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Jesu Tod als stellvertretender Sühnetod. Geburtsfehler des Christentums?

Hausarbeit 2013 15 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Verhältnisbestimmung zwischen AT und NT in Bezug auf Sühne
2.1 Bedeutung des Sühnetods Jesu im NT
2.2 Terminologisch
2.3 Theologische Bedeutung

3. Rechtfertigung als blutiger Rechtshandel

4.Literarturverzeichnis

1. Einführung

Es ist diese zentrale und zugleich gehaltvolle Aussage des Neuen Testaments: „Weil Jesus Christus für uns gestorben ist, sind wir befreit von der Sünde“ (vgl., Rö 5,8; 8,31f; 2Ko 5,17; vgl., Mk 10,45; Jh 1,29; 3,16; Eüh 1,7; 1Jh 1,7). Diese Aussage zieht ziemlich große Aufmerksamkeit auf sich und zugleich wird dieser Inhalt in verschiedene Bereiche der Theologie stets reflektiert und analysiert. Er gehört gleichzeitig zu diesen Prozessen, worin sich schlussendlich etwaige und zum Teil hitzige Debatte entfachen. Demnach kann ich diesem Sachverhalt voll und ganz zustimmen, wenn es unter anderem im Deutschen Pfarrerblatts heißt: „Das Kreuz Christi ist und bleibt der menschlichen Vernunft, aber auch den menschlichen Wünschen ein „Ärgernis“ und eine „Torheit“ (1. Kor. 1,23)1 “.Dennoch bleibt eine Deutung und dessen Vermittlung des stellvertretenden Todes Jesu Christi uns nicht erspart, damit es zu keinerlei Missverständnissen führt. Denn es kommt oftmals zu Fehldeutungen, indem die Beziehung zwischen Gott und Mensch einfach umgedreht wird und es entsteht schnell diese mittelalterliche Vorstellung, dass wir Gott geliebt haben oder wie rechtfertige ich mich vor Gott. Vielmehr soll das Verständnis vermittelt werden, dass Gott uns geliebt hat und gesandt hat seinen Sohn zur Sühnung für unsere Sünden (1. Joh. 4,10; Joh. 3,16). Daraus lässt sich auch entnehmen, dass die Liebe Gottes sich gerade im Opfer seines Sohnes zeigt und dass dieses Opfer nötig ist, um die Menschen von der Sünde zu erlösen und aus dem Tod der Gottesferne zu retten zum „ewigen Leben“. Genau diese Heilstat Gottes muss immer wieder diskutiert und auf ihre Originalität hin geprüft werden.

Zunächst einmal sollen noch ein paar Stichpunkte vom alttestamentlichen Sühneopfer erwähnt werden, damit es zu keinerlei Fehldeutung oder Abkoppelung von den jüdischen Wurzeln des Neuen Testaments führt.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass es keinerlei Vorstellungen von einem sühnenden Tod, durch den ein einzelner Mensch stellvertretend Schuld und Strafe für das Volk auf sich nehmen könnte, in Israel und dem Judentum existieren. Wenn man aber in diese Richtung weiterhin fragt, ob es irgendwo Anknüpfungspunkte gibt worin Sühne im Alten Testament zum Ausdruck gebracht wird, dann sind die ersten Stellen in Lev 4 und 5 unumgänglich. Denn in Lev 4 u. 5 werden diese Parallelen erschlossen. Dort, wo vom Sündopfer die Rede ist, von dem es in Israel die Möglichkeit gab, ein Tier stellvertretend für schuldiggewordene Menschen in den Tod zu schicken und so begangene Schuld zu sühnen.2 Die biblische Auffassung von Sühne impliziert die grundsätzliche Vorstellung, dass durch Sühne das Unheil in der menschlichen Gesellschaft bereinigt wird.3 Was in diesem Zusammenhang wichtig zu erwähnen ist, dass nicht Gott sondern die menschliche Gemeinschaft zu ihrer Reinigung und Heilung die Sühne braucht. Besonders dann, wenn diese Gemeinschaft durch gemeinschaftsschädliche Handlungen das Miteinander gestört und vergiftet wird. Die Sühnehandlung kommt dann zum Einsatz oder gewinnt wesentliche Konturen, wenn anschließend in diesem Zusammenhang eben zwischen schädlichem Verhalten (Sünde) und dem daraus sich ergebenden Unheil der Tun- und Ergehens Zusammenhang aufgehoben wird, erfährt es ihre Sühnehandlung.

