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Dimensionen der Kultur nach Hofstede. Individualismus vs. Kollektivismus in den USA und in Deutschland

Seminararbeit 2012 17 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2 Einleitung

3 Was ist Kultur?

4 Der Vergleich
4.1 Individualismus und Kollektivismus im Gesellschaftsleben
4.2 Individualismus und Kollektivismus im Rechtssystem
4.3 Individualismus und Kollektivismus im Sport

5 Fazit

6 Quellenverzeichnis

2 Einleitung

„Sie sind wütend und sie zeigen es: Zehntausende konservative Kritiker haben am Samstag in Washington gegen die geplante Gesundheitsreform der US-Regierung protestiert. Auf Spruchbändern und Plakaten warfen sie Präsident Barack Obama vor, die Rolle des Staates in der Gesellschaft übermächtig werden zu lassen und warnten vor einer Explosion der Staatsausgaben und einem Abdriften Amerikas in den Sozialismus. Es war eine der größten Protestveranstaltungen gegen Obama seit dessen Amtsantritt zu Jahresbeginn.“[1]

Berichte wie diese waren im Herbst 2009 häufig in deutschen Zeitungen zu lesen. Barack Obama, der 44. Präsident der Vereinigten Staaten, kämpfte für ein Gesetz, das das amerikanische Gesundheits- und Sozialwesen einer umfangreichen Reform unterziehen sollte. Am Ende setzte er sich durch und das Gesetz trat in Kraft. Unterstützung erhielt er dabei allerdings nur von 40 Prozent der Amerikaner. Fast die Hälfte der Gegner nannte als Grund die Angst vor zu hohen Kosten.[2] Was ist jedoch mit der anderen Hälfte? Warum widerstrebt es so vielen Amerikanern, sich staatlich versichern zu lassen?

Eine Antwort auf diese Frage könnte eine Studie des niederländischen Kulturpsychologen Geert Hofstede geben. In dieser kam er zu dem Ergebnis, dass es sechs verschiedene Kulturdimensionen gibt, darunter eine mit dem Namen Individualismus und Kollektivismus. Auf diese Dimension soll sich in dieser Hausarbeit konzentriert werden. Wie unterscheiden sich individualistische und kollektivistische Kulturen? Was ist kennzeichnend für sie? Fragen wie diese werden durch die Hausarbeit führen, wobei sich der Vergleich stets auf die Vereinigten Staaten und Deutschland beziehen wird. Im Verlaufe der Ausarbeitung wird dann auch geklärt, warum zahlreiche Amerikaner gegen die erwähnte Gesundheitsreform protestierten.

Damit ein Kulturvergleich stattfinden kann, muss zuallererst definiert werden, was der Begriff Kultur überhaupt bedeutet. Daran schließt sich der Hauptteil dieser Arbeit an, nämlich der Vergleich. Anfangen wird er mit einer kurzen Beschreibung von Hofstedes Kulturdimensionen, danach werden die verschiedenen Kulturen an den Punkten Gesellschaftsleben, Rechtswesen und Sport miteinander verglichen. Zum Schluss folgt ein Fazit, in dem die Ergebnisse kurz zusammengefasst und interpretiert werden.

3 Was ist Kultur?

Kultur ist solch ein komplexer und abstrakter Begriff, dass er nicht mit einer einzigen knappen Definition geklärt werden kann. Daher werden im Folgenden verschiedene Erklärungsansätze von verschiedenen Personen miteinander vermischt.

Die Kultur wird unter anderem als komplexes Ganzes[3], Orientierungssystem[4] oder aber auch als Handlungsfeld (field of action)[5] beschrieben. Sie umfasst „Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Gesetz, Bräuche und andere Fähigkeiten, die der Mensch als Mitglied der Gesellschaft erworben hat“[6]. Kultur beeinflusst also alle Lebensbereiche eines Individuums sowie dessen Wahrnehmung und Handeln.[7] Nach Malinowski wird sie als Werkzeug benutzt, um Probleme zu lösen, die bei der Bedürfnisbefriedigung entstehen[8] und gibt auch Ziele, Regeln und Grenzen vor[9]. Kultur wird von einer Generation an die nächste weitergegeben und ist einem ständigen Veränderungsprozess unterzogen. Sie trägt stark zur Identitätsbildung eines jeden bei, was aber eher unbewusst als bewusst geschieht.[10]

