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Zur Thematik der Dichtung Innokentij Annenskijs

Der Begriff und das Bild vom Leben in seiner Lyrik

Masterarbeit 2014 77 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Einblick in die Themen der Dichtung Annenskijs

3. Der Begriff und das Bild vom „Leben“ in Annenskijs Dichtung
3.1 Das qualvolle Leben
3.2 Das kostbare Leben – Zwiespalt zwischen Verschwendung und Enttäuschung
3.3 Das mechanische Leben
3.4 Das Leben in Grenzsituationen
3.5 Der allgegenwärtige Tod im Leben
3.6 Das Leben nach dem Tod

4. Schlussfolgerung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die russische Literatur ist zum Anfang des 20. Jahrhunderts sehr vielfältig. Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts beginnt weltweit eine neue literarische Epoche nach französischem Vorbild.[1] Für den russischen Symbolismus ist die griechisch-römische Antike eine wichtige Grundlage, bei der „die Symbolisten den Mythos als Rückkehr zum Ursprung und zur Urerfahrung der Menschheit“[2] verwenden. Innokentij Annenskij wird erstmals als Übersetzer bekannt, der zunächst die Dramen des Euripides für seinen modernen Leser verständlich machen möchte.[3] Seine dichterische Seite bleibt nur einem kleinen Kreis der Dichter vorbehalten. Auch die erste und einzige Gedichtsammlung zu seinen Lebzeiten wird unter dem Pseudonym „Ник. Т-о“ herausgebracht: „eine Anspielung auf das homerische »Outis«, mit dem Odysseus sich dem Zyklopen Polyphem vorstellte.“[4] Der Autor möchte damit die Aufmerksamkeit der Leser auf die Dichtung lenken und nicht auf die Person, die diese Sammlung erschaffen hat.

Seine Zeitgenossen können sich zu seinen Lebzeiten kein vollständiges Bild über seine Dichtung machen, denn seine zweite Gedichtsammlung wird nicht vor seinem Tod herausgebracht. Der Inhalt dieses Buches komplettiert seine Lyrik und ihre Thematik.[5] So entsteht eine Theorie der Symbolisten, wie zum Beispiel Vladislav Chodasevič oder Vjačeslav Ivanov, das Annenskij die übersinnliche Vollständigkeit des Lebens nicht sehen kann und deshalb kein Gefühl für das menschliche Leben hat.[6] Aber auch wenn sehr viele Gedichte bei Annenskij mit der Darstellung des Todes enden, bedeutet dies nicht, dass er im Leben keinen Sinn sieht. Die Künste sind ein untrennbarer Teil des Lebens für ihn, denen er viel Zeit widmen möchte. In einem Brief an seine Frau schreibt er während einer Reise, dass es ihm sehr leid tut, wie wenig Zeit er sich für die schönen Sachen nehmen kann, denn der hektische Alltag lässt dies nicht zu. Somit entsteht das Gefühl bei ihm, dass sein Leben nicht ausgefüllt wird:

„Монументы, церкви, картины – все это обогащает ум. Я чувствую, что стал сознательнее относиться к искусству, ценить то, что прежде не понимал. Но я не чувствую полноты жизни. В этой суете нет счастья. Как несчастный, осужденный всю жизнь искать голубого цветка, я, вероятно, нигде и никогда не найду того мгновенья, которому бы можно сказать: «остановись – ты прекрасно».[7]

Anhand dieser Passage kann man erkennen, wie widersprüchlich seine Wahrnehmung vom Leben ist. Auf der einen Seite versteht er, wie wichtig die Betrachtung der Kunst ist, auf der anderen Seite glaubt er nicht daran, dass er einen Moment finden könnte, den er als wunderschön empfindet. Weiterhin schreibt er, dass er sich immer und überall langweilt: „[…] и все-таки ты знаешь, что я всегда и везде томлюсь.“[8]

Das Zitat aus dem Brief zeigt seine Einstellung zum Leben, die keine Eindeutigkeit besitzt. Auch seine Dichtung weist keine eindeutige Thematik auf. Man findet in seinen Gedichten viele unterschiedliche Themen, wie zum Beispiel „Tragische Existenz der Menschen“, „Glücksuche“, „Gegenüberstellung vom Mensch und Dichter“, „Darstellung der Natur“, „Liebe“, „Schlechtes Gewissen gegenüber der Gesellschaft“, „Bedeutung der Kunst“, aber auch „Verarbeitung unterschiedlicher Philosophien“. In der vorliegenden Arbeit wird der Akzent auf den Begriff und das Bild vom Leben gelegt. Als Ziel hat diese Arbeit die verschiedenen Darstellungen vom Leben in der Lyrik Annenskijs herauszuarbeiten. Bei der Analyse des menschlichen Daseins soll nicht das Thema „Tod“ als Ausgangspunkt gelten, wie es in der Sekundärliteratur oft gemacht wird. Bevor hier die Hauptthematik dieser Arbeit beginnt, soll ein Einblick in seine Themen gegeben werden, wobei auf den Kontext der Epoche geachtet wird.

