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Kämpfen im Sportunterricht aus der Schülerperspektive

Seminararbeit 2014 45 Seiten

Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problem- und Zielstellung
1.2 Fragestellungen und Arbeitshypothesen
1.3 Forschungsmethodisches Vorgehen

2 Theoretische Aufarbeitung des Problemfeldes
2.1 Das Urphänomen ÄKämpfen“
2.2 Das Besondere am Zweikämpfen
2.2.1 Kampfsport - gewaltfördernd oder gewaltpräventiv?! Das Prosoziale am Kämpfen
2.2.2 Kampfsport - sicher und gesund
2.3 Die Sinnhaftigkeit von Zweikämpfen im Kontext Schule
2.4 Dokumentenanalyse - der Sportlehrplan Sachsens
2.5 Einstellungen von SchülerInnen gegenüber dem Schulsport

3 Untersuchungsmethodik
3.1 Untersuchungsdesign
3.2 Untersuchungsmethode
3.3 Auswertungsmethode

4 Ergebnisse
4.1 Einstellung von SchülerInnen hinsichtlich der Thematik Kämpfen im Sportunterricht
4.2 Unterschiede in der Bewertung von Kämpfen im Sportunterricht unter Berücksichtigung von Schülermerkmalen
4.2.1 Geschlecht
4.2.2 Klassenstufe
4.2.3 Vorerfahrung

5 Zusammenfassung und Ausblick
5.1 Zusammenfassung der Arbeit
5.2 Ausblick
5.3 Diskussion

Inhaltsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhang VII

1 Einleitung

ÄDie meisten Menschen haben schon in der frühen Kindheit beim Balgen und Toben ein Urbedürfnis nach körperlicher Berührung, nach Halten und Gehalten-Werden befriedigt und Sicherheit erleben und erfahren können. In den spielerischen Auseinandersetzungen im engen Körperkontakt sind Grenzerfahrungen möglich, und Vertrauen in sich selbst und andere kann aufgebaut und gefestigt werden [...]“ (Anders & Beudels, 2003, S. 5).

Bewegungsformen wie Ziehen, Schieben, Stoßen und Drücken gehören ne- ben Gehen, Laufen, Springen, Werfen etc. zu den elementaren Sportfertigkei- ten und gelten auf diese Weise als Orientierung für einen Sportunterricht, der sich in seinen Zielstellungen vornimmt, jene Aspekte menschlicher Bewegung bei einzelnen SchülerInnen in vielfältiger Art zu entwickeln und herauszubil- den. Gerade der Thematik des Kämpfens und seiner Vielschichtigkeit1 steht man in der sportpädagogischen und -didaktischen Diskussion offener als noch vor Jahren gegenüber, wodurch den SchülerInnen scheinbar die Möglichkeit geboten wird, umfassende und z. T. ungewohnte Bewegungserfahrungen zu sammeln (Klein & Frenger, 2013). Hierbei wird oftmals dem Zweikämpfen per se eine heilpädagogische Wirkung nachgesagt, indem in der Interaktion mit dem Partner / der Partnerin bspw. soziale Verhaltensweisen eingeübt werden, die in der Folge auch helfen sollen, das außerschulische Handeln zu regulie- ren. Positive Praxisbeispiele, die anhand von Auswirkungen auf den Umgang miteinander die gelungene Umsetzung von Kampfsportübungen verdeutlichen, sind hierbei nicht selten (vgl. u. a. Kaupmann, 2003; Kemper, 2003; Maczkowiak & Melenhorst, 2003; Salz, 2003). Bei genauerer Analyse dieser Fallbeispiele wird jedoch offensichtlich, dass ausschließlich bewusst geplante Interventionen bei gleichzeitiger Berücksichtigung von (milieubedingten) Ein- flussfaktoren (Alter, Geschlecht, Schulform, Einzugsgebiet, etc.) ihre erzieheri- sche Wirkung entfalten können. Hierdurch rückt letzten Endes die Lehrpersön- lichkeit in den Vordergrund. Ihrem didaktischen Geschick obliegt es, die in den einzelnen Sportlehrplänen zuhauf eingeforderten Schlüsselqualifikationen wie ÄTeamfähigkeit“, ÄVerantwortungsbewusstsein“, ÄSelbständigkeit“ und ÄFähig- keit zur Konfliktlösung“ (vgl. u. a. Sächsische Staatsministerium für Kultus und Sport, 2011) gemeinsam mit den SchülerInnen zu erarbeiten (Hartnack, 2013). Schlussendlich stellt der einzelne Schüler selbst ein Kriterium für die Wirkrich- tung von Sportunterricht dar, indem erä[…] die Anforderungen seiner Umge- bung und die Anforderungen der Sache wahrnimmt, auf sich bezieht und dazu aus eigener Zuständigkeit heraus Stellung nimmt“ (Funke-Wienecke, 2013). Neueren Entwicklungen innerhalb der Lehrplangestaltung für den Schulsport ist es zu verdanken, dass nicht zuletzt durch den in vielen Bundesländern be- reits umgesetzten mehrperspektivischen Ansatz Kampfsportformen Einzug in den Sportunterricht erhalten haben - sei es als eigenständiger Lernbereich (z. B. in Sachsen) oder als Erfahrungs- und Lernfeld Kämpfen (z. B. in Niedersachsen).

