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Der jüdische Hintergrund zu Max Webers Vortrag "Wissenschaft als Beruf"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 21 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

Der Vortrag „Wissenschaft als Beruf“
Die auf das Judentum bezogenen Textstellen in „Wissenschaft als Beruf“

Der studentische Rahmen und Hintergrund des Vortrages
Antisemitismus in traditionellen Burschenschaften
Die Entstehung jüdischer Burschenschaften
Der Freistudentische Bund

Max Webers Haltung zum Judentum
Private Korrespondenz
Webers wissenschaftliche Aussagen über das Judentum

Schlussfolgerungen

Bibliografie

Einleitung

Diese Hausarbeit ist im Rahmen eines hermeneutischen Seminars entstanden. Ziel des Seminars war es, anhand eines für heute Leser schwer erschließbaren Textes das hermeneutische Verfahren zu üben und die Leistungsfähigkeit dieser Methode zu entdecken. Solch ein Text, der aus heutiger Perspektive nicht mehr in seiner Ganzheit erschließbar ist, weist Stellen auf, die auch nicht mit einem Fremdwörterbuch oder einem mehrbändigen Lexikon ad hoc zu klären sind. Diese Stellen bedürfen einer umfangreicheren Recherche und teilweise aufwändiger Lektüre von Originaltexten. Daraufhin wird ein Anmerkungsapparat erstellt, der dem Leser Hilfestellungen und Hintergrundinformationen gibt.

Der in diesem Seminar behandelte Text war „Wissenschaft als Beruf“ von Max Weber.[1] Gerade dieser Text von Max Weber, einem höchst belesenen Gelehrten, weist bei genauerem Hinsehen eine Fülle von Namen, Verweisen und Anspielungen auf, die ohne weiteres heute nicht verstanden werden. Ein ungeschulter Leser wird nicht einmal auf die Idee kommen, hinter den meisten entsprechenden Textstellen einen Klärungsbedarf zu vermuten. Die Herausgeber der Max Weber Gesamtausgabe haben bereits viel Energie dahinein verwendet, den Text so umfangreich wie möglich zu kommentieren. Teilweise macht der Anmerkungsapparat aber den Eindruck, es sei bei der Kommentierung nicht immer auf höchste Qualität, sondern stellenweise auch schlicht auf Quantität Wert gelegt worden. Es gibt Anmerkungen, die nicht notwendig wären, andere Textstellen mit einem hohen Anmerkungsbedarf sind nicht bearbeitet worden.

Diese Arbeit ist drei Textstellen gewidmet, die allesamt nicht oder nicht hinreichend kommentiert worden sind. Sie stellt den Versuch dar, diese Stellen zu identifizieren, ihren Kommentierungsbedarf zu begründen und sie – im Umfang über eine normale Anmerkung weit hinausgehend – zu kommentieren.

Der Vortrag „Wissenschaft als Beruf“

Am 07. November 1917 hielt Max Weber den Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ im Rahmen der Vortragsreihe „Geistige Arbeit als Beruf“ des Freistudentischen Bundes München. In diesem Vortrag legt Weber eine umfassende Beschreibung und dann Bewertung der beruflichen wissenschaftlichen Tätigkeit dar. In einem ersten Teil beschreibt er den Zuhörern den akademischen Alltag aus seinen Erfahrungen, berichtet von Arbeitsbedingungen und Schwierigkeiten des Weiterkommens selbst für begabte Nachwuchswissenschaftler. In diesem Teil gibt er einen für die jungen Studenten sicherlich Sorgen bereitenden Einblick in „die äußeren Bedingungen des Gelehrtenberufs“[2] mit Betonung auf den glücksspielartigen Charakter einer deutschen Wissenschaftlerkarriere. Für den Rest des Vortrages widmet er sich dem „inneren Berufe zur Wissenschaft“[3]. In seinen Ausführungen beleuchtet Weber den Beruf des Wissenschaftlers von verschiedenen Seiten, macht einen Exkurs über die Entstehung der Wissenschaft und ihre Bedeutung in der heutigen Zeit, macht sich für sein Wertfreiheitspostulat stark und wettert immer wieder heftig gegen die „Kathederprophetie“[4]. Noch einmal ausgehend von der Kernfrage „was leistet denn nun eigentlich die Wissenschaft Positives für das praktische und persönliche Leben“[5] beendet Weber den Vortrag mit einer bildgewaltigen, mythisch durchsetzten Passage, in der er zum Ausdruck bringt, dass die Wissenschaft ein Mittel ist, den „Forderungen des Tages gerecht werden“[6] zu können anstatt der Religion das „Opfer des Intellekts zu bringen“[7].