2. Einblick in die Themen der Dichtung Annenskijs

Innokentij Annenskijs Werke werden zur Epoche des russischen Symbolismus gezählt. Sehr oft wird diese Zuordnung mit der Zeit, in der er gelebt hat (1855-1909), verbunden. Der russische Symbolismus wird in zwei Generationen aufgeteilt, die Ältere und die Jüngere. Bei beiden Generationen liegt die Weltvorstellung zu Grunde, die zur Platonischen Lehre zurückführt, welche die Welt in real (physisch) und ideal (metaphysisch) unterteilt.[9] Für die ältere Generation der Symbolisten ist die ideale Welt eine Fantasie, die nur durch die Kunst erreicht werden kann: „Для старших символистов иной мир – это некая данность, постичь которую можно лишь при помощи искусства.“[10] Die jüngeren Symbolisten behaupten, dass die ideale Welt im Gegensatz zur Realen näher an der Wirklichkeit ist: „Младшие символисты, ощущают себя теургами, призванными творить иные миры, воспринимают их не просто как царство фантазии, а как некую реальность более истинную по сравнению с феноменальным миром.“[11] Da Annenskij älter „als manche Vorläufer des russischen Symbolismus“[12] ist, kann man ihn der älteren Generation der Symbolisten zuordnen. Aber seine erste Gedichtsammlung „Тихие песни“ erschien erst 1904. Aus diesem Grund betrachten seine Zeitgenossen, das heißt die jüngeren Symbolisten, seine Poesie, die eines unerfahrenen Dichters beziehungsweise die keines großen Dichters. So beschreibt zum Beispiel der Dichter des russischen Symbolismus Valerij Brjusov Annenskijs Gedichtsammlung „Тихие песни“: „Это еще не поэзия, но уже предчувствие поэзии, обещание ее.“[13] Er gesteht Annenskij jedoch die gelegentliche Verwendung neuer nicht banaler Motive zu, allerdings soll nach seiner Ansicht der Autor von „Тихие песни“ noch weiter an sich arbeiten[14], um ein echter Poet zu werden. Im Gegensatz dazu schreibt Alexander Blok, „größter Dichter der russischen Symbolisten, deren >zweiten Generation< er angehörte“[15], in einer kurzen Rezension zu Annenskijs Gedichtsammlung, dass dieser ein dichterisches Feingefühl besitzt: „Большая часть стихов г. Ник. Т-о носит на себе печать хрупкой тонкости и настоящего поэтического чутья, несмотря на наивное безвкусие некоторых строк и декадентские излишества, которые этот поэт себе позволяет“.[16] Jedoch hat Annenskij gemäß Bloks Meinung zu viele Merkmale der Dekadenz in seinen Gedichten. Leider wird von seinen Zeitgenossen nicht erkannt, dass Annenskij nicht nur die französische Poesie verarbeitet, sondern vereinigt auch andere Richtungen in seiner Dichtung. Deswegen kann man Annenskij „weder ganz zu den Symbolisten zählen, noch ihn als blossen Mitläufer bezeichnen.“[17] Er war ein selbständiger Dichter, der nicht um Ruhm kämpft, sondern alles aufmerksam beobachtet[18]: „er stand „ausserhalb“, wusste aber sehr genau, was „drinnen“ vorging“.[19]

Annenskij schreibt in seinem Essay „über den künstlerischen Idealismus Nikolaj Gogol’s“[20]: „Нас окружают и, вероятно, составляют два мира: мир вещей и мир идей.“[21] Seit seinem Studium beschäftigt sich Annenskij mit der Antikliteratur. Daher kann man sagen, dass er sich der Idee des Dualismus „zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt“[22] bedient, was ihn den russischen Symbolisten annähert. Im Gegensatz zu den meisten Symbolisten ist für Annenskij diese Vorstellung nicht unbedingt abgeschlossen. Er stellt die Existenz der Ideenwelt immer wieder in Frage. Dieser Aspekt wird in der vorliegenden Arbeit im Kapitel 3.6 beleuchtet.

Annenskij sieht die Idee des Weltdualismus zwar als Grundlage, entwickelt diese jedoch weiter: „[…] Анненский меняет аксиологические акценты, и, взрывая символизм изнутри, предвосхищает акмеистическую систему онтологических ценностей.“[23] Insbesondere sieht man dies an seiner zweiten Gedichtsammlung, die erst nach seinem Tod (1910) mithilfe seines Sohnes Valentin Krivič[24] veröffentlicht wird. Der Unterschied zu den Symbolisten wird an der Beschreibung des Himmels gezeigt, denn der Himmel ist bei Annenskij leer, tödlich oder verbrannt, was für die symbolistische Poesie nicht üblich ist.[25]

[…]

На твоем линяло-ветхом небе

Желтых туч томит меня развод.

[…]

(Ты опять со мной, S. 91[26] )

In diesen zwei Versen zeigt sich, wie Annenskij den Himmel als farblos, alt, gebrechlich und abgenutzt charakterisiert.[27] Dabei fällt zusätzlich auf, dass die Wolken die Farbe Gelb haben, was nach symbolischer Charakteristik verdeutlicht, dass die Wolken krank sind. Dies könnte man aus der Wortfamilie „gelb“ (желтый), zu der auch das Wort „Galle“ (желчь) gehört, herleiten.[28] „Nach altem Glauben sitzt der Ärger in der Galle. […] Wer sich viel ärgert, wird gallenkrank. Bei starkem Ärger verkrampfen sich die Gallenwege, die Galle kann nicht mehr über den Darm abgeführt werden, sie tritt direkt ins Blut, die Haut wird gelb.“[29] Hinzu kommt, dass das lyrische Ich selbst vom Auflösen dieser kranken Wolken gequält wird.

In einem anderen Beispiel wird die Sonne, die auch als Lebensenergiespender gesehen wird und von der das ganze Leben auf der Erde abhängt, als tödlich bezeichnet:

[…]

И по мертвом солнце в небе

Стонет раненая медь.

