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Sind Noten fair? Eine Beurteilung der Leistungsbewertung von Schülern durch Lehrkräfte

Essay 2015 12 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Funktion von Noten

3. Probleme der Funktionen von Notengebung

4. Bezugssysteme und ihr Einfluss auf Notengebung

5. Gütekriterien

6. Subjektive Fehlerquellen

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die heute bekannte Form der Notengebung entstand zu Beginn des 19. Jahrhundert. Als Vorläufer der Zensuren gilt das Benefizienzeugnis, das Schülern von mittellosen Eltern ausgestellt wurde, die sich eines Stipendiums als würdig erwiesen haben. Im Vordergrund standen hier weniger Lernerfolge, sondern vielmehr Fleiß, Wohlverhalten und Gottesfürchtigkeit. Allmählich setzte sich dann das Zeugnis in seiner heutigen Form durch. Jeder Schüler bekam nun individuelle Rückmeldung über die schulischen Leistungen auf einem amtlichen Dokument attestiert. Der Grund hierfür lag in der Erkenntnis Preußens, dass der Adel alleine nicht mehr in der Lage sei, die Leistungspositionen eines modernen Staates angemessen zu besetzen. Genau hier setzte sich das Leistungsprinzip durch. Anstelle von Geburt, Religion, Geschlecht, etc. bestimmt nun individuelle Leistung die Position in der Gesellschaft (vgl. Wengert 2004, S. 295). Und genau diese Leistung spiegelt sich in den Noten wider. Um 1850 etablierten sich zunächst drei Bewertungsstufen, die dann allmählich erweitert wurden. Die heute bekannte Notenskala von eins bis sechs wurde erst 1938 eingeführt (vgl. Kuss 2003). Im Zuge der Demokratisierung hat die individuelle Leistung heute noch viel größere Bedeutung als früher. „Nie zuvor hat sich eine Gesellschaft so bewußt darum bemüht, die Fähigkeiten und Eigenschaften ihrer Mitglieder zu bewerten und zu beurteilen“ (Tewes 1976, S. 89). Die Schule als Institution basiert auf einem leistungsorientierten System. Die Noten werden zur Entscheidung über die Chancenzuweisung für den Schüler herangezogen. Dies beschreibt bereits eine erste Funktion der Notengebung.

Mit der hier vorliegenden Arbeit möchte ich die Leistungsbewertung von Schülern durch die Lehrkräfte beurteilen. Hierzu sollen zunächst einige Funktionen der Notengebung erläutert und dann kritisch betrachtet werden. Anschließend werden Bezugssysteme und deren Einfluss auf Noten vorgestellt. Weiterhin sollen die Gütekriterien einer jeder Leistungsbewertung erläutert und dann Störfaktoren in der Benotung bezüglich der Objektivität aufgezeigt werden. Zum Schluss soll im Fazit eine endgültige Einschätzung hinsichtlich der Fairness von Noten gegeben werden.

2. Funktion von Noten

Deutschland gehört zu einem der Länder, deren Bildungssystem besonders hoch selektiv ausgerichtet ist (vgl. Tewes 1976, S. 91). Das deutsche Bildungssystem ist dreigliedrig und hierarchisch strukturiert (vgl. Tewes 1976, S. 94). Bildungschancen werden somit nach dem Selektionsprinzip vergeben. Notengebung übernimmt hier also die Funktion einer Auslese, denn gleiche Lernbedingungen maximalisieren die Leistungsunterschiede zwischen Schülern (vgl. Tewes, S.94). So entscheidet sich, welcher Schüler auf welche Schule geht, welchen Abschluss erhält und welchen Beruf diese Person letztlich erlernen und ausüben kann. Als eine Leistungsgesellschaft wird diese Funktion der Auslese oder Selektion auch von der Schule erwartet und ist unter dem Gesichtspunkt einer Demokratie zunächst auch rechtzufertigen. (vgl. Kiper et al. 2002, S. 134). Noten wurden ursprünglich auch nicht aus pädagogischen Gründen eingeführt.

Eine weitere wichtige Aufgabe von Noten ist die Sozialisierungsfunktion. Ab dem Tag der Einschulung lernen Kinder neue Leistungsnormen, die sich grundlegend von beispielsweise denen der Familie oder des Kindergartens unterscheiden. Beispielsweise bestimmen nicht Liebe, Sympathie oder gutes Benehmen die Noten, sondern lediglich die erbrachte Leistung. Ob gutes Benehmen einen Einfluss auf Noten hat, ist natürlich diskutabel (siehe Hof-Effekt). Allerdings ist zu erwähnen, dass die Erkenntnis der Schüler, dass Leistungen selbst verursacht sind, erst allmählich entsteht. Oft empfinden Schüler niederer Jahrgangsstufen gute Noten als Zuneigung des Lehrers, bzw. schlechte Noten als Liebesentzug. Die Noten nehmen später immer mehr Einfluss auf die Stabilisierung des Leistungsbildes und des Selbstwertgefühls des Schülers. Dies beeinflusst im Schulleben, aber auch insbesondere später im Berufsleben, das Verhalten, wie jemand mit leistungsbezogenen Situation umgeht (vgl. Wengert 2004, S. 296).

