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Aus Schweden in die USA. Gruppenemigration als Lösung der heimatlichen Probleme im Zeitraum von 1840 bis 1880

Bachelorarbeit 2015 34 Seiten

Skandinavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Hintergrund
1.1 Vorgeschichte
1.2 Begriffserklärung: Migration
1.3 Überblick: Phasen der Migration zwischen 1800 und 1920

2. Push- & Pull-Faktoren
2.1 Push-Faktoren
2.1.1 Überbevölkerung & Wirtschaft
2.1.2 Politik & Militärdienst
2.1.3 Religion
2.2 Pull-Faktoren
2.2.1 Homestead Act von 1862
2.2.2 Amerikabriefe & Presseartikel
2.2.3 Agenten

3. Auswanderung
3.1 Gesetzeslage
3.2 Planung der Auswanderung
3.3 Auswanderungsgebiete in Schweden
3.4 Überfahrten
3.5 Ankunftsgebiete & Verteilung der Einwanderer

4. In der neuen Heimat
4.1 Landleben vs. Stadtleben
4.2 Berufe & Karriere
4.3 Vereine & ‚Networking‘
4.4 Presse & Literatur
4.5 Religion & Bildung
4.6 Anpassung & Integration

5. Rückwanderung
5.1 Gründe
5.2 Rückwanderungsgebiete & Leben danach

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

In der heutigen Zeit ist das Thema der Migration äußerst aktuell. Besonders in der Europäischen Union wird das Thema häufig diskutiert. Ob Flüchtlingsfrage oder steigende Arbeitsmigration. Die Ansichten zur Migration sind entweder negativer oder positiver Natur. Außerdem scheint es, dass Politiker jedes Jahr erneut die Migration als das größte Ereignis des Jahres einstufen. Und dabei lassen sie es so klingen, als ob es die Migration vorher kaum gegeben hätte

All das, obwohl sie sich schon seit tausenden von Jahren zuträgt. Schließlich zog es den Menschen schon in unserer gesamten Welt umher. Sei es der Homo sapiens, der sich von Afrika aus auf den Weg nach Eurasien machte und von da den ganzen Erdball bevölkerte, oder die Römer, die zuerst ganze Bevölkerungen bezwangen, um sich letztlich bei ihnen niederzulassen.

Die vorliegende Arbeit konzentriert sich nur auf die schwedische Gruppenemigration in die Vereinigten Staaten von Amerika. Sie wird außerdem als große schwedische Migration bezeichnet und fand ca. zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 30er Jahre des folgenden Jahrhunderts statt.

Da dies einen relativ langen Zeitraum darstellt, befasst sich diese Arbeit nur mit den Jahren von 1840 bis 1880. Sie zeigt also sowohl die Anfänge der Auswanderungsepoche als auch erste Höhepunkte.

Über diese Zeit der großen Migration wurden ganze Bücher verfasst und der wohl bekannteste Schriftsteller von allen ist Vilhelm Moberg (1898 bis 1973). Sein vierteiliger Roman „Utvandrarna“ (1949), ”Invandrarna” (1952), „Nybyggarna“ (1956) und ”Systa brevet till Sverige” (1959) gelten heute als allgemeine Klassiker und wurden sogar verfilmt.

Des Weiteren soll in der Arbeit geklärt werden, warum diese Massenauswanderung zur Lösung der heimatlichen Probleme fungierte. Die gemeinten heimatlichen Probleme beziehen sich hauptsächlich auf die Probleme bzw. die Gründe, die so viele Schweden veranlasst haben letztlich ihr eigenes Land zu verlassen und in ein vollkommen fremdes Land auszuwandern. Auf der anderen Seite, hängen sie natürlich stark mit dem Staat Schweden und dessen Lage zusammen. Trotzdem liegt in dieser Arbeit der Fokus auf den Auswanderern.

Die wichtigsten Quellen, die für diese Bachelorarbeit herangezogen wurden, stammen unter anderem von Harald Runblom und Hans Norman, die beide mehrere Werke zu diesem Thema veröffentlicht haben. Die wichtigsten Publikationen von ihnen für diese Arbeit sind From Sweden to America: A History of the Migration und Transatlantic Connections: Nordic Migration to the New World after 1800. Darüber hinaus wird für die meisten statistischen Aspekte aus dem Buch Historisk Statistik för Sverige I = Historical Statistics of Sweden vom Statistiska Centralbyrån zitiert. Außerdem wurde des Öfteren auf das Buch A Folk Divided: Homeland Swedes and Swedish Americans, 1840-1940 von H. Arnold Barton zurückgegriffen. Daneben gibt es auch noch einige weitere Werke, die für die Erstellung dieser Arbeit von größter Bedeutung waren.