[…]

(Офорт, S.120)

In den Arbeiten von Ljubov’ Kichnej und Ljubov’ Kichneij & Natalija Tkačeva werden weitere Beispiele genannt[30], in denen der Himmel keine typischen Darstellungen des russischen Symbolismus aufweist. Dies nähert Annenskij den Akmeisten an, bei denen der Himmel auch eine ebenfalls negative Konnotation bekommt. Zu den spezifischen Merkmalen der akmeistischen Poesie wird die entwickelte Poetik der kulturellen Rezeption gezählt[31]: „Однако, определение акмеизма как «тоски по мировой культуре» предполагает нахождение механизма переноса текстов чужой культуры на русскую культурную почву“[32]. Innokentij Annenskij beschäftigt sich sehr ausführlich mit der Antikliteratur sowie -philosophie und glaubt fest daran, dass der Hellenismus die Wiedergeburt auf russischem Boden erleben wird, weil die russische Sprache dafür feinfühlig sei.[33] Die griechische Lebenseinstellung greift „auf Goethe als Vorbild“[34] zurück. Die kommentierte Übersetzung der Tragödien von Euripides wurde zum Ziel von Annenskijs Lebens.[35] Der Dichter Osip Mandel’štam, der sich zu den Akmeisten zählt[36], schreibt:

„Всю мировую поэзию Анненский воспринимал как сноп лучей, брошенный Элладой. Он знал расстояние, чувствовал его пафос и холод и никогда не сближал внешне русского и эллинского Мира. Урок творчества Анненского для русской поэзии – не эллинизация, а внутренний эллинизм, адекватный духу русского языка, так сказать домашний эллинизм.“[37]

Annenskij nimmt den Hellenismus als Grundlage und macht diesen – wie Mandel’štam sagt – zu einem „häuslichen“ Text.[38] Im Gegensatz dazu behauptet Vjačeslav Ivanov, der „zur 2. Generation der russischen Symbolisten gehört“[39], dass Annenskij zu Euripidesʼ Nachfolger und Nachahmer geworden ist. Seine Begründung liegt darin, dass Annenskij vier Dramentitel von Euripides übernimmt und daraus Eigene gestaltet.[40] Jedoch bedeutet Annenskijs Zuwendung zu historischen literarischen Werken nicht, dass er diese nur nachzuahmen versucht. Vielmehr verbindet er die vorhandenen Themen der Werke mit modernen Richtungen der Literatur und Philosophie seiner Zeit: „Он трактовал античный сюжет в античных схемах, но, вероятно, в его пьесе отразилась душа современного человека. Это душа столь же несоизмерима классической древности, столь жадно ищет тусклых лучей, завещанных нам античной красотою.“[41]

Die lange, intensive Beschäftigung mit der Antikliteratur und -philosophie[42] weckt bei ihm das Interesse an der Philosophie Nietzsches.[43] „Die Nietzscherezeption in Rußland hob bereits in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts an und war von Anfang an gekennzeichnet durch eine sehr kontroverse Auseinandersetzung mit den Ideen des deutschen Dichterphilosophen.“[44] In „Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ beschäftigt sich Nietzsche „mit zwei Ursprüngen der Kultur, dem dionysischen und dem apollinischen Prinzip.“[45] Diese zwei Prinzipien stellt er gegenüber.[46] Gemäß Nietzsche ist die Musik die höchste Art der Kunst, als dessen Gottheit Dionysos gilt.[47] Die Musik erlaubt dem Menschen nicht nur eine Verbindung mit einem Anderen einzugehen, sondern „сама отчужденная, враждебная или порабощенная природа снова празднует праздник примирения со своим блудным сыном – человеком.“[48] Dieses Motiv liegt bei Annenskij in „Тихие песни“ in „ Первый фортепьянный сонет “ (S. 67) sowie in „ Второй фортепьянный сонет “ (S. 81) zu Grunde.[49] Für Innokentij Annenskij ist dieses Motiv sehr wichtig, aber er interessiert sich „weniger für die Musik, welche im Konzertsaal zu hören ist, […] als vielmehr für das Musikalische, die Musik an sich.“[50] Der musikalische Moment in der Dichtung nähert Annenskij wiederum den Symbolisten an, weil dieses Motiv bei französischen sowie bei russischen Symbolisten sehr ausgeprägt ist.[51]

Wie es bereits Alexander Blok anmerkt, sind für Annenskij die französischen Symbolisten ein weiteres Thema, mit dem er sich auseinandersetzt. Da er sehr viele Sprachen kannte, belässt er die für ihn moderne Dichtung im Original und übersetzt diese ins Russische. Durch seine Übersetzungen macht er die Texte der französischen Modernisten zugänglich, die später die Impulse für die Entwicklung der akmeistischen Poetik geben.[52] In der Dichtung von Paul Verlaine, Arthur Rimbaud, Stéphane Mallarmé und anderen sieht Annenskij neue dichterische Züge, „инновационные принципы воплощения картины сознания.“[53] „Die französischen Parnassiens und Décadents waren ihm nicht nur Übersetzungsvorlagen, sondern auch Vorbild für die eigene dichterische Produktion.“[54] Die russische-französische Übersetzerin Helene Henry-Safier zeigt im Aufsatz „Стихи в стихах: „О трилистнике шуточном“ Иннокентия Анненского“ (2009), wie unter dem Einfluss von Mallarmé und Verlaine das Gedicht „ Перебой ритма “ (S. 133) geschrieben wird.[55] Allerdings Annenskij ist kein französischer Dekadent, der auf Russisch schreibt[56]:

„У него именно живой разговорный язык […]. […] в языке Анненского-лирика нет тех броских «изысков», которыми любили щегольнуть иные из его знаменитых современников – нет ни особых нарочитых сложностей или непонятных архаизмов. Сами [sic] заглавия его лирических сборников – «Тихие песни», «Кипарисовый ларец» […] – выделялись скромностью и как бы домашней простотой.“[57]

Annenskij fängt an mit der russischen Sprache zu experimentieren, was die nachfolgende Generation vermehrt fortsetzen wird. Somit kann man argumentieren, dass Innokentij Annenskij nicht nur als Vorbild für den Dichter Boris Pasternak[58] und die Akmeisten Anna Achmatova, Osip Mandel’štam und Nikolaj Gumilėv, sondern auch für den russischen Futuristen Velimir Chlebnikov[59] und den Dichter Vladimir Majakovskij[60] benannt werden kann. Anna Achmatova vergleicht das Gedicht „ Шарики детские “ mit Majakovskijs Rede in „Satirikon“ und das Gedicht „ Колокольчики “ mit der ganzen Dichtung von Chlebnikov.[61] Die Dichterin ist der Meinung, dass die neue Generation, zu der auch sie sich selbst zählt, aus der Dichtung von Annenskij „erwächst“[62]:

„ – Вы считаете Анненского своим учителем?