Die nächste Funktion von Noten ist die Kontroll- oder Rückmeldefunktion. Die Note zeigt dem Schüler, wie seine Leistungen vom Lehrer bewertet werden. Diese Note steht sowohl im Verhältnis zu den Leistungen seiner Mitschüler, als auch in Bezug zu den vom Lehrer gesetzten Erwartungen. Dem Schüler ist es also durch Noten möglich, seine Leistungsergebnisse in Relation zu seinen Mitschülern und den Erwartungen des Lehrers zu setzen und diese so zu kontrollieren und gegebenenfalls etwas daran zu ändern. Die Kontrollfunktion spielt aber auch für den Lehrer eine wichtige Rolle. Die erbrachten Leistungen seiner Schüler geben ihm eine Rückmeldung über die Effektivität und den Erfolg seines Unterrichts (vgl. Schröder 1976, S. 116).

Eine letzte Funktion, die hier angeführt werden soll, ist die Motivationsfunktion. Der Schüler wird schon allein durch die Tatsache, dass er benotet wird, dazu veranlasst, bessere Leistung abzurufen. Außerdem kann es dazu kommen, dass sich Schüler gegenseitig anspornen, indem sie ihre Noten vergleichen (siehe Kontrollfunktion).

3. Probleme der Funktionen von Notengebung

Nachdem einige Funktionen der Notengebung erläutert worden sind, sollen diese als nächstes kritisch hinterfragt werden.

Das Selektionsprinzip ist in unserer Gesellschaft verankert. Doch wie fair ist Selektion durch Noten in der Schule? Fest steht, dass Selektion in unserer Leistungsgesellschaft eine unentbehrliche, gesellschaftlich notwendige Aufgabe darstellt. An dieser Stelle darf also nicht die Selektion an sich hinterfragt werden, sondern eher bedarf es einer kritischer Beurteilung des Prozesses bis zu eben dieser Selektion und auch der Notengebung an sich. In Deutschland werden gleiche Startchancen vorausgesetzt. Aber diese Voraussetzung existiert praktisch nicht. Kinder aus bildungsfernen Schichten sind gegenüber Kindern aus bildungsbewussten Elternhäusern benachteiligt. Kinder aus bildungsfernen Schichten haben es also im Vergleich zu anderen Kindern oft schwieriger. Die erste Selektion findet nach der vierten Klasse statt. Hier wird auch der Zusammenhang zwischen Selektion und Noten deutlich sichtbar. Benachteiligte Kinder haben nicht die Möglichkeit, ihre Leistungsunterschiede gegenüber anderen Kinder in dieser kurzen Zeit aufzuheben. Dies spiegelt sich in ihren Noten wider. Die schulische Selektion wird so zu einer ungerechten sozialen Selektion. (vgl. Hohenlöchter 2005, S. 6). Des Weiteren lässt sich hier ein Widerspruch erkennen. Schule soll zum einen die Entwicklung von Schülern fördern und zum anderen Selektionsentscheidungen über eben diese Schüler treffen. Zum individuellen Fördern gehört, dass Lernende sich ausprobieren, Fehler machen und sich so entfalten können (vgl. Weidenmann). Dies steht eindeutig im Widerspruch zur Selektion, die dann zwar angekündigt, aber doch recht schnell stattfindet. Selektion ist auch schon allein durch die Tatsache, dass Leistungsbewertung kritisch zu bewerten ist, ein Problem. Mögliche Fehlerquellen in der Beurteilung von Schülern können entscheidend sein, in welche Schulform beispielsweise ein Schüler geschickt wird und ihm dadurch mögliche Chancen verwehrt bleiben. Im Laufe dieser Arbeit werden denkbare Fehlerquellen und Störfaktoren eine Rolle spielen.

Die Sozialisierungsfunktion kann man als unproblematisch einstufen. Man könnte lediglich argumentieren, dass eine zu abrupte Verhaltensänderung in Bezug auf Leistungsverhalten seitens der Schule gewünscht ist, wobei der Sozialisierungsprozess, wie bereits erwähnt, ein allmählicher ist.

Durch die Kontroll- oder Rückmeldefunktion von Noten sollen dem Schüler seine Lernfortschritte verdeutlicht werden. Allerdings wird die Notengebung dieser Aufgabe kaum gerecht. Der Note ist nicht zu entnehmen, wie sich die persönlichen Leistungen im Verlauf der Zeit verändert haben. Sie gibt lediglich einen relativen Leistungsstand des Schülers wieder (vgl. Tewes, S. 92). Die Note kann nicht vorhersagen, wie ein Schüler sich in Zukunft entwickeln wird. Dennoch wird beispielsweise die Abschlussnote zur Selektion herangezogen. Viele Schüler machen ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Diese Schüler haben meist keine Empfehlung für das Gymnasium erhalten und schaffen die Hochschulreife dann trotzdem. Die Kontrollfunktion für den Lehrer ist auch problematisch zu sehen. Dazu soll aber im Kapitel „Bezugsnormen“ Stellung genommen werden.

