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Die These über die gestiegene Pluralität der Familienformen. Befürchtungen über den Zerfall der traditionellen Familie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 16 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Begriffsdefinitionen
2.1 Was ist Familie?
2.2 Was ist unter Pluralisierung von Familienformen zu verstehen?

3. Die historische Entwicklung der Familie / Familie im historischen Wandel
3.1 Vielfalt der Familienformen in der vorindustriellen Zeit (16. - 18. Jahrhundert)
3.2 Die bürgerliche Familie: Zur Entstehung und Etablierung eines Ideals
3.3 Familie heute: Kurzer Überblick zur Familie der Gegenwart

4 Kritische Überprüfung der These über die Pluralisierung der Familienformen

5 Zusammenfassung und Ausblick

6 Quellen

1. Einleitung

Gesellschaften und auch die Institution Familie sind einem ständigen Wandel unterzogen. Es zeigt sich, dass insbesondere seit Ende der 1960er Jahre unter anderem aufgrund zahlreicher gesellschaftlicher Entwicklungen – wie einer kulturellen und rechtlichen Liberalisierung in Bezug auf Lebens- und Familienformen, dem starken Anstieg des Wohlstands in Deutschland, der Bildungsexpansion, der Emanzipation der Frauen und der damit einhergehenden zunehmend starken Erwerbsbeteiligung – die Zahl der Familien in Deutschland gesunken ist (Peuckert 2012). Gleichzeitig wurde auch ein starker Geburtenrückgang, eine sinkende Zahl an Eheschließungen sowie eine Zunahme von Ehescheidungen verzeichnet (Statistisches Bundesamt 2013, S.34f, 49f). Statistiken und Daten zu Lebens- und Familienformen und deren Zusammensetzung, die das statistische Bundesamt im Rahmen des jährlich durchgeführten Mikrozensus veröffentlicht, finden daher seit einigen Jahren besonders große Beachtung. In der Literatur, aber sehr viel stärker noch in der öffentlichen Wahrnehmung hat sich die Befürchtung festgesetzt, dass diese Entwicklungen, also die abnehmende Häufigkeit der sogenannten traditionellen Familie, bestehend aus Mutter, Vater und Kind, Anzeichen dafür sind, dass die Pluralität der Familienformen stark zugenommen hat (z.B. Ecarius/Köbel/Wahl 2011, S.28f) und die traditionelle Familie infolgedessen vor dem Zerfall steht (vgl. Fuhs 2007, S.17f, 21). Presseberichte zu diesen Entwicklungen mit Überschriften wie „Die traditionelle Familie stirbt aus“ (SpiegelOnline 2007) oder „Traditionelle Familie wird zum Auslaufmodell“ (FocusOnline 2012) befeuern diese Sorge zusätzlich.

Doch müssen wir uns wirklich um einen Zerfall der Familie sorgen? Sind die Krisenszenarien vom Aussterben der traditionellen Familie durch zunehmende Pluralisierung angemessen oder eher voreilig? Lässt sich die proklamierte Pluralisierung von Familienformen historisch belegen?Diesen gesellschaftlich relevanten Fragen sollen in dieser Arbeit mit Hilfe eines historisch vergleichenden Blicks nachgegangen werden. Zunächst aber werden einige Begriffsdefinitionen notwendig sein. Zwar hat jede(r) ein Alltagsverständnis zum Begriff Familie, jedoch ist es zu Beginn einer solchen Arbeit wichtig den Begriff aus fachwissenschaftlicher Sicht gegenüber alltäglichen Definitionen abzugrenzen und genau zu definieren, was Familie ist. Auch wird zu klären sein, was genau unter Pluralität bzw. Pluralisierung zu verstehen ist. Anschließend soll ein Blick zurück auf die Familien der Vergangenheit, genauer der vorindustriellen Zeit, dabei helfen die Entwicklungen der Institution Familie der letzten Jahrzehnte zu beurteilen und zu reflektieren. Darauf aufbauend wird die These über die Pluralisierung der Familienformen und die dadurch ausgelöste Debatte nachgezeichnet, um diese These dann im letzten Schritt zu diskutieren und einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Ziel dieser Arbeit ist einen Beitrag dazu zu leisten ein wenig mehr Klarheit in die in der Öffentlichkeit oft emotional geführte Diskussion zu bringen und ggf. auch als Nebeneffekt mit Fehlkonzepten über die Tradition der Familie aufzuräumen.

