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Ästhetik des Widerstands - am Beispiel des Romans "Fontamara" von Ignazio Silone

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 23 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. Das Häßliche und das Schöne – Widerstand und Faschismus

3. Ästhetische Facetten des Widerstands
3.1. i cafoni
3.2. Berardo Viola - Ästhetik des Opfers und des Todes
3.3. Berardo Viola – Held, Revolutionär, Proletarier
3.4. Exil-Ästhetik

4. „Mythos der Erneuerung“ – antifaschistische Literatur

5. Ästhetisierter Widerstand?

6. Exkurs: Ästhetik des Widerstands bei Peter Weiss

7. ZUSAMMENFASSUNG

LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

Gibt es eine Ästhetik des Widerstands? Wenn ja, dann will diese Arbeit versuchen ihr näherzukommen und sie zu beschreiben. Am Beispiel des bekannten Romans Fontamara von Ignazio Silone, geschrieben 1930 im Schweizer Exil, werde ich den Versuch antreten ästhetische Zugänge zu beschreiben. In einer Exkurs-Passage werde ich das bekannte umfangreiches Werk „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss mit einbeziehen.

Zuvor gilt es den Rahmen der Begriffe Ästhetik und Widerstand näher zu kennzeichnen (Kapitel 2). Eine Vorbetrachtung ist sehr sinnvoll, um sich nicht zu „verirren“ in banalen Aussagen.

Im folgenden Kapitel können soll die Frage genauer gestellt werden: gibt es eine spezifische „Resistenza meridionale“? Und wenn ja: ist Fontamara die Verdichtung des „antifaschistischen Stoffes“? Welche Ästhetik hat dieser Kern, welches Aussehen, welche Gestalt? Durch eine Aufsplittung der ästhetischen Perspektive erhofft sich diese Arbeit „polyphones“ Erkennen und eine Bereicherung der Betrachtung. (Kapitel 3)

Zusätzlich setzt diese Arbeit Fontamara in Beziehung zur faschistischen Literaturlandschaft Italiens (Kapitel 5). Die übergeordnete Frage soll lauten: inwieweit ist der Widerstand ästhetisiert worden? Was für ein Problem stellt die Verfremdung der Widerstandsästhetik dar? (Kapitel 6)

Was will diese Hausarbeit nicht? Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit einer chronologischen Abarbeitung aller Aspekte des Romans. Auch die biographischen Anhaltspunkte Silones werden nur insofern einfließen, wie sie für den jeweiligen ästhetischen Gesichtspunkt interessant sind. Es handelt sich um ein ausgewähltes Bündel des ästhetischen Verstehens, nicht aber um eine allgemeingültige ästhetische Aussage.

Obgleich die Ästhetikforschung sehr breit ist, haben sich die Autoren noch kaum ausführlich unter diesem Gesichtspunkt mit Fontamara beschäftigt. Peter Weiss Ästhetik des Widerstands hat dagegen ein breites Echo in der Rezeption erhalten. (Vgle: Heewon, Lee; Moon, Gwan Hun) Diese Hausarbeit betritt also Neuland. Für faßbare Ergebnisse werden wir allgemeine ästhetische Strömungen einfließen lassen.

2. Das Häßliche und das Schöne – Widerstand und Faschismus

Weit reichen die Betrachtungen und Erkenntnisse von der Schönheit zurück – bis ins antike Griechenland, bis Plato. Später interessierten sich v.a. die Klassik und die Romantik für das Schöne. Kant, Hegel und Nietzsche entwickelten die philosophische Ästhetik weiter. In Italien stellte v.a. Benedetto Croce (Ästhetik als Wissenschaft vom Ausdruck) ausführliche Überlegungen an. Ursprünglich etablierte sich die Ästhetik als Kategorie in der Philosophie. Im Verlauf der Moderne griff sie als fester Analyse-Sektor auf die Kunst und Literatur aus – dort wo im Kunstwerk das Schöne entsteht. Als fester Themenbestandteil in der akademischen Lehre ist sie in Deutschland in der Philosophie und den Kulturwissenschaften zu verorten.