– И не только я. Иннокентий Анненский не потому учитель Пастернака, Мандельштама и Гумилева, что они ему подражали, – нет, о подражание не может идти речи. Но названные поэты уже „содержались“ в Анненском.“[63]

Annenskij steht als Dichter zwischen dem Symbolismus, dem Akmeismus sowie dem Futurismus, deren Vertreter von sich behaupten, nichts Gemeinsames zu haben. Seine Dichtung vereint alle diese literarischen Tendenzen, obwohl Innokentij Annenskij sich selbst zu den Symbolisten zählt. Aber er definiert für sich die Bedeutung eines Symbolisten anders als seine zeitgenössischen Dichter. Ein Symbolist ist für ihn nicht derjenige, der sich zwingt, die wahre und ausschließliche Kraft eines Wortes zu vergessen und in der Mitte zwischen der realen und irrealen Welt zu stehen, sondern derjenige, der versucht den ständigen Wechsel zwischen diesen beiden Welten auszudrücken:

„Символистами справедливее всего называть, по-моему, тех поэтов, которые не столько заботятся о выражении я или изображении не-я, как стараются усвоить и отразить их вечно сменяющиеся взаимоположения.“[64]

Deshalb sind die ersten, die sich in seine Poesie verlieben, die Akmeisten: „[…] несколько молодых людей, - преимущественно поэтов, […], подлинно влюбились в стихи Анненского, оказались заворожены, загипнотизированы ими, бредили ими, ничего не могли после них читать.“[65] Sie sehen in ihm nicht nur den Träger einer einzigartigen dichterischen Begabung, sondern einen Künstler mit einem kreativen Leben, in dem er seine wesentliche Aufgabe löst, die neuen Möglichkeiten des poetischen Wortes zu bestimmen.[66] Das poetische Wort muss nicht immer mit der Wortbedeutung an sich übereinstimmen. Die Bedeutung des poetischen Wortes soll den Gedanken und die Erkenntnis des Menschen reizen.[67] Innokentij Annenskij entwickelt die Ideen der klassischen Dichter des 19. Jahrhunderts Michail Lermantov und Fėdor Tjutčev weiter, in denen definiert ist, dass die Schönheit eines Wortes nicht in seiner Bedeutung, sondern in seinem Klang liegen müsse.[68] Die Poesie bekommt bei ihm einen neuen Stellenwert, in dem sie zum Vermittler zwischen zwei Welten (Real- und Ideenwelt) wird.[69] Hierzu schreibt Literaturkritikerin Lidija Ginzburg:

„Он [Анненский – V.P.-J.] […] выходил из границ символизма и декадентства. В его творчестве есть черты, сближающие его с русской психологической литературой XIX века, и есть черты, как-то предвосхищающие дальнейшее развитие русской лирики.“[70].

Allgemein lässt sich sagen, dass Annenskij die Position zwischen dem Symbolismus und Akmeismus, sowie auch die Position zwischen dem Realismus und Symbolismus einnimmt. Seine Lyrik gilt als eine große Zusammenfassung der Literatur und Philosophie für die kommenden Generationen. In seinen Arbeiten finden die Antikliteratur, die französische Literatur des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, aber auch die Elemente der Dichtung Puškins einen Platz, und helfen ihm seine innersten Gedanken wiederzugeben.[71] Aus diesem Grund bezeichnet Lidija Ginzburg in ihrem Artikel „Вещный мир“ dessen Dichtung als „psychologischen Symbolismus“:

„Во второй половине XIX века психологический метод не только господствовал в литературе […]. Напряженным интересом к психологизму – Анненский человек XIX века. Но конец XIX и начало XX века ознаменовались новыми веяниями, захватившими Анненского. […] В сознании Анненского символизм, вообще „модернизм“ встретился с глубоко усвоенные опытом социально-психологической литературы. В поэтическом творчестве Анненского это скрещение принесло своеобразный плод – метод, который, скорее всего можно назвать психологическим символизмом.“[72]

Weiterhin verbindet Innokentij Annenskij mithilfe seiner Dichtung nicht nur „gehende“ und „kommende“ literarische Tendenzen. Man kann ihn auch als Vordenker der neuen Philosophien bezeichnen. In seiner Poesie sind die Tendenzen der Philosophien zu finden, die erst später im 20. Jahrhundert entwickelt werden, so wie zum Beispiel die Existenzphilosophie.[73] Diese Philosophie setzt sich mit der Problematik der Existenz der Menschen auseinander, wobei das menschliche Dasein als einsam und hoffnungslos betrachtet wird.[74]

In den letzten Jahren wird seine Dichtung immer mehr im Kontext der Epoche betrachtet, wobei seine Poesie in Verbindung mit Nietzsches und Schopenhauers Philosophien sowie mit den Platonischen Ideen gebracht wird.[75] Aber Annenskij setzt keine Philosophie zu einhundert Prozent um. In seiner Dichtung befindet sich eine sehr große Vielfalt an Themen: „Was ist das Dasein? Was ist der Tod? Gibt es eine Ideenwelt? Was bedeutet „Schönheit“, „Liebe“ und „Zeit“? Warum ist das Leben nicht perfekt, so wie wir es uns wünschen?[76] „Картина мира поэта“[77] – ist die Summe von philosophischen sowie ethischen Ideen seiner Zeit.[78] Annenskij beobachtet das Leben und die Menschen, analysiert sie und erstellt ein psychologisches Bild: „Анненский зорко вглядывался в действительность, не замыкался от нее и чутко откликался на впечатления от увиденного и услышанного - в повседневном ли быту, на улице ли, в деревне ли, в дороге ли во время поездок по России.“[79] Das Leben und die Poesie betrachtet Annenskij in Verbindung zueinander, möchte aber, anders als dies seine Zeitgenossen tun, die Grenze dazwischen nicht auflösen.[80] In seinen Gedichten sucht das lyrische Ich seine erlebenden Emotionen in kleinen Details der realen Welt. Dabei befinden sich die Symbole für menschliche Emotionen nicht in der Ideenwelt, anders als bei den meisten Symbolisten, sondern sind reale Objekte des Lebens, wie zum Beispiel im Gedicht „ Прерывистые строки “, wobei jedes Detail im Zimmer an die geliebte Dame erinnert:

[…]

Ну-с, проводил на поезд,

Вернулся, и solo, да!

