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Mehr als eine Zofe. Lunete als zentrale Romanfigur in Hartmanns von Aue "Iwein"

Hausarbeit 2015 19 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Warum hat die Dienerin mehr Handlungspotential als die Minnedame, Königin Laudine?
2.2. Ermöglichung der Handlung: Lunete als Lebensretterin
2.3. Prägen des Handlungsverlaufs durch Lunete
2.3.1 Lunete als Ehestifterin
2.3.2 Einschub: Gaweins Lob
2.3.3 Lunete als Anklägerin
2.3.4 Lunete als Angeklagte
2.4 Weichenstellung für ein gutes Ende: Lunete als umsichtige Obskurantin

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das von Hartmann von Aue „vor (oder bald nach) 1200“[1] verfasste Epos „Iwein“[2] „prägt zusammen mit dem Erec das Bild des arthurischen Romans“[3] auf dem Höhepunkt mittelhochdeutscher Literatur. Aber nicht König Artus selbst, son­dern Ritter seiner Tafelrunde sind Protagonisten der Romane. In den höfischen Epen „wird ein Ausschnitt aus dem Lebens- und Bewährungsweg eines ‚Ritters in der Welt‘ präsentiert.“[4] Doch beständige sælde und êre („Iwein“, V. 3) zu erlangen, ge­lingt dem Helden nicht ohne Unterstützung.

Im „Erec“[5] begleitet seine Minnedame Enite den Ritter, um die âventiure („Erec“, V. 3111) mit ihm zu bestehen. Im „Iwein“ hingegen ist es Lunete, die Zofe Iweins Geliebter, Königin Laudine, die des Ritters Geschick entscheidend auf verschiedene Weise bestimmt und seine Entwicklung voranbringt. Auch die Königin ist auf ihre Hilfe angewiesen, weshalb Lunete sogar die Politik des Brunnenreichs beeinflusst.

In meiner Hausarbeit richte ich den Fokus auf die Romanfigur Lunete und unter­suche ihre Bedeutung im und für das Geschehen innerhalb der Erzählung. Zunächst scheint es seltsam, dass, anstatt der Minnedame Laudine, die Dienerin Iwein hilft und trotz ihrer niederen Stellung mehr politisches Geschick hat als die Königin. Dafür gibt es zwei Gründe, die in diesem Zusammenhang erörtert werden sollen. Zuerst werde ich das „persönliche[ ] Frauenideal Hartmanns“[6] mit dem „weiblichen Ideal der hohen Minne“[7] vergleichen und sowohl Lunete als auch Laudine jeweils einem Idealbild zuordnen. Anschließend wird in Bezug auf Laudine das literarische Problem dargestellt, welches sich aus der Zuschreibung einer gesellschaftlichen Macht­stellung an die Minnedame, die jedoch politisch unfähig sein sollte, ergibt. Im „Iwein“ findet sich die Lösung für diese Schwierigkeit in der Funktion Lunetes.

Als Kernpunkt meiner Untersuchungen werde ich aufzeigen, wie nur durch Lunete erstens eine Handlung der Erzählung überhaupt ermöglicht, zweitens diese durch sie ausschlaggebend vorangebracht und drittens zum Guten hingewandt wird. Des­halb erfolgt meine Analyse der für diese These zentralen Textstellen chronologisch. Hierbei werden auch Charakterzüge der Zofe beleuchtet. Es soll aufgezeigt werden, dass, obwohl Lunetes Handeln und einige ihrer Eigenschaften für sich betrachtet durchaus negativ erscheinen, die Gesamtkonstitution ihres Charakters allerdings ein positives Bild der Romanfigur zeichnet. Ihre höfische Persönlichkeit und Gesinnung sind Grundlage für die maßgebliche Rolle der Zofe in dem Epos.