So scheint die Lehre vom Schönen auf dem gesamten Gebiet der Kunst und Wirklichkeit ein Synthese-Charakter immanent. Fontamara wirft genau an dieser Stelle Licht und Schatten, nämlich Faschismus-Antifaschismus, Repression und Widerstand, Opfer und Blutvergießen. Im Kern geht damit auch um das Häßliche, um die „Fratze“ des Faschismus. Rosenkranz hat auf den Zusammenhang der Schönheit und mit dem Häßlichen bereits im 19. Jahrhundert hingewiesen. Die Schönheit sei die „positive Voraussetzung“ des Häßlichen.[1] (Hauskeller 1999: 333) Das Häßliche existiert nicht ohne das Schöne. Ohne Faschismus kein Antifaschismus, ohne Repression kein Widerstand, kein Opfer, kein Blutvergießen:

„Die Schönheit hänge immer am Ausdruck der inneren Freiheit, die Häßlichkeit am Ausdruck der Unfreiheit.“ (Hauskeller 1999: 332-333)

Nach Rosenkranz entdeckten die Expressionisten das „Häßliche“. Exemplarisch steht das Bildnis der Schrei des Norwegers Edvard Munch (1863-1944) für die Zäsur in der Kunstlandschaft. Das Erhabene weicht zugunsten des Entsetzens: Der aufgerissene Mund, die starren Augen und das verformte Gesicht – der „Schrei“ spiegelt sich in Körper und Landschaft. Die Wirbel in Landschaft (rotgelbe und blauschwarze Töne) und Mensch machen den Schrecken sichtbar, der selbst aber unsichtbar bleibt:

„Ich fühlte wie ein Schrei durch die Natur ging; mir schien, dass ich den Schrei hören konnte. Ich malte dieses Bild – malte die Wolken als richtiges Blut - die Farben schrien.“ (Fick 2002: 144-146)

Das was nicht sichtbar, aber spürbar (herankommend, nahend) ist, steigert die Angst, den Schrecken ergo den „Schrei“ um ein höheres Maß, als es der räumlich präsente Missetäter, Tyrann und Berserker kann. Aus der Schönheit des Augenblicks der Natur gerissen folgt der Donnerschlag. Die Innen- und Außenwelt verschwimmen ineinander. An die Stelle von bürgerlicher Kunst und Biedermeyer setzten die Expressionisten das wütende Leben und in ihm auch die Häßlichkeit in Tod, Opfer und Ekstase. Der Ekel stand dabei im bewußten Kontrast zur bürgerlichen heimeligen Kunst des 19. Jahrhundert.

Der „Schrei“ wütet in Fontamara. Das „Häßliche“ - das Massaker an den Dorfbewohnern, der Foltertod Berardos und der Opfertod Elviras – kristallisiert geradezu die Ästhetik des Widerstands und bleibt als stummer Schrei des Widerspruchs und Widersetzens von Menschen, die sich für einander einsetzten:

„das Ästhetische wird dabei zur Guerillataktik ... schweigenden Widerstands“ (Fick 2002: 144-146)

Antibürgerliches Aufbegehren spielt im Schrei Fontamaras keine Rolle. Die Ästhetik des Widerstands als Folge der literarischen Kunst legt diese Haus-Arbeit eine „negative Erkenntnis der Wirklichkeit“ im Sinne von Adorno zugrunde. (Fick 2002: 144-146) Die Geschichte der Flüchtlinge, die Silone aufsuchen, um ihm ihre Geschichte zu erzählen, die er in Fontamara niederschreibt, widerstrebt der Wirklichkeit in der Italien 20 Jahre lang mit dem faschistischen Regime sich arrangierte. Es ist ihr Negativ, während eines funktionierenden Positivs der italienischen faschistischen Gesellschaft.

In diesem Negativ steckt ein „<autonomer Diskurs>“, der des literarischen Kunstprodukts. Die Exilgeschichte stemmt sich gegen die Wirklichkeit, sie ästhetisiert (dazu mehr in Kapitel 6) einen wie auch immer gearteten Widerstand. Ein Kunstwerk in Form von Literatur, dass sich auf diese Weise wie Fontamara es tut entzieht, ist in seiner politischen Aussage ein „<fait social>“. (Di Bella, Roberto siehe Fick 2002: 146-148)

Fontamara ist damit ein Abbild der faschistisch verursachten Regression der Ästhetik. Die hohe Anzahl der Toten in Fontamara muss sich am „Häßlichen“ (faschistischer Terror/Folter) messen. Vielleicht zum allerersten Mal können sich die Dorfbewohner nicht mehr mit Bauernschläue dem faschistischen Staat entziehen. Fontamara ist der Bericht wie das schwarz uniformierte Italien zurückschlägt und bis in die letzten Kapillaren meridionaler Bergprovinzen vordringt. Die Ästhetik des Widerstands steht für sich und spricht für sich. (Nida-Rümelin 1998: 9-11)

[...]


[1] Andersherum gerät man geradewegs in den Kulturpessimismus. Wir folgen bei dieser Grundentscheidung gerade im bezug auf das Menschenbild Rosenkranz.

Details

Seiten
23
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638312554
ISBN (Buch)
9783638650472
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29833
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,0
Schlagworte
Widerstands Beispiel Romans Fontamara Ignazio Silone

Autor

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