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Berner Dialekt und Französisch miteinander. Die gelebte Zweisprachigkeit in Biel/Bienne

Seminararbeit 2015 25 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Hintergrund

3. Rechtliche Situation

4. Statistische Entwicklung des Sprachenverhältnisses

5. Sprachauffassung: Wie nehmen BielerInnen die Zweisprachigkeit wahr?
5.1. Wahrgenommene Vor- und Nachteile der Zweisprachigkeit durch beide Sprachgruppen
5.2. Erkenntnis der Bedeutung der Zweisprachigkeit
5.3. Neuste Entwicklungen – die Zweisprachigkeit als Symbol

6. (Zusammen)Leben in Biel/Bienne – Die gelebte Zweisprachigkeit
6.1. Kommunikationssprache - Das „Bieler Modell der Sprachenwahl“
6.2. Gelebte Zweisprachigkeit im öffentlichen Raum
6.3. Printmedien
6.4. Elektronische Medien – TV und Radio

7. Problembereiche der bielerischen Mehrsprachigkeit
7.1. Arbeit, Beruf, Lehre
7.2. Verwaltung
7.3. Schule
7.3.1. Modus vivendi – Sprachliche Koexistenz auf schulischer Ebene
7.3.2. Zweisprachige Schulprojekte

8. Institutionelle Förderungsmassnahmen der Zweisprachigkeit

9. Fazit und Schlussfolgerung

10. Literaturverzeichnis
10.1. Quellen
10.2. Sekundärliteratur
10.3. Weiterführende Informationen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverze`ichnis

Abb. 1 Art. 6 der Kantonsverfassung Bern http://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19930146/201409240000/131.212.pdf

Abb. 2 Prozentualer Anteil von Deutsch- und Französischsprachigen, sowie der übrigen Sprachen an der gesamten Wohnbevölkerung von Biel/Bienne https://doc.rero.ch/record/17469/files/Werlen_Iwar_-_Biel_Bienne_-_Leben_in_einer_zweisprachigen_Stadt_20100312.pdf

Abb. 3 Zweisprachiges Strassenschild in Biel/Bienne http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e8/Picswiss_BE-98-49_Biel_Zweisprachige_Strassenbeschriftung.jpg

Abb. 4 Abbild einer Ausgabe der einzigartigen zweisprachigen Wochenzeitung Biel Bienne. Eigene Aufnahme

Abb. 5 Reglement über das Schulwesen der Stadt Biel. http://www.biel-bienne.ch/de/pub/services/rechtssammlung/systematisches_register.cfm?fuseaction_law=detail& doc=WORD%2F400%2F430.1.doc#.VO0Ypi5wY8Q

1. Einleitung

Die rund 53‘000 EinwohnerInnen starke, an der deutsch-französischen Sprachgrenze liegende Stadt Biel/Bienne wird seit dem 19. Jahrhundert durch eine Besonderheit geprägt, welche sie zu einem gesamtschweizerischen Sonderfall macht[1]: Der Zweisprachigkeit. Biel/Bienne ist die grösste zweisprachige Stadt der Schweiz und aktuell die einzige, welche offiziell zweisprachig ist. Im Gegenzug zu Fribourg ist sie nämlich auch amtlich zweisprachig, nicht nur de facto.[2] Bereits 1952 pries der damalige, langjährige Stadtpräsident Guido Müller die Zweisprachigkeit der Stadt als ihr Markenzeichen: "Heute ist Biel eine erklärte Zweisprachenstadt – die einzige Stadt der Schweiz, wo beide Sprachen, Deutsch und Französisch, durchaus gleichberechtigt nebeneinander stehen und angewendet werden."[3] Und er hatte recht - nirgends sonst ist wird die Zweisprachigkeit im öffentlichen Raum so konsequent realisiert und gelebt wie in Biel/Bienne: Die Strassenbeschriftungen sind zweisprachig, die lokalen TV- und Radiostationen auch, genauso wie diverse Printmedien.[4]

In dieser Proseminararbeit soll nun ein kleiner Einblick in diverse Aspekte der Zweisprachigkeit in der Stadt Biel/Bienne, deren Wahrnehmung durch die BielerInnen und das (Zusammen)Leben zweier Sprachgruppen in der vom sprachenpolitischen Standpunkt her einzigartigen Stadt Biel/Bienne gegeben werden.

Aufbau: Da die geschichtliche Entwicklung und die gesetzlichen Richtlinien zum Thema Sprachenpolitik von zentraler Bedeutung für das Verständnis der linguistischen Sonderstellung Biel/Biennes sind, folgen die Erläuterungen zu diesen zwei Aspekten sogleich nach der Einleitung in Kap. 2 und 3.

In Kap. 4 folgt im Anschluss eine kurze statistische Skizzierung der demographischen Entwicklung beider Sprachgruppen, um die Veränderung in der Zusammensetzung des Sprachenverhältnisses aufzuzeigen. Nach diesem ersten kurzen Überblick werden in den nächsten drei Kapiteln die Schwerpunkte dieser Arbeit behandelt.