Здесь был ее кольчатый пояс,

Брошка лежала – звезда,

Вечно открытая сумочка

Без замка,

И, так бесконечно мягка,

В прошивках красная думочка…

[…]

(Прерывистые строки, S.155)

Annenskij interessiert sich für das menschliche Dasein und analysiert dieses. Aus diesem Grund beschäftigt er sich auch mit dem Thema, was den Menschen nach dem Tod erwartet. Er gelangt zur Einsicht, dass das Leben als aussichtslos und ohne Ziel wahrgenommen werden soll, denn der Mensch ist nicht in der Lage, die Frage, was mit ihm nach dem Tod geschieht, zu beantworten. Diese unlösbare Frage macht das Leben zu einem gnadenlosen Dasein, zu einer Tragödie, und erschwert es, den Sinn des Lebens zu finden.

In dieser Arbeit sollen die Bilder des Lebens, die aus unterschiedlichen Perspektiven von ihm dargestellt werden, detailliert analysiert werden. Im nächsten Kapitel soll Schritt für Schritt untersucht werden, welche Merkmale der Auseinandersetzung mit den Fragen des Lebens in seinen Gedichten verarbeitet werden. Dabei soll akzentuiert werden, welche Symbole Annenskij für diese Darstellung nutzt. Zudem soll gezeigt werden, inwiefern die Gefühle des lyrischen Ichs durch reale Gegenstände beziehungsweise Dinge dargestellt werden können.

3. Der Begriff und das Bild vom „Leben“ in Annenskijs Dichtung

Das Leben betrachtet Annenskij unter den Einflüssen der philosophischen Ideen und dadurch spiegelt seine Lyrik die philosophischen Tendenzen seiner Zeit wider:

„Философична, ибо неустанно актуализирует, переводит в значимый для индивида план извечное, знаемое еще со времен Платона и сформулированное средневековой философией, интеллектуальное распятие человеческой души – крестовину феноменов-ноуменов-идеалов-реалий, прикладывая эту «муку идеала» к личной судьбе пишущего и читающего.“[81]

Wenn man über die Dichtung Annenskijs spricht, spricht man auch über sein Leben, da er als Motive für seine Dichtung Situationen seines Lebens verwendet: „он караулил её [жизнь] везде, за каждым углом своей мысли, на перекрёстках, по площадям, караулил с мучительной настойчивостью, с тоской, отчаянием и неврастений настоящего влюблённого.“[82] Er hat einen intensiven Lebenswillen: […] И во всем безнадежность желания: «Только б жить, дольше жить, вечно жить…» (Желанье жить, S. 180). Im Leben sucht er nach Glücksmomenten, die er gern festhalten möchte. Dabei spielt die Verbindung zur Natur und zur menschlichen Umgebung eine besondere Rolle[83]:

„Сцепление человека с природой и, шире, с окружающим миром – это исходящая мысль всей поэтической системы Анненского, определяющая ее острый психологизм и ее предметную конкретность.“[84]

Sehr lange Zeit wurde Innokentij Annenskij als “Sänger des Todes“ bezeichnet.[85] So schreibt der russische Symbolist Vladislav Chodasevič[86] in einem Aufsatz über Innokentij Annenskij:

„Смерть – основной, самый стойкий мотив его поэзии, упорно повторяющийся в неприкрытом виде и более или менее уловимый всегда, всюду, как острый и терпкий запах циана, веющий над его стихами. Неизвестно, когда впервые поразила Анненского мысль о смерти. Но несомненно, что она – главный и постоянный двигатель его поэзии.“[87]

Aber Annenskij beschäftigt sich mit dem Thema „Tod“, weil das Leben für ihn etwas Wertvolles und Unersetzbares ist. Aus diesem Grund möchte er den Sinn des Lebens verstehen. Da aber diese Frage nicht so einfach zu beantworten ist, hat er eine in sich widersprüchliche Wahrnehmung vom Leben. Auf der einen Seite ist es etwas Kostbares, auf der anderen Seite sieht Annenskij das Leben in „нагих гранях бытия“ (Тоска, S. 82)[88]: „[…] «постылый ребус существования» открывается в предрешенности конца всякого существования и мгновенности гармонии с всеобщим, в тоске и скуке будничной «маеты жизни».“[89] Sein Bild vom Leben ist als eine qualvolle Zeit auf Erden gezeichnet und wird durch Wörter wie „тоска“, „скука“, „страх“, „ужас“, „мука“, „жуть“, „смерть“, „разлука“, „обман (мираж, греза)“, „бред (абсурд)“, seltener „тошнота“, „маета“, „страданье“, beschrieben.[90] In den nächsten Unterkapiteln werden die verschiedenen Bilder vom Leben in Annenskijs Dichtung erarbeitet.