2. Hauptteil

2.1 Warum hat die Dienerin mehr Handlungspotential als die Minnedame, Königin Laudine?

Es gibt zwei Arten von Minnedameidealen im arthurischen Roman. Obwohl Laudine Iweins Minnedame ist, spiegelt auch Lunete zumindest den Charakter eines dieser Minnedame-Konzepte wieder. Dies legt Eva-Maria Carne in ihrer Arbeit zu den Hartmannschen Frauenfiguren dar. Dem „weiblichen Ideal der hohen Minne“[8] steht hier das „persönliche[ ] Frauenideal Hartmanns“[9] gegenüber. „Seine Frauengestalten erfüllen weiterhin ihre Aufgabe als Erzieherin und Inspiration des Ritters, ohne jedoch wie im hohen Minnegesang hoch über diesen gestellt zu sein.“[10] Dort nämlich wird die Minnedame zur „‚Lehnsherrin‘ erhoben, um deren Gunst der Ritter dient, der er sich unterwirft und von der er seinen ‚Lohn‘ erhofft.“[11] Das Hartmannsche Ideal, welchem sich Lunete zuordnen lässt, hat folgende Funktionen:

Er [der Ritter] erlebt sie als Führerin und als Autorität; sie wird ihm zum Wegweiser, und durch sie wird er sich seiner Schuld bewußt. Sie verkörpert die heilenden, vermit­telnden Kräfte der menschlichen Natur. Diese Kräfte, und dazu die Bereitschaft zu Dienst und liebevoller Hingabe sind im ursprünglichen Wesen der Frau […] und können […] als ‚weibliche Werte‘ bezeichnet werden. […] Die wohl von Hartmann am höchs­ten geschätzte Tugend ist die güete. Dieser Begriff umfaßt ‚hingebende und selbstlose Hilfsbereitschaft‘; ‚teilnehmendes Mitgefühl‘; hinnehmende Geduld‘; vor allem aber meint der Dichter liebevolles Erbarmen mit dem Nächsten. […] Sie ist allen weiblichen Hauptgestalten (mit Ausnahme Laudines) von Natur aus eigen, so daß sie dem Mann hierin als Vorbild dienen können.[12]

Enite als typische Hartmannsche Minnedame, der Lunete charakterlich ähnelt, ent­spricht dieser Beschreibung. „Ihre weiblichen Tugenden, wie ‚güete‘, ‚erbermde‘ und ‚triuwe‘ sind herausragend. Sie ordnet sich ihrem Mann fast willenlos unter, um ihn in seiner Entwicklung zu unterstützen“[13]. In Kontrast hierzu steht Laudine. Obwohl sie auf die Hilfe des Ritters angewiesen ist[14], verhält sie sich trotz dieser Tatsache dominant, sogar zynisch gegenüber Iwein. Sie spricht z.B. davon, ihm lîhte den lîp („Iwein“, V. 2293) zu nehmen. Außerdem legt Laudine Iwein, der ihr „sehr stark emotionell verbunden und [bereit ist], sie als seine Minneherrin anzusehen“[15], nüchtern dar, dass sie ihn nur aus politischen Gründen heiraten wird.[16]

Laudine ist nicht die Frau, die hilft und leitet sie ist nur Ansporn und Ziel seiner Taten. Sie dient ihm auch keineswegs als Vorbild der Güte, die er erlangen muß. Diese Auf­gabe fällt anderen Frauengestalten zu. Lunete ist die Hauptvertreterin dieser Tugend. Sie ist die eigentliche Trägerin weiblicher Werte.[17]

Die Zofe Lunete verhält sich wie eine Hartmannsche Minnedame, ohne selbst vom Ritter begehrt oder geliebt zu werden. Carne schreibt über diese Art von Frauen: „Von Anfang auf Gott und den Nächsten gerichtet, sind sie es, durch deren Nähe der Held erlöst wird und sich wandelt“[18]. Dies werde ich durch die Analyse der Figur Lunetes und ihrer Rolle innerhalb des Epos aufzeigen.

