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Fallbeispiel „Die Sache mit der Kreide“. Anwendung der objektiven Hermeneutik

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Pädagogik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erklärung der objektiven Hermeneutik
2.1 Technik der objektiven Hermeneutik
2.2 Prinzipien der objektiven Hermeneutik

3. Fallbeispiel
3.1 „Die Sache mit der Kreide“
3.2 Anwendung der objektiven Hermeneutik

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Lehrerinnen und Lehrer (LuL) sowie Schülerinnen und Schüler (SuS) nehmen im Schulalltag Rollen ein. Diese Rollen sind durch ihren Status (z.B. als Klassenlehrer, Schüler in dem Fach, Schulleitung, Schülersprecher etc.) definiert. Doch immer wieder kommt es dazu, dass die LuL und die SuS ihre Rollen verlassen, was zu einer Veränderung in den Interaktionen führt. Diese Veränderung der Interaktion kann zu einer angenehmen oder unangenehmen Situation für einen oder beide Interaktionspartner werden. Ein absichtliches Verlassen der Rollen wird als entspannendes oder entgrenzendes Verhalten beschreiben, was zu untersuchen ist und im Fazit näher erläutert wird.

Im Verlaufe meiner Hausarbeit werde ich eine Untersuchungsmethode für die methodische Aufschlüsselung dieser objektiven latenten Sinnstrukturen1 vorstellen und diese Methode auf ein Fallbeispiel anwenden.

Als Untersuchungsmethode wird die objektive Hermeneutik gewählt, um eine protokollierte Interaktion im Nachhinein zu untersuchen. Auf diesem Wege kann die Interaktion objektiv untersucht werden. Im ersten Teil dieser Hausarbeit wird die objektive Hermeneutik mit ih- ren Techniken kurz vorgestellt und im Anschluss werden die Prinzipien erläutert.

Im zweiten Teil wende ich die von mir vorgestellte Methode auf das Fallbeispiel „Die Sache mit der Kreide“, welches sich bei Prof. Dr. Andreas Wernet im Fallarchiv der Universität Kassel finden lässt, an. In dem Fallbeispiel werde ich untersuchen, ob es sich bei dieser Interaktion, um eine Entgrenzung oder einer Entspannung handelt.

2. Erklärung der objektiven Hermeneutik

Als Begründer der objektiven Hermeneutik oder auch der hermeneutischen Erfahrungswis- senschaft2 gilt Ulrich Oevermann. Als Methode ist sie ein qualitativ interpretatives Verfah- ren, um „methodisch kontrollierbare Wirklichkeitsforschung“3 an sozialwissenschaftlichen

Texten und Protokollen ausüben zu können. Die objektive Hermeneutik untergliedert sich in fünf Grundannahmen4:

- Ziel der Strukturrekonstruktion5:
Die Strukturrekonstruktion ist der Versuch, Regeln für bestimmte Sinnstrukturen herauszuarbeiten.
- Differenz zwischen latenten Sinnstrukturen und subjektiven Sinnrepräsentanzen6: Latente Sinnstrukturen sind die im Unterbewusstsein manifestierten Regularien für die Interaktion. Subjektive Sinnrepräsentanzen sind Regularien, die bewusst wahr- genommen werden. Die objektive Hermeneutik fokussiert sich auf die latenten Sinn- strukturen, da sie davon ausgeht, dass diese das menschliche Handeln dominieren.
- Konstitution der sinnhaften Welt in der Sprachen7: Der Text gibt denselben Sachverhalt wie ein Protokoll wieder, orientiert sich aber dabei an der Sinnhaftigkeit der sozialen Wirklichkeit.
- Text als regelerzeugtes Gebilde8: Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass alle sozialen Regularien omnipräsent sind, daher kann die Textinterpretation nur auf Grundlage dieser Regeln bzw. der daraus resultierenden Strukturen geführt werden.
- Prinzip der Fallstruktur-Generalisierung9:

Die grundsätzliche Herangehensweise an die objektive Hermeneutik beinhaltet die Formulierung von Interpretationshypothesen, welche anhand des Textmaterials über- prüft werden.

Mit der Methode soll eine Fallstruktur rekonstruiert werden, wobei die objektive Herangehensweise dafür sorgt, dass man mit gleicher Grundlage und unabhängiger Untersuchung auf jeweils dasselbe Ergebnis gelangen soll.

2.1 Technik der objektiven Hermeneutik

Anfangs wird das Protokoll in einzelne Sequenzen unterteilt, um sie partiell betrachten zu können. Das Muster der objektiven Hermeneutik10 sieht wie folgt aus:

Grundlegende Vorgehensweise ist dabei eine sequenzielle Analyse und eine Rekonstruktion der objektiven Bedeutung der einzelnen Sequenzen11. Hierzu werden die Interaktionen aus ihrem Kontext gelöst, das bedeutet, dass kategorisierende Begriffe entfernt und durch nicht wertende und allgemeine Begriffe ersetzt werden. Eine Verfälschung der Interaktion darf nicht stattfinden, weswegen die einzelnen Sequenzen natürlich und nicht erzwungen wirken.