3.1 Das qualvolle Leben

Seit der Antike beschäftigen sich die Philosophen mit dem Rebus des Daseins und versuchen das gnadenlose Rätsel vor dem Ende ihres Lebens zu lösen. Diese Thematik liegt bei Annenskij im Gedicht „ Идеал“ zu Grunde, in dem er suggeriert, dass die Personen in einem vollen Saal einer Bibliothek das Rätsel des Daseins mittels alter Bücher versuchen zu entschlüsseln[91]:

Тупые звуки вспышек газа

Над мертвой яркостью голов,

И скуки черная зараза

От покидаемых столов,

И там, среди зеленолицых,

Тоску привычки затая,

Решать на выцветших страницах

Постылый ребус бытия.

(Идеал, S. 59)

Wie der Titel des Gedichts bereits erahnen lässt, wird das ideale Leben erst dann erfüllt sein, wenn das Rätsel des Daseins erschlossen ist.[92] Man sieht die paradoxale Darstellung der Köpfe, die versuchen dieses Rätsel in der Bibliothek zu lösen.[93] Im zweiten Vers der ersten Strophe werden die Köpfe als tot, gleichzeitig aber als grell beziehungsweise hell bezeichnet. Das deutet darauf hin, dass die Helligkeit, die für die Intelligenz steht, jedoch nicht ausreicht, um die Aufgabe zu absolvieren. Da auch diese Menschen als tot bezeichnet werden, bleiben sie wie alle anderen ohne Antwort und sind dem Untergang geweiht. Weiterhin gibt es Menschen, welche die Tische verlassen: […] И скуки черная зараза / От покидаемых столов […], weil sie sterben. Hierfür steht die Farbe Schwarz, die im Allgemeinen als Trauerfarbe gilt: „Schwarz ist die Trauer um den irdischen Tod […].“[94] Das Wort „зараза“ impliziert, dass die im Saal Gebliebenen dieses Ende auch bald erwartet, denn sie sind schon mit dem „Tod“ infiziert.

Diejenigen, die noch geblieben sind, haben eine grüne Gesichtsfarbe: […] И там, среди зеленолицых [...]. Judith Olert weist in ihrer Dissertation „Platonische Lehren in I.F. Annenskijs Lyrik“ darauf hin, dass die Farbe Grün „mit dem Tod in Verbindung gebracht“[95] werden kann. Dennoch wird mit dieser Farbe häufiger die Hoffnung assoziiert, da im Frühling alle Bäume „nach einer Zeit des Mangels“[96] grüne Blätter bekommen. Da jedoch diese Farbe für eine Gesichtsfarbe steht, kann sie wiederum keine Hoffnung ausdrücken, sondern steht vielmehr für Krankheit. Diese Farbe erinnert uns an den Spruch „тоска зеленая“. Das Wort „тоска“ steht direkt nach dem Wort „зеленолицых“ und drückt somit eine Depression aus. Der heutige moderne Dichter und Literaturkritiker Alexander Kušner stellt bei der Analyse von Annenskijs Dichtung fest, wie Annenskij alltägliche einfache sprachliche Ausdrücke in seinen Gedichten verwendet: „Устная речь, разговорная интонация – это неиссякаемый арсенал поэтической речи.“[97] Anhand des veränderten Ausdrucks „тоска зеленая“ kann verdeutlicht werden, wie Annenskij seinen zeitgenössischen Lesern die Bilder vom Leben in einem depressiven Zustand vor Augen führt. In der russischen Literatur wurde dieser Spruch in der Form „тоска зеленая“ nicht vor 1906 in literarischen Texten verwendet. Maksim Gor’kij benutzt diesen Ausdruck in der Erzählung „Мать“ (1906):

„Однажды мать спросила его: ― Ну что, весело тебе было вчера? Он ответил с угрюмым раздражением: ― Тоска зеленая! Я лучше удить рыбу буду. Или ― куплю себе ружье.“ (Максим Горький. Мать 1906 - Национальный корпус русского языка (ruscorpara.ru) 26.09.2014).

Aber Annenskij verwendet diesen Ausdruck in einer abgewandelten Version noch vor Maksim Gor’kij, denn das Gedicht „ Идеал “ wird in seiner ersten Gedichtsammlung „Тихие песни“ (1904) herausgebracht.

Die deprimierte Aufgabe der Köpfe kann man an weiteren Eigenschaften erkennen: […] Тоску привычки затая, / […] Постылый ребус бытия. Die Tätigkeit ist langweilig und wird schon zu einer Gewohnheit; und deshalb sind sie ihrer überdrüssig.

Trotz der Darstellung der Hoffnungslosigkeit kann anhand der grünen Farbe in der Langeweile und Depression ein kleines Stück Hoffnung gesehen werden. Auf diese paradoxale Wahrnehmung weist die Professorin der Staatlichen Universität Perm Rita Spivak in ihrem Aufsatz „И. Анненский-лирик как русский экзистенциалист“ hin:

„В потаенной глубине сознания Анненского – художественного автора живет сомневающаяся в себе, отрицающая свое право на существование и все же упрямая надежда на несущие оправдание «жизненной маете» объективно существующие Высшие начала, с которыми поэт связывает понятия смысла, гармонии, красоты. Такая антиномичность составляет особенность русского экзистенциализма, она свойственно Чехову, Л. Андрееву, Поплавскому.“[98]

In einem anderen Gedicht „Из поэмы «Mater Dolorosa»“, das in keiner Gedichtsammlung aufgenommen ist, sieht man die Hoffnung, die den Menschen hilft, die Bedeutung des Lebens zu finden[99]:

[…]

Какой-то безотчетно-грустной думы,

Кого-то ждешь, в какой-то край летишь,

Мечте безвестный, горячо так любишь

Кого-то… чьих-то ждешь задумчивых речей

И нежной ласки, и в вечерних тенях

Чего-то сердцем ищешь… И с тем сном

Расстаться и не можешь и не хочешь

Душа… […]

[…]

(Из поэмы « Mater Dolorosa », S. 161)

Die Vorahnung auf die Hoffnung zeigt Annenskij mittels der Indefinitpronomen.[100] In diesem Beispiel sieht man, dass die Nacht Hoffnung auf das Glück gibt und das lyrische Ich sich davon nicht trennen möchte. Bei Annenskij wird oft das Motiv verwendet, in dem der lyrische Held im Traum die Ziele seines Lebens erreichen kann. Der Held strebt nach Momenten, die ihm das Glück und die Hoffnung schenken, und er träumt von einem Leben, das nach seiner Definition perfekt sein kann, was zu seinem Lebensziel wird. Annenskij stellt in seiner Dichtung den Konflikt zwischen Traum und dessen Realisierung dar.[101] Dies findet man in dem Sonett „ Мучительный сонет“ vor:

Едва пчелиное гуденье замолчало,

Уж ноющий комар приблизился, звеня…

Каких обманов ты, о сердце не прощало

Тревожной пустоте оконченного дня?