Die Arbeit gliedert sich in fünf Teile. Zu Beginn sollen einige schwedische Migrationsbeispiele aus der Geschichte aufgezeigt werden. Im nächsten Schritt wird die Terminologie der Migration näher erklärt und schließlich erfolgt ein kurzer Überblick über die einzelnen Phasen der schwedischen Migrationsepoche.

Im zweiten Kapitel findet eine Differenzierung zwischen den Push- und Pull-Faktoren hinsichtlich der schwedischen Auswanderung statt. Hier wird unter anderem auf die wirtschaftlichen und politischen Aspekte als Auswanderungsgründe eingegangen. Außerdem sollen Anreize, die aus den Vereinigten Staaten kommen, genannt und erläutert werden.

Daran anschließend erfolgt eine Darstellung bezüglich der eigentlichen Auswanderung. Es wird die schwedische Rechtslage geklärt und wie die Planungen für so eine Migration aussahen. Darüber hinaus wird man erfahren, aus welchen Regionen die Auswanderer kamen und wo sie sich letztlich in Amerika niederließen.

Das vierte Kapitel soll das Leben in der neuen Heimat zeigen. Das Landleben wird mit dem Leben in der Stadt verglichen und es wird dargelegt welchen beruflichen Tätigkeiten sie schließlich nachgingen. Ferner soll geklärt werden, mit was die Immigranten sich neben der Arbeit oder der Schule noch beschäftigten. Welchen Vereinen und Religionen gehörten sie an und was lasen sie in ihrer Freizeit? Zum Schluss wird noch erläutert, ob und in wie weit sich die Auswanderer in Amerika integrieren konnten.

Im fünften Kapitel geht es um die Rückwanderung von Amerika zurück nach Schweden. Hier werden die Fragen nach den möglichen Gründen und den Gebieten, wo sie sich in Schweden schließlich niederließen und welche Tätigkeiten sie dann womöglich verfolgten.

1. Hintergrund

In diesem Teil der Arbeit soll ein kurzer Überblick über die schwedische Geschichte in Bezug auf Migration gegeben werden. Als nächstes soll dann die Terminologie geklärt werden. Es findet eine Differenzierung zwischen den Begriffen „Emigration“ und „Immigration“ statt und des Weiteren sollen die Unterschiede zwischen „externer Migration“ und „interner Migration“, sowie „zirkularer Migration“ und „effektiver Migration“ geklärt werden. Und schließlich eine allgemeine Darstellung der einzelnen Phasen der gesamten Auswanderungsepoche erfolgen. Dieser Überblick dient zur historischen Einordnung, des in dieser Arbeit betrachteten Zeitraumes von 1840 bis 1880.

1.1 Vorgeschichte

Migration spielte in Schweden schon immer eine Rolle, wenn auch nicht im selben Umfang wie es im 19. Jahrhundert der Fall war. Auswanderungsziele für Schweden, Norwegen und Dänemark lagen hauptsächlich in einem der anderen skandinavischen Länder. Darüber hinaus soll im Folgenden auch über einige Migrationsdestinationen, die über Skandinavien hinausreichten, diskutiert werden.

Zwischen dem 12. Jahrhundert und dem 15. Jahrhundert, zog es viele Geistliche in ganz Schweden umher, auf der Suche nach geeigneten Standorten, wo sie ihre Klöster bauen konnten. Im Laufe dieser Zeit bildeten sich eine Fülle an Mönchs- und Nonnenorden, wie zum Beispiel die Dominikaner, die Franziskaner und die Benediktiner. Jeder von diesen Orden war im Besitz von mehreren Klöstern, die über das gesamte Land verteilt waren. Warum man dies auch als Migration ansehen kann, wird in Kapitel 1.2 erläutert.

