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Autismus. Störungsbild und Verlauf der Entwicklungsstörung

Seminararbeit 2012 7 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Einer weit verbreiteten und allgemein anerkannten Definition folgend ist die Psychologie die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen. Besonderes Interesse gilt dabei den Fällen, die vom durchschnittlichen - und daher meist als „normal“ bezeichneten Erleben und Verhalten in auffälligem Maße abweichen. Einige psychische Störungen, die Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche der Betroffenen haben und das Erleben und Verhalten von frühester Kindheit an massiv beeinflussen, werden in den Standardmanualen DSM-IV und ICD-10 zu der diagnostischen Kategorie der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zusammengefasst. Im Einzelnen sind dies der frühkindliche Autismus, der atypische Autismus und das Asperger-Syndrom sowie das Rett-Syndrom, die desintegrative Störung des Kindesalters, die überaktive Störung mit Intelligenzminderung und Bewegungsstereotypien (nur ICD-10) und die Restkategorien sonstige und nicht näher bezeichnete tiefgreifende Entwicklungsstörungen. In den letzten Jahren hat sich für die tiefgreifenden Entwicklungsstörungen immer mehr der Begriff des „Autistischen Spektrums“ durchgesetzt, da der frühkindliche Autismus gewissermaßen den Prototyp dieser Klassifikationsgruppe darstellt und die Symptomatik der anderen Störungen hohe Ähnlichkeiten mit der Autismussymptomatik aufweisen (Poustka, Bölte, Feineis- Matthews, & Schmötzer, 2004).

Das Autismussyndrom stellt durch seine hohe Komplexität eine Herausforderung für Wissenschaftler und Therapeuten dar: Nach heutigem Forschungsstand gibt es weder eine empirisch abgesicherte umfassende Theorie zur Ätiologie noch eine allgemein wirksame Therapie.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit autistischen Phänomenen begann - im Vergleich zu anderen Störungen relativ spät - im 20. Jahrhundert. Den Grundstein dafür legten die Fallbeschreibungen von Theodor Heller (1908), Leo Kanner (1943) und Hans Asperger (1944). Der Begriff „Autismus“ (abgeleitet vom griechischen Wort αὐτός = selbst) stammte allerdings ursprünglich von Eugen Bleuler. Er bezeichnete damit den Rückzug in die eigene Gedankenwelt und die Abkehr von der Außenwelt im Rahmen der Schizophrenie. Leo Kanner übernahm den Begriff und verwendete ihn in seinen Fallstudien zur Beschreibung von Kindern, die kein Bedürfnis nach sozialen Kontakten zeigten.

