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Natur-Windrad-Mensch, Contentious Politics: Fallbeispiel Windparks in Brandenburg

Diplomarbeit 2003 161 Seiten

Soziologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Natur (-verhältnis) - kollektives Gut - Windkraftanlagen?
2.1. Natur (-verhältnis)
2.2. Kollektives Gut „Natur“
2.3. Das Symbol Windrad

3. Bewegungstheoretische Gesichtspunkte für die Analyse
3.1. Contentious politics - begriffliche Festlegungen
3.2. Mehrebenenanalyse
3.3 Die Analyse von contentious politics und sozialen Bewegungen
3.3.1. Politische Opportunitäten
3.3.2. Mobilisierungsstruktur
3.3.3 Framing Theory

4. Methodisches Vorgehen
4.1. Datenmaterial
4.2. Zeitliche Begrenzung
4.3. Qualitative Ebene - Protestverlaufsgeschichte
4.4. Quantitative Ebene - der Datensatz

5. Die Fälle Mildenberg und Klein-Mutz
5.1. Der Fall Mildenberg
5.1.1. Die ersten Windräder
5.1.2. Die Erweiterung des Windparks von Mildenberg
5.1.2.1. Der Vorläufer oder die Intentionen eines Vorhabensträgers
5.1.2.2. Von drei zu sechs und dann doch zu zwei mal drei
5.2. Der Fall Klein-Mutz
5.2.1. Fünfzehn Windräder für Klein-Mutz
5.2.2. Die ersten Auseinandersetzungen um den Windpark
5.2.3. Großtrappe und Bismarckturm versus Windräder - Wer erhielt Existentberechtigung?

6. Das Bild der Auseinandersetzung um die Windparks im Land Brandenburg

6.1. Die Windkraftanlagen auf der öffentlichen Agenda

6.2. Zeitlicher Verlauf - Zu- oder Abnahme von contentious politics?

6.3. Akteure und Akteurshelfer

6.4. Aktionsrepertoire - Formen kollektiven Handelns

6.5. Claims

6.6. Zusammenfassung

7. Eine bewegungstheoretische Perspektive auf das Bild der Auseinandersetzung
7.1. Politische Opportunitätsstruktur
7.1.1. Offenheit/Geschlossenheit des institutionellen Systems
7.1.2. Haltung und Kohärenz der Eliten
7.1.3. Existenz bzw. das Fehlen von Verbündeten
7.1.4. Repressive Maßnahmen
7.1.5. Schlussfolgerungen
7.2. Framing process
7.2.1. Windräder als Mobilisierungsframe?
7.2.2. Landschaft als Mobilisierungsframe?
7.2.3. Vogelschutz als Mobilisierungsframe?
7.2.4. Schlussfolgerung
7.3. Mobilisierungsstruktur
7.3.1. Schlussfolgerung

8. Resümee

9. Abkürzungsverzeichnis

10. Abbildungsverzeichnis

11. Quellenverzeichnis
11.1. Archiv des Amtes Zehdenick und Gemeinden
11.2. Sachliche Teilpläne „Windenergienutzung“ und Texte der Regionalen Planungsgemeinschaften
11.3. Zeitungen
11.4. Interviews und Gespräche
11.5. Internetadressen

12. Literaturverzeichnis

13. Anhang
13.1. Codebook
13.2. Interviewfragen
13.3. Anlage

1. Einleitung

Brandenburg fasziniert mit seinem Wälderreichtum und offenen, weiten Flächen. Nirgendwo sonst in Deutschland finden sich so viele Seen, Seenplatten und Fließgewässer. Die idyllisch, herb-romantische Natur wurde vor allem durch die Eiszeit und auch von Menschenhand geprägt. Ein Drittel der Landflächen sind Landschaftsschutzgebiete, in denen selten gewordene Tier- und Pflanzenarten wie Sonnentau und Wasserrose, Seeadler und Storch, Biber und Fischotter heimisch sind. Im Frühling verwandeln Bäume die Straßen in endlos grün überdachte Alleen, die abwechselnd von Wiesen, gelbblühenden Rapsfeldern und Getreidefeldern umsäumt werden oder sich mit Wäldern vereinigen. Scheinbar aus dem Nichts wuchsen hier weiße schlanke Türme mit rotierenden Flügeln in den letzten Jahren auf den Feldern und Wiesen. So abwechslungsreich wie die Landschaft, so facettenreich zeigt sich ihr Erscheinungsbild. Mal sind es zwei und mal mehr als zehn von unterschiedlicher Größe, deren Flügelspitzen manchmal mit roten Streifen verziert wurden. Am Horizont erscheinen die Vorboten weiterer Türme, rotierende Balken. Es handelt sich um Windkraftanlagen, deren Zahl während der letzten Jahre in Brandenburg stetig anstieg.

Windräder sind das visualisierte Sinnbild des energiepolitischen Wandels. In dem Prozess des gesellschaftlichen Umdenkens verbinden sich die Erkenntnisse über die Endlichkeit der fossilen Energieträger und die Erfahrungen aus der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26.04.1986 sowie der Ölkrise in den 70er Jahren (Niedersberg 2002) zu einem Lösungskonzept, das die Bedeutung der Umweltdimension und der nachhaltigen Entwicklung in der Energiepolitik stärkt. Eine zentrale Bedeutung erhielt der Einsatz erneuerbarer Energieträger wie Windkraftanlagen. Um jedoch das erwachte öffentliche Interesse in einem gesellschaftlichen Diskurs zu transformieren und dessen Ergebnisse institutionell durchzusetzen, müssen die Ereignisse auf einen sozialen Resonanzboden fallen. Diesen Resonanzboden bilden soziale Gruppen, die mit sensibilisiertem Blick Ereignisse wahrnehmen und interpretieren und gesellschaftlich anschlussfähig machen. Für die Auswirkungen der herkömmlichen Energiegewinnung auf die Natur war das die Ökologiebewegung (Scheer 1998). Insbesondere die klimatischen Veränderungen und die negativen Auswirkungen auf Menschen (nukleares Restrisiko) rückten durch die bisherige Energienutzung ins Blickfeld zivilgesellschaftlichen Engagements. Das Konzept der erneuerbaren Energien sowie dessen politisch-institutionelle Durchsetzung ist unter anderem ein Ergebnis der Ökologiebewegung.

Zivilgesellschaftliches Engagement als Bestandteil der politischen Partizipation bildet die Grundlage des demokratischen Ideals westlicher politischer Gesellschaften, denn politische Systeme und deren Vertreter erhalten ihre Legitimität daraus (Eder 2001). Demzufolge sind nicht nur die Versuche von sozialen Gruppen, auf die Richtung des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses Einfluss zu nehmen, für das politische System und dessen Vertreter von Interesse, sondern auch für die Sozialwissenschaften. Während die Ökologiebewegung zum Gegenstand vielfältiger sozialwissenschaftlicher Untersuchungen avancierte, besonders im Forschungszweig der sozialen Bewegungen (sB), wurden die gesellschaftlichen Reaktionen im Sinne eines öffentlichen Streits in Bezug auf die Verwirklichungen der Konzepte selten thematisiert. Die einfachste Erklärung hierfür wäre das Fehlen einer gesellschaftlichen Reaktion. Schwerwiegender scheint jedoch, dass kollektive Handlungen, hervorgerufen durch die Umsetzung der ökologischen Vorstellungen, von der Bewegungsforschung bisher ignoriert wurden. Dementsprechend würde es sich dann um einen „blinden Fleck“ in dem sozialwissenschaftlichen Forschungsbereich der Bewegungsforschung handeln.

Gesellschaftliche Reaktionen in Form von Streit über die Aufstellung von Windkraftanlagen treten in der Bundesrepublik auf. In einigen Publikationen wie Windiger Protest. Konflikte um das Zukunftspotenzial der Windkraft von Alt, Claus und Scheer (1998) oder Vogelschutz und Windenergie. Konflikte, Lösungsmöglichkeiten und Visionen von Ihde und Vauk-Hentzelt (1999) wurden diese Konflikte thematisiert. Die Autoren setzten sich aber hauptsächlich mit den auftretenden Argumenten der Gegner einer Aufstellung von Windkraftanlagen auseinander. Dagegen fehlt eine Analyse der Konflikte aus sozialwissenschaftlichbewegungstheoretischer Perspektive. Ziel der Diplomarbeit ist, diese Forschungslücke zu schließen und den blinden Fleck zu verkleinern.

Für die Diplomarbeit ergeben sich demgemäß folgende zentrale Fragestellungen: Inwieweit treten Konflikte um Windkraftanlagen im Land Brandenburg auf? Welches Bild lässt sich über die Auseinandersetzung verifizieren? Und wie kann das Erscheinungsbild aus bewegungstheoretischer Perspektive erklärt werden?

2. Natur (-verhältnis) - kollektives Gut - Windkraftanlagen?

Welchen Zusammenhang haben Windräder, Natur (-verhältnis), kollektives Gut und Windrad? Neben der kulturellen Determinierung der Begriffe scheint auf den ersten Blick die Gemeinsamkeit eindeutig: Windräder unterstützen die Erhaltung und Verbesserung des kollektiven Gutes „Natur“. Diese Antwort wirft aus wissenschaftlicher Perspektive einige Probleme auf. Denn einerseits impliziert dies eine spezifische Vorstellung über die Natur und die Rolle des Windrades darin. Anderseits verschleiert der Symbolgehalt die Bedeutung der technisch-industriellen Dimension von Windrädern. In den folgenden Abschnitten wird zunächst dem Zusammenhang zwischen Natur (-verhältnis) und Natur als kollektives Gut nachgegangen, um dann den semantischen Inhalt von Windmühlen heraus zu kristallisieren, und daraus ein erklärendes Instrument für die bewegungstheoretische Analyse zu entwickeln.

2.1. Natur (-verhältnis)

Schon der Begriff „Natur“ stellt eine Herausforderung dar u.a. im Hinblick auf eine sozialwissenschaftliche Definition. In den daraus resultierenden Kontroversen wurde der Doppelcharakter des Naturverhältnisses aufgedeckt (Brand 1998). Zum einen zeigt die materielle Dimension, dass der Mensch eine von Umweltbedingungen abhängige biologische Gattung ist. Der Mensch nimmt Einfluss auf die Natur, um seinen Erhalt und die Reproduktion zu gewährleisten. Diese Nutzung hat nicht-intendierte Folgeprobleme, die wiederum überwunden werden müssen. Es entwickelt sich ein Kreis zur Überbrückung der Folgen. Grundlage dieses Kreislaufes ist die Faktizität, wonach Menschen kein vollständiges Wissen über die Komplexität der Natur besitzen können. Folglich initiiert jede entschlüsselte Frage eine Neue. Zum anderen beinhaltet Natur eine symbolische Dimension. Die Art des gesellschaftlichen Naturbezuges ist kulturell determiniert, und verquickt Gesellschaftsvorstellungen mit kollektiven Identitäten. „Natur gewinnt für uns überhaupt nur in symbolisch vermittelter Form Relevanz“ (Brand 1998: 9).

Der konstruktivistische Zugriff auf das gesellschaftliche Naturverhältnis kann diesen Doppelcharakter Rechnung tragen.1 Grundlage bildet ein Drei-Ebenen-Modell (Eder 1998: 99), das die materielle und symbolische Dimension verbindet. Bei den interdependenten Ebenen des Modells handelt es sich um Ereignisse, Kognitionen und Narrationen, welche die soziale Konstruktion der Natur bestimmen.