Mitte des 17. Jahrhunderts wanderten einige Schweden erstmals in das noch junge Amerika aus, das auf der anderen Seite des Atlantiks lag. Da die europäische Kolonialisierung noch nicht sehr weit fortgeschritten war, konnte ausreichend Land erworben werden. Die Kolonie namens Nya Sverige (1638-1655) erstreckte sich über Teile der heutigen Bundesstaaten „Delaware, New Jersey, Pennsylvania [und] Maryland“ (Tuchtenhagen 2008: 68). Die erste Siedlung, die auf amerikanischem Boden gegründet wurde, hieß Fort Christina und wurde gemeinsam von Schweden und Niederländern besiedelt. Allerdings sollte diese Kolonie nicht von Dauer sein und wurde nach einem Konflikt zwischen den beiden Seiten letztendlich zerstört.

Eine andere schwedische Kolonie, namens Cabo Corso (1650-1663), bestand im heutigen Ghana. Ursprünglich ein portugiesischer Handelsposten, der dann später durch die Engländer in Besitz genommen wurde. Ab dem Jahre 1642 war es den dortigen Schweden erlaubt, auf diesem Posten Handel zu betreiben. Sie gründeten daraufhin Fort Carolusborg, was sich die Dänen jedoch nach kurzer Zeit aneignen sollten. Letzten Endes konnten die Schweden die Siedlung wieder für sich einnehmen. Bedauerlicherweise konnten sie mit ihrem Handel keine Gewinne erzielen und somit lösten sie die Kolonie schließlich auf.

In den folgenden 200 Jahren entstanden in der Karibik zwei neue Kolonien. Die erste war Saint Barthélemy (1784-1878), die die Schweden von Frankreich als Tauschobjekt gegen Handelsrechte in Göteborg erhielten (vgl. Tuchtenhagen 2008: 69). Sie wurde hauptsächlich als Sklavenhandelsplatz genutzt, aber aufgrund von schlechter Trinkwasserversorgung, und finanzieller Nöte seitens der Schweden, dann 1878 wieder an Frankreich verkauft.

Die zweite Kolonie in der Karibik war Guadeloupe (1813-1814). Im Laufe von drei Jahrhunderten war sie zeitweise jeweils im Besitz der Spanier, der Franzosen und der Engländer. Gegen Ende der napoleonischen Kriege (1792-1815) bekam Schweden schließlich die Kolonie von England „als Pfand für mögliche Eigentumsverluste des schwedischen Thronfolgers Karl Johan in Frankreich“ (Tuchtenhagen 2008: 69). In Folge des Pariser Friedens war Schweden jedoch gezwungen die Kolonie an Frankreich gegen 24 Mio. Francs abzutreten. Dieser Betrag bildete „den Grundstock für den sog. Guadeloupefond zur Begleichung der schwedischen Staatsschulden“ (Tuchtenhagen 2008: 69).

Welche Möglichkeiten die große schwedische Expansion im 17. Jahrhundert hinsichtlich der Auswanderung bieten konnte, lässt sich an der Bildungselite zeigen. Junge schwedische Akademiker hatten die Chance in den eroberten Nachbarländern eine berufliche Tätigkeit auszuüben.

Auf der anderen Seite, kamen auch wiederum aus diesen Ländern Absolventen nach Schweden. Somit entstand eine Art Bildungsaustausch zwischen Schweden, „Estland, Livland, Pommern [und] Wismar“ (Tuchtenhagen 2008: 70). Dieser Austausch war von Schweden auch sehr erwünscht, da er zu einer Integration dieser Territorien in das schwedische Königreich beitrug.

1.2 Begriffserklärung: Migration

Der Begriff Migration ist im Allgemeinen definiert “als eine dauerhafte oder halbdauerhafte Veränderung des Wohnsitzes“ (Lee 1966: 49). Darüber hinaus lässt sich der Ausdruck auch noch in einzelne Teile zergliedern. Es kann beispielsweise noch zwischen Emigration und Immigration, interner und externer bzw. zirkularer und effektiver Migration unterschieden werden.

Die mit Sicherheit am geläufigsten Migrationsbegriffe sind Emigration und Immigration. Bei der Emigration wandert der Mensch von seinem Heimatland in ein anderes Land aus. Wohingegen die Immigration genau die Gegenperspektive darstellt. Der Mensch wandert in ein Land ein.