Bemerkenswert ist, dass Lunetes Handlungspotential jenes von Enite im „Erec“ weit übersteigt. Lunete übernimmt nicht nur die unterstützende Funktion der Minnedame, die Laudine nicht aufweist. Ihr werden auch strategische Fähigkeiten, politische Weitsicht und Entscheidungskraft zugeschrieben, die eigentlich der Königin besser anstünden als der Zofe. Petra Kellermann-Haaf erklärt diesen Widerspruch wie folgt:

Auf der Suche nach weiteren Attributen neben Schönheit und höfischem Benehmen […] ist es ihm [dem Dichter] eingefallen, die hervorragende höfische Dame darüber­hinaus mit weltlicher Macht auszustatten. Daß diese Erklärung nicht so abwegig ist, be­zeu­gen die vielen Damen mit märchenhaftem Herrschaftsbereich , deren Macht dazu dient, sie noch höher aufs Podest zu stellen als Minneherrin und Erziehungsinstanz für den Ritter, ohne daß der Dichter daran interessiert ist, sie in konkreter politischer Aktion vorzuführen.[19]

Als „Quellenfee“[20] in ihrem mythischen Brunnenreich, das „keltische Anderswelt-Konzeptionen“[21] aufweist, entspricht Laudine dieser Darstellung vollends. Sie besitzt geburt unde iugent, / schœne unde rîcheit („Iwein“, V. 2424f), wird aber als Königin von Hartmann bewusst politisch inaktiv, sogar hilflos dargestellt. Was zunächst paradox wirkt, hat aber einen ersichtlichen Grund: „Gerade ihre Hilflosigkeit, ihre Herrschaftsunfähigkeit sind solche wichtigen Qualitäten, weil sie dem Ritter erlau­ben, die Rolle des tapferen, uneigennützigen Retters anzunehmen.“[22] Da bei der passi­ven Minnedame politische Handlungsfähigkeiten ein „Störfaktor im höfischen Frauenideal“[23] sind, „kann der Dichter sie einer weiblichen Gegenfigur andichten, eine Möglichkeit, die […] mit großer Liebe zum Detail ergriffen wird.“[24] Im „Iwein“ erfüllt Lunete auch in dieser Hinsicht die Aufgabe der Gegenfigur zu Laudine, wie ich im Verlauf meiner Analyse belegen werde.

2.2. Ermöglichung der Handlung: Lunete als Lebensretterin

Bereits Lunetes erster Auftritt im Zuge der Handlung verdeutlicht ihre fundamentale Funktion. Sie rettet Iweins Leben, als dieser „als gerechte Folge seiner Zuchtlosig­keit“[25] nach dem Mord an Askalon in dessen Burg eingesperrt und dem wütenden Volk ausgeliefert ist.[26] Der Erzähler stellt die Dienerin als rîterlîche magt („Iwein“, V. 1153) vor. Dieser Ausdruck definiert zum einen ihre soziale Stellung als Magd „im Sinne von ‚dienende Jungfrau einer vrouwe‘“[27] und weist zum anderen auf Lunetes guten Charakter hin. Als iunchfrouwe („Iwein“, Vv. 1414, 1483, 4013, 5301, 7977) ist sie eine „unverheiratete, vornehme Dienerin“[28]. Laut Schusky sei Lunete zwar sozial ihrer Königin untergeordnet, habe aber eine höhere Rangstellung als andere Untergebene.[29] Lunete scheine „eine Art Vermittlertätigkeit zwischen der Herrin und dem Gesinde auszuüben […] (V. 2179)“[30], aber „auch als Fürsprecherin der übrigen Dienerinnen vor Laudine auf[zutreten] (V. 5210ff).“[31] Sie setzt sich für die Belange anderer ein. „Ihre erste Überlegung ist immer, wie der Not des Nächsten zu helfen sei.“[32] Diese altruistische Verhaltensweise zeigt sich besonders in der Ret­tung Iweins. Die mutige Zofe bringt sich sogar selbst in Gefahr, als sie dem Ritter aus Dankbarkeit hilft, weil nur er ihr einst am Artushof Ehre erwiesen habe.[33] „Lunetes Bericht weist also auf seine Fähigkeit zum Guten“[34], die essenziell für das Erlangen weltlicher Ehre und göttlichen Heils ist. Die schlaue Magd gibt Iwein einen Zauberring und Verhaltensanweisungen, um der Rache der Burgbewohner zu ent­kommen.[35] Lunete erweist sich als weise und vorrausschauend, denn [d]ô er in disen sorgen saz, / nû widerfuor im allez daz, / daz im sîn friunt, diu guote magt, / dâvor het gesagt („Iwein“, V. 1301-1304). Lunete wird hier explizit die Tugend der Güte zugeschrieben und ihre wichtige Rolle als Helferin betont. Sie benimmt sich wie ein hofsch magt („Iwein“, V. 1417), denn „[i]mmer wieder kommt sie heimlich zu ihm zurück, um ihm zu helfen oder einfach Gesellschaft zu leisten.“[36] Braunagel stellt fest: „Ihre erste ‚große‘ Aufgabe“ hat Lunete damit erfüllt: Sie rettet Iwein das Leben und macht somit den weiteren Fortgang der Geschichte erst möglich.“[37]

