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Der Philosoph und der Tyrann. Zum Verhältnis von Platon zu Dionysios II. von Syrakus

Hausarbeit 2015 18 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Historischer Teil
1. Die erste Sizilienreise
2. Die zweite Sizilienreise
3. Die dritte Sizilienreise
4. Die Machtübernahme Dions

III. Philosophischer Teil
1. Platons politische Ambitionen bei der zweiten und dritten Sizilienreise
2. Tyrann und Tyrannis im platonischen Sinne
3. Philosophenherrschaft oder Gesetzesstaat?
4. Was hat ein Philosoph bei einem Tyrannen zu suchen?

IV. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Im Jahr 2011 wurde der libysche Diktator al-Gaddafi im Zuge eines gewaltsamen Aufstandes gestürzt. Der Sieg der Rebellen ging vor allem auf die militärische Intervention durch die NATO zurück, wobei sich hauptsächlich Frankreich und Großbritannien beteiligten, während Deutschland auf eine militärische Unterstützung der Mission verzichtete1. Die erfolgreiche Revolution wurde als Sieg der Demokratie über das Unwesen der arabischen Diktatur gefeiert. Über drei Jahre später ist Libyen noch immer nicht zur Ruhe gekommen - von Demokratie ist in dem nordafrikanischen Staat nichts zu spüren. Nicht endende Machtkämpfe zwischen verschiedenen Gruppen haben das Land in den letzten Jahren an den Rand der Anarchie getrieben2. War die Reaktion des Westens nach der beginnenden Revolution 2011 vorschnell? Hätte al-Gaddafi besser im Amt bleiben sollen, trotz aller diktatorischen Umtriebe? Die Stimmen, die das behaupten, werden immer lauter3. Am eindrücklichsten dürfte der Kommentar des britischen UKIP-Politikers Nigel Farage sein: „Libya is one of an endless series of military interventions in which we have left things worse than before we intervened.“4

Das Problem ist so alt wie die Politik selbst: Wie soll man mit Diktatoren bzw. Tyrannen umgehen? Schon in der griechischen Antike war das Thema hochaktuell. In dieser Arbeit soll an einem Beispiel aufgezeigt werden, was die intellektuelle Elite der antiken Welt in Bezug auf die allgegenwärtigen Tyrannen unternahm. Platon selbst, der auch heute noch als einer der wichtigsten Philosophen des Abendlandes gilt, hat sich dreimal nach Sizilien begeben, wo in jener Zeit ein Tyrann herrschte: Erst Dionysios I., und dann dessen Sohn Dionysios II. Die Frage ist, was Platon dort bezwecken wollte. Oder anders ausgedrückt: Was hat ein Philosoph bei einem Tyrannen zu suchen?

In Kapitel II der Arbeit soll der historische Ablauf der Ereignisse in Syrakus grob rekonstruiert werden. Als Quellen werden dabei vor allem die Briefe von Platon und die Dion-Biographie von Plutarch verwendet. Ergänzend wird an einigen Stellen die Platon-Biographie von Diogenes Laertius hinzugezogen. In Kapitel III soll schließlich versucht werden, Platons Reisen nach Sizilien im Kontext seiner philosophischen Schriften zu interpretieren. Es wird gezeigt, dass sich sein politisches Hauptwerk, die Politeia, kaum widerspruchslos auf sein Verhältnis zu Dionysios II. anwenden lässt. Eine widerspruchslose Interpretation der Ereignisse kann hingegen erzielt werden, wenn man seine spätere politische Schrift, den Politikos, heranzieht. Dieses Werk, zusammen mit den ebenfalls spät geschriebenen Nomoi, kann dann auch eine Antwort auf die zentrale Frage dieser Arbeit geben, was ein Philosoph bei einem Tyrannen zu suchen hat. In einem Fazit soll schließlich wieder der Bogen zu der NATO-Intervention in Libyen gespannt werden.