Diese mangelnde soziale Interaktion stellt in den heutigen Klassifikationssystemen DSM-IV und ICD-10 einen der drei entscheidend beeinträchtigten Verhaltensbereiche für den frühkindlichen Autismus dar, der wegen der richtungsweisenden Forschungen von Leo Kanner auch „Kanner-Syndrom“ genannt wird. Die beiden anderen Bereiche sind die beeinträchtigte Kommunikation und das eingeschränkte, stereotyp repetitive Verhalten. Für die Diagnose müssen mehrere Auffälligkeiten in allen drei Bereichen vorliegen. Typische Symptome sind dabei beispielsweise ein Mangel an Gefühlsäußerungen und Emotionalität, fehlende Empathie, kaum Blickkontakt, Gestik oder Mimik in sozialen Interaktionen, eine beeinträchtigte oder sogar fehlende Sprachentwicklung, motorische Manierismen und die ständige Beschäftigung mit bestimmten Objekten oder Interessensgebieten. Ein weiteres bedeutsames Kriterium für den frühkindlichen Autismus ist die Manifestation dieser Auffälligkeiten vor dem dritten Lebensjahr. Treten die Symptome erst später auf oder sind nicht alle Kriterien für den frühkindlichen Autismus erfüllt, wird die Diagnose atypischer Autismus vergeben. Beim Asperger-Syndrom wiederum liegt zwar eine beeinträchtigte soziale Interaktion und eingeschränktes, stereotyp repetitives Verhalten vor, nicht aber eine abnorme sprachliche oder kognitive Entwicklung. Daher wird für das Asperger-Syndrom heutzutage meist synonym der Terminus „High-Functioning-Autismus“ verwendet. Dieser Begriff stammt von Lorna Wing und bezeichnete ursprünglich Menschen mit frühkindlichem Autismus, die keine geistige Behinderung und gute verbale Fähigkeiten aufwiesen, sich also gewissermaßen vom Kanner-Syndrom in Richtung Asperger- Syndrom entwickelt hatten. Im Gegensatz dazu steht der Begriff des „Low-Functioning- Autismus“ für Menschen, bei denen eine geistige Behinderung und schlechte Sprachfähigkeiten vorliegen (Poustka et al., 2004). Wing beschäftigte sich in ihren Arbeiten mit den Studien Hans Aspergers und gab der von ihm beschriebenen Störung den Namen „Asperger-Syndrom“. Dabei ließ sie allerdings eigene Überzeugungen und Forschungserkenntnisse einfließen, durch welche sie die Symptomatik dieses Syndroms an die des frühkindlichen Autismus anglich. Dieser Prozess schritt mit der Aufnahme in die Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-IV so weit fort, dass die diagnostische Trennung von frühkindlichem Autismus und Asperger-Syndrom mittlerweile zu hinterfragen ist. Laut einer Studie von Miller und Ozonoff (1997, zitiert nach Poustka et al., 2004) könne man nach den heutigen DSM-IV-Kriterien bei keiner der Fallbeschreibungen Hans Aspergers das Asperger-Syndrom diagnostizieren. In der im Jahr 2013 anstehenden Neuerscheinung des DSM-V soll daher nach derzeitigem Erkenntnisstand die separate Diagnose Asperger-Syndrom gestrichen und die Symptomatik in die Diagnose frühkindlicher Autismus integriert werden. Ebenfalls der Überarbeitung und empirischen Klärung bedürfen die epidemiologischen Daten der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen und insbesondere des frühkindlichen Autismus. Noch vor einigen Jahren wurde die Häufigkeit des Autismus viel geringer eingeschätzt als in neueren Studien. Im DSM-IV beispielsweise findet sich eine Prävalenzangabe von 2 bis 5 Fällen auf 10'000 Personen. Heutige Schätzungen legen eine etwa dreimal so große Häufigkeit nahe. Eine Metastudie von Fombonne (2005) gibt dabei einen Überblick über die Entwicklung: Bei den analysierten Studien aus den Jahren 1966 bis 1993 lag die durchschnittliche Häufigkeitsangabe des frühkindlichen Autismus bei 4.7/10'000, zwischen 1994 und 2004 dagegen bei 12.7/10'000. Bei Betrachtung der Zahlen stellt sich natürlich die Frage, wie diese Steigerung erklärt werden kann. Fombonne (2005) selbst zieht aus seinen Analysen den Schluss, dass man nicht von einer tatsächlichen Häufung von Autismusfällen ausgehen könne. Zu dem gleichen Ergebnis kommen auch Poustka et al. (2004, S.18), die die „wahre Häufigkeit“ als „relativ konstant“ ansehen und andere Gründe für den scheinbaren Anstieg vermuten. So seien vor allem die Weiterentwicklung der diagnostischen Kriterien und die verbesserte Methodik in der Forschung Ursachen für eine zuverlässigere Diagnostik von Autismus. Die Aufnahme auch leichterer Fälle, die in älteren Studien wahrscheinlich nicht berücksichtigt wurden, sowie eine Früherkennung schon in den ersten Lebensjahren tragen entscheidend zu erhöhten Prävalenzschätzungen bei.

Im Zusammenhang mit der Epidemiologie des Autismus ist neben der Betrachtung der Häufigkeiten auch die Geschlechterverteilung höchst aufschlussreich. So sind deutlich mehr Jungen als Mädchen betroffen: Frühkindlicher Autismus tritt laut ICD-10 etwa drei- bis viermal häufiger bei Jungen auf, das Asperger-Syndrom sogar achtmal häufiger. Mädchen sind dagegen meist stärker beeinträchtigt und weisen häufiger eine geistige Behinderung auf.

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Details

Seiten
7
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656950424
ISBN (Buch)
9783656950431
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298685
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Schlagworte
Entwicklungspsychologie Entwicklungsstörungen Autismus autistische Störungen DSM-IV ICD-10 Asperger-Syndrom

Autor

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Titel: Autismus. Störungsbild und Verlauf der Entwicklungsstörung