2.3. Prägen des Handlungsverlaufs durch Lunete

2.3.1 Lunete als Ehestifterin

Aus Liebe will Iwein aus seinem Versteck heraus zur trauernden Königin eilen und sie trösten, wovon ihn die Zofe abhält.[38] Ihr besonnenes Handeln und ihre Überzeu­gungskraft bewahren Iwein ein zweites Mal vor dem Tod. Ihre Aussage, »[…] irn welt mir volgen, / sô habt ir den lîp verlorn« („Iwein“, V. 1490f), wirkt nahezu voraus­deutend auf ihre künftige Rolle als Ratgeberin. Nicht nur Iwein muss, um zu überleben, Lunetes Mahnung folgen. Sogar die Königin ist als verwitwete Herrsche­rin über ihr ungeschütztes Land auf den Rat ihrer Zofe angewiesen.

Als die intelligente, einfühlsame guote magt diu sîn pflac („Iwein“, V. 1739) erkennt, dass Iwein sich in ihre Herrin verliebt hat, möchte die Dienerin erreichen, dass er neuer Burgherr wird.[39] „Lunetes Entscheidung ist handlungsbestimmend“[40] und erfordert kluges Vorgehen. Sie greift in die Politik des Brunnenreichs ein.

Im weiten Feld der indirekten politischen Einflußnahme ist das diplomatische Geschick der Frauen am stärksten gefordert, die zwischen zwei verfeindeten Parteien vermitteln. Diese Vermittlerrolle fällt zumeist Frauen zu, die durch […] gefühlsmäßige Bindungen beiden Kontrahenten zugetan sind.[41]

