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Einführung in die Volkskunde/Kulturanthropologie

Kernbegriffe und Kernaussagen

Studienarbeit 2011 7 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Aufgabe:

Reflektieren Sie Ihre Erkenntnisse über Zugänge und Fragestellungen der Volkskunde/Kulturanthropologie anhand zweier von Ihnen selbstständig gewählter Texte zum Themenfeld „Einführung ins Fach“.

Das Vielnamensfach „Volkskunde ist eine Wissenschaft, die sich mit dem alltäglichen Leben breiter Bevölkerungskreise befasst. Ihr Blick richtet sich auf deren kulturellen Äußerungen in Gegenwart und Vergangenheit.“ (Gerndt 1997, S. 25) In Beschränkung auf den europäischen Raum wird analysiert, wie die Menschen arbeiten, ihren Alltag organisieren und Kontakte pflegen, wie sie mit dem natürlichen und kulturellen Erbe umgehen und welches Bild sie sich von diesen Beziehungen selbst machen. Betrachtet wird neben der Volkskultur der vormodernen Zeit auch gegenwärtige Populärkulturen. Konkrete Forschungsfelder sind unter anderem die Alltagskultur und Alltagsgeschichte, der Brauchtum und Rituale, das Kleidungsverhalten, die Erzählkultur und die Gender Studies.

Die Volkskundler Hermann Bausinger und Wolfgang Kaschuba erörtern ihre Erkenntnisse über Zugänge der Volkskunde und beschäftigen sich mit den Kernbegriffen und aktuellen Fragestellungen dieser Wissenschaft, die in dieser Arbeit vergleichend herausgearbeitet werden sollen:

Hermann Bausinger ist ein deutscher Volkskundler und Germanist. Von 1960 bis 1992 war er Professor für Volkskunde an der Universität in Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Untersuchung der Alltagskultur, der Erzählforschung, der Landeskunde und der Kultur- und Sozialgeschichte. Der Text „Neue Felder, neue Aufgaben, neue Methoden“ ist einer von 14 Vorträgen, die im Sammelband „Deutsche Volkskunde – Französische Ethnologie. Zwei Standortbestimmungen“ (Frankfurt/New York, 1987) zusammengetragen wurden. Die Vorträge haben 1984 im Rahmen einer Tagung mit dem Ziel deutscher und französischer Kulturwissenschaften der gegenseitigen Fachvorstellung stattgefunden. In seinem Referat, das den Abschluss der Tagung und auch des Buches darstellt, stellt Hermann Bausinger Thesen auf, wie sich die Volkskunde verändern sollte, um neuen Gegebenheiten gerecht zu werden und vergangene Forschungen zu hinterfragen und auf diesem Weg neue, aus seiner Sicht bessere bzw. nachträglich verbesserte Erkenntnisse zu erlangen.

Wolfgang Kaschuba ist ein deutscher Volkskundler und seit 1992 Professor für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Untersuchung des Alltags und der Kultur in der europäischen Moderne, in nationalen und ethnischen Identitäten, in der Stadt- und Metropolforschung, sowie der Wissens- und Wissenschaftsgeschichte. In seinem wissenschaftlichen Einführungstext “Einführung in die Europäische Ethnologie” (2003) bietet er den Lesern einen Überblick über die Geschichte der Volkskunde, vermittelt und diskutiert Begriffe und Theorien des Fachs und stellt wichtige Felder und Methoden ethnologischer Forschung vor. Im 1. Unterkapitel “Perspektiven: Kultur und Alltag” des 2. Kapitels “Begriffe und Theorien” setzt Kaschuba sich mit Theorien volkskundlicher und sozialwissenschaftlicher Vertreter, Fragestellungen, Methoden und Betrachtungen der vergangenen und gegenwärtigen Volkskunde auseinander. Er fordert vor allem die verstärkte Auseinandersetzung in der Alltagskulturforschung mit den sozialen Problemzonen der modernen Gesellschaft