Die auf das Judentum bezogenen Textstellen in „Wissenschaft als Beruf“

Weber hält also einen Vortrag über Wissenschaft als Beruf und folgt mehr oder weniger strikt dem Thema, das der Titel vorgibt. Bei der Lektüre – so wie den Zuhörern damals sicher auch – fällt dann allerdings der mehrmalige Bezug auf das Judentum auf.[8] Ein Vortrag über Wissenschaft als Beruf, über den Sinn der Wissenschaft in der heutigen Zeit; warum wird hier das Judentum mehrmals erwähnt? Das Auftauchen dieser Religion ist an einer der drei Textstellen im Grunde nicht weiter verwunderlich, denn hier zählt Weber verschiedene Religionen auf, um sie miteinander zu vergleichen. Im Zusammenhang mit der Frage nach der Vereinbarkeit von Religion und der Wissenschaft Theologie zählt er Religionen auf, in denen es Dogmen gibt; das Judentum steht hier nur als eine von 11 Religionen. Aber selbst hier fällt auf, dass Weber auf das Judentum besondere Bedeutung legt, indem er es an die ersten 10 Religionen mit „und natürlich auch im Judentum“[9] anhängt. Zwei Sätze später heißt es: „Und es ist kein Zufall, daß das okzidentale Christentum – ganz im Gegensatz zu dem, was z.B. das Judentum an Theologie besitzt – sie systematischer ausgebaut hat [...].“[10] Warum gibt Weber dem Judentum mehr Platz und Beachtung als vor einem durchschnittlichen studentischen Publikum – auch 1917 – zu erwarten wäre?

Eine andere Textstelle, in der Weber sich auf das Judentum bezieht, steht zum Abschluss des Themas „äußere Bedingungen des Gelehrtenberufs“. Bezüglich der Beratung von jungen Wissenschaftlern, die habilitieren möchten, sagt Weber: „Ist er ein Jude, so sagt man ihm natürlich: lasciate ogni esperanza.“[11] Wieder stellt sich die Frage, warum Weber diese Anmerkung macht. Er führt dieses brisante Thema zwar fast nur als Seitenbemerkung stehen, macht auf dieses zeitgenössische Problem aber zumindest aufmerksam. Angesichts des damals herrschenden Antisemitismus in der Wissenschaft hätte diese als Anklage verstehbare Äußerung vor einem durchschnittlichen akademischen Publikum für Unmut gesorgt, was Weber sicher hätte vermeiden wollen, da er sich zu diesem Zeitpunkt um die Nachfolge Lujo Brentanos bewarb. Machte er diese Bemerkung nur, weil sie seinem Standpunkt entsprach und hätte er sie zu jeder Gelegenheit jedem Publikum gegenüber wiederholt, oder gab es besondere Umstände, die dies ermöglichten bzw. nahe legten?

Der skurrilste Bezug auf das Judentum in Webers Rede ist Teil des den gesamten Text abschließenden Gedankenganges. Um die Frage zu klären, was die Wissenschaft denn nun eigentlich für das Leben leisten würde, stellt er die Wissenschaft in den Gegensatz zur Religion. Die Religion gründe darauf, dass sie das „Opfer des Intellekts“[12] verlange. Dahingegen ist die Wissenschaft kein Glauben (Weber nennt dies „Haben“[13] ), sondern sie bringt „Wissen“[14]. Den Nutzen dieses Wissens macht Weber durch ein Bildnis deutlich: Er erklärt, es sei

