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Vergleich der Protagonisten aus Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ und Salingers „Der Fänger im Roggen“

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Charakterisierungen der Hauptpersonen
2.1 Die Person Werther
2.1 Die Person Holden Caulfield

3. Vergleich der Figuren
3.1 Einstellung zur Gesellschaft
3.1.1 Werthers Position zur Gesellschaft
3.1.2 Holden Caulfields Position zur Gesellschaft
3.1.3 Zusammenfassung
3.2 Das Leitmotiv der Flucht
3.2.1 Werthers Fluchten
3.2.2 Holden Caulfields Fluchten
3.2.3 Zusammenfassung
3.3 Psychischer Zustand der Protagonisten
3.3.1 Werthers psychischer Zustand
3.3.2 Holden Caulfields psychischer Zustand
3.3.3 Zusammenfassung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Johann Wolfgang Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ und J. D. Salingers „Der Fänger im Roggen“ sind einflussreiche und bedeutende Romane, sowohl für ihre jeweilige, wie auch für die heutige Zeit. Die Charaktere haben starken Einfluss auf die damalige Leserschaft genommen und auch heute noch beschäftigen sich viele Schüler im Unterricht mit den Schicksalen von Werther und Holden.

Mit „Die Leiden des jungen Werther“ hat Goethe ein Werk erschaffen, an dem sich viele spätere Autoren orientierten und sich von diesem beeinflussen ließen. Zu diesen zählt auch Salinger.

Dieser erweckte mit Holden Caulfield eine Figur zum Leben, bei der gewisse Parallelen zu Goethes Werther erkennbar sind. Doch wie ähnlich sind sich die beiden Protagonisten wirklich? Haben sie gleiche oder unterschiedliche Beweggründe für ihre Taten? Wie verlaufen ihre jeweiligen Schicksale?

Diese Hausarbeit soll zunächst einen Überblick über diese beiden Figuren schaffen, so dass mit einer allgemeinen Charakterisierung begonnen wird, in der die jeweilige Person mit ihren Eigenarten vorgestellt wird.

Im Anschluss erfolgt der Vergleich unter den drei Gesichtspunkten „Einstellung zur Gesellschaft“, „Das Leitmotiv der Flucht“ sowie der „Psychische Zustand der Protagonisten“.

Das abschließende Fazit wird die herausgearbeiteten Ergebnisse letztlich zusammenfassen.

2. Charakterisierungen der Hauptpersonen

2.1 Die Person Werther

Der namensgebende Protagonist aus Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ ist ein junger Mann, welcher nach Wahlheim kommt, um Erbschaftsangelegenheiten zu klären. Durch die Briefe, die er an seinen Freund Wilhelm schreibt, gewinnt der Leser Einsicht in dessen Gefühle und Charakter. Schon zu Beginn des Romans wird deutlich, dass Werther sich sehr mit der Natur verbunden fühlt und die Zurückgezogenheit genießt, die er dort verleben kann: „Die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend (…).“[1] Werther ist ein Mensch, der Zeit für sich braucht, Zeit um nachzudenken, wirkt er doch wie ein äußerst reflektierter und gefühlsbezogener Mann. Auch die Tatsache, dass er viele Briefe an Wilhelm schreibt und vor allem, wie er sie schreibt, deutet darauf hin. So kommt es auch, dass er, anstatt seiner eigentlichen Absicht nachzugehen, lieber seine Zeit mit Zeichnen und mit den Einwohnern Wahlheims verbringt. Auch hieran lässt sich wiederum gut erkennen, dass Werther ein in hohem Maße gefühlsbetonter Mensch ist.