Wenn von interner und externer Migration gesprochen wird, ist mit der internen Migration eine Migration innerhalb eines Staates gemeint. Hierbei kann eine Person zum Beispiel von einem Dorf in ein benachbartes Dorf ziehen oder in eine weit entfernte Stadt, die aber im selben Staat liegen muss. Die Distanz ist hier gleichgültig und solange sich die Umsiedlung innerhalb der Landesgrenzen zuträgt, spricht man von interner Migration. Ein weiteres Beispiel stammt von den Mönchs- und Nonnenorden, die in Kapitel 1.1 schon erwähnt worden sind. Externe Migration im engeren Sinne entspräche der Emigration in ein anderes Land. Allerdings könnte man auch im weiteren Sinne einen Umzug von einer Stadt in eine andere Stadt als extern betrachten. Immerhin zieht man aus der Stadt weg und verbleibt nicht innerhalb der Stadtgrenzen.

Um noch einmal auf die Ausgangsdefinition der Migration zurückzukommen. Wie der Wissenschaftler Everett S. Lee noch weiter hinzufügt, spielt es keine Rolle, welche Entfernung jemand zurückgelegt hat, ob diese Person von selbst oder durch einen Zwang von außen migriert ist (vgl. 1966: 49).

Es kann noch zwischen zwei weiteren Formen der Migration unterschieden werden. Zum einen die zirkulare Migration und zum anderen die effektive Migration. Wenn die Migration in einem nahen Umkreis stattfindet oder innerhalb einer Gesellschaftsform, dann gehört dies der zirkularen Migration an. Auf der anderen Seite, wenn eine Migration „zu fundamentalen Veränderungen in einer Wirtschaft und [in einer] sozialen Struktur“ (Norman/Runblom ca. 1988: 11) führt, nennt man dies eine effektive Migration. Die Auswanderung nach Amerika im 19. Jahrhundert gehört somit zu einer effektiven und externen Migration.

1.3 Überblick: Phasen der Migration zwischen 1800 und 1920

Wie in Kapitel 1.2 schon beschrieben, muss eine Migration nicht notwendigerweise eine Auswanderung in ein fremdes Land bedeuten. Deshalb sollen zuerst noch die Migrationsströme zwischen den ländlichen Gegenden und den Städten in Schweden diskutiert werden. Denn bevor sich eine Person letztendlich entschloss aus seinem Heimatland auszuwandern, zog sie zunächst einmal von der ländlichen Region in die Stadt. Die folgenden Daten stammen allesamt aus der Publikation Historisk Statistik för Sverige I.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten über zwei Millionen Menschen auf dem Land und nur knapp über 200.000 in den Städten. Mit der Zeit stiegen beide Bevölkerungsteile unterschiedlich stark an. Bemerkenswert ist, dass sich innerhalb von 120 Jahren die ländliche Population nur verdoppelte, während die städtische Einwohnerzahl sich mehr als versiebenfachte. Daraus kann geschlossen werden, dass es mit der Zeit immer mehr Landbewohner in die Städte zog.

Beliebte Auswanderungsziele, die über Schweden hinausgingen, waren neben den Vereinigten Staaten von Amerika, wohin mit Abstand die meisten Schweden übersiedelten, noch Dänemark und Norwegen. Die kurze Distanz und die überaus ähnlichen Kulturen waren mit Sicherheit hier ein ausschlaggebender Faktor.

Die untere Abbildung stellt die Relation zwischen den einzelnen Jahren und der dazugehörigen Anzahl an Emigranten dar. Hier ist noch der Grund zu erwähnen, warum diese Abbildung erst im Jahre 1851 beginnt und nicht schon früher. Die einfache Begründung ist, dass vor dieser Zeit die Anzahl der Auswanderer nicht ausreichend dokumentiert wurde.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Anzahl von Emigranten innerhalb bzw. außerhalb Europas und gesamt 1851 – 1915

(Quelle: vgl. Historisk Statistik för Sverige I, Tab. B16, B17)

Aus dem Diagramm lassen sich die einzelnen Werte für die schwedische Auswanderung innerhalb Europas und außerhalb Europas von 1851 bis 1915 ablesen. Als erstes ist auffallend, dass eine Auswanderung jenseits Europas nahezu die gesamte Auswandereranzahl ausmachte.

