl. Schiessler / Renner / Lüth 2004, 11). Dennoch sollte das Konfliktpotential der Ressource Wasser nicht gänzlich vernachlässigt werden. Zwar wird oftmals argumentiert, dass Wasserkonflikte nur Ausdruck anderer zwischenstaatlicher Krisenherde sind (vgl. Schiessler / Renner / Lüth 2004, 14). Aber wie schon im letzten Kapitel beschrieben, wird die Nachfrage nach Wasser in den kommenden Jahren immer weiter zunehmen und gleichzeitig findet eine weitere Verknappung statt. Koordination von internationalen Gewässern scheint daher zwingend.

Noch wird Wasser zwar kein großer ökonomischer Nutzen zugeordnet (vgl. Rouyer 2000, 5), dies kann sich aber mit der zunehmenden Verknappung und kostenintensiveren Beschaffung - sei es die Kostenzunahme durch Verträge oder Kriege - ändern. Bei einem hohen ökonomischen Wert von Wasser sind Kriege oder andere Formen von bewaffneten Konflikten nicht mehr so unwahrscheinlich wie noch heute. Wichtig ist dabei auch, dass Wasser kein substituierbares Gut darstellt (vgl. Stroh 2002, 2). Was seinen Wert als knappe Ressource noch weiter steigen lässt.

Ein zweites Problem lässt sich in der Asymmetrie von Wasserkonflikten in diesem Zusammenhang erkennen. Hierbei ist eine Partei (meist Unteranrainer) im Zugang zur Ressource benachteiligt und von externen Folgen wie Wasserverschmutzung oder -verknappung durch die stärkere Partei (meist Oberanrainer) stärker betroffen (vgl. Schiessler / Renner / Lüth 2004, 10; Stroh 2002, 3). Einerseits kann diese Problematik zu Kooperation führen, andererseits aber auch mehr und mehr eskalieren und zu Krieg führen. Diese Situationen sind durch die Knappheit an nichterschlossenen nationalen Quellen heute in einem noch nie da gewesenen Umfang zu verzeichnen. Daher erscheint es doch relevant, sich der Problematik von transnationalen Gewässern zu widmen. Auch mit dem Gedanken, dass diese nicht nur in Kooperation sondern sehr wohl im Extremfall zunehmend in Konflikten enden können.

Wenn Oberflächengewässer durch mehr als ein staatliches Territorium verlaufen, müssen daher Grundsätze geschaffen, nach denen diese genutzt werden dürfen. Die bekanntesten werden im Folgenden dargelegt, um einen Überblick über die verschiedenen Auffassungen zu gewinnen.

Die Harmon Doktrin, das Prinzip der absoluten territorialen Souveränität, beschreibt, dass ein Staat die Wasserressource uneingeschränkt nutzen darf. Er hat also die Hoheitsgewalt über seine eigene Ressource und ist daher nicht verpflichtet auf die Bedürfnisse anderer Staaten Rücksicht zu nehmen. Historisch ist diese Doktrin wohl im Konflikt um den Rio Grande zwischen den USA und Mexiko im 19. Jahrhundert entstanden. Da keine Rücksicht auf weitere Anrainer genommen werden muss, wird sie meist von den Oberanrainern eines Flusslaufs vertreten (vgl. Schiessler / Renner / Lüth 2004, 19f; Thobaben 2007, 50).

Das extreme Gegenstück dazu bietet die Doktrin der absoluten territorialen Integrität/ Unversehrtheit. Dabei liegt der Fokus auf dem Schutz des Schwächeren, also meist des Unteranrainers. Diesem wird das Recht auf unveränderten oder -geminderten Wasserzulauf und - führung zugesichert. Der Oberanrainer muss daher in den meisten Fällen fast gänzlich auf die Nutzung der Wasserressource verzichten oder sich zumindest in derer Nutzung stark einschränken (vgl. Schiessler / Renner / Lüth 2004, 19f; Thobaben 2007, 51).

Das Prinzip der beschränkten territorialen Souveränität und Integrität dagegen ist ein Kompromiss der zuvor dargestellten Extrempositionen. Der Oberanrainer darf zwar das Wasser seines Einzugsgebietes nutzen, aber die Interessen des Unteranliegers dabei nicht vernachlässigen. Somit werden jedem Staat gewisse Rechten und Pflichten gegenüber den anderen Anrainern zugewiesen (vgl. Schiessler / Renner / Lüth 2004, 19f; Thobaben 2007, 52).