II. Historischer Teil

1. Die erste Sizilienreise

Über den Anlass dafür, dass Platon zwischen 390 und 387 v. Chr.5 zum ersten Mal den weiten Weg von seiner Heimatstadt Athen nach Unteritalien und Sizilien auf sich genommen hat, erfährt man in den Quellen wenig. Platon selbst sagt darüber in seiner Beschreibung dieser Reise im Siebten Brief6 nichts aus. Diogenes Laertius weiß zu berichten, dass Platon in Sizilien „die Insel und ihre Feuerschlünde besichtigen“7 wollte, was sich wohl auf den Vulkan Ätna bezieht8. Darüber hinaus dürfte ein Interesse an den unteritalienischen Pythagoreern, mit denen Platon nachweislich zusammentraf, ausschlaggebend gewesen sein9. Man kann Platons erste Sizilienreise also als „Bildungsreise“10 bezeichnen, die zunächst frei war von politischen Intentionen.

In Syrakus traf Platon mit dem Politiker Dion zusammen. Dion war der Schwager des Tyrannen Dionysios I. von Syrakus11, und hatte daher maßgeblichen Einfluss am Hof, zumal er von dem Gewaltherrscher außerordentlich geschätzt wurde. Dieses Zusammentreffen, das Plutarch auf eine „göttliche Fügung“12 zurückführt, wird von Platon als ausschlaggebend für den weiteren Verlauf der politischen Geschichte Siziliens eingeschätzt13. Platon führte Dion nämlich in die Philosophie ein, und der junge sizilianische Staatsmann erwies sich dabei als sehr begabt und eifrig. Der ausschweifenden Lebensweise am Hof von Syrakus zum Trotz hat er sich, so Platon, der enthaltsamen und kontemplativen Lebensweise eines Philosophen verschrieben14.

Dion wollte daraufhin auch den Tyrannen Dionysios I. zur Philosophie führen, und arrangierte offenbar eine Audienz des Platons bei dem Gewaltherrscher15. Ob dieses Treffen tatsächlich stattgefunden hat, ist deshalb zweifelhaft, weil Platon selbst in seinen Briefen nichts davon berichtet - andererseits gibt es kaum Gründe, die dagegen sprächen, den späteren Quellen zu glauben16. Platon unterbreitete in diesem Gespräch dem Dionysios einen kurzen Überblick über seine philosophische Lehre, die den Tyrannen nicht gut dastehen ließ - so hieß es etwa, dass der Tyrann weder tapfer noch glücklich sei17. Dionysios I. erzürnte angesichts der beleidigenden Rede, und das Treffen endete in einem Zerwürfnis. Einer Anekdote zufolge wurde Platon von Dionysios sogar als Strafe für dessen verleumdende Lehren in die Sklaverei verkauft, aus der er aber relativ schnell wieder entkommen konnte18. Das erste Zusammenkommen des Platon mit einem Tyrannen endete also fast in einer Katastrophe.

2. Die zweite Sizilienreise

Zwischen Platons erster und zweiter Sizilienreise vergingen über 20 Jahre. Platon avancierte in dieser Zeit unter seinen Zeitgenossen zu dem wohl berühmtesten Philosophen der antiken Welt, nicht zuletzt durch seine Akademiegründung um 387 v. Chr19. In Sizilien herrschte weiterhin die Tyrannis unter Dionysios I., in der Dion offenbar beträchtlichen politischen Einfluss ausübte20, ohne sich jedoch um eine Reform der sizilianischen Politik im platonischen Sinne zu kümmern.

Die Gelegenheit dafür ergab sich erst 367 v. Chr., als Dionysios I. starb21, und sein Sohn Dionysios II. die Tyrannis weiterführte22. Dion, der bei dem jungen Herrscher gute Anlagen zu erkennen meinte23, beschloss, den Dionysios zur Philosophie zu führen, was dann nur politisch gute Auswirkungen auf die Situation in Sizilien haben würde24. Zu diesem Zweck lud Dion Platon ein, zum zweiten Mal nach Syrakus zu kommen25, was Platon nach längerem Zögern auch tat26. Die zweite Sizilienreise lässt sich zwischen 367 und 365 v. Chr. datieren27. Wie sich aus den Quellen eindeutig entnehmen lässt, hatte Platon durchaus Ambitionen, während seiner Anwesenheit politische Maßnahmen in Sizilien umzusetzen - dazu später mehr.