festzustellen, daß heute für alle jene vielen, die auf neue Propheten und Heilande harren, die Lage die gleiche ist, wie sie aus jenem schönen, unter die Jesaja-Orakel aufgenommenen edomitischen Wächterlied in der Exilszeit klingt: »Es kommt ein Ruf aus Sçîr in Edom: Wächter, wie lang noch die Nacht? Der Wächter spricht: Es kommt der Morgen, aber noch ist es Nacht. Wenn ihr fragen wollt, kommt ein ander Mal wieder.« Das Volk, dem das gesagt wurde, hat gefragt und geharrt durch weit mehr als zwei Jahrtausende, und wir kennen sein erschütterndes Schicksal. Daraus wollen wir die Lehre ziehen: daß es mit dem Sehnen und Harren allein nicht getan ist, und es anders machen: an unsere Arbeit gehen und der »Forderung des Tages« gerecht werden – menschlich sowohl wie beruflich. Die aber ist schlicht und einfach, wenn jeder den Dämon findet und ihm gehorcht, der seines Lebens Fäden hält.[15]

Das „Volk“, dem das gesagt wurde, war das jüdische Volk; seit seiner Entstehung wartet es noch immer auf seinen Propheten. Weber benutzt also das Judentum, um seinen Zuhörern das Verhängnis des Wartens aufzuzeigen. Er deutet an, dass die wartende Haltung und somit Lebenseinstellung des Judentums[16] problematisch ist. Indirekt wirft er dem Judentum sogar vor, selbst für das eigene Schicksal verantwortlich zu sein. Seinen Zuhörern rät er nämlich, aus dem Schicksal der Juden zu lernen und der „Forderung des Tages“ gerecht zu werden, also selbst zu handeln und die eigenen Geschicke selbst zu lenken. Die logische Folgerung ist, dass das Schicksal des Judentums anders ausgefallen wäre, wenn es eine andere Lebenshaltung gehabt hätte und den Dämon gefunden hätte, der die Fäden des jüdischen Volkes hält und selbst den Forderungen des Tages gerecht geworden wäre. Stattdessen aber hat das jüdische Volk gefragt und gewartet, womit es diese Möglichkeit versäumt und sein eigenes Schicksal besiegelt hat.

Es finden sich also drei Textstellen im Vortrag über „Wissenschaft als Beruf“, in denen das Judentum genannt wird. Es sind drei sehr unterschiedliche Stellen, und wie wir oben gesehen haben, sticht ihre besondere Verwendung ins Auge. Um dies näher zu beleuchten, scheinen zwei Ansätze hilfreich. Erstens wäre zu erkunden, inwiefern der Rahmen des Vortrages, also die Beschaffenheit des einladenden Freistudentischen Bundes und somit das Publikum einen jüdischen Hintergrund hatte. Welche Einstellung zum Judentum hatte der Freistudentische Bund und wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass im Auditorium eine hoher Prozentsatz jüdischer Studenten saß? Zweitens scheint es sinnvoll zu hinterfragen, welche Positionen zum Judentum Weber außerhalb dieses Vortrages geäußert hat. Wenn er sich in diesem Vortrag – so die These – einerseits kritisch gegenüber dem Antisemitismus, andererseits aber auch kritisch gegenüber der Lebenseinstellung des Judentums positioniert, ist es angeraten, Webers Schriften und Briefe nach ähnlichen Bemerkungen zu überprüfen.

Der studentische Rahmen und Hintergrund des Vortrages

Weber macht in seinem Vortrag deutlich, dass es sich um ein Auftragswerk handelt. Gleich im ersten Satz lässt er verlauten, dass er „nach Ihrem Wunsch über »Wissenschaft als Beruf« sprechen“[17] solle. Auch an anderer Stelle zeigt er der Hörerschaft, dass er sich Mühe gibt, Rücksicht auf deren Wünsche zu nehmen. Er antizipiert, „Sie wollen in Wirklichkeit von etwas anderem [...] hören“[18], worauf er auch sogleich Bezug nimmt und den Rest seines Vortrag widmet. Diese Zuhörerschaft, auf die sich Weber bezog, bestand anzunehmendermaßen größtenteils aus den Mitgliedern des Freistudentischen Bundes München. Der damalige Vorsitzende der Münchner Freien Studentenschaft, Immanuel Birnbaum, hatte Weber als ersten Redner der Vortragsreihe „Geistige Arbeit als Beruf“ nach München eingeladen.[19]

[...]