2 Begriffsdefinitionen

Nachfolgend sollen die zentralen Begriffe dieser Arbeit, nämlich Familie und Pluralisierung, definiert werden. Diese Definitionen werden den darauf folgenden Ausführungen zu den historischen Wandlungsprozessen der Familie und deren Einordnung als Basis dienen.

2.1 Was ist Familie?

Für den Begriff Familie ist es besonders wichtig zunächst eine Definition vorzunehmen. Eine einheitliche allgemein anerkannte Definition gibt es nämlich nicht (Nave-Herz 2008, S.703; Träger 2009, S.18). Die Formen von Familien sind vielgestaltig und heterogen, weshalb es allgemein nicht sinnvoll ist von der Familie als singuläre Erscheinung zu sprechen (Fuhs 2007, S.24f).

Im 19. Jahrhundert setzte sich der Begriff Familie als Bezeichnung für „eine geringe Anzahl naher Verwandter, die zusammen unter einem Dach wohnten und die eine enge emotionale Beziehung zueinander hatten“ (Haeberle 1978) durch. Seitdem bezieht sich Familie meist auf eine in einem Haushalt lebende Gemeinschaft aus Eltern und dessen Kindern (Haeberle 1978). Dieses Verständnis von Familie, als eine „dauerhafte Lebensgemeinschaft“ von Eltern mit ihren Kindern (Huinink 2009) besteht im Alltagsverständnis größtenteils auch heute noch. In einem weiter gefassten Sinn definieren viele Menschen Familie auch grob als enge Verwandschaftsbeziehungen jeglicher Art und verwenden die Begriffe Familie und Verwandschaft synonym (Nave-Herz 2008, S.703). Dieser sehr grobe Familienbegriff, der im alltäglichen Gebrauch nicht unüblich ist, ist in der Wissenschaft jedoch nicht relevant (Huinink 2009).

Eine vielzitierte Definition von Familie stammt von Nave-Herz. Sie stellt drei zentrale Kriterien auf, die für alle Familien Gültigkeit haben: Als erstes zu nennen ist „ihre biologisch-soziale Doppelnatur, aufgrund der Übernahme zumindest der Reproduktions- und Sozialisationsfunktion neben anderen, die kulturell variabel sind“, zweitens ist „die Generationsdifferenzierung [...] für sie konstitutiv“, und drittens besteht „zwischen ihren Mitgliedern [...] ein spezifisches Kooperations- und Solidaritätsverhältnis, das durch Tradition und/oder durch Gesetz festgeschrieben ist und aus dem heraus die Rollendefinitionen festgelegt sind“ (Nave-Herz 2010, S.42f). Familien sind dieser Definition zufolge also gekennzeichnet durch bestimmte gesellschaftliche Aufgaben und Funktionen, der Anwesenheit von mindestens zwei Generationen (Eltern und mindestens ein Kind) sowie durch ein Solidaritätsverhältnis zwischen diesen. Huinink (2009) bezeichnet Familie daher auch treffend als „generationenübergreifende Solidargemeinschaft“.