Die Frage nach dem pädagogischen Potenzial stellt sich hierbei immer, sollenä[…] programmatische Entwürfe von Bewegung, Spiel und Sport im Kontext von Erziehung und Bildung nicht an den Adressaten vorbeilaufen“ (Miethling & Krieger, 2004, S. 10-11). Sportlandschaften und Jugendkulturen formen sich ständig um. SchülerInnen sehen sich heutzutage anderen Entwicklungsaufga- ben ausgesetzt, als noch vor dreißig Jahren; Entscheidungsfreiräume und Op- tionsvielfalten für die Freizeit haben sich vergrößert (Theis, 2010). In der Folge ergeben sich körperbetonte, inszenierte Suchbewegungen: Sport ist für viele SchülerInnen fester Alltagsbestandteil geworden, verschiedene Bewegungs- praktiken werden erprobt und im Kontext der Selbstvergewisserung bewertet. Aus der Pluralität der Bewegungskultur ergeben sich zwangsläufig heterogene Schülerinteressen darüber, welche Sportarten-Modelle im schulischen Zu- sammenhang sinnvoll erscheinen (Miethling & Krieger, 2004).

Somit richtet sich der Fokus auf die Schülerperspektive, um aus der Sicht der handelnden Subjekte selbst bedeutsame Unterrichtserfahrungen hervorzuhe- ben.

1.1 Problem- und Zielstellung

Selbstredend ist es von Belang, die Hauptakteure des Sportunterrichts, die SchülerInnen, zu Wort kommen zu lassen, ihre Interessen und Bedürfnisse nach körperlicher Ertüchtigung begreifbar zu machen. Zahlreiche empirische Arbeiten zeugen vom Interesse an den Sporttreibenden selbst. ÄFraglich indes ist, ob die Perspektiven auf Schüler auch die Perspektiven der Schüler sind“ (Krieger & Miethling, 2001, S. 126, in Theis, 2010, S. 38). Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass sich Bemühen um die Beschreibung der Alltagspraktiken an Schulen zumeist auf die Rolle der PädagogInnen beschränken (Miethling & Krieger, 2004; Theis, 2010).

ÄGerade unter dem Hintergrund einer rasanten Veränderung des Alltags der Kinder und Jugendlichen und der raschen Entwicklung der Sportlandschaft muss die Schülerper- spektive bei der Analyse von Schule und Schulsport mehr Berücksichtigung finden“ (Theis, 2010, S. 38.).

