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Zum Absturz der Germanwings-Maschine. Eine tiefenpsychologische Betrachtung

Essay 2015 6 Seiten

Psychologie - Persönlichkeitspsychologie

Leseprobe

Herman Hesses Parabel

Hermann Hesse schildert in seinem Märchen (seiner Parabel) Der schwere Weg, eine mühevolle Bergwanderung: „Auf dem Gipfel träumt der Bergsteiger von einem kahlen Baum, der aus dem Gestein wächst, und von einem schwarzen Vogel, der zuerst darauf sitzt, dann aber in die Tiefe fliegt. Bald stürzt der Vogel und der Träumer erkennt nun im fallenden Tier sich selbst. Er stürzt gegen die Erde, an die Brust der Mutter.“

„Diese Tendenz, in einer Lebensenge nach einer nährenden, wärmenden Mutterbrust zu suchen, kennzeichnet mehr oder weniger hintergründig auch die Suizidhandlung narzisstischer Menschen.“[1]

Die Nähe der Mutter als Heilung von der Lebensnot wird herbeigesehnt. Der Suizid wäre demnach ein Selbstheilungsversuch eines in äußerste Bedrängnis geratenen Menschen, dessen Kompensationsversuche seiner Selbstschwäche durch Kränkungen insuffizient geworden sind.

Nicht so sehr mit der leiblichen als vielmehr mit der großen Mutter (Natur) wird eine Fusion ersehnt, die rettet und wärmt und ewiges Leben spendet. Der Sprung in die Tiefe würde ihm die Wiedervereinigung mit der umsorgenden und umfangenden Mutter und Geborgenheit bringen.

Mit dieser Geschichte des Nobelpreisträgers Hesse und der Interpretation Battegays im Hinterkopf begab ich mich auf die Spurensuche nach einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung des Copiloten Andreas Lubitz und wurde in Presse- und Fernsehberichten schnell fündig.

Der seelische Flugschreiber des Andreas Lubitz

Da wird gesagt, dass Lubitz nach jahrelangem Training am „Iron-Man-Hawaii“ teilgenommen hat und im September 2009 am Airport Race Hamburg, einem Zehn-Meilen-Lauf rund um den Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel.

Tiefgreifende Erfahrungen von Vernachlässigung und Demütigung, die im Unbewussten schlummern, führen bei Narzissten oft zu Höchstleistungen, mit denen sie ihr labiles Selbstwertgefühl stabilisieren.

Auch der Beruf des Piloten hat etwas Grandioses, Selbstüberhöhendes, Leistungsbetontes, dem allgemeine Anerkennung in besonderem Maße zuteilwird.

Die Journalisten haben sich das Zuhause in Montabaur angesehen und schon von außen fiel auf, dass die Familie Ordnung lieben muss! Der Garten vor dem Haus, jede Pflanze akkurat gestutzt, jeder Busch penibel formatiert.

Nehmen wir an, dieses Gartenidyll spiegelt eine Zwangsneurose, so könnte dies auch einen erheblichen Mangel an herzlicher Zuwendung in anderen Bereichen bedeuten. Dem Copiloten Lubitz fehlte es möglicherweise an Wärme, Geborgenheit und Liebe in seinen ersten Lebensjahren, die jedes Kleinstkind-Selbst so nachhaltig prägen.

Wärme und Heimatgefühle hat Lubitz bei Burger King gefunden. Dort arbeitete er 2008, vor seiner Pilotenausbildung ein Jahr. Er hat dort auch seine Freundin kennengelernt.

Im Café gegenüber dem Rathaus sei er oft mit ihr gewesen, sagte eine Kellnerin, die sich gut an die beiden erinnert. Immer am Wochenende zu Eis, Cappuccino waren sie da. Das letzte Mal kam Andreas Lubitz mit seiner Mutter (!) Mitte Februar 2015. Er trank diesmal nur Kaffee.

Narzissten benötigen die Partnerbindung überwertig eng (fusioniert mit dem Anderen) und exklusiv auf sie selbst bezogen. Sie müssen sich immer für voll genommen fühlen. Das hat dem Kleinstkind Lubitz vermutlich gefehlt. Er weiß es aber nicht, woher dieses Gefühl stammt und sucht es in der Gegenwart bei seiner Mutter, nicht ahnend, dass ein so früher Mangel später nicht mehr voll ausgeglichen werden kann.

Das Flugzeug stürzte nicht irgendwo ab sondern ganz in der Nähe eines Ortes, an dem Lubitz als Jugendlicher zum Segelfliegen war. Suchte er auch hier Heimat, Geborgenheit?

Als er seine Pilotenausbildung unterbrach, sagte er zu Freunden bei Burger King: „Zu viel Stress, ich muss mal 'ne Pause machen“. Diese Pause dauerte mehrere Monate. Mehr über sein inneres Chaos wollte er anderen und sich aber nicht eingestehen.

Die aktuelle tiefe Krise des Andreas Lubitz wurde wahrscheinlich durch die Trennung von seiner Freundin im Januar 2015 ausgelöst, die inzwischen eine Ausbildung zur Grundschullehrerin gemacht hatte. Solche Krisen setzen massive, kaum zu kontrollierende Wut gegen sich und andere und Hass frei, verbunden mit starken Depressionen.

Arbeit und Beruf geben uns allen Stabilität und Identität. Der Medical-Check der Lufthansa vermerkte bei Lubitz: bei Wiederauftreten der Symptome (Depression = narzisstische Leere = Selbstwertgefühl nahe Null) - erlischt die Genehmigung, als Pilot eine Maschine zu steuern / mitzusteuern.