Einhergehend mit dieser Sensibilität und Empfindsamkeit ist die Melancholie, die bei vielen von Werthers Briefen mitschwingt. Bereits die Einsamkeit, die Werther zu Beginn genießt, ist ein Zeichen dafür. Diese wird durch die unerfüllte Liebe zu Lotte nur noch gestärkt. Im Laufe des Romans wandelt sich diese Melancholie immer mehr zu einer Todessehnsucht, die er verspürt. So schreibt er im Brief vom 3. November:

„Weiß Gott! ich lege mich so oft zu Bette mit dem Wunsche, ja manchmal mit der Hoffnung, nicht wieder zu erwachen: und morgen schlage ich die Augen auf, sehe die Sonne wieder und bin elend“.[2]

An diesem Beispiel wird Werthers Gemütszustand besonders gut deutlich, denn noch nicht einmal die Natur, die ihm anfangs eine solche Freude bereitet hat, kann nun seine Laune bessern. Er hat keinerlei Motivation mehr, seine Melancholie ist in eine tiefe Depression umgeschlagen, sodass er schließlich seinem Leben mit der Flucht in den Suizid ein Ende setzt.

Man könnte annehmen, dass allein Werthers unglückliche Liebe der Grund für seinen Freitod sei, doch bereits am Anfang des Romans, noch bevor er die Bekanntschaft mit Lotte schließt, gibt es Anzeichen dafür, dass er sich Gedanken um das Thema Selbstmord macht.[3] Für ihn ist es eine beruhigende und auch befreiende Vorstellung, dass er jederzeit „diesen Kerker verlassen kann“, also dass er wann immer er möchte Selbstmord begehen könnte.[4]

Es stellt sich die Frage, warum er sich schon zu diesem Zeitpunkt solche Gedanken macht. Zum Einen sieht Werther die herrschende Gesellschaftsordnung als nicht sehr positiv an. Er entstammt zwar dem Bürgertum, gehört also nicht zu der niedrigsten Gesellschaftsschicht, doch der Adel steht noch immer über ihm. Diesen verachtet er.[5] Durch ihn fühlt er sich häufig in seinen Freiheiten eingeschränkt.[6]

Zum Anderen scheint Werther in hohem Maße mit sich selbst beschäftigt zu sein.[7] Seine eigene Identität steht für ihn an allererster Stelle: “Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt!“[8] Er lebt demnach lieber in seiner eigenen, inneren Welt, als in der realen. Dies verdeutlicht erneut, dass Werther ein in sich gekehrter, nachdenklicher Mensch ist.

Doch noch im selben Brief macht er deutlich, dass er es bevorzugen würde in der Welt der Kinder zu verweilen. Für ihn scheinen Kinder das glücklichste Leben zu führen, da sie „in den Tag hinein leben“, also unbeschwert sind und – im Gegensatz zu ihm – sich nicht übermäßig viele Gedanken machen müssen. [9]

Er empfindet somit hohe Sympathie für Kinder. Dies wird schon deutlich, als er am Anfang des Romans eine Mutter mit ihren Kindern trifft und sich direkt mit ihnen anfreundet. Zudem beschenkt er sie stets, beispielsweise mit Nahrung oder Geld.[10]

Werther hat demnach, auch wenn er häufig sehr egozentrisch erscheint, nichtsdestotrotz eine hilfsbereite Ader.

2.1 Die Person Holden Caulfield

Der Protagonist Holden Caulfield aus Salingers Roman „Der Fänger im Roggen“ ist ein Jugendlicher, welcher von einem Wochenende aus seinem Leben berichtet, das er in New York verbracht hat, nachdem er von seiner Schule fortgelaufen war. Der Leser gewinnt auf diese Weise Einblicke in Holdens Gefühlswelt und seinen Charakter.

