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Die Entstehung von Freundschaft in Facebook

Diplomarbeit 2013 221 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Motivation
1.2 Problemstellung
1.3 Ziel der Arbeit und Vorgehensweise

2. Die Entwicklung des Freundschaftsbegriffes
2.1 Von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis zum Mittelalter
2.1.1 Vom „Guten“ und dem „Bösen“ bei Platon
2.1.2 Tugend, Sinn und Nutzen von Freundschaft bei Aristoteles
2.1.3 Die Hierarchie der Freunde bei Cicero
2.1.4 Freundschaft durch Gott bei Augustinus
2.2 Vom Spätmittelalter zur Neuzeit
2.3 Der Freundschaftsbegriff heute
2.3.2 Das Affiliationsbedürfnis der Menschheit
2.3.3 Was den „besten Freund“ ausmacht
2.3.4 Über die Größe und Grenzen unserer Freundeskreise

3. Zwischenfazit

4. Social Media
4.1 Was ist Social Media
4.2 Was ist Facebook

5. Der Begriff Freundschaft in digitalen Medien
5.1 Die drei Ebenen des Freundschaftsdiskurses
5.2 Die Semantik der Begrifflichkeiten in Facebook
5.3 Die Bedeutung des Begriffes Freundschaft in Social Network Services
5.4 Die phatische Kommunikation und ihre Bedeutung für die Online-Freundschaft
5.5 Das Zählen von Freundschaft in digitalen Medien
5.6 Die Abbildung von Brauchtum auf neuen Wegen
5.7 Über die traditionelle Homogenität bei gemeinschaftlichen Zusammenschlüssen
5.8 Von einer Randerscheinung zum Mainstream
5.9 Die Entstehung von sozialen Beziehungen durch Internet-Nutzung

6. Empirische Forschung
6.1 Methode und Vorgehensweise
6.2 Sammlung der zu überprüfenden Thesen
6.3 Über den Interview-Leitfaden
6.4 Auswertungsmethode
6.4 Fallbeschreibungen
6.5 Ergebnisse und Interpretation

7. Fazit

Literaturverzeichnis

ANHANG

Interview-Leitfaden

Transkriptionen

Auswertung der Interviews

Zusammenführung der Paraphrasierung und Generalisierung der Aussagen

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Beziehungstypen nach Döring (2004)

Coverbild: © Artur Marciniec - fotolia.com

Danksagung

Ich möchte mich sehr herzlich bei meinen Eltern für alles, was sie für mich geleistet haben, bedanken.

1. Einleitung

1.1 Motivation

Schon in den 90er Jahren besuchte ich einen Vorläufer eines regionalen Chats und vermittelte über ein 56k-Modem Gäste in das Restaurant meiner Eltern. Es war faszinierend, die online kennengelernten Menschen auf einmal in Echt vor einem stehen zu haben. In Computerspiel-Communities werden Treffen arrangiert, in welchen Pärchen und Freundschaften entstehen. In der heutigen Zeit schreiten die Vernetzung und die damit verbundenen Möglichkeiten sich auszutauschen immer weiter voran, mehr und mehr Menschen lassen sich auf diese Parallelwelt ein und ein immer stärker werdender, gegenseitiger Einfluss dieser beiden „Welten“ - der realen und der virtuellen - entsteht. Gibt es Unterschiede zwischen online entstandenen Freundschaften zu offline entstandenen? Wie ergeben sich Freundschaften? Gibt es einen Unterschied zwischen virtuellen und realen Freundschaften?

Am Beispiel Facebook versuche ich zu erforschen, inwieweit heutzutage Freundschaften virtuell entstehen können und wie sich dies auf unser Umfeld auswirkt.

1.2 Problemstellung

Digitale Erneuerungen umgeben uns seit über zwei Jahrzehnten und erschließen uns seit dem Siegeszug des Internets am Anfang der 90er Jahre immer mehr Kommunikationsmöglichkeiten. (Steinke 1999) Durch die flächendeckende Verbreitung der Vernetzung und der Möglichkeit zu erschwinglichen Preisen nicht nur über Standcomputer und Notebooks, sondern auch durch Smartphones an einer digitalen Welt teilzunehmen, entstehen neue Wege von Informationen und der Kommunikation. Diese Kanäle nehmen einen starken Einfluss auf unsere Kultur und unseren Alltag. (Metzner-Szigeth 2008)

Bereits 1998 schreibt Don Tapscott in seinem Buch Net Kids:

„Im Kontakt mit diesen Medien wird die neue Generation ihre eigene Kultur entwickeln und schließlich die gesamte Gesellschaft erobern.“ (Tapscott 1998:15)

Tapscott beschreibt die damalig fehlenden Kommunikationsmöglichkeiten am Beispiel seiner Tochter, die mit einer Freundin zu erörtern versuchte, wie man in den Ferien in Kontakt bleiben könne: ob sie eventuell über ein Fax an dem Ferienort verfügen würde oder ob man versuchen solle, den Kontakt über den Computer aufrecht zu erhalten. (Tapscott 1998)

Heute ist der Zugang zum Internet nicht mehr weg zu denken. Durch stete Innovationen an Technologien, wie zum Beispiel dem Cloud Computing, bei welchem Rechenkapazitäten, Speicher sowie auch die Software an sich über eine Verbindung zu Internet oder Netzwerk zur Verfügung gestellt werden, schaffen kompakte Endgeräte was ansonsten nur Hochleistungsrechner ermöglichen würden. Denn die Endgeräte stellen nur noch ein Fenster zu den leistungsfähigen Diensten anderen Ortes dar. Durch den Wegfall der nötigen Rechenoperationen am Endgerät erhöht sich nicht nur die Leistung, es vermindert sich gleichzeitig der Stromverbrauch der Geräte. Dies wirkt sich positiv auf die Akkulaufzeit aus und schafft somit verstärkte Ortsunabhängigkeit. (Baun u.a. 2010) Metzner-Szigeth (2008) spricht hier von einem „[…]Prozess der Verflechtung von Internet und Mobiltelefon […]“. Dieser führe zu einer „[…]Entörtlichung gesellschaftlicher Kommunikationspraxen[…]“. (Metzner-Szigeth 2008:3)

Heute würde sich die Tochter von Jon Tapscott weniger Sorgen machen müssen, in welchem Umfang denn Möglichkeiten gefunden werden können, um mit der Freundin über die Ferien in Kontakt zu bleiben:

In Österreich verfügen 2011 bereits 75,4% der Bevölkerung über einen Internetzugang. (statistik.at-Statistik Austria 2012) Laut der Social Impact Studie 2011, die für das Unternehmen A1 von GfK Austria durchgeführt wurde, benützen 25% aller Österreicherinnen und Österreicher, die im Besitz eines Smartphone sind, dieses, um in das Internet einzusteigen. Die Nutzung von Applikationen auf dem Smartphone stieg ebenfalls auf ein Viertel aller Benutzerinnen und Benutzer an, unter den Beliebtesten Applikationen sind unter anderem diejenigen mit Social Media-Bezug. (ots.at-A1 2011)

In vielen Artikeln und Zeitschriften ist von einem Boom von Social Media-Plattformen zu lesen. Die Erfolgsgeschichte des Unternehmensgründers von Facebook, Mark Zuckerberg, wurde sogar in einem Kinofilm namens „The Social Network“ dokumentiert. (imdb.com - IMDb 2010) Eine breite soziale Vernetzung über das Internet ist aus unserer Gesellschaft derzeit nicht mehr weg zu denken, denn ihr Einfluss auf unsere sozialen Beziehungen ist allgegenwärtig: 51% der 14-19 jährigen Nützerinnen und Nützer von Social-Networks stimmen der Aussage zu: „Ich kann mir ein Leben ohne soziale Netzwerke nicht mehr vorstellen“ (Institut für Demoskopie Allensbach 2012)

Die Auswirkungen dieser digitalen Vernetzung auf unsere Freundschaften werden gerade erst erforscht. An dieser Forschung möchte ich anknüpfen.

1.3 Ziel der Arbeit und Vorgehensweise

Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Entstehung von Freundschaft, die nicht im direkten Offline-Kontakt ihren Ursprung findet, zu beleuchten. Da die Vielfalt an sozialen Medien stetig zunimmt und eine Betrachtung sämtlicher Plattformen den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, werde ich mich auf das soziale Netzwerk „Facebook“ beschränken. Um eine Definition für den Begriff Freundschaft zu bekommen, werde ich in einem ersten Schritt die zeitliche Entwicklung dessen betrachten. Ich beziehe mich in diesem Zusammenhang auf philosophische Betrachtungsweisen. Wichtig ist ebenfalls eine klare Abgrenzung zu Beziehungen im erotisch-sexuellen Zusammenhang, es soll die Freundschaft im Fokus stehen. Ich beende diesen Diskurs mit einem Zwischenfazit, um mögliche Erkenntnisse für die weitere Bearbeitung herauszustreichen. Im Anschluss beschäftige ich mich mit den aktuellen Forschungsergebnissen und Diskussionen bezüglich der Wahrnehmung und Bedeutung von Freundschaft in sozialen Medien. Ich versuche abschließend in qualitativen Interviews die Entstehung von Freundschaft in Facebook nachzuvollziehen. Im Fokus stehen die einzelnen Schritte, Ereignisse und Umstände, die zur Freundschaft geführt haben.