Des Weiteren schreibt Walter Klaiber, dass es innerhalb des biblischen Denkens, die Schuld und Sünde es sind, die gemeinschaftsschädliche und lebensfeindliche Verfehlungen mit sich tragen. So etwa die giftigen Altlasten, die entsorgt werden müssen. Schuld muss sozusagen „entschuldet“ werden.4 Bei Gebrauch der Sünde geht es vor allem um die Bereitstellung einer Entsühnung, um die Folgen der Sünde von den Menschen abzuwenden und den Weg zu einer heilen Gemeinschaft zu ermöglichen.5 Folglich gibt es entsprechende Sühneriten, wie sie in Lev 4,4.15; 16,21 beschrieben stehen. Es wird von demjenigen einen Opfer herbeigebracht, der seine Hand auf das Opfertier aufstemmen und gleichzeitig eine Identifikation mit diesem Opfertier herstellen. Walter Klaiber beschreibt dieses Geschehen folgendermaßen: „Indem das Tier den Tod dessen stirbt, der sein Leben verwirkt hat, wird das Todesverhängnis von ihm genommen und damit auch die Gemeinschaft vom Verwesungsgift ungesühnter Schuld befreit. Durch das Todesgericht hindurch ist neues Leben möglich“6. Das Tier stirbt zeichenhaft den Tod als Hingabe des Sünders an Gott. Bei diesem Geschehen kommt dem Blutritus eine große Bedeutung zu: „Das Blut gilt als Sitz des Lebens und darum symbolisiert das vergossene Blut des Opfertiers sowohl die stellvertretende Lebenshingabe als auch das Geschenk neuen Lebens in der Begegnung mit Gott („͚Denn das Blut ist die Lebenskraft und erwirkt Sühne͚“ Lev 17,11)“.In diesem erwähnten Blutritus, sprengt der Priester das Blut des mit dem Sünder gleichgesetzten Tieres an den Brandopferaltar oder an den Vorhang vor dem Allerheiligsten bzw. am großen Versöhungstag an das „Sühnmal“ oberhalb der Lade, der Ort der vorgestellten Gegenwart Gottes. Diese Erfahrung kommt vor allem am Versöhnungstag, der in Lev 16 beschrieben wird in Israel zum Ausdruck. Diesem biblischen Ritus vom Sündenbock kommt eine weitere zentrale Bedeutung zu: Es ist eine von Gott gegebene Möglichkeit, die Schuld nicht auf andere abzuwälzen, sondern sie vor Gott abladen und gerade dadurch zu ihr stehen zu können. Zudem kommt es nicht auf das Tun der Menschen oder auf die materiellen Eigenschaften des Bluts innerhalb der Sühnehandlung an. Es soll vielmehr als Symbolhandlung verstanden werden, durch die Gott für Menschen auf erfahrbare Weise das Unheil, das menschliche Schuld in der Gemeinschaft und dem Verhältnis zu Gott verursacht, verarbeitet und beseitigt und so den Weg frei macht für eine erneuerte Gemeinschaft mit ihm. So kommt durch das am Opfertier stellvertretend vollzogene Todesgericht, der Sünder in eine neue, heilvolle Gottesgemeinschaft. Die Sühne soll daher als Geschenk Gottes und nicht Leistung des Menschen verstanden werden. Lev 17,11 bestätigt es, wenn Gott über das Blut und seine sühnende Wirkung sagt: „Ich habe es euch für den ltar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet.“.7 Somit bewirkt das Sühnopfer die Versöhnung des gottfeindlichen Menschen mit Gott.

Walter Klaiber bringt es prägnant zur Sprache, dass es nicht die Werkgerechtigkeit des Menschen ist, die das Heil und Versöhnung mit Gott herstellen, wenn er schreibt: „Es ist Gott, der die Last der Schuld trägt und die Mühe der Verarbeitung ihrer Folgen auf sich nimmt. Opfer und Sühneriten sind Zeichen, die das den Menschen bewusst machen und sie an dem teilhaben lassen, was Gott für sie tut“.8

Zusammenfassend lassen sich folgende Verbindungen von dem Alten Testament her mit Neuem Testament in Sachen Sühneopfer herstellen:

- Perspektiveröffnung für Schuldverarbeitung durch das stellvertretende Leiden und Sterben eines Einzelnen, der bereit war, sich für andere zu Opfern.
- Tief im Alten Testament und im gottesdienstlichen Leben der Zeit verwurzelt ist das Wissen um die Möglichkeit einer stellvertretenden Sühne durch das Opfer eines Tieres. Zwei Wesensmarken kommen dieser Vorstellung hinzu: (1) Schuld und ihre Folgen sind eine Realität, die verarbeitet und bereinigt werden muss. (2) Im Blut der Opfertiere gibt Gott seinem Volk ein wirksames Zeichen: Das durch Schuld verwirkte Leben wird in Gottes Gegenwart gestellt, die tödliche Folgen der Schuld werden getragen und Leben wird neu geschenkt.9
- In ganz neuer Weise wird in Jes. 52,13-53,12 das Leiden und Sterben des Gottesknechts gedeutet: In seinem Geschick nimmt er die Schuld des Volkes mit all ihren Folgen an Lebensstörung („Krankheit“) und Lebenszerstörung („Tod“) auf sich und trägt und bewältigt sie so nach Gottes Willen. Die Beschreibung des Umschlags von dem äußeren nschein seines Todes („von Gott geschlagen“) zur völlig neuen Sicht seines Weges nach seiner Rehabilitierung durch Gott musste die ersten Christen mit ihren Fragen nach dem Verhältnis von Kreuz und Auferstehung besonders Ansprechen. Für sie war weiter wichtig, dass dieser Tod die Grenzen für Gottes rettendes Handeln über Israel hinaus öffnete.10

Es wurde das alttestamentliche Verständnis deshalb so ausführlich aufgeführt, dass man unter der Berücksichtigung des Alten Testaments erkennt, dass Jesu Tod am Kreuz nicht einfach ein sinnloses Verbrechen war. Sondern durch dieses Unrecht was die Menschen ihm antaten, bewältigte Gott das Unrecht und die Schuld der Menschen. Deshalb kommt für die biblische Theologie eine wichtige Aufklärungsdurchführung zu. Besonders dort, wo es um das kultische Verständnis des Sühnopfers geht. Dieses ist stets abzugrenzen von einem juridischen Sühneverständnis, wonach das Sühneopfer als eine Bußhandlung vor und für Gott aufzufassen sei, die auf Vergeltung und Wiedergutmachung ziele.11 Denn in diesem exilisch und nachexilischen Zeitraum, so nach der entstandenen Priesterschrift, hat JHWH der Gott Israels, selbst den Priestern seines Volkes das sühnende Sühnopfer gegeben (3 Mo 10,17; 17,11). Demnach ist es auch nach dem Zeugnis des AT keine Straftat, sondern ein Heilsgeschehen in dem JHWH in seiner Barmherzigkeit dem Menschen die Sühnehandlung ermöglicht. Es geht also nicht um die Besänftigung des göttlichen Zornes, sondern um den Vollzug des von Gott gestifteten Sühneopfers. Die Kurzformel für das atl. Sühneverständnis lautet demnach: Ich (der Mensch) gebe, weil du (Gott) zuvor gegeben hast.12 Des Weiteren wäre nach dem alt. Verständnis zu erwähnen, dass es eine Differenzierung innerhalb der Straftaten, die begründet worden sind stattgefunden hat. Gerade dort, wo der Mensch aufgrund der Sünde seine Existenz vor Gott verwirkt hat. Es wird dann bedeutsam, wenn für die von ihm „mit erhobener Hand“ (4Mo 15,30) d.h. „vorsätzlich“ begangenen Übertretungen

[...]


1 www.pfarrerverband.de. Versöhnung zwischen Gott und Mensch im stellvertretenden Tod Jesu Christi. Von: Prof. Dr. Ulrich Eibach, erschienen im Deutschen Pfarrerblatt, Ausgabe: 3 / 2010, S. 6-7.

2 Vgl., Klaiber, Walter, Jesu Tod und unser Leben, Was das Kreuz bedeutet. S. 46.

3 Vgl., ebd..

4 Vgl., Klaiber, Walter, a.a.O.. S. 50.

5 Vgl., ebd..

6 A.a.O., S.51.

7 Herder, Einheitsübersetzung, 2007 Freiburg.

8 Klaiber, Walter, a.a.O., S. 54.

9 Klaiber, Walter, a.a.O., S. 54-55.

10 Ebd..

11 Rose, Calwer Bibellexikon. Art. Sühne, Sühnopfer, S. 1287.

12 Rose, ebd..

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656940692
ISBN (Buch)
9783656940708
Dateigröße
938 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296102
Institution / Hochschule
Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Reutlingen
Note
2,0
Schlagworte
Sühnetod Jesus Heilsgeschehen Christentum

Autor

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