Hofstede sieht die Kultur als mentale Software (software of the mind) eines Menschen, die sich von Kindheit an einprägt und je nach dem sozialen Umfeld variiert. Sie wird erlernt, nicht vererbt, und gibt zum Beispiel vor, wie Gefühle in der Öffentlichkeit ausgedrückt werden, eine Begrüßung verläuft oder wie streng die Körperhygiene genommen wird. Laut Hofstede setzt sich eine Kultur aus vier verschiedenen Bereichen zusammen, die wie Zwiebelschichten übereinander angeordnet sind. Die äußere Schicht sind Symbole, zum Beispiel Gesten, Wörter oder Bilder, mit denen in der jeweiligen Kultur eine bestimmte Bedeutung assoziiert wird. Darunter folgt der Kulturbereich der Helden, der fiktive als auch reale Vorbilder mit einschließt. Die nächste Schicht ist die der Rituale, wobei hier gesellschaftliche, soziale und religiöse wiederkehrende Handlungen gemeint sind. Diese drei Bereiche gehören zu den für einen Außenstehenden sichtbaren Merkmalen einer Kultur. Die vierte Schicht liegt dagegen unter ihnen verborgen, denn sie enthält die Werte, das Kernstück einer jeden Kultur.[11]

4 Der Vergleich

Wie bereits erwähnt, führte Geert Hofstede von 1967 bis 1973 eine Studie über kulturelle Unterschiede am Arbeitsplatz durch. Dafür wurden Mitarbeiter des Großkonzerns IBM in mehr als 70 Ländern befragt und die Ergebnisse ausgewertet. Hofstede definierte daraufhin vier verschiedene Kulturdimensionen, zu denen er später zwei weitere hinzufügte. Diese Kulturdimensionen beschäftigen sich damit, was für eine Machtdistanz in einer Kultur besteht, ob sie eher feminin oder maskulin ist, wie sie zur Unsicherheitsvermeidung steht, ob sie eher langzeit- oder kurzzeitorientiert ist und eben ob in der Kultur Individualismus oder Kollektivismus vorherrscht. Im Allgemeinen versteht Hofstede unter einer kollektivistischen Kultur, dass dort die Gruppeninteressen Vorrang vor den Interessen des Einzelnen haben. In einer individualistischen Kultur verhält es sich genau gegensätzlich.[12] Wie genau sich dabei verschiedene Werte, Prioritäten und Verhaltensweisen herauskristallisieren, soll der folgende Vergleich verdeutlichen. Dabei ist zu beachten, dass eine Kultur niemals ausschließlich aus individualistisch oder kollektivistisch veranlagten Personen besteht, sondern diese Begriffe vielmehr eine Tendenz in der jeweiligen Kultur beschreiben. Amerikaner tendieren laut Hofstedes Auswertung sehr stark zum Individualismus und belegen in seiner Rangliste Platz 1 mit 91 von 100 Punkten. Deutschland erhielt dagegen 67 Punkte und ist auf Platz 15 angesiedelt.[13] Obwohl auch die deutsche Kultur eine relativ hohe Punktzahl zugeordnet bekam, lassen sich dort zahlreiche Beispiele für kollektivistisches Denken finden.

4.1 Individualismus und Kollektivismus im Gesellschaftsleben

Das wohl beste Beispiel für Individualismus in der amerikanischen Gesellschaft ist die Sozialhilfe. In den Vereinigten Staaten hat finanzielle Unterstützung vom Staat eine negative Konnotation. Denn dadurch büßen Amerikaner einen Teil ihrer individuellen Freiheit und Eigenständigkeit ein, welches beide fundamentale Werte in der Gesellschaft sind. Sollte staatliche Hilfe in Anspruch genommen werden müssen, so sollte diese nur von kurzer Dauer sein.[14] Genau diese Kürze der Dauer steht auch bei der 1996 von Bill Clinton unterzeichneten Sozialreform im Mittelpunkt. Das Gesetz schreibt vor, dass Sozialhilfe maximal für fünf Lebensjahre empfangen werden kann und zwingt arbeitslose Amerikaner somit, sich eine Arbeitsstelle zu suchen.[15] In dieser Regelung spiegeln sich die Grundeinstellungen der Gesellschaft wider. Der Fokus liegt auf der Autonomie und der Eigenständigkeit der eigenen Person, eine Abhängigkeit vom Staat oder anderen Organisationen ist dagegen unerwünscht. Dadurch lässt sich auch die bereits erwähnte Ablehnung einer staatlichen Krankenversicherung erklären.

[...]


[1] SPIEGEL Online (2009)

[2] Rüb in der F.A.Z. (2010)

[3] Tylor (2001), S. 32

[4] Thomas (1993), S. 380 ff.

[5] Boesch (1991), S. 29

[6] Tylor (2001), S. 32

[7] Thomas (1993), S. 380 ff.

[8] Sociology Guide (2012)

[9] Boesch (1991), S. 29

[10] Straub (1999), S. 185

[11] Hofstede (1997), S. 4 ff.

[12] geert-hofstede.com (2012)

[13] Hofstede (1997), S. 53

[14] Datesman, Crandall, Kearny (2005), S. 29 ff.

[15] U.S. Diplomatic Mission to Germany (2010)

Details

Seiten
17
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656946014
ISBN (Buch)
9783656946021
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298283
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,3
Schlagworte
dimensionen kultur hofstede individualismus kollektivismus deutschland

Autor

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