Von 1851 bis 1865 verlief der Migrationsstrom noch relativ überschaubar ab und die Differenz zwischen den beiden Destinationen war noch gering. In den Jahren vor 1851, und besonders bis zu den 1840er Jahren, war Amerika überhaupt nur unter den Privilegierten und Gebildeten von Interesse (vgl. Barton 1994: 16). Kurz danach allerdings vergrößerte sich der Abstand rasant. Nachdem der Civil War 1865 beendet worden war, sollte ab 1867 die Anzahl an Emigranten, die nach Amerika gingen, enorm steigen und schon wenige Jahre später wieder einbrechen, bis sie 1874 wieder auf der gleichen Höhe angelangt war, wie schon ca. zehn Jahre zuvor.

Da diese Arbeit nur den Zeitraum zwischen 1840 und 1880 behandelt, wird der Höchstwert in diesen 40 Jahren, mit 32.050 Auswanderern, im Jahre 1869 erzielt. Über die gesamte Zeit der großen schwedischen Migration gesehen, kann man wohl den Zeitraum zwischen 1880 und 1893 als den größten Boom bezeichnen. Hier verzeichneten die USA pro Jahr Einwanderungszahlen aus Schweden, die zwischen 25.000 und fast 50.000 Menschen betrugen. Während die Zahl in Europa über die gesamte Epoche hinweg gesehen, mehr oder weniger stagnierte.

Um die Jahrhundertwende siedelten dann wieder vergleichsweise wenige Schweden über. Schließlich stieg die Menge zwischen 1904 und 1907 nochmal jährlich auf ungefähr 20.000 Auswanderer, bevor sie danach wieder sinken sollte.

Zum Schluss lässt sich sagen, dass ca. 1.228.113 Schweden zwischen 1820-1950 in die USA auswanderten. Daraus kann entnommen werden, dass Deutschland fünfmal mehr Auswanderer als Schweden hatte. Hierbei muss allerdings die Landesgröße und Bevölkerungszahl der beiden Länder berücksichtigt werden.

2. Push- & Pull-Faktoren

Einer der Hauptbegründer der Migrationstheorie war Everett S. Lee. Seiner Meinung nach werden Menschen aus ihrem Heimatort „weggedrückt“ und wiederum von einem anderen Ort „angezogen“. Seine genaue Bezeichnung für diese beiden Aktivitäten sind Push- und Pull-Faktoren. Diese sollen, bezogen auf die schwedischen Auswanderer, in den folgenden Unterkapiteln genannt und erläutert werden.

2.1 Push-Faktoren

Es gab schon immer eine Ursache, welche die Menschen aus ihrer Heimat vertrieb. Sei es aus eigener Initiative oder durch externe Faktoren wie zum Beispiel Umweltkatastrophen oder wirtschaftliche Katastrophen.

2.1.1 Überbevölkerung & Wirtschaft

Als die Bevölkerungsanzahl im 17. Jahrhundert stark anstieg, nutzte das Königreich das Mehr an Menschen als Grund für einen Ausbau des Militärs. In Kriegszeiten mag so etwas von großem Vorteil sein, aber Mitte des 19. Jahrhunderts, als der Frieden schon seit 1815 anhielt, wurde dieses Mehr an Menschen zu einem ernsten Problem für das Land.

Darüber hinaus stieg die Bevölkerungszahl auch durch neue Technologien und folglich einer besseren medizinischen Versorgung, was wiederum die Sterblichkeit sinken ließ und damit die allgemeine Lebenserwartung erhöhte.

Ein dritter Grund für den demografischen Wandel war, dass die Menschen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts generell besser mit Lebensmittel versorgt werden konnten als noch zuvor. All diese Faktoren führten über die Jahrzehnte langsam aber stetig zu einer Überbevölkerung Schwedens und damit zu einer Knappheit an Land, Arbeit und Lebensmitteln.

Wirtschaftlich gesehen sollte sich für den Großteil der Bevölkerung, die in der Landwirtschaft tätig war, in der Mitte des Jahrhunderts einiges ändern. Günstige Getreideimporte aus Russland und Deutschland brachten Schwierigkeiten für die schwedischen Bauern mit sich. Nun konnten sie ihre Waren nur noch für sehr wenig Geld absetzen, um mit der ausländischen Konkurrenz mithalten zu können.

Neue Technologien im Bergbau bedeuteten für die, die sich diese Innovationen finanziell leisten konnten, das Erzielen höherer Gewinne. Aber für alle anderen, besonders kleinere Bergwerkunternehmen, bewirkten sie Verluste und führten nicht selten zu einer Insolvenz.