In Kap. 5 wird auf die Frage eingegangen, wie die Bewohnerinnen Biel/Biennes die Zweisprachigkeit ihrer Stadt im Verlaufe der letzten Jahrzehnte wahrgenommen haben und wie sich ihre Auffassung und Akzeptanz des Bilinguisme verändert haben. Es wird auch ein Blick auf die von den jeweiligen Sprachgruppen identifizierten Vor-und Nachteile in Bezug auf diese amtliche Zweisprachigkeit geworfen. Ein Augenmerk liegt ausserdem auf der Einschätzung der französischsprachigen Minderheit bzgl. ihrer Chancengleichheit mit der deutschsprachigen Mehrheit in diversen Bereichen des öffentlichen Lebens wie Schule, Beruf, Verwaltung und Alltag.

Diverse Aspekte des alltäglichen Zusammenlebens in einer bilingualen Stadt wie Biel/Bienne werden in Kap. 6 beleuchtet. Durch das Erörtern unterschiedlicher Alltagsbereiche- und Situationen wird anhand von Beispielen aufgezeigt, wie die Zweisprachigkeit im öffentlichen Raum gelebt wird und wie die beiden Sprachengemeinschaften damit umgehen. Dabei wird auf die Eigenart des Bieler Kommunikationssystems eingegangen und die gelebte Zweisprachigkeit im öffentlichen Raum anhand von Beispielen aus dem alltäglichen Stadtleben dargelegt.

Kap. 7 widmet sich der Analyse und Aufarbeitung von relevanten, wissenschaftlich festgestellten Problemfeldern der bielerischen Mehrsprachigkeit in Bezug auf die Gleichstellung und die Chancengleichheit der beiden Sprachgemeinschaften. Um ein Bewusstsein für diese Thematik zu schaffen, werden die identifizierten Problembereiche Arbeit, Beruf, Lehre sowie Verwaltung und Schule relativ umfassend untersucht und dargestellt.

Kap. 8 schlussendlich zeigt anhand einiger Projektbeispiele auf, welche konkreten Förderungsmassnahmen zur Erhaltung und Verbesserung der für Biel/Bienne zum Markenzeichen gewordenen institutionellen sowie individueller Zweisprachigkeit angeboten werden.

Abschliessend werden die wichtigsten Ergebnisse im Fazit (Kap. 9) zusammengefasst und versucht, durch deren Analyse die Fragestellung der Arbeit gebührend zu beantworten.

Hinweis: Das Ziel dieser Arbeit liegt in der Untersuchung des Verhältnisses zwischen Deutsch- und Französischsprachigen. Wenn von „den zwei Sprachgruppen“ die Rede ist, beziehen sich diese Aussagen daher einzig und allein auf die deutsch- und französischsprachigen BewohnerInnen. Angehörige anderer Sprachgruppen werden im Kontext dieser Arbeit nicht miteinbezogen.

Forschungsstand: Einen guten Einstieg in die Thematik der Zweisprachigkeit Biel/Biennes bietet das Studium der gesetzlichen Grundlagen wie bspw. die Kantonsverfassung des Kantons Bern, die Stadtordnung Biel/Biennes und das städtische Schulreglement. Des Weiteren bieten die Werke des Sprachwissenschaftlers Iwar Werlen und Jean Racine einen umfassenden, gut strukturierten Überblick über die Zweisprachigkeit in der Stadt Biel/Bienne. Auch die wissenschaftlichen Untersuchungen von Gottfried Kolde und Christoph Müller sind gute Auskunftswerke zur Wahrnehmung und Einstellung zur Zweisprachigkeit durch die Wohnbevölkerung.

Fragestellung: Diese Arbeit hat einige relativ weitgefasste, aber eng miteinander in Verbindung stehende Fragestellungen. Es sollte zum einen untersucht werden, wie sich die Wahrnehmung der Zweisprachigkeit bei den beiden Sprachgruppen der deutsch- und französischsprachigen BielerInnen im Verlaufe der letzten paar Jahrzehnte entwickelt hat und wie sich das alltägliche Zusammenleben zweier kulturell unterschiedlicher Sprachgemeinschaften im öffentlichen Raum gestaltet. Immer im Hinblick darauf, dass zwischen den Angehörigen der Sprachgruppen ein Mehrheits-/ Minderheitsverhältnis besteht. Zum anderen war ein zentrale Schwerpunkt dieser Arbeit die Frage nach der Gleichberechtigung und Chancengleichheit der beiden Sprachgemeinschaften: Wie sieht die sprachliche Realität im öffentlichen Raum aus – sind deutsch und französisch gleichgestellt?