In der Schulpraxis ist der Anteil an kampforientierten Sportunterricht erfah- rungsgemäß2 gering. Das betrifft zum einen den speziellen Lernbereich oder das Bewegungsfeld Kampfsport, dass mit Ziel verfolgt wird, ausgewählte Techniken verschiedener Kampfsportarten den SchülerInnen durch geeignete Methoden zu vermitteln. Zum anderen finden ebenso wenige Zweikampfübun- gen in anderen Lernbereichen Anwendung. Gemeint sind kleine Ring- und Raufspiele bspw. zur Erwärmung und Vorbereitung der anstehenden Sport- stunde, als Mittel zur Schulung und Verbesserung koordinativer und konditio- neller Fähigkeiten oder als abschließendes, ausgelassenes Spiel zum Ende der Stunde. Ältere sportdidaktische Ansätze wie das sportartenorientierte Konzept des berühmten Sportpädagogen Wolfgang Söll klammern das anth- ropologische Phänomen des Kämpfens (Binhack, 1998) obendrein völlig aus. Zum Sport im engeren Sinn, dem klassische Sportarten wie die Leichtathletik angehören, ergeben sich hiernach in Überschneidung zu den Bereichen Kunst und Spiel weitere typische Umgangsformen des Sporttreibens (einerseits Kunstsportarten wie Gerätturnen und Sportgymnastik, andererseits Sportspie- le wie Fußball und Handball). Doch gerade das Spektrum des Kämpfens reicht in seiner Komplexität vom Sport im engeren Sinn über diverse Kunst- und Spielformen hin zur realen, ernsthaften körperlichen Auseinandersetzung (Klein & Frenger, 2013). Insbesondere letzterer Anstrich steht einer objektiven Bewertung der Zweikampfsportarten im Kontext Schule oftmals entgegen. So äußern Eltern gehäuft Bedenken darüber, ob der Kampfsport für den Sportun- terricht wirklich geeignet sei. Es herrschen zudem häufig generelle Vorurteile über Gefahren, Risiken oder Tendenzen einer gesteigerten Gewaltbereitschaft vor (vgl. Anders & Beudels, 2003; Kaupmann, 2003; Knosalla, 2003). Wird von der Perspektive der Lehrkraft ausgegangen, so lässt sich annehmen, dass möglicherweise fehlende Kompetenzen und damit einhergehende Selbstein- schätzungen, sowie Unsicherheiten in der Vermittlung zur Vermeidung des Lehrstoffes führen, da die Schulung von Kompetenzen für den Kampfsportun- terricht während der studentischen Ausbildung oft nur einen geringen oder keinen Anteil ausmachen. Das Feld Kampfsport im Schulsport ist demnach ein komplexes Phänomen und je nachdem, aus welcher Perspektive (Eltern, Leh- rerInnen) es betrachtet wird, lassen sich wohlmöglich verschiedene Erwartun- gen und Einstellungen feststellen.

Der Standpunkt der SchülerInnen ist jedoch womöglich grundverschieden. ÄSpielend, ohne Leistungsdruck sich austoben zu können scheint ein starker Wunsch von Schülern für die Sportstunde zu sein“ (Miethling, 1977, S. 17). Die körperliche Exponiertheit von Zweikämpfen (Miethling & Krieger, 2004) kann währenddessen zufriedenes Sporttreiben hervorrufen, und das sich ergebende, wechselseitige physische und psychische ÄBerührt-Werden“ (Anders & Beudels, 2003) gleichzeitig als angenehm eingestuft werden. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Schülerperspektive auf das ambivalente Feld des Zweikämpfens zu lenken, um weiterführend in Erfahrung zu bringen, wie SchülerInnen jener Thematik gegenübertreten.

1.2 Fragestellungen und Arbeitshypothesen

Unter Berücksichtigung der bisherigen Ausführungen bleibt zu konstatieren, dass Menschen ein Urbedürfnis nach gegenseitigen Berührungen eigen ist. Andererseits bestehen mitunter Vorannahmen darüber, was das Wesen von Zweikampfsport kennzeichnet, die des Öfteren negativ konnotiert sind. Um zu verstehen, wie SchülerInnen über das Kämpfen im Sportunterricht denken, werden folgende beide Fragestellungen in dieser Arbeit untersucht:

1. Welche Einstellung äußern SchülerInnen hinsichtlich der Thematik Kämpfen im Sportunterricht?
2. Ergeben sich Unterschiede in der Bewertung von Kämpfen im Sportun- terricht unter Berücksichtigung von Schülermerkmalen?

In Anbetracht der ersten Fragestellung sollte man annehmen, dass SchülerIn- nen grundsätzlich keine schwerwiegenden Vorbehalte dem Kämpfen gegen- über besitzen und dahingehend eher neutral werten. Sie sollten hierbei sehr wohl zwischen angeleiteten Zweikampfformen im Schulsport und Balgereien auf dem Schulhof unterscheiden können. Dies leitet zu folgender Hypothese über:

H.1 : Die SchülerInnen besitzen eine durchschnittliche Einstellung hin- sichtlich der Thematik.

