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Höflichkeit - Eine Frage des Geschlechts? Kritik an und Alternativen zu Lakoffs Theorie

Studienarbeit 2015 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Robin Lakoff: Talking like a lady
2.1 Grundannahmen
2.2 Ausprägungen von „Talking like a lady“
2.2.1 Lexikalische Differenzen von Frauen- und Männersprache
2.2.2 Syntaktische Differenzen von Frauen- und Männersprache
2.3 Zwischenfazit: Frauensprache als höflichere Variante

3 Kritik

4 Alternative Ansätze der Höflichkeitsforschung
4.1 Brown & Levinson: Intervenierende Variablen R, D und P
4.1.1 Gesichtsbedrohende Akte (FTAs)
4.1.2 FTAs Abwenden: Höflichkeitsstrategien
4.1.3 Distanz, Macht und Zumutbarkeit als entscheidende Variablen
4.2 Sara Mills: Gender als eine, nicht einzige, Variable
4.2.1 Mischformen männlicher und weiblicher Sprechweisen
4.2.2 Gender im Verhältnis zu anderen Variablen

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Gerade in den letzten Jahren kommen wieder vermehrt sprachliche Gender-Debatten auf, vorwiegend im universitären Kontext. Aktuell wird intensiv die universelle Verwendung des generischen Maskulinum Studenten diskutiert, welcher weibliche Studentinnen ausschließe. Stattdessen fordern Gleichstellungsbeauftragte die Verwendung des Begriffs Studierende, der beide Geschlechter einschließt – ein rot-grünes Hochschulgesetz in Nordrhein-Westfalen verlangt sogar die Umbenennung der Studentenwerke in Studierendenwerke.1 „Guten Tag, Herr Professorin“ titelte Spiegel-Online 2013, als die Universität Leipzig so weit ging, ihre Grundordnung zu ändern und fortan nur noch weibliche Personenbezeichnungen zu nutzen, die aber sowohl für weibliche als auch für männliche Personen gelten.2 Der Kampf um sprachliche Gleichberechtigung scheint aktuell wie nie.

Bereits 1973 kritisierte Robin Lakoff eine sprachliche Ungleichberechtigung der Geschlechter. In Ihrem Aufsatz „Language and woman’s place“ thematisiert sie zwei Seiten dieser Problematik: Einerseits die Art und Weise, wie Frauen sprechen, oder vielmehr, wie ihnen im Kindesalter beigebracht wird, zu sprechen, und andererseits die Form, in der über Frauen gesprochen wird. Für diese Arbeit wird vor allem ersteres von Interesse sein, die spezielle Sprechweise von Frauen nach Lakoff. Denn sie behauptet, Frauen bekämen beigebracht, wie eine Lady zu sprechen, wären daher zwar nicht in der Lage sich präzise und eindringlich auszudrücken, drückten sich in der Konsequenz aber insgesamt höflicher aus als Männer. Wie fundiert Lakoffs Arbeit ist, ob ihre Ansätze (vor allem in der heutigen Zeit) tatsächlich gültig sind, und welche anderen Faktoren es gibt, an denen Höflichkeit festzumachen ist, soll Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein.

Daher werden zunächst die Grundzüge von Robin Lakoffs Ansatz sowie ihr Konzept „Talking like a lady“ vorgestellt. Anschließend sollen einige Kritikpunkte dazu angeführt werden, einerseits zur Theorie an sich, andererseits zur Gültigkeit in der heutigen Zeit. Dann werden mit den Werken von Brown und Levinson (1987) und Sara Mills (2003) zwei alternative Sichtweisen auf die Höflichkeitsforschung gegeben. Abschließend erfolgt eine kurze Zusammenfassung und ein Ausblick auf mögliche weiterführende Forschungsansätze.

2 Robin Lakoff: Talking like a lady

Um Lakoffs Konzept aus „Language and woman’s place“ aus dem Jahr 1973 näher zu analysieren, erscheint es sinnvoll, zunächst einen kurzen Überblick über jenes zu geben.