Nachdem Platon mit größten Ehrungen in der sizilianischen Hauptstadt empfangen worden war28, stellte sich schnell heraus, dass auch diese Reise in einer Ernüchterung enden würde, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Da Dion unmittelbar nach Dionysios' Machtübernahme in hohem Ansehen bei dem jungen Tyrannen stand, wurde er von den anderen Mitgliedern des Hofs von Syrakus aus Eifersucht bei dem Gewaltherrscher denunziert29. Als Platon nach Sizilien kam, herrschten also bereits beträchtliche Spannungen zwischen Dion und Dionysios30. Nur wenige Monate nach Platons Ankunft eskalierte der Konflikt, und Dion wurde von Dionysios aus Sizilien verbannt31. Einen Eindruck davon, wie Platon die Verbannung seines Freundes und Schülers getroffen hat, vermittelt sein Dritter Brief, adressiert an Dionysios: „Hältst du nun wohl ein Zusammenwirken deiner- und meinerseits für den Staat damals für möglich, nachdem ich den verständigen Genossen verloren hatte, und nachdem nur der Unverständige, verbunden mit vielen schlechten Menschen, mir geblieben war […]?“32 Platon zog sich also aus der sizilianischen Politik zurück, zumal Dionysios keine Anstalten machte, einen wahrhaft philosophischen Lebenswandel durchzumachen33. Während Platon loyal gegenüber Dion blieb, entwickelte Dionysios eine „tyrannische Liebe“34 zu dem Philosophen und hielt ihn praktisch gewaltsam in Syrakus fest35. Die Quellen sprechen dafür, dass Platon in dieser Zeit durchaus die Gelegenheit gehabt hätte, politischen Einfluss auszuüben, dies jedoch aus Erbitterung über Dions Verbannung und Dionysios' Unfähigkeit, die philosophische Lebensweise anzunehmen, nicht getan hat36. Der Grund dafür wird im Siebten Brief genannt: Wenn ein Herrscher von vornherein keine Anstalten mache, die gegenwärtige Staatsverfassung zu ändern, bringe es auch nichts, ihm als Berater zu dienen37. Als Dionysios den Philosophen schließlich aufgrund eines Kriegsausbruchs gehen ließ38, wird Platon klar geworden sein, dass auch sein zweiter Aufenthalt in Syrakus ein Fehlschlag gewesen ist.

3. Die dritte Sizilienreise

Dion hielt sich nach seiner Verbannung viel in Athen bei seinem Lehrer Platon auf, und zugleich pflegte er weitreichende Kontakte zu der politischen Elite Griechenlands39. Trotzdem scheint er sich mit seiner Situation im Exil nicht zufrieden gegeben zu haben: Wie man an seinem späteren Verhalten noch sehen wird, hat er seine politischen Ambitionen in Sizilien nie aufgegeben.

Dionysios wurde, wie Plutarch berichtet, von einer plötzlichen Sehnsucht nach Platon ergriffen und „als ein in seinen Begierden stets hemmungsloser und jeglichem Verlangen augenblicklich nachgebender Tyrann“40 lud er Platon dazu ein, zum dritten Mal nach Syrakus zu kommen. Diese Einladung ist in das Jahr 362 v. Chr. zu datieren41. Da Dionysios explizit ausschloss, dass Dion Platon begleiten würde, lehnte Platon die Einladung zunächst ab42. Der Tyrann gab aber nicht auf und schickte sogar einen Dreiruderer, um Platon die Reise zu erleichtern43. Darüber hinaus versprach Dionysios, dass sich, wie Platon berichtet, „die Angelegenheit mit dem Dion ganz meinen Wünschen gemäß gestalten“44 würde, wenn er käme - käme er jedoch nicht, träfe das Gegenteil ein. Auch Dion und weitere Freunde drängten Platon dazu, der Einladung Folge zu leisten45. Offenbar aus Loyalität zu Dion brach Platon schließlich, trotz seines hohen Alters, im Frühjahr 36146 zum dritten Mal nach Syrakus auf.

In Syrakus wurde schnell klar, dass der Tyrann seine Versprechen bezüglich Dion nicht halten würde. Dionysios hob die Verbannung Dions nicht auf47, und verkaufte darüber hinaus das gesamte Besitztum Dions, das noch in Syrakus lag, ohne dass Dion etwas von dem Geld zu sehen bekam48. Die nächste Enttäuschung war, dass sich Dionysios, wie Platon in einem längeren Exkurs berichtet49, nach einer eingehenden Prüfung als gänzlich unphilosophisch herausstellte. Aufgrund des Zerwürfnisses mit Dionysios übte Platon auf seiner dritten Sizilienreise wiederum keinen politischen Einfluss aus - auch diese Reise war also gescheitert. Im Jahr darauf schaffte er es schließlich, indem er seine Kontakte zu dem Pythagoreer Archytas spielen ließ, von der Insel zu fliehen, jedoch ohne das Vermögen Dions50.