Wiederum anderen Autoren geht es in ihren Definitionen von Familie vordergründig um die Kennzeichen einer auf Dauer orientierten Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann sowie einer gemeinsamen Haushaltsführung mit mindestens einem Kind in diesem Haushalt (Hill und Kopp 2013, S. 10). Diese Definition von Familie ist jedoch stark verengt und missachtet offensichtlich einige real-existierende Familienformen, in dem es eine Familienform – die traditionell-bürgerliche Familie – bevorzugt. Wesentlich geeigneter erscheint da die offenere Definition des Statistischen Bundesamtes, das im Mikrozensus sämtliche Eltern-Kind-Gemeinschaften als Familien auffasst (www.de-statis.de). Das heißt konkret, dass jede Lebensform eine familiale Lebensform ist, sobald mindestens ein Kind zusammen mit einer weiteren Person in einer Elternschaftsbeziehung zusammenlebt (Schneider 2012; Kuhnt/Steinbach 2014, S.42f). Damit wird der Begriff Familie entkoppelt von Merkmalen wie Ehe, Geschlecht und biologischer Abstammung, sodass nicht nur Ehepaare mit Kindern, sondern auch nichteheliche gemischtgeschlechtliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit Kindern – wozu auch Stief-, Pflege- und Adoptivkonstellationen gehören – sowie alleinerziehende Mütter und Väter (Ein-Eltern-Familien) von dieser Definition eingeschlossen werden (www.de-statis.de; Huinink 2009). Diese Definition kommt der Realität der Vielfalt der Familienformen damit deutlich näher. Sowohl die Definition nach Nave-Herz als auch die des Statistischen Bundesamtes schließen direkt oder indirekt alle heute beobachtbaren Familienformen mit ein, sodass sich die weiteren Überlegungen in dieser Arbeit an diesen zwei Konzeptionen orientieren werden.

2.2 Was ist unter Pluralisierung von Familienformen zu verstehen?

Der Begriff Pluralisierung beschreibt mit Bezug auf Lebens- und Familienformen zwei verschiedene Aspekte. Zum einen ist dies ein Prozess, bei dem die Zahl unterschiedlicher Lebens- bzw. Familienformen zunimmt, bei dem also letztlich neue Lebens- und Famiienformen entstehen (strukturelle Vielfalt). Zum Anderen bezieht sich Pluralisierung auf das Verschieben der quantitativen Verhältnisse zwischen den beobachtbaren verschiedenen Lebens- und Familienformen (distributive Vielfalt); d.h. einst besonders dominante Formen nehmen in ihrer Häufigkeit ab, während andere zuvor seltenere Formen nun in der Bevölkerung häufiger auftreten (Peuckert 2012, S.151; Hradil 2012, S.530; Kopp/Hill 2013, S.256). Spricht man also von einer wachsenden Pluralität von Familienformen, so wird damit angenommen, dass sich einerseits die Verteilung der Anteile in der Bevölkerung verschoben hat und dass andererseits die Vielfalt der Familienformen gewachsen ist und eventuell auch zukünftig weiter wächst.

3. Die historische Entwicklung der Familie / Familie im historischen Wandel

Der folgende Abschnitt verschafft einen Überblick über einige zentrale historische Entwicklungen der Familie und soll letztlich dazu dienen zu prüfen ob, und wenn ja, inwiefern es in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Pluralisierung von Familienformen gekommen ist. Lässt sich also die proklamierte Pluralisierung von Familienformen historisch belegen?