Derweilen ereigneten sich in der Agrarwirtschaft vermehrt Missernten. Die wohl größten Missernten fanden in den Jahren 1867 und 1868 statt. Sie „verursachten weitreichendes Elend und ruinierten [eine] große Anzahl an bäuerlichen Kleinbetrieben und Farmpächtern“ (Barton 1994: 37). Sie hatten ebenfalls Auswirkungen auf die Versorgung mit Lebensmitteln in der Bevölkerung, was schließlich zu weitverbreiteten Hungersnöten führte.

2.1.2 Politik & Militärdienst

Ein politischer Grund, eine Auswanderung in Betracht zu ziehen, war vor allem die Unterteilung der Bürger in Klassen bzw. Stände. Die Einteilung war wie folgt: Adel, Klerus, Stadtbürger und zuletzt die Bauern. Zusammen bildeten die Vertreter jedes Standes die Reichsstände im Reichstag, wobei der Bauernstand am wenigsten Macht besaß. Im Jahr 1866 wurden die Reichsstände schließlich aufgehoben. Es sollte nur noch ein Zweikammerreichstag geben. Wahlberechtigte der zweiten Kammer mussten über Besitz verfügen und das 21. Lebensjahr erreicht haben. Allerdings gab der Zensus „den wohlhabenderen und einflussreicheren Teilen der Bevölkerung“ (Tuchtenhagen 2008: 94) meist den Vorzug.

Die unterste Gesellschaftsschicht, welche die Mehrheit der Bevölkerung ausmachte, wurde unterdrückt und sah kaum Möglichkeiten zu einem Klassenaufstieg. Sie mussten hohe Steuerabgaben leisten und bei Hungersnöten, waren sie immer am stärksten betroffen. Darüber hinaus machte der Zunftzwang, welcher 1846 abgeschafft wurde, es für viele unmöglich in einen bestimmten Berufszweig einzusteigen oder zwischen ihnen zu wechseln. Des Weiteren wurde die Gewerbefreiheit erst 1864 eingeführt.

Der Militärdienst verlieh mit seiner langen Ausbildungszeit, schlechten Lebensbedingungen und all dies begleitet von ansteckenden Krankheiten unter den Militärdienstleistenden (vgl. Runblom/Norman 1976: 165), reichlich Anlass diesen nur irgend möglich zu umgehen. Im Laufe der Jahrzehnte sollten noch viele verschiedene Gesetzesänderungen hinsichtlich der Ausbildungszeit folgen.

Im hier behandelten Zeitraum war die Ausbildungsdauer allerdings noch in einem annehmbaren Umfang und damit kein allzu großer Grund um auszuwandern. Doch diese sollte sich zu einem späteren Zeitpunkt noch verlängern.

2.1.3 Religion

Vor 1810 mussten schwedische Staatsbürger der protestantischen Kirche angehören und danach wurde eine Art Toleranz von Religionen eingeführt. Außerdem war jeder Bürger verpflichtet einer Religion anzugehören, was wiederum im Jahre 1847 abgeschafft wurde.

In diesem Zusammenhang lässt sich ein bestimmter Pull-Faktor gut einbringen. In den Vereinigten Staaten wurde durch den ersten Verfassungszusatz des Grundgesetzes in 1791 festgelegt, dass die Regierung weder eine Staatsreligion festlegen darf, noch die Ausübung einer Religion untersagen kann (vgl. McClellan 2000: 409). Hingegen wurde die Religionsfreiheit in Schweden erst im Jahre 1951 eingeführt.

Ein Beispiel für die Nutzung dieser Religionsfreiheit ist die Sekte von Eric Jansson. Er war ein „Bauer und selbsternannter Prophet“ (Barton 1994: 15), der 1846 zusammen mit einigen anderen aus seiner Sekte in die USA emigrierte. In den Folgejahren würden ihm „über 1.500 seiner Anhänger“ (Barton 1994: 16) folgen.

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Details

Seiten
34
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656942917
ISBN (Buch)
9783656942924
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296148
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Fennistik und Skandinavistik
Note
3,0
Schlagworte
schweden gruppenemigration lösung probleme zeitraum

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Titel: Aus Schweden in die USA. Gruppenemigration als Lösung der heimatlichen Probleme im Zeitraum von 1840 bis 1880