Hermann Bausinger und Wolfgang Kaschuba kritisieren in ihren Aufsätzen die alten Sichtweisen und Probleme in der Forschungstradition der alten Volkskunde. Als ein Leitbegriff wissenschaftlicher Analysen hat man versucht, den Begriff “Kultur” zu definieren. Kaschuba warnt vor der “Vieldeutigkeit des Begriffs [Kultur] und die immer wieder sichtbare Tendenz, kurzerhand alles zur „Kultur” zu erklären, auch als die zentrale Gefahr für das Profil des Faches [Volkskunde]”. (Kaschuba 2003, S. 116) Denn den Begriff “Kultur” zu definieren, erweist sich als schwierig und ist auf theoretischer Ebene nicht fassbar, sondern nur hinreichend erläuterbar. Kaschuba verlangt deshalb die Einsicht, dass Definitionsversuche von Kultur ebensowenig Sinn machen, wie 'Psyche' in der Psychologie. (vgl. Kaschuba 2003, S. 122) Der Kulturbegriff soll als Methode dienen, die Gesellschaft zu erklären und zu verstehen, anstatt nach der Bedeutung des Begriffes zu suchen. (vgl. Kaschuba 2003, S. 124) Bausinger kritisiert hingegen die alte Forschungstradition in der Volkskunde, Kulturelemente einer eng zusammengehörigen Gruppe aufzusuchen und festzuhalten. Die produzierten, beständigen Kulturgüter würden jeweils die Gruppe definieren. (vgl. Bausinger 1987, S. 331) “Es liegt heute auf der Hand, dass diese Auffassung schon an den historischen Formen der Volkskultur vorbeizielte. Vor allem aber zeigt ein unbefangener Blick in die Gegenwart, daß dieser (...) Bezug zwischen einheitlichen Gruppen und den von ihnen hervorgebrachten (...) Kulturgütern nicht der Wirklichkeit entspricht.” (Bausinger 1987, S. 331) Die gegenwärtige Kultur hochkomplexer Gesellschaften befindet sich im Wandel und fordert neue methodische Zugänge, um die internen Strukturen und Konstellationen aufzuzeigen und zu definieren. Laut Bausinger hat die Volkskunde lange Zeit mit Verallgemeinerungen gearbeitet, genauer, indem sie Ergebnisse einzelner Erforschungen auf große Zusammenhänge projiziert hat, dieses führten allerdings nicht zu zufriedenstellenden Ergebnissen. Für die Forschungsarbeit verschiedener Felder in der Volkskunde fordert Bausinger eine höchstdifferenzierte Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Forschungsgegenstand, in der dieser in das Gesamtgefüge eingeordnet wird und mit subjektiven Eindrücken verknüpft werden sollte. Anschließend kann er in einen größeren Kontext eingebettet werden, wenn dieser nicht als Einheit sondern als heterogene Zusammensetzung verstanden wird, die sich aufgrund des Wandels stetig ändert. Dieser Wandel ist eine Folge der Verdichtung und engeren Vernetzung der Welt, die komplexere Gebilde schafft, da Spannungen überbrückt werden müssen. (vgl. Bausingers 1987, Methodische Folgerungen S. 337-341)