Мне нужен талый снег под желтизной огня,

Сквозь потное стекло светящего устало,

И чтобы прядь волос так близко от меня,

Так близко от меня, развившись, трепетала.

Мне надо дымных туч с померкшей высоты,

Круженья дымных туч, в которых нет былого,

Полузакрытых глаз и музыки мечты,

И музыки мечты, еще не знавшей слова…

О, дай мне только миг, но в жизни, не во сне,

Чтоб мог я стать огнем или сгореть в огне!

(Мучительный сонет, S. 113f.)

Am Ende eines Tages ist das lyrische Ich allein, einsam und stellt sich ein Leben vor, das es glücklich machen kann. Dabei wird der vergangene Tag als Symbol für ein hohes Alter verstanden[102], in dem sein Herz die Lüge der Hoffnung, die Träume wahr werden zu lassen, mehrmals verziehen hat. In der zweiten und der dritten Strophe zählt das Ich alles auf, was ihm zum glücklichen Leben fehlt. Es träumt von einem Moment der harmonischen Atmosphäre in der Nähe seiner Geliebten. Diese wird nur anhand einer Haarsträhne suggeriert. Die Wichtigkeit ihrer Nähe wird mittels der Wiederholung der Wortkombination: „[…] (волос) так близко от меня / Так близко от меня […]“ gezeigt. In seiner Vorstellung sitzt das Paar in einem Raum und beobachtet durch das beschlagene Fenster den schmelzenden Schnee neben dem Lagerfeuer. Dieser Traum, in dem sich das lyrische Ich befindet, soll von Musik begleitet werden. Wieder wird mithilfe eines wiederholenden Ausdrucks deutlich gekennzeichnet, dass auch die Musik in diesem Traum für das lyrische Ich wichtig ist: […] и музыки мечты, / И музыки мечты […]. Die Augen sind halb geschlossen und das lyrische Ich versucht die Vergangenheit zu vergessen, um den Rest seines Lebens glücklich zu verbringen. Jedoch dauert dieser Moment nur einen Augenblick, der für das Ich aber unbezahlbar ist. In der vierten Strophe betet das lyrische Ich dafür, dass die Realisierung seines Traums nicht nur im Schlaf, sondern auch in der Wirklichkeit stattfindet: […] О, дай мне только миг, но в жизни, не во сне […]. Gerade die Aussichtslosigkeit dieses Wunsches macht das Leben zu einer Tragödie.[103] In Annenskijs Lyrik nimmt die Enthüllung der Illusionen und Träume, die Befreiung von der Selbstlüge und die Enttäuschung der Träume einen hohen Stellenwert ein.[104] Das tragische Leben von Annenskijs Zeitgenossen wird nicht von außen verursacht, sondern findet im Inneren der Subjekte statt: „Специфика […] заключается в том, что для него [поколения] трагедия жизни была, прежде всего внутренним переживанием, драмой, происходящей в замкнутом мире несчастного субъекта.“[105] Für das Subjekt entspricht seine Existenz einem erbarmungslosen Dasein und es sucht daher eine Rechtfertigung für sein Leben.[106] Somit wird das Leben zum Absurden, in dem der Kummer den meisten Platz einnimmt[107]:

[…]

Он слился… Но больше друг друга

Мы в тусклую ночь не найдем…

В тоске безвыходного круга

Влачусь я постылым путем…

[…]

(Тоска миража, S. 197)

Das lyrische Ich befindet sich im Kreis des Trübseins, aus dem es kein Entkommen gibt, und deswegen ist es des Lebens überdrüssig. Dieser Zustand macht das Leben zur Qual[108]: „[…] Вся жизнь моя — не жизнь, а мука.“ (Когда б не смерть, а забытье…, S. 189). Ursache hierfür ist auch die Enthüllung der Lüge, das Scheitern des Traums und der Verlust der Hoffnung, der Liebe und des Glücks.[109] Annenskij versucht die Schönheit in seinen Gedichten festzuhalten, das gewünschte Ideal ist aber nur ein Resultat der Qual. Dies zeigt sich in dem Epigraph zu Annenskijs erster Gedichtsammlung „Тихие песни“:

Из заветного фиала

В эти песни пролита,

Но увы! Не красота.

Только мука идеала.

[...]


[1] Vgl. Gaede, 2008, S. 1217 in B. 30

[2] Städtke, 2011, S. 241

[3] Vgl. ebd.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Bogomolov, 1999, S. 35

[6] Vgl. ebd., S. 42

[7] Annenskij, 2007, S. 74

[8] Ebd.

[9] Vgl. Olert 2002, S. 47

[10] Kichnej & Tkačeva 1999, S. 10

[11] Ebd.

[12] Ingold, 1970, S. 36f.

[13] Brjusov, 2011, S. 267

[14] Vgl. ebd.

[15] Wilpert, 1963, S. 174

[16] Blok, 2011, S. 272

[17] Ingold, 1970, S. 37

[18] Vgl. ebd., S. 37ff.