Während des Erzählvorgangs ist Holden bereits Insasse einer psychiatrischen Anstalt.[11] Dies zeigt bereits, dass Holden kein psychisch stabiler junger Mann ist. Ein vermeintlicher Grund dafür könnte der einige Jahre zurückliegende Tod seines kleinen Bruders Allie sein, der an Leukämie starb und für Holden ein sehr wichtiger Mensch war und dies auch immer noch ist.[12] Es gibt nur wenige Menschen in Holdens Leben, die für ihn wirklich wichtig sind. Neben Allie sind das seine kleine Schwester Phoebe, die er sehr liebt, und Jane, die er vor einigen Jahren kennenlernte und in die er verliebt zu sein scheint.[13] Im Grunde ist Holden jedoch ein einsamer Mensch. Dies betont er oftmals selbst.[14] Eine Szene, die dies allerdings besonders anschaulich verdeutlicht, ist die folgende: „Mir war danach, jemanden anzurufen. (...) aber kaum war ich drinnen, fiel mir niemand ein, den ich anrufen konnte. (...) Also rief ich schließlich keinen an.“[15] Hier wird Holdens Isolation sehr gut erkennbar. Er möchte gerne Kontakt mit jemandem aufnehmen, doch er kennt niemanden, der in diesem Moment dafür geeignet wäre. Auf seiner Schule, der Pencey Prep, hatte er zwar so etwas wie Freunde, doch es erweckt den Eindruck, als würde Holden seine Schulkameraden nicht sonderlich mögen. Über seinen Zimmernachbar Stradlater schreibt er sogar: „Gott, wie ich ihn hasste.“[16] Nichtsdestotrotz ist er stets hilfsbereit. Vielen seiner Mitschüler verleiht er Dinge und für Stradlater verfasst er darüberhinaus sogar einen Aufsatz.[17]

Während er die Schulaufgaben seiner Mitschüler erledigt, ist ihm seine eigene Schulkarriere eher unwichtig. Bereits zum vierten Mal wird er von der Schule verwiesen, da er kein Fach außer Englisch bestanden hat.[18] Doch mangelnde Intelligenz ist dafür nicht der Grund. Holden ist sehr belesen und seine Unterhaltung, die er mit zwei Nonnen über das Stück „Romeo und Julia“ führt, zeugt von einigen eigenen Überlegungen.[19]

Holdens Versagen in der Schule wirkt vielmehr wie eine Art Protest, denn immer wieder kritisiert er seine Schule sowie ihre Schüler. Er behauptet, dass die Pencey Prep nicht anders oder besser als andere Schulen sei.[20] Die Schüler bezeichnet Holden als „Gauner“. So schreibt er: „Ziemlich viele kamen aus den ganz reichen Familien, aber trotzdem war sie voller Gauner. Je teurer eine Schule ist, desto mehr Gauner gibt’s.“[21]

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Holden scheinbar eine Abneigung gegen wohlhabende Menschen hegt, obwohl er selbst aus einer reichen Familie stammt.[22] Hier wird bei Holden eine gewisse Widersprüchlichkeit deutlich. Zum Einen ist ihm die Oberflächlichkeit vieler Menschen zuwider. Ein Beispiel dafür ist seine Äußerung zur Karriere seines Bruders D.B. Der Schriftsteller hat einen Job als Drehbuchautor in Hollywood bekommen, doch laut Holden „prostituiert“ er sich dabei nur.[23] Zum Anderen jedoch verhält Holden sich selbst ab und zu oberflächlich. Beispielsweise äußert er: „Ich weiß, das ist nicht wichtig, aber ich finde es blöd, wenn jemand billige Koffer hat.“[24] Auch wenn er bereits zugibt, dass der Preis von jemandes Koffer unwichtig ist, berichtet er dennoch fast eine Seite über die Koffer eines ehemaligen Mitschülers. Er hat sich also durchaus seine Gedanken über dieses Thema gemacht. Für jemanden, der vieles als „phony“ kritisiert, also als „oberflächlich, heuchlerisch oder falsch“, erscheint dieser Umstand als äußerst widersprüchlich.[25]

Dinge, die dieser Kritik ausgesetzt sind, können ganz unterschiedlicher Natur sein. Im Allgemeinen sind es jedoch Umstände beziehungsweise häufig Personen, die nicht Holdens Ideal entsprechen, die also anders sind, als er sie gern hätte.[26] Er stellt also gewisse Ansprüche an seine Mitmenschen und an seine Umwelt. Doch diese werden oftmals nicht erfüllt, sodass Holden unzufrieden und frustriert erscheint.