Ein weiterer Aspekt, mit denen sich Kaschuba und Bausinger in ihren Texten auseinander setzen, ist die Charakeristik der Kulturforschung bzw. die Alltagskulturforschung. Der Alltag spielt in der Kulturforschung deshalb eine so große Rolle, weil unauffällige Gegebenheiten und wenig reflektierte Vorgänge in der Wissenschaft auffällig geworden sind und man erkannt hat, wie tief der Alltag in die Formen und Strukturen kultureller Prägung hineinreichen. (vgl. Bausinger 1987, S. 329-330) Anhand seines Beispiels der Urlauber an einem Strandabschnitt an der Atlantikküste schlussfolgert er, dass die gesamte Gruppe an Urlaubern eine Unbeständige ist, es sich nämlich eher um aktualisierte Gruppierungen handelt, deren Konstellationen und Binnenstrukturen sich ähnlich herausbilden. Das Feld, was hier untersucht werden soll, ist ein komplexes Gefüge aus subjektiven Erfahrungsräumen, die von den Kleingruppen in der Gesamtgruppe geschaffen werden. (vgl. Bausinger 1987, S. 330) Die verschiedenen Gruppen werden mit den Verhaltensstrukturen der Anderen konfrontiert und stehen unter dem “(...) Zwang, vorgegebene Attitüde und Verhaltenszumutungen auszubalancieren.” (Bausinger 1987, S. 330) Dabei können sich die unterschiedlichen Verhaltensformen ändern, indem man sich anpasst oder auf die Änderungen verzichtet. Traditionen, so Bausinger, befinden sich immer in Transformation, selbst wenn man auf eine Änderung oder Anpassung verzichtet, so ist auch das nicht-ändern eine Antwort auf die neuen Konstellationen. (vgl. Bausinger 1987, S. 330) Diese Gegebenheiten sind in der Kulturforschung auffällig geworden und fordern verstärkte Erforschungen von der Volkskunde. Der Alltagsbegriff, so Kaschuba, ist ebenso wie der Kulturbegriff schwierig und vorsichtig zu deuten. Unter Alltag wird die Lebenswelt verstanden, in der “materielle Bedingungen und institutionelle Ordnungen des Lebens mit dessen individuellen Wahrnehmungen und Deutungsweisen” verbunden werden. (Kaschuba 2003, S. 126) Die alltägliche Lebenswelt ist vom Menschen bestimmbar und wird neben ihm auch beeinflusst von den “(...) großen Strukturen wie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft (...).” (Kaschuba 2003, S. 126) “Der Alltag soll verstanden werden als ein Modell historisch geprägter Erfahrungsräume und Erfahrungsweisen, in dem sich jene geschichtlich wie lebensgeschichtlichen Formen sozialer Wahrnehmung und sozialen Wissens erfassen lassen.” (Kaschuba 2003, S. 127) Der Alltag habe auch Einfluss auf “gesamtgesellschaftliche Wandlungsprozesse” (Kaschuba 2003, S. 127), die in ihn zusammenlaufen, durch ihn interpretiert, verarbeitet und leb-bar gemacht werden. Kurz: Der Alltag ist die alltägliche Lebenswelt, den der Mensch schafft und in der er sich bewegt. Die Kulturforschung dient dazu, die Gesellschaft zu erklären und die Lebensbewältigung rasch wechselnder Situationen aufzuzeigen und kulturelle Phänomene nach Sinn und symbolischen Gehalt zu untersuchen.

Als zentrale Felder der gegenwärtigen Alltags- und Kuturforschung haben sich die sozialen Problemzonen, wie die Erfahrungsgeschichte des Nationalsozialismus und der Frauen- und Geschlechtergeschichte, aber auch die Erforschung der Subkulturen, wie die Jugendkultur, Migranten und Alternativbewegungen erwiesen. Hermann Bausinger stellte in seinem Referat fest, dass sich Wandlungen der Kulturen in Struktur und Konstellation besonders deutlich in den Feldern der Jugendkultur abzeichnen. Kulturelles Verhalten vollzieht sich in Bezugsgruppen, aber in Auseinandersetzung mitgebrachter Traditionen mit vielfältigen und wechselnden Zumutungen in einem nicht fest begrenzten Aktionsradius. (vgl. Bausinger 1987, S. 332) Die gegenwärtige Kulturforschung fragt nach "alternativen und oppositionellen Kulturpraxen, nach sozialen Gruppen und Lebensweisen, die gegen den Strom zivilisatorischer Prozesse und bürgerlicher Lebensstile eigene, „andere“ Sinngebungen und Formen sozialer wie politischer Praxis zu behaupten versuchen.“ (Kaschuba 2003, S. 121) Das Hauptaugenmerk in dieser neuen Forschungsrichtung liegt stärker auf Praktiken der kulturellen Selbstdarstellung und Abgrenzung von Sozial- und Altersgruppen. Untersucht wird, "wie sich soziale Gruppen in Geschichte und Gegenwart selbst (...) wahrnehmen und darstellen.“ (Kaschuba 2003, S. 122) In Diskussionen der Ausländerprobleme wird auch heutzutage noch oft vom Zusammenstoß verschiedener Kulturen oder Kulturkonflikten gesprochen. Diese Begriffe leiten sich aus den unterschiedlichen Verhaltensweisen, der Abstammung aus einem anderen kulturellen Umfeld, den Kommunikationsweisen, differentiellen Glaubensvorstellungen und moralischen Prinzipien ab. Es erweist sich allerdings als trügerisch von Zusammenstößen verschiedener Kulturen zu sprechen, ohne ihre sozialen Ursachen zurück zu verfolgen. Es gibt keine einheitliche „deutsche“ Kultur, und auch keine in sich geschlossene „türkische“ Kultur, da es auch innerhalb der Kultur einer Gesellschaft kulturelle Spannungsverhältnisse gibt. (vgl. Bausinger 1987, S. 333) Die frühere Volkskunde hat bei der Erforschung einer (Volks-)Kultur den Fehler gemacht, immer von Einheitsvorstellungen auszugehen, anstatt einen tieferen Blick auf die unauffälligen Gegebenheiten zu richten, deren Erforschung zu der Erkenntnis führt, wie komplex und vielschichtig der Charakter einer Volkskultur sein kann. (vgl. Bausinger 1987, S. 333) Bevor man also von Kulturkonflikt und Kulturschock einander gegenübergestellten Kulturen sprechen kann, sollte man die Unterschiede und Konflikte der nationalen Kulturen aufweisen. Die Forschungen zu den sozialen Problemzonen "suchen bewusst jene Konfliktfelder auf, in denen immer wieder um die politischen Bedingungen und sozialen Deutungen von „Menschlichkeit“ gekämpft wird.“ (Kaschuba 2003, S. 131) Die Erforschung zweier Themenbereiche hat vermehrt in den letzten Jahren Anklang gefunden: Zum einen die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und die Frauen- und Geschlechtergeschichte. Die Forschungsergebnisse "haben wesentlich zur heutigen Erkenntnis beigetragen, wie nachhaltig (...) Erfahrungsdimensionen unsere gesamte Geschichte und Gegenwart prägen.“ (Kaschuba 2003, S. 131) Soll heißen: Die Ereignisse der Vergangenheit spielen eine wesentliche Rolle in den Handlungsweisen der heutigen Alltagswelt, sie haben uns verändert und beeinflussen unser kulturelles Handeln und Denken heute. Vorallem die neuen Perspektiven der Gegenwart bringen immer neue Erkenntnisse und einen Forschritt in der Erforschung historischer Volkskultur und historischem Volkslebens.