3.1 Vielfalt der Familienformen in der vorindustriellen Zeit (16. - 18. Jahrhundert)

Beschreibungen zu Familien und Familienformen in der vorindustriellen Zeit sind immer in besonderem Maße vor dem Hintergrund der demographischen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen dieser Zeit zu treffen. So waren beispielsweise große Verwandtschaftsverbände und Familien mit mehr als zwei Generationen entgegen der weit verbreiteten Vorstellung kein Kennzeichen von Familienformen der vorindustriellen Zeit (Rosenbaum 2014, S.20f; Fuhs 2007, S.17f; Peuckert 2012, S. 11ff). Ganz im Gegenteil waren beide Erscheinungsformen nur äußerst selten zu finden. Vielmehr fand das familiale Leben ganz überwiegend als kleine von anderen Verwandschaftsbeziehungen unabhängige Kleinfamilie statt. Die häufigste Familienform war also die Zwei-Generationen-Familie, bestehend aus Mutter, Vater und (wenigen) Kinder. Bedenkt man, dass zu dieser Zeit die Lebenserwartung der Menschen deutlich niedriger war als heutzutage, erscheint es plausibel, dass Mehrgenerationenfamilien nur vereinzelt vorkamen, denn es war schlicht sehr wahrscheinlich, dass die Großeltern schon vor der Geburt ihrer Enkel verstarben (Rosenbaum 2014, S.20f). Der zweite wesentliche Grund ist laut Rosenbaum (2014, S.20f) ökonomischer Natur. Abgesehen von den sehr wohlhabenden Schichten war das Leben der überwiegenden Mehrheit durch eine sogenannte „Familiarisierung der Arbeit“ gekennzeichnet (Rosenbaum 2014, S.20). Die familialen Haushalte bildeten eine Einheit mit der Arbeitswelt, denn sie waren gleichzeitig produzierende Betriebe (Peuckert 2012, S. 11ff). Diese waren meist nur so groß, dass sie nur wenige Personen ernähren konnten. Zusätzliche Familienmitglieder hätten also nur das ökonomische Gleichgewicht gestört. Generell lässt sich sagen, dass die ökonomischen Bedingungen keine großen Familien zuließen, weshalb auch kinderreiche Familien bis ins 19.Jahrhundert eine Seltenheit blieb (Rosenbaum 2014, S.27). Kinder, vor allem zu viele Kinder konnten also schnell zu einem dramatischen finanziellen Problem werden, obwohl diese im Grunde als Arbeitskraft und auch als Erbe für die Familie nützlich waren (Rosenbaum 2014, S.27).

Weitere Gründe dafür, dass die Kleinfamilie die dominante Familienform dieser Zeit war, liegen in einer hohen Kindes- und Säuglingssterblichkeit. Die Geburtenzahl lag deutlich höher als die tatsächliche Zahl der Kinder pro Familie. Auch versuchten viele Frauen trotz mangelnden Wissens bezüglich Empfängnisverhütungsmethoden Schwangerschaften zu vermeiden, da eine Schwangerschaft einerseits bedeutete, dass die Frau für längere Zeit nicht oder nur noch eingeschränkt arbeitsfähig war, was letztlich ein ökonomisches Risiko nach sich zog. Andererseits starben nicht wenige Frauen infolge von Komplikationen bei der Schwangerschaft oder der Geburt des Kindes. Hinzu kamen sowohl durch Normen selbstauferlegte als auch von der Obrigkeit festgelegte umfassende Heiratsbeschränkungen. Für eine Heirat war es notwendig einen gewissen Lebensstandard vorweisen zu können. Viele, besonders in den ärmeren Schichten scheiterten daran, und erhielten keine Heiratserlaubnis (Huinink 2009). Da die Ehe jedoch die einzig legitime und anerkannte Familienform darstellte, blieb diesen Menschen nur die Wahl zwischen dem Verzicht auf eine Partnerschaft, also dem Ledigsein, und der sogenannten „wilden Ehe“, also einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft (Rosenbaum 2014, S.22, 30). Diese stand jedoch unter Strafe. Dennoch war diese Lebens- und Familienform vor allem in ökonomisch schwachen Schichten weit verbreitet. Aufgrund der niedrigen Lebenserwartung waren viele Ehepartner schon früh verwitwet, wodurch wiederum viele alleinerziehende Familien entstanden. Oft war jedoch zur Überlebenssicherung eine Zweitheirat unausweichlich, sodass auch die Familienform der Stieffamilie in unterschiedlicher Komplexität einen nicht unwesentlichen Anteil in der Bevölkerung ausmachte (Rosenbaum 2014, S.27). Der Begriff „Patchwork-Familie“ als eine komplexere Variante der Stieffamilie ist zwar relativ neu, jedoch hätte er auch schon in dieser Epoche angesichts der häufigen Wiederverheiratungen die Realität vieler Familien widergespiegelt (Huinink 2009).

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