Wie bereits zu Beginn erwähnt, leidet Holden unter psychischen Problemen in Form von Depressionen. Immer wieder äußert er, dass er deprimiert ist, oder dass ihn eine bestimmte Sache deprimiert. Hin und wieder ist seine Niedergeschlagenheit so stark, dass er sogar Todeswünsche äußert.[27] Diese Depression und die Unzufriedenheit mit seiner Umgebung stellen einen Grund dar, weshalb er Kinder schätzt und sie beschützen möchte. Dabei hat er im Sinn, wie Kinder in einem Roggenfeld spielen und er sie vor dem Absturz in einen Abgrund retten müsste. Holden sagt, das sei „das Einzige, das [er] richtig gern wäre.“[28] Es wirkt beinahe so, als wolle er den Kindern das Schicksal ersparen, welches ihm bevorzustehen scheint. Er möchte sie vor dem symbolischen Abgrund retten, auf welchen er zusteuert.[29] Dieser Abgrund lässt sich als den Suizid interpretieren, welchem er letztendlich doch noch ausgewichen ist.

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werther, hg. von Anna Riman unter Mitarbeit von Markus Köcher. Stuttgart: Reclam 2013 (RUB 19124). S. 6. Im Folgenden zitiert als Goethe: Die Leiden des jungen Werther.

[2] Ebd. S. 103.

[3] Vgl. Leis, Mario: Lektüreschlüssel Johann Wolfgang Goethe Die Leiden des jungen Werther. Stuttgart: Reclam 2002 (RUB 15312). Im Folgenden zitiert als Lektüreschlüssel: Die Leiden des jungen Werther.

[4] Goethe: Die Leiden des jungen Werther. S. 14.

[5] Vgl. Ebd. S. 87: „Hole sie der Teufel!“

[6] Vgl. Ebd. S. 76.

[7] Vgl. Lektüreschlüssel: Die Leiden des jungen Werther. S. 33.

[8] Goethe: Die Leiden des jungen Werther. S. 12.

[9] Ebd. S. 13.

[10] Vgl. Ebd. S. 17f.

[11] Vgl. Salinger, J.D.: Der Fänger im Roggen, übersetzt von Eike Schönfeld. 14. Auflage. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 2012. S. 9 & 269. Im Folgenden zitiert als Salinger: Der Fänger im Roggen.

[12] Vgl. Ebd. S. 54f.

[13] Vgl. Ebd. S. 102ff.

[14] Vgl. Ebd. S. 67: „Mann, war mir elend zumute. Ich fühlte mich so verdammt einsam.“

[15] Ebd. S. 81f.

[16] Ebd. S. 60.

[17] Vgl. Ebd. S. 53f.

[18] Vgl. Ebd. S. 18 & 20.

[19] Vgl. Ebd. S. 145.

[20] Vgl. Salinger: Der Fänger im Roggen. S. 10.

[21] Ebd. S. 12.

[22] Ebd. S. 140.

[23] Ebd. S. 10.

[24] Ebd. S. 141.

[25] Vgl. Bode, Matthias: Textanalyse und Interpretation zu Jerome David Salinger The Catcher In The Rye. Hollfeld: Bange 2013 (Königs Erläuterungen Band 328). S. 60. Im Folgenden zitiert als Interpretation: Der Fänger im Roggen

[26] Ebd. S. 61.

[27] Vgl. Salinger: Der Fänger im Roggen. z.B.: S. 120.

[28] Ebd. S. 220.

[29] Vgl. Ebd. S. 237: „Ich habe das Gefühl, dass du schnurstracks auf einen Abgrund zuläufst.“

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656946878
ISBN (Buch)
9783656946885
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298383
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Goethe Die Leiden des jungen Werther Salinger Der Fänger im Roggen Vergleich Charakterisierung

Autor

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Titel: Vergleich der Protagonisten aus Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ und Salingers „Der Fänger im Roggen“