2. Geschichtlicher Hintergrund

Die Entwicklung von einer vormals ein- zur zweisprachigen Stadt und die Ursache für die Entstehung des heutigen Bilinguisme geht auf die Industrialisierung und die damit einhergehende Zuwanderung französischsprachiger Uhrenmacher- und Arbeiter aus dem Jura zurück, die nach 1850 in grosser Zahl nach Biel zogen.[5] Der kontinuierlich wachsende Anteil an französischsprachigen BewohnerInnen bildete die „Colonie française“, die mit der Zeit immer mehr politische Rechte erlangte.[6] Es entstanden französische Schulen, Organisationen und Institutionen – erreicht wurde eine gänzliche institutionelle und politische Integration. In den 1920er Jahren wurde die Zweisprachigkeit somit zum Markenzeichen von Biel, was aber nicht immer unumstritten war. Nicht nur wurde die Einrichtung französischer Schulen als Missachtung des Territorialitätsprinzips verstanden[7], sondern es gab auch einige skeptische Stimmen, die sich negativ zur Zweisprachigkeit äusserten. Sie vertraten die Ansicht, dass zuerst die Muttersprache ausgebildet werden müsse, weil – so die Unterstellung an viele (deutschsprachige) BielerInnen – sie ansonsten keine der beiden Sprachen richtig sprechen würden.[8]

In den 1970 und 80er Jahren beklagte sich die französische Minderheit über linguistische Diskrimination und forderte mit politischen Vorstössen eine bessere Anerkennung ihrer Gleichberechtigung in Fragen der Bildung und der Verwaltung. Zunehmend kritisiert wurde die Benachteiligung bei der Ausbildungssuche von jungen frankophonen Menschen aufgrund des ungleichen Verhältnisses von deutsch und französisch, insbesondere im Bereich der öffentlichen Verwaltung. Ab 2000 wurde die Zweisprachigkeit dann als positives Attribut mit wirtschaftlichem Nutzen aufgefasst, welches zur Förderung der städtischen Attraktivität für Privatpersonen und Unternehmen genutzt wurde.[9]

Rechtliche Anerkennung fand die vorhandene Zweisprachigkeit des Amtsbezirks Biel/Biennes allerdings erst im Februar 1952 in einem Dekret des bernischen Grossen Rates durch die Institutionalisierung der Zweisprachigkeit.[10] Die Stadt gab sich zu diesem Zeitpunkt den Doppelnamen Biel/Bienne.[11]

Mittlerweile hat sich Biel/Bienne durch den Zuzug vieler MigrantInnen aus über 120 Nationen - die über 70 Sprachen sprechen - von[12] „einer zweisprachigen Industriestadt zu einer mehrsprachigen Zukunftsstadt“[13] entwickelt.

3. Rechtliche Situation

Der Kanton Bern versteht sich trotz kleinem Anteil an Französischsprachigen offiziell als zweisprachiger Kanton. Die amtliche Zweisprachigkeit, ihr Einsatz im Umgang mit kantonalen Behörden sowie ihre territoriale Verbreitung wird daher in Art. 6, Abs. 1 der Kantonsverfassung festgelegt[14], welcher gleichzeitig die Sprachenfreiheit garantiert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Art. 6 der Kantonsverfassung Bern http://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19930146/201409240000/131.212.pdf

[...]


[1] Conrad/ Elmiger, Gelebte Zweisprachigkeit in Biel-Bienne, 81.

[2] Späti, Institutional Bilingualism in Biel/Bienne, Switzerland: Between Identity Politics and Pragmatism, 61.

[3] Müller, Zweisprachigkeit in Bienne-Biel, 5.

[4] Werlen, Der zweisprachige Kanton Bern, 299.

[5] Racine, Die französischsprachige Minorität im Kanton Bern, 162.

[6] Racine, Die französischsprachige Minorität im Kanton Bern, 162.

[7] Werlen, Der zweisprachige Kanton Bern, 81.

[8] Werlen, Biel/Bienne - Leben in einer zweisprachigen Stadt, 11.

[9] Späti, Institutional Bilingualism in Biel/Bienne, Switzerland: Between Identity Politics and Pragmatism, 65-66.

[10] Werlen, Biel/Bienne - Leben in einer zweisprachigen Stadt, 7.

[11] Werlen, Der zweisprachige Kanton Bern, 82.

[12] Racine, Die französischsprachige Minorität im Kanton Bern, 162.

[13] Werlen, Der zweisprachige Kanton Bern, 82.

[14] Werlen, Der zweisprachige Kanton Bern, 42.

Details

Seiten
25
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656944010
ISBN (Buch)
9783656944027
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298269
Institution / Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz) – Philosophische Fakultät
Note
5.5 (Schweizer Notensystem)
Schlagworte
Biel/Bienne Zweisprachigkeit Schweizerdeutsch Berndeutsch französisch Sprachenpolitik Schweiz Bilinguisme Zweisprachigkeit im öffentlichen Raum Schweiz Zweisprachigkeit

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Titel: Berner Dialekt und Französisch miteinander. Die gelebte Zweisprachigkeit in Biel/Bienne