2.1 Grundannahmen

In Lakoffs Sichtweise sind Frauen „marginal to the serious concerns of life“3, da diese reine Männersache sind. Sie bezeichnet Frauen weiterhin als machtlos, und diese Marginalität und Machtlosigkeit spiegle sich auch in der Sprechweise von Frauen wider.4 Konkret würden sie starke Ausdrucksformen für Gefühle vermeiden, Ausdrücke der Unsicherheit bevorzugen und hinsichtlich Gegenstandsbeschreibungen Darstellungsformen verwenden, die in der „echten“ Welt als trivial erachtet werden.5 In der Konsequenz sprächen Frauen insgesamt höflicher als Männer.

Der Grundstein für diese spezielle Sprechweise wird laut Lakoff bereits in der Erziehung von kleinen Mädchen gelegt, die von Eltern, Freunden und Lehrern zurechtgewiesen werden, sollten sie „grob“ sprechen, wie Jungs. Stattdessen wird den Mädchen beigebracht, wie eine Lady zu sprechen, was dazu führt, dass sie später im Erwachsenenalter nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft akzeptiert werden, da sie nicht in der Lage sind, sich präzise und kraftvoll auszudrücken .6 Es entsteht eine Art Teufelskreis für Mädchen:

If she refuses to talk like a lady, she is ridiculed, subjected to criticism as unfeminine; if she does learn, she is ridiculed as unable to think clearly, unable to take part in serious discussion: in some sense, as less than fully human.7

Die Konsequenzen seien schwerwiegend, Frauen würden aufgrund ihrer linguistischen Unzulänglichkeit systematisch von Machtpositionen ausgeschlossen, da diese auf eine Unzulänglichkeit der Person als Ganzes schließen lasse. Außerdem würde ihnen das Gefühl gegeben, eine solche Behandlung auch zu verdienen, aufgrund ihrer Defizite in Intelligenz beziehungsweise Bildung.8

2.2 Ausprägungen von „Talking like a lady“

Wie die oben erwähnte “ladylike” Sprechweise von Frauen tatsächlich praktisch umgesetzt wird, macht Robin Lakoff anhand zweier Ausprägungen greifbar: Einerseits der lexikalischen Unterschiede, andererseits der syntaktischen.

2.2.1 Lexikalische Differenzen von Frauen- und Männersprache

Lexikalische Unterschiede macht Lakoff zunächst anhand der Benennung von Farben fest. Als Beispiel führt sie an, sollten ein Mann und eine Frau beide eine rosa-/lilafarbene Wand betrachten, und die Frau die Farbe als „mauve“ bezeichnen, hätte dies keine spezifischen Auswirkungen darauf, wie andere sie wahrnehmen. Sollte der Mann allerdings diesen sehr präzisen Farb-Namen erwähnen, erwecke dies den Eindruck, er imitiere eine Frau sarkastisch, sei homosexuell oder ein Inneneinrichter.9 Allgemein seien Frauen bei der Beschreibung von Farben konkreter als Männer, da diese derartige Themen als trivial und irrelevant für die „echte“ Welt erachteten.10

Auch in der Verwendung von – auf den ersten Blick bedeutungslosen – Partikeln unterscheide sich die Frauen- von der Männersprache. Dazu führt Lakoff folgendes Beispiel an:

(a) Oh dear, you’ve put the peanut butter in the refrigenerator again.
(b) Shit, you’ve put the peanut butter in the refrigenerator again.11

Satz (a) sei klar als Frauensprache, (b) als Männersprache identifizierbar, da Frauen üblicherweise eher schwache Schimpfwörter verwenden, Männer hingegen stärkere. Begründet werden kann dies dadurch, dass die Verwendung von Schimpfwörtern stellvertretend dafür steht, wie intensiv man sich selbst erlaubt, etwas zu empfinden. Da Frauen bereits im Kindesalter beigebracht wird, dass es sich nicht geziemt, seine Empfindungen laut herauszurufen, tendieren sie auch im späteren Leben eher zu schwachen Schimpfwörtern. Männern hingegen sei es erlaubt, sich kräftiger, stärker auszudrücken, sodass man ihnen aufmerksamer zuhöre und sie eher ernstnehme, wodurch ihre Machtposition in der Gesellschaft gefestigt werde.12

Weitere lexikalische Differenzen zwischen den Geschlechtern stellt Lakoff im Gebrauch spezieller Adjektive fest. Adjektive wie beispielsweise adorable, lovely oder divine seien eindeutig der Frauensprache zuzuordnen. Ähnlich wie bei den sehr konkreten Farb-Beschreibungen machten sich Männer lächerlich, sollten sie einen dieser Ausdrücke verwenden.