Lunete ist nicht nur Iwein verbunden. Sie steht mit großer Loyalität zu ihrer Köni­gin.[42] Laudine hat zu ihr deshalb starkes Vertrauen, was ihre Anredeformen für Lunete wie liebe („Iwein“, V. 1908), geselle („Iwein“ V. 2115) oder sogar trût geselle („Iwein“, Vv. 2146, 2159), erkennen lassen. Das Vorhaben, die Königin mit dem Mörder ihres Mannes zu verheiraten, wirkt nur zunächst grotesk und nieder­trächtig. Lunete rät Laudine niuwan durch guot („Iwein“, V. 1862). „Sie mag listig erscheinen, wird aber im Grund von ihrer Güte geleitet. Beiden, Iwein und Laudine, soll geholfen werden. Ihre Beweggründe sind Treue, Realismus und Frömmigkeit.“[43] Zu Recht behauptet Braunagel: „Die Einstufung Lunetes als ‚kupplerische Dienerin‘ […] würde ihre ganze Persönlichkeit in ein völlig falsches Licht rücken.“[44] Denn Kuppelei bezeichnet die „eigennützige Begünstigung der Unzucht durch Ver­mittlung“[45]. Lunetes Ehestiftung dient gänzlich dem Wohl der anderen. Obwohl die treue Dienerin um Askalon trauert[46], mahnt sie Laudine, an die Zukunft des Reiches zu denken, das einen Verteidiger brauche.[47] Sie beweist Verantwortungsbereit­schaft, Vernunft und Weitblick, was der Königin selbst in dieser schwierigen Situation nicht gelingt. Die bevorstehende Bedrohung des Reichs durch das Artusheer erfordere ihrer Meinung nach schnelles Handeln.[48] Es gebe aber unter Laudines Untertanen keinen Mann, der tapfer genug sei, neuer Verteidiger zu werden[49], wie die Zofe feststellt. Als suon des kuniges Urîênes („Iwein“, V. 2111) habe Iwein die entsprechende Abstammung[50] und durch seinen Sieg über Askalon sei er von beiden der bessere Ritter, was auch Laudine einsehen müsse.[51] Diese Notsitua­tion ist ein „Prüfstein für die Beziehung von Herrin und Dienerin“[52]. Denn obwohl Lunete Laudine gar diu wârheit („Iwein“, V. 1961) sagt und objektive Gründe nennt, warum Iwein Burgherr werden soll, wird sie von der Königin abge­wiesen, als Lügnerin bezeichnet und verbal angegriffen.[53] „Diese Drohung Laudines ist ein Ausdruck ihrer Macht und ein Hinweis darauf, daß sie Lunete nicht generell als Partnerin, sondern als Untergebene ansieht“[54]. Lunete beteuert ihre Loyalität: »frouwe, hân ich iu gelogen, / sô bin ich selbe betrogen. / nû bin ich ie mit iu gewesn / und muoz ouch noch mit iu genesn. / verriete ich iuch, waz wuorde mîn? […]« („Iwein“, V. 1949-1953). Außerdem „weist [sie] auf die Verflochtenheit ihres eige­nen Schicksals mit dem der Herrin hin. […] Sie weiß, daß Laudine ihre Unsicher­heit und Ratlosigkeit hinter Zorn verbergen wird.“[55] Trotz der ihr angedroh­ten Verban­nung stellt Lunete entschlossen fest: »mir mac wol geschehn / von mînen triuwen arbeit / und aber niemer herceleit, / wan ich sie gerne lîden wil. / zwâre ich bin gerner vil / durch mîne triuwe vertriben / danne mit untriuwen beliben. […]« („Iwein“, V. 1978-1984). Die unerschütterliche triuwe der Magd ihr gegenüber lässt „es Laudine letzten Endes auch widersinnig erscheinen, Lunete für diesen Rat zu bestrafen.“[56] Aufgrund dieses starken Vertrauensbandes kann die Zofe mit diploma­tischem Geschick ihre Königin zur Vermählung mit Iwein bewegen.[57] Obwohl Laudine zwar aus politischen Gründen zustimmt[58], macht der Erzähler für ihren Gesin­nungswandel neben Lunete auch diu gewaltige minne („Iwein“, V. 2055) ver­antwortlich. So erreicht er die Legitimierung des weiteren Handelns der Zofe: „Lunete steht im Dienst der Minne. Dies allein rechtfertigt ihren kleinen Betrug vor der höfischen Zuhörerschaft.“[59] Raffiniert agierend, „[u]m nicht unglaubwürdig zu werden, gibt sie vor, Iwein erst durch einen Boten herbeiholen lassen zu müssen und kümmert sich selbst um diesen vorgetäuschten Botengang (2179f.).“[60] Obgleich Lunete laut Schusky nur den Verdacht auf vorsätzlichen Betrug vermeiden und das Vertrauensverhältnis zur Herrin nicht erschüttern wolle[61], hintergeht sie Laudine, wenn auch mit einer guoten kundecheit („Iwein“, V. 2182). Nach dieser Notlüge gegenüber der Königin schwindelt die Dienerin auch Iwein an: Sie berichtet ihm von der wütenden Herrin, die Lunetes Vorhaben durchschaut habe, und Iwein zwar nicht töten, aber gefangen nehmen wolle[62]. „Mit diesem taktischen Schachzug stärkt Lunete die Position ihrer Herrin, so daß sich Iwein ihr nicht als Sieger, sondern als Verzeihung Heischender nähern muß.“[63] Ironischerweise veranlassen ausgerechnet ihre Gutmütigkeit und Treue sowohl zu Iwein als auch zu Laudine die Zofe zu diesen Unehrlichkeiten. Als sich Königin und Ritter schließlich stumm erstmals gegenüber­stehen, ergreift die Zofe neckisch und selbstsicher das Wort.[64] Keck gibt sie dem eingeschüchterten Iwein zu verstehen, dass er sich Laudine demütig annähern müsse, aber es getrost wagen könne, denn ihre »[…] frouwe bîzet […] niht. […]« („Iwein“, V. 2269). „Gemäß ihren Anweisungen bittet Iwein die Königin fußfällig um ihre Huld, und von da an kann Lunete ihre Schützlinge sich selbst überlassen, nachdem sie ihnen den Weg zur Eheschließung geebnet hat.“[65]