Außerdem existieren noch andere Mischformen, die sich mehr oder weniger in die eine oder andere Richtung der extremen Doktrinen neigen. Dazu zählen beispielsweise auch die „no significant harm rule“: dabei dürfen Staaten von ihrem Territorium aus keine signifikanten Beeinträchtigungen des Lebens und der Gesundheit der Menschen im jeweils anderen Staat unternehmen (vgl. Schiessler / Renner / Lüth 2004, 19f). Die „first in time, first in right“ Regel ist relativ alt und besagt, dass nach dem Prinzip der historischen Nutzung der Anrainer das Anrecht auf die Ressource hat, der es historisch am längsten nutzt. Dies wird meist von Unteranrainern favorisiert, da sie besonders Wasserläufe meist länger nutzen als die Menschen im Quellgebiet, aufgrund der einfacheren Zugänglichkeit (vgl. Thobaben 2007, 51).

Noch im Mittelalter war das Konzept der Nationalisierung von Flüssen beherrschend. Dabei wurden Flüsse dem jeweiligen Herrschaftsgebiet zugeordnet. Erst im 19. Jahrhundert entstand die Idee der Internationalisierung von Flüssen und ihre Einbettung in völkerrechtliche Verträge. Jedoch gibt es bis heute kein Gesamtkonzept, das eine einheitliche Regelung vorsieht (vgl. Thobaben 2007, 58).

Generell wird aber vom Völkergewohnheitsrecht nur das Prinzip der eingeschränkten territorialen Souveränität und Integrität anerkannt, welchen allen Anrainern Rechte und Pflichten zuspricht. Aber auch das Prinzip der angemessenen und vernünftigen Nutzung wird hierbei akzeptiert: die Entwicklung des Flusseinzugsgebietes steht dabei im Vordergrund. Dieser ökonomische Ansatz der Nutzenmaximierung verlangt dabei von allen Anrainern, die Wasserressource so zu verwenden, dass Schäden minimiert werden, während der Nutzen für alle größtmöglich wird (vgl. Schiessler / Renner / Lüth 2004, 19f).

Der Grundsatz des Völkergewohnheitsrechts bleibt dabei, dass nur derjenige Staat ein Anrecht auf die Nutzung der Ressource hat, der auch dessen Anrainer ist - das Wassersystem muss also durch das Territorium des Staates fließen oder zumindest an seine Grenzen stoßen (vgl. Thobaben 2007, 50). So kann auch verhindert werden, dass Staaten Anspruch anmelden, die historisch bestimmte Gewässer nutzten, obwohl diese nicht auf ihrem Staatsgebiet liegen.

Die Doktrin der eingeschränkten Souveränität wird beispielsweise auch von den „Helsinki Rules“ der International Law Association (ILA) vertreten. Diese hat als erste NGO ein umfassendes Regelwerk verfasst, das die Nutzung von transnationalen Gewässern und Wasservorkommen regeln sollte (vgl. Thobaben 2007, 54). Sie trugen damit auch zur Weiterentwicklung der Rechte zur Wassernutzung bei. Stellen aber kein international bindendes Regelwerk dar.

Auch die Völkerrechtskommission (ILC) hatte schon 1991 einen Entwurf zur Handhabe transnationaler Gewässer ausgearbeitet. 1997, zur Abstimmung, verfehlte der Entwurf jedoch knapp die nötige Mindestzahl der ratifizierenden Länder und trat damit nicht in Kraft. Dennoch kann festgehalten werden, dass dieser Entwurf aufgrund der hohen Zustimmung völkerrechtlich trotzdem relevant sein könne. Immerhin hat er die Auffassungen einer Vielzahl an Staaten inne (vgl. Thobaben 2007, 55).

In der UN Charta findet sich zudem der Grundsatz der Pflicht zur friedlichen Streitbeilegung. Dieser könnte auch bei Wasserkonflikten Anwendung finden. Hiernach müssten Verhandlungen immer gewaltlos stattfinden. Bei Nichteinigung muss zudem die Möglichkeit in Anspruch genommen werden, die Angelegenheit einer dritten Partei zur Schlichtung zu übertragen (vgl. Thobaben 2007, 60f). Hier könnte man sich auch internationale Organisationen oder den Internationalen Gerichtshof (IGH) vorstellen.

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Details

Seiten
23
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656952251
ISBN (Buch)
9783656952268
Dateigröße
725 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298759
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Südasien-Seminar
Note
Schlagworte
eine analyse wasserkonflikten raum indien-pakistan

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