2.2.2 Syntaktische Differenzen von Frauen- und Männersprache

Im Bereich der Syntax zeige sich ein erster Aspekt, der Frauen- von Männersprache unterscheidet darin, dass Frauen häufiger „tag-questions“, zu Deutsch Bestätigungsfragen, verwenden. Solche Fragen stellen den Mittelweg zwischen einer direkten Aussage und einer Ja-Nein-Frage dar. Als Beispiel hierfür gibt Lakoff den Satz „John is here, isn’t he?“ an. In diesem Fall scheint die Sprecherin zwar eigentlich von einer Begebenheit (hier: dass John da ist) auszugehen, aber noch nach Bestätigung für ihre Annahme zu suchen. Solche Bestätigungsfragen sind in manchen Situationen legitim, für Frauen und Männer, sollte sich der Sprecher/die Sprecherin nicht ganz sicher ob einer Begebenheit sein. Frauen tendieren laut Lakoff allerdings dazu, selbst in Situationen, in denen sowohl der Fragende als auch der Befragte die Antwort kennen, wo keine Bestätigung von Nöten wäre, Bestätigungsfragen zu stellen. Das geschieht meist bei Fragen bezüglich Befindlichkeiten oder Meinungen, in sich Frauen nicht eindeutig äußern wollen, um Konflikte zu vermeiden. Dies erzeuge wiederum den Eindruck, Frauen seien allgemein unsicher und hätten keine eigene Meinung.13

Aber nicht nur im Frage-, auch im Antwortverhalten zeigen sich spezielle weibliche Muster. Es sei üblich für Frauen, auf einfache Fragen, bei denen definitiv nur sie als Befragte die Antwort kennen können, zwar mit einem Deklarativsatz zu antworten, diesen aber wie eine Frage auszusprechen. Lakoff gibt hierfür folgendes Beispiel:

(A) When will dinner be ready?
(B) Oh… around six o’clock… ?14

Hier scheint die Befragte (B) das Einverständnis von (A) für ihre Antwort zu suchen, wodurch sie wiederum vermeidet, einen klaren Standpunkt zu vertreten. Ein solches Umgehen einer klaren Antwort zeugt von Unsicherheit und habe zur Folge, dass Frauen von Männern nicht ernst genommen würden, sie ihnen nicht vertrauten.15

Weiterhin formulierten Frauen auch offensichtliche Aufträge oder Bestellungen anders als Männer. Statt schlicht aufzutragen „Close the door.“ sei es für Frauen üblicher, vorsichtig zu anzufragen „Will you please close the door?“.16 Durch das Hinzufügen mehrerer Partikel und die Formulierung als Frage, erscheint die Äußerung eher eine Bitte oder gar ein Vorschlag zu sein, als ein Auftrag. Anders als beim direkten Auftrag bleibt es bei der Bitte dem Adressaten überlassen, ob er annimmt oder nicht.17 Auch dieses Muster soll die Nichtbereitschaft von Frauen, sich klar zu äußern, zeigen.

[...]


1 Vgl. Süddeutsche Zeitung Online. (18.02.2015). Studenten, äh, Studierende. Gleichberechtigung im Studium.

2 Vgl. Spiegel Online. (04.06.2013). Sprachreform an der Uni Leipzig: Guten Tag, Herr Professorin.

3 Lakoff, R. (1973). Language and woman’s place. In: Language in Society 2/1, S. 45-80. (45).

4 Vgl. Ebd.

5 Vgl. Ebd.

6 Vgl. Ebd. (47).

7 Ebd. (48).

8 Vgl. Lakoff (1973). (48).

9 Vgl. Ebd. (49).

10 Vgl. Ebd.

11 Ebd. (50).

12 Vgl. Lakoff (1973). (51).

13 Vgl. Ebd. (55).

14 Vgl. Lakoff (1973). (56).

15 Vgl. Ebd.

16 Ebd.

17 Vgl. Ebd.

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656951025
ISBN (Buch)
9783656951032
Dateigröße
869 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v298215
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsche Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Höflichkeit Politeness Lakoff Brown and Levinson Mills Gender Geschlecht

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