[...]


[1] Mertens, Volker: Der deutsche Artusroman. Stuttgart: Reclam 2012 (=RUB 17609), S. 50. (Im Folgenden abgekürzt mit: Mertens, S. xy.)

[2] Hartmann von Aue: Iwein. In: Ders. Iwein. Mittelhochdeutsch/ Neuhochdeutsch, hg. und übersetzt von Rüdiger Krohn, kommentiert von Mireille Schnyder. Stuttgart: Reclam 2012 (=RUB 19011). (Im Folgenden abgekürzt mit: „Iwein“, V. xy.)

[3] Mertens, S.63.

[4] Bein, Thomas: Germanistische Mediävistik. Eine Einführung. In: Grundlagen der Germanistik, hg. von Werner Besch und Harmut Steinecke. 35. Bd. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin: Erich Schmidt 2005, S. 173.

[5] Hartmann von Aue: Erec. In: Ders. Erec. Mittelhochdeutsch/ Neuhochdeutsch, hg., übersetzt und kommentiert von Volker Mertens. Stuttgart: Reclam 2012 (=RUB18530). (Im Folgenden abgekürzt mit: „Erec“, V. xy.)

[6] Carne, Eva-Maria: Die Frauengestalten bei Hartmann von Aue. Ihre Bedeutung im Aufbau und Gehalt der Epen. In: Marburger Beiträge zur Germanistik, hg. von Ludwig Erich Schmitt zusammen mit Josef Kunz und Erich Ruprecht. Bd. 31. Marburg: N.G. Elwert 1970, S. 14. (Im Folgenden abgekürzt mit: Carne, S. xy.)

[7] Ebd.

[8] Carne, S. 14.

[9] Ebd.

[10] Carne, S. 8.

[11] Carne, S. 5.

[12] Carne, S. 10-11.

[13] Braunagel, Robert: Die Frau in der höfischen Epik des Hochmittelalters. Entwicklungen in der literarischen Darstellung und Ausarbeitung weiblicher Handlungsträger. Inaugural-Dissertation. Ingolstadt: Publishers consult Ltd. 2001, S. 29. (Im Folgenden abgekürzt mit: Braunagel, S. xy.)

[14] Vgl. „Iwein“ V. 2058ff.

[15] Braunagel, S. 29.

[16] Vgl. „Iwein“, V. 2300 ff.

[17] Carne, S. 37f.

[18] Carne, S. 14.