Nachdem nun die einzelnen Abschnitte aus dem Kontext gelöst wurden, werden diese auf die zugrunde liegenden sozialen Regeln geprüft. Nun können zu den einzelnen Sequenzen „Geschichten“ zugeordnet werden. Als Geschichten werden Erklärungsversuche verstanden, die erzählen, wie es zu dieser Sequenz gekommen ist.

Es muss allerdings darauf geachtet werden, dass die einzelnen Geschichten die Grenzen der Sequenzen nicht überschreiten. Nun können zu den einzelnen Geschichten Lesarten erstellt werden. Lesarten sind Strukturmerkmale, die der Interaktion zu Grunde liegen. Anschlie- ßend können dann die gemeinsamen Strukturmerkmale untersucht werden, zum Beispiel: Formell-informell, Drohung, Hierarchie, usw.. Somit stehen die konkreten Ereignisse nicht im Vordergrund, sondern die eben erwähnten Strukturmerkmale. Denn diese Strukturmerk- male sollen später bei der Frage nach einem sinnvollen Rollenverhalten betrachtet werden.

Im nächsten Schritt findet die sogenannte Kompatibilitätsprüfung statt. Damit die Lesarten realistisch bleiben, werden die zuvor untersuchten Strukturmerkmale der jeweiligen Lesarten, die nicht mit dem Kontext übereinstimmen, ausgeschlossen.

Mit den Ergebnissen der Kompatibilitätsprüfung ergibt sich daraus eine bestimmte Fallstruk- tur, die in einer sogenannten Fallstrukturhypothese wiedergegeben wird. Die nicht ausge- schlossenen Lesarten werden anschließend zu einer Fallstrukturhypothese zusammenzufüh- ren. Wenn sich eine Fallstrukturhypothese stets wiederholt und bis zum Ende nicht ausge- schlossen werden kann, wird diese Fallstruktur als Ergebnis betrachtet werden.

2.2 Prinzipien der objektiven Hermeneutik

Um ein Grundverständnis über die objektive Hermeneutik zu erlangen, werde ich im Folgenden die zugrundeliegenden Prinzipien der objektiven Hermeneutik kurz erklären.

Andreas Wernet gibt in seinem Buch „Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik“ einen präzisen Überblick über die fünf Prinzipien der hermeneutischen Erfahrungswissenschaft. Diese fünf Interpretationsprinzipien sind:

(1) Kontextfreiheit12
(2) Wörtlichkeit13
(3) Sequenzialität14
(4) Extensivität15
(5) Sparsamkeit16

(1) Eines der größten Probleme einer textgebundenen Interpretation ist die Abhängigkeit der kognitiven Bilder, welche der Text beim Leser erzeugt. Diese kognitiven Bilder dürfen bei der objektiven Hermeneutik vorerst nicht berücksichtigt werden, da diese die Interpretationsmethode verfälschen würde.

„Die „künstliche Naivität“ bezieht sich also lediglich auf den interpretierenden Gegenstand einer Untersuchung. Die Kontextfreiheit der Interpretation versucht methodisch bewusst das Wissen um denjenigen Gegenstand, der im Fokus des Interesses steht, auszublenden.“17

Hier wird deutlich, dass Wernet dem Leser eine Subjektivität einräumt. Um diese Subjekti- vität bereits im Vorfeld auszuschalten, muss der Text in einem kontextfreien Zustand be- trachtet werden. Hierdurch werden verschiedene Geschichten und Lesarten generiert, um diese später mit dem Kontext zu konfrontieren. Dadurch entsteht eine objektiv nachvollzieh- bare Interpretation, nach Wernet, die nicht vom subjektiven Charakter des Interpretierenden geprägt wird.

(2) Die Wörtlichkeit ist ein wichtiger Grundsatz für die Wirklichkeitsanalyse. Wie eben bei der Kontextfreiheit erwähnt, ist eine subjektive Interpretation im Vorfeld nicht erwünscht. Eine Missachtung der Wirklichkeit des jeweiligen Textes ist in jedem Fall zu vermeiden. So müssen zum Beispiel „Versprecher“ auch mit berücksichtigt werden, um die Wirklichkeit des Textes und den Sinngehalt der Interaktion im vollen Umfang zu verstehen. Somit kann die objektive Wirklichkeit analysiert und interpretiert werden.

(3) Wie bereits in 2.1 Technik der Objektiven Hermeneutik angesprochen, wird anfangs das Protokoll in einzelne Sequenzen unterteilt, um sie partiell betrachten zu können. Dabei muss darauf geachtet werden, dass der Text Schritt für Schritt, ohne Auslassen einzelner Wörter oder Sätze, analysiert wird.