[1] Weber, 1992. Wissenschaft als Beruf 1917/19. Politik als Beruf 1919, S. 3, 59.

[2] Ebd., S. 80.

[3] Ebd.

[4] Ebd., S. 106, 110 u.a.

[5] Ebd., S. 103.

[6] Ebd., S. 111.

[7] Ebd., S. 110.

[8] Es ist davon auszugehen, dass diese Textstellen schon im ursprünglichen Vortrag von 1917 enthalten waren. Der Vortrag wurde zumindest im Frühjahr 1919, als Vorbereitung für den Druck, überarbeitet. Der Merkzettel sowie die stenografische Mitschrift und die Druckfahnen sind nicht überliefert. Deshalb ist nicht nachzuweisen, welche Änderungen vorgenommen wurden und welche Textstellen im Original, welche erst später hinzugekommen sind. Lediglich für eine Textstelle ist dies möglich, nämlich den Bezug auf die „revolutionären Gewalthaber“ des Nachkriegsdeutschlands. Ebd., S. 64, 77. Darüber hinaus hatte Weber schon bis zu diesem Vortrag umfangreiche Studien zum Judentum betrieben. Ebenfalls scheint es plausibel, dass Weber diese Bemerkungen zum Judentum gerade wegen seiner Zuhörerschaft machte, wie weiter unten noch zu zeigen sein wird.

[9] Ebd., S. 106.

[10] Ebd.

[11] Ebd., S. 80. Lasciate ogni esperanza: Lasst jede Hoffnung hinter euch (s. im zitierten Werk auch Anm. 17).

[12] s. im zitierten Werk Anm. 59.

[13] Weber, 1992. Wissenschaft als Beruf 1917/19. Politik als Beruf 1919, S. 108.

[14] Ebd., S. 107.

[15] Ebd., S. 110 f.

[16] Welche Haltung das genau ist, wird später noch genauer zu klären sein.

[17] Weber, 1992. Wissenschaft als Beruf 1917/19. Politik als Beruf 1919, S. 71. Dieser höchst auffällige Bezug auf den Freistudentischen Bund wird in der Max Weber Gesamtausgabe – die ansonsten nicht sparsam mit Anmerkungen ist – nicht kommentiert. Im editorischen Bericht gibt es einen profunden Abriss der Ideengeschichte des Freistudentischen Bundes – eine Einschätzung der besonderen Stellung, die der Bund für Juden hatte, findet sich aber nicht.

[18] Ebd., S. 80.

[19] Birnbaum, 1974. Achtzig Jahre dabei gewesen. Erinnerungen eines Journalisten, S. 79 ff. Birnbaum war bereits 1912 in Königsberg der Freien Studentenschaft beigetreten. Nach dem Wechsel nach München schloss er sich auch dort der Münchner Freien Studentenschaft an. Diese gab dem Schulreformer Gustav Wyneken, der für „Selbstbestimmung der Jugend in eigener Verantwortung“ warb, Gelegenheit zu Vorträgen. Darüber beschwerten sich konservative Politiker, worauf die Münchner Tageszeitungen sich empörten und aof party identification is a uch der Freie Studentenbund angegriffen wurde. Birnbaum verdiente sich durch seine Verteidigung des Studentenbundes vor Gericht die Hochachtung seiner Kommilitonen und wurde zum Vorsitzenden gewählt. Birnbaum, 1974. Achtzig Jahre dabei gewesen. Erinnerungen eines Journalisten, S. 40-48. Zum Anliegen der Vortragsreihe siehe auch das Nachwort Immanuel Birnbaums von 1919, in Weber, 1919. Wissenschaft als Beruf, S. 38 f.

Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638312028
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29766
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Kulturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Hintergrund Webers Vortrag Wissenschaft Beruf Hermeneutische

Autor

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