Die Existenz von Ereignissen als objektive Fakten ist nicht bestreitbar. Aufgrund der Komplexität der Natur und den Grenzen der menschlichen Sinnesorgane (Funktion der Wahrnehmung) können nicht alle Vorkommnisse wahrgenommen werden, sodass die Perzeption von Ereignissen zunehmend eine Interpretationsleistung des Menschen ist. Diese Ebene bestimmt den vorsozialen Charakter von Natur, denn Ereignisse geschehen oder werden manchmal geschaffen. Gleichzeitig bilden sie die Brücke zu den nächsten Ebenen.

Objektives Beobachten generiert das Wissen über die Natur in einer Gesellschaft, d.h. es erfolgt eine kognitive Konstruktion einer beobachteten Welt. Sie beziehen sich auf etwas außerhalb der Gesellschaft Liegendes. In diesem Prozess wird Wissen über die Natur in einem spezifischen Kontext produziert und zu einem Modell zusammengefügt. Dieses Wissen und die zugehörigen Modelle bzw. Hypothesen verändern sich stetig, sei es durch Revidierung oder Modifikationen des Bekannten. Die kognitive Dimension ist sowohl durch Ereignisse wie auch gesellschaftliche Vorstellungen determiniert, denn welche Objektivationen wissenschaftlich untersucht werden, bestimmt zumeist die Gesellschaft - nicht nur die Initiierung zur Produktion von Wissen, sondern auch den „Werdegang“. Das lässt sich gut an der aktuellen Diskussion um die Genomforschung darstellen. Auf der Suche nach Unterstützung des kollektiven Gutes „Gesundheit“, die von der Gesellschaft getragen und legitimiert wird, sind die Wissenschaftler an eine sozial konstruierte Grenze des Weiterforschens gekommen. Die Kontinuität des wissenschaftlichen Forschungsablaufes, versinnbildlicht durch die (Zwischen-) Etappen wie die Möglichkeit des menschlichen Klonens und die Nutzung von Embryonen für medizinische Behandlungen, wurde von vielen gesellschaftlichen Gruppen letztendlich blockiert und boykottiert. Wäre kognitives Wissen nicht von sozialen Vorstellungen beeinflusst, dann gäbe es weder den Forschungsstopp, noch möglicherweise den gesamten Wissenschaftsbereich. Diese Eventualitäten zeigen die Bedeutung der sozialen Konstruktion von kognitivem Wissen neben den Ereignissen und verweisen gleichzeitig auf die Gefahr der Zersetzung der Objektivierungsansprüche von Wissen. Kognitionen sind „objektivierende Theorien über die Natur, die nützliches und wahres Wissen über den Zustand unserer natürlichen Umwelt berichten“ (Eder 1998:102).

Ebenso wie kognitives Wissen sind Narrationen über die Natur sozial konstruiert. Sie füllen die Außenwelt mit Sinn und machen sie erlebbarer für Menschen in einer spezifischen Art und Weise. Sie überbrücken die Komplexität der Natur und das begrenzte kognitive Wissen über die Umwelt, und schaffen durch Glaubensvorstellungen einen einfacheren Umgang im Alltag. Wer möchte schon eine Landschaft mit dem Charme eines wissenschaftlichen Buches wahrnehmen? Jedoch mit der Zunahme des kognitiven Wissens müssen sich die Narrationen modifizieren, Ängste und emotionale Kommunikation über menschlich-intendierte Negativfolgen für Natur und Gesellschaft vermehren sich. Das eröffnet wieder „neuen“ alternativen Spezialisten - war es vorher der Ökologe ist es jetzt wiederum der Schamane - ein Betätigungsfeld zur Vermittlung von Wissen.

Durch Narrationen, Kognitionen und Ereignisse existiert keine gute, schlechte, rationale oder irrationale Konstruktion der Natur (Eder 1998: 103). Die Differenz besteht lediglich zwischen Alltagswissen und wissenschaftlichem Wissen (eine institutionelle Definition). Der Prozess der Wissenschaftsproduktion findet durch gesellschaftliche Kommunikation statt. Somit könnte der Schluss gezogen werden: Natur existiert für Menschen nur durch Kommunikation (ebd.). Das würde aber die Faktizität der Natur untergraben, denn bestimmte Ereignisse können nicht ignoriert werden - sie katapultieren sich in den Kommunikationsprozess und verweisen dadurch auf die Tatsache (Existenz) der Natur. Ein Erdbeben und seine verheerenden Folgen können vom gesellschaftlichen Kommunikationsprozess kaum ausgeschlossen werden. Die entwickelte Skala der Erdbebenstärke ist ein gesellschaftliches Produkt bzw. Interpretation des Naturfaktums, das dessen Nicht- oder Relevanz beschreibt. Durch Beobachtungen werden die gesellschaftlichen Konstruktionen mit den Fakten modifiziert. Trotzdem bleibt das Primat der Kommunikation für die Definition der Natur in der Gesellschaft bestehen.

Die Wissenschaften können die Komplexität von Natur nicht erfassen, sodass kognitives Wissen durch Glaubensvorstellungen für legitimiertes Handeln ergänzt werden muss. Diese Einbildungen (ebd.: 106) über die Natur verbinden nichterklärbare und erklärbare Ebenen, indem Sinn als Motiv für Handlungen hinzugefügt wird. Mit dem Glauben wird ein emotionales Moment in das Modell induziert. Das Modell beinhaltet nicht nur Einbildungen, sondern beschreibt auch den Umgang der Akteure mit der Natur. Jedoch benötigen Konstrukte Kommunikation als gesellschaftlichen Konstituierungs- und Reproduktionsmechanismus. Die Kommunikationsprozesse von Ereignissen und den verbundenen subjektiven Interpretationen sind in modernen Gesellschaften von Komplexität2 gekennzeichnet, sodass Raum für unterschiedliche Einbildungen (Naturbilder) und Verfahren im Umgang mit der Natur (Gesellschaft-Natur-Interaktionen) geboten wird. Trotz des Facettenreichtums stehen Naturbilder und die resultierenden Handlungs- und Verhaltensorientierungen unter dem Druck, sich gegenüber einer realen Außenwelt zu bewähren (Sieferle 1999).

Die Naturbilder und Gesellschaft-Natur-Interaktionen3 sind geeignete Instrumente für eine sozialwissenschaftliche Analyse, ohne die Faktizität von Natur zu untergraben. So geriet der Umgang mit der Natur betreffend der Flüsse im letzten Jahr (2002) durch die verheerenden Überflutungen auf die öffentliche und politische Agenda. In diesem Diskurs wurden nicht nur die Umgangsformen, sondern auch die differenten Bilder über die Natur thematisiert. Gleichzeitig verdeutlicht sich die Interdependenz der beiden analytischen Modelle, die nicht notwendigerweise kongruent sein müssen. Dies erschwert wissenschaftliche Untersuchungen, denn es können unterschiedliche Bilder die Handlungsgrundlage im Umgang mit der Natur sein. Ebenso kann ein Naturbild unterschiedliche Gesellschaft-Natur-Interaktionen determinieren.

Trotzdem nehmen Naturbilder bei der Analyse der symbolischen Dimension der gesellschaftlichen Naturverhältnisse eine zentrale Rolle ein. Sie bilden die Basis im Umgang mit unserer Umwelt. Besonders gut lässt sich der Aspekt in der „Cultural Theory“ (CT) oder „Ökosystemforschung“ herausarbeiten. In der CT werden verschiedene Typen heraus kristallisiert, die Naturbilder und die resultierende Gesellschafts-Natur-Interaktion darstellen. Ausgangspunkt ist ein gemeinsames Naturbild für alle Typen, nach dem die Leitvorstellung der modernen westlichen Gesellschaften in der „prinzipiellen Erkennbarkeit, Unterscheidbarkeit, Beherrschbarkeit und Nutzbarkeit von Natur“ (Keller & Poferl 1998: 117) besteht. Im Grunde werden unterschiedliche Naturbilder, gewonnen aus den Untersuchungen der Gesellschaft-Natur-Interaktion, zu einer Einheit zusammengefügt. Dabei kommt es zu Überschneidungen zwischen den unterschiedlichen Umgangsformen und den zugeordneten Bildern, die Typologie weicht stark auf.4 In der Ökosystemforschung mit naturalistischem Fokus wird mittels historischer Herleitung versucht, ein neues Naturbild wissenschaftlich zu belegen. Die Natur ist ein sensibles System mit begrenzten Ressourcen (Input- und Output- Seite) und der Mensch trug durch sein Verhalten zu einer Disfunktionalität bei, die nicht nur sein eigenes Überleben gefährdet. Die Belegung dieses „richtigen“ Naturbildes gipfelt in dem Vergleich des energetischen Stoffwechsels von Mensch und Menschenaffe (siehe Fischer- Kowalski/Weiz 1998) zur Fundierung einer neuen Gesellschaft-Natur-Interaktion, die sich immer an der definierten Leitvorstellung orientieren muss. Dieser Ansatz fokussiert die materielle (bzw. energetische) Dimension von Natur, stellt aber keine Verbindung zur symbolisch-kulturellen Dimension her, insbesondere nicht in historischer Perspektive (Brand 1998).

Modelle der Einbildung verbinden unser Wissen über die Natur - Alltagswissen wie auch wissenschaftliches Wissen - mit Glaubensvorstellungen und definieren etwas kulturell Gemeinsames. Kultur beinhaltet Werte der Menschen, über die sie sich identifizieren, sodass Erzählungen über die Natur einen spezifischen Resonanzboden generieren. Aufgrund der Abbildung von kollektiv geteilten Moralvorstellungen spielen Modelle der Einbildung für die soziale Ordnung eine wichtige Rolle (Eder 1998). Durch die Wertbesetzung der Natur sind Auseinandersetzungen über ihre Bilder und den gesellschaftlichen Umgang immer symbolische Kämpfe. Insbesondere moderne Gesellschaften bieten ein weites Spektrum für die Induzierung von spezifischen Werten in die Natur. Aus diesem Grunde eignet sich „Natur“ für die politische Bühne und wird Gegenstand - definitorisch wie auch umgangsspezifisch - der sozial-kulturellen Kämpfe von Gesellschaftsgruppen.