Um weiterführende Analysen anstellen zu können, wird geprüft, ob prinzipielle Bewertungsunterschiede hinsichtlich Geschlecht, Alter, und Vorerfahrung der SchülerInnen bestehen.3 Hierbei wird davon ausgegangen, dass jüngere bzw. männliche SchülerInnen dem Sachverhalt offener gegenüberstehen, da zum einen kindliche Erfahrungen über freundschaftliche Kampfeinlagen nicht weit zurückliegen und zum anderen eher Jungen hierbei ihre Kräfte untereinander erproben und Eindrücke verarbeiten können. Um letztlich nicht nur Vermutungen seitens der SchülerInnen zu erfragen, wird nachvollzogen, ob SchülerInnen, die bereits im Schulsport Zweikampfformen kennengelernt haben, diese auch besser werten. Hiervon wird ausgegangen.

H.2 : Jungen bewerten Kämpfen im Sportunterricht besser, als Mädchen. H.3 : Siebtklässler bewerten Kämpfen im Sportunterricht besser, als Zehntklässler.

H.4 : SchülerInnen mit sportunterrichtlichen Vorerfahrungen bewerten Kämpfen im Sportunterricht besser, als SchülerInnen ohne Vorer- fahrungen.

1.3 Forschungsmethodisches Vorgehen

Nach dem zunächst die Problemstellung der Arbeit einschließlich der abgelei- teten Zielstellung dargestellt und die sich ergebenden Fragestellungen inklusi- ve der inhärenten Arbeitshypothesen vorgestellt wurden, schließt sich ein Ab- riss über die zugrundeliegende Forschungsmethodik an. Die einzeln enthalte- nen Aspekte werden an gegebener Stelle innerhalb der Arbeit wiederum sorg- fältig ausgeführt.

Um entsprechende Datensätze zu gewinnen, werden SchülerInnen zweier sächsischer Gymnasien befragt. Im Allgemeinen werden Kampfsportelemente in den Lehrplänen Sachsens ab der Sekundarstufe I unter der Lernbereichs- bezeichnung ÄKampfsport / Zweikampfübungen“ aufgeführt. Mit der Absicht, innerhalb der Arbeit die Sportlehrpläne der weiterführenden Schulen des Bun- deslandes Sachsen einer knappen Dokumentenanalyse zu unterziehen, soll aufgezeigt werden, welchen Stellenwert Zweikampfübungen neben in einem eigens dafür vorgesehenen Lernbereich in anderen Themengebieten besitzen. In Hinblick auf den Freistaat Sachsen wird unter Beachtung der jeweiligen Po- tenzen des korrespondierenden Lernbereichs eine mehrperspektivische Unter- richtsgestaltung vorgeschlagen. Dieser allgemeine Zusatz ist für das Themen- gebiet Kampfsport essentiell. So heißt es in den festgeschriebenen Vorbemer- kungen, dass jener Lernbereich neben körpernahen Auseinandersetzungen v. a. die Perspektiven ÄWagnis“, ÄGesundheit“ und ÄKooperation“ betont (Sächsische Staatsministerium für Kultus und Sport, 2011). In Anlehnung an die allgemeinen fachlichen Ziele versteht sich der hierbei innewohnende Doppellehrauftrag, neben der Entwicklung motorischer Fähigkeiten und Fertigkeiten zuvörderst soziale Lernprozesse zu integrieren.

Die Bemühung, die Auffassungen der SchülerInnen gegenüber der Materie Kämpfen im Sportunterricht exemplarisch zu erheben, verweist auf die Kon- struktion eines analogen Fragebogens. Jenes Erhebungsinstrument ermög- licht es, sich unter Beachtung des Forschungsgegenstandes dem Konstrukt der Einstellung aus Sicht der SchülerInnen gegenüber der Thematik Kämpfen im Sportunterricht zu nähern. Von entscheidender Bedeutung ist an dieser Stelle die Variable ÄBewertung von Kämpfen im Sportunterricht“. Sie wird hier- bei nochmals in entsprechende Indikatoren zerlegt. Dabei werden themenbe- zogen folgende Aspekte begutachtet:

- Sinnhaftigkeit in der Schule,  soziales Lernen,
- Gewalt / Aggressivität,  Sicherheit und
- Gesundheit.