2. Die Entwicklung des Freundschaftsbegriffes

2.1 Von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis zum Mittelalter

„itaque amicitia semper prodest, amor aliquando etiam nocet – daher ist die Freundschaft stets nützlich, die Liebe schadet gelegentlich auch“ Seneca

Übersetzung: (Lautenbach 2002:38)

Laut dieser Aussage ist Freundschaft etwas Ehrenwerteres als es Liebe sei. Sie setzt voraus, dass Freundschaft rein aus dem gegenseitigen Geben besteht, jedoch nicht auf einem Verlangen beruht. Dies wird wiederum der Liebe attestiert, was bei einer Nichterfüllung schmerzhaft werden kann. In diesem Zitat stecken viele Ansichten, die zum Teil über Jahrhunderte heftig kritisiert wurden.

Im Weiteren werde ich einen Abriss über die diversen historischen Freundschaftsdefinitionen darstellen, um ein Verständnis für den anschließenden zeitgenössischen Diskurs zu vermitteln.

Rapsch (2004) hat in ihrem Buch „Soziologie der Freundschaft“ einen historischen Überblick über den Freundschaftsdiskurs dargestellt. Ich werde diesen hier als Grundlage für eine Darstellung der Entwicklung des diskutierten Freundschaftsbegriffes im Wandel der Zeit heranziehen. Je nach historischem Fokus werden weitere für mein Thema relevante Autoren aufscheinen.

Der Freundschaftsbegriff wurde über die niedergeschriebene Menschheitsgeschichte hinweg immer wieder neu definiert. So finden sich Aufzeichnungen aus Zeiten Homers, 800 vor Christus, die der Freundschaft „gegenseitigen Beistand“ und „Taten “ zuschreiben. Es existieren weitere Definitionen, die „militärische oder heroische Freundschaftsbündnisse“ beschreiben. Ihnen ist gemein, dass sie den betroffenen Individuen Pflichten für „Alltag und beim Kampf“ auferlegten. (Rapsch 2004:23 ff) Im Namen der Freundschaft wird sogar eine Opferbereitschaft bis in den Tod beschrieben. Freundschaft steht über der Familie oder anderen Konventionen. Ihr wird sogar „eine gesellschaftskonstituierende Funktion“ konstatiert. (Rapsch 2004:24) Gastfreundschaft erfährt aus der damaligen Bedeutung ebenfalls einen sehr hohen Stellenwert. Dieser ist so hoch, dass er zwar in der westlichen Kultur so nicht mehr vorkommt, jedoch in der arabischen Welt auch heute noch im Ansatz erkennbar ist (khammas.de-Khammas 2012): Entweder man fiel unter die Gastfreundschaft mit allen Rechten oder man galt schlichtweg gleich als Feind. Ein Gastfreund erhielt „Schutz, Unterstützung, Ausrüstung und Familienanschluss“. (Rapsch 2004:24 ff) Wenn eine Person unter die Gastfreundschaft fiel, so galt gleiches für all seine Angehörigen, natürlich beiderseits, und verfiel nicht nach irgendeiner Art vorgegebener Zeit – diese Bindungen konnten Generationen überdauern. (Rapsch 2004:24 ff)

Eine Bindung aus politischen Gründen entstand jedoch ebenfalls, so ergaben sich „Hetairos“, sogenannte Freundesverbände, um einem größeren Zweck zu dienen. Sie bilden somit die Vorreiter von politischen Seilschaften und Kameradschaften:

„Den ersten Typ möglicher Hetairos-Gruppen konstituieren kleinere Gefolgschaften, die sich, in wechselseitigem Respekt bzw. gegenseitiger Zuneigung mit ihrem Anführer verbunden […], diesem anschließen, um im Frieden seine Tischgenossenschaft und im Krieg sein Gefolge zu bilden.“ (Meier 1998:107)

Diesen Hetairos wird bereits eine „enge persönliche Beziehung“ nachgesagt. (Meier 1998:107 ff) Das heißt, dass der Freundschaftsbegriff von jeher eine ehrenwerte Bedeutung aufwies und von Beginn unserer wissentlichen Geschichte ein fixer Bestandteil des sozialen Gefüges war.

2.1.1 Vom „Guten“ und dem „Bösen“ bei Platon

Mitte des vierten Jahrhunderts vor Christus stellte Platon in der Lysis ein Gespräch zwischen Sokrates und eben dem Schüler Lysis dar. Sokrates hinterfragt hier in seiner gewohnten Hebammentechnik, in welcher er das Gegenüber Schritt für Schritt zur Erkenntnis führen will, die These, dass, wenn sich zwei gleichen, diese Gleichheit Freundschaft hervorbringt:

„Auch wohl Schriften sehr weiser Männer sind dir vorgekommen, welche eben dasselbe sagen, daß das Ähnliche dem Ähnlichen notwendig immer freund (sic!) sei. Und dies sind die, welche von der Natur und dem Weltall reden und schreiben.“ Übersetzung: (opera-platonis.de-Schleiermacher 2005)

Er spezifiziert diese These und führt die Begriffe „ der Gute “ und „ der Böse “ ein:

„[…]daß nämlich nur der Gute und nur dem Guten freund (sic!) ist, der Böse aber niemals weder mit dem Guten noch mit dem Bösen zu einer wahren Freundschaft gelangt.“ Übersetzung: (opera-platonis.de-Schleiermacher 2005)

Die Anziehungskraft der „Ähnlichen“ beschränke sich nur auf den „ Guten “. Der „ Böse “ sei sich nämlich selbst nicht „ ähnlich “, so sei es auch nicht möglich, dass sich „ Böse “ und „ Böse “ Freund sein können. Der „Gute“ benötige jedoch keine Freundschaft, da er als eigenständiges Ich ihm selbst völlig ausreiche. Er habe keinen Bedarf daran Hilfe anzunehmen, auch sehne er sich nicht nach jemand anderem. Freundschaft würde somit eine Abhängigkeit, eine benötigte Hilfe oder auch eine Sehnsucht voraussetzen. Oft zitiert in diesem Zusammenhang ist der Ausspruch: „Oh Freunde, es gibt keinen Freund.“, der sich bei Aristoteles, Montaigne, Nietzsche und Derrida wiederfindet. (Derrida 2000; Brandt 1999:204)

Ähnliche “, die weder „ Gut “ noch „ Böse “ sind, könnten des Weiteren auch nicht miteinander befreundet sein, denn gerade unter den „ Ähnlichen “ herrsche der größte Neid. Rapsch schließt daraus, dass Neid somit ebenfalls aus der wahren Freundschaft ausgeschlossen ist. (Rapsch 2004)

Wenn jetzt aber der „Böse“ kein Freund sein kann und der „ Gute" keine Freunde braucht, können diese beiden Reinformen ebenfalls keine Freunde sein. Die einzige Möglichkeit ergibt sich also aus den weder „ Gut “ noch „ Bösen “ und den „ Guten “. Erklärt wird hier, dass die Mischform etwas Böses an sich hat, das die Freundschaft mit dem „ Guten “ benötigt. Das „ Böse “ in der Mischform wird mit folgendem Beispiel deutlich gemacht:

„Wenn wir zum Beispiel den gesunden Leib betrachten wollen[…] der bedarf (sic!) weder der Arzneikunst noch Hilfe, denn er ist sich selbst genug, so daß kein Gesunder einem Arzte freund (sic!) wird der Gesundheit wegen.“ Übersetzung: (opera-platonis.de-Schleiermacher 2005)

Somit würde ein kranker Leib eines weder „ Guten “ noch „ Bösen “ das „ Böse “ darstellen, das die Freundschaft zum „ Guten “ im Bedürfnis der Heilung suche. Sobald dieses „ Böse “ vernichtet sei, würde sich der Bedarf nach Freundschaft wieder lösen.

Um aber überhaupt für eine Freundschaft fähig sein zu können, müsse ein Individuum erst Freund mit sich selbst sein. Dies benötige „[…] die richtige Ordnung der eigenen Seele und die angemessene Ausrichtung auf das Gute.“ (Keilbach 2008:7) Die Technik, um mit sich selbst Freund zu werden, bestehe darin, in einem sich „ ähnlichen “ Freund das gleiche Streben nach dem „ Guten“ zu finden und sich darin wiederzuspiegeln. Aus diesem Kreislauf erwachse die Liebe zu sich selbst: Die platonische Liebe.