Einerseits setzen symbolische Kämpfe die Herstellung von Modellen der Einbildung voraus und andererseits kann ein Prozess ihrer Modifikation einsetzen. Hinsichtlich der Konstituierung wurden von Eder drei Regeln verifiziert (ebd. 1998: 110). Die erste Regel besteht in der Heiligung von Natur, d.h. der Glaube an die Bedeutung der Natur jenseits jeglichen materiellen Sinns. Natur avanciert zum kollektiven Gut, wobei die Unterlegung durch nichtreligiöse oder religiöse5 Argumentationen eine sekundäre Rolle spielt. Zweitens steht die Natur für eine kosmologische Ordnung. Die Annahme über eine Struktur des Universums artikuliert sich in der Wissenschaft ebenso wie im Alltag. Die Suche nach Naturgesetzen, der „Natur des Menschen bzw. der Gesellschaft“ sind nicht nur Gegenstand der Natur-, sondern auch der Geisteswissenschaften. Im Alltag tritt die kosmologische Ordnung in der nördlichen Hemisphäre besonders durch die viergliedrige Aufteilung des Jahres6 hervor. Die Jahreszeiten sind der ordnungsgemäße Programmablauf eines Jahres (Köck 1999). Abweichungen von der Struktur produzieren Ängste - Furcht vor der Natur - oder auch nostalgische Vorstellungen - romantische Liebe zur Natur. Ebenso kann die Annahme über eine Struktur des Universums in der Vorstellung der Beherrschbarkeit von Natur münden. Besonders deutlich tritt dieser Tatbestand in der Medizin hervor. Der Mensch kann die (potenzielle) Gesundheitsgefährdung durch technischen Fortschritt abarbeiten und beherrschen. Umweltbewegungen nutzen die Vorstellung von einer kosmologischen Ordnung als Träger zur gesellschaftlichen Mobilisation. Die dritte Regel zur Herstellung von Modellen der Einbildung bezieht sich auf die Lösung von gesellschaftlichen Konflikten. Durch die wertbezogene (kulturelle) Besetzung der Natur wird ein emotionales Moment für kollektive Akteure konstruiert und ist gleichzeitig notwendig für die Reproduktion der Bilder über die Natur. Diese Emotionalität determiniert den Handlungsbedarf von Gruppen. Öffentliche Diskurse sind die Arenen von kollektiven Akteuren zur Austragung und Lösung symbolischer Kämpfe, deren (Zwischen-) Ergebnisse sich auf der institutionell-organisatorischen wie auch alltagsweltlichen Ebene reflektieren - „Lärm wird in kollektive Erregung, kulturelle Dynamik transformiert“ (Eder 1998: 111). Aufgrund dieses Konstruktionsprozesses variieren die gesellschaftlichen Naturverhältnisse historisch-kulturell.

Letztendlich sind Umweltprobleme nicht einfach gegeben, sondern werden durch die Gesellschaft definiert. Sie sind Ausdruck von Distinktionskämpfen um den Gebrauchswert „Natur“ und abhängig von situativen Kontexten (Ereignissen). Zwar okkupierte das Thema „Umwelt“ durch die kulturkritische Auflösungsdebatte in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts die öffentliche Agenda (Köck 1999), aber es besetzte nur einen Ausschnitt des öffentlichen Diskurses. Auf den öffentlichen Bühnen kämpften soziale Gruppen um die gesellschaftliche Annerkennung ihrer Naturbilder sowie das daraus resultierende Umgangsverhältnis, wobei auch die inkludierten Werte zur Debatte standen. „Gemeinsame“ Basis der Streitparteien war, dass die Natur ein kollektives Gut ist.

2.2. Kollektives Gut „Natur“

Kollektive Güter sind knappe Ressourcen, die von vielen Individuen genutzt werden (Ostrom 1990). Diese Definition enthält per se eine kulturell-determinierte Komponente, denn die Festlegung von „Knappheit“ sowie die Qualität dessen ist das Ergebnis eines gesellschaftlichen Diskurses, ohne prinzipiell die Faktizität unterlaufen zu wollen. Kollektive Güter bieten eine Arena für gesellschaftliche Kämpfe, in der Zugangs-, Verteilungs- und Gebrauchsaspekte definiert und institutionell festgeschrieben werden. Genau diese gesellschaftlichen Kämpfe sind Gegenstand der Theorie kollektiven Handelns7, deren Ausgangspunkt eine Gruppe von Personen ist, die gemeinsame Ziele haben und realisieren wollen. Bei den gemeinsamen Zielen „handelt es sich um Kollektivgüter. Darunter versteht man Güter, die, wenn sie einmal hergestellt sind, allen Mitgliedern einer Gruppe zur Verfügung stehen“ (Opp 1998: 91f).

Wenn die Natur in dieser begrifflichen Normung als kollektives Gut gefasst wird, ergeben die Definitionen von Opp wie auch Ostrom einige theoretische Probleme. Mit einer Selbstverständlichkeit unterlegen beide ihre Argumentationen mit Beispielen wie saubere Umwelt/Luft usw., untergraben aber die kulturelle Determination der Beispiele. Diese enthalten ein spezifisches Bild, welches aus dem Umweltdiskurs der letzten Jahrzehnte resultiert. Um dem gesellschaftlichen facettenreichen Knappheitsdiskurs (wie auch Herstellungsdiskurs) über die Natur zu entgehen, welcher an der Komplexität der Natur zerbricht und nur einzelne Teile herausschneidet, bieten die angeführten Definitionen ein anderes Verständnis von kollektiven Gütern in Bezug auf unsere Umwelt. Danach sind kollektive Güter natürliche Ressourcen, die von vielen Individuen genutzt werden, und der Zugang zu ihnen ist theoretisch für alle möglich. Folgendes Beispiel verdeutlicht diesen Aspekt: Luft als Ressource (Gut) der Natur wird von allen genutzt. Die Erkenntnis, dass diese Ressource ein knappes (herstellbares) Gut darstellt, ergab sich aus dem Klima- bzw. CO2 - Diskurs. Thematisiert wurden die globalen Klimaveränderungen und die Luftverschmutzung durch der exzessiven Nutzung von Kohle (und anderen fossilen Energieträgern). Aufgrund der Komplexität der Natur und das begrenzte Wissen der Menschen über die Wechselwirkungen kristallisierte sich in dem Diskurs eine wesentlicher Naturaspekt heraus, dass die Folgen der Nutzung auch von Nicht-Nutzern getragen werden müssen. Ein tragisches wie auch erschwerendes Moment der Natur besteht in dem Tatbestand der „ungerechten Verteilung“ von Nutzungsfolgen, denn die Erzeuger des Phänomens sind nicht im gleichem Maße von den Auswirkungen der Klimaveränderungen betroffen wie die „nichtexzessiven Nutzer“ von fossilen Energieträgern.

Für eine definitorische Klärung ergeben sich hieraus die Schlussfolgerungen: Um den Begriff des „kollektiven Gutes“ in Bezug auf Natur nicht einer „doppelten“ kulturellen Determination zu unterwerfen und so ein spezifisches Naturbild zu reproduzieren, muss eine inhaltliche Modifikation erfolgen. Natur als kollektives Gut stellt eine Ressource dar, die prinzipiell von allen genutzt werden kann, aber die Nutzungsfolgen müssen auch von Nicht-Nutzern getragen werden. Diese Definition bietet Raum für unterschiedliche Naturbilder, den resultierenden Umgangsformen und symbolischen Kämpfen um Schutzkategorien der Natur, wie im folgendem zu zeigen ist.

Ohne auf die vielfältigen Naturbilder in modernen Gesellschaften einzugehen, hat sich infolge der Umweltbewegung ein Modell der Einbildung in westlichen, modernen Gesellschaft durchgesetzt und wurde institutionell festgeschrieben: Natur ist ein System mit begrenzten Ressourcen.8 Demzufolge wird Natur in eine Schutzkategorie eingebettet und ein Ausdruck dessen sind Umweltinstitutionen sowie gesetzliche Regularien.9 Das Modell der Einbildung ermöglicht, differierende Vorstellungspole, die sich von „Natur“ aus ergeben, zu verbinden und gleichzeitig die symbolischen Kämpfe zwischen diesen nicht zu behindern. So finden Vorstellungen von „Natürlichkeit“ ihren institutionellen Ausdruck in Totalreservaten der Nationalparks als Bereiche, die (relativ) frei von menschlichen Eingriffen sind. Ebenso fasst das Bild die Vorstellung der Beachtung und Durchbrechung der Risikospirale (Beck 1988) mittels sensiblen Naturumgangs, deren institutioneller Ausdruck u.a. Ausgleichsmaßnahmen sind - gesetzliche Regelungen, welche das Genommene an anderer Stelle zu ersetzen suchen. Aus diesem Modell der Einbildung resultiert das Konzept der regenerativen Energieerzeugung. In der Moderne sind die Menschen mit einem neuen Typus von Umweltproblemen konfrontiert. Die Knappheit der natürlichen Ressourcen liegt sowohl auf der Input- wie auch Outputseite vor (Fischer-Kowalski/Weisz 1998). Fossile Träger zur Energiegewinnung haben sich in einem Maße reduziert, dass eine Nutzung auf gleichem Niveau für die Zukunft nicht sichergestellt ist. Gleichzeit konnten die entstehenden Folgen wie CO2-Emission im Gleichgewichtssystem der Natur nicht kompensiert werden. Am deutlichsten zeigt sich dieser Aspekt in der Klimadebatte. Diese nichtintendierten Folgen stellen die Gesellschaft vor neuen Herausforderungen im biologischen wie kulturellen Reproduktionsprozess. Das Verhältnis von Natur und Kultur rief die Frage von Leben und Tod wieder ins Bewusstsein zurück (Gerndt 1999). Auf der Suche zur Lösung des Problems mussten Träger zur Energiegewinnung gefunden werden, die diesem Tatbestand Rechnung tragen. Hinter dem Konzept der regenerativen Energien steht das Ansinnen, einerseits Ressourcen zu finden, die im ausreichenden Maße vorhanden sind, und andererseits nichtintendierte Folgen auf der Output-Seite zu verhindern. Hierzu galt es, ein Instrument zu lokalisieren, das den Anspruch zur Sicherstellung des Status quo und der sukzessiven Wiederherstellung des Gleichgewichtssystems, insbesondere der Luftqualität, erfüllt. Dabei bot sich zum einen der historische Rückblick an in Bezug auf genutzte Ressourcen vor der exzessiven Nutzung von fossilen Energieträgern. Zum anderen galt es, die (traditionelle) Urbanisierung von Ressourcen mittels technischer Möglichkeiten weiterhin zu betreiben. Im Ergebnis der Verknüpfung dieser beiden Aspekte wurden zwei zentrale Träger für das regenerative Konzept ermittelt - Wind und Sonne.10

2.3. Das Symbol Windrad

Die Nutzung der natürlichen Ressource Wind ist historisch gesehen nichts neues, wurde aber in ihrer Bedeutung von den fossilen Energieträgern abgelöst. So revolutionierte die Erfindung des Segels die Schifffahrt vor 4000 Jahren (Ihde 1999). Den frühesten Nachweis für die Nutzung der Windenergie auf dem Land findet man ungefähr 1500 v. Chr. bzw. 950 v. Chr. (Niedersberg 1997). Historisch nachweisbar sind Windkraftanlagen in Europa bis ins 11.

Jahrhundert (ebd.). Ihr Bild sowie Verwendungszweck wandelte sich im Verlauf der Jahrhunderte. Anfangs hauptsächlich zum Mahlen von Korn verwendet, nutzten Menschen sie später zur Wassergewinnung (19. Jahrhundert in Amerika) bis zur heutigen Stromgewinnung (Ihde 1999). Trotz des Wandels wurde die Nutzung des Windes im Laufe der technischen Revolution marginalisiert durch andere Energieträger (Heymann 1995). Segelschiffe verschwanden von den Meeren, Windmühlen wurden durch strombetriebene Mahlanlagen ersetzt. Eine vollständige Verdrängung fand jedoch nie statt, sodass die Erinnerung an diese Form der Energiegewinnung leicht fiel. Mit der Nutzung des Windes wird heute nicht nur eine umweltfreundliche Energiegewinnung verbunden, sondern auch ein durch die Umweltbewegung kritisiertes Naturbild nahtlos in die „neue“ Vorstellung über Natur und deren Umgang übernommen. Der Einsatz von Wind (und anderer regenerativer Energiearten) bietet „ein riesiges Potenzial an unerschöpflicher Energie“ (Vauk-Hentzelt/Ihde 1999: 8).11 Mit dieser Interpretation wird Natur wieder in die Ebene der unbegrenzten Ressource verortet. Diesen Aspekt kann auch nicht die Definition von regenerativer Energiequelle verschleiern: „Regenerativ ist eine Energiequelle dann, wenn sie sich stets erneuert und damit innerhalb der Lebensdauer der Sonne unerschöpflich ist“ (Niedersberg 1997: 27).12

Windräder stellen den legitimierten technischen Fortschritt dar, um die gesellschaftliche Reproduktion und gleichzeitig den Schutz der Natur13 sicherzustellen. Diese positive Konnotation des Symbols Windrad wird aus dem historischen Bezug abgeleitet. Windräder existieren schon seit Jahrhunderten und ihr Abbild wird in Literatur, Bildern, Photos etc. reproduziert. Das nostalgische Bild der Windmühle - „vier...aus Balken und Latten mit Segeltuch bespannte Flügel“ (Ihde 1999: 16) - kann mit technischem Fortschritt in Einklang gebracht werden.