Zusammenfassend prangert Hermann Bausinger in seinem Aufsatz die alten Forschungstraditionen der Volkskunde an und fordert das Abwenden von Einheitsvorstellungen hin zu differenzierter Erforschung volkskundlicher Felder. Er stellt die von vielen Stellen geforderte oder geförderte Leitidentität (Bausinger: „Kulturelle Identität“) als unrealistisch dar, da diese grundsätzlich nur eine Art Mittelwert der bestehenden, vielschichtigen und widersprüchlichen Identitäten darstellen und so dieser Masse nicht gerecht werden kann und somit ausgrenzt. Er verlangt aufgrund der durch die Komplexität entstandene, vermeintliche Unübersichtlichkeit nach weiterer und verstärkter Erforschung dieser durch die Volkskunde. Wolfgang Kaschuba fordert ebenfalls für die Volkskunde der Gegenwart eine kritische Auseinandersetzung und distanzierte Beleuchtung der praktizierenden Kultur- und Politikauffassungen. Kultur und Gesellschaft, Gesellschaftspraxis und Wissenschaftspraxis sind eng ineinander verwoben. Den Kultur- und Alltagsbegriff mit der Alltagskultur des Menschen zu verbinden, ist eine hohe theoretische und methodologische Herausforderung, die sich WissenschaftlerInnen heutzutage stellen müssen.

Sekundärliteratur:

Bausinger, Hermann: Neue Felder, neue Aufgaben, neue Methoden. In: Chiva, Isaac; Jeggle Utz (Hg.): Deutsche Volkskunde - Französische Ethnologie. Zwei Standortbestimmungen. Frankfurt/Main, New York 1987, S. 326 – 344.

Gerndt, Helge: Studienskript Volkskunde. Eine Handreichung für Studierende. 3. Auflage, Münster/New York/München/Berlin: Waxmann 1997, Kap. “Grundkurse”, S. 25.

Kaschuba, Wolfgang: Einführung in die europäische Ethnologie. 2. aktualisierte Auflage München 2003, Kap. “Begriffe und Theorien”, S. 115-132.

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Details

Seiten
7
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656939252
ISBN (Buch)
9783656939269
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v296009
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Geisteswissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Volkskunde Kulturanthropologie Kernbegriffe Kernaussagen Einführung

Autor

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