[...]


1 http://blog.zeit.de/ladurnerulrich/2015/02/19/europas-irak/ (letzter Aufruf 7.4.2015).

2 http://www.welt.de/politik/ausland/article136840696/Leben-und-Sterben-in-einem-zerrissenen-Land.html (letzer Aufruf 7.4.2015); http://kurier.at/politik/ausland/fluechtlinge-in-libyen-herrscht-komplette- anarchie/115.902.422 (letzter Aufruf 7.4.2015); http://www.welt.de/politik/ausland/article138477114/Das- neue-Terrornest-Libyen-alarmiert-Europa.html (letzter Aufruf 7.4.2015).

3 http://www.tagesspiegel.de/kultur/clint-eastwood-zu-us-aussenpolitik-manche-laender-brauchen-vielleicht- diktatoren/11401098.html (letzter Aufruf 7.4.2015); http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/africaandindianocean/libya/11471411/Special-report-from- Libya-How-Natos-toppling-of-Gaddafi-has-turned-to-disaster.html (letzter Aufruf 7.4.2015).

4 http://www.independent.co.uk/voices/commentators/when-will-the-west-own-up-to-the-role-its-played-in-the- implosion-of-libya-10057749.html (letzter Aufruf 7.4.2015).

5 Erler 2006, 21; Erler 2007, 49; Döring 2009, 3.

6 Plat. epist. VII 326b-326e.

7 Diog. Laert. 3,18.

8 Erler 2007, 49.

9 Erler 2006, 21; Erler 2007, 49; Döring 2009, 3.

10 Erler 2006, 21.

11 Plut. Dion 3f.

12 Plut. Dion 4.

13 Plat. epist. VII 326e f.

14 Plat. epist. VII 327a f.; Plut. Dion 4.

15 Diog. Laert. 3,18; Plut. Dion 4f.

16 Stroheker 1952, 233.

17 Plut. Dion 5.

18 Diog. Laert. 3,18-21; Plut. Dion 5.

19 Erler 2007, 51.

20 Plut. Dion 5; Neumann 1967, 157; v. Fritz 1968, 63f.; Sprute 1972, 296.

21 Erler 2007, 55.

22 Plut. Dion 6. 23 Plut. Dion 9.

24 Plat. epist. VII 327b f.; Plut. Dion 9.

25 Plat. epist. VII 327c f.; Plut. Dion 10f.

26 Plat. epist. VII 328b f.; Plut. Dion 11.

27 Erler 2006, 24.

28 Plut. Dion 13.

29 Plut. Dion 7, 14.

30 Plat. epist. VII 329b.

31 Plat. epist. III 316d; Plat. epist. VII 329c; Plut. Dion 14.

32 Plat. epist. III 316d.

33 Plat. epist. VII 330a f.

34 Plut. Dion 16.

35 Plat. epist. VII 329d f.; Plut. Dion 16.

36 Plat. epist. III 316d f.

37 Plat. epist. VII 330c-331a; Plut. Dion 16.

38 Plat. epist. III 316e f.; Plat. epist. VII 338a; Plut. Dion 16. 5

39 Plut. Dion 17.

40 Plut. Dion 18.

41 Döring 2009, 4.

42 Plat. epist. III 317a.

43 Plat. epist. III 317b; Plat. epist. VII 339a; Plut. Dion 18.

44 Plat. epist. III 317b; vgl. auch Plat. epist. VII 339c; Plut. Dion 18.

45 Plat. epist. III. 317a-c; Plat. epist. VII 338b, 339d f.

46 Erler 2006, 24; Erler 2007, 56; Döring 2009, 4.

47 Plat. epist. III 317e f.

48 Plat. epist. III 318b; Plat. epist. VII 347d f.; Plut. Dion 19.

49 Plat. epist. VII 340b-345c.

50 Plat. epist. VII 350 a f.; Plut. Dion 20.

Details

Seiten
18
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783656941248
ISBN (Buch)
9783656941255
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v295930
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Schlagworte
Platon Dionysios Syrakus Staatstheorie Politeia Politikos Tyrann

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