Sokrates geht ebenfalls in diesem Zusammenhang auf das Begehren ein. Begehren könne man nur etwas, das man einmal hatte, das einem „angehörig“ war. Sollte das „Angehörige“ dem „ Ähnlichen “ gleichen, hätte diese Tatsache wiederum Rückschlüsse auf die Freundschaft möglich gemacht. Derjenige Bereich, der sich „ Ähnlichen “ oder ident ist, bezeichnet Sokrates als „unnütz“. Er sieht im Überschneidungsbereich neben dem „Unnützen“ den Bereich dessen, was man als Freundschaft ansehen könne. Dadurch legitimiert er die ursprüngliche These, dass der „ Ähnliche “ dem „ Ähnlichen “ Freund sei, wieder. Rapsch fasst die Sokrat’sche Definition folgendermaßen zusammen:

„Anhänglichkeit, Sehnsucht, Begehren und Wertigkeit, sowie kein Neid als Gefühle dem anderen gegenüber; Ähnlichkeit (beispielsweise in Person und Erfahrung).“ (Rapsch 2004:26)

2.1.2 Tugend, Sinn und Nutzen von Freundschaft bei Aristoteles

Aristoteles, Platons Schüler, erhob die Freundschaft Mitte des dritten Jahrhunderts vor Christus „[…] zu einer eigenständigen Sozialbeziehung, die mit anderen nicht identisch ist.“ (Rapsch 2004:26) Sie ist etwas, das für Aristoteles fester Bestandteil der Gemeinschaft ist. Für ihn ist sie ein Objekt von „humanem und politischem Interesse“. (Keilbach 2008:10 ff)

Das Streben nach einem Ideal soll das Individuum dahingehend leiten, wahrhaft glücklich zu werden. Die Freundschaft sei ähnlich, aber nicht gleich der Liebe. Diese beiden Begriffe seien stets eng miteinander verbunden. Daher würden wir viele damalige Freundschaftsbegriffe heute eher unter dem Begriff „Liebe“ ansiedeln. Aristoteles dagegen weigert sich nicht, Freundschaft an sich als existent zu bezeichnen und bleibt bei der Schlussfolgerung von Sokrates. Liebe könne nur lebenden Dingen entgegen schlagen. Für Objekte ohne Leben könne man lediglich eine „Vorliebe“ entwickeln. Denn Lebloses könne einen weder zurücklieben noch könne man selbst dem Leblosen „ etwas Gutes wollen “. Freundschaft sei stets gegenseitig, Liebe jedoch könne einseitig sein. Freundschaft zeichnet sich für Aristoteles vor allem durch gegenseitiges Wohlwollen aus. (Rapsch 2004)

Aristoteles unterscheidet drei Freundschaftstypen: Tugendfreundschaft, Sinnesfreundschaft und Nutzenfreundschaft. Die Nutzenfreundschaft bedeutet, wie der Name bereits nahelegt, dass es nicht der Mensch selbst ist, zu dem man den Bezug aufbaut. Es ist der reine Nutzen, der diese Form der Freundschaft entstehen lässt. Zu den Nutzenfreundschaften zählt ebenfalls die Gastfreundschaft. Die ebenfalls angeführte Lustfreundschaft unterscheidet sich hierbei lediglich dadurch, dass der Nutzen in der Lust liegt. Somit ist sie zur Kategorie der Nutzenfreundschaften zählbar. Sobald der Nutzen oder die Lust an sich aufgebraucht ist, sind sich die beiden Individuen, wie schon bei Sokrates, nicht mehr „ ähnlich “ und lösen ihre Beziehung auf. Beispiele dafür sind: Wenn die Lust einer Person ein gemeinsames Hobby auszuüben schwindet oder ein Nutzen einer Seilschaft sich erfüllt hat und weiterhin nicht mehr benötigt wird. Aristoteles unterscheidet ebenfalls zwischen „Minderwertigen“, „Guten“ und welchen, die beidem nicht angehören. Er spricht entgegen Sokrates den Minderwertigen jedoch zu, zumindest eine „niedere“ Form der Freundschaft pflegen zu können, wobei er dieser prinzipiell die Beständigkeit abspricht. (Rapsch 2004)

Die vollkommene Freundschaftsform finde sich in der Tugendfreundschaft. Diese Freundschaft könne nur zwischen zwei „ trefflichen Charakteren “ entstehen, die diese „ Trefflichkeit “ im gleichen Maße inne hätten. Ein trefflicher Mensch sei mit sich selbst im Reinen und zufrieden. Es verhalte sich der „ Treffliche “ auch dem anderen gegenüber so, wie er zu sich selbst stehe und er wünschen, dass mit ihm umgegangen werde. Ein „ Schlechter “ jedoch könne sich nicht einem anderen gegenüber im gleichen Sinne verhalten, da er das Gegenüber nur suche, um sich selbst zu meiden.

Innerhalb einer Verbindung zweier „ Trefflicher “ werde der eine das Spiegelbild des anderen – sein „alter ego“. Aristoteles steht zum platonischen Kreislauf der Freundschaft durch die Freundschaft zu sich selbst und sagt, man müsse sein eigenes Ich erst finden, indem man den anderen betrachte und sich selbst in der Ähnlichkeit entdecke.

In der Tugendfreundschaft werde das Sein des anderen an sich geliebt, es beschränke sich nicht auf einen bestimmten Teil. Solche Freundschaften sollen ewig halten, manche sogar über den Tod hinaus. Also gehe es auch hier darum, dass eine Einseitigkeit stets vermieden werde. Sobald eine Person zu viel Spezielles benötige, dadurch seine „ Trefflichkeit “ nicht mehr gegeben sei und sie somit minderwertig werde, verliere sie ihren Status als eine „ Wertvolle “ und sei nicht weiter „ liebenswert “. Sehr wohl schreibt Aristoteles, dass einem Freund, der den guten Weg verlasse, Unterstützung zukommen soll und der Tugendfreund versuchen soll, ihn wieder auf die richtige Bahn zu bringen. Sollte dies aber nicht machbar sein, so soll diese Freundschaft aufgelöst werden. Aristoteles beschreibt hier entstehende Abhängigkeitsverhältnisse, die sich längerfristig häufig zu Lasten der Freundschaft auflösen.

Die Aspekte des Nutzens und der Lust sind auch Teil der Tugendfreundschaft und können in ihren charakteristischen Eigenschaften immer wieder auftauchen. Durch die Gleichheit der beiden kann es immer wieder zu Momenten kommen, in denen diese beiden Arten von Freundschaft auftauchen und „mitbedient“ werden. Es geht hier um die Wesensgleichheit der beiden und um die These, dass sie von sich aus stets als Gegenleistung das Gleiche zurückbekämen. Eine solche Form von Freundschaft müsse über eine lange Zeit erwachsen und sich bewähren können, um sich zu entfalten:

„Die Freundschaft wird von einer inneren Grundhaltung getragen, entweder im direkten Zusammenleben der Freunde, oder aber auch, wenn die Freunde schlafen oder räumlich getrennt sind.“ (Rapsch 2004)

Die Freundschaft könne jedoch auch über Distanz hin bestehen bleiben, da sie auf einer „ Grundhaltung des Charakters “ beruhe. Sie komme aber nicht ohne Pflege aus. Für Aristoteles kann der Tugendhafte nicht rein dadurch, dass er mit sich selbst im Reinen und glücklich ist, Glückseligkeit erlangen. Dafür braucht es den Freund, dem man etwas Gutes tun kann. (Keilbach 2008:13)

Diese Definition von Freundschaft würden wir heute als „bester Freund“ bezeichnen. Sie benötigt so intensiven Austausch, dass dies zeitgleich nur mit einer Person umsetzbar ist. Nach dieser Auslegung kann man schlecht für den einen Freund in Trauer sein und zeitgleich für einen anderen in Freude schwelgen.

Als eine Sonderform der Freundschaft bezeichnet Aristoteles jegliche andere Form der Beziehungen, die auf einer Ungleichheit der Partner, aber auch auf einer bindenden Gleichheit beruhen: Vater und Sohn, Mann und Frau oder auch der Ältere zum Jüngeren. Aristoteles meint, dass hier der „Wertvollere“ im Austausch zu seinem Nutzen, den er dem anderen gegenüber stiftet, im umgekehrten Maße Zuneigung erhalten sollte. Rapsch fasst die Freundschaftskriterien nach Aristoteles folgendermaßen zusammen:

„Denn als Freund gilt, (1) wer das Gute oder was als solches erscheint, um der Person des Freundes willen wünscht und tut, oder (2) wer das Dasein und Leben des Freundes um des Freundes willen wünscht […]. (3) Andere erkennen als Freund den, der das Leben mit uns teilt und (4) sich für dieselben Dinge entscheidet wie wir, oder (5) den, der Leid und Freud mit dem Freunde teilt.“ (Aristoteles 1986; Rapsch 2004:32)

2.1.3 Die Hierarchie der Freunde bei Cicero

Cicero übernimmt, in etwa 60 v. Chr., den Freundschaftsbegriff von Aristoteles und schreibt in seinem Werk „Laelius de amicitia“ über einen Dialog zwischen Laelius, einem Staatsmann, und seinen Schwiegersöhnen Fannius und Scaevola, in welchem Laelius über den erst verstorbenen Freund Scipio redet. (romanum.de-Westphal o. J.) Er schreibt darin über vier Beziehungstypen: Der gleichrangige Freund, Lehrer zu Schüler, Schwäger untereinander und Schwiegerväter zu Schwiegersöhnen. Diese sind teils als horizontal (Freund-Freund und Schwager-Schwager) und teils als vertikal (Schwiegervater-Schwiegersöhne und Lehrer-Schüler) einzustufen. Abgesehen davon, dass Cicero, wie auch schon Aristoteles, nur Männer als freundschaftsfähig und politikfähig hält, bilden diese Formen „[…] ein Gesamtbild sozialer Beziehungen, auf denen der Staat beruht“. (Kraß 2011:80)

Ein gemeinsames Ziel der Freunde ist die Tugend, wie schon bei Aristoteles. In einer politischen Dimension geht es bei der Freundschaft um ein gemeinsames Engagement für den Staat. Laelius legt seinen Söhnen die Tugend dringlich an ihr Herz:

„Die aber in die Tugend das höchste Gut legen, handeln gewiss hervorragend, denn diese Tugend selbst gebärt und beinhaltet jene Freundschaft, denn ohne die Tugend kann die Freundschaft nicht bestehen.“ Übersetzung: (romanum.de-Westphal o. J.)