Das Symbol Windrad erhält kulturell eine doppelt positive Ladung, es steht für den Schutz der Natur und einem romantischen Gefühl. Mit dieser symbolischen Besetzung dürfte die institutionelle Durchsetzung zur Aufstellung von Windkraftanlagen auf einen positiven gesellschaftlichen Resonanzboden fallen. Folglich müsste die Akzeptanz relativ groß und die potenzielle Ablehnung und Mobilisierungen gegen diese Projekte geringfügig oder abstinent sein.

Mit dem empirischen Teil dieser Arbeit wird diese These jedoch widerlegt, denn in Brandenburg finden Auseinandersetzungen um die Windkraftanlagen statt. An dieser Stelle kann die erste zentrale Frage der Arbeit schon beantwortet werden: Es treten Konflikte auf. Folglich bleiben die zentralen Forschungsfragen übrig: Wie kann der Streit beschrieben werden? Wie „rebellisch“ sind die Brandenburger? Und welche Aspekte spielen im Streit eine Rolle?

3. Bewegungstheoretische Gesichtspunkte für die Analyse

Nachdem die gesellschaftlich definierte Problematik in Bezug auf das Verhältnis zur Natur dargestellt wurde, deren Lösungsstrategie das Konzept der regenerativen Energien charakterisiert, scheint der gesamtgesellschaftliche Konsens durch das Auftreten von Streitpolitiken in Frage gestellt. In den folgenden Abschnitten soll eine adäquate sozialwissenschaftliche Beantwortung der zentralen Fragestellung vorbereitet und die bewegungstheoretischen Grundlagen für die Analyse herauskristallisiert werden.

3.1. Contentious politics - begriffliche Festlegungen

Grundlage westlich politischer Gesellschaften bildet das demokratische Ideal, welches sich aus der politischen Partizipation ihrer Bürger speist (Eder 2001). Diese politischen Systeme und deren Vertreter beziehen ihre Legitimität aus der politischen Partizipation der Gesellschaftsmitglieder. Hierbei kann zwischen konventionell - Bürgerbeteiligung wie Wahlteilnahme - und unkonventionell - Protestmobilisierung - politischem Handeln unterschieden werden. Im Zuge der Konstituierung eines transnational politischen Systems, wie sie die Europäische Union darstellt, ist diese wissenschaftliche Unterscheidung im Politikprozess an der praktischen Realität aufgebrochen (Kohler-Koch/Eising 1999; Héritier 1996). Ein Aspekt der spezifischen Opportunitätsstruktur der Europäischen Union, zum Teil verursacht durch ein Demokratiedefizit, beinhaltet die Differenzauflösung zwischen den Handlungsmöglichkeiten innerhalb (konventionell) und außerhalb (unkonventionell) der Institutionen.

Folglich musste die begriffliche Definition des „Protestes“ in der Bewegungsforschung, die ursprünglich unkonventionell politische Handlungsformen zu einer definitorischen Grundlage von sozialen Bewegungen adaptierten, begrifflich neu gefasst werden. Imig und Tarrow verwenden für alle Formen von politisch widerständigem Handeln den Begriff contentious politics (Imig/Tarrow 1999, 2000). Basierend auf der definitorischen Veränderung des Begriffs „Protest“ verändern sich auch Aspekte seines semantischen Inhalts für die Bewegungsforschung, deren Elemente sich in drei Fragestellungen zusammenfassen lassen.

(1) Wer protestiert? (2) Welche Ziele verfolgt der Protest? (3) Welche Handlungsformen enthält der Protest? Die Modifikation des Protestbegriffes14 bezieht sich hauptsächlich auf den dritten Bereich, denn contentious politics („Streitpolitik“) beinhaltet Aktionsformen von „bloßer“ Meinungsäußerung oder Kritik bis zur radikalsten Form einer Eskalationshandlung, dem Tod einer involvierten Person. Gleichzeitig ermöglicht diese inhaltliche Modifizierung der Handlungsformen eine weitgefasstere Fragestellung nach dem wer: Welche Gruppen, ihre Interessenvereinigungen sowie Experten mit adäquaten Einstellungen streiten sich und richten entsprechende Ziele an den politischen Entscheidungsprozess? Adaptiert auf den Untersuchungsgegenstand, richtet sich der Forschungsblick nicht nur auf die Gegner, sondern auch auf die Befürworter von Windkraftanlagen. Beide Streitparteien richten entsprechende Ziele an den politischen Entscheidungsprozess. Relevant für die Einflussnahme von Akteuren sowie sozialen Bewegungen ist die gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung, sodass sich durch die Sensibilisierung und Mobilisierung der Mitmenschen ein Druckpotenzial auf den politischen Entscheidungsprozess manifestiert. Transmitter für die Initialisierung und Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Wahrnehmung sowie von Mobilisierungspotenzialen sind in erster Linie Massenmedien. Somit spiegeln sie die Bedeutung des Streitthemas im gesellschaftlichen Kontext wider.

3.2. Mehrebenenanalyse

Ein weiterer analytischer Aspekt für kollektives Handeln unterscheidet zwischen zwei grundlegenden Bereichsebenen. Einerseits differenzieren sich Willensbildungsprozesse hinsichtlich der Ebene des Gegenstandsbereiches von politischen Entscheidungsprozessen - soziale Fragen, kollektive Güter und demokratisches Defizit.15 Andererseits können kollektive Handlungsprozesse auf unterschiedlichen institutionellen Ebenen stattfinden (Rucht 2000). Durch die Konstitution des europäischen Institutionengefüges wird sowohl kollektives Handeln auf der lokalen, nationalen und europäischen Ebene als auch eine Mehrebenenmobilisierung ermöglicht. Mehrebenenmobilisierung entsteht, wenn kollektive Akteure auf den ausdifferenzierten Institutionsebenen immer zugleich handeln (Eder 2001). Ziel dieser Mobilisierungsform ist die Erhöhung des Drucks auf relevante Akteure innerhalb und außerhalb der Institutionen.

Zusammenfassend ermöglichen die begriffliche Festlegung von contentious politics und die Mehrebenenanalyse, ein erstes, eindimensionales Bild von den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in Form von Streitpolitiken zu erstellen - den ersten Schritt aus wissenschaftliche Perspektive.

3.3. Die Analyse von contentious politics und sozialen Bewegungen

Die Autoren McAdam, McCarthy und Zald haben mit ihrem Aufsatz „Introduction: Opportunities, mobilizing structures, and framing processes - toward a synthetic, comparative perspective on social movements“ (ebd. 1996) das theoretische Handwerkszeug zur Analyse der Auseinandersetzung um die Windkraftanlagen im Land Brandenburg vorgelegt. Sie synthetisierten aus den theoretischen Traditionen der Bewegungsforschung drei grundlegende, interdependente Analysefaktoren: politische Gelegenheitsstruktur (POS), Mobilisierungsstruktur (MS) und den Framing-Prozess. Diese liefern Erklärungsbeiträge für die differenten contentious politics-Bilder und sozialen Bewegungen.

Mit dem Begriff sozialer Bewegung werden soziale Gruppen zusammengefasst, die versuchen, auf die Richtung des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses Einfluss zu nehmen (Eder 1989). Hinsichtlich des Einflussnehmens definiert ein Teil der Gesellschaft eine Themenpräferenz (Opp 1998), handelt und mobilisiert zur Herstellung von öffentlicher Aufmerksamkeit und Zustimmung (Rucht 1998). Streitpolitiken subsummieren die Handlungs- und Mobilisierungsmomente, wenn „ordinary people, often in league with more influential citizens, join forces in confrontations with elites, authorities, and opponents.“ (Tarrow 1998: 2) Eine soziale Bewegung erscheint für Sidney Tarrow auf der gesellschaftlichen (wie wissenschaftlichen) Bühne, sofern „those sequences of contentious politics that are based on underlying social networks and resonant collective action frames, and which develop the capacity to maintain sustained challenges against powerful opponents” (ebd. 1998: 2).

3.3.1. Politische Opportunitäten

Ein politisches System ist durch Gelegenheiten und Beschränkungen für kollektive Handlungen strukturiert, die den Umfang und die Form der Erscheinung und Aktivitäten einer sozialen Bewegung beeinflussen. Diese Gelegenheiten und Beschränkungen sind durch vier Faktoren gekennzeichnet (McAdam/McCarthy/Zald: 10).

Erstens bestimmt die relative Offenheit/Geschlossenheit politischer Institutionen die Struktur der politischen Opportunitäten. In westlichen Gesellschaften beziehen institutionalisierte politische Systeme ihre Legitimität aus dem demokratischen Ideal, welches sich aus der Partizipation der Gesellschaftsmitglieder speist (Eder 2001). Deshalb wird den Bürgern auf der formalen Ebene eine Beteiligungschance eingeräumt, was aber nicht kausal zur Offenheit eines institutionalisierten politischen Systems führt. Vielmehr kann es sich um ein Instrument der „Verschleierung“ der Geschlossenheit handeln, indem den Bürgern eine Partizipationschance suggeriert wird ohne ein realistisches Outcome. Wichtige institutionelle Zugangschancen auf der formalen Ebene sind „Mechanismen direkter Demokratie (z.B. Referenda), verwaltungsgerichtliche Klagemöglichkeiten, Informations- und Einspruchrechte im Rahmen diverser Genehmigungsverfahren sowie Beteiligung von gesellschaftlichen Gruppen an Hearings, Fachkommissionen u.a.“ (Rucht 1998: 116). Des Weiteren wird den Bürgern auf der politischen Ebene eine Partizipationsmöglichkeit eingeräumt. „Um Veränderungen zu bewirken, die nicht nur die eigenen vier Wände, das individuelle Konsumverhalten, Privatleben und Selbstverhältnisse betreffen, ist es letztendlich unumgänglich, politische Forderungen zu stellen, die auch politisch entschieden werden müssen, ob auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene“ (Hellmann 1998: 23). Folglich muss ein Druckpotenzial gegenüber den Entscheidungsträgern konstituiert werden.

Zweitens determiniert die Stabilität der unterschiedlichen Orientierungen von Eliten - Haltung und Kohärenz - die Möglichkeit zur Einflussnahme auf den politischen Entscheidungsfindungsprozess. Der Stabilitätsgrad kann sowohl Akteurshelfer (einflussreiche Verbündete) kreieren als auch verhindern. Insbesondere in demokratischen Systemen sind die politischen Eliten im stärken Maße von der Legitimierung durch die Gesellschaftsmitglieder abhängig, sodass sie sich „leichter“ zu Helfern umwandeln lassen.