[19] Kellermann-Haaf, Petra: Frau und Politik im Mittelalter. Untersuchungen zur politischen Rolle der Frau in den höfischen Romanen des 12., 13. Und 14. Jahrhunderts. In: Göppinger Arbeiten zur Germanistik, hg. von Ulrich Müller, Franz Hundsnurscher und Cornelius Sommer. Göppingen: Kümmerle 1986 (=Nr. 456), S. 247. (Im Folgenden abgekürzt mit: Kellermann-Haaf, S. xy.)

[20] Schnyder, Mireille: Nachwort. In: Iwein. Mittelhochdeutsch/ Neuhochdeutsch, hg. und übersetzt von Rüdiger Krohn, kommentiert von Mireille Schnyder. Stuttgart: Reclam 2012 (=RUB 19011), S. 595.

[21] Schnyder, S. 595

[22] Kellermann-Haaf, S. 337.

[23] Ebd.

[24] Kellermann-Haaf, S. 338.

[25] Carne, S.37.

[26] Vgl. „Iwein“, V. 1122ff.

[27] Schusky, Renate: Lunete – eine ‚kupplerische Dienerin‘?. In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte Bd. 71 (1977), S. 24. (Im Folgenden abgekürzt mit: Schusky, S. xy.)

[28] Ebd.

[29] Ebd.

[30] Ebd.

[31] Schusky, S. 24.

[32] Carne, S. 40.

[33] Vgl. „Iwein“, V. 1254ff, V. 1180 ff.

[34] Carne, S. 37.

[35] Vgl. „Iwein“, V. 1202ff.

[36] Steinle, Gisela: Hartmann von Aue. Kennzeichnen durch Bezeichnen. Zur Verwendung der Personenbezeichnungen in seinen epischen Werken. In: Studien zur Germanistik, Anglistik und Komparatistik, hg. von Armin Arnold und Alois M. Haas. Bd. 80. Bonn: Bouvier Verlag Herbert Grundmann 1978, S. 306. (Im Folgenden abgekürzt mit: Steinle, S. xy.)

[37] Braunagel, S. 39.

[38] Vgl. „Iwein“, V. 1476ff.

[39] Vgl. „Iwein“ V. 1786f.

[40] Schusky, S. 28.

[41] Kellermann-Haaf, S. 262.

[42] Vgl. „Iwein“, V. 2020ff.

[43] Carne, S. 40.

[44] Braunagel, S. 39.

[45] Kuppelei, in: Der grosse Knaur. F-K. Hg. Deutscher Bücherbund. Bd. 2. Stuttgart, Hamburg: Droemersche Verlagsanstalt 1967, S.787.

[46] Vgl. „Iwein“, V. 1154f, 1178.

[47] Vgl. „Iwein“, V. 1819ff.

[48] Vgl. „Iwein“, V. 1834ff.

[49] Vgl. „Iwein“, V. 1842ff.

[50] Vgl. „Iwein“, V. 2104f.

[51] Vgl. „Iwein“, V. 1955ff.

[52] Schusky, S. 26.

[53] Vgl. “Iwein”, Vv. 1807, 1816ff, 1946ff, V. 1974ff.

[54] Schusky, S. 29.

[55] Schusky, S. 31.

[56] Schusky, S. 32.

[57] Vgl. „Iwein“, V. 2015ff.

[58] Vgl. „Iwein“, V. 2058ff.

[59] Braunagel, S. 40.

[60] Kellermann-Haaf, S. 48.

[61] Schusky, S. 33.

[62] Vgl. „Iwein“, V. 2216ff.

[63] Kellermann-Haaf, S. 48-49.

[64] Vgl. „Iwein“, V. 2248ff.

[65] Kellermann-Haaf, S.49.

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656946670
ISBN (Buch)
9783656946687
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298336
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Germanistisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Lunete Iwein Laudine Enite Erec Zofe Frauenfigur Frauenfiguren Hartmann von Aue Artusroman

Autor

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