Auch Cicero übernimmt die Perspektive der Wesenseinheit, die Freunden inne wohnt. In einem wahren Freund solle man sich selbst erkennen. (Kraß 2011): „[Das] ganze Wesen der Freundschaft [ergibt sich] in vollkommener Übereinstimmung der Freunde in Entschlüssen, Neigungen und Meinungen.“ Es geht darum, jemanden zu finden, der „[…] in Charakter und Wesensart übereinstimmt“. (Rapsch 2004:32) Wenn zwei Individuen verschiedene Charaktere aufweisen, sei eine Freundschaft unmöglich. (Rapsch 2004)

Cicero ist ebenfalls wie Aristoteles der Auffassung, dass Freundschaft etwas sei, das nur zwischen zwei oder wenigen Individuen ernsthaft ausgelebt werden könne. Auch bei ihm soll Freundschaft „[…] Glück glänzender […], Unglück durch teilen und mitteilen leichter [machen]“. (Rapsch 2004:33)

Cicero sieht in der Freundschaft eine höhere Bedeutung als in der Verwandtschaft:

„Und darin übertrifft die Freundschaft das verwandtschaftliche Verhältnis, da aus der Verwandtschaft das Wohlwollen genommen werden kann, aus der Freundschaft aber nicht. Wenn nämlich das Wohlwollen genommen wird, nimmt man den Namen der Freundschaft weg, und der der Verwandtschaft bleibt.“ Übersetzung: (romanum.de-Westphal o. J.)

Es geht, wie auch bei Aristoteles, um das gegenseitige Wohlwollen. Verwandtschaft muss diese nicht innehaben, wahre Freundschaft schon.

2.1.4 Freundschaft durch Gott bei Augustinus

Augustinus, 400 n. Chr., sieht im Streben nach reiner Lust und Leiblichkeit, die seiner Zeit vorherrscht, keine echten Freundschaften und geht daher stärker auf Neigungsfreundschaften ein. Er beschreibt diese als Verbindung unter Gleichaltrigen, die gleichen Interessen nachgehen und sich ähnlich seien. Auch die geistige Freundschaft bestehe, in welcher zwei völlig unterschiedliche Charaktere zueinander finden, um aneinander zu wachsen und um gegenseitig von der Unterschiedlichkeit zu profitieren. Die Weisheit ist ihr gemeinsames Ziel. Diese Individuen müssen jedoch stets „ Gute “ sein, um dies zu ermöglichen. (Rapsch 2004)

Augustinus pflegte sehr wohl innige, emotionale Freundschaften wie seine Freundschaft zu einem verstorbenen Jugendfreund aufzeigt:

„Der antike Topos der einen Seele in zwei Körpern wird hier von Augustinus aufgenommen, um die enge Verbindung mit und tiefe Zuneigung für den toten Freund auszudrücken.“ (Krüger 2011:80)

Das heißt, auch ihm waren der Austausch mit einem Freund und das darin liegende Finden des „alter ego“ im platonischen Sinn inne.

Trotzdem definiert Augustinus die wahre Freundschaft in einem anderen Zusammenhang und verändert in dieser Zeit den Bezug zum Freund, weg von persönlichen Beziehungen oder Einstellungen, hin zu Gott. So schreibt Augustinus in den „Confessiones“:

„Dessenungeachtet war unser Verhältnis doch nicht so ausgebildet, wie es die wahre Freundschaft verlangt, die nur die wahre sein kann, wenn du die dir anhangenden Seelen vereinst in der Liebe, die in unseren Herzen durch den heiligen Geist ausgegossen ist, der uns verliehen. “ Übersetzung: (ub.uni-freiburg.de-Lachmann 1888)

Durch die gemeinsame Gesinnung und das Bekenntnis zu Gott werden Gläubige zu „Brüdern im Herren“, und ein viel weiterer Freundschaftsbegriff wird möglich, da eine Beziehung zu eigentlich unterschiedlichen Charakteren aufgebaut wird. In diesem Zusammenhang ist Freundschaft etwas rein auf den Intellekt bezogenes, Emotionen bleiben außen vor. Der Heilige Geist schafft die benötigte Reinigung der Individuen, um dies möglich zu machen.

Jedoch auch bei Augustinus besteht eine Einzelfreundschaft. Beruhend auf Neigung und Seelenverwandtschaft entstehe die „mutua caritas“, eine erwiderte „innere Berührung“ zwischen zwei Individuen. Augustinus‘ Einzelfreundschaft beinhaltet neben dem platonischen Lieben um des Wesens selbst willen noch den Faktor der Verbundenheit durch Gott. Um das Heil der Seele des Freundes muss der Freund sich kümmern, dies erreiche er sowohl durch Lob als auch Tadel.

Die Notwendigkeit der Anwesenheit in der unmittelbaren Nähe des Freundes sieht Augustinus nicht gegeben, da die Nähe über Gott hergestellt wird. Jedoch stärke die körperliche Anwesenheit eine Freundschaft und könne Trost spenden. (Rapsch 2004)

Einen Bogen spannen muss Augustinus jedoch bezüglich der „christlichen Nächstenliebe“, der „caritas“ und der paganen Freundschaft, der „amicitia“:

„Ferner müssen alle Menschen gleichermaßen geliebt werden. Da du aber nicht allen nützen kannst, mußt du in erster Linie für diejenigen sorgen, die aufgrund von Umständen des Ortes und der Zeit oder jedweder Verhältnisse dir gleichsam durch ein gewisses Los enger verbunden sind.“ Übersetzung: (Krüger 2011:81)

2.2 Vom Spätmittelalter zur Neuzeit

Um den für diese Arbeit wichtigen Bereich genauer zu durchleuchten, möchte ich direkt zu Thomas von Aquin wechseln. Dieser übernimmt Mitte des 13. Jhdt. n. Chr. Freundschaft als eine Art der Liebe und gleicht damit Augustinus. „Liebe sei Freundschaft, so argumentiert Thomas weiter, auch wenn jene fordere unsere Feinde zu lieben […]“ (Speer 2005:318)

In der Unterscheidung zu Cicero ist für Thomas von Aquin Freundschaft zwar auch etwas Vereinendes in Richtung des Begriffes „alter ego“, jedoch verschmelzen Seelen bei ihm weder, noch ist die Seele in zwei Körpern aufgeteilt. Man könne sonst nämlich keine Liebe zu dem empfinden, was durch die Wesenheit selbst geteilt sei. Thomas von Aquin benennt die Liebe durch Gott Teuerliebe, an die sich die Nächstenliebe anschließt. Weiters existiere die Selbst- und die Feindesliebe. (Rapsch 2004)

Michel de Montaigne definiert Ende des 16. Jahrhunderts eine von den christlichen Charakteristika befreite Freundschaft und unterscheidet zwischen der wahren, seltenen und unüblichen Freundschaft sowie der gewöhnlichen. (Rapsch 2004) Montaigne streicht den freien Willen zur freundschaftlichen Bindung heraus und spricht von einer Quintessenz, die zu dieser Bindung beitrage:

„Diese Quintessenz ist integraler Bestandteil des Willens der befreundeten Selbste. Es ist ganz die Verwirklichung ihres freien Willens, wenn sie sich dem jeweils Anderen hingeben, wenn sie sich ergreifen und mitreißen lassen.“ (Zeeb 2011)

Montaigne begrenzt erstmalig die Freundschaft nicht auf die „ Guten “. Der Mensch brauche stattdessen eine Fähigkeit der Freundschaft. Ihr hoher Anspruch sowie ihre Dauer macht sie auch für Montaigne unmöglich für das weibliche Geschlecht. Eine wahre Freundschaft kann auch im 16. Jahrhundert nur in einer Zweierbeziehung existieren. „Alltagsfreundschaft“ sei Zufall, eine Bekanntschaft, an die man sich gewöhnt hat. (Rapsch 2004)

Im Freundschaftskult des 18. Jahrhunderts rückt der Mensch im Zuge der Humanität in den Fokus der Freundschaftsdefinition. Salomon (1979) schreibt hierzu:

„Was […] das Eigentümliche des 18. Jahrhunderts ausmacht: das ist seine Ausrichtung auf Humanität. Der Mensch ist der Sinn der Welt als Vernunftwesen, als Kind Gottes, als Bürger der intelligiblen Welt.“ (Salomon 1979:291)

Laut Tenbruck (1964) liegt der Ursprung der neuen Freundschaftsformen

„[…] im Abbau der gesellschaftlichen Ordnung und den neuen Formen des Barock. Das Individuum tritt aus dem sozialen Gefüge heraus, die Gesellschaft und ihre Gruppen bieten keine einfachen Identifizierungsmöglichkeiten mehr.“ (Tenbruck 1964; Rapsch 2004:43)

Heute existieren keine Vorgaben mehr, wie gelebt, gedacht oder gefühlt werden soll. Man ist dazu aufgefordert, seine eigenen Werte und Grenzen zu ziehen. Neue Formen von Gruppen, über Schichten und den Stand hinweg, können entstehen:

„Die Menschen werden konfrontiert mit der Mannigfaltigkeit von differenzierten Lebensformen und Daseinsmöglichkeiten und entwachsen so auch der sozialen Kontrolle ihrer althergebrachten und einheitlichen Gruppen.“ (Tenbruck 1964:438; Rapsch 2004:43)

Aus dieser unendlich wirkenden Auswahl an möglichen Wegen, das Leben zu leben, entstehen wiederum Unsicherheit und Desorganisation und in weiterer Folge Einsamkeit. Die Menschen schließen sich in Bünden und Vereinen zusammen, um dieser Einsamkeit zu entgehen und Gleichgesinnte um sich zu scharen. Freunde werden nicht mehr weiterhin ihrer selbst zuliebe zum Freund, sondern dem Freund-Sein zuliebe. Der Mensch benötigt die Rolle „Freund“ an seiner Seite, wer diese Rolle jedoch ausfüllt, ist jederzeit austauschbar. (Rapsch 2004)

Ein im Zusammenhang mit meiner Arbeit spannender Kult des 18. Jahrhunderts ist der sogenannte „Briefkult“. Die in dieser Epoche lebenden Menschen weisen eine „[…] Distanz zum unmittelbaren Leben […]“ auf. (Rapsch 2004:45) Sie flüchten sich in das geschriebene Wort und schaffen sich damit eine Parallelwelt, in welcher sie ihre eigene Idealform der Welt entwickeln können. Der Brief wird zur Realität, die Lyrik sowie die Bildung wohnen ihr inne: „Der Brief ist die Brücke über den leeren Raum, er überwindet die Ferne und schafft eine Nähe durch die Intensität der seelischen Dynamik.“, schreibt Salomon: „Keine Form ist so sehr Symbol des hoffnungslosen Kampfes von Seele und Leben wie der Brief.“ (Salomon 1979:298) Der Brief schafft für die Schreibenden eine Erlösung vom Alltag.

Dieser Austausch von sozialen Gesten und Hingabe zwischen den damalig lebenden Menschen kann als eine frühe Form eines medialen Netzwerkes betrachtet werden.

2.3 Der Freundschaftsbegriff heute

2.3.1 Eine aktuelle Definition

Eine Frage, die noch nicht beantwortet ist, ist wie charakterisieren sich „Freunde“, ob enge oder beste, nun genauer: Brunner (2011) führt in ihrer Arbeit: „Freundschaft 2.0 – Wie Facebook & Co unsere Freundschaften beeinflussen“ an, dass im Vergleich diverser Schriftsteller und Philosophen von Aristoteles über Cicero und Seneca bis hin zu Shakespeare und Montaigne ein starker Diskurs stattfand. Die eben genannten hätten stets ein Loblied auf die Freundschaft gesungen, ihnen entgegen stünden Nietzsche und Schopenhauer als Kritiker, die jegliche Chance auf die Existenz von Freundschaft grundsätzlich verneinen. (Brunner 2011)

Eines haben sie jedoch gemeinsam: Der Diskurs drehte sich durchgehend um sogenannte „wahre“ und „echte“ Freundschaften, auch bezeichnet als „Tugend- oder Charakterfreundschaften“. Diese Formen der Freundschaft sind freiwillige Zusammenschlüsse von gleichberechtigten Individuen und „[…] bestehen um der Person des Freundes willen […]“. Sie zeichnen sich durch „[…] Wertschätzung der anderen Person, Beständigkeit und gegenseitiges Wohlwollen aus.“ (Brunner 2011:7 ff). Diesen gegenüber stehen die „Nutz-„ oder „Zweckfreundschaften“. Für Brunner reicht der in der Philosophie gefundene Begriff der Freundschaft nicht aus, um den aktuellen Diskurs über Freundschaften darstellen zu können: Sie übernimmt die Definition von Freundschaft bei Lepp (1965), der diese als eine „intensive geistige Gemeinschaft“ bezeichnet und „Freundschaft als die universalste zwischenmenschliche affektive Beziehung“ bezeichnet. Brunner führt dies folgendermaßen aus:

„Für die Entstehung von Freundschaft nennt er folgende Voraussetzungen:

- Gewisse Gemeinsamkeiten von mehr oder weniger wichtigen Interessen
- Bereitschaft, Wille und zeitliche Ressourcen auf beiden Seiten
- Gewisse Ähnlichkeit der Charakter-/Temperamentsfamilien
- Gewisse Übereinstimmung zwischen Ich-Idealen und Leitbildern“

(Lepp 1966; Brunner 2011:8 ff)

Lepp (1966) grenzt die Freundschaft auch klar von „Kameradschaft oder Kameradschaftsbanden“ ab. Deren innerer Zweck ist eher die „Zerstreuung“ oder, wie oben angeführt im Sinne einer Zweckgemeinschaft, ebendieser Zweck. So wäre der Zweck eines Golfclubs zum Beispiel „[…] die Förderung und Pflege des Golfsports […]“ (golfclub-achensee.at - Golfclub Achensee 2005). Eine dort entstehende Freundschaft kann vorkommen, sie ist aber nicht vorausgesetzt. Lepp’s Ausführungen sind mit der Aristotelischen Nutzenfreundschaft vergleichbar.

Freundschaft benötigt einen „tieferen geistigen Austausch“, somit ist Kommunikation der zentrale Dreh- und Angelpunkt in Lepps Definition. Er führt aber auch schon damals an, dass die meisten sozialen Kontakte, die den Menschen in ihrem Alltag widerfahren, von oberflächlicher Art sind und keine tiefere Bedeutung aufweisen. (Lepp 1966)

Für meine Arbeit bezüglich der Freundschaft in sozialen Medien ist hier wichtig festzuhalten, dass die Form der Kommunikation nicht ausschlaggebend ist: Diese kann im direkten Kontakt, schriftlich oder auch telefonisch stattfinden. Es geht vielmehr um die Intensität des Austausches. Döring definiert die „soziale Beziehung“ zwischen zwei Personen „[…] wenn sie wiederholt miteinander Kontakt haben, also mehrfach zeitversetzt kommunizieren oder zeitgleich interagieren.“ (Döring 2003:403) Die beiden involvierten Personen müssen sich eine eigene „Beziehungsdefinition“ aushandeln. Hierfür benötigt es offen ausgesprochene Erwartungshaltungen, diese Definition muss immer wieder aktualisiert werden. (Döring 2003)

Man unterscheidet heute zwischen „formalen“ und „persönlichen“ Beziehungen. Diese können, je nach der persönlichen Gewichtung „schwache“ (lockere) oder „starke“ (enge) Beziehungen sein. Döring veranschaulicht die unterschiedlichen Typen folgendermaßen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Beziehungstypen (Döring 2003:405)

Auch hier gilt, dass aus sämtlichen Beziehungstypen Freundschaft entstehen kann. Diese ergibt sich auf Grund der Intensität des Austausches und der kommunizierten Definition der jeweiligen Partner. Die Qualität sozialer Beziehungen lässt sich empirisch erfassen. Es lassen sich starke von schwachen Bindungen über das Kommunikationsverhalten und den wechselseitigen Bezug trennen. (Döring 2003)

2.3.2 Das Affiliationsbedürfnis der Menschheit

Lepp (1966) sieht gerade beim modernen Menschen eine ausgeprägtere Erfahrung an „Alleinsein“, welches aus der „Oberflächlichkeit der heutigen Zeit“ entsteht. Der „moderne Mensch“ erfahre viel weniger Gruppenzugehörigkeit und sei auf sich allein gestellt, obwohl er stets von Menschen umgeben sei. Es wird versucht, den eigentlich benötigten intensiven, geistigen Austausch durch jegliche Möglichkeit einer sozialen Interaktion zu kompensieren. (Lepp 1966; Brunner 2011)

Somit weisen Menschen in der Regel den Drang auf, soziale Kontakte, zumindest der sozialen Kontakte willen, zu suchen. Dieses Affiliationsbedürfnis, ein Bedürfnis nach sozialer Nähe, wird unter anderem folgend definiert:

"[...] Aufnahme sozialer Kontakte zu anderen Menschen ohne direkten Zweck aufgrund eines jedem Menschen innewohnenden Gesellungsdrangs (need affiliation, Anschlußmotiv) und dem Wunsch, von anderen Personen akzeptiert zu werden." (psychology48.com-Papadakis 2010)

Nach Mesch und Talmud (2006) existieren für den Aufbau von Freundschaft zwei unterschiedliche Intentionen: Das „soziale Bedürfnis“ und die „soziale Kompensation“: Aus der Perspektive des sozialen Bedürfnisses wird angenommen, dass Individuen Beziehungen eingehen, um zwingende Bedürfnisse wie „Vertrautheit“, „Selbstbestätigung“ und „Gesellschaft“ zu befriedigen. Aus der Perspektive der sozialen Kompensation geht man davon aus, dass Individuen sich Bedürfnisse im sozialen Umfeld holen, die sie aus dem engsten Kreis wie der eigenen Familie nicht erhalten haben, sie vielleicht auch gar nicht kennen. (Mesch & Talmud 2006)

2.3.3 Was den „besten Freund“ ausmacht

Wo ziehen wir nun die Grenze zwischen engen Freunden und normalen Freunden? Granovetter (1974) meint, wir würden in unseren sozialen Netzwerken die Beziehungsformen von Freundschaft auf Grund ihrer Stärke unterscheiden. Er differenziert simpel zwischen „Starken Beziehungen“ und „Schwachen Beziehungen“. Starke Beziehungen bauen auf eine hohe Frequenz der Interaktionen, welche über eine emotionale Tiefe und gegenseitige Offenheit verfügen. Schwache Beziehungen hingegen bleiben oberflächlich und informell in ihrer Ausprägung.

Wellman (1988) benützt eine ähnliche Definition für seine Forschung und unterscheidet zwischen „engen Beziehungen“ und „regelmäßigen Beziehungen“. Er spezifiziert seinen Bereich der Forschung, indem er nur Beziehungen beleuchtet, die aktuell einen Austausch erfahren. Diese sind somit als signifikant tituliert, Signifikanz erlangen Beziehungen, wie bereits weiter oben erwähnt, ab einer Häufigkeit von drei Interaktionen pro Woche. Der Unterschied zwischen engen und regelmäßigen Beziehungen liegt in der Bindungsstärke und der Häufigkeit des Austausches. Sobald eine signifikante Beziehung eng und regelmäßig vorkommt, benennt Wellman diese als „Beste Freunde“.

Für meine Arbeit bezüglich der Entstehung der Freundschaft am Beispiel Facebook halte ich fest: Wellman fand heraus, dass sich 21% aller Freundschaften in seiner Studie aus Nachbarn ergab, 18% aller Beziehungen aus Arbeitskollegen. (Wellman 1988; Brunner 2011:11) Das gegebene Umfeld eines Individuums ist stets mit der möglichen Entstehung von Freundschaft fest verbunden. Der intensivere Kontakt unter Nachbarn oder Kollegen am Arbeitsplatz prädestiniert eine Befriedigung des sozialen Bedürfnisses im direkten Umfeld. Man kommt sich gegenseitig auch auf Grund der Nähe nicht aus: Arbeitskollegen und Nachbarn kann man sich, wie Familienangehörige, in der Regel nicht aussuchen. Mit diesen Personen hat man das Bedürfnis, auszukommen. Man arrangiert sich und toleriert leichter Fehler als unter anderen Umständen. Ob diese Aussage auch auf virtuelle Freundschaften anwendbar ist, erläutere ich im Kapitel: 5.7 „Über die traditionelle Homogenität bei gemeinschaftlichen Zusammenschlüssen“.

Brunner (2011) kommt zum Schluss, für ihre eigene Arbeit keinen Fokus auf eine „[…] Definition echter Freundschaft und deren Abgrenzung von allen anderen Beziehungsformen zu legen.“ Vielmehr solle „[…] der Mensch als soziales Wesen im Rahmen all seiner Beziehungen betrachtet werden.“ (Brunner 2011:8) Sie schließt sich somit den Aussagen Dörings (2003) an: Eine Freundschaft existiert als ausgesprochene Definition zweier Individuen, unabhängig von der Frequenz der Interaktionen und der Tiefe des Austausches. Was für die eine Person niemals für eine Freundschaft reicht, erachtet eine andere Person, als die beste Freundschaft. Dies hängt mit dem grundsätzlich individuellen Bedürfnis nach Austausch zusammen.

2.3.4 Über die Größe und Grenzen unserer Freundeskreise

Eine Antwort auf die Frage „Wie viele sind wir?“ findet sich in „Dunbar’s Number“, auf welche unter anderem Derrida verweist. Derrida beschreibt diese Zahl als eine „[…] Zahl zum Einstieg in das „Nennen, auszählen, abzählen“ (Derrida 2000:17). Adelmann sieht in ihr eine Antwort auf die „[…] Frage nach der Quantifizierung eines bereits mit vielen Qualitäten überfrachteten Konzeptes der Freundschaft […].“ (Adelmann 2011:134)

Dunbar (2010), ein Anthropologe und Psychologe, konstatiert in seinem Buch „How many friends does one person need?“ einen Zusammenhang zwischen der Größe des Neocortex, der den überwiegenden Teil der Oberfläche des menschlichen Großhirnes ausmacht, und der Größe sozialer Gruppen:

"This relationship between neocortex and group size in the nonhuman primates raises an obvious question. What size of group would we predict for humans, given our unusually large neocortex? Extrapolating from the relationship for monkeys and apes gives a group size of about 150 – the limit on the number of social relationships that humans can have, a figure that is now graced by the title Dunbar’s Number." (Dunbar 2010:24)

Dies würde bedeuten, dass der Mensch im Durchschnitt soziale Kontakte zu einem Maximum von 150 Personen pflegen kann. Zu diesen Personen ist es einem Menschen genauer möglich, eine Beziehung mit „Vertrauen“ und „Verpflichtung“ aufzubauen und diese zu halten. Dunbar führt diese Aussage in einem Interview von Krotoski (2010) aus:

"This is the number of people you can have a relationship with involving trust and obligation – there's some personal history, not just names and faces." (Krotoski 2010)

Adelmann benennt alle Menschen in einem sozialen Zusammenschluss, die über diese Zahl hinaus gehen als „[…] nicht Freunde aus sozialer Verbundenheit“. (Adelmann 2011:135) Dunbar beschränkt eine Verbundenheit zweier Individuen nicht nur auf die Zahl 150: Diese müssen ebenfalls auch im selben Umfeld anwesend sein. Eine Verbindung in sozialen Zirkeln alleine sei nicht ausreichend, um eine Freundschaft aufrecht erhalten zu können. Diese würden uns zwar helfen, in Kontakt zu bleiben, bevor eine Freundschaft endgültig absterben würde. Am Laufen erhalten bleiben könne eine Freundschaft aber nur durch den direkten Kontakt. Dunbar liefert noch eine genauere Definition, welche seiner persönlichen Definition von Freundschaft, der Adelmann ein „ahistorisches Freundschaftskonzept“ konstatiert, vorausgreift. (Adelmann 2011) So geht Dunbar auf einen engsten Kreis der Freunde ein:

„The innermost group consists of about three to five people. These seem to constitute the small nucleus of really good friends to whom you go in times of trouble – for advice, comfort, or perhaps even the loan of money or help. Above this is a slightly larger grouping that typically consists of about ten additional people. And above this is a slightly bigger circle of around thirty more.“ (Dunbar 2010:32)

Bei genauerer Betrachtung der Größenverhältnisse der von ihm definierten Gruppenkreise, erkannte Dunbar, dass diese in einer annähernden Sequenz mit einem Faktor von drei steigen:

"They seem to form a sequence that goes up by a factor of three (roughly five, fifteen, fifty and 150). In fact, there are at least two more layers beyond this: there is a grouping at about five hundred and another at about fifteen hundred." (Dunbar 2010:33)

Wellman (2012) kritisiert Dunbar jedoch und verweist auf andere Studien, welche soziale Kreise weit über der Nummer 150 nahelegen und schreibt von bis zu 610 sozialen Kontakten, die ein Mensch kennen kann:

„A different technique shows even larger networks, estimating that Americans know a mean of 610 and a median of 550 people […]“ (Zheng u.a. 2006; Wellman 2012:174)

Diese Erkenntnis würde bedeuten, dass sämtlicher Begriff von Freundschaft in Facebook nicht als Freundschaft im Sinne dieser Arbeit zu verstehen ist, sobald wir eine Zahl von über 600 hinzugefügten Freunden überschritten haben: Der Mensch kann nach dem Begriff von Dunbar (2010) nicht mehr als 150 und nach Zheng u.a. (2006) nicht mehr als 610 „meaningful relationships“ haben.