Drittens wirkt sich die Existenz bzw. das Fehlen von Verbündeten auf Mobilisierungsstärke einer Bewegung aus. Gleichzeitig manifestieren sich in diesem Faktor die Haltung und Kohärenz der Eliten. Wesentlich für Protestgruppen ist das Vorhandensein von Allianzen zwischen den Eliten, die einerseits für kollektive Handlungen ein unüberbrückbares Hindernis darstellen oder eine Unterstützungskette produzieren, sobald ein Akteurshelfer gewonnen wurde. Andererseits kann die Abstinenz von Allianzen zwischen den politischen sowie institutionellen Entscheidungsträgern ebenso ambivalente Effekte haben. So ist zum Beispiel der Ressourcenaufwand zur Gewinnung von mehreren Helfern wie des „Effektivsten“ erheblich höher. Gleichzeitig können die Positionskämpfe der Eliten für eigene Ziele genutzt werden. Ähnliches trifft auch auf Verbündete im Sinne von mitgliederstarken und mobilisierungsfähigen Vereinigungen zu.

Viertens stellt die staatliche Kapazität und Neigung zu Repressionen eine wesentliche strukturelle Ebene der politischen Opportunitäten dar und rückt die tendenziell gesamtgesellschaftlichen Gelegenheitsstrukturen in den Blick. Denn neben der staatlichen Neigung, spielt die Neigung von Eliten sowie der Gesellschaft zu repressiven Verhalten eine bedeutende Rolle. Sie formen sozialen Druck auf die Handelnden, aus denen konstruktive wie auch destruktive Folgen für die Bewegung resultieren. Im Gegensatz zu der im Prinzip relativ einfachen Messung von staatlicher Repression - Verschärfungen auf der rechtlichen Ebene und deren konsequente und überzogen harte judikative Umsetzung, der Einsatz von polizeilicher Gewalt - fällt die empirische Erfassung von sozialer Druckausübung in einen nebulösen Raum.16 Sozialer Druck wird auf jedes Gesellschaftsmitglied in Form von Normen ausgeübt, aber durch die Beteiligung am Protest kann sich dieser erhöhen, wenn ein großer Teil des sozialen Umfeldes demgegenüber eine ablehnende Haltung einnimmt. Wie lassen sich die alltäglichen Scharmützel - Verweigerung von Smalltalk, nachbarschaftlicher Hilfe (Freundlichkeit) und Ausschluss von gemeindlichen Aktivitäten - auf eine empirisch haltbare Basis stellen? Sicherlich können methodologisch qualitative Instrumente einen Ausschnitt von sozialer Druckausübung verifizieren, aber dem setzt die Tabuisierungsneigung Grenzen. Diese Erfahrungen lösen bei dem Einzelnen Schmerz, Trauer, Wut und Scham sowie die Angst aus, eine Eskalationsspirale durch die Einbeziehung von Außenstehenden bzw. der Öffentlichkeit in Gang zu setzen. Letztendlich ist die Kapazität und Neigung zu Repression vom unmittelbaren Umfeld des Protestakteurs nur hypothetisch zu beantworten, während massive Repressionen von der Bundesrepublik gegenüber den Protestgruppen nur in Ausnahmefälle auftreten (Rucht 1998).

Zusammenfassend stellen die politischen Opportunitäten eine Struktur für die Mobilisierungspotentiale von kollektiven Akteuren bereit, aber den Impuls für Handlungen gibt der Wandel institutioneller Strukturen oder informeller Machtbeziehungen eines Politiksystem (Tarrow 1998). Initiierungsgrundlage der Handlung bestimmt die Wahrnehmung der Veränderung, die zwei Ebenen umfasst. Das ist zum einen die objektiv- politische Entwicklung und zum anderen der subjektive Wandel einer Person.

Gelegenheitsstrukturen unterliegen einem aktiven Deutungs- und Bearbeitungsprozess. Letzterer versteht sich als Wandel von politischen Opportunitäten, der aus der Bewegungsarbeit resultiert. Letztendlich kann die Wahrnehmung der Opportunitäten nur ein Baustein des Erscheinens von contentious politics und der Entwicklung zu sozialen Bewegungen erklären, denn die Struktur der Mobilisierung und die kulturellen Schablonen der Partizipierenden sind gleichwertige Faktoren (McAdam/McCarthy/Zald 1996).

3.3.2. Mobilisierungsstruktur

Die Wahrnehmung des Wandels bildet den Input für die Handlung, aber die Entscheidung von Individuen zum kollektiven Agieren fällt jedoch in ihren face-to-face Gruppen und sozialen Netzwerken (Tarrow 1998: 22) sowie aus ihrem „Verständnis über die Welt“ (framing concept). Es handelt sich um kollektive Mittel/Träger, die informell oder formell sein können, durch die sich die Menschen mobilisieren und engagieren in einer kollektiven Handlung. Grundlegend für die Umwandlung von contentious politics zu einer Bewegung und ihrer Überlebenstendenz ist die Fähigkeit, eine bleibende Organisationsstruktur zu kreieren, um die kollektiven Handlungen zu reproduzieren. Für diesen Prozess spielen die Verfügbarkeit, die Kreativität zur Schaffung, und Akquirierung von Ressourcen sowie deren rationaler Einsatz eine zentrale Rolle. Ressourcen sind verfügbare Güter von Akteuren, die kostspielig oder nützlich sind. „Die Mobilisierung von Ressourcen ist der Prozess, in dem Akteure Kontrolle über Güter erhalten, d.h. in dem Güter zu Ressourcen werden.“ (Opp 1998: 95) Dieser unspezifische Ressourcenbegriff ermöglicht, die sehr facettenreich eingesetzten Güter einer sozialen Bewegung zu erfassen - von monetären Mitteln zu sozialen Netzwerken etc. Soziale Bewegungen sind im hohen Maße ressourcenabhängig und ihre Organisationen haben den Zweck, die Mittel politisch rational einzusetzen sowie kollektiv zu mobilisieren (Hellmann 1998). Fehlende Ressourcen können kollektive Handlungen blockieren. Sie können ausgeglichen werden durch die Konstituierung von formalen Organisationen oder informelle Mobilisierungsstrukturen wie mehr oder weniger dicht geknüpfte Netzwerke.

Ein weiterer Aspekt über den Erfolg oder Misserfolg von Mobilisierungsprozessen für Bewegungen bestimmt nach McAdam, McCarthy und Zald primär die Kombination von drei organisatorischen Faktoren.

Erstens zwingen störende Taktiken (ebd. 1996: 13) den Gegner zur Durchbrechungen der öffentlichen Ordnung. Hierzu dienen innovativ neue und provokative Handlungen, die auch eine Verbindung des Kreativen mit verfügbaren Ressourcen darstellen. Ebenso sind Nutzung und Kontrolle über Arten der konventionellen Ressourcen für den richtig gewählten Weg der Einflussnahme auf politische und institutionelle Ebenen ausschlaggebend. Die Synthese beider Taktiken bietet für soziale Bewegung einen effektiven Handlungsausgangspunkt für die Suche nach „neuen“ Opportunitäten. In erster Linie zeigt sich hier die Interdependenz von politischen Opportunitäten und Mobilisierungsstruktur. Nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch der Prozess des „Austestens“ von Möglichkeiten sind für den Erfolg von kollektiven Handlungen wesentlich. In diesem Prozess können politische Opportunitäten geschaffen oder erweitert werden, sodass externe Gelegenheiten in Ressourcen transformiert werden. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit der Vernichtung eines Weges zur Einflussnahme, wenn Extremisten die Toleranzgrenze eines politischen Systems überspringen und den Staat zu radikalen Repressionen animieren. Insbesondere dieser Punkt verweist auf das Damoklesschwert bei provokativen Handlungen hinsichtlich des Outcomes einer Bewegung.

Dieser Aspekt führt zu dem zweiten organisatorischen Faktor, den radikalen Flankeneffekten (ebd. 1996: 14). Zur Effektivitätssteigerung benötigen soziale Bewegungen ein breites taktisches Spektrum, das unterschiedliche Gruppen liefern. Diese ideologisch handlungsdeterminierten Strömungen verdeutlichen den Konflikt von Moderaten und Radikalen und ihre Rollen in der Auseinandersetzung. Soziale Bewegungen sind von ihren radikalen Mitgliedern abhängig und gleichzeitig haben diese eine ambivalente Funktion, denn an ihrer Abstinenz oder ihrer übermäßigen Einfluss können Bewegungen zerbrechen. Sie verschaffen einerseits den Moderaten eine Ausgangsbasis als zuverlässige Führer einer Bewegung/Organisation und demzufolge eine bessere Verhandlungsposition. Die Moderaten avancieren zu geeigneten Kommunikationspartnern für die Gegner und Adressaten für finanzielle Unterstützungen. Diese Stärke kann wiederum dazu benutzt werden, die „unangenehmen“ Extremisten auszuschalten. Andererseits zwingen die Radikalen ihrerseits die Gemäßigten zu mehr radikalen Positionen und Prinzipen- bzw. Ideologietreue, sodass diese aus dem Status des zuverlässigen Verhandlungspartners enthoben werden.

Der dritte organisatorische Faktor für den Erfolg oder Misserfolg umfasst den Aspekt der Ziele (ebd. 1996: 15). Neben der Notwendigkeit einer starken Kopplung an ihre Ziele insbesondere für formale soziale Bewegungen (SMOs) ist auch die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit anderen Gruppen ein erweiterndes Moment für eine erfolgreiche Interaktion im Politiksystem. Durch eine strategische Zusammenarbeit entwickelt sich ein Konsortium von Zielen, sodass eine größere Menschenanzahl einbezogen werden kann. Hierzu muss eine allgemeine Basis bestehen. Oftmals sind Gruppen mit einzelnen Zielen punktuell erfolgreicher (ebd.: 15). Handelt es sich jedoch um einen multidimensionalen Gegenstandsbereich wie der „Umwelt“, besteht die Notwendigkeit einer strategischen Kooperation. Ebenso können die Beweggründe für ein Engagement eine kongruente Absicht der unterschiedlichen Akteure produzieren, wodurch ein instabiles Moment in die Allianz von Gruppen eindringt. Ändern sich oder entfallen bestimmte Beweggründe für einen Partner, löst sich für den Anderen das verstärkte Druckpotenzial auf. Ambivalente Effekte ergeben sich für soziale Bewegungen auch durch die Verortung von multiplen Zielen in der Themenstellung, denn dadurch können zwar mehr Menschen einbezogen werden, aber das fordert die Managementfähigkeit heraus und erhöht den Bedarf an organisatorischen Strukturen. Diesbezüglich werden die Grenzen einer Mobilisierungsstruktur verdeutlicht, denn ohne die Transformation eines kulturellen Bezugsrahmens in ein exklusives Eigentum der Bewegung bricht Handlungssolidarität (Tarrow 1998) auseinander.