Der Struktur nach ist der Fragebogen eine schriftliche Einzelbefragung. Dieser ist stark strukturiert, indem jeder Frage eine korrespondierende 5-stufige Ratingskala zugrunde liegt, wobei der Zustimmungsgrad der SchülerInnen ermittelt und ausgewertet wird (Atteslander, 2008; Raithel, 2006).

Eine vorangestellte intensive Literaturrecherche dient dem Zweck, die Thema- tik Kämpfen im Sportunterricht theoretisch fundiert zu erörtern. Bedeutend ist es, herauszuarbeiten, was das Phänomen Kämpfen allgemein kennzeichnet und welche Bezüge zu Schule und den im Fragebogen aufgeführten Aspekten Sinnhaftigkeit in der Schule, soziales Lernen, Gewalt / Aggressivität, Sicher- heit und Gesundheit hergestellt werden können. Hinzukommend interessiert es, zu hinterfragen, welche gesicherten Annahmen zu den Einstellungen von SchülerInnen gegenüber dem Schulsport im Allgemeinen und dem Kampfsport im Besonderen vorliegen.

2 Theoretische Aufarbeitung des Problemfeldes

2.1 Das Urphänomen „Kämpfen“

ÄVor allem das körperlich aktualisierte Kämpfen galt lange Zeit in der pädagogischen und soziologischen Diskussion der letzten vier Jahrzehnte als brutal, roh, primitiv und vor al- lem als unkommunikativ. […] Wo nicht mehr geredet […] werde, gehe die kommunikative Kompetenz verloren und niedere Kräfte setzen sich durch“ (Lange & Leffler, 2010, S. 139).

In der Öffentlichkeit publizierte Statistiken über zunehmende Gewaltexzesse bei Kindern und Jugendlichen tragen generell zu einer Meinung bei, die aus Angst vor einer weiteren Freisetzung libidinöser Energien sich gegen das Un- terrichten von Kampfsport und Zweikampfübungen, insbesondere an schuli- schen Einrichtungen, ausspricht. Dass sich Gewalt, betrachtet man verbale sowie eher indirekte Formen wie Mobbing oder Vernachlässigung, nicht aus- schließlich auf das Körperliche beschränkt, und sich andernfalls bei semanti- scher Erschließung des Wortes Wett-kampf innerhalb des öffentlichen Lebens vielfältige Kämpfe im Rahmen von Musik, Literatur, Politik, Kochkunst und Sport ergeben (Lange & Leffler, 2010), wird dabei oft außeracht gelassen. Selbst wenn unweigerlich von einer polaren Beziehungsstruktur auszugehen ist, die sich aus der spannungsvollen Bezogenheit der Gegner im Kampf zuei- nander ergibt, stellt sich gerade durch eine derartige Be-gegnung zweier Ath- leten ein Beziehungsgefüge heraus. ÄBeziehungen aber können gar nicht an- ders gestaltet werden, als kommunikativ. In der Bezogenheit aufeinander kann man ‚nicht nicht kommunizieren‘ “ (Watzlawick, 1993, S. 53, in Lange & Leffler, 2010, S. 144).

Kennzeichnend für eine jede Art des Kämpfens ist die grundlegende duale an- tagonistische Grundstruktur zweier widerstrebender Parteien (u. a. Beudels & Anders, 2001; Binhack, 1998; Lange & Leffler, 2010). In Bezug auf den Sport ergeben sich somit Wettstreite zweier konkurrierender Sportlager, die sich im sportlichen Wettkampf gegenüberstehen. Die hierin wohnende Chance, Sieg und Niederlage für SchülerInnen unter Vorbehalt vereinbarter Regeln ohne weitreichende Folgen erfahrbar zu machen, ist aus pädagogischer Sicht es- sentiell (Binhack, 1998). ÄDas Urbedürfnis des Menschen nach Berührung ist genetisch veranlagt“ (Beudels & Anders, 2001, S. 12). Das sich mit dem Ge- genüber messen, den eigenen Körper kennenlernen, Kräfte mobilisieren ist somit naturgegeben. In der körperlichen Auseinandersetzung mit dem Partner kommt es dabei zum Ausleben natürlichster Bewegungslust (Beudel & Anders, 2001). Als psycho-physisches Regulativ halten organisierte Zweikämpfe für SchülerInnen hiermit Möglichkeiten bereit, Dränge und Bedürfnisse eben nicht an ungeeigneten Orten oder zu ungünstigen Anlässen auszuleben, wodurch letztlich individuelle und soziale Ressourcen gefordert und gefördert werden (Beudels & Anders, 2001).