Dunbars (2010) Ergebnisse bezüglich der 5 Personen im ersten Kreis ähnelt jedoch den Forschungsergebnissen von Wellman (1988) Ende der 80er Jahre:

Im Gegensatz zu Dunbar stellte Wellman ein komplexes Gesamtkonzept unseres sozialen Netzwerkes auf, das wie folgt lautet:

„Most have at least 4 ties with socially close intimates – enough to fill the dinner table – and at least 3 ties with persons routinely contacted three times a week or more. Moreover, most have at least 1 socially close routinely contacted tie: a „best friend“ or „close sister“ who is a reliable source of companionship and aid“ (Wellman 1988:140)

Im Durchschnitt käme nach Wellman ein Netzwerk auf dreizehn signifikante Beziehungen.

Um die Erkenntnisse von Dunbar und Wellman nun zu vergleichen würde dies bedeuten, dass Menschen in der Regel vier (bei Wellman) bis fünf (bei Dunbar) engste Freunde pflegen. Ein weiterer Kreis, der sich dieser Aussage ähnelt, ist der bei Dunbar angesprochene Zusammenschluss bei fünfzehn Personen und derjenige bei Wellman bei elf Personen. Dies scheint eine Grenze von „Vertrauenspersonen“ zu bilden, bis zu welcher wir regelmäßigen Austausch suchen.

3. Zwischenfazit

Was nun all diese Definitionen gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass eine wahre Freundschaft etwas ist, das angestrebt zu werden würdig ist. Diese wahre Freundschaft wird als die edelste Form des Zusammenlebens beschrieben, welche sogar über der Verwandtschaft steht und bis über den Tod hinaus bestehen kann. Die Intentionen des Gegenübers sind jedoch oft zweifelhaft, es kann stets einen Hintergedanken für eine Freundschaft geben, um für sich selbst bestimmte Errungenschaften zu erlangen. Auch beschränken sich Freundschaften oft auf einen reinen Interessensaustausch, der nicht auf einem destruktiven und vorsätzlich verletzenden Hintergedanken basiert. Die von mehreren Autoren beschriebene wahre Freundschaft setzt einen Umstand voraus, indem man selbstlos eine Gesellschaft eingeht, ohne von Anfang an auf einen bestimmten Nutzen aus zu sein. Diese Freundschaften entstehen, obwohl man hierfür keinen materialistisch greifbaren Sinn darin erkennen kann. Gerade der Umstand, dass keiner der beiden die Freundschaft an sich als unbedingt nötig empfindet, kann das Fundament für eine solche wahre Freundschaft darstellen. Es ist jedoch nie auszuschließen, dass aus Nutzen- und Zweckfreundschaften oder auch aus unterschiedlichen Hierarchien wie Lehrling und Meister ebenfalls echte wahre Freundschaften entspringen können. Bei unterschiedlichen Hierarchien wird jedoch eventuell das Erreichen einer Meisterschaft seitens des Lehrlings von Bedeutung sein, um die beiden Befreundeten auf die gleiche Ebene zu hieven. Das Schwinden der zweckgebundenen Hierarchie kann den Nährboden für den Ausbau einer tieferen Freundschaft darstellen. Ob bestehende Freundschaften es schaffen, sich zu entwickeln, erkennt man oft, sobald die Freundschaft auf die Probe gestellt wird. Bei wahren Freundschaften vertraut man sich gegenseitig und verzeiht Fehltritte, da es sich um ein langwierigeres, wohltuendes Bündnis handelt. Dieses Verhalten beruht auf der in diesem Kapitel angesprochenen Grundhaltung des Charakters. Beziehungskrisen stellen diese Freundschaft auf die Probe. Kritische Lebensereignisse hierfür können sein: „[…] Geburten, Todesfälle, Verlust des Arbeitsplatzes, Umzug, Nebenbeziehungen usw. “ (Döring 2003:417)

Ob wir das für uns Liebenswürdige im Gegenüber nun als Teil unseres Selbst, als Teil unserer Seele oder sogar als Teil von Gott ansehen, ändert nichts daran, dass wir bis heute eine Form echter Freundschaft als anziehend und erstrebenswert empfinden. Alles in Allem suchen wir jedoch stets nach Menschen, die ihre Gefühle und Sorgen mit uns teilen und sich im Gegenzug dafür mit den unseren auseinandersetzen. Wenn aus dem sozialen Kontakt lediglich ein Zeitvertreib entsteht, sind wir in der Regel auch schon über diesen dankbar, da wir ein Bedürfnis nach sozialem Austausch haben. Es geht nicht einmal darum, mit einer bestimmten Person eine Freundschaft zu pflegen, solange eine Person sich bereit erklärt, die Funktion des Freundes auf Zeit zu übernehmen, sind wir zufriedengestellt. Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft zum Austausch, gewisse gemeinsame Interessen und ähnliche Leitbilder. Je stärker sich diese Bande darstellen, desto größer ist das Potential, dass aus diesem Zusammenschluss eine wahre Freundschaft entstehen kann. Wir müssen jedoch davon ausgehen, dass ein durchschnittlicher Mensch in der heutigen Zeit bezüglich dieser Definitionen keine Ahnung hegt, welche Formen von Freundschaften er pflegt. Weder sind diese Philosophien in allen Schulformen Teil des Unterrichtsstoffes, noch darf man von einer Gesellschaft ausgehen, die diesen Definitionen durchgängig Wichtigkeit zu spricht.

Döring (2003) schreibt zur Wahrnehmung von sozialen Beziehungen folgendes:

„Da die Beziehung in den Zeiträumen zwischen den einzelnen Kontakten weiterbesteht, spielen neben dem Kommunikations-. und Interaktionsverhalten kognitiv-beschreibende, emotional-bewertende und konativ-handlungsleitende Begleitprozesse (z.B. gemeinsame Erlebnisse erinnern, Sehnsucht empfinden, das nächste Treffen planen, etc.) eine wichtige Rolle für die Qualität und Kontinuität der Beziehung. (Hinde 1993:9) Schließlich können sogar Beziehungen mit extrem großen Kommunikations- und Interaktionspausen subjektiv als sehr eng und bedeutungsvoll erlebt werden.“ (Döring 2003:403)

Es liegt somit im unbewussten Erfahrungsschatz des Individuums für sich selbst zu entscheiden, wen es als Freund bezeichnet und wen nicht. Auch die Findung des eigenen Glücks in den gepflegten Freundschaften ist etwas, das ein Individuum stets für sich selbst definieren muss. Insofern kann ich mich in meinen Interviews lediglich auf den persönlich wahrgenommenen und für sich selbst definierten Freundschaftsbegriff beziehen. Diese Vorgehensweise deckt sich ebenfalls mit den Ansichten von Brunner (2011):

„Damit wird insgesamt klar, dass es für die vorliegende Arbeit [Brunners Werk: Freundschaft 2.0 von 2011] nicht zielführend ist, den Fokus auf die Definition von echter Freundschaft und deren Abgrenzung von allen anderen Beziehungsformen zu legen. Vielmehr muss der Mensch als soziales Wesen im Rahmen all seiner Beziehungen betrachtet werden.“ (Brunner 2011:9)

Das heißt, einzig zielführend wird sein, dass die Befragten von sich heraus ihre Beziehungsform als Freundschaft bezeichnen. Es wird nötig sein abzufragen in welcher Tiefe sich diese Freundschaft im Alltag darstellt.

4. Social Media

4.1 Was ist Social Media

Um die im folgenden Abschnitt vorkommenden Begrifflichkeiten zu erklären und um die Thematik Social Media näher zu erläutern, möchte ich hier ausführen, was mit diesem Begriff gemeint ist.

Vieler Orts, sowie auch in dieser Arbeit, werden Begriffe verwendet wie: Social Media, Web 2.0, digitale Medien und Ähnliches. Auf der Suche nach einer expliziten Definition erwähnen Haas u.a. (2007), dass eine solche an sich nicht existiere und wählen für sich folgende Definition:

„Der Begriff beschreibt alle Internetapplikationen, die hohe Gestaltungs- und Kommunikationsmöglichkeiten für den User bereitstellen. Damit unterscheidet sich das Web 2.0 vom Web 1.0 durch ein anderes „Selbstverständnis“ des Internets, durch die intensive Einbindung des Nutzers in die Gestaltung der Inhalte und durch die Dialoge.“ (Haas u.a. 2007:215)

Das heißt, das Web 2.0 zeichnet sich durch eine hohe Frequenz der Interaktion aus. Die Teilnahme an der Erstellung der Inhalte führt zu einem gänzlich anderen Verständnis der Internetnutzung. (Alby 2007)

Damit sich das Web 2.0 überhaupt entwickeln konnte, mussten erst diverse Technologien erfunden und verbessert werden: Eine Interaktion zwischen Menschen über das Internet, die sich sofort und fast ohne jegliche zeitliche Verzögerung realisieren lässt, setzt einiges an Fortschritt voraus: Die Rechenleistung der Server, des eigenen Computers und des Gerätes meiner Kontaktperson, die Geschwindigkeit der Internetleitung sowie der benützten Applikation und des Browsers, der den Inhalt darstellt, und vieles mehr. Auch die günstige Tarifgestaltung für den Internetzugang und ein weitverbreitetes gratis Internet lassen uns ein schlechtes Gewissen, den Computer länger als nötig zu benutzen, verlieren. (Alby 2007)