„Die sequenzanalytische Technik der gedankenexperimentellen Fortschreibung zielt in besonderer Weise auf die Rekonstruk- tion des „ So-und -nicht-anders-Gewordenseins“18 einer Lebenspraxis.“19

Diese kleinschrittige Interpretation einzelner Sequenzen erstellt einen Begründungszusammenhang eng am Text und macht ihn somit kontrollierbar. Da hier nur einzelne Textbestandteile betrachtet werden, kann man sich nur auf das eigentliche Geschehen beziehungsweise die in den Sequenzen festgehaltene Interaktion konzentrieren.

(4) Für eine objektiv hermeneutische Studie ist es wichtig, eine möglichst detaillierte und umfassende Interpretation vorzunehmen. Dieses Extensivitätsprinzip ermöglicht eine Komplettierung der Lesarten beziehungsweise der Textelemente. Das bedeutet für die Interpretation, dass so lange nach Lesarten gesucht werden muss, bis keine weiteren Lesarten mehr gefunden werden können, wobei jedes kleine Detail betrachtet werden muss.

(5) Die Sparsamkeit bedeutet für eine objektiv hermeneutische Studie, dass nur Lesarten verwendet werden dürfen, die für den späteren Interpretationsverlauf angemessen sind. Zwar besagt die Extensivität, dass möglichst jede Lesart erfasst werden soll, dennoch müssen diese mit dem Text realistisch zusammenpassen. Nicht zum Text passende Lesarten müssen nicht falsch sein, sie werden nur im Verlauf der Interpretation nicht weiter berücksichtigt. Diese Lesarten passen mit dem Kriterium der Objektivität oder mit dem Kontext nicht zusammen.

3. Fallbeispiel

3.1 „Die Sache mit der Kreide“

Als Fallbeispiel wurde „Die Sache mit der Kreide“ nach Wernet gewählt:

(1) „Ohne zu klopfen betritt ein Schüler eine andere Klasse.
(2) S: Darf ich mir ein Stück Kreide ausleihen?
(3) L: Wieso ausleihen? Bringen Sie sie wieder zurück?
(4) S: Ja
(5) L: Aber das geht ja nicht; Sie wollen doch damit schreiben, dann wird sie doch klei- ner.
(6) S (nimmt die Kreide): Na gut, dann leih ich mir eben einen Teil und den anderen stehle ich.
(7) L: Warum nicht gleich so.“

3.2 Anwendung der objektiven Hermeneutik

(1) Ohne zu klopfen betritt ein Schüler eine andere Klasse.

Um den Text im kontextfreien Zustand zu betrachten, muss „ein Schüler“ und „eine andere Klasse“ durch „eine Person“ und „einen Raum“ ersetzt werden:

„Ohne zu klopfen betritt eine Person einen Raum“

Jetzt wird nach unterschiedlichen Geschichten gesucht, die anschließend zu Lesarten gebün- delt werden müssen, damit diese dann später mit dem Kontext konfrontiert werden können.

Kontextfreie Erstellung von Geschichten zu (1):

I. Die Person betritt:
a. einen leeren Raum.
b. ein ihr gehörendes Zimmer. Dieses Zimmer könnte evtl. ein Arbeitsraum, ein Hotelzimmer oder einfach eine Küche in der eigenen Wohnung sein.
c. einen Raum, der nicht ihr gehört, zudem sie aber die Befugnis hat, diesen zu betreten (Kopierraum).
d. bewusst einen Raum, zudem sie keinen Zutritt hat.
e. unbewusst einen Raum, zudem sie keinen Zutritt hat.

[...]


1 Vgl. OEVERMANN, U.: Tiefenstrukturelle Konzepte. Objektive Hermeneutik S. 132.

2 Vgl. BOENISCH, B.: Grundlagen der hermeneutischen Erfahrungswissenschaft in STUMPF, H. (Hrsg.) Bildungsstruktur und Soziale Arbeit, S. 31.

3 WERNET, A.: Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik S. 12.

4 Vgl. HUSSY, W.; SCHREIER, M.; ECHTERHOFF, G.: Forschungsmethoden in Psychologie und Sozialwissenschaften, S. 251.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Ebd.

9 Ebd.

10 WERNET, A.: Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik S. 39-40.

11 Vgl. REICHERTZ, J.: Objective Hermeneutics and Hermeneutic Sociology of Knowledge. In: FLICK, U. (Hrsg.). Companion to Qualitative Research.

12 WERNET, A.: Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik S. 21-23.

13 Vgl. a.a.O. S. 23-27.

14 Vgl. a.a.O. S. 27-32.

15 Vgl. a.a.O. S. 32-35.

16 Vgl. a.a.O. S. 35-38.

17 Vgl. a.a.O. S. 23.

18 Eine Formulierung Max Webers (1904,171).

19 WERNET, A.: Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik S. 30.

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656946557
ISBN (Buch)
9783656946564
Dateigröße
774 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298220
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Objektive Hermeneutik Fallbeispiel

Autor

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