3.3.3. Framing Theory

Die Kombination von political opportunities und mobilizing structures bietet Gruppen eine spezifische Struktur kollektiver Handlungen (McAdam/McCarthy/Zald 1996: 5), aber nur im Zusammenhang mit einem weiteren Faktor werden Mobilisierungen ausgelöst. Dieses Moment wird in der framing process - theory dargestellt und definiert als „conscious strategic efforts by groups of people to fashion shared understanding of the world and themselves that legitimate an motivate collective action“ (ebd.: 6). Der Ansatz füllt das strukturelle Gerüst einer sozialen Bewegung mit symbolisch-diskursiven Aspekten (Hellmann 1998), um die Entstehung und Reproduktion derselben besser zu erklären. Denn politische Opportunitäten und Mobilisierungsressourcen sind immanent, führen aber nicht unbedingt zu kollektiven Handlungen. Das Konzept des Framings befasst sich mit der Art und Weise der Bedeutungszuschreibung von Ereignissen und Sachverhalten, unter „welchen Bedingungen Protestthemen eine mobilisierende Wirkung entfalten können“ (Kliment 1998: 69). Ein Mobilisierungsframe basiert nicht nur auf der Konstruktion eines Streitobjektes (-problems), sondern bietet diesbezüglich Lösungen als motivierendes Element für kollektive Handlungen an. Gleichzeit muss der verwendete Frame anschlussfähig für andere Frames sein sowie in Grenzen modifizierbar. Folglich setzt sich der Mobilisierungsframe aus vielfältigen Elementen zusammen, denn er muss diagnostizieren, prognostizieren, emotionalisieren, verbinden (bridging), dehnbar und transformierbar sein - ein multidimensionaler Faktor.17 Ohne die Schaffung eines stimmigen Resonanzbodens aus den Frame-Momenten, kann Mobilisierung nicht stattfinden. Das Ziel eines Frames besteht in der Projizierung von Legitimität auf Handlungen, um diese in der Akteursperspektive und der gesellschaftlichen Wahrnehmung zu rechtfertigen. Jedoch ist die Setzung von Legitimität ein Prozess und Ergebnis eines symbolischen Kampfes um den Besitz an gesellschaftlicher Wahrheit, da es sich bei dem Streitthema um ein relevantes kollektives Problem handelt und notwendigerweise gelöst werden muss. Frames mobilisieren die Bewegung sowie die öffentliche Meinung.

Letztendlich handelt es sich bei diesem Ansatz um die „symbolisch-ideologischen Konstruktionsleistungen sozialer Bewegungen“ (Hellmann 1998: 14). Insbesondere die ideologische Konstruktion stellt den Bezug zu der kollektiven Identität einer sozialen Bewegung her, die einen Frame darstellt (ebd.).

Die kollektive Identität als Mobilisierungsressource konstruiert Semantiken und Kommunikation zur Herstellung einer inneren und äußeren Einheit. Durch entsprechend organisierte Anschlusskriterien müssen die facettenreichen, individuellen Beteiligungsmuster - im Sinne von einem internen Chaos - unter Kontrolle gebracht und eine Bewegungsperspektive transformiert werden. So bieten diese Kriterien in bezug auf das Streitobjekt nicht nur eine sachliche und zeitliche sondern auch einer soziale Einheit, welche die Unterscheidung zwischen Wir/Die verortet (Hellmann 1998). Eine Differenz, die viele Alternativen ermöglicht. Neben der diskursiven Bestimmung sind auch Praktiken zur Reproduktion des Interaktionszusammenhanges von Bedeutung. Des Weiteren spielen gemeinsame Orte und eine interaktionsübergreifende Verständigungsbasis wie Massenmedien für die Konstituierung und Aufrechterhaltung von kollektiven Identitäten eine wesentliche Rolle. Zusammenfassend kann hier für das Mobilisierungspotenzial einer sozialen Bewegung festgestellt werden: Während die kollektive Identität eine Kontrastierung zwischen Wir/Die setzt und das „für sich“ einer sozialen Bewegung schafft, konstruiert das Framing die Anschlussfähigkeit dieser Unterscheidung durch Plausibilität. Letztendlich wird damit eine innere und äußere Einheit der sozialen Bewegung gestiftet.

4. Methodisches Vorgehen

Bevor eine Analyse der Auseinandersetzungen um die Windkraftanlagen im Land Brandenburg erfolgen kann, müssen entsprechende Daten erhoben werden. Diesbezüglich finden die zwei methodologischen Hauptströmungen der empirischen Sozialforschung - die qualitative und die quantitative - Eingang in die Verifizierung. Nur die Kombination beider Strömungen ermöglicht aus der Vielzahl von Protestfällen, ein Bild der Auseinandersetzung um die Windparks im Land Brandenburg herauszukristallisieren. Gleichzeitig bieten die drei interdependenten Faktoren der sozialen Bewegungsforschung einen Erklärungsansatz für den Umfang und die Erscheinungsformen der Streitpolitiken.

4.1. Datenmaterial

Grundlage zur Analyse von Streitpolitiken bildet das verfügbare Datenmaterial. Im Idealfall stellt das Internet hierfür eine optimale Zugangsquelle dar zu den Archiven der Medien wie Printmedien und persönlichen Kontakten mit den Beteiligten vor Ort. Jedoch hängt die Zugangsmöglichkeit von vielen Faktoren ab, und für das notwendige Basismaterial war die Verfügbarkeit im Internet nicht gewährleistet.

Um eine inhaltlich adäquate Darstellung der Auseinandersetzung um die Windkraftanlagen im Land Brandenburg zu verifizieren, wurde als Basismaterial das Medium „Märkische Allgemeine Zeitung“ (MAZ) verwendet. Grundlage für die Festlegung sind folgende Aspekte:

- Die Inhalte einer Tageszeitung spiegeln die gesellschaftlich relevante Agenda wider. Sie sind Transmitter für die Initialisierung und Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Wahrnehmung, sodass ihre Inhalte auch Mobilisierungspotenzial besitzen (Franzosie 1987).
- Den Anbieterraum „Land Brandenburg“ decken drei größere Tageszeitungen ab, die einerseits über allgemeine relevante Ereignisse (Hauptteil) und andererseits über lokal relevante Ereignisse (Regionalteil) berichten. Das sind die Märkische Allgemeine Zeitung, die Märkische Oder Zeitung und die Lausitzer Rundschau.
- Der Hauptanbieterraum der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ erfasst mit 15 Regionalteilen alle lokal relevanten Ereignisse des westlichen Teils des Landes Brandenburg. Das sind die Landkreise: Prignitz, Ostprignitz-Ruppin, Oberhavel, Havelland, Potsdam Mittelmark, Teltow-Fläming, die kreisfreien Städte Brandenburg und Potsdam sowie der Altkreis Königs Wusterhausen.
- Die Märkische Allgemeine Zeitung lesen mehr als eine halbe Millionen Menschen (www.maerkischeallgemeine.de).
- Pragmatische Gesichtspunkte sind ebenfalls ausschlaggebend, sodass der Untersuchungsraum eingeschränkt werden musste. Die im Internetarchiv erhältlichen Zeitungsartikel wurden nicht zeitgleich herausgegeben und unterscheiden sich oftmals inhaltlich von der Printausgabe. Des Weiteren fehlen Artikel zum gesuchten Thema oder sind mehrfach vorhanden. Zum Teil wurde nur der Zeitraum eines Jahres archiviert. Der Zugang zu den elektronischen Archiven der Zeitungen vor Ort ist stark eingeschränkt, kostenpflichtig und/oder es existiert kein digitalisiertes Material für den festgelegten Zeitrahmen der Untersuchung. Erschwerend kamen die stark eingeschränkten Möglichkeiten der Eigenrecherche des Forschers hinzu. Folglich musste das Datenmaterial über persönliche Durchsicht der archivierten Zeitungen in den Bibliotheken erfolgen. Das war ein sehr zeitaufwändiges Verfahren, weshalb dann die Untersuchung auf den Anbieterraum der Märkischen Allgemeinen Zeitung beschränkt wurde.18

4.2. Zeitliche Begrenzung

Im zeitlichen Kontext hat jede Handlung einen Ursprung und ein Ende. Der Zeitrahmen zur Untersuchung der Auseinandersetzung um die Windräder wurde von 01.01.1997 bis 31.12.2002 festgelegt.

Hintergrund dieser Entscheidung ist ein bewegungstheoretischer Ansatzpunkt, dass contentious politics ausgelöst werden können durch sich verändernde politische Opportunitäten, die Anreize für soziale Akteure kreieren (Tarrow 1998). Nicht nur die Ölkrise, sondern auch die einsetzende Umwelt-/Klimadebatte in den 70er Jahren hat sich auf das Energiekonzept der Europäischen Union sowie ihrer Mitgliedstaaten ausgewirkt. Die Unterzeichnung des Klimaschutz-Protokolls von Kyoto 1997 unterstrich den begonnenen energiepolitischen Wandel - die Bedeutung der Umwelt und die nachhaltige Entwicklung in der Energiepolitik. Mit dem „Stromeinspeisungsgesetz“ förderte die Bundesregierung seit 1991 die Stromerzeugung aus regenerativen Energieträgern, das ab 1. April 2000 von dem Erneuerbaren-Energie-Gesetz (EEG) abgelöst wurde. Endgültig manifestierte sich der energiepolitische Wandel durch die Änderung des Paragraphen 35 im Baugesetzbuch (BauGB) am 1. Januar 1997 - die Privilegierung von regenerativen Projekten im Außenbereich. Letztendlich sind die europäischen Richtlinien, deren Abänderungen und Ratifizierung, Förderprogramme, die nationalen Gesetzgebungen und ihre Abänderungen jeweils kleine Mosaikbausteine für das Gesamtensemble „Energiepolitischer Wandel“. Aus den zeitlichen Differenzen der Maßnahmenfestlegungen ergaben sich für den Untersuchungszeitrahmen einige Probleme, deshalb musste ein prägnanter Ausgangspunkt festgelegt werden. Dieser fällt in das Jahr 1997, in dem das Baugesetzbuch abgeändert, das Klimaschutz-Protokoll von Kyoto unterschrieben und erneuerbare Energieträger durch das europäische Programm Altener gefördert wurden.

Nachdem die Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Festlegung des Zeitrahmens und Datenmaterials für die Analyse der Auseinandersetzungen um die Windkraftanlagen dargestellt wurde, erfolgen in den nächsten Abschnitten Erläuterungen bezüglich der unterschiedlichen Ziele und methodologischen Aspekte für die qualitative und quantitative Herangehensweise.

4.3. Qualitative Ebene - Protestverlaufsgeschichte

Primäres Ziel der qualitativen Ebene ist es, einen Protestverlauf zu eruieren, um einen detaillierten Einblick in das Geschehen eines Falles zu ermöglichen. Es wird dargestellt, wie die Akteure mit dem sozialen Umfeld interagieren, welches Ziel sie verfolgen, was ihre Motivation ist und welche Argumente diesbezüglich verwendet werden. Gleichzeitig bildet eine Protestverlaufsgeschichte auch die Strukturen der sozialen Welt für die nichthandelnden und handelnden Personen ab. Wesentlich bei der „Geschichte eines Falls“ ist die Positionierung des Wissenschaftlers als „neutralen Beobachter“, der bei der Aufnahme nicht wertend und selten erklärend in die Argumentation der Akteure eingreift.

Insgesamt wurden zwei Fälle für jeweils eine Protestverlausgeschichte ausgewählt. Es handelt sich um die Dörfer „Mildenberg“ und „Klein-Mutz“, in deren Gemarkung Windräder aufgestellt werden sollten. Beide Orte liegen in geographischer Nähe (ca. 5km Luftlinie) und sind mit jeweils einem Windeignungsgebiet im Regionalplan Prignitz-Oberhavel verzeichnet. Die Verlaufsgeschichten von Klein-Mutz und Mildenberg scheinen vorerst sehr unterschiedlich zu sein, jedoch haben sie mit allen anderen contentious politics-Fällen eine gemeinsame Basis, das Thema Windkraftanlagen als Streitobjekt. Folglich muss die spezifisch geographische Verortung aufgehoben werden, um weitere Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Fälle herauszukristallisieren und ein Bild über die Auseinandersetzung um die Windparks im Land Brandenburg zu zeichnen. Dabei verweisen die Beispiele Mildenberg und Klein-Mutz stellvertretend auf Differenzen und Gemeinsamkeiten in den contentious politics-Fällen.