2.2 Das Besondere am Zweikämpfen

ÄWrestling for fun and fundamentals for all kids“ (Werbeslogan in den USA der 1980er Jahre, in Gerr, 1982, S. 7), also Ringen für alle Kinder, weil es Spaß macht und die Bewegungsgrundlagen fördert. Auf diese Art und Weise deklariert man in den Vereinigten Staaten von Amerika den Bildungsgehalt von Zweikampfsportarten wie dem Ringen für die SchülerInnen und stellt somit gleichzeitig derartige Erfahrungen als essentiell heraus.

Parallel zu der mehrfach in der Literatur vertretenen Meinung, Zweikampfsport besäße einen pädagogischen Mehrwert (vgl. Beudels & Anders, 2001; Busch, 2002; Ruch, 2012; Wolters & Fußmann, 2009), existieren gegenteilige Mei- nungen und Vorurteile wie die scheinbar hohe Verletzungsgefahr und die in- newohnende Verrohungstendenz (Gerr, 1982). Dass derartige Leicht- gläubigkeiten aus einer Unwissenheit darüber entstehen, was das Wesen vom Zweikämpfen bedingt, ist bezeichnend (u. a. Gerr, 1982). Rohheiten im Griff- repertoire werden durch ein strenges Reglement der Zweikampfsportarten verhindert. In Zusammenarbeit mit der Lehrkraft sollten im Schulsport dem- nach frühzeitig Regeln des gemeinsamen Umgangs erarbeitet werden, um ab- solute Niederlagen zu verhindern und dem Selbstwertgefühl der SchülerInnen nicht zu schaden. Neben der offensichtlich konditionellen Ausbildung der SchülerInnen im Kampfsport können durch das Zweikämpfen im Umgang mit mindestens einen Partner hohe koordinative Ansprüche gestellt und gleichzei- tig eine adäquate Schulung derer ermöglicht werden - auch ohne tiefgreifen- der in die Materie vorzudringen (Ruch, 2012). Wolters und Fußmann sprechen von einer konfrontativen Sozialpädagogik, wobeiä[…] partnerschaftliches Verhalten, Fairness, Rücksichtnahme (usw.)“ (ebd., 2009, S. 22) entwickelt werden. Beudels und Anders beschreiben das Zweikämpfen als ein zentrales Erlebnis für alle Altersstufen. Sie zitieren im vorliegenden Buch eine Studie von Flosdorf und Rieder aus den 1970er-Jahren, in der es heißt:

ÄDie Werte des Ringens sind neben einer jungenhaften Lebendigkeit in der Verbesserung der allgemeinen Kraft, der Beweglichkeit und der Geistesgegenwart zu sehen, die gerade gehemmte und retardierte Kinder so notwendig brauchen“ (ebd., 1977, S. 52, in Beudels & Anders, 2001, S. 26).

Zweikampfsport wie dem Ringen haften mehrere psychomotorische Wechsel- bezüge an. Unter Organisation des Lernumfeldes durch die Lehrperson wer- den im Vollzug motorischer Handlungsstränge verschiedenste Erfahrungen gemacht, welche psychisch verarbeitet werden und demnach als besonders wichtig für die Bildung und Erziehung junger Menschen zu erachten sind (Gerr, 1982).

[...]


1 Auf die mannigfaltigen Ausprägungsformen von Kämpfen wird noch einzugehen sein. Damit wird der Gegenstand der vorliegenden Arbeit klar abgegrenzt.

2 Die angeführte Behauptung beruht auf den persönlichen Annahmen und Erfahrungen des Autors. Eine Literaturanalyse ergab keinen Aufschluss über bereits vorhandene Untersuchungen und Studien bezüglich der Qualität und v. a. Quantität von Kampfsportunterricht im Schulsport.

3 Im Punkt 3.1, Untersuchungsdesign, wird näher auf die Stichprobe eingegangen.

Details

Seiten
45
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668135055
ISBN (Buch)
9783668135062
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295966
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Sportpsychologie und Sportpädagogik
Note
1,3
Schlagworte
kämpfen schulsport sportunterricht schüler perspektive schülerperspektive kampfsport kampfkunst

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Titel: Kämpfen im Sportunterricht aus der Schülerperspektive