Der Begriff Web 2.0 wurde von Tim O’Reilly (2005) im Jahre 2004 erfunden, der im Zuge eines Brainstormings einen treibenden Namen für eine Konferenz anlässlich des Platzens der „Dot-Com-Blase“ gesucht hat. Der Name wurde mittlerweile als Begriff für die Entwicklung digitaler Medien, welche ein hohes Maß an Interaktion mit den Benützern fördern, übernommen. (oreilly.de-O'Reilly & Holz 2005)

Alby (2007) findet folgende Definitionen:

- „Das demokratische Netz, an dem alle teilhaben und zu dem alle beitragen.“ (spiegel.de-Stöcker 2006)
- „Von Vertrauen ist die Rede, von Reputation und Authentizität. Die Änderungen sind so gravierend, dass viele bereits vom ‚Web 2.0‘ sprechen.“ (zeit.de-Mario Sixtus 2005)

Laut dem Report: „The Most Valuable Social Media Brands 2012“ der Wirtschaftsuniversität Zürich in Kooperation mit der Markenbewertungsagentur BV 4 sind folgende soziale Netzwerke die erfolgreichsten weltweit nach ihrem Markenwert:

1) Facebook
2) Youtube
3) Twitter
4) Qzone
5) Sina Weibo

(BV 4 - Brand Value Rating Agency 2012)

Qzone und Sina Weibo sind in Europa und Amerika weniger bekannt und haben ihren Standort in China. Die Plätze eins bis drei haben ihren Firmensitz in den USA.

4.2 Was ist Facebook

Facebook wurde 2004 in Harvard von Mark Zuckerberg und Studienkollegen gegründet. Seine ursprüngliche Funktion wäre auf den Studienort beschränkt gewesen, um den dortigen Studierenden eine Möglichkeit der Vernetzung zu bieten. Nach einer schrittweisen Erweiterung stand Facebook ab 2010 in deutscher Sprache zur Verfügung. Nach der Erreichung einer kritischen Masse wurde die Plattform auch für Unternehmen interessant, die dort für ihre Produkte zu werben begannen. Facebook reagierte, indem geeignete Werkzeuge und Profil auch für diesen Markt zur Verfügung gestellt wurden.(austrianweb.at-Schmied 2010)

Für die Kommunikation in Facebook stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung: In einer Statusmeldung lassen sich Text, Bild, Video und Links zu anderen Seiten veröffentlichen. Es besteht die Möglichkeit Fanpages zu eröffnen, um Werbung für ein Unternehmen zu betreiben oder über ein Hobby oder einen Verein zu informieren. Ebenfalls können Gruppen eröffnet werden, in welchen foren-ähnlich ein Austausch der Mitglieder stattfinden kann. In der sogenannten Timeline (auch Newsfeed genannt) werden sämtliche Postings der verknüpften Kontakte, Fanpages und Gruppen, zu welchen man gehört, angezeigt. Die Statusmeldungen der „Freunde“ lassen sich mit Listen filtern.

Das eigene Profil kann zum Teil selbst gestaltet werden. Dort finden Besucherinnen und Besucher, je nach Einstellung der „Privatsphäre“, persönliche Informationen, hochgeladene Bilder, Bilder, auf denen sie verlinkt wurden, Interessen, eine Liste über die verknüpften Facebook-Kontakte, Seiten, bei welchen man auf „gefällt mir“ gedrückt hat, und eine Übersicht über die Applikationen, die man verwendet. All dies wird in einer mit Datum versehenen Chronik angezeigt. Zusätzlich verfügt das Profil über die Möglichkeit private Nachrichten zu hinterlassen oder aber auch eine Nachricht in Form von Text, einem Bild, einem Link oder einem Video zu posten. (schwindt-pr.com-Schwindt 2012)

5. Der Begriff Freundschaft in digitalen Medien

5.1 Die drei Ebenen des Freundschaftsdiskurses

Adelmann (2011) geht in seinem Werk „Von der Freundschaft in Facebook“ bereits sehr detailliert auf das Thema ein und erklärt die ursprüngliche Existenzbegründung sozialer Medien als „Pflege von Freundschaften“. Er führt den Erfolg der Plattform auf ein „[…] Gefühl des sozialen und medialen Defizits […]“ zurück. (Adelmann 2011:128) Er erläutert, dass soziale Netzwerke Bestandteile, die ein Freundschaftsverhältnis tragen, beisteuern und unsere Möglichkeiten zu interagieren erweitern. Er unterstreicht drei Ebenen des Freundschaftsdiskurses:

- Die intersubjektive Dimension von Freundschaft:
- Hier werden Rituale und Wertzuschreibungen in den Fokus genommen

- Die Medialisierung von Freundschaft
- Die benutzten Medien definieren „[…] Form, Struktur und Sichtbarkeit von Freundschaft“

- die soziopolitische Dimension der Freundschaft
- indem „[…] ein zeitloses, individualistisches Konzept […]“ verfolgt wird.

Adelmann setzt einen Schwerpunkt seiner Forschung auf die Erkenntnisse von Derrida (2000) und attestiert der Freundschaft, neben der Verknüpfung zweier Individuen, eine gesellschaftliche und politische Ebene. Er hebt sich dadurch von der breiteren Diskussion über die „[…] Vermischung von Öffentlichkeit und Privatheit […]“ (Adelmann 2011:129) ab und fokussiert sich auf die Freundschaft und ihre mediale Ausprägung sowie deren Einfluss auf die Entstehung von sozialen Handlungsweisen. Ein hier diskutierter Punkt ist auch die Definition von Freundschaft: Adelmann übernimmt die Frage bezüglich der Freunde bei Derrida (2000): „Wie viele sind wir? – Kommt es darauf an? Zählt das?“ und weist darauf hin, dass „Die Dynamik, der Prozess, das Werden und die Quantifizierung […]“ als stets wiederkehrende Elemente aufscheinen und für ihn selbst diese auch für mediale Erscheinungen strukturgebend sind. (Adelmann 2011:128 ff)

5.2 Die Semantik der Begrifflichkeiten in Facebook

In der Sprachwissenschaft existiert ein Gebiet mit der Bezeichnung Internationalismenforschung. In dieser Forschung beschäftigt man sich unter anderem mit den sogenannten „falschen Freunden“:

„Als ‚falsche Freunde‘ bezeichnet man also dem Anschein nach gleiche Ausdrücke zweier verschiedener Sprachen, die jedoch jeweils unterschiedliche Bedeutungen haben und beim Erlernen von Fremdsprachen Fehlerquellen darstellen. Oder genauer: ‚[...] als Phänomen der intersprachlich-heterogenen Referenz, bei der sich vermeintlich äquivalente Ausdrücke zweier Sprachen durch ihre jeweils unterschiedliche Referenz als trügerisch erweisen.‘“(Seelbach 2002:6)

Bei der Übersetzung ins Deutsche wurde der Begriff „Friend“ jedoch zum „Freund“ und erhielt eine andere Bedeutung. Dies kann missverstanden werden, meint dieses deutsche Wort ja eher zumindest einen „guten Freund“. Zum Beispiel kommt es zu Problemstellungen, wenn Angestellter und Vorgesetzter sich im deutschen Sprachraum in Facebook verbinden: Sind diese nun „Freunde“ oder „Bekannte?“ Wie verhalte ich mich dem Vorgesetzten gegenüber? Sind wir somit automatisch per Du? Andererseits kann diese Ambiguität auch positiv wirken, indem sie subjektive Barrieren löst und Personen sich durch die Freundschaftsanfrage beidseitig öffnen. Immerhin wurde somit angefragt, ob man „Freund“ sein möchte.

Auch der Begriff „Freund“ wird als ein solcher „falscher Freund“ geführt. Seine Bedeutung unterscheidet sich im deutschen Sprachraum vom englischen. Das englische Wort „Friend“ bedeutet „Bekannte/r“ jedoch hingegen bedeutet das deutsche Wort „Freund“: „guter Freund“, „enger Freund“ sowie „Beziehungspartner“ im sexuellen Sinn. (Dretzke & Nester 2009) Dieser Umstand muss im Zusammenhang mit Facebook genauer betrachtet werden: Facebook bezeichnet die soziale Verknüpfung zweier User als „Friend“. Hinzugefügt geworden zu sein, wird auch umgangssprachlich als: „I got friended“ bezeichnet. Dies bedeutet lediglich, dass man in Facebook von einer anderen Person hinzugefügt wurde.

Ähnlich verhält sich dies bei anderen übersetzten Begriffen: Die Funktion „jemanden anstupsen“ zum Beispiel wird im deutschen Sprachraum als eine freundschaftliche Geste gewertet. In einem Artikel, der als Hilfestellung dient, heißt es:

[...]

Details

Seiten
221
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656946205
ISBN (Buch)
9783656946212
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298311
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Institut für Organisation und Lernen
Note
1,0
Schlagworte
entstehung freundschaft facebook studie soziologie

Autor

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Titel: Die Entstehung von Freundschaft in Facebook