Neben der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ flossen in die Protestverlaufsgeschichte noch Informationen aus dem „Amtsblatt Zehdenick und Gemeinden“, durch Akteneinsicht im Amt Zehdenick19 und aus dem Internet sowie qualitative Interviews20 mit kommunalen Vertretern und Beteiligten ein.

Die Befragung der Akteure erfolgte mittels Leitfadeninterview, das einen starken narrativen Fokus aufwies, sodass dem Interviewten durch eine offene Frage ausreichend Raum für seine „Geschichte“ gegeben wurde - eine maximale Chance, auf den Stimulus zu reagieren.

Während der Erzählung befindet sich der Interviewer in einem ständigen Prozess der Operationalisierung, um die Möglichkeit des „Nachfragens“ beim Input durch den Befragten zu nutzen. Eine so gestaltete offene Befragung birgt einige Probleme, denn einerseits konnten nicht alle Fragen vorformuliert werden und andererseits durfte das Interview nicht in ein „Ausfrage-Gespräch“ abgleiten. Ein weiterer wesentlicher Aspekt für die Durchführung und Bewertung des Interviews haben personale Kontexte wie assoziierte positive oder negative Gefühle oder das Rollenverständnis der Person (private/öffentliche Person). Im abschließenden Teil der Befragung wandelt sich das Interview von einem Leitfaden- zu einem Experteninterview, um fehlende Informationen bezüglich der Recherche zu gewinnen. Die Ziele des qualitativen Interviews sind vielschichtig. Zum einen sollen die Beteiligten ihre „Geschichte über die Auseinandersetzung“ erzählen, um weitergehende Informationen für die Protestverlaufsgeschichte herauszukristallisieren. Zum anderen liefern sie Hintergründe für persönliche Motivationen zum Engagement, Aktionsrepertoires und Claims.

Für die Befragung wurden Befürworter und Gegner der Windräder für Mildenberg und Klein- Mutz ausgewählt, die in den Zeitungsartikeln genannt wurden. Aufgrund des Arbeitsaufwandes eines Interviews und dessen Auswertung wurden insgesamt drei Personen befragt.

- Mildenberg: Herr Bürgermeister Witzlau (pro) und ein Mitglied der Bürgerinitiative „Rückenwind“, Frau Miren Kober (contra)
- Klein-Mutz: Herr Bert Kronenberg, ein Mitglied der Bürgerinitiative „Bürger für Klein-Mutz“ (contra)

4.4. Quantitative Ebene - der Datensatz

Primäres Ziel der quantitativen Ebene ist, einen Datensatz für die Analyse zu erstellen. Die Operationalisierng der Zeitungsartikel erfolgte in Anlehnung an das semantische Triplett von Franzosie (Franzosie 1987, 1997, 1998, 1999, mimo sowie Koopmans/Statham 1999), um den Informationsverlust zu minimieren und alle relevanten Daten zu erhalten.

Ausgangspunkt einer empirischen Untersuchung ist die Festlegung einer Grundgesamtheit. Ein erster Schritt diesbezüglich wurde durch die Auswahl der Tageszeitung als Datenmaterial getroffen (Schnell/Hill/Esser 1995).

In einem zweiten Schritt wird die Objektmenge hinsichtlich gültiger Aussagen der Untersuchung an die zentrale Fragestellung gekoppelt, sodass nur Zeitungsartikel über contentious politics vercodet werden. Diese allgemeine Definition der Grundgesamtheit behindert allerdings eine Mehrebenenanalyse. Um diesem Aspekt Rechnung zu tragen, muss eine spezifische Erweiterung erfolgen. In den Datensatz werden ebenso Artikel aufgenommen, die sich allgemein mit dem Thema Windenergienutzung sowie in der Bundesrepublik befassen. Ausgeschlossen sind Zeitungsberichte über spezifische Windparks in anderen Ländern und Bundesländern. Der letzte definitorische Schritt der Grundgesamtheit zur Durchführung einer exakten Untersuchung bezieht sich auf das Vorhandensein von contentious politics im Zeitungsartikel der MAZ. Berichte über die Anzahl von Windrädern, Effizienzbeschreibungen einer Anlage oder „feindlichen“ Übernahmen von Betreibergesellschaften (Wirtschaftsdaten) sind von der Aufnahme in den Datensatz exkludiert.

Ein Zeitungsartikel kann hinsichtlich des Gegenstandsbereiches contentious politics in die Bereiche Subjekt, Objekt und Prädikat unterteilt werden. Die Ebene des Subjektes differenziert sich in zwei Begriffsaspekte. Akteure sind definiert als Personen oder soziale Gruppen, die ein Aktionsrepertoire und Claim aufweisen, um sich befürwortend (pro) oder ablehnend (contra) gegenüber der Aufstellung von Windrädern zu positionieren. Des Weiteren erfolgt nicht nur Eingrenzung auf die Positionierung der generellen Ablehnung oder Befürwortung von Windrädern, sondern der Akteursbegriff umfasst auch Einstellungen, die sich nur auf ein spezifisches Vorhaben beziehen. Letztendlich können in einem Zeitungsartikel mehrere Pro- oder Contra-Akteure auftreten. Dieser weitgefasste Akteursbegriff ist notwendig, um nicht die Untersuchung auf eine Akteursgruppe zu fokussieren und die Potenziale einer Analyse von contentious politics zu minimieren. Folglich muss der zweite Begriffsaspekt Akteurshelfer in der Operationalisierung für den Datensatz eng definiert werden. Unter dem Begriff Akteurshelfer sind alle unterstützenden Parteien der Befürworter oder Gegner von Windkraftanlagen zusammengefasst, d.h. sie haben das Claim, die jeweiligen Beteiligten zu unterstützen.

Das Aktionsrepertoire - Prädikat - wurde in Anlehnung an Kousis (Kousis 1998, 1999a, 1999b) mit einigen Modifikationen operationalisiert. Die Erweiterungen ergaben sich aus dem Auftreten der Repertoires in den Zeitungsartikeln. So wurden die Beschlussfassungen kommunaler Gremien einbezogen, weil sie eine Entscheidung bzw. Festlegung des Willens einer Gemeinde darstellen, die Auswirkungen im Rahmen der Selbstverwaltung und gesetzlichen Aufgaben haben.

Die inhaltliche Bestimmung des Objekts unterscheidet zwischen den drei Bereichen, den Claims der Akteure (1) und dem Gegner (2) sowie den Claims der Gegner (3). Hierbei ist das zugrundeliegende Claim der Akteure, Windräder zu befürworten oder abzulehnen. Jedoch beinhaltet der Claim-Begriff nicht nur das zentrale Ziel, sondern auch die verwendeten Argumente für die Positionierung zu den Windkraftanlagen. Um die resultierende Vielfalt der „Claims“ sinnvoll auswerten zu können, fanden sie als Oberbegriffe in den Variablen Eingang. Das Codebook sowie die Auswertung stellen diese Aspekte dar.

Die Operationalisierung der Gegner und ihrer Claims wurde zu einem Teil schon durch den Akteursbegriff definiert, denn Befürworter und Gegner von Windrädern sehen sich als Opponenten. Der andere Teil der begrifflichen Festlegung umfasst einerseits die Adressaten in der Auseinandersetzung, die eine gleiche Positionierung haben. Andererseits werden Beteiligte als Gegner vercodet, wenn kein Aktionsrepertoire im Zeitungsartikel angegeben ist.

Das Problem vorhandener Mehrfachnennungen im Analysematerial umgehen dichotome Variablen. Das verwendete Codebook befindet sich im Anhang.

5. Die Fälle Mildenberg und Klein-Mutz

Die kleinen Dörfer Mildenberg und Klein-Mutz in der Mark Brandenburg, etwa fünf Kilometer Luftlinie voneinander entfernt, sind von unzähligen Tonstichen umsäumt, der Deutschen Tonstraße. Diese gesamte Region prägen mit Wasser verfüllte Restlöcher aus dem Tonabbau für die Ziegelindustrie, die eine unvergleichliche Wasserlandschaft entstehen ließen. Hier haben seltene Vögel und andere gefährdete Tierarten einen Lebens- und Nistraum gefunden, den auch die ansässigen Menschen achten und bewahren. Sie stellten das gesamte Gebiet unter Naturschutz. Die Regionale Planungsgemeinschaft Prignitz-Oberhavel wies für beide Orte jeweils ein Windeignungsgebiet im beschlossenen Entwurf des Regionalplanes von 2002 aus.

5.1. Der Fall Mildenberg

5.2.1. Die ersten Windräder...

Die Vorhabensträger „Regenerative Energien Denker & Dr. Wulf AG“ und das Neuruppiner „Ingenieurbüro Wenger-Rosenau“ beabsichtigten, ab Mitte des Jahres 1997 in der Nähe der ehemaligen Mülldeponie mit der Aufstellung der ersten Windräder in der Region zu beginnen. Sie planten auf dem gepachteten Land, das einem Mildenberger gehört, vier 60 Meter hohe Türme mit einer jährlichen Energieproduktion von etwa vier Millionen Kilowattstunden21 aufzubauen. Ursprünglich sahen die Planungen der Vorhabensträger eine Realisierung schon für 1996 vor, allerdings traten Verzögerungen infolge der behördlichen Genehmigungsverfahren auf. So wurden die Vorhabensträger unter anderem von der Unteren Naturschutzbehörde verpflichtet, Ausgleichmaßnahmen für die Natur im Wert von 40 000 DM vorzunehmen, wie z. B. Begrünung der Anlagesockel und Pflanzungen von einheimischen Gehölzen.

Die erste Hürde für einen schnellstmöglichen Abschluss der Bauleitplanung sowie die Aufstellung wurde durch den Beschluss der Mildenberger Gemeindevertreter, den Entwurf des Vorhaben- und Erschließungsplanes (VE-Plan) zur „Errichtung von 4 Windkraftanlagen“ (Beschluss 1/97) zu billigen, am 30.01.1997 genommen. Der nächste Schritt der gesetzlichen Verfahrensordnung bestand in der öffentlichen Auslegung des Planentwurfes, sodass Bürger und Träger öffentlicher Belange (Umweltverbände etc.) innerhalb eines Monats22 die Möglichkeit hatten, Anregungen und Einwände einzubringen. Diesbezüglich erwarteten die Vorhabensträger wie die kommunalen Vertreter kaum Einwände wegen eines im Vorfeld eingebrachten Geräuschemissionsgutachtens, das keine Einschränkungen für die Einwohner nachwies (MAZ: 01.02.97), und den nicht unerheblichen finanziellen Vorteil für die stets leere Gemeindekasse. Denn schließlich brächte jedes Windrad 2000 DM im Jahr ein. Für die Vorhabensträger bedeutet dieser geringe Widerstand, der den Beginn des Aufbaus noch im laufenden Jahr ermöglicht, dass sie die brandenburgischen Fördermittel von etwa 50 Prozent der entstehenden Kosten abschöpfen könnten.