[19] Ebd., S. 38

[20] Olert, 2002, S. 51

[21] Annenskij, 1979, S. 217.

[22] Olert, 2002, S. 18

[23] Kichnej, 2009, S. 39

[24] Den Namen „Krivič“ benutzt er als ein literarisches Pseudonym.

[25] Vgl. Kichnej, 2009, S.39f.; Kichnej & Tkačeva, 1999, S.12f.

[26] Alle zitierten Gedichte werden nach Annenskij: Stichotvorenija i tragedii, 1990 angegeben und die Seiten werden direkt nach dem Zitat gegenzeichnet. Die Unterstreichungen in Gedichten werden von mir (V. P.-J.) vorgenommen, um den Inhalt hervorzuheben.

[27] Vgl. Ožegov, 2008, S. 95 und 414

[28] Vgl. Heller, 2006, S.132

[29] Ebd. S.132f.

[30] Vgl. Kichnej, 2009, S.40; Kichnej & Tkačeva, 1999, S.12f.

[31] Vgl. Kichnej, 2009, S.45

[32] Ebd.

[33] Vgl. Fedorov V., 1998, S.72f.

[34] Ioannidou, 1996, S.28

[35] Vgl. Fedorov V., 2005, S.89

[36] Vgl. Wilpert, 1963, S.860

[37] Mandelʼštam, 2011, S.377

[38] Wie die griechischen Motive in Werken von Annenskij (außer Lyrik) verarbeitet wurden, wird in Arbeit von Alexandra Ioannidou untersucht. S. dazu Ioannidou, 1996.

[39] Wilpert, 1963, S.644

[40] Vgl. Ivanov, 2011, S.278

[41] Timofeeva, 2009, S.241

[42] Annenskij unterrichtet sein ganze Leben die Sprachen Latein und Altgriechisch (Fedorov V.,

1998, S. 71-72).

[43] Vgl. Petrova, 2009, S.8

[44] Murawski, 2014, S.64f.

[45] Lauer, 2009, S.426

[46] Vgl. Albert, 1998, S.47

[47] Vgl. Petrova, 2009, S.11

[48] Ebd.

[49] Vgl. ebd.

[50] Ingold, 1970, S.67

[51] Vgl. ebd., S. 38f.

[52] Vgl. Kichnej, 2009, S.45

[53] Ebd.

[54] Wanner, 1989, S.38

[55] Vgl. Henry-Safier, 2009, S.76-90

[56] Vgl. Fedorov A., 1979, S.17

[57] Ebd.

[58] Vgl. Wilpert, 1963, S.1026

[59] Vgl. ebd., S.271

[60] Vgl. ebd., S.854ff.

[61] Vgl. Achmatova, 2011, S.380f.

[62] Wie Annenskij die anderen Dichter beeinflusst, sieht man im Buch „Иннокентий Анненский и его отражения. Материалы. Статьи“ von A. Anikin, 2011.

[63] Achmatova, 2011, S.380

[64] Annenskij, 1979, S.339

[65] Adamovič, 2011, S.409

[66] Vgl. Kichnej & Šelogurova, 2011, S. 28

[67] Vgl. Gitin, 1996, S.20

[68] Vgl. ebd.

[69] Vgl. ebd., S.23

[70] Ginzburg, 1964, S.330

[71] Vgl. Bogomolov, 1999, S. 47

[72] Ginzburg, 1964, S. 333

[73] Vgl. Spivak, 2009, S. 65. Mehr dazu bei R. Spivak in „ I. Annenskij-Lirik kak russkij ėkzisten- cialist.“

[74] Vgl. ebd.

[75] Vgl. Kichnej & Tkačeva 1999, S. 8.

[76] Vgl. ebd., S. 9f.

[77] Ebd., S. 9

[78] Vgl. ebd.

[79] Fedorov A., 1990, S. 22

[80] Vgl. Nalegač, 2009, S.108.; Ginzburg, 1964, S.339

[81] Purin, 1996, S. 119

[82] Punin, 1914, S. 48

[83] Vgl. Kichnej & Tkačeva, 1999, S. 22

[84] Ginzburg, 1964, S. 334

[85] Vgl. Kichnej & Tkačeva 1999, S. 8.

[86] Gaede, Bd. 1, 2008, S. 171

[87] Chodasevič, 2010, S. 285

[88] Vgl. Spivak, 2009, S. 57

[89] Ebd.

[90] Vgl. ebd.

[91] Vgl. Olert, 2002, S. 138

[92] Vgl. Bobyšev, 1996, S. 45

[93] Vgl. Olert, 2002, S. 139

[94] Heller, 2006, S. 90

[95] Vgl. Olert, 2002, S. 139

[96] Heller, 2006, S. 75

[97] Kušner, 1991, S. 166

[98] Spivak, 2009, S. 60

[99] Vgl. Novikova, 2009, Verfügbar unter: http://annenskiy.lit-info.ru/annenskiy/articles/novikova-esteticheskie-vzglyady.htm (23.11.2014)

[100] Ebd.

[101] Vgl. Kichnej & Šelogurova, 2011, S. 31

[102] Vgl. Kichnej & Tkačeva, 1999, S. 90

[103] Vgl. Ginzburg, 1964, S. 339

[104] Vgl. Spivak, 2009, S. 57

[105] Verheul, 1995, S. 208

[106] Vgl. Spivak, 2009, S. 57

[107] Vgl. ebd., S. 58

[108] Vgl. Kichnej & Tkačeva, 1999, S. 17

[109] Vgl. Spivak, 2009, S. 62

Details

Seiten
77
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656939191
ISBN (Buch)
9783656939207
Dateigröße
884 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295992
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Slavistik
Note
1,7
Schlagworte
Russisch Russische Literatur Literaturwissenschaft Innokentij Annenskij Literatur des 20. Jahrhunderts Akmeismen

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Titel: Zur Thematik der Dichtung Innokentij Annenskijs