Die Motivationsfunktion kann natürlich leistungsmotivierend wirken. Allerdings kann auch das genaue Gegenteil eintreten. Durch Noten können Schüler immer wieder unter Leistungsdruck gesetzt werden. Die Angst, den Anforderungen nicht gerecht zu werden, kann die Leistung und so die Noten negativ beeinflussen und somit verfehlt diese Funktion ihren Sinn (vgl. Schröder 1976, S.115). Einige Schüler können besser mit Druck umgehen als andere. Die Frage ist hier, ob dies einen so großen Stellenwert in der Notengebung einnehmen darf und soll. Schließlich soll die reine Leistung gemessen werden und beispielsweise nicht der Umgang mit Zeitdruck. (siehe Validität u. Halo-Effekt)

4. Bezugssysteme und ihr Einfluss auf Notengebung

Zensurengebung im Schulalltag greift auf Bezugssysteme zurück. An dieser Stelle sollen drei solcher Bezugssysteme und ihr Einfluss auf Noten vorgestellt werden.

Die Sozialnorm oder das klasseninterne Bezugssystem beschreibt die Bezugnahme der Leistung des Schülers auf die Leistung der Klasse. Die Leistung eines Schülers wird also mit der Leistung anderer Schüler verglichen und vor diesem Hintergrund bewertet. So ist die Notengebung stark abhängig von der jeweilig zufälligen Klassenzusammensetzung. Außerdem erfolgt in der Benotung oft eine Ausrichtung an der Normalverteilungskurve (vgl. Kiper et al. 2002, S. 140). Die vorhin genannte Kontrollfunktion dient dem Lehrer, die Anzahl der Schüler zu ermitteln, die das angestrebte Wissensniveau erreicht haben. Es geht also auch darum, ob einzelne Schüler die gegenwärtigen Anforderungen erfüllen. Die Benotung steht aber oft im Widerspruch dazu. Selbst wenn Schüler stark von den Ansprüchen abweichen, werden extrem schlechte Noten sehr selten vergeben. Genauso verhält es sich mit sehr guten Leitungen. Auch hier werden extrem gute Noten eher selten vergeben. Eine Normalverteilung ermöglicht es aber, dass zwischen den Leistungen der Schüler besser differenziert werden kann. Interindividueller Differenzierung wird hier also große Bedeutung zugeschrieben (vgl. Tewes 1976, S. 90-91). Fair erscheint diese Handhabung nicht. Vor allem sollte der Zufall in der Klassenzusammensetzung kein ausschlaggebender Punkt sein, der die Notengebung in diesem Maße beeinflusst.

Das nächste Bezugssystem ist die Sachnorm. Leistungen der Schüler werden auf eine sachliche Bezugsgröße, meistens Lernziele der Richtlinien, bezogen. Die Note hängt nun davon ab, inwieweit der Schüler das vorgegebene Lernziel erreicht hat. Auf den ersten Blick erscheint diese Vorgehensweise legitim und eine andere Vorgehensweise kann man sich auch schwer vorstellen. Doch die Problematik dieser Bezugsnorm liegt in der in der Definition der Lernziele. Es ist schwierig, die Kriterien für eine positive Leistung zu definieren. Was beispielsweise ist das Kriterium für das Verfassen von eigenen fiktionalen Texten, wie es öfter in unteren Klassen vorkommt? Selbst wenn man alle Kriterien umreißt, wird es Schüler geben, die nicht alle vorgegebenen Kriterien erfüllen werden. Die Bewertung des Leistungsstands könnte hier nur sehr ungenau erfolgen. Um den tatsächlichen Leistungsstand anzugeben, müsste es eine Punkteskala oder eine Art prozentuale Annährung an das nicht vollständig erfüllte Kriterium geben (vgl. Kiper et al. 2002, S. 141). Wenn nun Lehrer aus verschiedenen Schulen, verschiedene Anforderungen stellen, um ein und dieselbe Note zu erzielen, findet hier eindeutig keine faire Notenvergebung statt. Dies trifft auch auf Lehrer von derselben Schule zu. Unterschiedliche Anforderungen führen zu unterschiedlichen Noten bei identischer Jahrgangsstufe und identischem Fach, aber unterschiedlichem Lehrer.

Das letzte Bezugssystem, das hier vorgestellt werden soll, ist die Individualnorm. Die Leistung des Schülers wird mit seinen bisherigen Leistungen verglichen und so der Lernstillstand oder der Lernfortschritt des Schülers erfasst. Dies spiegelt sich in den Noten wider. Hier ergibt sich wieder das Problem der genauen Definition. Die Frage ist, wie Lernfortschritt überhaupt gemessen werden kann? Es ist fraglich, ob Ziffernoten reichen, um Lernfortschritt genau anzugeben (vgl. Kiper et al. 2002, S. 143). Notengebung erscheint unter diesem Gesichtspunkt also erneut sehr ungenau.

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Details

Seiten
12
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656947677
ISBN (Buch)
9783656947684
Dateigröße
399 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298443
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
Schlagworte
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