Trotzdem äußerten während der öffentlichen Auslegung vom 10. März bis 9. April 1997 Bürger und Träger öffentlicher Belange - das Amt für Agrarordnung, das Amt für Immissionsschutz, das Landesratsamt Oberhavel und das Landesamt für Bauen, Bautechnik und Wohnen - einige Anregungen und Bedenken. Diese Vorbehalte bewerteten die Träger nach rechtlichen Grundlagen und legten die resultierende Stellungnahme der Gemeinde vor. In der Gemeindevertretersitzung am 26. Juni 1997 schlossen die Abgeordneten im Rahmen ihrer rechtlichen Möglichkeiten die Bauleitplanung ab. Erstens billigten sie den modifizierten Planentwurf. Zweitens wurde der Entwurf des Durchführungsvertrages zum VE-Plan beschlossen, der unter anderem die Gemeinde von entstehenden Kosten im Zusammenhang mit dem Projekt befreite sowie jährliche Zahlungen pro Windrad zusichert. Und drittens nutzten die Vertreter ihren Entscheidungsspielraum, inwieweit eingebrachte Bedenken außerhalb rechtlicher Regelungen zu berücksichtigen sind, und fassten einen Abwägungsbeschluss zugunsten des Windkraftprojektes. Der nächste formale Schritt in der Verfahrensordnung bestand in der Genehmigung des VE-Planentwurfes mit Durchführungsvertrag durch die zuständige höhere Verwaltungsbehörde - in diesem Fall das Landesamt für Bauen, Bautechnik und Wohnen -, sodass dieser einen Tag nach der Veröffentlichung im Amtsblatt Rechtsgültigkeit erhalten würde.

Obwohl das Verfahren zur Errichtung der Windfarm formal noch nicht abgeschlossen war, konnte die praktische Umsetzung aufgrund des Paragraphen 33 BauGB (Zulässigkeit von Vorhaben während der Planaufstellung) schon verwirklicht werden. Auf der zuvor ausgebauten Straße zum Standort begann im November die Firma „Brandenburgische Wind- und Umwelttechnologie“ (BWU) in Lizenz von Denker & Dr. Wulf AG mit der Aufstellung von vier Windkraftanlagen.23 Ihre Planung sah die Errichtung der 60 Meter hohen Türme in knapp drei Wochen vor. Dass jedoch die Aufstellung und Inbetriebnahme (d.h. Einspeisung von Windenergie in das Stromnetz) nicht zwangsläufig sukzessiv erfolgt, mussten Denker & Dr. Wulf AG und Wenger-Rosenau im Anschluss des Rotorenaufbaus erfahren. Urheber der Retardierung seit Mitte Dezember - in der windstärksten Zeit - war der regionale Stromversorger „Mevag“ (MAZ-Gransee: 10.02.1998). Diese Verhaltenweise begründete das Unternehmen in einem Brief an die Gemeinde mit ökonomischen Vorbehalten. Zur Lösung des Interessenkonfliktes lud der Mildenberger Bürgermeister Eberhard Witzlau die Mevag zu einem Gespräch mit der Gemeinde ein, da er einerseits die Aufkündigung der Konzessionsverträge befürchtete und sich anderseits für ihn die Frage stellte, warum sich das Unternehmen gegen alternative Energieerzeugung positionierte (Interview). In dem Treffen stellten die Vertreter des Stromversorgers dar, dass ihre Haltung aus der Ablehnung des Stromeinspeisungsgesetzes resultiert und sie nicht generell der Windenergiegewinnung negativ gegenüberstünden (MAZ-Gransee: 10.07.1997). Infolge des Abnahmezwanges von Windstrom, der wesentlich teurer als Braunkohlestrom aus der Lausitz war24, dachte das Unternehmen aufgrund wirtschaftlicher Effizienzerwägungen über eine Differenzierung der Strompreise hinsichtlich der Anzahl von Windkraftanlagen in der Region nach. Diese Argumentation war nach der Ansicht des Bürgermeisters unverständlich und ärgerlich. Denn zum einem wurde die große finanzielle Differenz zwischen Einkauf (8 Pfennige) und Verkauf an die Mildenberger Bürger (durchschnittlich 27 Pfennige) verdeutlicht und zum anderen handelte es sich schließlich um eine Auseinandersetzung zwischen Stromkonzernen und Regierung - und nicht mit der Gemeinde. Seine Kritik hinsichtlich fehlender Investitionen in einer angeblich so lukrativen Brache wiesen den anwesenden Vertreter mit dem Vermerk auf die gesetzliche Verpflichtung zurück, den Strom so billig wie möglich zu produzieren. Folglich konnten sie Windkraft nicht nutzen (MAZ-Gransee: 10.07.1997). Nach intensiven Verhandlungen durch das Ingenieurbüro Wenger-Rosenau ließ sich der Stromversorger vom Konzept zur Einspeisung des gewonnenen Stromes überzeugen. Zusätzlich verzögerte aber einsetzender Frost die Arbeiten für das Zubringerkabel zur naheliegenden Überlandleitung, sodass die permanente Einspeisung von Windstrom aus Mildenbergs vier Windkraftanlagen erst seit Ende Februar 1998 realisiert wurde.

[...]


1 Siehe diesbezüglich die Ausführungen von Eder (1998).

2 Der Begriff „Komplexität“ bezieht sich nicht auf die Struktur des Denkens (Eder 1998).

3 Gesellschaft-Natur-Interaktionen sind „operationale Modelle“ (Eder 1998).

4 Zu den einzelnen Typen und der Kritik an der CT siehe Keller & Poferl (1998).

5 Religiöse Argumentationen beziehen sich auf Konfessionen. Natur ist heilig, da Götter sie geschaffen haben - klassische Schöpfungsgeschichten. Natur ist eine Gottheit, mit der ehrfurchtsvoll und angemessen umgegangen werden muss.

Natur wird im weitgefassten Sinn als kollektives Gut bezeichnet.

6 Schon die Definition des Jahres ist eine kulturelle Strukturierung des Universums. In unterschiedlichen Kulturen wird der Jahreszyklus (symbolisch verknüpft mit dem Lebenszyklus des Menschen) in verschiedenen Zeitrahmen gedacht.

7 Die Theorie des kollektiven Handelns geht davon aus, dass sich Personen erst an der Herstellung eines kollektiven Gutes beteiligen, wenn für sie selektive Anreize vorliegen. Die Definition der selektiven Anreize steht in der Tradition von rational choice, d.h. es wird ein Kosten-Nutzen-Kalkül unterstellt. „Je stärker die positiven (selektiven) Anreize bei einer Beitragsleistung und je stärker die negativen Anreize sind, wenn man keinen Beitrag leistet, desto eher wird man sich an die Herstellung eines Kollektivgutes beteiligen.“ (Opp 1998: 92) Das Koordinationsproblem wird mittels sozialer Netzwerke, Organisationen usw. gelöst. Zu den Arten von Anreizen für das Engagement zählen: der Nutzen aus dem Kollektivgut, der mögliche Einfluss auf die Herstellung des Kollektivgutes, soziale und materielle Faktoren.

8 In der wissenschaftlich-soziologischen Literatur, die sich mit Natur und dem gesellschaftlichen Umgangs diesbezüglich auseinandersetzt, lässt sich dieses herauskristallisieren. Natürlich existieren noch konkurrierende Vorstellungen über die Natur, die institutionelle Bestätigungen erfahren. Jedoch scheint sich dieses Bild aufgrund der „Dehnbarkeit“ in der Gesellschaft durchgesetzt zu haben und spiegelt sich auf der institutionellen Ebene wider. Empirisch belegt ist das Ziel „Umweltschutz“ in der Bevölkerung (Bundesrepublik) durch Umfragen - ein Nachweis für die gesellschaftliche Präferenz des Schutzes der Natur (Opp 1998).

9 Die Institutionalisierung von Umweltpolitik begann zwischen 1970 und 1971 mit dem Umweltsofortprogramm, dem Umweltprogramm, der Einrichtung eines Sachverständigenrates für Umweltfragen (berät die Bundesregierung in Umweltfragen) und den Umweltministerien in fünf Bundesländern. In den folgenden Jahren wurde das Bundesumweltamt (1974) und das Bundesumweltministerium (1986) gegründet (Opp 1998).

10 Natürlich konzentriert sich das Konzept der regenerativen Energieentwicklung nicht nur auf die Nutzung von Wind und Sonne. Die Ressourcenfestlegung erfolgt aber zumeist nach dem Schema, die Input- und Output-Seite der Natur nicht zu belasten.

11 Die Faktizität des Argumentes wird an dieser Stelle nicht angezweifelt und ist auch nicht unbedingt die Aufgabe der Sozialwissenschaften. Die Geschichte zeigt jedoch, dass scheinbar unerschöpfliche Energieträger eine Transformation erleiden (Beispiel: Kohle, Atomkraft).

12 Siehe auch Alt/Claus/Scheer 1998: „Die Windenergie ist eine dieser dauerhaft verfügbaren und emissionsfreien Erneuerbaren Energien.“ (ebd.: 7)

13 Der Schutz ergibt sich aus der alternativen Nicht-Nutzung eines negativ umweltrelevanten Naturgutes.

14 Zur Beschreibung von klassischen Protesten siehe unter anderem Kaase 1976, Marks/McAdam 1999, Imig/ Tarrow 2000, Rucht 2000.

15 Das sind die klassischen Problemfelder der Moderne: Demokratieproblematik, die Problematik der sozialen Frage und kollektiver Güter.

16 Rucht (1998) verweist auf Messprobleme bezüglich der im Prinzip „einfachen“ Messung von staatlichen Repression. Letztendlich sind die staatlichen und sozialen Repressionen schwer empirisch zu erfassen aufgrund der Ursache/Wirkungsbeziehung.

17 Siehe zur ausführlichen Darstellung der Frame-Elemente: Hellmann/Koppmas 1998

18 Insgesamt wurden für den Untersuchungszeitraum 28 800 Ausgaben mit etwa jeweils 10 Seiten durchsucht.

19 Nur aufgrund der Kooperationsbereitschaft des Amtes Zehdenick konnten wesentliche Verfahrensfakten (Zeitpunkt der Beschlüsse usw.) im benötigten Zeitraum verifiziert werden.

20 Zum Thema qualitative Interviews siehe: Hopf 1978, Berger 1985, Bohnsack 1991, Garz/Kraimer 1991, Froschauer/Lueger 1998, Bogner/Littig/Menz 2002

21 Der erzeugte Strom reicht aus, um 1200 Haushalte zu versorgen.

22 § 7 BauGB-MaßnahmeG i.A. des § 3 (2) BauGB

23 Interessanterweise schlossen sich die BWU und zwei weitere Firmen im Jahre 2001 zur „REpower“ zusammen. Deren Aufgabengebiet umfasst die Entwicklung, Lizenzierung, Produktion und den Vertrieb von Windkraftanlagen. Die gesamte Projektentwicklung von Windparks im Inland übernimmt die 84prozentige Tochtergesellschaft „Regenerative Energien Denker & Dr. Wulf AG“ (www.repower.de: 10.01.03).

24 Die Stromunternehmen waren gesetzlich verpflichtet, den erzeugten Windstrom für 17,15 Pfennige pro Kilowattstunde aufzukaufen, während herkömmlich produzierter Strom um die 10 Pfennige kostete (MAZGransee: 10.07.97).

Details

Seiten
161
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638311991
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v29763
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Natur-Windrad-Mensch Contentious Politics Fallbeispiel Windparks Brandenburg Windkraft Windrad Windenergie

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Titel: Natur-Windrad-Mensch, Contentious Politics: Fallbeispiel Windparks in Brandenburg