Wenn jemand sich mit anderen das Leben nimmt, nennen die Psychiater das einen erweiterten Suizid. Das ist oft bei Amokläufern (School-shooting) beobachtet worden und geschieht auf dem Boden einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Solche Menschen sind leicht zu kränken und können dabei mörderische Zerstörungswut in sich aufsteigen fühlen. Wutkranke!

Vom Hass auf sich ist es nur ein kleiner Schritt zum Hass auf andere, die ihnen angeblich wehtaten.[2]

Die Grenze zwischen gesundem Narzissmus, narzisstischer Neurose und narzisstischer Persönlichkeitsstörung wird wahrscheinlich überschritten, wenn der Betroffene durch existenzbedrohende Kränkungen oder Zurücksetzungen im Beruf und privat die Illusion allumfassender Kontrolle und Überlegenheit verliert. Die gefühlte Ohnmacht ist dann unerträglich und führt in das Erleben, nichts in sich zu haben, nichts zu sein, nichts wert zu sein (Depression). Angst wird gefühlt. Handeln kann davon befreien.

Das war bei Lubitz wahrscheinlich der Fall. Menschen, die in ihrer Frühkindheit (erste drei Lebensjahre) nicht genügend Selbstbestätigung erhielten, weil es am freudig spiegelnden Lächeln (mirroring), dem Geborgenheit spendenden Schmusen und der Wärme gebenden Körperberührung fehlte, müssen ihre narzisstische Leere in ihrem späteren Leben mit Extremsportarten, Extremberufen (Flugzeugführer) füllen. In einer Partnerschaft fordern sie beständig ein Höchstmaß an Re-Parenting / Zuwendung, das auf Dauer niemand leisten kann oder will.

Nimmt man so geprägten Menschen den Beruf, beendet die Partnerschaft oder droht ihnen das an, erleben sie beides als Bedrohung ihrer seelischen Kohärenz! Die Folge: Es wird massiv narzisstische Wut freigesetzt, womit das Bewusstsein überschwemmt wird.

Dieses Gemisch entlädt sich dann im Außen durch einen geplanten und exakt durchgeführten sog. erweiterten Suizid als Abwehr einer Psychose. Deeply depressed persons können das gar nicht! Der seelische Flugschreiber des Andreas Lubitz ist damit gefunden.

Wenn Bezugspersonen/Betreuer das Selbst ihrer/der Kinder durch fehlende Liebe und mangelhafte Gefühlsschulung zerstören, statt es durch sichere Bindung (Liebe) kohärent zu machen, können so Gestörte ein ganzes Flugzeug mit Besatzung und Fluggästen atomisieren, weil ihnen die Selbstkräfte fehlen, mit schwerwiegenden Lebenskrisen angemessen umzugehen.

Freud nannte das Agieren (Reinszenieren). Unbewusste Erlebnisinhalte des vorsprachlichen Lebens/der Frühkindheit (erste drei Jahre) werden szenisch im realen Leben dargestellt.

Thomas Manns Beitrag

Schließlich sei an einen weiteren Nobelpreisträger der Literatur, Thomas Mann, erinnert. Sein offenkundiger Narzissmus und die unverstellt erkennbare Zwangsneurose seiner Frau Katja, der Domina des Haushaltes, haben eine lieblose Erziehung der sechs Kinder stark befördert. Zwei seiner Söhne, Klaus (1949) und Michael (1975) nahmen sich bekanntlich als Erwachsene das Leben.

Resümee

Noch ist Kleinstkinderziehung sozusagen Glücksache, weil den Eltern dazu die wichtigen und richtigen Informationen vorenthalten werden (z.B. aus der Bindungstheorie). In den Schulen sollte Kindererziehung zum Pflichtfach werden. Vielleicht beugt das derart unvorstellbaren Katastrophen wie diesem Flugzeugabsturz mit vor.

Es sei denn, es wird bei den Tauglichkeitsuntersuchungen der Piloten künftig auch eine Fahndung nach psychischen Auffälligkeiten vorgenommen. Zur Sicherheit![3]

Addendum

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sagte am 22.4.2015 vor dem Verkehrsausschuss des Bundestages, dass die detaillierte Auswertung der beiden Flugschreiber der Germanwings-Maschine den Verdacht erhärtete, dass der Copilot den Airbus mit voller Absicht gegen einen Berg gesteuert hat. Es sei nun abschließend klar, dass der Copilot mehrfach bewusst eingegriffen habe, um die Maschine mit 150 Menschen an Bord zum Absturz zu bringen. Der 27-jährige habe sowohl die Höhe als auch die Geschwindigkeit nachgesteuert und zudem aktiv das Steuer betätigt. Damit sei durch die Aufzeichnungen von Stimmenrekorder und Flugdatenschreiber die Handlungsfähigkeit des Mannes "voll nachgewiesen", sagte der Minister.[4]

[...]


[1] Battegay, ehem. Ordinarius für Psychiatrie an der Universität Basel in: Narzissmus und Objektbeziehungen und Suizid, Huber 1977 u. 1991, pg. 79 u. 121.

[2] Vgl. Dubbert, Kriminalpsychologin, in DIE ZEIT v. 1.4.2015, pg. 22 mit dem Titel „Was, wenn er es war“?

[3] Vgl. „How to Screen Pilots“ in der The New York Times v. 10.4.2015.

[4] http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/absturz-in-den-alpen/germanwings-absturz-dobrindt-sieht-verdacht-gegen-andreas-lubitz-erhaertet-13552740.html

Details

Seiten
6
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656950042
ISBN (Buch)
9783656950059
Dateigröße
360 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298596
Note
Schlagworte
absturz germanwings-maschine eine betrachtung

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Titel: Zum Absturz der Germanwings-Maschine. Eine tiefenpsychologische Betrachtung